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27.6.1907 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Donnerstag 27. Inn, 1907

157. Jahrgang

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Wascht

SRt. 148

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener graniten- blätter viermal in b.

Woche beigelegt un. zweimal wöchentlich das Kreisblatt fflr den Kreis Sieben. Fernsprech-An­schluß s. d. Redaktion 112

Verlag u. Expedition 61

prächtigen p Glanz

^«uzet^r Botatiottsbrud und Verlag der Vrühsfchen llnlo.'vuch' und Ztelndruckerei. E. Lange. Redattio». Expedition und Druckerei: Lchulstraße r.

den ersten Gesetzentwurf zur Wahlreform schnell erledigt I )üben. Er dürste bam; auch mit dem GesetzgebungsauS- chufse des anderen Hr.useS in Verbindung treten. Ob dabei aber etwas herauskommen wird, steht dahin. Möglich wäre eS immerhin, wenn, vielleicht durch die neuen Männer, em neuer Gc4ft in die Erste Kammer zöge. Jedenfalls aber darf daS hessische Volk noch länger auf das direkte Wahl­recht warten.

«Hessische Zweite Kammer.

R.-B. Darmstadt, 26. Juni.

Die Zweite Kammer ist heute vormittag zu einer kurzen Tagtiug zusammengetreten. Am Ministertijchc nahmen Staatsminisler Ewald, Geh. Staatsrat Krug v. Nidda und Ministerialrat Lorbacher Platz.

Tie Kammer trat sogleich nach Eröffnung der Sitzung in die Tagesordnung ein: Gcschästsbehandllmg der drei Gesetzentwürse, betr. 1. die Abänderung der Art. 67 und 75 der Bcrfassuugöurluude,

2. die Landstände und 3. die W a h l k r c i s e i n t e i l u n g.

Staatsminister Ewald gibt eine nähere Darlegung über die Gründe, welche die Negierung veranlaßt haben, die drei Gesetz­entwürfe unter Bezugnahme aus das Gesetz vom Jahre 1836 ein-

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SchVesle^08'

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

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Be-ngSprets: monailidj 75 'Ct, otexttl* jährlich Mk. 2J3O; durch Abhole- u. Zweigstelle» monatlich 66 Pf.; durch diePost Alk. 2.otcrtd* jdbcL auSschl. Bestell-. Annahme ooe Lnzeche» für bie TaqeSnummer biß vormittags 10 Uht, ZeUenprei»: lokal 16 iM« auswärts 20 Pfenmch. Verantwortlich Mr den polit. und ärgern. Teil: P. Wtttko: für .Stadt und Vanb* und -Gerichts! aal*: Ernst peß-, für den An­zeigenteil: HanSBeck

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machen werden. Sie Helsen einem Zustande ab, der, wie mir viele Fachgenossen und Künstler bestätigt haben, n i ch t s o blei­ben kann. Sie nähern sich dem Ideal, die Bilder, Skulp­turen usw. in solch stimmungsvoller Umgebung, wie etwa in dem Dause eines vornehmen Kunstfteundes darzubieten, eine Wirkung, die alle modernen Museen, ich nenne das L>taedelsche Jnstituri n Frankfurt, das neue Darmstädter Museeum, das Kaiser-Friedrich-Museeum in Berlin, sowie alle guten Kunftsalons anstreben. Die Landes-Universitätsstadt von 30 000 Einwohnern in einem Lande, dessen Fürst der einzige und erste war, der für moderne Kunst tiefgehendes Verständnis durch die ^.at be­wies, ist sich einfach schuldig, auf diesem Gebiet nicht w weit zurüäzubleiben, wie man das nach dem heutigen Zustand des Kunstvereinslokals uno nach der Art der Ausstellungen schließen müßte. Einen Anfang zum Fortschritt habe ich in dieser Aus­stellung veranlaßt: das Massengut wurde ausgefchieden und die zurückbleibenden besseren Bilder nach modernen Prin- vien ge­hängt; sodann habe ich zur Verbesserung der _L*ur uät Ernst Biedermann gebeten, auszustellen. Ich hoffe, daß jeber von der wohltuenden Harmonie und Ruhe, die letzt >awn gegenüber dem bisherigen Zustande herrscht, überzeugen wird.

Der Landschaftsmaler Ernst Biedermann .der m Jena lebt, ist einer der berufensten Vertreter der tzeimatkunst. Er ver­bindet virtuose Beherrschung moderner Licht- und Luftmalerei, wie sie uns Menzel und die Franzosen gelehrt haben, mu einem außerordentlich feinen Gefühl für den StimmungSrelz der Farbe und der Farbenabstufung, wie sie der Wechsel der Tages- und der Jahreszeit bringt. Eine Verbindung von Mitteln, die das, was man Stimmung nennt, in ieinen Bildern rast vollkommen macht: Auf allen sieben Bildern scheint die Sonne. Aus dem Bilde Märzschnee kontrastiert die Kälte des --vchnecs mubem warmen Lauch der Vorfrühlingssonne daii'.verhin. Die mit Nacht- tau gesättigte Luft von der FrühlmgsionnL durchlpielt aus der niederdeutschen Dorfstraße des Bildes 'J-korgewönne; tarbig außer­ordentlich fein ist die durch die Feuchtigkeit nach Blau^ hm bewirkte Abwandlung des Ziegelrots der Hauswaiib und das tiefblau der Haustür. Leises Abtönen und Serklingen der Tagesfarben auf dem Bilde Dämmerung nut.Dc:" leicht grünlich, '^unmernben Himmel, dem perspektivisch raumschasienden H-lußlaus, den dekorativ aneinander gesetzten Farbflächen der Felder und Baunimaften. Durch feuchte Luft wieder aus einen Ton gebracht de. Farben- ÄchttW BildesWelkes Laub." mit dem mcrmen Kontrnft

funden werden müsse.

Abg. Bähr schließt sich der ausführlichen Darlegung bc» Vorredners an Auch er und seine Parteifreunde wollen die Ein­führung des direkten Wahlrechts. Aber der Preis, den man dafür zahlen solle, fei zu hod). Die jetzige Vorlage sei em tot-' geborenes Kind, man werde sie wohl unter den Tuch fallen lassen Auch seine Partei bebraere lebhaft, daß die Regierung nicht den Intentionen der zweiten Kammer gefolgt sei und von Verfassungsänderungen abgesehen habe.

Abg. Pennrich erklärt lur^, daß er und seine Parteifreunde, die Vorlage für unannehmbar betrachten urid sie ablehnten. Er befürwortet die Annahme des Ausschußantrages.

Abg. Ulrich betont, das Ansinnen der Regierung inbetreff des Gesetzes von 1836 müsse unter allen Umständen abgelehnt werden. Die Regierung habe die Absicht, die Wahlvorlage aus einem Landtag in den andern überzuspielen. Auch er mäste bedauern, daß man die Parteiführer der zweiten Kammer vorher überhaupt nicht -gefragt habe und er wünsche, daß seine Worte.

des tiefen Braun in der Ecke rechts vorn. Verhältnismäßig am wenigsten befriedigt mich das Bild Frühling. Wohl ift der blühende Fliederschmuck sehr fein vor das Dunkel der Hmter- grunbbäume gesetzt; aber die weibliche Figur im Vordergrund lügt der Stimmung nichts hinzu; sie wirkt als Zuviel. Das Heidebiw gibt, was mit anderen Mitteln der große tzeidedichter Storm gab: Es ist so still, die Seide liegt im warmen Mi trage-- sonnenstrahte, ein rosenroter Schimmer fliegt um ihre alten Gräber­maie; die Kräuter blühen; der Leidenduft steigt in die blaue Sommerluft. ... In der Ferne schweben schon die Farben des kommenden Herbstes. .

Hammachers Eigengebiet ist die See, bie er in einem praAvoll dekorativen tiefblauen Ton zu gestalten weiß; weniger die Landschaft. Tas Wogen und Schäumen der glasigen Elemente und die Reflexe der Abendsonne auf den zerrissenen Sturmwolken find auf o,m großen Seestück vorzüglich gegeben, vorzüglich auch die flimmernden Reflexe von Licht und Wasser auf dem Bilde rechts Weniger gut, etwas zerrissen und Verblasen ist die Land­schaft links neben der großen Marine, von dekorativer Wucht und doch großer Feinheit wieder in dem Kontrast blauer und gelbblauer Töne die große Landschaft auf der linken Wand.

Anna B o r n e m a n n ist ein vielversprechendes Talent. Sie weiß in moderner Auffassung und breiter Pinselführung sehr zarte Wirkungen wie die wasfergetränkter Lufl, oder der Licht- und Farbenbrechung im Interieur wiederzugeben, sie versteht auch im Porträt zu charakterisi-ren; nur ein klein wenig mehr Festigkeit ist ihrer Technik zu wünschen. .

All diese modernen Bilder, ine malerisch faroige, nicht zeichnerische dekorative Wirkungen verfolgen, darf man nicht, wie das leider noch üblich ist, aus nächster Nähe betrachten, sondern muß sich sorgfältig den entfernten Standpunkt suchen, für den sie berechnet sind. Für Biedermanns Bilder steht das Sofa ungefähr an Dem richtigen Platz für den Beschauer. Sie Plastik ist nur durch em einziges ^Beispiel vertreten; die Melviller Bronzestatuette Schwälmer Bauern ist sein und charak-

schließlich noch, wie Schulze-Naumburg uns das gelehrt: hat, alles was ich angeführt habe, durch die starke Wirtang des Gegenbeispieles zu bekräftigen, habe ich eine kleine Wand aus dem früheren Bestand mitKitsch' bepackt, stehen laftW. Christian Rausch.

Air Ausstellung unseres Kunstvereins.

Gießen, 27. Juni.

Es ist das große Verdienst unseres Trüberen Oberbürger­meisters, des jetzigen Finanzministers Gnauth, den Aus- stellungen des Künstvereins in dem Hause am Brand em festes fceim geschaffen zu haben. Das Haus selbst freilich ist in einer Zeit gebaut worden, da noch nichts von dem Kunstfruhllng, in dem mir jetzt leben, zu merken war. Zum mindeften oer Raum, in dem die Ausstellungen selbst stattsinden, bedarf dringend der Reform, die aber mit verhältnismäßig geringem Aufwand ins Werk zu setzen ist. Die moderne Museumsteckftnk hat Mittel ausgebildet, jedem guten Kunstwerk bie Wirkung, die sem Schöpfer von ihm erwartet, zu verschaffen. Zunächst durchs die Wahl eines passeiiden Vintergrundes, der neutral wirkt, die rtz-arbcn und Formen der Kunstwerke nicht beeinträchtigt, sondern steigert. Sodann dadurch, daß man wenige, aber gute Kunstwerke ausstellt, sodaß keins das andere stört, datz ledcs isoliert ,ur sich betrachtet werden und voll für sich wirken kann und vor allem gut beleuchtet ist. Das ist freilich nur möglich, rndem man den Kitsch" des gewöhnlichen Ausstellungsgutes a^scheidet,. anstatt mit An die Wände so zu belasten, daß der Blick des Beschauers verwirrt über den bunten Krimskrams hinirrt, ohne einen F ea zu finden, auf dem er haften und ruhen und ftch vertiefen kann Und selbst die wenigen guten Kunstwerke, die man zur Ausstellung bringen soll,, müssen, wie schon getagt, torgtam gegen einander abgewogen werden, daß eins das andere tM einer -^r- kung, vor allem der Farben, durch geschickt gewählte Kontrast-oder auch Angleichungswirkung fcbe. Ein guter Vinter gründ ist der heutige Wandanftrich in schmutzigdunklem vompeianftcktem Sw nicht. Er stört die meisten Bilderfarben und schluat Diel zu Diel Licht. Eine Stoffbespannung etwa in grauem Rupfen wurde am besten an die Stelle treten. Tie Decke, die heute mft mitz- verstandeneni pompejanisierenbem Ornament in tchristlichen Farven geziert" ist, wird am besten einfach geroeißt, um möglichst Diel &t ans die Bilder herunterzureftektteren. xic Fenster ftnd mit doppelten Vorhängen zu versehen. Mit dünnen meitzen, um das Sonnenlicht abznblinden, und mit undurchsichtigen schwarzen, um nötigenfalls das störende Reflexlicht aut, einer Seite ab- schließen zn können. Das find alles wenig wsttpielige ^nde- rungen, die leicht aus Mitteln des laufenden Etats bestritttn werden können und sich durch ihre; große Kfththg bezahlt

zubringen. Tie Regierung glaube mit dieser Darlegung manches Mlßvcrstänbnis beseitigen und zur Abkürzung der Verhandlungen beitragen zu können. Die Thronrede vom 20. Dezember 1905 be­zeichnet es als eine Aufgabe der Regierung, die Wahlrcchtsvorlage zu fördern, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich die GrunD- lagen für eine Verständigung finden würden. Daraus ergibt sich, daß auch Staalsniiinster Rothe die Ueberzeugung auf eine Ver­ständigung hegte und c5 als eine Ausgabe der Regierung betrachtete, eine Verständigung zu suchen. Tie Differenzpunkte, die sich früher in den beiden Kammern über die Wahlrechtsirage ergaben, waren nicht von solcher Ledeulung, daß man bie Hoffnung darauf hätte aufgeben müssen. Den Hauptpunkt bilde jetzt die Forderung der Erweiterung deS Budgelrechls und der Steuerbewilligung der Ersten Kammer und wenn dieselbe auf ihrer Forderung beharren, so be­stehe für die Regierung keine Möglichkeit, sie zur Aiisgabe dieser Forderung zu zwingen. Auch sein AmtSvorgäuger habe mit der Möglichkeit einer Äenderuug der Art. 67 und 75 gerechnet, und er müsse deshalb Widerspruch gegen den Vorwurf in der Presse erheben, daß er in der Wahlrechtsfrage die Grundlagen seines Amtsvorgäligers verlasjsn habe. Die Regierung habe den Weg aus Grund des Gesetzes von 1836 un Interesse aller beteiligten Faktoren für den zweckmäßigsten gehalten und sie wolle mit der Abänderung der Art. 67 und 75 der Verfassung durchaus fein Ultimatum geben, sondern nur einen Vorschlag zum Zwecke emeS Ausgleiches mit der Ersten Karniner. Tas Gesetz von 1836 fei besonders werwoll, weil es in Art. 4 die Alöglichkeft bietet, die Arbeiten auch nach Schluß des Landtags fortzusetzen, damit sie nicht nutzlos unter den Tisch lallen. Art. 6 des Gesetzes weise ausdrücklich den Weg, auf dem bei gemeinsamer Beratung eine Verständigung ermöglicht werden könne. Der Herr Allnister geht nun auf bie Frage näher ein, ob die drei Gesetzentwürfe als cmgrößeres Werk der Gesetzgebung" betrachtet werden können. Schon in der landständischen Geschäftsordnung von 1856 sei auf die Bestimminigen des Gesetzes von 1836 zuiuckgegriffen worden und 1874, als alle größeren Aufgaben der Gesetzgebung längst auf das Reich übernommen waren, habe man diese Bestimmungen ebenfalls ausrecht erhalten. Alan sagte also damals damit, daß auch in Zukunftgrößere Aufgaben der Gesetzgebung" zu erledigen jein würden. Ob da§ Gesetz zur Anwendung fommen solle oder Nicht, have jeder der drei Faktoren der Gesetzgebung, die Erste und die Zweite Kammer und die Regierung, selbfländig zu entscheiden und die Aniveiidung könne nur erfolgen, wenn alle drei Faktoren darin einig seien. Taß das Gesetz noch in Kraft stehe, könne keinem Zweifel unterliegen. Verneine aber die Kammer das Vor­liegen eines größeren Werkes der Gesetzgebung, so gebe er zur Erwägung, einen Sonderausschuß zu bilden und der Regierung das Recht zu geben, die Bestimmungen des Gesetzes von 1836 auf den letzteren anzuwenden. Dadurch werbe der Weg einer Ver­ständigung in bester Weise geebnet werden.

Abg. Dr. Osann weist einleitend darauf hin, daß bet Gesetz- gedungsausschuß einstimmig bejckftossen habe, bie brei Wahl- rechtsvotlagen nicht als ein größeres Werk bet Gesetzgebung

tbaltcwi IllchtrteUr, m Lüge. Uebernunmt auch bai Mrid.Blikherrc.illb.Miib. n. Schrift! A-u. ML an "ebener Anzeiger erbeten, tgnes Mädchen, Leamten- r lucht stelle in bess. Kam. rlern.d.HMsh. des. i. Loch, idjt ohne gegenseil. LeraL nftl Angebote unter Oßö n Gießener Anzeiger eck:

2] Sin AWr. Mädchen such ing in besserem Hause, du en Hetteygajit 1.

Begräbnis der Yess. Wahlreform,

Man schreibt unS aus Darmstadt:

Abermals, zum brittenmat nun ist bie Wahlrechts« reform in Hessen gescheitert. Das war leider seit Monaten Vorauszuseyen. Tie Regierung hatte im Zu­sammenhang mit der Einführung des direkten Wahlrechts eine Verfassungsänderung zu gunften der ersten Kammer vorgeschlagen. Tas mochte natürlich die 2. Kammer nicht. An der Bahre der vorigen Wahlrechtsvorlage, die die erste Kammer &u Fall brachte, beschloß die zweite Kammer (am 23. Oktober 1905),unter keinen Umständen eine Aenderung der Artikel 67 und 75 der Verfassung" zu genehmigen, wie sie der damalige Initiativantrag der ersten Kammer an» strebte. Dennoch wurde ein solches Ansinnen an bie zweite Kammer gestellt, obwohl eine unverkennbare Mißstimmung gegen die erste Kammer wiederholt in der zweiten Kammer nicht nur auf den Bänken der Linken zutage getreten war.

Die Regierung hat am Mittwock in der Kammer ihre Gründe für die Bezugnahme auf das Gesetz vom Jahre 1836 dargelegt. Gleichwie vor Wochen in der ersten Kammer. Und wie dort, so hat auch jetzt im Abgeordnetenhause Staatsminister Ewald keine Geneigtheit gesunden, den von ihm vorgeschlagenen Weg zu gehen. Indessen war das mehr eine Formsache.

Das Besondere deS gestrigen Tages war die e in - heilige Ablehnung, die Der Gesetzentwurf über die Aenderung der Artikel 67 und 75 dec Verfassung fand. Die Redner aller Parteien gaben diesbezügliche Erklä­rungen ab.

Abg. Dr. Osann antwortete in breiten Ausführungen als erster Redner aus dem Hause dem Minister. Die Sprecher des Bauernbundes und des Zentrums, die Abgg. Bähr und Pennrich, beschränkten sich auf kurze Er­klärungen. Dann aber brachte Abg. Ulrich einige seiner Bitterkeiten vor.

Und auch bet bent Mg. Dr. Gut fleisch, wohl bem ruhigsten und geschätztesten Politiker der Kammer, klang der Unterton jener Mißstimmung gegenüber der ersten Kammer durch, von der schon eingangs die Rede war. Als praktisches und lehrreiches Beispiel aus der allerjüngsten Zeit wies der Redner auf die Behandlung der neuen Wert- zuwachssteuervorlage in der ersten Kammer hin; eine Arbeit, die die zweite Kammer p.flichtschuldigst mit rühm­lichem Eifer leistet, um den gewiß nicht im Geldüberfluß sitzenden Kommunen eine Einnahmequelle zu erschließen, schiebt man in der ersten Kammer kurzerhand auf bie lange Bank. Wenn auf bem Bob en bieser Geschehnisse etwas anderes wachsen soll als Abneigung gegen bie Pairs- lämmer, bann muß sich bas hessische Volk freilich schon in ber Stimmung befinben, bie bie bekannte Vogtsche Anekbote schilbert (bie der Abg. Gutsleisch unter zustimmender Heiter­keit in Erinnerung brachte- von jenem Staatsanwalt, ber zu einem unschulbig Verurteilten sagte:Komm, Heß, laß dich köppe, die Leut' fin boch nu mal da!"

Staatsminister Ewald vertrat die Anschauung, daß das direkte Wahlrecht nur gewonnen werden könne, wenn man der Ersten Kammer Konzessionen macht in der von ihr angeslrebtcn Erweiterung ihrer steuer- und budget- rechtlichen Bcsugntsse. Tas wird man unter den nun cinma gegebenen Verhältnissen allerdings zugebcn müssen, ijt aber vom volksfreundlichen Standpunkte nicht sonderlich ersrcultch. Denn das Schwergewicht in der Gesetzgebung muß bei den vom Volke gewählten Vertretern liegen. Das sieht nach­gerade selbst im Urlaube der Pairs, in England, ein libe­rales Ministerium ein.

Was wird nun? Der GesetzgebungZausfchuß wird

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I zu verachten und die Wahl cm»5 besonderen Äusichufjos nach dem Gesetz von 1836 abzuleh.-.erL Dor allem sei auch

I in der Ersten Kammer von zwei hervorragenden Juristen in wirksamer Weise betont worden, doß daS Gesetz veraltet sei und hier keine Anwendung finden könne. Wer die damaligen Verhandlungen versolgte, müfie zu der Erkenntnis fommen, daß es sich hier um ein Ausnahmegesetz handelte, welches um 1841 einmal bei der Beratung des Sttafrcchts und 1858 bei einer Vorlage über das Pfandrecht zur Anwendung kam, bei allen späteren größeren Werken der Gesetzgebung, und) bei den ver­schiedenen Wahlgesetzen van 1856, 1872 und 1885 nicht. Das Gesetz sei eben nur bei juristischen Fragen angewandt worden, nicht aber bei politischen. Ter Sonderausschuß im Sinne deS Gesetzes von 1836 sollte auch nach Vertagung und Verabschiedung

, der Kammer weiter arbeiten. Eine Vertagung trete aber heute kaum noch ein, und eine Frage wie daS Wahlrecht werbe auch jede Kammer selbständig bearbeiten müssen ohne viel nach den früheren Verhandlungen darüber zu fragen. Die öffentliche Meinung verlange dringend, daß jetzt sobald wie möglich die Ein­führung deS direkten Wahlrecht erfolge und das Gesetz könne auch sehr wohl nod) ui dieser Session erledigt werben. Tie jetzige An­wendung dcS Gesetzes von 1886 würbe auch zu einer Denachlelli- gung der Interessen der -weilen Kammer führen. Die beiden AnSschüffc sollten aus je 5 Mitgliedern bestehen, während die Erste Hammer z. Zt. nur 34, die Zweite Kammer dagegen 50 Mitglieder zählt. Tie Regierung habe es schon ,ctzt in ber Hand auf Grund des Art. 26 der landständischen Geschäftsordnung eine gemeinsame Beratung der Ausschüsse beider Kammern zu veranlassen und somit einen Weg zu gehen der zu dem gleichen Zieleführt, wie die Bestimmungen vom Jahre 1836. Redner gebt dann auf die materielle Bedeutung, der vorgeschlagenen Verfassungsänderungen -u Art. 67 und 75 näher ein. Er wolle nicht verkennen, daß die Reaierung durch den Initiativantrag Der ersten Kammer in eine schwierige Lage gekommen sei, aber er müsse namens seiner Parteifteunde fein Bedauern darüber aussprechen, daß die Regierung nicht vor Einbringung der neuen Vorlagen mit den Führern der Parteien in Der zweiten Kammer in Verbindung getreten sei. Die Re­gierung habe auch keine Rücksicht auf den Beschluß der »weiten Kammer vom 23. Oktober 1805 genommen, worin der Antrag Ulrich mit 39 gegen 3 Stimmen genehmigt wurde, daß, die Kammer keine Abänderung der Art. 67 und 75 der Verfassung zusrimmen würde. Angesichts dieses Beschlusses hätte man doch nicht schon l'/r Jahre später mit einer Vorlage kommen dürfen, die gerade das Gegenteil dieses Beschlusses enthielt. Nach ferner Meinung wäre eine Verständigung mit der ersten Kammer zweifel­los leichter zu erreichen gewesen, wenn die Regierung der erftcn Kammer nicht von voriihcrein gar so sehr entgegengetomnien wäre. Staatsminisler Slothe habe seinerzeit ausdrücklich davor gewarnt, an der Verfassung zu rütteln und betont, daß sich bie letzigen Bestimmungen Der Verfassung seit 85 Jahren gut be­währt haben. Jetzt werbe eine Verstänbigung nur baburch zu ermöglichen sein, baß die erste Kammer nachgäbe. Redner erklärt zum Schluß, baß er unb ber allergrößte Teil seiner Parteifteunde oie Einführung bes birekten Wahlrechts wollten, baß fte aber geschlossen bie jetzt vorgeschlagenen Versassungsänberungen für unannehmbar halten. /Lebhafter Beifall.- Sie erachteten aber trotzbem bie Möglichkeft nicht für ausgeschlossen, baß eme anber^ Grundlage zur Verständigung gefunden werden könne unb go