Ausgabe 
23.2.1907 Erstes Blatt
 
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Kie gereinigte «Linke.

Tie Beschlüsse über ein Fraktion S-Kartell der tzreis. Volkspartei, der Deutschen Volkspartei Knd der Freis. Vereinigung sind zweckmäßig, weil sie durch eine kluge Beschränkung auf daS zunächst Erreichbare Gewähr für die Dauerhaftigkeit der Vereinbarungen bieten. 6lnf dieser Grundlage konnte unschwer eine einmütige An- nähme herbeigeführt werden. Vorläufig ist keine Ver­schmelzung der drei Parteien erfolgt; man will es einer ruhigen Entwicklung überlassen, die Verschmelzung zustande zu bringen. Es ist schon viel erreicht mit dem Beschluß, gemeinsame Fraktionssitzungen abzuhalten über Negierungs- Vorlagen, über Anträge und Interpellationen, Petitionen und Wahlprüfungen, und wenn ferner festgesetzt wird, daß für die Stellung von freisinnigen Initiativanträgen, sowie für die Besetzung der Kommissionen die drei Gruppen als Fraktions­gemeinschaft miftretcn, so kann aus dieser Geschlossenheit manches dem Liberalismus nützliche Nesultat hervorgehen. Aber es war durchaus geboten vom Standpunkt der Wähler auS, den einzelnen Fraktionen Selbständigkeit und BewegüugS- freiheit zu belassen. Ausdrücklich ist das Recht der Fraktionen anerkannt, gesonderte Beratungen abzuhalten und von diesen Beratungen den befreundeten Fraktionen nur insoweit Mit- teilung zu machen, als Beschlüsse über gemeinsam zu oer- handelnde (und, so läßt sich hinzufügen, gemeinsam durch- zufechtende) Angelegenheiten gefaßt werden. Diese besonderen Fraktionssitzungen werden beispielsweise in Betracht kommen überall da, wo noch nicht die für ein Vereint marschieren ynb Vereint schlagen notwendige Uebereinttimmung der Auf- sasiung besteht. ES erleichtert die Verständigung, zunächst in kleinerem Kreise von Gesinnungsgenossen daS Für und Wider zu erörtern und Unstimmigkeiten zu beseitigen. Gelingt aber das letztere nicht, so sind wenigstens die befreundeten Fraktionen durch Mitteilung der Beschlüsse rechtzeitig unterrichtet, wohin der Weg geht, so daß sich immer noch die Mittel finden lasten, Meinungsverschiedenheiten vor der Oesfentlichkeit nicht gerade in Beleuchtung zu rücken, ein Schauspiel, das wieder­holt ebenso dem Ansehen der Freis. Volkspartei wie der Freis. Vereinigung schadete.

Bewährt haben sich die seit längerem üblichen gemein- samen Fraktionssitzungen der Freisinnigen Volkspartei und der Deutschen Volkspartei. Es ist kein Grund, anzunehmen, daß durch den Hinzutritt der Freis. Vereinigung die Verhandlungen einen minder harmonischen Verlauf nehmen sollten. Das wäre allenfalls dann zu besorgen gewesen, wenn Dr. Barth aufs neue ein NeichstagSmandat erhalten hätte. Dr. Barth, mit seiner immer noch nicht abgekühtteu Vorliebe für die Sozial­demokratie, mit seinen Theorien über die Nützlichkeit eines Zusammengehens mit ihr, würde vermutlich nicht ohne störenden Einfluß auf die Einigkeit gewesen sein. Personen von dieser Energie der Ueberzeugung weist das freisinnig-oolkSparteiliche Fraktionskartell nicht auf. Der Abg. Naumann wird prakt. Politiker genug sein, einer Verständigung mit der Sozial­demokratie unter den gegenwärtigen Umständen nicht das Wort zu reden. Die .Kreuzztg." glaubt zivar, daß die National­sozialenihren Lieblingsplan weiter verfolgen werden* *. 9lbcr das ist konservative Spekulation auf Differenzen in dem neuen Kartell.

Nun muß man abwarten, wie die drei Fraktionen zu- fammenarbeiten. Der Erfolg ermutigt auch in der Politik, Gedanken in die Tat umzusetzen, die zu anderen Zeiten für undurchführbar erachtet worden sind. Die national- liberale Partei mag es eines Tages der Erwägung wert halten, ob nicht der gesamte Liberalismus durch ein parlamentarisches Zusammenwirken eine wesentlich gesteigerte Kraft entfalten könne.

Parlamentarisches.

Berlin, 22. Febr. Ter wirtschaftliche Ausschuß tritt in den nächsten Tagen im Reichsamte des Innern zu einer Beratung zusammen, <u,m sich mit dem neuen Handelsver /> trage mit den Vereinigten Staaten zu befaßen.

Ter Abg. Roeren, Oberlandesgerichtsrat in Köln, hat seinen Abschied aus dem Staatsdienst erbeten.

Die beiden Reich stags-Vize-Präsidenten. H-rmenn aasche, Dr. Phil., ist am 24. Februar 1851 zu Burg [; i Ma d bi rg geboren, war erst Landwirt, dmn Professor der Nationaiölonomie, zuletzt an der Teckm. .Hochschule in Bernu, schied aber vor einiger Zeit aus dieser Stellung. Er ist Mitglied des preuß Abgeordnetenhauses und seit 1881 und später wieder seit 1893 Mitglied des Reichstages. Johannes Kaempf, der Abgeordnete des ersten Berliner Wahlkreises, i)t am 18. Februar 1842 zu Nen-Ruppin geboren. Von 1871 bis 1899 war er Direktor der Bank für Handel und Industrie, von 1887 bis 1892 ,md von 1896 bis 1899 auch Stadtrat von Berlin, seit 1901 Stadtverordneter. Wegen seiner Verdienste um die Gemeinde­verwaltung erhielt er den Titel eines Stadtältesten. Er ist Prä­sident der Aeltesten der Kaufmannschaft in Berlin und des Deut­schen Handelstages und gehört dem Reichstage seit 1903 an.

Die Fraktionen des Reichstages haben sich säst sämtlich konstituiert. Wie verlautet haben sich alle Reichs- tagsabgeorduet'N bis auf zwei, nämlich den Erbprinzen zu Hoben- lohe-Langenbnrg und den Dänen, einer Fraktion, sei es als Mit­glieder, sei es als Hospitanten, angeschlossen. Die national- liberale Fraktion hat gewählt zum ersten Vorsitzenden Bas­se r m a n n , zu dessen Stellvertreter Frhrn. v. H e y l, zum zweiten stellvertretenden Vorsitzenden Dr. B l a n k e n h o r n , zum Ge­schäftsführer Graf Oriola, zum Kassenwart Dr. Sem ter. Außerdem gehören dem Vorstände an die Herren Abgg Boltz, Prinz zu Schönaich-Carolath, Dr. Hieber, Dr. Paasche und Sieg.

Das Zentrum beabsichtigt eine Interpellation belr.ffend den französischen Kulturkampf emzubringen. Diese In­terpellation soll damit begründet werden, daß mit deutschem Gelde erbaute Kirchen in Frankreich wie die Kirche in Havre und die St. Jvsephskirche in Paris von der französischen Negierung mit Beschlag belegt worden sind.

* Ko tillon bei Hof. lieber den Krtillon bei dem jüngsten großen Kostümball beiKronprinzens" lesen wir in derB. Z. a. M.": Zuerst wurde ein Zigeunerwagen in den Tanzsaal gefahren, auf welchem eine große Anzahl weißer Holz- knbel befestigt war. Für jede Dame war einer dieser Kübel be­stimmt. Er wurde neben ihren Platz hingestellt und sollte dazu dienen, die Kotillontrophäen anszunehmen, damit sie nach dem Ende der Festlichkeit unbeschädigt nach Hause befördert werden könnten. Nun ging's loö! Lustiges Schellengeläut erklang, und der Vortänzer erschien mit einem schneeweißen Schlitten, der als erste duftende Gabe Maiglöckchen mit Silberschleifen brachte. Da­rauf folgten, zu einer Pyramide aufgebaut, Direetoirestabe, an denen Mosrosensträuße mit rosa Schleifen befestigt waren. Als dritte Nummer wurde ein riesengroßer rosa Rosenbaum durch die hohen Flügeltüren Igcrollt, >an welchen die Sträuße abgepslückt werden mußten. Ihm folgte ein Biedermeier-Baum, besät mit Veilchen­sträußchen und Goldschleisen. Zum Schluß crs hien ein Nelkenkorb auf Nädern, und in ihm waren rosa Nelken mit rosa Schleifen aufgehäuft. Die Schleifen für die Herren trugen teils die mecklen­burgischen, teils die brandenbiirgischen Farben. Die ersteren waren auf einem undefinierbaren Tier befestigt, das in vergrößertem Format den Lieblingsterrier der Kronprinzessin darstellen sollte. Dieses Geschöpf war in seiner plastischen Wiedergabe ein komisches Mittelding zwischen Hund, Kalb und Schwein und erweckte stille Heiterkeit. Dagegen wirlt'e höchst imposant der mit unzähligen Schneebällen behängte Niesenschneemann in Weißrot, der seinen Biedermeier-Zylinder verwegen auf die Seite gestülpt hatte. Auf einem Valle, der vom Prinzen und der Prinzessin Eitel-Iriedrich in Schloß Bellevue veranstaltet wurde, wickelte sich der Kvtillon in ähnlicher Art ab. Hier wurden als Aufbewahrungsort der späteren Geschenke Schwarzwälder Span- körbe gereicht, die an einem Henkel die blauroten Farben Olden­burgs, an dem andern die schwarzweißen Preußens in Seiden- schleifen trugen. Auf einer verkleinerten Kvpie des Riesenschaukel- rades der Pariser Weltausstellung waren kleine Körbchen befestigt, deren Inhalt aus Veilchen, Maiblumen und Rosen bestand. In weiteren Touren waren die Sttäuße von einem Mimosen-Baum und einem Biedermeier-Baum mit rosa Rosen gepflückt. Die Stock-Pyramide, bestand aus hohen weißen Spazierstöcken, an denen Sträuße von violetten Parma-Veilchen befestigt waren. Ein fau­chender schwarzerUeberkater" sowie einZwergelefant" trugen die Schleifen für die Herren.

* M.-Gladbach, 23. Febr. Die Zollbehörden deckten einen großen Viehschmuggel auf, der sich als jahrelang1 betriebener und großzügig angelegter Schmuggel herausstellte. Holländisches Vieh wurde bei Weldenrath über die Grenze gebracht mit falschen Versandtscheinen. ES handelt sich tun mehrere tausend Stück Rindvieh. Zahlreiche Bauern und Viehhändler wurden verhaftet.

Eine Scheintote? Vor zwölf Tagen starb in San Remo die 21jährige Russin Iakina Wagner, die erst vor kurzem geheiratet hatte, Ter Leichnam wurde in Erwartung, daß die Verwandten zur Beisetzung kommen würden, in der Toten Halle aufgebahrt. Merkwürdigerweise hat bis heute die Tote ihre natürliche Frische bewahrt. Die Lippen sind rot, der Körper ist schneeweiß. Tie Augen, die geschlossen waren, öffneten sich und zeigen ihren natürlichen Glanz. Der Gatte, der sich von der Leiche nicht trennen kann, und ganz San Remo glauben, daß die junge Frau nur scheintot sei. Der Arzt jedoch hält dies für aus­geschloffen.

Landwirtschaft.

Tas Ausarten des Getreides, das die Ernten sehr stark im Ertrage herabsetzt, ist dem Landwirte eine bekannte Erscheinung. Sie tritt besonders dann auf, wenn ein und dieselbe Sorte zu lange nacheinander angebaut wird, ja nach einer Reihe von Jahren auch dann, wenn das Getr ide vorzüglich akklimatisiert war. Die Körner werden leicht, meist mißfarbig, Krankheiten, besonders Brand und Rost treten immer verheerender auf, die Neigung zum Lagern erhöht sich sehr. Tiefen Mißerfolgen kann nur durch Saatgutwechsel abgeholfen werden. Die Landwirte sollten aus diesen Gründen den Wechsel des Saatgutes nicht versäumen, da sie hierdurch nur die Garantie haben, ihre Kosten entsprechend vergütet zu haben. Beim Bezug von neuem Saatgut ist aber große Vorsicht geboten. Man wende sich nur an solche Quellen, wo man gewiß weiß, reines, sortenechtes, unkrautfreies, für den in Frage fommenben Boden auch passendes, Saatgut zu mäßigen Preisen zu erhalten. Dies erfüllt sich in erster Linie beim Ankauf des Saatgetreides durch die Saatvermittlungsstelle des Hessischen Landwirtschaftsrats-Darmstadt, Neckorstraße 8, die den Interessenten lauch alle einschlägigen Auskünfte über die Wahl der Sorte, Bezug usw. gibt.

Telefonische Kursberichte

des Giessener Anzeigers, mitgeteilt von der Bank für Handel

und Industi Frankfurter Börse, 3%®/o Reichsanleihe . . 97.40 3% do. . . 85.90 3Jt0/e Konsols .... 97.45 3% do 86. 3 XA °/0 Hessen . . . . 9630 8>$e/0 Ob erliessen . . . 95.50 4?6 Oesterr. Goldrente. . 99.70 4/8 °o Oesterr. Silberrente 100.10 4üo Ungar. Goldrente . . 95.55 456 Italien. Heute . . . 103.30 3 96 Portugiesen Serie I . 69.30 396 Portugiesen III 70.20 VAX russ. Staatsaul. 1905 90.60 VAX Japan- Staatsanleihe 92 40 4 96 Conv. Türken von 1903 96. Türkenlose 145.1 196 Griech. Monopol-Aul. 51 50 A% äussere Argentinier . 87.40 3°/0 Mexikaner . . . 66.95

4 >6% Chinesen .... 97.70

Aktien:

Bochum Guss 289.50 Buderus E. W . ... 124. Tendeuz: schwach.

Berliner Börse, 23.

Canada E. B 186.40 Darmstädter Bank . . . 137.10 Deutsche Bank .... 243.30 Durtiuuuder-Uuion C. . . 84.20 Dresdner Bank . . . 156.

Tendeuz: schwach.

le. Glessen.

23. Februar. 1.15 Uhr.

Elel<triz. Lnhmeyer . . . 139.00 Elektriz. Schlickert . . 117.40

Eschweiler Bergwerk . . 247. Gelsenkirchen Bergwerk . 211 40 Hamburg-Amerik. PaketL 149.20 Harpener Bergwerk. . . 218.50 Lanrahütte 242.30 Nordd. Lloyd 129.10 Obeischles. Eisen-Industrie 115.50 Berliner Handelsges . . 172.80 Darmstädter Bank . . . 137.80 Deutsche Bank . . . 242.80

Deutsch-Asiat. Bank . . 172. Diskouto-Kommaudit. . . 183.70 Dresdner Bauk . . . 156.30 Kreditaktieu 214.20 Baltimore- und Ohio-

Eisen Lahn . . . 115.20

Gotthard bahn .... Lombard. Eisenbahn . . 3170 Oesterr. Staatsouhn . . . 146.70 Prince-Heuri-Eisenbahu . 144.

Februar. Anfangskurse.

Harpener Bergwerk. . . 218.20

Laurahütte .... 242.40 ..ombarden E. B. ... 31.60 Nordd. Lloyd 128.90

Türkenlose . ... 145.60

Sprache hat sie noch auzuslreben. Olivia gehört zu den großen Damen, die, wenn sie lieben, sehr klein werden, zu den Klugen, die in der Leidenschaft starker Dummheiten fähig sind. Es gelang Frl. Sch. recht nett, das widerstands­lose Hingczogensein zu Cesarw hcrauszubringen, sodaß ihre Liebeserklärung stolz und schamhaft klang.

Herr Goll fand für den Herzog die richtigen Töne der Schwermut und zeigte sich auch sonst wie immer seiner Auf­gabe gewachsen. Die feine Atmosphäre von der spleenigen Verträumtheit eines hohen Herrn deutete er wenigstens an. Im letzten Aufzuge freilich versagte er, zeigte er namentlich kaum etwas von Erstaunen über die den Herzog doch völlig verwirrende Aufklärung der Teilung seines Cesarw, kaum etwas auch von der plötzlich ihm zum Bewußtsein dringen­den Liebe zu feinem vermeintlichen Pagen, zu Viola. Dem ganzen letzten Aufzuge fehlte eben durchweg eine Probe mehr; es ging da manches nicht mit rechten Dingen zu, vornehmlich ^wußte die Statisterie nicht aus noch ein.

Der ewig angesäuselte wciufröhliche Junker Tobias ist eine Vorstudie zu dem Falstaff. In Erscheinung, Wesen, Fornr ist Herr B a k o f dazu wohl geeignet, unter Zuhülscnahme der unentbehrlichen Falilaff-Iugredieutien, ebenso im Ton, und was die Ungezwungenheit des Humors, die Freiheit in der Betätigung des Naturells betrifft, so ist Herr B. draus und dran, sic zu erringen. Den größten Heiterkeitserfolg hatte mit Recht die gerade von ihm meisterlich mit grandiosem Humor durchgeführte Trinkerszene. Herr Lippert gab seinen Maloolio, diesen aufgeblasenen, selbstzufriedenen Pha­risäer, mit unerschütterlicher Grandezza in einer charakteristi- scheu Maske. Wie ein Pelikan stolzierte er in seinen rot bebänderten gelben Strümpfen einher. In Ton und Wesen kennzeichnete er den eitlen Narren ganz vortrefflich, sodaß auch im Zerrbild der Mensch noch lebendig blieb. Freilich ließ er den Malvolio etwas zu alt erscheinen und in der großen Szene, in der ihm der Liebesbrief versetzt wird, sollte er sein im ganzen vorzüglich durchdachtes und einheitlich durchgeführtes Spiel mehr zusammenziehen, sonst ermüdet die Selbstgefälligkeit MaloolwS trotz aller jokosen Tollheiten der Hinterm Nosenbusch Versteckten. Die Nolle der Maria gab Frl. Win berste in. Diese niedliche junge Anfängerin ist ersichtlich stets nut großem Eifer bet der Sache. Kurz und keck und kokelt in ihren Bewegungen gebricht es ihr nicht an Reiz. Ihr hohes, Helles Sümmchen paßt zu ihrer ganzen Zierlichkeit und so ivird sie denn wohl in kurzem eine ganz annehmbare kleine Naive sein. Tie Nolle der Maria liegt ihr ja noch nicht recht. Dazu gehört größere Reife und viel mehr neckischer Uebermut. Frl. W. gab sie

zudem ein klein wenig geräuschvoll. ES war zuweilen mehr angestrengter Eifer als innere Vergnügtheit in ihrem Lachen, ihrem Ueberinut. Geiviß aber war zum großen Teil die Befangenheit des ersten Versuches an solcher noch nicht ge­eigneter Aufgabe daran schuld. Necht drollig im traditionellen Geiste der allenglischen Komödie, also ohne eigenen schöpferischen Humor war der dämliche und feige Jilnker Christof von Bleichemvang (warum m aller Welt nannte man ihn den ganzen Abend über Andreas?) in der menschenunmüglichen Karrlkatur des Herrn Gronert. Es ist nicht zu leugnen, daß die Vermenschlichung des Malvolio durch Herrn Lippert lind die Farce des Herrn Gronert eine Stilverschiedenheit bedeuteten, die freilich gegen die von den ernsteren Darstellern vertretene Nealislik unbeträchtlich war. Wahrheit und Märchen, sllmmungsvolle Romantik und toller Possenulk traten einander den 9lbenb über förmlich aus die Füße. Wie einen goldenen Bogen hat Shakespeare darüber südländische Grazie gespannt.

In dieser Welt der Tollen, Narren und Verliebten ist zuweilen der Becufsnarr der Vernünftigste unter den Gestalten, die der Dichter in übermütigster Laune geschaffen hat. Ihn verkörperte Herr 9t ei in er mit allzu großer Wortbehendhcit auf Kosten der köstlichen Shakespcareschen Sentenzen, aber mit gefälliger körperlicher Geschmeidigkeit und guter Gesamt- charatterislit, voller Humor und Geist. Seinem an die Zu­hörer gerichteten weltweisen Epilog, daß ihnen das Spiel täglich gefallen möge, schien in dem einmütig gespendeten Beifall am Schluffe eine dankbar bejahende Antwort zuteil zu werden. P. W.

Intendant Aloys Prasch ist am Freitag in Prag gestorben. Er hat den Zusammenbruch seiner Direktion im Theater des Westens" zu Berlin nur um wenige Atonale über­lebt. 1893 war er zum Chef des Mannheimer Hostheaters berufen worden und 1895 übernahm Paasch dasBerliner Theater". Erst als er dasTheater des Westens" mitübernahm, um es alsGoethe-Theater" zu einer Filiale desBerliner Theaters" zu machen, wurde er ein Opfer dieser Doppel-Direktion. Er geriet in Schulden, dasBerliner Theater" kam an ein Kon- l'ortium, dessen Angestellter Prasch wurde, und eines Tages fand sich dieses Konsortium veranlaßt, Prasch durch einen Direktor zu ersetzen, aus den es größere Hoffnungen richtete. Nach längeren Gastspielen übernahm Prasch zum zweiten Male dasTheater des Westens", das ihm wieder zum Verderben wurde. Ohne alle materiellen Mittel, oft auf Wucherkredit angewiesen, führte Prasch hier einen Verzweislungskampf, in dem er schließlich geschäftlich wie körperlich zusammenbrach. Ihn betrauert seine Gattin, Frau Prasch-Greoenberg, die auch in Gießen bekannte anmutige und humorvolle Bühnenkünstlerin.

Der Erstaufführung des Richard Strauß scheu MusildramasSalome" in der Kgl. Hofoper zu Berlin widmet in dem 11. He^te derModernen Kunst" (Verlag von

Rich. Bong, Berlin W. 57) Komponist und Musikschristftellev Heinrich Vollrat Schumacher einen Artikel, dessen Reize durch Fritz Gehries Zeichnungen, Episoden aus der Ausführung wieder- gebend, erhöht werden. Von eigener. Wirkung ist auch, wie der Künstler denSalome"-Nomponisten im Lampenlichte der Bühne an seinem Dirigentenpulte zeigt. In einem zweiten, illustrierten AufsatzAlso spricht die Göttin Radha" kommt Ruth St. Denis, die Tänzerin und Mimikerin, zu Wort, wahrend ein dritter, mit Bildern geschmückter Artikel von Alex Braunschild demneuen Rathause in München" gilt. In die Zett der aiten Griechen und fjiömet versetzen den Leser drei Holzichnitte von E. Forti und F. A. Bronnikow, Und an der Hand von Jagdbildern des Malers Wywwrski erzählt Freiherr von Tincklage-Campe vonElchen und Elchiagden".

M ä r -". Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Heraus­geber: Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Albert Langen, Kurt Äram Zweites p-ebruarhe,t 1907. Preis 1.20 Mk., im Abonne­ment das Quartal (6 Hefte) 6 Mk. Verlag von Albert Langen m München, ^/as vierte Heft desMärz" beweist aufs neue, daß wir es hier nicht mit. eine-m Blatt, wie es viele gibt, zu tun, haben, sondern day diese Neugründung des Langenschcn Verlages tatiachlich etwas Neues darstellt. Eine Revue von solcher Viel, seitigkett, Beweglichkeit und namentlich solcl-er Attualität bc|onbcri auf dem Gebiete der Politik hatten wir in Deutschland bisher nad) nicht. Hest 4 wird durch einen Aussatz des sranzösisckren Sozralistensuhrers Jean Jaurös eingeleitet, derAbsolu. t t s m u s oder parlamentarisches Regiment" betitelt ist und sich nut dem Ausfall der d e u t s ch e n R e i ch s t a g s w a hl beschasttgt. Ter französische Genosse rät der deutschen Sozial- bemohatte dringend einen energischen Bruch mit dem Zentrum unb ein Zusammengehen mit der bürgerlichen hin­ten an. Nur von einem solchen Vorgehen erwartet er die Auf­richtung einer wirklich parlamentarischen Regieriing in Deutsch- (ÄtnS Sozialdemokrat, der betannta

Retchtagsabg. Wolfgang Herne, kommt in feinem Artikel

-1 0 8111 b e m o F r a t i e und ihre Mitläufer" im

wesentlichen zu ähnlichen Resultaten. Graf von Hoensbrocch bekanrptt perwnltch liebenswüroig, sachlich aber scharf Adolf Har- nacks bekannte, gelegentlich der letzten Kaisers-Geöurtstagsieier getanen Aussuhrungen über den Katholizismus. In dem Aussatz Russische^Anleihen" macht ein aufs beste informierte?

sTa Enthüllungen, die geradezu ungeheuerlich klingen und das grötzte Aussehen machen müssen. Kurt Äram hat &.rblc Kummer einen scharfen Essay Max Reinhardt unh -Allliam Shakespeare' bcigefteuert R. H. Trance einen ent*ürfcnb anmutig geschriebenen botanischen AufsatzVom Wald, Moo^ Heiderich und von kühnen Gedanken." Otto Flake eine tief- Von^chdi^Dd!,^? elsässische Frage als Lulturproblem." Lon Ludwig Thoma bringt das Hest eine humorvolle 3uqent>- crinnerung ^,,xer westfalische Glaubensbote", ferner den Schluß bon v.)b Schasiners ausgezeichneter Erzählung Der Altgeselle": de" "Nb schließlich k^e ÄWung

r'irfi lC-ntajLf üon ^rl Borromäus. Sehr

5- ' v>.stillt sind wuder die RubrikenRundschau" undGlossen", p11 lnapper, prägnanter Form aktuelle Fragen aus allen öfsent- lw^CVietLS>Cn ?ehietcn behandeln Em Abonnemeitt d2 "Marz kann dringend empfohlen werden.