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Zweites BlE
157. Jahrgang
Mittwoch 20. November 1907-
Gklchetnl »glich mtt Ausnahme de- Sonntag-.
Die „Siebener Lamiltendlätter- werden dem ,llnjetflete viermal wöchentlich beigcltqt, das „Krdsblan ffli den Kreis Gietzen" zweimal «-chenUich. Dei ..kfefstfche CandroUt** erfchemt eumalhd) einmal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Rotationsdruck and Vertag der vrüHachen Unwerstläk- - Buch- and Vrrinbrmleret» 8L Laag«. Dietzen.
Redaktion. ExvedMon and ©ruderet?
strotze 7 Ervediiion and Verlag e* OL Redaktion. 112. Lei.-Adr, AnHeigerDietzen.
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Dentiches ReLctz.
Berlin, 19. Nov. Der Bundesrat hat heute den Gesetzentwurf betreffend dasVereins-undVersamrn- u u g 3 r e d) t genehmigt.
— Bei den vertraulichen Verhandlungen über ,teuerfragen, die zwifchen dem Staatssekretariat des leichsfchatzamtes und Führern der Blockparteien slattge- inben tjaben, ist eine Einigung über vorzuschlagende Direkte Steuern nicht erzielt worden. Bei den Beatungen im Reichsschatzamt wurde von freisinniger Seite we Vermehrung der indirekten Steuern, die den Majsen- erbraud) belasten würden, abgelehnt und die Einführung iner direkten Reichssteuer verlangt. Die verbündeten Ne- ierungen wollen aber nach wie vor von der Einführung irekter Neichssteuern nichts wissen.
— Im Reichstage wird nack) den vorläufigen Disposi- onen die e r st e B e r a t u n g d e s E t a t s am Mittwock) ächster Woche beginnen. Vorher soll außer den Petitionen, lit denen sich das Haus in der ersten Sitzung am Freitag eschästigen wird, noch die erste Lesung der Gesetze über le Majestätsbeleidigung am Samstag und über die Privat- ersicherung am Montag erledigt werden, während am ienstag die Sicherung der Bausorderungen auf die Tages- rdnung kommt.
— Ein sozialdemokratischer Frauen-Kon- reß war heute vormittag im Berliner Gewerkschastshaus isammcngetreten. Es waren Vertreterinnen aus allen eilen Deutschlands und besonders aus den Großstädten nwesend. Der Kongreß beschästigte sick) ausschließlich mit ?r Lösung der Dienstboten^ rage in sozialdemokra- schem Sinne.
2lu> Stabt unfe £au&«
Gießen, 20. November 1907.
** Preußischer Feiertag. In Preußen ist heute uß- und Bettag. Biele Bewohner der beuadjbarten preu- ischeu Gebiete, insbes. der Städte Wetzlar und Marburg, 'legen diesen Tag hier zu verbringen, weshalb das tabt-Theater heute eine Nachmittags-Vorstellung abhält, uch im Kolosseum wird am Nachmittag gespielt und ißerbcm fand dort Frühschoppen-Konzert statt.
**Dieevang. Konferenz für das Großherzogtum essen (Friedberger Konferenz) hält für ihre oberhessischen itglieder ihre Winterversammlung in Gießen ), und zwar am nächsten Donnerstag, 21. Novern- er. Dabei wird der neue Professor am Friedberger rebvgerfeminar, Herr Dr. Schoell über das Thema rrechen: Haben wiVein gemeinsames evang. römmigkeitsideal? Bei der Wichtigkeit der Frage ird sich voraussichtlich eine rege Aussprache anschließen, äste, Geistliche und Nichtgeistliche, sind willkommen.
□ Lehrbach (bei Kirtorf), 19. Nov. Ein auf dem efigen Hosgnt beschäftigter russischer Arbeiter kam so iglückiich in die Trommel der Dreschmaschine, daß is linke Bein vollständig zerquetscht wurde. Der Tod at sofort ein.
R.-ß. Darmstadt, 20. Nov. Die Wahlen zur tadtverordneten-Versainmlung vollzogen sich gcs e n er ohne besondere Aufregung, obgleich sich die Gemüter jer die Aufstellung der Kandidatenliste in der letzten Woche nigermaßen erhitzt hatten. Tie einzig Konsequenten und Zielbewußten" waren leider auch diesmal die Sozialdemo- aten, die am Freitag mit einer „reinen" Liste von Geissen hervortraten, während sick) die bürgerlichen Ele- ente in zwei großen Gruppen (Nationalliberale und Frei- nnige einerseits und Bezirksvereine anderseits) und eine nzahl kleinerer Gruppen (Hausbesitzervereine, Detaillisten w.) zersplitterten. Erfreulicherweise war es indessen be- iglid) 16 der 21 zu wählenden Kandidaten zwischen den -iben großen Gruppen gelungen, eine Verständigung zu zielen, sodaß wenigstens für diese 16 Kandidaten die Wahl 'n Sozialdemokraten gegenüber gesichert war und diesen so günstigenfalls 5 neue Sitze außer dem jetzigen einen itz im Stadtparlamente zufallen konnten. Da aber weder e Liste der beiden vereinigten politischen Parteien, noch e der sieben Vezirksvereine bei der ihnen zustehenden -ählerschast einmütigen Beifall sand und ca. 50 Kandidaten unliniert waren, so war bei der Wahl eine große Stimmen- rsplitterung vorauszusehen, die and) zur Folge hatte, daß
die Feststellung des Wahlergebnisses bis zur Mitternachts- stunde sich verzögerte.
Tie Verkündigung des Wahlrefultats sollte heute vormittag um i/212 Uhr stattfinden, da aber wegen der vielen Streichungen das Zählgejchäft nock) nicht beendigt war, wurde sie bis 4 Uhr hinausgeschoben. Es wurden im Ganzen 7450 Stimmen abgegeben, so daß von den 12 971 Wählern 7450 von ihrem Wahlrecht Gebrauch madjteu (571/2 Proz. gegen 53 Proz. bei der letzten Wahl). Auf die sozialistische Lifte fielen 2398 und auf die verschiedenen bürgerlichen Listen zusammen 5000 Stimmen, wobei allerdings etwa die Halste der Zettel Streichungen aufweist. Voraussichtlich sind 20 Kandidaten der nationalliberalfreisinnigen Liste gewählt, anstelle des 21., des Zentrumsmannes Vioüer, wird wahrscheinlich der seitherige unabhängig liberale Stadtv. Egenols gewählt sein. Die Sozialisten hatten eine reine Parteiliste ausgestellt, von der aber nur der seitherige Stadtv. Stephan gewählt wurde, der aud) aus der liberalen und der Bezirksvereinsliste stand.
Kleine TageSchronik.
In G ü n i g s e l d bei Wattenscheid wurde unter dem Verdachte, seine beiden Kinder vergiftet zu haben, der zurzeit seiner Militärpflicht genügende Bergmann Wendig verhaftet. Seme Frau ist nach Belgien geflüchtet.
Der Batteriechef im 1. Bapr. Feldartillerie-Negt. Hauptmann Sonntag tütete sid) im Garten des Garnisonlazaretts zu München durch drei Revolverschüsse, nachdem er durch den Untersuchungsrichter wegen Vergehens gegen § 175 vernommen worden war.
Eine furchtbare Familien-Tragödie hat sich im Dorfe Podelzig im Kreise Lebus zugctragen. Der stellenlose Kaufmann Lück, der sich seit längerer Zeü dort bei ferner Familie aufhält, er st ach seinen Vater und eine Witwe, die dem alten Lück die Wirtschaft führte und drei unversorgte Kinder zurüdläßt. Tann verlebte der Messerstecher die »Zrau fernes Bruders durch 10 Stiche in die Brust lebensgefährlich und verwundete eine andere Frau durch Stiche in die Schulter. Hcerauf begab sid) Lück in die Kneipe, wo er siä) an Rotwein betrank und erschoß sich schließlich auf dem Kirchhofe. Das Motiv zur Tal ivar, daß Lück von seinem Vater lern Geld erhalten hatte, wie er cs verlangte.
300 Pas,agiere von dem bei einem Sturm im Sdpoarzen Meer bei Cap Heraclea gescheiterten Dampser „Caplan" sind m Konstantinopel eingetrofien. Von der Mannschaft sind 8 Matrosen ertrunken.
Aus Omaha in Nebraska wird die Entdeckung eines Kom- plottes zur Ermordnn g I ohn Rocke sellers gemeldet.
Cingcjanöt.
iFür Form und Inhalt aller uiuer dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei VerantwoNung.)
Tas „Eingesandt" cims W.thler^ m gestriger Nummer nötigt mich zu folgender Entgegnung.
1. Was meine Sorad)wiisenschaft mit „Rassenhaß" zu tun haben soll, weiß ich nicht.
2. Was mich ins öffentliche Leben treibt, ist Idealismus und treue Liebe zu meinem, dem deutschen Volk und Vaterlande, aber niemals „Rassenhaß".
3. Ob Kaiser Friedrich jene Worte von der „Schmach des Jahrhunderrs" wirklick) gesprochen, ist nid)t erwiesen. Kaiser Friedrid) ist 1838 gestorben. Wir leben im 2 0. Jahrhundert. Welches Jahrhundert meinerr Sie, verehrter Wähler? Judengegner finden sich zu allen Zeiten, im alten Rom, (siche Horaz u. a.), im Mittelalter und überall. Seit das Judentum besteht, gibt es die „Schmach des Jahrhundens". Wollen Sic alle Zeiten und Völker, unter denen Juden lebten, als mit „Schmach" beladen hinstellen, ober nickst lieber einmal über die Ursachen dieser Erscheinung na ebben [en?
4. Wer „Mithelfer an der Schmach des Jahrhunderts" ist, ergibt sich für jeden, dessen „Hirn" noch nickst vom Phrasennebel des Internationalismus ganz „umflort" ist, bannt von selber.
Schafft die U r s ach e n der Bewegung weg, und die „Schmach" ist beseitigt!
Wie die Jugend zu mir aufbtickt, darüber kann sich der Herr Wähler beruhigen. Ich habe in der Schule meine Pflicht zu tun und meine Jungen zu guten Söhnen des Vaterlandes zu erziehen. Das tue ich nach Kräften. Zu meinen jüdischen Schülern habe ich mich stets taktvoll verhalten und niemals geduldet, daß sie gekränkt wurden. Dr. F. Werner.
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Zu den Glossen des Herrn Dr. Werner.
Herr Oberlehrer Dr. Werner möchte in Deutschland, wo die Gerechtigkeit jedes aus finsteren Zeiten stammende Unrecht all- nrählig auszntilgen sucht, der alten Unduldsamkeit und Ungerechtigkeit in den Judengesetzen eine neue feste Wohnstätte gesichert wissen. Nach feiner Weltanschauung soll der rechtsck-afsenste Israelit dem unwürdigsten Nichtisraeliten an bürgerlichen Rechten und Vorteilen nachstehen. Seinen Wünschen entspricht es, baß man bes Israeliten Sohn, für besten Befähigung der Vater sein halbes Vermögen aufgeopfert, zurückstößt von den Pforten
der ehrenden und nützenden Berufstätigkeit, welcher er feint schöne Jugend hingegeben, sein Her» und sein ganzes Leben geweiht yat. Dieser Jugendvildner gehört einer Religion an, die GottcS- und Mensckienliebe lehrt, die ihren Bekcnnern predigt: „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tuet wohl denen, die euch baßen- bittet für die, so cud) beleidigen und verfolgen." Seine Aufgabe müßte eS sein, nicht bloß feine, sondern auch die Leidenschaften des Volkes zu zähmen und zu zügeln. Unsere Sache hat keine anderen Waffen als solche höheren Gedanken, als die erleuchteten Begriffe von Menschenrecht und Menschenliebe. Die Gießener Bevölkerung wird hoffentlich am morgigen Tage den Beweis erbringen, daß der Samen des ausgestreuten GifreS hier keine Früchte zeitigen kann.
Unsere Beamten und die Antisemiten.
Als in einer der letzten Versammlungen der Beamtenvereinigungen und der sog. neuen Mittelstandsvereinigung im „Löwen" von verschiedenen Rednern darauf hingewiesen worden ivar, diese ganze Gcgcnagitation scheine sich in antisemitischem Fahrwasser zu bewegen, fühlte sich ein Führer derselben, ein städtisck-er Beamter, veranlaßt, zu erklären, die Beamten seien keine Antisemiten. „Aber sie werden's", ergänzte ein führendes Mitglied der antisemitischen Partei. Kommentar Überfluß igl -r-
Herrn W. ins Stammbuch!
Willst deine Freunde du belehren.
Wo andere nicht hingehören.
So frag dick) erst — als Lehrer und als Christ —>
Ob du auch f e l b ft am rechten Platze bist! R.
® ri ia al’Dratyttnclfeu ngen<
sd. Darmstadt, 20. Nov. Zu der Mitteilung über die Beleihung von Kaiser hosaktien durch die Stadt O s f e n b a ck) wird uns von zuständiger Seite mllßctciü, daß die Bestände der Hauptstaatskafse nur bei erstklassigen Banken und Bankiers vorübergehend zins- tragend angelegt werden dürfen. Auch durch die betr Bauten ist nock) eine weitere Sicherstellung dieser DepotL oocgejd)rieben. Anscheinend ist das von der Stadt Offenbach betätigte Lombardgeschäft nicht mit den Transaktionen der H a u p t st aa ts k a s s e g l e ich z u st ellen.
Wildpark, 20. Nov. Die Kaiserin traf heuU vormittag 9 Uhr 45 Min. hier ein und fuhr sofort nach dem Neuen Palais.
Buda Pest, 20. Nov. Offiziös wird verlautbart, das die Regierung entschlossen ist, falls es ihr nicht gelingen sollte, den Ausgleich bis zum 31. Dezember d. I. vom Abgeordnetenhause votiert zu erlangen, den Ausgleich in Verordnungsweae in Kraft treten zu lassen.
Rom, 20. Nov. AuS Apulien werden neue Agrar-Unruhen gemeldet. In Mvrta^w sind die Landarbeiter feit meh. reren Tagen auSfKindig und es haben heftige Unruhen stattgefunden. Der frühere sozialistische Abgeordnete Tambolini leitete eine Versammlung, in der er in einer Rede empfahl, Gewalt anzuwenden. Nach der Versammlung durchzogen 2000 Temon- i'branten die Slr..ßm und versuchten gewaltsam in daS Rathaus einzudringen. Es kam hierbei zu einem Zusammenstoß mit den Carabinieri, die mit Steinen beworfen wurden. Hierbei wurden ein Carabinieri und ein Polizeiagent verwundet. Als daraufhin die Behörden die Verhaftung Tambolinis und btS Sekretärs her Drbeitsöörse beschlossen, entstanden unter der Bevölkerung erneute Unruhen. Man versuchte abermals, gewaltsam iuS RathauS einzudringen. Es kam zum Handgemenge, wobei wiederum mehrere Carabinieri verletzt wurden. Da weitere Unruhen befürdjM werden, sollen Trup^n-Derstärkungen dorthin
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Haag, 20. Nov. Die Blätter bringen ans Anlaß des Besuches der Kaiserin üoeraus herzliche Begrüßungsartikel. Man bedauert die Abänderung des ursprünglick)en Programms, die der Reise der Kaijerin den Charakter ernes Privatbesuches gebe, umsomehr, als sie einem Unwohlsein des Kaisers zuzuschreiben ist. Der Besuch sei um so höher einzuschäyen, als er ein deutliches Zeichen der unveränderten Freundschaft gebe und zugleich die tollen Gerüchte dementiere, daß die Verhandlungen der holländischbelgischen Kommission, der bekanntlich jeder offizielle An- i'trid) fehlt, auf den Kaiserbesud) eingewirkt hätten.
Brüssel, 20. kstov. Nachdem in der letzten Zeit mehrfach Gerüchte verbreitet waren, der König beabsichtige abzudanken, behauptet jetzt der Antwerpener „Vcatin", aus (idjerer Quelle zu wiffen, daß in der könig- (id)en Familie und im Ministerrat, selbst von Mitgliedern, die nicht von der Notwendigkeit der Abdankung überzeugt sind, die Ansicht vorherrsche, daß die häufige Abwesenheit Leopolds zum mindesten die Neaenlschaft des Prinzen Albert' rechtfertigen würde. Eine Richtigstellung dieser Meldung ist bis jetzt nicht erfolgt. Die Behauptung des Blattes ist beKeichnend für die Art, wie ein großer Teil der belgischen Presse gegen den König agitiert.
in letztes
Vn von den vorgeschlügtnen neuen Kandidaten hat sich am meisten nm die Stadt Giehen verdient gemacht?
Das ist zweifellos der frühere Bauunternehmer
Eerr Heiiwieh. "Wixin 2
[i ist eZ gewesen, der die alten baufälligen Hütten in der Katharinengasse und Löwengasse ankaufte und durch den Bau angemessener Wohnhäuser diesen Teil der Stadl m einen dem Verkehr zugänglichen Zustand versetzte. Er hat die bekannten Verkehrsstörungen im Seltersweg beseitigt. Man denke nur an die in die Straße hinein- ragenden Hütten Lampus und Leo.
hat den Löbershof für normale Menschen bewohnbar gemacht. Man erinnere sich der haltlosen Zuftände in diesem Teil der Stadt. Herr WlNN hat in uneigennützigster V Weise den Bau unseres schönetr Stadttheaters ermöglicht, dadurch, daß er den Schülerscheit Garten beinahe an die Stadt verschenkte. J 9 Jl
Mitbürger, vor allem chc Geschäftsleute, dafür seid ihr Herrn Winn Dank schuldig. Nerjaumt nicht, auf Euren Siiinmzettel den Namen
Heinrich Winn
"'"'den.


