Ausgabe 
25.9.1907 Erstes Blatt
 
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157* Jahrgang

Erstes Blatt

mit dem wahnwitzigen Bestreben eines Scotth

daß sie

Die harten Er-

Smith im geringsten einverstanden sei.

3)

l?r. 225

vrschetnt täglich

außer SomttagL.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Familien, blätter viermal in der Woche beigelegt und Zweimal wöchentlich das Kreisbiati für den Kreis Stehen. Fernsprech-An- schluß i. d. Redaktion 112 Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschenr

Anzeiger Gtctzc«.

Annahme wn Anzeigen für die Tagesnummer diS vormittags 10 Uhr.

fahrungen Deutschlands in Südwestafrika nötigen gewiß dazu, Vertrauensseligkeit beiseite zu lassen. Ein Mann wie ScoLty Smith kann aber unmöglich zu Mißtrauen mtb. Sorge Anlaß geben zu einer Zeit, da die Kapbehördenö durch ihr schneidiges Vorgehen gegen Morenga der deut­schen Sache einen großen Dienst erwiesen haben.

Die geplanten Kolornalbahnen.

Heber bie kolonialen Eisenbahnprojekte, die das Er-^ geonis der Ostafrikafahrt des Staatssekretärs DernburL bilden sollen, werden bereits jetzt verschiedene Mitteilungen verbreitet. Darnach soll entweder die Usambarabahn bisj zum Kilimandscharogebirge oder die Zentralbahn bis zurrt Viktoriasee fortgeführt werden. Nach einer anderen Dar-* stellung würde sogar die Verwirklichung beider Pläne irr Frage kommen. Es hat Leinen Zweck, sich jetzt mit diesen Angaben des näheren zu beschäftigen, denn schwerlich hak der Staatssekretär von seiner Entschließung in der Eisen- bahnsrage schon etwas verlauten lassen, zumal bei der Zurückhaltung, die er den in Ostasrika befindlichen Ver-i tretern der Presse gegenüber beobachtet. Es wird Zubern lässiges erst zu erfahren sein nach seiner Rückkehr in diÄ

die Post Mk.2. viertel- jährl. ausschi. Bestellg. ZeUenprerS: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pfennig.

Verantwortlich

Mr den politischen Teil: L. Anderson; s. Feuille­ton und .Vermischtes" V. Wittko: Mr .Stadt u. Land" undGerichts-

Hotatiofisörucf und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Stcinbruderet EL Lange. Reöattion, Expedition und Druckerei - Schuistratzr 7.

erstaunliche Entwicklmrg in unserem Handel und Verkehr, die großartigen Erfindungen auf 'dem Gebiete der Wissenschaft und der Technik sind die Folge Der Wiedervereinigung der deutschen Stämme zum gemeinsamen Vaterland-e. Sollen wir nun um Stolz, um nicht zu sagen im Uebermut über diese unbegrenzte Ent­wicklungsfähigkeit unseres Volkes ansangen, den Urquell der Stärke zu vergessen? Ich meine nein: Je mehr wir in der Lage sind, eine hervorragende Stelle auf allen Gebieten der Welt zu er­ringen, umsomehr soll unser Volk in allen seinen Ständen und Gewerben sich daran erinnern, daß auch hierin das Walten der göttlichen Vorsehung zu erkennen ist. Wenn unser Herrgott unserem Vvlkenicht noch größere Aufgaben gestellt hätte, dann würde er ihm auch nicht so herrliche Fähigkeiten verliehen haben. Wir wollen also im Hinblick auf diese Entwickelung unseres Volkes zum Himmel emporblicken, dankbar für die Gnade, die er uns erweist, indem er es für gut hält, seine fürsorgenden Zeichen uns zuteil werden zu lassen. Wir wollen aus alledem lernen, daß auch heute, in einer hohen Blütezeit, wir an den alten Quellen festzuhalten haben. Auch heute gilt es wie vor 100 Jahren: Erst den Blick nach oben empvrzurichten in dem Verstehen, daß alles, was uns blüht unb was uns gelingt, durch eine Fügung von oben erwirkt ist. Und so wollen wir im Erkennen der gött- lick)en Fügung entschlossen. wirken, solange cs Tag ist, dann kann jeder an feine Beschäftiguv.g gehen, der Gelehrte an seine Bücher, der Schmied an seinen Amboß, der Bauer an feinen Pflug, der Soldat an sein Schwert, uno sein Gewerbe so treiben und so führen, wie es einem braven Christen und Deutschen ziemt. Dann werden wir Männer der Tat fein und ein entschlossenes Volk, den Blick nach oben gerichtet, und vorwärts stre­bend mit dem B c w u ß t s e in, daß eine große Pflicht und Aufgabe uns zugetcilt ist. Die hiejige Stadt, der es durch des Himmels Fügung beschieden gewesen ijt, so große Momente zu erleben und die, wie ich mit Freude konstatieren kann, mit warnrer Hingabe und Patriotismus das Andenken jener Tage heilig halt, möge blühen und gedeihen; sie möge auch, was an ihr liegt, dazu Lun, daß ihre Bürger und Kinder in diesen Grund­sätzen leben und erzogen werden. Dann wird es auch mit der Zukunft von Memel-gut bestellt sein^ dem ich Gottes Segen von ganzem Herzen wünsche.

ärgerschüft für den schönen warmen Empfang und die, Aus- 88 a.iuüäung der Stadt. Das Jahr 1807 lehrt uns, daß die Er- jjüung des Volkes ihren Grund und ihre Quclle^fand, als das I . *j;u) auf sich selbst besann. Als die schweren Schicksalsschläge

es trestn, hat es nicht, wie dies sonst wohl in der Geschichte dcc Völker geschieht, sich emporgebäumt in Undankbarkeit gegen

Herrscherhaus, sondern es hat, sich, dem Beispiel des hohen -.mche-prnrcs folgend, unterworfen und hat in seiner Ergebung nncrkannt, daß die strafende Hand Gottes ihm eine Prü- - ang auferlegt hat. Diese Erkenntnis hat das Volk zur Einkehr acsübrr und diese hat zur Folge gehabt, daß es sich auf das Wort Gottes besann, mit einem Worte, daß es zur Religion zurück kehrte. Unsere Vorväter haben Gottes Wort gelauscht, ie haben ihm ^gehorcht und haben ihm vertraut und er hat , oasnr nicht im Glich gelassen. Das ist in kurzem die Lehre , die wir aus dem Jahre 18 0 7 zu ziehen haben: Das oerneins.une feste Gottverträuen des Königshauses und seines Volkes, oas Crckunen des göttlichen Willens einst in der schwersten Zerr hat uns wieder empor geführt und nun denke ich: Wie steht i) c v I a y r 19 0 7 dazu? Luisens herrlichem Sohne, dem großen fcmicc ist es inzwischen durch göttliche Gnade vergönnt worocu, das grrje Werk zu Ende zu führen, zu dem in schwerer Zeit in harllichen Kämpfen die Vorfahren den Grundstein gelegt huocn. Wie fie freudig zum Schwert gegriffen haben, um ihre heilige Muttererde wieder frei zu kämpfen, so hat er dem Wunsche der damaligen Zeit endlich entsprechen können und unser großes deutfchcs Vaterland geeinigt. Memel ist nicht mehr die Grenz­stadt Preußens, sondern des Deutschen Reiches. Der Grundstein, der in schweren Zeiten zusammengehämmert wurde, wurde durch Gottes Gnade aucy zum Grundstein des Deutschen Reiches. Wenn nun das Jahr 1907 und seine Zeit dem Jahre 1807 gegenüber wohl friedlich geworden ist, so können wir doch mit Bestimmtheit fugen, daß auch wir in einer großen Zeit leben. Die kiästigen, überraschenden und fast unverstandttch schnellen Fort­schritte unseres neugeeinten Vaterlandes auf allen Gebieten, die

Aussichten hat, und daß sich die Mühe des Einbringens und der Verteidigung nicht verlohnt. Trotzdem ist ein gewisser Pessimismus, daß es auch anders kommen kann, für die beteiligten Geschäftskreise wohl angebracht. Es ist manches selbst im Reichstag durchgegangen, was schlechter­dings fürunmöglich" gehalten wurde, beispielsweise die verkehrsfeindliche Fahrkartensteuer. Die Tabakindustrie braucht nicht -gleichgroße Vorräte auszuspeichern" wir bezweifeln den praktischen Wert einer solchen Maßregel bei hohen Preisen aber schaden kann es keinenfalls^ wenn diese Industrie auf der Hut ist und beim ersten Auf­treten der Gefahr eine kräftige Gegenbewegung einleitet.

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Nach Morenges Tod.

EinSchwarzseher" unter den in Deutschland lebendem alten Afrikanern, H. Berthold-Berlin, warnt davor, die Bedeutung des Todes Morengas zu überschätzen. Der; schwarze Führer der Tausenden von Eingeborenen der Kala­hari-Wüste sei gefallen, idioch der weiße Führer, der eigent­liche Träger der gegen die Deutschen gerichteten Bewegung, Scotti) Smith, lebe noch, und solange ihm nicht durch die Kapregierung das Handwerk gelegt sei, müsse mit dev Gefahr eines neuen Aufstandes gerechnet werden. Es ist seltsam, daß man bisher so gut wie nichts von diesent Scvtty Smith gehört hat, der angeblich wie ein König über die Hottentotten herrscht und nicht nur auf die eng­lische Presse des Kaplandes, sondern auch auf die dortigen Finanzkreise, ja sogar bei den Regierungsbehörden einen beträchtlichen Einfluß ausübt. Der fürchterliche Mann soll dem alten Asriraner Berthold schon vor zwei Jahren er­klärt haben:Ich werde nicht eher ruhen, als bis dis englische Flagge über dem Gouvernementsgebäude in Wind-« huk weht." Herr Berthold nimmt diese Drohung offenbar', selbst nicht ernst, sonst hätte er mit seiner Wissenschaft loeniger lange hinter dem Berge gehalten. Es hieße die englifche Regierung beleidigen, wollte man ihr zutrauen^

Are Memrler Kaiserrede.

In den gestrigen Depeschen über die Einweihung des i Lationaldenkmals in Memel war merkwürdigerweise der $ iede des Kaisers noch nicht Erwähnung getan. Der Monarch >ot, wie man jetzt erfährt, in Memel eine recht bedeut- ame Rede gehalten, als ihm im Memeler Rathause der rhrentrunk gereicht wurde. Wie neulich in Münster, so hat >er Kaiser auch diesmal in Memel an das religiöse Emp- M inden appelliert. Der Kaiser rat, den Blick nach^ oben u richten und vorwärts zu streben mit dem Bewußtsein, » eine große Pflicht und Aufgabe uns zugeteilt ist. . Oer Kaiser erkennt daran, daß wir jetzt, im Jahre 1907, oenn auch in friedlicher, so doch in einer großen Zeit eben.

Diese neue Kaiserrede erinnert in mancher Hinsicht ebhast an frühere Reden des Monarchen, und man er- ährt aufs neue, wie felsenfest der Kaiser an seine Zeit rnd das deutsche Volk glaubt. Dieses laute und freudige d Bekenntnis des deutschen Kaisers wird, vielleicht manchem ,um Tröste gereichen, der in der heutigen Zeit nur das trübe und Häßliche zu sehen gelernt hat. Ob es wirklich :ine große Zeit ist, in der wir leben, wer vermöchte darin ,hne weiteres dein Kaiser beipfuchten. Sicherlich finden ich in unserer heutigen Zeit aber Keime zu Großem, und ) diese Keime nicht zugrunde gehen und daß jeder seine jeit immer besser verstehen lerne, das bleibt auss innigste » >u wünschen für unser deutsches Volk.

Die Rede des Kaisers hatte folgenden Wortlaut:

Mein lieber Herr Oberbürgermeister! Ich bin Ihnen sehr , bantbar für die Einladung,^die ene an mich haben ergehen lassen and spreche Ihnen meine vollste Anerkennung aus für die würdige,. , wi)ne und zu Herzen geherrde Feier, mit der Sie das Andenken ; meiner erlauchten Urgroßeltern geehrt haben. Ich danke der

MittWoch 25* September 1907

VezuaSvreis: monatlich 75 Pf^ viertel- jährlich M?. 2.20: durch Abhole- u. Zweigstellen t v monatlich 66 Pf.; durch

Beunruhigung in der Tabakindustrie.

DerTägl. Rundschau" wird heute, jedenfalls aus Fachkreisen, geschrieben, daß die fortgesetzten alarmierenden Nachrichten über eine demnächst kommende Tabaksteuer die Tabakindustrie ernstlich beunruhigen. Wie vor zwei Jahren beginne man große Vorräte auszuspeichern, die durch, einen normalen Geschäftsgang nicht bedingt seien. Dabei sind die Tabakpreise heute außerordentlich hoch. Daß die Alarm­nachrichten unlauteren spekulativen Interessen dienstbar gemacht würden, sei ohne weiteres anzunehmen. Soweit die Zuschrift. Es ist allerdings begreiflich, daß eine gewisse Beunruhigung in der Tabakindustrie Platz gegriffen hat. Im Reichsschatzamt erklärte man jüngst einem Journalisten mit einer Offenherzigkeit, die sonst nicht leicht in den Bureaus der Regierung anzutressen ist, daß vorzugsweise aus dem Tabak noch höhere Erträge erzielt werden könnten. Das ist ja auch der Standpunkt, den Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel im Reichstag stets vertreten hat. Frhr. v. Stengel hat unbestrittenermaßen mehrere Steuerent­würfe ausarbeiten lassen. Nicht minder gewiß ist, daß diese Entwürfe zur Prüfung an den Bundesrat gelangen. Daß eine Zigarren-Banderolensteuer sich bei dem Material befindet, dafür spricht auS den erwähnten Gründen die Wahrscheiillichkeit. Der Bundesrat schon kann zu der Ent­scheidung gelangen, daß die .Vorlage im Reichstag wenig

5le heutige Dummer umfaßt IS Selten.

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Tie Lluust zu Gaste in Nauheim.

(Bad-Nauheimer Briefe V) Nachdruck verboten.

Wie im Herbst die Schönheit der Natur noch einmal in besonders prächtigen Farben aufleuchtet, so bietet uns auch die jetzige Saison in ihrem Abblühen noch einmal ganz besondere Reize. Das Theater hat mit einer guten Aufführung der Minna von B a r n h e l m geschlossen. Der Darsteller des Majors zeigte allerdings einige Unbeholfenheit und wird noch zu lernen Haven. Die Trägerin der Titelrolle dagegen wurde ihrer Ausgabe di-rchaus gerecht. Wie wohl tat es, von den Brettern, noer die so manches seichte und sinnlose Stück hinweggegangen, auch einen Charakter wie Lessing wieder zu uns sprechen zu hören. Gewiß, die anderthalb Jahrhunderte, welche zwischen der Enlstehittig des Lustspiels und dem heutigen Zuschauer liegen, machen sich geltend. Wie anders würde das Fräulein von Bam- Ijcini heute über den nächtlichen Lärm in der Großstadt zu klagen Haven! Wie kleinstädtisch mutet uns der Hotelbetrieb im König von Spanien" an. Man denke sich ferner einen Major von heute im Verhältnis zu seinem Burschen, ein adliges Fräulein im Verhältnis zu ihrer Kammerjungfer! Und so schaut noch an vielen Punkten die uns ferngerückte Zeit hervor. Auch wird sich nicht leugnen lassen, daß die Charaktere, insbesondere der Major selbst, etwas gar zu verwandt mit der bekannten lit- lerarischen Familie derTugendbolde" sind. Trotz alledem aber, der gerade, ehrliche Charakter des Dichters, der sich hier aus- spricht, die vortrefflichen Anmerkungen, die er über Welt und ck ienschen zu machen weiß, der schroffe Gegensatz, in den ihn sein Ei,er gegen das Platte, charakterlose, geldgierige Franzosentum seiner Zeit treibt, die Wärme, mit der er von seinem großen Könige und von der Verbrüderung der feindlichen deutschen (Stämme redet das alles schlägt eine Brücke der Achtung über die Jahrhunderte hinweg. Man fühlt aus dem Allen heraus den Wlann, der sich mit den größten Aufgaben seiner Zeit ehr- lich artteinandersetzt, und der eben dadurch dieser Zeit, wie der folgenden zum Segen gewesen ist. Möchten uns solche geistigen sichrer immer wieder zur rechten Zett beschieden lern.

Am nächsten Tage, am Freitag, gab eine andere Dmst, bie Musik, uns einen ähnlichen großen und bebrütenden Abend. Konzertmeister Ferdinand Kaufmann gab sein fchon fett längerer Seit geplantes Konzert. Es hätte eigentlich in die Hochaison verlegt werden sollen, denn es war sicherlich eme der glän­zendsten Darbietungen, die wir in diesem Jahre genossen haben. Auch so war aber der Besuch erfreulicherweise recht gut. Man launte ja, auch den fleißigen Dirigenten, der die aHennciften

Konzerte auf der Terrasse geleitet hat, den genialen Virtuosen, der schon in so manchem Violinsolo seine beloundernswerte Technik bewiesen hatte. Ein imponierender, eiserner Fleiß muß zu solchen Leistungen erforderlich sein. Aber nicht nur Virtuose ist Herr 5^aufmaun, sondern ein wirklichen Künstler, dessen Spiel reich ist an Seele und die Stimmungen der Zuhörer bis in's Innerste zu fassen weiß. Dazu ein angenehmes, anspruchsloses Auftreten. So sind die Sympathien wohl begreiflich, die sich Herr Kauf­mann bei uns erworben, und die auch durch den herzlichen Applaus und Kranz- und Blumenspenden ihren Ausdruck fanden. Die Leistungen der andern Mitwirkenden waren gleichfalls so trefflich, daß d-as! Programm von der ersten bis zur letzten Nummer auf einer Höhe blieb. Selten wird man einen so markigen und mühelosen Tenor, wie den des Herrn Karl Gentner (Frankfurter Oper) zu hören Gelegenheit haben.

Es waren mit die Eindrücke dieser künstlerisch gehaltvollen Abende, welche mich dazu bestimmten, in unserer Sonntag­abendgesellschaft auf dem Schweizerhaus das ThemaKunst und Leben" anzuschlagen. Seit die reformierte Kirche die Kunst aus dem Reiche der Religion zu verbannen suchte, und seit die reaktionären politischen Negierungsströmungen auch die Teil­nahme der Kunst an <bien staatlichen und sozialen Ausgaben der Menschengesellschaft nach Kräften erschwerten, haben es gar viele völlig verlernt, in der Kunst noch den gewaltigen, ernsten Kulturfaktor zu sehen, der sie eigentlich sem kann und soll. Der Weg muß wohl erst wttdergefunden werden, auf dem die Kunst zu ihren großen eigentlichen Aufgaben und zur erzieherischen Einwirkung auf das Volksganze kommt. Die ersten Schritte auf diesem Wege sind getan. Noch aber viel zu viel wird die §künst wie eine Art Luxus betrachtet, wahrend man mit der abstrakten, rein verstandsmäßigen Belehrung m Kirche und Schule stets neue Enttäuschung erlebt.

Mit unserm Kurleben-freilich ist ja die Kunst aufs Innigste verknüpft. Wie sehr würden die Erholung Suchenden die 2ln- regungen der Konzerte entbehren. Wie langweilig sind oft die kleineren Kurorte, wo der Patient neben seinen Bädern und Medikamenten keine derartige innere Ablenkung und Auf­frischung haben kann. Nur soltte auch bei der Kunst im Badeort nicht vergessen werden, daß auch sie auch hier nicht blos ein Mittel zur Vertreibung der Langew-eile sein dürfte, man sollte auch hier ihre edle Bestimmung im Ange behalten. Mehr als für die Konzerte gilt diese Gewiss ensfordernng aller­dings dem Theaterspielpl an, der dem besseren Publikum, auf das er gerechnet ist, oft kein schönes Zeugnis ausstellt. Die bildende Kunst, die Malerei wenigstens, findet einige Pflege durch eine dauernde Gemäldeausstellung. Wichtiger noch wäre.

daß ihr der Eingang in die Häuser überall geöffnet würde. Die prächtigen und billigen -künftlersteinzeichnungen geben ja so gut Gelegenheit dazu. Es wäre doch schön, wenn ein moderne^ Badeort sich auch in solchem guten Sinne als modern erwieset Kein Arzt, der zugleich Menschenkenner ist, wird solche Ein­flüsse auf das Gemüt für gleichgültig halten. Ich habe ofh genug mit Kurgästen darüber zu sprechen. Gelegenheit gehabt. Auch demgeringeren Publikum" sollte man wohl in der Zeit seines Hierseins, wo es mehr Muße und Empfänglichkett hat, als in seinem Berufsleben, Anregungen der Art zu bieten suchen, seine Aufenthalsräume ein wenig behage l i ch aus sch Mücken, für wirklich gute Lektüre sorgen und dergleichen mehr. Als im vorigen Jahre die Wanderaus-^ stellung des Rhein-Main-Verbandes für längere Zeit hier war,' mußten wir es freilich erleben, daß unser Anerbieten an das Konitzkyftift und an das Elisabethenhaus, dem einen ermäßigte Preise, dem andern sogar unentgeltlichen Ein^ tritt und Führung zu gewähren, nicht einmal einer Ant­wort gewürdigt wurde.

Im Kurhaus gab am Sonntag die Kurkapelle noch ent letztes, großartiges Symphiekonzert mit Beethovens Eroika und einem Stück von Thais, in dem wieder Herr Kaufmanns die Partie der Solovioline hatte. Kapellmeister Minder st eist empfing in einem Lorbeerkranz das sichtbare Zeichen der An-> erfennung für die ausgezeichneten Leistungen seines Orchesters.^ Eine Woche noch, bann wird er von uns scheiden. Für den AcontaA Abend ist das Abschiedskonzert angezeigt. D r. Strecker.

Die Entwicklung der Kinderzahn pflege iw den verschiedenen Staaten schilderte auf dem 79. deutschen Natur­forscher- und Aerztetag zu Dresden Dr. Metz aus Meran.^ Kranke Kinderzähne bilden die Eingangspforte für verschiedeite Infektionskrankheiten, wie Aktinomykose, Tuberkulose nsw., ver­hindern das Kind durch Schmerz-auslösung am genügenden Kauen, wodurch Ernährung und Entwicklung des Kindes leiden, lassen mit jeder Schluckbewegung die in den kariösen Zähnen vorkommenden Bakterien in den Magen gelangen, wodurch die Verbannnst beeinträchtigt wird, lassen das Kind nicht schlafen, behindern; es an seiner Arbeit, bilden die größte Gefahr für die zwischen ihnen kommenden bleibenden Zähne, die durch Kontakt leicht kariös werden. Der Vortragende verweist auf die Notwendigkeit der Einschränkung des Ziehens von Kinderzähnen, da dadurch einerseits das Kauvermögen, anderseits das Wachstum der Kiefer eingeschränkt wird, wodurch dann zu wenig Platz für die kommen-. den bleibenden Zähne vorhanden unb Lageanomatten letzterer im; Gefolge sind. In der Abteilung für mathematischen und nate-t