Nr. 146
Zweites Blatt
157. Jahrgang
Dienstag 25. Juni 1907
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag-.
Die „Sietzener ZamlttenblStler" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreist latt für den Kreis Sletzen" zweimal wöchentlich. Der „hessische Landwirt' erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Cberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Vrüblichen Unioerftlätl • Bruch- und vremdruckeret.
9t Laag». Bietzen.
Redaktion. Lxvedttwa and Drucker»», Schul- stratze ?. Srpebition und Vertag i E-GO dl. Redaktion: 118. Tell-Adr. ria^eioerBretz«.
Ira
losen 2lrbeiter durch gesetzliche Maßnahmen und Selbsthülse.
Aus dieser wirtschaftlichen Grundlage baut sich dar ungeheuer reich- und vielgestaltige System der geistigen AuswättS- entwicklung der Arbeiter und ih«r Ei.wrdnung in die Gesellschaft aus.
Dazu rechnet besonders:
i. Tie Bollbcrechtigung der Arbeiter in Reich, Staat und Gemeinden, hauptsächlich durch eine Demokratisierung der Wahlrechte und Heranziehung von Arbeitervertretern zu allen GesetzgebungS-und Verwal- tungsaufgaben.
2. Tie tymgate der vollen Selbstverwaltung aller Einrichtungen, die, wie Arbeiterkammern, Arbcitervrr- sicherung u. a., für die Arbeiter geschaffen sind.
3. Tie durch keinerlei burcaulratische Maßnahmen gestörte Entfaltung des Arbeiter-Genossenschaftswesens.
4. Tie Verbesserung der Schulbildung und erleichterte Benutzung aller B ildu n g S an st a lte n.
6. Tie gleichberechtigte Mitwirkung der Arbeiter bei Festsetzung und Abänderung der Arbeitsbedingungen.
6.Tie fortschreitende Verkürzung der Arbeitszeit, um den Arbeitern die nötige Muße zur vollen Llusnutzung der genannten Freiheiten zu verschaffen.
Es sei möglich, daß der Liberalismus wieder große Teile der Arbeiterbewegung und besonders der gelernten Arbeit gewinnen könne, wenn er von seinem Standpunkte aus die Arbeiterbewegung durchdenke, ihr einen vollberechtigten Platz in seinen Reihen lasse und sie bewußt fördere. Ter Liberalismus habe sich im letzten Jahrzehnt mehr und mehr mit der sozialpolitischen Bewegung aus- gesöhnt, seinen rückständigen Standpunkt verlassen und sich den Traditionen seiner bedeutenden Persönlichkeiten genähert. Er müsse auch viel mehr die praktisches Ausübung des Koalitionsrechts als eine notwendige Waffe der Arbeiter erkennen lernen, statt in ihr stets nur eine volkswirtschaftliche-SchäDigung« zu sehen. Tie Arbeiter, tbc zur Sozialdemokratie halten, seien keineswegs alle überzeugte Sozialdemokraten. Tie Sozialdemokratie mache nicht mit dem Hinweis auf den Zukunftsstaat, sondern im eigentlichen"Sinne des Wortes mit den Forderung en des Liberalismus die Wahlen. TaS Ko alitio nsrecht, das Vereins- und Versammlungsrecht, sowie alle bürgerlichen Freiheiten überhaubt seien im wesentlichen dasWerk des Liberalismus. Es müsse dies nur im Volke verbreitet werden. Ter Liberalismus müsse populär werden. Er schließe mit den Worten: Einigkeit, um zu leben. Einigkeit zur wirt- schasllichen Sicherstellung, Einigkeit zur Schaffung politischer und geistiger Freiheit im deutschen Vaterlande. (-L-türrnisch«, lang anhaltender Beifall.)
Fabrikant Ko pp-Pirmasens: Ter Umstand, daß ein sehr großer Teil der deutschen Arbeiter den bürgerlichen Parteien feindlich gegenüberstehe, sei geradezu eine nationale Gefahr. Die politische Konstellation erfordere ein einiges deutsches Volk von Patrioten. Deshalb sei es erforderlich, die Arbeiter für diebürgerlichenParteienzirrückzugewinnen. Das Kvalitionsrecht müsse in vollem Umfange gewährt werden. Dafür müssen alle Arbeitgeber eiutreten, auf die Gefahr hin, dadurch Schaden zu erleiden. ES sei eine arge Rüch'tündigkeü, wenn man höhere Lohnforderungen, bessere Arbeitsbedingungen usw. als unberechtigte, anmaßende Forderungen zurückweise. Der Arbeitgeber habe ein großes Interesse (tut gut bezahlten, gut genährten, leistungsfähigen, qualifizierten Arbeitern. Wenn der deutsche Unternehmer feinen Platz auf dem Weltmarkt behaupten wolle, dann müsse er für Erhaltung qualifizierter Arbeiter eintreren. Bedauerlich sei es, daß von sozialdemokratischen Führern höhere Löhne und gleichzeitig verminderte Arbeitsleistung verlangt werden. Ties sei die Ursache sozialer Kämpfe. Diese seien nur durch vollen Ausbau des Kval'tionSrechtes zu bekämpfen. Es müßten soziale Einrichtungen geicliafsen werden, die geeignet seien, alle Klassengegensätze zu beseitigen. Die Sozialdemokratie führe eine
— Interessante Nachrichten über die Berufung Adolf HarnacksnachBerlin enthalt das Lebensbild des Marburger Konsistorialrats und Theologieprofessors Ernst Konstantin Ranke, eines Bruders des berühmten Historikers, das seine Tochter, die Gattin des Psychiaters Eduard Hitzig, entworfen hat. „Es sei mir gestattet," heißt es darin, „eine Mitteilung, die Minister v. Goßler mir machte, als im Jahre 1888 Harnaäs Berufung! nach Berlin so heftigen Wider spruch fand, daß sie beinahe zu einer Ministerkrisis geführt hatte, einzufügen: Wissen Sie wohl, wem ich den glücklichen AuSgang dieser Angelegenheit zu verdanken habe? Einzig und allein Ihrem Vater. Als es sich nämlich vor einigen Jahren darum handelte, Harnack nach Preußen (von Gießen nach Marburg- zu berufen, da hatte sich in gewissen Kreisen der gleiche Sturm der Entrüstung dagegen erhoben wie jetzt. Ich selbst, unsicher über die Richtigkeit meines eigenen Urteils, stand der Jraoe unschlüssig gegenüber. Ta kommt Ihr Vater zu mir aufs Ministerium und jetzt mir auseinander, daß und warum es aus wissenschaftlichen Gründen eine Pflicht der Regierung sej, diese Berufung zu vollziehen. Und da habe ich mir denn gesagt: wenn ein Mann wie Ranke sich in seinem Alter auf die Eisenbahn setzt, um mich von beti Haltlosigkeit meiner Vorurteile zu überzeugen, ein Manu, von dem ich weiß, daß er auf einem ganz anderen Standpunkt steht als Harnack, dann kann ich sicher sein: die Berufung ist das Richtige. Und da habe ich Ihren Vater aufgefordert, mir ein. Gutachten über Harnack zu machen, und mit diesem Gutachten in der Tasche bin ich zum ölten Kaiser gegangen und habe durch dieses dessen Zustimmung zu Harnacks Berufung err.icht. Und auch jetzt wiederum habe ich lediglich diesem Gutachten hie Päög- lichkeit seiner Berufung nach Berlin zu vechanken."
Fahlchrautz mit einer stimmungsvoll geschilderten „Strand- pattie" recht frische und eigenartige Leistungen geliefert haben. Reizvoll bleibt immer noch Eckenbrecher, der wieder eines seiner nordischen Motive sich gewählt hat. In der Umgebung Berlins hat Kurtzwelly für zwei in Farben und Stimmung trefflich gelungene Herbstbilder aus dun Park von Sanssouci Anregung gefunden. Auch Hochmanns „Abziehendes Gewitter" und Rummelspachers „Sandweg in der Heide" verdienen Beachtung. Von Seebildern seien erwähnt Beckers „Morgen nach dem Sturm", Krochs „Gefährlicher Punkt". Ter Dialer hat hier selbst "manche Gefahr seiner Aufgabe glücklich überwunden. Ganz prächtig ist W e n d e l s „Havelidtzll", zu loben auch Bohrdtö „Ungleiche Konkurrenz".
Ich lomme nun auf einiges Unerfreuliche zu sprechen, das sich Die eingangs erwähnten „höheren Genies" geleistet haben. Wir Jüngeren sind vielleicht schon wieder über die Zeit hinweg, da man sich ernsthaft Mühe gab, dem „tieferen Gedanken" des in die Irre gehenden Künstlers nachzuforschen. Es gibt auf Erden viele Tragödien des Daseins — zu den schlimmsten aber gehört wohl die, die Johann Bossard in elf Bildern vorführt. Auch Müllers „Bogenschütze" könnte besser gefallen, wenn der schöne Akt nicht durch die unnötige und häßliche Beigabe von zwei Vampyren beeinträchtigt wäre. To^h hätte ich eine nächtliche Vision gehabt, wie Jülich in seiner „Stillen stäacht", so hätte ich am nächsten Tage ein Verdauungspulver genommen, aber kein Bild gemalt. Ungefähr dasselbe kann auch von Arnolds „Sturm- nacht" gelten.
Ra|ch zu etwas Erfreulichem. Zu Peter Janssens beiden reizenden Kinderstudien, Klein-Chevaliers „Fischfang". Bei letzterem könnte freilich die lebhafte und anstrengende Bewegung der Figuren etwas stärker betont sein. Lebenswahr ist auch De t t- mannS Bild „Leute vom Meer" und Eduard Kämpfers Wasserfarbenmalerei, die Breslauer Bürger darstellt bei fröhlicher Kneipe mir -Soldaten Friedrichs des Großen. Ein ganzer Saal ist Arthur Kampfs "gewidmet. Seine Hauptgemälde führen Vorgänge aus dem Leben Ottos I. wirkungsvoll vor Augen. Von großem Interesse sind die zahlreichen Skizzen und Vorstudien.
In der P l a st i k beobachtet man mit einigem Vergnügen, wie die Künstler, angeregt durch moderne dramatische und musi5- dramatische Werke, entsprechende Vorwürfe gewählt haben. Für die Betrachtung ist das natürlich eine nicht zu vernachlässigende Herausforderung zum Vergleich. Besonders, roenn die einzelnen Schöpfungen so verschieden aufgefaßt sind wie in der Großen Berliner die salome. Einem psychologischen Zuge dieses interess. Problems werden ja alle Künstler gerecht, am meisten wohl Baumbach, der cs vielleichc am tiefsten und durchdachtesten verarbeitet hat. Auch die verschiedenen Kämpsergruppeir — so haben am Ende die „aufsehenerregenden Ringkämpfe" im Zirkus doch einen kulturellen Wett erhallen — verdienen Beachtung. Als besonders gelungen sind die Arbeiten Pfuhls „Kentaurenkampf des Theseus" und Segers „Kamps" anzusprechen. Ausgezeichnet gefällt Maniguets „Schwertträger", doch ist hier die Anordnungskommission zu tadeln, da sie die Figur so unglücklich in einen Lorbeerbaum Istneinpiazieii ^jt, daß -)-;=> große Publikum sich kaum über den Sinn des trefflichen Werkes klar wird. Eine stille Freude an plastischer Beobachtung und Wiedergabe spricht aus dem anspruchslojen und doch'recht hübschen Werte von A. M. Nielsen. Düs £udj dieses Mal oft vertretene Sujet der Mutt« Mit ihrem
Ale erste Tagung des DationaivLreins.
n.
Heidelberg, 22. Juni.
Ter Abendversammlung ging eine Lorstandssitzung voran. In dieser wurden u a. die Preßangriffe, insbesoiürere die der „National-Zeitung", als unberechtigt zurückgewiesen. Der Natwnalverein habe durchaus nicht die Absicht, eine liberale Richtung zu verletzen. Es müsse rede Kritik der Bergungmheit vermieden werden.
In der sich anreihenden Mitgliederversammlung gelangte solgende Erllärung einstimmig zur Annahme:
„Tie Mitgliederversammlung des Nationalvereins stellt mit Bedauern fest, daß eine nicht sür die Oessentlichkeit bestimmte Aeußerung des Generalsekretärs in der Presse so ausgelegt woroen ist, als ob der Njationalverein eine einseitige Richtung cinzuschlagen gedächte Tie Versammlung hat sich überzeugt, daß mit der crüwähnten Aeußerung kmeswegs eine Herabsetzung einer bestimmten liberalen Partei beabsichtigt war und bittet die Freunde der liberalen Einigung der mißverständlich aufgeffaßten Angelegenheit keine weitere Beachtung zu schenken. Ter Nationialverein kennt kein anderes Ziel, als die Einigung des Gesamtlibevalismus und wird alles vermeiden, was irgend eine der bestehenden liberalen Parteien verletzen könnte."
Generalsekretär Tr. Ohr-Tübingen sucht alsdann die Be- benfen zu zerstreuen, die gegen di: Neugründung des Nationalvereins von liberaler Seite erhoben worden seien. Vor allem werde Wert daraus gelegt, die rege Verbindung zwischen den einzelnen Berufsständen und dem Liberalismus zu pflegen. Viele politisch Jntercssiette, die aus irgendwelchen Gründen sich feiner Fraktion onschließcn wollen, aber doch sich zum Liberalismus bekennen, würden sich dem Nationalverein axv- schließen. Ter Rationplverein solle gewissermaßen eine Volks- akadernie für politische Bildung werden. Er solle den politisch-tätigen Liberalen die erforderlichen Kenntnisse vermitteln, die für politische Kümpfe unerläßlich seien. Es empfehle sich, die Führer der politisch-liberalen Aroeiterorganifationen in den rein politischen Vereinen sprechen u lassen und umgekehrt.
Prof. Tr. Goetz-Tübing i empfahl eine systematische Einteilung der Einwirkung auf die öffentliche Meinung.
Arteitersekretär Erkelenz -Tüsseldorf empfahl Errichtung von Ferienkursen für die politische Ausbildung! und Diskutierklubs.
langanhalteiider Beifall.)
Landgerichlsyat K u l e m a n n -Braunschweig: Liberal und sozial seien ein und derselbe Grundgedanke. Ec erinnere an das Kaiserwort: Wer wahrhaft liberal sei sei auch sozial. Ter Sozialpolitiker Tr. Freuiid in Berlin habe einmal gefügt: Tic Sozialdemolvatie sei der Klotz am Bein der Arbeiterbewegung. Was habe die Arbeiterbewegung mit dem Llntimonorchismua und der Irreligiosität zu tun'? Tas sei eiuxa dasselbe, als . roenn man beit Beitritt zu viner Aktiengesellschaft vom Besitz roter Haare abhängig machen wollte. (Große Heiterkeit.) Man dürfe sich nicht der Hoffnung bingeben, daß cs gelingen könnte, die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen. WaS dem Sozialistengesetz nicht gelungen sei, werde auch dem Liberalismus nicht gelingen. Wir leben in der Zett der Interessenvertretungen," deshalb erachte er eine Verschmelzung der Arbeitern mit de ti bürgerlichen Parteien süraus geschlossen. Er halte es aber für möglich, einen großen Verband zu schaffen, der mit liberalem und sozialem Geist erfüllt fei. Dadurch könnte nicht eine Verschmelzung, aber doch eine BundesgenossenschaftzwischendenÄrbeiternund dem bürgerlichen Liberalismus geschaffen werden. Anerkannte sozialdcnwkratische Führer haben ihm zugegeben, daß eine Umwälzung innerhalb der Sozialdemokratie mit Riesenschritten sich vollziehe. Singer habe auf einem Parteitag offen ausgesprochen: Gewisse sozialdenwkratische Forderungen liegen im FamiliewSilberfchrank, die nur bei besoiideren Gelegenheiten der erstaunten Menge gezeigt werden. Bebel klagte auf dem Dresdener Parteitag über dcn Sumpf, in den die Pattei geraten sei. Es sei kein Zweifel, trotz bet Niederlagen der Revisionisten gare es innerhalb der Sozialdemokratie und es beginne sich eine gewaltige Umwälzung zu vollziehen. Notwendig lei eine f € I b ft ä n o t g e Arbeiterpartei, aus dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung zu schaffen. Es sei Aussicht vorhanden, daß aus dem im Oktober ds. Js. in Berlin stattsinden- den Arbeilerkongreß dieser Gedanke praktische Gestaltung erhalten werde. Nicht die Bildung eines politischen Vereins, sondern eine reine Interessenvertretung schwebe ihm vor, vielleicht ähnlich beim Bund der Landwirte. ES wären alle biet ienigen Arbeiter ohne Unterschied ihrer polittschen Patteistellung zusammenzufassen, die nicht auf dem Boden der Sozialdenwkratie stehen. Shir eine reine Arbeiterpartei sei imstande, der Sozial benwFratie dauernd mit Erfolg Konkurrenz zu machen. Wer bet Ansicht sei, daß es einer bürgerlichen Pattei gelingen könnte, der Sozialdemokratie erfolgreich Konkurrenz zu machen, der verkenne das Zwangsgefühl des Klassenbewußtseins. Allerdings liege die Gefahr vor, daß die Mitglieder der neuen Arbeiterpartei in das Fahrwasser der Konservativen und des Zentrums geraten. Wenn aber Der Liberalismus auf der Hut sei, dann werde das verhindert werden und dann werde er sich ein dauerndes Verviensh erwerben. (Stürmischer Beifall.)
Nach der Mittagspause nahm das Wott Archivar Dr. Girü (Augsburg): Tie Arbeiterfrage, wie sie von den beiden ersten
Kinde wird auf ictec Ausstellung mit großer Liebe und wenig« wechselnder Aufsassur^ behandelt. Echt und ergreifend ist ab« Dörrenbachs „Mutter".
In der Architektur wird dem Besucher wenig und viel gezeigt, je nach der Ausfassung. Zum Glück sind die öden und schlechten Nachahmungen der Renaissance, ebenso die einst so verhimmelte, sogenannte „Raumdichtung" gewisser schulen leidlich überwunden. Man besinnt sich doch auf Berücksichtigung der ton*, struktiven und praktischen Bedürfnisse in Stil und Ausführung. Man erlebt ja auch noch Unmöglichkeiten, Verstöße gegen, bte Bauordnung, wie kürzlich im Konkurrenz ausschreiben einer weit verbreiteten Wochenschrift. Doch freut man fich dann umsomehr, roenn man so hübsche, ausführbare und ausgefühcte Arbeiten sieht, wie die verschiedenen Kirchen aus Dörfern und kleinen Städten. Was die anderen, großen Bauten des preußischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten anbelrifft, so wirken sie trotz aller Großartigkeit doch ziemlich eintönig. Es hat sich onc Art Stil herausgebildet, der wenig zu variieren scheint: man könnte ihn etwa als „königlichen Barock" bezeichnen. Hierzu rechnen verschiedene der Amtsgerichtsgebäude und ähnliches. Ein Fehler, in den manche der ausstellenden Architekten und Hochbauer immer noch b «fallen, ist die Bildchemnalerei zum Zweck einer möglichst effektvollen Darstellung des Bauwerks. Ter Laie wird dadurch getäuscht, für den Kenner ist sie überflüssig. Von den beiden Entwürfen zu einem Hamburger Massetturm wird ein stämmiger roter Ziegelbau als der einzig brauchbare gelten müssen.
Klaus von Dechend.
Bon der Großen Berliner Ausstellung.
Man schreibt uns aus Berlin:
Mer mit einiger Siebe und guter Absicht die Große Künstausstellung befudit, wer sich Mühe gibt, das Gute zu finden und nicht mit hem Wertlosen zugleich das Schöne verwirft, der wird bald sehen, daß sein suchen belohnt wird. Freilich Unerfreuliches gibt es genug; Bilder, die einem sensationslüsternen Publikum zu Ge allen gemalt wurden, solche, die einer ewig unfruchtbaren Phantasie entsprungen sind und immer wieder dasselbe abgedroschene Thema bieten, und wiederum so „phantasiereiche", daß man ichon tau Ueberspanntheit leiden muß, um sie zu verstehen. Bei einer Ausstellung aber, die weit über 2000 Werke enthält, fallen etliche Dutzend schlechte Bilder nicht ins Gewicht. Leider ist es ein wenig Mode, jedes Jahr zu dem „ganz selbständigen" Urteil zu gelangen: „Mit der Kunst geht es rapid abrourtd!"
Der illustrierte Katalog bietet dem Besucher eine ganz brauchbare Hülfe. Ist die Reproduktion der Bilder auch ziemlich mangelhaft, so bezweckt sie ja weiter nichts, als auf besonders beachtenS- loerte Schöpfungen aufmerksam zu machen oder sie in die Er- iitnerung zu».ückzurufen. Die übersichtliche Aiwrdnung erspatt dem Beschauer unnötige Zeit.
In beit Sälen lierrfcht das gewohnte Leben und Treiben: Vor grellen, ausfallenden Bildern drängt sich die Menge: manch schönes still bescheidenes Werk geht der Allgemeinl>eit verloren. Zwischendurch stteifen ein paar Kritiker mit Notizbuch und Bleistift. v, . ! 1
Ein Zug, der sich an tau ausgestellten Bildern immer mehr bemerkbar macht,^ist der, daß auch die älteren Künstler manches von der Rezession angenommen hoben. Besonders auffällig ist dies bei einer Reihe von Attstudten, denen durch Frellicht und verwandte, gelungene Beleuchtungseffekte eine gute Wirkung gesichert wird. Freilich? hat sich auch ein ansehnliches Teil Verfehltes mit dem Guten eingeschlichen — besonders macht sich da-.' tn der Schwarzweißkunit breit — doch steh: zu hoffen, daß Die Kunst das Ihigefunte mit ter Zeit ab streifen wird. Tie Plastik findet noch immer nicht bie rechte Würdigung beim Publikum. Wir hotten eine junge Malerin lagen: „Wozu die vielen Plastiken aus Den Kunstausstellungen herumflehen, tu mir auch nicht ganz klar. Ansehen tut sie doch keiner." Etwas hart, nicht ganz frei von „Konkurrenzneid", aber ziemlich zutreffend.
Doch zunächst von den Gemälden. Die gekrönten Häupter aus beutfdjen Landen haben keinen Grund, über ihre Porträts allzu glücklich sein. Besonders Luitpold von Batern. Mit 92eil> werden sie — wenn ihnen überhaupt etwas daran liegt, immev wieder gemalt zu werten — auf ihren schwedischen, glücklicheren Nachbar blicken. Technisch zwar nicht das hervvttageiidste, doch ausgezeichnet in ter Charakterisierung ist das Portrüt des Oter- bürgermeistets te Nys. Dasselbe gilt auch von dem trefflichen Porträr des Berliner Komik.rs Guido Thielscher. Auch die Schwarzweißiunst lieferte einige hübsche Porträts, unter tenen besonders Schmutzers Radierungen aufsallen. Ueb« Makarts „Fürstin von Bülow" zu sprechen, erübrigt sich wohl. Das Bild ist rühmlich bekannt. .
Tie Ausbeute, die ter Besucher sich für dieses Mal ut ter Landschaft erhoffte, entspricht nicht ganz den Erwartungen. Auch hier müssen wir wohl den Schweden weichen, von denen SchulLbkxL ßtu seines ^VeMMtten Sennhütten" Md
Heidelberg, 23. Juni.
In der heute sortgesetzien Mitgiiedervett'ammlung wurde nach lang« Erörterung beschlossen, den Verein zu nennen: Ratianalverein sür das liberale Deutschland.
Ein Anttag auf Ausschließung ter Frauen als Mitglied« wurde abgelehnt. Es wurde alsdann beschlossen: 1. den Vorstand wiederzuwählcn und durch Zuivahlen zu ergänzen; 2. den geschäfls- iährenden Ausschuß bis zur nächsten Tagung fortwirken zu lassen; 3. Ortsgruppen werten nicht gegründet; 4. Einzelmitglieber und politische Vmbändc können sich anschließen.
Tie heutige öfsentliche Versammlung beschäftigte sich mit ter
Arbeiterfrage.
Arbeitersekretär Erkelenz- Düsseldorf besurwottete folgende Leitsätze:
1. Dauernde Sicherung der ArbeitSverHaltnisse der aualisizimten Arbeiter auf den Stand, den sie tväh- rend guter GcschäslszeiLen erreichen (Tarifverträge-.
2. Tic Arbeiter, die sich noch m ungünstiger wirtschaftlicher Sage befinden, sowie die Arbeiterinnen sind möglichst nahe an die qualifizierten Arbeiter heranzuüringen.
3. - Fortschreitende Verbesserungen der Arbeitsbedingungen aller Arbeiter, zum mindesten im E i n k l a n g mit den sich st e i g e r n d e n ll n t e r n e h m e r - gewinnen und dem zunehmenden Kapitalreichtum Teutsch- icmds.
4. Wesenlliche Ausdehnung ter Fürsorge für den gefährliche Politck. ii.s habe auch n.cht den Anick>eui, daß in abfeh- nke^i, invaliden und a l iejt, sowie für den arbeits - Barer Zeit ter Reviiwnisinus in ter Sozialdemokratie zur Herrschaft gelangen roerbe Deshalb müsse mit allen K rasten die Sozialdemokratie be känipst werden. Ter Sik bcralismus dürfe nicht eine Klaffe bevorzugen, er. müsse ab« die berechtigten Forderungen ter Arbeiter vollinhaltlich anerkennen und für ihre Durchführung tätig '"ein. Nicht durch Zuchthausgesetze, und staatliche Maßnahmen, nicht durch Ausnahmegesetze unb' Scharfmacherpoliuk fei die Sozialdemoiratie zu bekämpfen, fon- tem durch Erfüllung ter berechtigten Forderungen der Arbeit« und durch walwhfift literale Einrichtungen, Hebung ter Volksbildung usw. Aus ter anderen Seite seien die Internationalitctt, die reuolutionaren Endziele und die Schnürung der Klassengeaen- sätze in die Schranken zu Derweilen Nur durch friedliches ZusammenarbeitenderArbeitermit dem Bürgertum zwecks Erzielung teilet« sozialer Einrichtungen auf bem Boden ter heutigen Gefellichailsvrouurtg, foroie zwecks Erkämpfung größtmöglich« politisch« und Geistesfteiheit fei beii^ Arbeitern zu Helsen und ter soziale Frieden herbeizufühven. (Stürmisch«


