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26.4.1907 Erstes Blatt
 
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Nr. 97 Erstes Blatt 1S7. Jahrgang Freitag Ä«. April 1907

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ES General-Anzeiger für Oberhesfen UM

ö«n»wr eeu6«?: Ro1atlon5druck und Verlag der vrühsschen Univ.-Vuch- und Zteindrvckeret. R. Lange. KedaMim. Aeedttton und Druckerei - Schulstratze r. ^igenietl" va^! *T1

Ale yeutige Kummer umfaßt 12 Seiten.

Heimarbeit in der Zigarrenfabrikation.

Deui Reichstage ging em Gesetzentwurf betreffend die Herstellung von Zigarren in der Hausarbeit zu, nach welchem die Herstellung von Zigarren, sowie die Lagerung von Labak in Echlafräumen ver­boten ist. In Wohnräumen und Küchen darf Tabak im allgemeinen nur in angeseuchtetem Zustande gemischt werden. Die Räume, in denen daS Abrippen des Tabaks und daS Wickeln der Stollen, sowie das Sortieren dec Zigarren stattstndel, müssen unmittelbar mS Freie führende Fenster und pro Perlon je 10 Kubikmeter Luft haben. DaS Gesetz verbietet die Beschäftigung fremder Kinder und gestattet die Beschäftigung der eigenen Kinder vom vollendeten zwölften Jahr an, verbietet die Beschäftigung fügend- licher Arbeiter nach 8 Uhr abends und vor 8 Uhr morgens. Die Beschäftigung von Kindern und jungen Leuten ist der OrtSpolizeibehürde von einer verantw. Perfön- lichkeit vorher anzumetden. Die Gewerbetreibenden, die HauSarbeilern Arbeit geben, müssen Listen der Hausarbelter führen und der OrlSbehörde jederzeit voclegen. Die Verant­wortung trägt teile der Arbeitgeber, teils derjenige, der über de» Raum das Verfügungsrecht hat. Die Begründung des Gesetzentwurfes weist auf die gesundheitliche Schädigung der Arbeiter durch daSArbeiten in unzureichenden und schlechlgelüsteten Räumen hin und verweist auf em beigesügtes Gutachten des ReichSgesundheitSamtS; ferner auf die Schwierigkeit der Regelung dec Vecantwortlichkeit bei Berückirchtigung der besonderen Verhältnisse der Hausarbeit und erklärt die Beschränkung der Kontrolloorschrlften auf daS geringste Maß mit dem Umstande, daß das Gesetz nur auf kleinste Betriebe anwendbar sei.

politische Cagc*fd>au.

Die Schaftimd« und der Rückgang der Schafzucht waren, wie wir berichteten, in einer der letzten Reichstags­sitzungen Gegenstand der Diskussion. Der Alsseld-Lauterbacher Abg. Bin bewald bemerkte, daß in den Kreisen der Land­wirte nicht allein, sondern auch der Tierärzte man vielfach der SReinung sei, daß die Schafräude nicht unbedingt unter den Begriff der Viehseuchen falle, sondern daß das einfach eine Hautkrankheit sei, die durch Milben hervorgerufen wird. Viele Landleute sagte der Redner sind der Ueber- zeugung, daß die Schafräude durch Fleiß und Aufmerksamkeit der Schäfer besser verhütet wird, als durch alle Sperr- maßregeln. In Oberhesjen werden die Bestimmungen gegen die Schafräude ganz besonders rigoros gehandhabt. Dabei ist die Krankheit nicht zurückgegangen, sondern kommt noch genau so häusig vor wie früher, wenn man den verminderten Schafbestand in Betracht zieht. Durch die rigorose Ausführung wird den Leuten fast unmöglich gemacht, überhaupt noch Schafe zu halten. Wegen eines Falles der Schafräude wird eine ganze Reihe von Ortschaften für seuchenoerdächtig erklärt. Daö Schaf ist ein sehr genüg- sames Tier. (Große Heiterkeit.) Es verursacht wenig Arbeit und das ist bei der heutigen Leutenot nicht zu unterschätzen. Die Schafhaltung ist eine gute Einnahmequelle. So ver­schwindet aus der deutschen Landschaft allmählich die Schaf­herde und der Schäfer, ein Stückchen Poesie geht verloren.

Geheimrat Bumm, Präsident vom NelchSgesundheits- umt, erklärte: Der Rückgang der Schafzucht beruht auf anderen Gründen, als auf zu rigoroser Anwendung des Seuchengesetzes. Die jetzige intensive Bewirtschaftungsweise läßt keinen Platz mehr für die Schafherden. Seit Erlaß des Seuchengesetzes ist ein Rückgang der Schafräude eingetreten. Man muß doch auch die Schafbesitzer schützen, deren Bestände nicht verseucht sind. Es wird bereits mit sachverständigen Kreisen aus der Landwirtschaft über das neue Seuchengesetz verhandelt.________________

Deutscher Reichstag.

3d. Sitzung vom Lb. Apri^.

Die Beratung des M i l i r- El a t s wird fortgesetzt.

Abg. Noske (Soz.) bemerkt, man erhebe gegen die Sozial­demokratie ununterbrochen Anklagen ohne jede Berechtigung. Er bestehe garnicht auf diem Alles oder Nicytö, nehme vielmehr auch mit Abschlagszahlungen vorlieb. So hätten jeuie tyreuiiDc niemals, wenn sie auch d'en achtstündigen Arbeitstag forderten, sich dagegen gesträubt, den 10 Stundentag anzunehmen und so nähmen sie auch beim Militär-Etat jede Verbesserung an, die sie erlangen könnten. Ersparnisse ließen sich sehr lycht: me^en, z. B. bei den Militär-Kapellen, die man einschränken soll.e. >pem sozialdemokratischen Anträge auf Erhöhung dec. £öfonung l^rewc man lediglich agitatorischen Cl>arakter zu. Es sei ^mer Fraktion garnicht eingefallen, damit Agitation zu treiben. Weiter wendet sich Redner gegen die Militär-Boykotte gegenüber 'Wirten. Er wisse auch sehr gut, daß nicht ein einzelner Staal.^meine könne. Das hindere feine Freunde aber nicht, das allgemeine Wettrüsten zu verurteilen. Auch sie hielten es sur ihre ver­dammte Pflicht und Schuldigkeit, zu verhindern, datz Dumchlano von anderen Nationen an die Wand gedruckt wiro. Von den sozialdemokratischen Parteitagen sei die Kasernen-Agitation an_- orücklich verworfen worden.

Kriegsminister v. Einem:

Ich acceptiere die Feststellung des Vorredner-, daß seine Partei entschlossen sei, bci einem Angriffskrieg gegen uns oa- deutsche Volk in derselben Weise mit derselben Hingabe zu ver, leidigen, wie die anderen Parteien. (Zurufe von den verständlich, immer so gewesenl Lachen.) Ich will das hie- nur feststLllen und acceptieren. Ich muß mich aber auf das enligiesenitt

'tagegen verwahren, baß ich mit unserer Stärke renommiert oder mit Dem Säbel gerasselt hätte. (Sehr richtig.) Nichts hat mir ferner gelegen. Ich habe in dem Schlußwort meiner Rede vo > vorgestern nichts weiter sagen wollen, als daß wir gerade in diesem Moment verpflichtet gewesen seien, finanzielle Anforderungen auf uns zu nehmen, um unsere Rüstungen zu beendigen, und ich habe 'daS Glück gehabt, daß das HauS mir xugestimmt hat, indem ich sagte, wir müssen stets kriegsbereit fein. (Beifall.) TaS hat der Vorredner ja eben anerkannt. Das ist kein Renommieren, haü ist kein Säbelrasseln, daS ist nichts weiter als daS Kon. iftalleten einer feststehenden Tatsache. Wenn der Abgeordnete nun an daS Parlament oder an die Regierung das verlangen gerichtet hat, daß eine durch und durch friedliebende Politik geführt werde, daS hat er nicht notwendig gehabt. (Sehr wahr!) TaS haben wir getan feit dem Friedensschluß mit Frankreich. Wir haben die friedlichste Politik geführt, und wir haben den Frieden auftccht erhalten. (Beifall.)

, .. nd raten: gehen Sie von diesen Wegen abl (Gelächter o d Soz Abg. Bebel ruft: Lernen Sie erst einmal das Volk kennenl) Erziehen Si' erst einmal das Volk in einem gesunden Geist, aber der, den Sie wählen, ist ungesund. Tie Manneszucht in einem Volk, daS ist daS Merkmal deS Standes feiner Kultur. Tiefe Manneszucht, die wir in den Jahren 1870 gehabt haben, hat uns die Hochachtung der ganzen Welt erobert, mit Ihrer Manneszucht, die Sie jetzt in die Jugend pflanzen wollen, werden Sie die Verachtung der Welt erzielen. (Lebhafter Bei^aL Lachen und Zischen bei den Soz.)

Generalmajor von Lallet befl Corte!

bestreitet gegenüber gestern gefallenen Aeußerungen, daß die Kriegsinvaliden es schlechter hätten, ass die FriedenSinvalideii. Tie Wünsche der Militäranwärter in Sachen ihrer Anstellungs- Verhältnisse mache die Militärverwaltung zu den ihrigen.

Ich will mich auf ganz wenige Wort, zu der Rede des Herrn I Abgeordneten beschränken. Tr hat etwa auSgeführt: Wir be. i kämpfen nicht eine starke Wehrmacht, wir bekämpfen das heutige < System i Wenn ich mich nicht irre, hat auf dem Parteitag von Jena der Abg. Bebel von der Fähigkeit der Teutschen gesprochen, > sich eine Organisation zu bilden, und er hat da gesagt, nach seiner Art ist auch daS deutsche KriegSheer ein Meisterwerk. Wenn dies« Worte «Inen Sinn haben sollen, dann kann daS kein anderer 1 sein als der: CS ist ein Meisterwerk zur Verteidigung deS Vater. 1 landeS. Trotzdem will Herr Bebel dieses Heer abschaffen. (Wider, spruch deS Abg. Bebel.) Bis jetzt hat er das doch gewollt. In allen Ihren Wahlaufrufen heißt eS: Nieder der Militarismus, 1 nieder das stehende Heer, eS lebe die Bolköwehrl Eine tausend, jährige Geschichte (Lachen bei den Soz.) meine Herren, ich ; will wirklich nichts weiter, als was Sie auch wollen: Sie dürsten 1 nach Wahrheit, und ich will nichts weiter tun, als Ihnen helfen, diesen Durst zu stillen. (Heiterkeit und Beifall, Händeklatschen auf der Tribüne) Eine tausendjährige Geschichte lehrt, daß die Volks. Heere zu nichts anderem da sind, als die Kriege, die sie führen, zu verlängern und damit zu verteuern. Abg. Bebeli Ich kann daS Ihnen zeigen an dem letzten Kriege, den die Union gegen die ; Südstaaten geführt hat, ich kann eS Ihnen zeigen an unserem ; letzten Kriege, den wir mit Frankreich gehabt haben; eS trat , eine Verlängerung ein, eS trat eine ungeheure Verteuerung des . Krieges ein, und die Arbeit und die schwere Bürde des Krieges - mit all ihren furchtbaren Verwüstungen, sie hat auf den Ländern ; nur-länger gelegen, die Geißel ist verlängert und erst bann ist der , Krieg zu Ende gegangen, bis diese BolkSheere zu wirklichen Heeren, : zu Soldaten geworden teuren. DaS steht für jeden Soldaten so fest, daö hat hier schon Feldnwrschall Moltke, ein bewährter KriegSmann, so klar auSeinandergefttzi, daß eS für mich nicht not» wendig ist, eS noch zu tim. Sie kommen immer mit dem Her r der Revolution; lesen Sie gefälligst einmal Gabriel Rousset .Die Freiwilligen von 179194 , bann werden Sie Ihr blaues Wunder erleben, was daS für eine Bande gewesen ist. (Heiter, keit und Widerspruch bes den Soz.) Und die preußischen Heere find gegen diese Sansculotten bei Kaiserslautern, bei Zweibrücken Sieger geblieben, aber diese Siege haben der preußischen Armee geschadet, denn eS waren Scheinsiege, es waren Siege gegen nicht kllegsgewvhnte Truppen. Tie Armee, die nachher 1805 den Rhein überschritt, geführt von einem Mann, der bet KriegSgott selbst war, da! waren Soldaten, durch und durch geschult, fest in der Hand ihres Feldherrn, die haben die Heere Europas überrannt, solange/ bis daS wieder kriegstüchtige Heer gebildet war. Wenn Sie also den Frieden wollen und wenn Sie sagen, eS ist notwendig, daß Deutschland ein starkes Heer hat, dann bleiben Sie bei dem tefcigen bewährten System, daS Ihnen, daS dem deutschen Volk gibt, was notwendig ist, das bis jefet den Frieden erhalten hat unb jetzt mit feiner KriegSfertig keit de n F r i e. d e n a u ch weiter erhalten wird. (Lebhafter Beifall.)

Der Abg NoSke ist bet Meinung, daß alle Resolutionen, die Daraüf abzielen, den Abscheu vor dem Militarismus zu erwecken, daß alle Bestrebungen, welche die Sozialdemokraten hätten, eine fogenannte junge Garde zu schaffen, daß alle Agitationen, die &nb im sozialdemokratischen Sinne zu erziehen, garnicht- ge- jährliches wären. Sie wären höchstens gefährlich für die Aus. wüchse des Militarismus, aber der Wehrhaftigkeit schadeten sie nicbtS Ich glaube, wenn Sie das verneinen, bann sind Sie auch eine Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. (Sehr gut.) TaS sind Sie, wenn Sie derartig vorgehen, wie ich Ihnen an vielen Beispielen nachweisen kann, daß Sie eS getan haben. Sie haben z. B. in den verschiedensten Fallen die Er. inneningen an daS Jahr 1870 Verzeihen Sie diesen Ausdruck mit Füßen getreten. Ich habe tn der Erfurter -Tribüne ge. lesen: .Bleibt un5 endlich mit den Erinnerungen an die Helden, aräber bei Mch vom Leibe, daS deutsche Heldentum liegt in der Werkstatt!" Ich habe im .Vorwärts" gelesen, als der Streik in Krimmitschau tobte: -Hier in Krimmitschau, da find die wahren Heldentaten; sie gehen weit über das hinaus, was inKriege von 1870 geleistet worden ist, wo die Sieger sich gutüch getan haben bei C h a m p a g n e r u n d Pa st e t e n lH^t-rkeit. Unruhe b. d. Soz.) Wenn Sie daS nHt wollen, daß bte Redakteure daS schreiben, bann schmeißen Lie die R e d a k t e u r e doch zum Fenster hinaus (Große H-.terkelt ) Bei dem Ueb ermaß von Intelligenz, über daS Sie ver­fügen, können Sie ja andere kriegen; (Heiterkelt) und da der Aba Noske eben gesagt hat, welche Disziplin Sie haben, so Ken Sie fU ja so ziehen, daß sie nichts anderes schreiben, als Sie vertreten. (Heiterkeit, Lachen b. b. Soz ) Wenn Sie die Jugend in einem antimilitüri,chen Sinne erzichen, bann tonnen Si, weder ein stehendes Heer aufftellen, noch sind Sie imstande, eine Wchrhafthaltung der Nation durchzuführen. Das ist total auLgeschlosien. 'Heer bleibt Heer Nennen Sie eS stehendes £eer, nennen Sie eS Volksheer mit einer kurzen Dienstzeit, wenn Li­ft, diesem Heere nicht Vaterlandsliebe erziehen, nicht solda i.che Tuaend fordern, so fallt Ihnen dieses Heer zusammen, ,o halt e§ nichts (!^hr richtig!). So ist eS ein schwaches ReiS, und wenn SJ daS wirklich ernst nehmen, muffen Sie auch daraus bringen, ,jn Volk zu erziehen, auf das Sie sich auch in schweren Zeiten ^ommTn^ränfönnen. HU» S«l>. I »ff. Z»

n kn Stte unbf' « Baterjinl ju h.rtrihifieii bat' Wenn Sie weiter nichts wollen, das hat das deutsch-^^olk schön ein paarmal getan, im Freiheitskrieg und unter ! _ m^Jifterung 1870. Lazu brauchen wir Sie nicht, bazu

1 «iStriS? (Lebhafter Beifall rechts; Gelächter b. b.

I X letzten Mann brauchen Sie, also

24 unftlt Sie Pud auf einer jalschen Yghy, und uh kann nur

Abg. Graf MlelzynSki (Pole) protestiert gegen eine Aeußerung in der Kommission, baß die polnischen Soldaten sich nicht so gut geschlagen hatten wie die anderen. Er rühmt sodann den Geist der Ritterlichkeit in der Armee, namentlich gegen grauen. Er teche in den Ostmarken vorteilhaft ab gegen daS rüde Treiben der Lakatisten. Dann be­schwert sich Redner über den Militarbohkott gegen di- Polen. Tiefer Dovkott geht sogar so weit, daß -S den Polen verboten wird, daS polnische Theater zu besuchen. Solche Verbot« liegen weder im Interesse der TiSziplin, noch der militar,scl)en Er- ziehung. Tie Soldaten sind doch keine kleinen Kinder. Wenn der Kriegsminister die Sache genau prüft, wird er selbst einsehen, daß eS ungerecht ist, wenn die Staatsgewalt gegen eine wehrlose Be­völkerung mobil gemacht wird. Ein Ulan, der einen Polen tot­geschlagen hatte, wurde nur zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, während ein Pole, der einen Lehrer, der em Kind blutig ge­schlagen, beschimpft hatte, zwei Jahre bekam. Solche Urteile müssen doch die Bevölkerung erbittern.

KriegSminister von Einemr

Ich erkläre ganz offen, daß der Boykott eine nicht s«ne! «al ist, er verbittert, fa er kann ruinieren. Ich würde also dafür sein, daß durch den Boykott nicht Existenzen geschädigt werden. Wo der Boykott vorkommt, da liegen immer ganz bestimmte Gründe vor. Ueber dl. einzelnen Falle, kann ich. die Zcntralinswnz, nicht urteilen, daS muß ich den Lokalinstanzen übedaffen. Wenn der Boykott von bet Militärverwaltung auftgeubt wird, so geschieht dies nur im Einverständnis mit den 8lbtlbeb3rben urtb fltwK twl es die Disziplin unerläßlich foltert Di« Behörden sind verpflich­tet, die Soldaten von der großpolnischen und der sozialdemokra­tischen Agitation fern zu halten. Ich wundere mich aber, daß gerade der Vorredner stch über den Boykott beschwert, denn der Boykott ist doch gerade eine Waffe in der Hand der P^en. Redner verliest eine Anzahl Dohkottserklärungen polmfijen 8et* tungen. Die Polen haben mich aufgefordert, ich möchte dafür sorgen, daß hakatlsttsche Bestrebungen nicht in die- Arme« hinein- bringen. Gewiß, soweit solche Bestrebungen politischer Natur find, haben sie in der Armee nichts zu tun. Ich möchte aber auch eie Polen bitten, dafür zu sorgen, daß polnische Bestrebungen nicht in die Kasernen kommen. In einem Schreiben, das wir vom General- kommando aus Posen zugegangen ist, meldet ein katholischer Divi- sionSpfarrer, polnische Zeitungen forderten die Eltern auf, ihren Söhnen polnische Blätter dadurch in die Kasern« zu schmuggeln, daß sie Eßwaren darin einwickelten. Daraufhin hat eine Revision tn den Kasernen stattgefunden, und es haben sich in der Tat eine Menge polnischer Zeitungen au6 Krakau, Lemberg, Posen usw. vor. gefunden, die sonst Wohl kaum in die Hände der Soldaten gekommen wären. In manchen waren auch gar nicht Etzwaren eingepackt, sondern sie waren hübsch sauber den Paketen betgelegt. Der Pfarrer berichtet ferner,In diesen Zeitungen ijüife wtej&ete gegen die deutsche Nation getrieben, und auch die ronfesswnellm Gegen­sätze würden durch sie zweifellos verschärft. Ich bitte also, sorgen Sie (zu den Polen) dafür, daß das nicht wieder geschieht; denn Sie gehen damit einen bösen Weg, Sie gehen einen gefahrvollen Weg, Sie g<chen keinen ritterlichen Weg. «i« Hetzen dir Soldaten auf und führen Sie der Bestrafung zu.

Abg. Hagemann (nl.):

ES war mir sehr infereffant, daß gestern Abg. Bebel, an die Scharnhorstschen militärischen Fugendausbildungsbestrebungen an­knüpfend, den Gedanken ausführte, daß eS auch bei unS sehr wün- schenswcrt wäre, in dieser Weise vorzugchen, und ich bin fest übet- zeugt, daß der Kriegsminister derartigen Bestrebungen sehr gerne entgegenkommen würde. Jedoch müßten sie wohl anders auSge- führt^werden, als die Sozialdemokraten sich die Sache vorstellen. Lieft man die sozialdemokratische Presse durch, so findet man aller­dings Dutzende von Beispielen, daß man -mit der Erziehung schon in den frühesten Jahren beginnt Aber wie? Jn Lem kleinen Proletarierkinde wird schon dec Lay gegen unser Militär erweckt. Tann werden die Turnvereine besucht, und was da für Lieder ge­sungen werden, davon nur ein Beispiel:

Ihr Turngenossen, jung und frisch. Bald weilet Ihr uns ferne, Tann tragt Ihr einen Flederwisch Und wohnt in der Kaserne.

Dort drillen Euch die Schranken In Krieg und Völkermord, Dort müßt Ihr willig tanze« Rach dem Kommandowort, vergeßt nicht ob dem Flitterkrarn, Daß Ihr deS Volkes Kind;

Daß man Euch Sure Freiheit nahm Und daß wir Brüder sind.

Gedenkt der ftohen Siunben, Denkt an der Freiheit Glück, Und ist das Joch geschwunden. Kehrt bald zu und zurück!" (Sehr gut! bei den Soz. Heiterkeit.) Bei solcher Erziehung darf man sich wirklich nicht wundern, wenn unsere Jugend unwillig den Soldatenrock an-ieht. Wenn daraufhin bann em gew'sser passiver Widerstand geleistet wird, dann versteht man die Mißhandlungen. Diese mögen Sie dann aber auf Ihr eigenes Konto ichreiben. (Seht neblig!) Wenn es weiter in einem Wahlaufruf heißt:bie Ehr, deS deutschen Volke« leidet unter der Tatsache, daß eure Söhne in bei Kaserne oft schlimmer gemartert werden als Indianer ihre Feinde quälen", so ist daS direkt zum Lochen. Ich führe diesS Beispiele an, um weiten Kreisen zu zeigen, wie Sie

i den Sozialdemokraten) im Widersprach mit dem, waS <sie i hier sagen, in Wirklichkeit bauceln. Wenn der Abg. Noske dann ' gesagt hat, daß auch Sie gewillt feien, einen Feind mit i der Flinte auf der Schulter von den Grenzen abzuweisen, so laun uns tiefe Wandlung an Kops und Gliedern ftu ler > waren die Ansichten nämlich ettoa5 anders nut freuen. : Ueberhoupt scheinen fich bie Anschauungen ber Herren