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26.6.1907 Erstes Blatt
 
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ExSE General-Anzeiger für Oderhessen WJß

Adresie tüt Depeschen: ttA, .Genchtssiral^: Ernst

Anzeiger «ietzen. «orattomdruck unb Verlag der vrühl'schen Univ^Vllch- und Steindruckerei. L Lange. Redattio«, LxpedMon und Druckerei: Zchulstratze r. ^Igmteii^ Ha^s «eck

Ire heutige Dummer umfaßt 10 Seiten,

Ai- Keidetöergcr Tagung dcs Datiuoalvereins.

Am Samstag und am Sonntag wurde das jüngste Kind des Liberalismus auS dcr Taufe gehoben. Man hat den Umstand, daß der Nationalverein aus bayrischen Verhältnissen erwachsen ist, als ein Bedenken gegen ihn, als einen Beweis der engen Grenzen seiner Existenzberechtigung bezeichnet. Aber dte Heidelberger Tagung hat bewiesen, daß er schon Aus­breitung in nicht unerheblichem Maße über Bayern hinaus gefunden hat. Freilich vorerst hauptsächlich in den deutschen Gauen südlich des MaineS. Die Teilnehmer aus Preußen waren vereinzelt. Unser Hessen war, wie wir hören, nicht nur durch den ReichStagSabg. Dr. Osann aus Darmstadt und Pfarrer Korell, sondern auch durch eine Reihe weiterer liberaler Männer gut vertreten. AuS Baden und auS Elsaß- Lothringen war eine beträchtliche Anzahl von Liberalen aller Schattierungen, gleichgültig ob organisiert ober unorganisiert, zusammengekommen, weniger allerdings aus Württemberg.

In den Ländern südlich des Main, wie ja erfreulicher­weise auch bei unS in Gießen, sind eben vielfach die Unter- schiede der liberalen Gruppen nicht mehr so groß wie in Preußen. Im Süden hat die Einigung des Liberalismus die größten Erfolge zu verzeichnen; im Süden ist daher die politische Stimmung vorherrschend, die ein Verein wie der neue Nationalverein für seine das Gemeinsame in den Ueber- zeugungen betonende Tätigkeit braucht. Die Führer des Gießener Freisinns z. B. sind, wie wir vernehmen, entschiedene Anhänger der Nationaloereinsidee, im Gegensatz leider zu unseren Nationalliberalen.

In Preußen vermögen sich Nationalliberale und Links- liberale noch nicht zu verständigen, das politische Wollen beider ist hier noch nicht in seiner gemeinsam einzuschlagenden Richtung geführt worden.

Der neue Nationalverein will ein liberaler Verein fein. Das hat er auch äußerlich dadurch manifestiert, daß er in seiner Mitgliederversammlung beschlossen hat, sich fortan zu nennen:Nationalverein für daS liberale Deutschland^. Die neue Gründung hat unseres Erachtens gut daran getan, ihren Namen so umzuändern. Der Name »Nationalverein* schlecht­weg hätte Viele bestimmen können, ihm beizutreten, die wohl national, aber nicht liberal waren.

Der Nationalverein für daS liberale Deutschland scheidet sich also reinlich von allen nicht liberalen Politikern. Sehr scharf ist daS von Prof. Gothein-Heidelberg über die Zukunft des Liberalismus^ zum Ausdruck gekommen. Keine Gemeinschaft mit Konservativen, Anti­semiten, Mittel st ändlern alter Schule, feine Ge­meinschaft auch mit den Sozialdemokraten, obwohl taktrfche Vereinbarungen mit ihnen durchaus in der Richtlinie libe­raler Politik liegen können, keine Gemeinschaft vor allem aber auch mit dem Zentrum.

Daß eS dem Nationaloerem ehrlich um Verbreitung liberaler Gesinnung zu tun ist, darf man ihm nunmehr glauben. Freiheit der Persönlichkeit, Fortschritt auf allen Gebieten des Geistes- und Wirtschaftslebens daS war das Leitmotiv, daS durch alle Reden klang. Ehrlicher Wille zur liberalen Arbeit war auch daraus zu erkennen, daß Gin- slimmigkell darüber herrschte, die Sozialpolitik, die Hebung des vierten Standes sei eine unbedingte nationale Not­wendigkeit und eine der großen, wenn nicht die Hauptauf­gabe des Liberalismus. Man hatte als zweites Hauptthema der Tagung die Arbeiterfrage mit drei Referaten bc6 Arbeitersekretärs Erkelenz-Düsieldorf, des Fabrikanten Kopp» PirmasenS und deS Landgerichtsrats Kulemann-Bremen auf die Tagesordnung gesetzt, lieber die Möglichkeit, dem Libe­ralismus wieder die Arbeitermassen zuzuführen, und über die Wege, die zu diesem Ziele führen, gab es unter den Refe. reuten und den zahlreichen Tebattern verschiedene Ansichten. Gar keinem Zweifel aber unterlag eS, daß die Arbeiter­bewegung als solche unbedingt vom Liberalismus zu unterstützen fei; die Arbeiterbewegung wohlverstanden, nicht die Sozialdemokratie; waS diese anlangt, so wurde auch in bezug auf ein taktisches Zusammenoperieren die ent­gegenkommende von dem Demokraten Haas-Karlsruhe und die ablehnende Richtung von mehreren Seiten mehr ober weniger scharf vertreten. Aber bic Ausführungen des Ar- beitersekretärL Erkelenz, des Fabrikanten Kopp und des LandgerichlSrats Kulemann haben den erfreulichen Eindruck hinterlassen, baß es bem Nationalverein mit der Arbeiterfrage wirklich ernst ist.

An den guten liberalen Absichten der liberalen National- oereinler in ihrer sachlichen Stellungnahme ist daher fein Zweifel möglich. Den Eindruck wird auch der Widerstrebende nicht ableugnen können. Wie die neue Gründung jedoch vom taktischen Standpunkte zu beurteilen ist, darüber werden die Ansichten auch nach der Tagung von Heidelberg leider nicht übereinstimmend lauten. Was will der Nationalverein? Zweierlei vor allem, wenn wir richtig sehen. Zunächst liberale Gesinnung pflegen auf breitester Basis der Agitation, liberale Redner auBbilben, VolkSbilbungsvereine gründen, Flugblätter und Broschüren in Mafien unter baS. Volk bringen. Sobann als zweites: ein Sammelbecken sein für alle, die auf neutralem Boden für die liberale Sache in allgemeinen großen Zügen arbeiten wollen, ein Sammel­becken für alle die insbesondere, die sich bisher nicht ent­schließen konnten, einer bestimmten Gruppe des Liberalismus anzugehören.

Der Nationalverein will keine Partei fein, sondern nur ein Verein, etwa also eine Organisation wie der katholische Volksverein oder der unS übrigens niemals sehr sympathisch gewesene Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie. Er hat deshalb beschlossen, keine Ortsgruppen zu gründen, er wird folgerichtig keine Kandidaten zu irgendwelchen Wahlen aufstellen.

Hin Aoveü'enöuch von Alfred Uock.

Jmmermann, der große Theaterreformator, war's, der (im Oberhof desMünchhausen") sich zuerst berufen fühlte, bas deutsche Dorf als eine poetische Welt für sich aufzusassen und dar- zustellem Seinem bahnbrechenden Vorangange verdanken wir die Dorfgeschichten Auerbachs und Steubs, wie später die Roseggers und Ganghofers. In einer der Auerbachs, des spinozistischen Pan­theisten, ähnlichen Geistessphäre aber erwuchs Alfred Bock, der .hessische Dorfdichter.

Auch sonst findet mau manche Parallele zwischen Bock und Auerbach. Eins der Erstlingswerke Auerbachs war der Roman Spinoza". Auch Bock widmete in jungen Jahren einen tragi­schen Einakter in Versen dem großen Philosophen. Es war ein dramatisches Gedicht voll Kraft und Geist. Doch ebensowenig wie Auerbachs Anfangswerk, so verrieten weder dieses kleine Bühnenweck Bocks noch seine anderen ersten dramatischen und novellistischen Versuche etivaö von dem naiv-frischen Tone, der erst in den Dorfgeschichten beider gleichsam emporsprang. Wie Auerbach legte Bock einen vielgewundenen Weg zurück bis zur Erkenntnis seiner Eigenart, bis zur Einführung der erdschweren overl;essischen Charakterart in die deutsche Dichtung. Wie Auer­bachs Talent zum Dorfdichter, so flammte das Bocks ganz plötz­lich auf, erst in den Jahren der Steife und nach bescheidenen Anfängen auf den verschiedensten litterarischen Gebieten.

Heute gehört Bock zu den ersten Dorfdichtern Deutschlands. Sein bestes Buch war biäfcer nach meinem Empfinden feine im Vorjahre in 2. Auflage erfebienenePflastermeisterin". Seine soeben bei Egon Fleischet & Co. in Berlin herausgekommenen, unter dem TitelHessenluf t" vereinigten Siovellen, denen übrigens der vortreffliche Ubbelohde einen zeichnerisch wesensver­wandten, wuchrig schönen Einband gegeben hat, bedeuten jedoch einen außerordentlichen Fortschritt über diePflastermeflterin" hinaus. Die sechs Novellen dieses Buches werden bei allen Freunden oberhcssischen Bauernlebens freudiges Erstaunen Wicken; denn sie zeugen von einer Kraft der Menschenschilderung, von einer Kenntnis der Menschenseele, von einer Versenkung in bäuer­liches Denken und Fühlen, Handeln und Reden, von einer Ruhe und Sicherheit in der Charakterisierung, wie wir sie in der neueren Novellenliteratur nicht häufig finden. Der Dichter hat den Bauern tief in die Herzen geschaut. Er hat sie in ernlten und heiteren Stunden belauscht und ihnen nachgefühlt, und von ihren schmalen Lippen, aus ihren stählernen Augen gelesen, was sie hartnäckig verschtveigen oder nur ihrem Seelsorger, wenn sie in höchste Herzensnot gerieten, anzuvertrauen sich zu_ entschließen vermögen. Der Bauer ist ihm kein Rätsel, er weiß, daß unter der harten Schale em Herz steckt, zart und weich, aber auch Versuchungen zugänglich wie, das des empfindsamsten Städters, leidenschaftlich und oon heißem Blut umwallt, und daß gar mancher unter ihnen eine erstaunliche Verschmitztheit in An­wendung zu bringen vermag, wenn es sich um die Erreichung eines von ihm gesteckten Zieles handelt. Ehrlich aber und sich selber treu, auch bereit, sich zu opfern, wenn das unevschütterliche Stechlsgefühl es heischt, bleibt ber oberhessische Bauer stets. So schildert ihn Bock, der den geWmnisvollen Mterströmungen im

Leben der Bauern nachspürte, die oft so tragisch gefesselt sind an Haus und Hof, an Gewöhnung und Ueberlieferung, an Sitte und Rechtsbewußtsein.

Es wechseln in diesem Buche miteinander Ernst und Scherz, Tragik und Humor. Die erste Novelle,Der SlapoIcon", ist eine Bauernttfagödie, knapp umrahmt, aber in ihrer Ge- schlossenheit und Gedrungenheit, in der Klarheit ihrer Dar­stellung meisterlich. Der protzige, aber kem^rfte Bauer, der aus brüderlicher Liebe eine Untat begebt, der Sohn, der den be­schimpften Vater rächen will und dem "Keffer eines Raufboldes verfällt, und dann der dem Rechtsempfinden Genüge tuende un- abwenbbarc Ausklang, diese Menschen wie ihre Handlungen unterliegen einem unerbittlichen Naturgesetz. Die Allweishett des veriöhnenden und sühnenden Rechtes siegt. Mit dramatischer Kraft vollzieht sich der Wendepunkt des Strafgerichts.

Von höchst ro infam er Drastik sind ,.DerBackftei n",W i e die Gri tt auf den Bräuwagen kam" und auch, wenigstens stellenweise,TerStammhal ter". Der sehr delikate Stosi aller drei Novellen ist mit köstlich frischer, ursprünglicher Ori­ginalität ohne konventionelle Brille humorsroh gemeistert. Die heikle Geschichte vom Backstein im Bette des Dorfschulmeisters ist weitaus die heiterste des ganzen Buches. Tie vollendetste Technik aber zeigtTer Stammhalter". Das retardierende Mo­ment, das hier der Verfasser mit virtuoser Kunst einsührt, er­höht sehr ergötzlich die Spannung. Mit nur wenigen Strichen wird jede Situation trefflich gezeichnet. Ter Höhepunkt in der dra­matischen Spannung ist das' Auffahren des empörten Pfarrers gegen den in seiner Ratlosigkeit über die Folgen eines Iugend- fehltrittes zum äußersten Freimut getriebenen Bauer. Und der schließliche Bescheid des befinftigten, ja erschütterte:' geistlichen Herrn ist so lebensklug als gut

Auchdas s e ch ste Ge bo t" ist nicht ganz frei von mißlichem Geschehen. Doch hier verfahrt der Dichter, im Gegensatz nament­lich zumBackstein" und zur turiosen Geschichte von der pfiffigen Gritt und ihren arg übers Ohr gehauenen Liebhabern, nicht nur mit Behutsamkeck, wnbern er trägt Mutter und Sohn sein ganzes Mitgefühl entgegen. Und er tut recht daran, den Kvnslill hier mit hohem Emst zu behandeln. Auch hier wieder führt er als Löser des Knotens den Pfarrer ein. Er bofumentiert damit gleichzeitig, wie den Geistlichen im oberhessischen Torfe die Be- völkemng m ihrer Herzen tiefst - Falten f(bauen läßt, wie sie ihm ihr ganzes Vertrauen schenkt, welches Ansehen und welche Macht Pfarrer und Kirche bei unteren braven Oberhessen haben. Doch leider ist nicht jeder Pfarrer von der Weisheit des Geist­lichen, den uns B. in seinemStammhalter" kennen lernen ließ. Nicht jedem berufenen Vertreter des Wortes GotteS ist es gegeben, heilendes, aujrichtendeZ Lebensöl in die Wunden der seelisch Bedrängten zu gießen. Tie un­begreifliche Unklugheit dcs Seelsorgers, den uns die letzte Novelle des Buches vorsichrt, treibt eine in heißer Auswallung vom Pfade der Tugend und der Pflicht abgewichene liebevolle und herzeilswarme Amtier unbedacht in den Tod, obwohl er sehr wohl bic Mittel in Hand hm, sie zur rechten,Buße und zurück zum rechten Wege zu leiten. Und die Mutter fände so Gelegen-- heit, um voraussichtlich allerdings vergeblich Verständnis

Die ehrliche Absicht muß man glauben. Und ui Tele­grammen, die Politiker verschiedener liberaler Richtung als Begrüßung sandten, und aus den Reden, die ReichStagSabg. Wölzl-München, Vertreter der lib. Landespartei Elsaß- Lothcingens, der württembergischen Jungliberalen und der badischen Demokratie, sowie Pfr. Korell als Vertreter der LinkSliberalen Hessens hielten auS diesem allem klang deutlich daS Vertrauen heraus, daS den ehrlichen Absichten deS Vereins entgegengebracht wurde. Freilich wurde dies Vertrauen an die Bedingung geknüpft, daß der Verein in Gemeinschaft mit den Parteien, nicht ohne und nicht wider sie, seine Ziele zu erreichen strebe, damit seine Tätig­keit nicht zur Zersplitterung deS Liberalismus führe, wo er seiner Einigung und Stärkung dienen solle. Diese Mahnung möchten auch wir mit besonderer Eindringlichkeit wiederholen. Der künftige Weg des ftiationalvcremS birgt allerlei Klippen, die glücklich überwunden sein wollen. Eine wohlwollende Haltiing, die z. B. auch kürzlich der ReichStagSabg. Kopsch auf dem Parteitag der Freisinnigen in Baden-Baden ein­genommen hat, ist ihm von Seiten eines großen Teiles deS LinkßliberaliSmuS gewiß. Seine Arbeit soll zum mindesten nicht gehindert werden und eS ist sehr zu wünschen, daß recht viele Mitglieder der lib. Parteien sich ihm anschließen als Einzelne. So wird der liberalen Einigung der Boden be­reitet in gesunder stetiger Entwicklung.

Dcr außerordentlich gute Besuch aber wie eS in der »Neuen bad. Landesztg." heißt, füllten bei der SamStag- abend-Vcrsammlung wohl 2000 Menschen den Heidelberger Versammlungssaal und der hohe Mitgliederstand von über 2000 nach kurzer Zeit deS Bestehens sichern dem Verein Achtung und Beachtung in der Oeffentlichkeit.

Zur Luge.

Der »Reichsanz.^ gibt bekannt:

Dem Staatssekretär Staatsminister Graf Posadowskh wurde die nachgesuchte Dienstentlassung erteilt und er wurde von der allgemeinen Stellvertretung des Reichskanzlers entbunden. Staatsminister Dr. v. Bethmaun-Hollweg wurde zum Staatssekretär des Innern ernannt.

Der preuß. »StaatSanz/ gibt bekannt:

Dem Staatsminister Grafen Posadowsky und demStaats- minifter des Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und Medi- zinalangelegenheiten v. S t u d t wurde unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsminifters die nachgesuchte Dienstent­lassung erteilt, letzterer zugleich aus besonderem aller- höchsten Vertrauen auf Lebenszeit ins Herren­haus berufen. Staatsminister v. Bethmann-Hollwea wurde unter Entbindung von der Verwaltung des Ötimfteriumd des Innern zum VizeprafidcntendesStaatsminifie- r i u m s, der bisherige Oberpräfident von Ostpreußen v. M o l l k e zum Staatsminister und Minister des Innern, ber bisherige Unterftaatssekretär int Ministerium der öffentlichen Arbeiten Dr. Holle zum Staatsminister und Minister der geistlichen, Unter­richts- und Mebizmalangelegenheiten ernannt. Dem Staats­und Finanzminister v. Rheinbaben wurde der Schwarze Adlerorden verliehen._______________________________

und Verzeihung bei ihrem Sohne zu erbetteln. Viel eher scheint mir, ' ähnlich wie in DreyersSiebzehnjährigen", dec 9Jiuttcr Sohn dem Verzweifluugstode verfallen. Und für vollends un­glaublich halte ich es, daß dieser Sohn nach dem gewaltsamen Ende seiner Mutter, deren Tod der Pfarrer auf dem Gewissen! fyat, es noch über sich zu gewinnen vermag, dem Pfarrer gute Worte zu geben. Ich verstehe überhaupt den Mcrrrer nicht und das völlige Ausbleiben einer Selbstbezichrigung der Schuld am Selbstmorde dcr unglücklichen Frau. Schließlich meine ich, daß puch unter den dargestellten Verhältnissen mit dem Tode der Bäuerin die Novelle erheblich stimmungsvoller abschlösse, als mit dem vom Dichter noch beliebten Zusatze.

Im übrigen aber Hal auch diese, ja gerade diese Novelle, ebenso wie die tief erschütternde Heine Tragödie vomSchmerzens- k in de", die mis mächtig ans Herz greift und uns Tränen innigen Mitgefühls in die Augen zwingt, wenn ihr vielleicht auch die Ein­heitlichkeit fehlt, alle die Vorzüge Bockscher Tarstellungskunst: den so ganz diejcn Charakteren iuie ihrer Heimaterde entsprechen­den kargen Stil, dte fo ungemein kncyipe, kurzsätziae Ausdrucks­weise, die frischblütige Anschaulichkeit, die zugespitzle Bündigkeit der Kompositton, die Klarheit und Präzision der Tarstellung. Auch die allenthalben sparsame Anwendung dialektischer Ausdrücke und Redeftgureu zeugt von gutem Geschmack.

Einwendungen ließen sich freilich gegen den Titel des Buches erheben. »Hefsenlufi^ atmet allerdings das ganze Buch und dadurch rechtfertigt sich feine Bezeichnung. Aber es birgt die Hessenluft doch noch eine solche Fülle anderer Charaktere und anderer Leiden» fchaflen als die hier im wesentlichen dcrrgesteüten, daß der ver- aUgemeinembe Titel zu Mißbeutungen Anlaß geben kann.

Plag man sich auch zu ber Gewagtheit ber hier mitunter ge­wählten Themata verhalten wie man wolle, so fegen wir bnh, daß Bock mit biesem Buche in ber Kunst ber bichterischen Dar­stellung, in Komposition unb Konzeption eine bisher noch nicht er­langte Höhe erreicht hat. JebenfaUs zeigt auch dieses Buch, wie manches andern Autors tüchtiges Werk, daß ein Dichter zumeist nur bann sortschreüet, wenn er sich und seiner Heimat treu bleibt.

Die Bauernseele ist ein eigen Ding; ihre Untiefen und Strömungen, ihre Rätsel, ihre Güten unb ihre Harten, ihre Leiben- schasten unb Lütte sinb meist nur Eingewerhten erkennbar; dazu birat sie zu viel bem Städterauge fremde, schwer verständliche, ja manche feindselige Elemente. Wer sie recht verstehen will, muß lieben können unb verzeihen können wie ste, und fo etwas wie einen rück­wärts gerichteten Blick besitzen, ber tief ins Volkstum unb seine Werdearr hineinsieht. Dem erscheinen bie guten unb bösen Eigen­schaften, bte äußerlichen Ecken unb Schroffen, bie verborgene Zart­heit und die oft wilde unb jähe, die Folgen nicht ermeßende Leiden- schaftlichkeit, als Aeußerungen eines einheitlichen, pähem Boden erwachienen Charakters. Alfred Bock ist ein solcher die Heimaterde verslehender Seelenkenner seiner oberhessischen VollSgenossen. So ward er zum Bauerndichter unserer Tage.

Hoffentlich verliert Bock niemals, wie Holzamer, bie innere unb äußere Berbinbuug nut der nährenben, Kraft unb Einheit unb Ruhe -gewährenben Heimaterde, ber der Mensch mit aller Kulluv- unb GeistesfreiheU boch niemals entwächst und bte ihn an ihrenr zugleich unsichtbaren und unzerreißbaren Bande jesthaU, -o.