Ausgabe 
25.4.1907 Zweites Blatt
 
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Donnerstag, 25. April 1907

157. Jahrgang

Nr. 90

Erscheint mit «uSnahme des Sonntag».

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UnwersuälS - ©ud)- und btelndruckerei.

9L Lange. Dreßen.

Di« Jmnillenbiatter44 werden dem

Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das '«reisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint nwnailtcf) einmal.

Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Txpedltton unb Verlag: 51.

Redaktion: ^^112. TeU-Adr^ AnzeigerGreßen.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag.

87. Sitzung vom 24. April 1 Uhr.

Am BundeSratSttsch: von Einem u. a.

Eingegangen ist ein Gesetz über die Herstellung von Z t * garren in der Hausarbeit.

Zunächst wird in dritter Beratung der Vertrag zwischen dem Deutschen Reiche und den Niederlanden überD,e argen fertige Anerkennung der Aktiengesellschaften" ohne Debatte definitiv erledigt. t

Sodann setzt baß HauS die zweite Beratung des M11 r t a r - GtatS beim TitelGehalt des KriegSministerS" fort.

Hierzu liegen folgend« 4 Resolutionen vor:

Dr. Ablaß und Genossen:

den Reichskanzler zu ersuchen,

1. nach den Beschlüssen deS Reichstags vom 21. Marz 1905 und 81. März 1906 zur energischen Bekämpfung der Sol­datenmißhandlungen die Reform der Militär- strafrechtl, des Beschwerderechts und des ehrengerichtlichen Verfahrens tn die Wege zu leiten und dem Grundsatz« der Oeffentlichkeit der Verhandlungen gemäß den Bestimmungen der Militärge- richtsvrdnung gebührende Achtung zu verschaffen;

L. dafür zu sorgen, daß durch die strengsten Maßregeln der Militärverwaltung der Bewucherung deutscher Offi­zier» vorgebeugt werde.

Albrecht und Genossen:

den Reichskanzler zu ersuchen, in den Etat für daS Jahr 1908 eine Erhöhung der Löhnung der Mannschaften unb Unter­offizier» der Armee einzustellen und die bisher den Mann­schaften auferlegten Ausgaben für die Beschaffung vorschrifts­mäßiger VebrauchSgegenstände ebenfalls auf den Etat zu über- nehmen.

Liebermann v. Sonnenberg?

die verbündeten Regierungen zu ersuchen, baldmöglichst im Etat Stellen für Militär«rbnärzte anzufordern und ferner die Ein­richtung zu treffen, daß die Studierenden der Zahn- Heilkunde m gleicher Weise wie die Studierenden der Medizin, der Arzrietunssenschäft und der Tierheilkunde, ihre einjährige Dienstzeit im ersten halben Fahre mit der Waffe, im zweiten halben Jahre als einjährigfretlmllige Unterärzte ab­leisten können.

Erzberger und Genossen:

die verbündeten Regierungen zu ersuchen, die bestehende Portovergütung für Postsendungen an Personen des Soldatenstandes auf die den eigenen Bedarf betreffenden Post­sendungen von Versonen deS Soldatenstandes in die Heimat auszudehnen.

Abg. Bebel (Soz.):

Der KrtegSminister hat gestern auseinandergesetzt, daß jetzt noch nicht am Militäretat gespart werden könnte, dies könnte ge­schehen, nachdem die Umwaffnung beendet sei. Die Botschfft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Im übrigen hat mir diese Rede weit besser gefallen, als die Rede, die neulich der Abg. Müller- Sagan hielt und in der er ausführtc, daß jetzt angesichts der Welt­lage an Herabsetzung des Militäretats und Aufhören unserer Rüstung nicht zu denken sei. Seine Partei sei bereit, für die nötigen Erhöhungen einzutreten. Dies soll die Ansicht der ganzen freisinnigen Partei fein. Ich meine aber, wir müssen erwägen, ob wir trotz der Weltlage nicht doch am Milttäretat sparen könnten. Dies könnte am besten durch Herabsetzung der Dienstzeit geschehen. Freilich will davon die Militärverwaltung nichts wissen. Doch haben im Laufe der Zeiten die Ansichten der Militärverwaltung bekanntlich ost genug gewechselt.

Die schwedische Armee hat ein« kurze Dienstzeit, und die Aus­bildung, die man dort erhält, ist gerade neulich imDeutschen Offizierblatt" sehr gerühmt worden. Ein anderes Beispiel bietet die schweizerisch« Miliz, die nur eine Dienstzeit von 8 Monaten kennt. Und trotz dieser Kürze der Ausbildung steht die Schweizer Artillerie vollständig auf der Höhe. Auch die Schweizer Kaval­lerie soll Ausgezeichnetes leisten. Ein deutscher Offizier, der einer Uebung beigewohnt, nannte sie eineGlanzleistung". Und er war mit allen Vorurteilen der kontinentalen Armeen nach der Schweiz gekommen. Der General Landois hat auch die Schweizer Armee sehr gerühmt: namentlich im Schießen sei sie ganz vortreff­lich. Man muß eben weniger Gewicht auf den Parademarsch und mehr Oiewicht auf kriegsmäßige Ausbildung legen: dann kann man unglaublich viel Zeit sparen. Was aber bei uns in Manövern bor- kommt, hat mit wahrer Kriegsausbildung wenig zu tun. Ueber die berühmte Kavallerie-Attacke beim Herbstmanöver urteilte Oberst Gaedke: Wenn sie im Ernsffall ausgeführt würde, wäre das ganze Rcitergeschwader total vernichtet worden. Was sollen also diese Veranstaltungen, die so immens viel Geld kosten.. Gegen diese un­nützen Paradestücke und für größere Berücksichtigung der kriegs­mäßigen Ausbildung hat auch Generalfeldmarschall Graf Haeseler seine Stimme erhoben.

Bei der Aushebung der Mannschaften wird von ärztlicher Seite etwas, sagen wir, zu leichtherzig vorgegangen. Dem ein­zelnen Arzt kann man daraus keinen Vorwurf machen, weil er in kürzester Zeit hunderte von Leuten untersuchen muß. Es wäre interessant, festzustellen, wieviele von den mißhandelten Soldaten geistig minderwertig, also gar nicht fähig waren, das aufzufassen, was ihnen von ihren Lehrmeistern gesagt worden. Daß solche Leute die Unteroffiziere aufs höchste reizen können, ist psychologisch be. greiflich. Von den 819 Soldaten, die im letzten Jahre aus Ver­zweiflung Hand an ihr Leben gelegt haben, wird auch gar mancher minderwertig gewesen sein.

Graf Oriola hat mir vorgeworfen, ich suche mir aufzuhetzen und die Armee zu diskreditieren. Eine ganz verkehrte Ansicht! Wenn ich hier die Mißstände vorbringe, so geschieht das nur, da­mit sie beseitigt werden. Ich nehme ja das Interesse der Söhne unserer Arbeiter wahr, gerade der besten Elemente. Sie wissen, daß Graf Caprivi die Sozialdemokraten für die besten Soldaten erklärt hat. Ist ja auch ganz klar, sie sind doch die intelligentesten. (Lachen rechts.) Leider wird jetzt in den Militärgerichten die Oeffentlichkeit in einer Weise ausgeschlossen, wie sie sicherlich nicht beabsichtigt war, als das Gesetz geschaffen wurde. Das ist sehr schlimm, denn gerade die Oeffentlichkeit wirkt erzieherisch. Jetzt kommen die Mißhandlungen immer wieder vor. Redner führt einige neue Fälle an. Da erhält ein Soldat Speck von Hause geschickt, der Unteroffizier reißt ihm da? Stück aus der Hand, wirft es auf die Erde, trampelt mit Füßen darauf und ruft: Nun friß es, Schwein!" Ist das nid-r eine bodenlose Roheit? Der Unteroffizier ist auch mit Gefängnis und Degradation bestraft

worden! Selbst in der französischen Fremdenlegion hat der Soldat es in gewisser Hinsicht besser. Die Zustande in der Fremdenlegion sind bekanntlich sehr traurige, und ich kann unsere Landsleute, die deserfieren, nur warnen, dorthin zu gehen. Aber dort hat der Mißhandelte wenigstens daß Recht, jeden Schlag seinem Vorgesetzten mit gleicher Münze zurückzugeben. Bei uns kennt man ein solches Notwehrrecht nicht; die ganze Notwehr steht bei uns überhaupt nur auf dem Papier.

Wir haben einen Antrag auf Erhöhung der Löhnung em- gebracht. Graf Oriola meinte, daS sei nur eine Demonstration, da wir ja doch gegen den Etat stimmten. Ja, waS haben denn die Liberalen in den sechziger Jahren in der KonflikiSaett getan? Wenn wir die Mehrheit hätten, würden wir daS Budget so ge­halten, wie wir es wünschen. Das LoS der Soldaten in der Armee haben wir uns immer bemüht zu verbessern. Die schweizer unb schwedischen Soldaten bekommen trotz besserer Verköstigung höheren Sold; auch die anderen Armeen haben höhere Löhnungen. Trotz kürzerer Ausbildungszeit sind die Schweizer tüchtige Sol- baten. DaS spricht für baß Milizsystem. Unb wie benimmt sich die Militärverwaltung außerhalb ihrer Rechtssphäre? Sie ent- Höbet sich nicht, ben Sozialdemokraten Säle abzutreiben. Das ist unwürdig. Mit solchen Boykottierungen stellt sich die Militärver- waltung auf den Boden einer politischen Partei. Ihre Maß- nahmen dabei wirken geschmacklos, unwürdig, verächtlich. WeS Geistes Kind sie ist, zeigt die Inschutznahme des Flottenvereins. Obwohl in ihm auch Zentrumsleute Mitglieder waren, trat er bei den Wahlen agitatorisch gegen Zentrum und Sozialdemokratie auf. Trotzdem wurde zu seinem Beitritt von militärischer Seite ebenso aufgefordert wie zu den Kriegervereinen. Gegen deren Wahlbeeinflussungen protestiere ich hn Namen meiner Freunde. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Abg. v. Oldenburg (kons.) 1

Wir sprechen dem Kriegsminister daS Vertrauen unserer Partei zum LffizierSstande, zur Armee unb zur Armeeverloaltung auS. Die Haltung der Offiziere tft im ganzen bewundernswert. Jeder muh Dal Gehalt bekommen. daS ihm zukommt; wir hoffen deshalb, daß die Mehrheit bei Hauses hinter ihm steht, wenn er die nötigen Anforderungen stellt. Wir bitten, daS System der kleinen Garnisonen auSzubauen, soweir sich daS mit der Schlagfertigkeit der Armee verträgt. DaS Avancement der Offiziere ist schleckt und die Anforderungen an sie sind gestiegen, insbesondere durch Ein. führung der zweijährigen Dienstzeit. Dabei ist der Offizier in Der Oeffentlichkeit nicht mehr so geschätzt wie früher. Alles daS hat zur Verminderung deS Andranges unb zu ManauementS geführt. Das muß anders werden. Für die Resolufion über die Postpakete der Soldaten werden wir stimmen. Wir verurteilen sodann gewiß alle Fälle von Soldatenmißhandlungen unb treten ihnen entgegen. Die systematischen wochenlangen Quälereien haben anscheinend auf­gehört. Das ging aus Debets Rede hervor. WaS Bebel anführte, waren Roheiten, die gewiß zu verurteilen sind, ganz aber wohl nie verschwinden. Einer besonderen Resolution, wie sie der Abg. Ablaß stellte, bedarf es nicht. Den Wucher möchten auch wir aus­scheiden, die vorgeschlagene Resolution gibt aber keinen wirksamen Weg dafür an. Wir wünschen auch eine Solderhöhung, sind aber gegen die Resolution der Sozialdemokraten, weil sie agitatorisch gemeint ist. (Lachen bei den Soz.) Ich sage das selbst auf die Gefahr, mir ein Stirnrunzeln des Diktators zuzu^iehen. Beweis dafür ist das Buch eines Herrn Liebknecht, worin die Maßnahmen angegeben werden,die Sympathien dieser Kreise zu gewinnen." (Heiterkeit.) Wie die Herren sonst über das Militär denken, ist bekannt. Den Kindern soll schon bewußt werden, wie das Militär alles Menschliche zerstöre! (Hört!) Und was dergleichen mehr ist. Man stimmt auch immer gegen den Militäretat. Ter Abg. Bebel verlangt Verkürzung der Dienstzeit! Aber auf was für Autori­täten hin? Für die Wirkung der dreijährigen Dienstzeit führe ich an: Düppel, Königgrätz und Sedan! Wir hoffen auch, daß die zweijährige Dienstzeit sich bewähren wird, aber die Probe ist noch nicht gemacht. Eine weitere Verkürzung geht nicht. Der Abg. Bebel führt die Schweiz und Schweden an. Ja, meine Herren, erstens geht uns das nichts an (Heiterkeit), und zum anbern ist es ziemlich gleichgültig, ob diese Staaten überhaupt eine Armee haben oder nicht. (Erneute Heiterkeit.) Tenn von Großstaaten würden sie überrannt werden, wenn sie auch die beste Arme«' hätten. Den Ersatzreservisten, welche Herrn Bebel als Ideal vorschwe­ben, kann in der kurzen Zeit nur ein ganz äußerlicher Schliff bei­gebracht werden. (Zurufe links: Parademarsch!) Wenn Ihnen, Herr Bebel, ein solcher langsamer Schritt von einem tüchtigen Unteroffizier in den Leib gepumpt wäre, würden Sie mehr Wert darauf legen und vor allen Dingen wissen, was für eine Bedeu- tung der Parademarsch hat. (Große Heiterkeit.) Es ist erziehlich von hohem Wert, daß nach Ansttengungen die Leute sich noch ein­mal zusammennehmen. Außerdem ist es notwendig, daß das deutsche Militär sich auch anständig repräsentiert, ganz abgesehen davon, daß der Parademarsch ein eminentes Mittel der Dis­ziplin ist. (Unruhe und Zurufe links.) Sie sind nicht Soldat gewesen, Herr Bebel, und weil Sie daher die Verhältnisse nicht kennen, legen Sie Wert darauf, alljährlich solange darüber zu spre­chen. (Große Heiterkeit.) Unsere Aushebung wurde bemängelt. Ich meine, forgfältiger als bei uns kann wohl nirgends die Prü­fung sein.

Auch her Gemeindevorstanb wirkt stets dabei mit und tritt für die Befreiung dessen ein, der zu Hause nicht abkömmlich ist. Sie (zu den Soz.) behaupten, die Sozialdemokraten seien der intelligenteste Teil der Armee. Ich bestreite das. Erstens sind sie, Gottseidank, in das Offizierkorps noch nicht eingedrungen, und zweitens habe ich die Ueberzeugung, daß die ganze sozial- demokrausche Agitation eine Spekulation auf die Dummheit der Mast".: ist. (Große Heiterkeit.) . Sie schelten über Soldaten- Mißhandlungen. Aber bedenken Sie auch, daß die Unteroffiziere auch Manschen sind, auch einem Unteroffizier läuft einmal die Laus über die Leber! Wir bedauern das auch, aber, wie Bebel, selbst an rüttle, ist die Strafe auf dem Fuße gefolgt. Vier Monate Gefängnis unb Degradation ist doch eine harte Strafe! Was für Roheit.n in den Massen geschehen, wissen Sie (zu den Soz.) doch genau; Sie billigen sie selbstverständlich nicht, aber ihre Zög­linge Haden schon eine hübsch« Schulung hinter sich aus der Praxis, die gegen die Streikbrecher geübt wirb. Und welche Strafen würben Sie, wenn Sie am Ruder wären, fällen? Aus dem Dresdener Parteitage der Sozialdemokraten wurde über einen Genossen zu Gericht gesessen. Das Unglückswurm hatte für die Zukunft" geschrieben. Der Abg. Bebel fragte nach längeren Dar­legungen: waS verdient derjenige für ein moralisches Urteil, der es unter solchen Umständen über sich gewinnt, für die Zukunft weiter zu schreiben? Tarauf erfolgt« der Zuruf: Prügel! (Große Hc::crkeit.) So dachte man auch in Dresden, denn der Bericht vermerkt: Stütmiscker anhaltender Beifall und Händeklatschen. (Erneute lebhafte Heiterkeit.) Wenn Sie (zu den Soz.) bereits Zeitungsartikel in der Weise ahnden wollen, können wir froh sein.

daß Sie in absehbarer Zett noch nicht so viel zu sagen haben. (Sehr gut!) Sie (zu den Soz.) beschweren sich hier über den Boykott der Säle durch die Militärverwaltung. ES versteht sich für diese von selbst, daß sic tut, waS sie kann, die Trupven von der Sozialdemokratie fernzuhalten. Herr Bebel sagt, von Preußen kommt alles Schleckte her. (Abg. Bebel: Sehr richtig! Heiterkeit.) Herr Bebel, ohne Preußen wären Sie nicht in der Sage, un- alle Jayre dieselben Reden zu halten. (Heiterkeit.)

Wenn wir unsere deuffche Armee unb Marine nickt haben müßten, unser Vaterland zu verteidigen, das nach allen Seiten offen ist, dann müßten die Armee und Marine erst noch erfunden werden, als erstes Volkserziehungsmittel Deufickland?. (Bci'all.)

Wenn wir über die Entsendung von Delegierten nach der Haager Friedenskonferenz zu befinden hätten, würden wir unseren Kriegßminister entsenden. Wir würden ihn bitten, nur mitzu» teilen: Deutschland verwendet für Armee und Marine auf den Kopf der Bevölkerung jährlich 13,40 Mk., Frankreich 28,21 Rk. und England 30,68 Mk., und dann die anderen Mäckte auffordern, erst einmal auf den Stand von Deutschland zurückzugehen, bann würden wir mit un8 reden lassen. (Sehr gut I) Nochmals spreche ich dem Kriegsminister unseren Dank aus für seine Geschäfts­führung und unser rückhaltloses Vertrauen. ES hat unS alle mit Stolz erfüllt und das ganze HauS stimmte in den Jubel über seine gestrigen Worte mit ein: Wir können nicht wie Frankreich Hunderte von Millionen auf einmal fordern, weil wir nickt fertig sind. Wir sind immer fertig. Und, meine Herren, daS deutsche Vaterland kann infolgedessen ruhig in die Zukunft sehen. DaS danken wir unserer Armee und unserem OffizierkorpS, unb Deutschland wird nicht verloren sein, solange es den alten Grund, satz befolgt: Si vis pacem, para bellum. (Lebhafter Beifall.)

Sächsischer Bundesbevollmächtigter Oberst von Salza:

Es ist von der Höhe der Militärmißhandlungen in Sachsen gesprochen worden. DaS ist ein Irrtum. Denn von den Militär- Mißhandlungen kommen durchschnittlich jährlich auf ein Armee­korps 19, auf daS sächsische 18 bis 14.

Abg. Dr. Müller-Meiningen (fr. Vp.):

Wir Balten an unserem Standpunkt in Militärfragen fest. Wir bewilligen, waS nötig ist; prüfen aber alle Anforderungen. Wir haben bisher aber immer dabei daS Urteil der ^Sachver­ständigen über unseres gestellt. Der Abg. Bebel schwärmt für daS Schweizer Milizsystem. Seine Schweizer Freunde aber üben eine scharfe Kritik daran 1 Ware er Schweizer, wurde er eS auch tun 1 (Sehr gut!) Meine Parteigenossen halten jetzt den Aggregiertenfonds budgetrechtlich fiir ordnungsgemäß und werden ihn bewilligen. Wir nehmen auch den Antrag auf Er­höhung der Löhnung an. DaS Sttafverbot für Lokale wegen der politischen Gesinnung der Inhaber mißbilligen wir entschieden. Davor ist keine Partei sicher unb mit so kleinlichen Mitteln bekämpft man auch nicht die Sozialdemokratie. Mit unserem Antrag wegen der Ehren­schulden legen wir die Ftnger auf ein fressendes Geschwür an unserem Offizierkorps. Hunderte von jungen Offizieren leiben unter der Wucherbanbe, die sich von Berlin bis München wie eine große Spinn« ausbrettet. Vor allem muß auch gegen du» Be­teiligung der Offiziere in den ausländischen Spielhöllen, in Amsterdam usw. eingeschritten werden. Ein solcher Offi-ier, der sich so der Spielwut ergibt, muß sofort aus der Armee entfernt werden.

Ich möchte sodann den Kriegsminister um Aufklärung über den Rücktritt des frühem Präsidenten deS Reichsmilitär­gerichts von Massow bitten. Was die Militärmißhandlungen betrifft, so genügt bas Vertrauen zum Kriegsminister nicht. Die deutsche Volksvertretung hat nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht, dieie traurigen Vorkommnisse ,nrSprache zu bringen. Der Erlaß des Kriegsnnnisters über die Einstellung der geistig Minderwertigen ist begrüßenswert, aber nickt ausreichend. Da muß viel mehr geschehen. Leider gibt der Bundesrat, ober wie er im Volksmunde heißt,des Reiches Hemmschuh", den Beschlüssen des Reichstags nur zu oft keine Folge. Die großen systematischen Quälereien werden gottlob ja von Jahr zu Jahr selien-r. Doch gibt es immer noch einzelne Fälle. Da hat in Darmstadt ein Unteroffizier die Brustwarzen seiner Leute solange zusamm"ngepreßt, bis das Blut hervorspritzte. Also ein ganz gemeiner Sadismus. (Hört I hört 1) Unb derartiges kommt immer wieder vor. Die Publizität wirkt hier erzieherisch. Leider sucht man sie mit einer gewissen Ra'finade (Große Heiterkeit) nach Möglichkeit auszuschlietzen. Das ist der Presse unwürdig und der Armee schädlich.

Zum Schluß möchte ich nur noch eine Beschwerde Vorbringen: über die Rücksichtslosigkeiten bei den Kontrollversammlungen. Daß die Leute am Kontrolltage unter militärischer Zuckt stehen, ist eines der besten Agitationsmittel für die Sozialdemokratie. Und diese politische Reklame gönne ich den Herren nicht.

Unbedingt einer Acnderung bedarf indes die Handhabung deS Beschwerderechts. Da ist in Breslau ein gauz empörender Fall passiert. Ein Rechtsanwalt (Schmidt) mutz zur Kontrollverfammlung erscheinen. Während er in Reih und Glied steht, regt sich

bei ihm ein kräftiger Niesreiz. Unwillkürlich greift er nach

dem Taschentuch unb putzt sich die Nase. Er bekommt

deswegen 24 Stunden Mittelarrest. Nach Beendigung bet

Uebung geht er zum Leutnant unb klärt ihn in ruhiger Weise über ben Sachverhalt auf. Der Leutnant weist ibn barsch ab. Erft durch die Intervention des Feldwebels gelingt es ihm. Straf­aufschub zu erwirken, da er einen wichtigen Termin wab-z"-ehmen hat. Nachdem er später seine Strafe abgebützt hat, reicht er eine ausführliche Beschwerbeschrift an bas Kommanbo ein. DaS ist bie Folge? Er bekommt plötzlich eines schönen TageS die Mitteilung, sich da und da zur Derbützung einer Strafe einzufinden. Grund und Dauer der Strafe wird ihm nicht angegeben. Er fragt sofort an unb erhält die Antwort:Die Angabe über Grund unb Höhe der Strafe mutz avgelehnt werden, er könne dies erst unmittelbar vor der Verbüßung erfahren." (Hört! hört!) Das geht doch gegen alle Rechtsprinzipien. (Sehr richtig 1) Später erfährt er, er sei zu 48 Stunden Mittel­arrest verurteilt worden, weil er seine Beschwerde schriftlich und nicht mündlich vorgebracht habe. Woher in aller Welt sollte er daS wissen? Niemals war ihm daS mitgeteilt worden. Uebrigens hat er sich ganz korrekt benommen. Auf eine erneute, sehr umfang­reiche Beschwerde, die vielleicht etwas scharf abgefatzt gewesen sein mag, wird er noch einmal verurteilt, und diesmal zu zehn Tagen. Später erfährt er, er sei deshalb so streng beftraft worden, weil die Presse, namentlich dasBerliner Tage­blatt", die Sache so unfreundlich behandelt habe. (Hört! hört! Große Unruhe.) Da hört sich doch alles auf! Deshalb steckt man ihn in Arrest und nicht daSBerliner Tageblatt"! (Heiterkeit.)

In einem andern Fall hat ebenfalls ein Reservist eine Strafe verbüßen müssen, ohne zn wissen wofür. (Hört! Hört!) Wie das Beschwerderecht jetzt gehandhabt wird, ist geradezu eine Falle. ES kommt mir fast vor, als wolle die Militärverwaltung protzen mit dem Machtgefühl gegen daS Bürgertum. DaS mutz aber verletzend wirken. (Sehr richtig!) Der Knegsminister sagte gestern: Ent-