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24/05/1907 Zweites Blatt
 
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Nr. 119 Zwettes Blatt 1S7. Jahrgang

Frettag 24. Mai 1907

L^cheinl tSgllch mit Ausnahme deS Sonntags.

Die ..«etzeaer LamMenbllMer" werden dem /Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das ^Rreirblatt für den Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt' erscheint monatlich einmal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Vderhejjen

Rotationsdruck und Verlag der Brüh lachen« UnwerfitätS - Buch- und Ktttndruckerrt.

R. Lange. Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag i fcSP 61. Redakliom^S 112. Tell-Adru An^tgerGreßen.

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aangcnen Nacht verübten etwa 25 Bewaffnet: ll auf die etwa 10 Kilometer von der Residenz

igetreten werden.

Im Abgeordnetenhaus« tagte heute in Anwesenheit der Kaiserin und der Prinzessin Eriel-Friedrich die 41. Dele- -giertenversammlung des Vaterländischen Frauen-Ver-

Nach weiteren Meldungen aus Petersburg überreichten zwei Verschwörer einem Soldaten der Leiblvache, der sie verriet, zwei Höllenmaschinen, die kaum größer als eine Taschenuhr und wunderbar gearbeitet waren, mit der Instruktion, je eine unter die Betten dieÄ Zaren und des Zarewitsch zu legen. D.t Soldat übergab sie den Behörden.

In der vergangenen Nacht einen U^berfals s ..

entfernte Station Obuchowo der Nikoleibahn. Die Räuber töteten einen Gendarm und einen Wächter durch Revolv.t-

Deutsches Reich.

Berlin, 23. Mai. Drs für die Sommerreisen des Kaisers bestimmte Geschwader, die JachtHohen- zollern", der Begleitcrei^rKönigsberg" und das Schnell­bootSleipner", soll am 12. Juni fahrbereit sein, um nach Hamburg abzugehen und dort das Eintreffen des Kaisers zu ertoartcn. Der Monarch fährt von Hamburg nach Helgo­land und bleibt dort bis zum Eintreffen der ersten an der Wettfahrt DoverHelgoland beilnehmenden Jachten. Die Nordlandreise wird in den ersten Tagen des Juli an-

hierüber zu bekommen, wurde m der russischen Lesehalle Haus­suchung vorgenommen, wobei in Charlottenburg eine große Menge tcrroristrscher Literatur gefunden wurde. Auf Grund dieses BeweiSnmterials habe die Polizei 10 Sistie­rungen vorgenommen. Alle 10 Festigeuommeircn befinden sich in PolizeigewahrsM.n.

Bon der russischen Agrarreform und anderes.

In der Reichsduma wies am Donnerstag Ministerpräsident Stolypin auf die Wichtigkeit der Agrarfrage hin, sowohl für die Bauern wie auch für die Grundbesitzer, die auch wünschten, als Nachbarn ruhige und zufriedene Leute zu haben, statt solcher, die hungern und Pogrome veranstalten. Stolypin erklärte dann die Absicht der Regierung, selbst in großen Zügen daS Agrar- projeft zur Vorlage zu bringen, weil die Agrarkommission wenige Aussicht habe, die im Laufe der Debatte entwickelten Ansichten in Uebereinstimmung zu bringen. In den Nordprovinzen würden die Bauern mehr als 50 Desjätincn erhalten, in der Provinz Archangelsk sogar 1309 Desjätincn, wenn alles Land verteilt sei; in der Provinz Poltawa würden sie aber nur 9 TeSjätinen pro Familie erhalten. Von den in seiner Rechnung berücksichtigten Ländereien gehörten 107,000 Desjätincn den Adeligen, 490,000 den Bauern und 85,000 den Städtern. Es sei ersichtlich, daß die Verteilung aller Ländereien unter alle nicht der Landarmut in den verschiedenen Provinzen steuern werde. Es werde also nötig sein, auf das Mittel zurückzugreifen, das die Regierung selbst Vorschläge, nämlich die Auswanderung. Die Bevölkerung des europäischen Rußlands nehme jährlich um 1,625,000 Seelen zu und es würden, wenn man 10 Tesjätinen auf die Familie rechne, jährlich 3Vr Millionen Tesjätinen allein für diese Be- völkerungszunahme nötig sein. Alles würde in Rußland gleich gemacht, der Trieb zur Arbeit gebrochen und das Kulturniveau herabgesetzt werden. Tas Endergebnis würde ein neuer StaatS- lttcich sein, daß starke und geschickte Männer sich ihr Eigentums­recht mit Gewalt verschaffen würden. Man mache der Regierung den Vorschlag, Rußland in eine Ruine zu verwandeln und auf derselben ein neues Vaterland auszubauen. Ich denke, fährt der Ministerpräsident fort, Rußland wird nicht an der Schwelle seines zweiten Milenniums zusammenbrechen. Ich glaube vielmehr, es wird sich wieder erholen und vorwärts gehen. Die Regierung schließe sich aber einem Gedanken der konstutionell- demokr. Partei an, nämlich dem der w i r t s ch a f t l i ch e n Frei­heit der Bauern. Dian habe vorgeschlagen, das Land mit Gewalt fortzunehmen, und unter solchen Umständen müsse man gewärtig sein, daß der Versuch gemacht werde, sich mit Gewalt Land anzueianen. Die Regierung wolle das Los der Bauern verbessern, bte Regierung wolle, daß der Bauer wohlhabender Eigentümer sei, denn wo Wohlhabenheit sei, da sei auch Bildung und wahre Freiheit. Zu dem Zwecke müsse der Bauer von den Bedingungen, unter denen er jetzt lebe, befreit werden, er müsse in den Besitz der Freiheit seiner Arbeit kommen. Allen Bauern, denen es an Land mangele, müsse das nötige Land gegeben werden.

der Kaiserin und der Prinzessj ^giertenversammlung des Va? eins unter der Leitung des Stacttsrninisters Dr.

schüsse, konnten aber nur eine geringe Summe in ihren Brsitz bringen und mußten die Flucht ergreifen, da der bedrohten Station Hülfe gebracht wurde.

In einem Teehaufe des Verbandes wahrhaft russischer Smte zu Petersburg explodierte eine Bombe, die anscheinend von einem Gast im Klosett niedergelegt wurde. Nur geringe Be- schädigungeu wurden angerichtet. Später wurde an derselben Stelle noch eine zweite Bombe gefunden.

In L o d z ist der Ingenieur David Roseitthal auf der Straße erdolcht worden.

Ausland.

Paris, 23. Mai. Heute kam es in der Kammer zu einem Wortwechsel zwischen den sozialistischen Deputierten Blanc und Gent, einem neuen Pariser Munizipalrat. Nach­dem beide Beleidigungen gegeneinander auSgestoßen hatten, gab Gent Blanc eine Ohrfeige, die dieser mit einem heftigen Stockschlag erwiderte; darauf brachte man die beiden Gegner auseinander.

Wien, 23. Mai. Der internationale landwirt­schaftliche Kongreß, der sich gestern mit der Frage der Bonitierung der Braugerste beschäftigt hatte, beschloß die Einsetzung einer internationalen Kommission, welche bis zum nächsten Kongreß allgemein gültige Normen für die Be­urteilung der Gerste auSarbeiten soll. Der Kommission ge­hören 11 Delegierte auS dem Deutschen Reiche an.

Petersburg, 23. Mai. DiePet. Tel.-Ag." meldet

Schoenstedt.

Der neue llTtterstcurtssekretär v. Lind equist be­gibt sich in vierzehn Tagen nach Düdweftafrika, um dort die Uebergabe der Gouvemcmentsgeschäfte an seinen Nachfolger in die Wege zu leiten. Herr v. Lindcquist wird den neuen Gouverneur v. Sch uckmaun dort enoarten lund ihn selbst in sein Amt ein führen.

Altona, 23. Mai. Der Schuhmacher Jacobsen in Loxten wurde wegen Zugehörigkeit zur s o z t a l d e m o - kratischen Partei auS dem Schulkollegium aus­geschlossen.

Köln, 23. Mai. Das Vorgehen der n iede r r heini- schen Landwirte gegen die hohen Fleischpreise zieht immer weitere Streife. Güte Duisburger Bürger- Versammlung wählte eine Kommission, die die Gründung einer Fleis cheinkaufs genoss en schäft in die Wege leiten soll. Uebennorgen findet wiederum eine Bürgerver- . i'ammhuig statt, um die Genossenschaft definitiv zu be­gründen. In Duisburg wurde längst ein Brotverein begründet, der fernen Mitgliedern das Roggenbrot um 15 Pfennig billiger als das durch Bäckere.en bezogene liefert. Eine Anzahl Eisenbahn beamten Duisburgs erhiel­ten angesichts der gegenwärtigen Teuerung Zulagen im Betrage von 100 Mark.

Dresden, 23. Mai. Einer Einladung der preußi­schen Regierung folgend, welche den Wunsch hat, ihren Standpunkt in Sachen der Schiffahrtsabgaben dar­zulegen, begaben sich Beamte der hiesigen Ministerien der Finanzen und des Innern zur Entgegennahme der in Aussicht gestellten Informationen zu einer Zusammenkunft von Vertretern der deutschen Elbuferftaaten nach Rostock. !Jn dieser Teilnahme ist keineswegs eine Sinnesänderung der sächsischen Regiemng zu erblicken, sondern im Gegen­teil sind die sächsischen Vertreter angewiesen, keinen Zweifel darüber bestehen zu lassen, daß die sächsische Regie­rung an ihrem grundsätzlich ablehnenden Standpunkt gegenüber der beabsichtigten Einführung von Schiffahrtsabgaben festhält.

Eine Masienvcrhaftung russischer Studenten

bat gestern vormittag die Polizei in Berlin und Char- lottenburg vorgenomiuen. Zunächst wurden der Vorsitzende der russischen Lesehalle, der Student der Medizin, Umansky und die unverehelichte Zahntechnikerin Maimon verhaftet, ebenso der Student der Medizin Weidenberg. Zwischen 11 und Vr2 Uhr mittags erschienen etwa 10 Kriminalbeamte in der russischen Lesehalle und veranstalteten auf die dort Anwesenden eine förmliche Razzia. Von jedem Einzelnen wurde eine Legitt- mation verlangt. Wer sich nicht ausweisen konnte, wurde fcsd- genommen, ein Schicksal, dem etwa 7 Personen verfiele, darunter die Verwalterin der Lesehalle, Fräulein Hennin g. Die Be­amten nahmen außerdem eine Durchsuchung der Lesehalle vor und beschlagnahmten eine große Menge Bücher. Erwähnung verdient, daß Zweien von den Anwesenden, die sich als Fabrikarbeiter zu legitimieren vermochten, von den Beamten für die Zukunft verboten wurde, in der russischen Lesehalle zu vcr- -kehren. Insgesamt wurden 10 Personen zum Polizeipräsidium gebracht und dort vernommen. Fräulein Henning wurde gegen 6 Uhr nachmittags mit der Mitteilung entlassen, daß ihre Aus­weisung bevorstehc.

Auch in Charlottenburg nahm die polittsche Polizei sowohl iin der Filiale der russischen Lesehalle als auch in der Wohnung von Studenten zahlreiche Verhaftungen vor. Insgesamt fanden 'sich auf dem Polizeipräsidium 35 russische Studenten und Stu- oentinnen ein, von denen allerdings ein Teil nach längerem Verhör wieder freigelassen^wmche.

Wie von amtlicher Seite dazu mitgeteilt wird, glaubt die Polizei seit einiger Zeit berechtigten Grund zu der Annahme zu Ijaben, daß ein Teil der russischen Studenten mit den Berliner Anarchisten enge Fühlung genommen habe. Bor einigen Tagen wurden die Berliner Anarchisten Karfunkelstein und Weiß unter dem dringenden Verdacht des Vergehens gegen ,§ 128 des Str. G. B. verhaftet. Um ein weiteres Beweismalerial

Kleines Feuilleton.

Der Historische Verein für das Großher- tzogtum Hessen rüstet sich, bei der Jahrhundertfeier der Landesuniversität mit einer Festgabe vertreten zu sein mit dem Titel:Beiträge zur Geschichte der Universitären Mainz und Gießen". Diese freudig erfüllte Ehrenpflicht erwuchs aus der Einsicht, eine loie große Bedeutung die Ludoviciana für die Geistesgeschichte Hessens gehabt hat, zumal als Stätte, der eine Reihe von Männern ihre Bildung verdanken, oder an der sie segenbringend gewirkt, gleichviel ob ihr Namen ^in Deutschland oder, nur in Hessen einen guten Mang haben: Schupp, Gatzert, v. Grolman, von denen uns die Doktoren Diehl, Dieterich und Esselborn erzählen wollen. Aus dem Gebiete der Kulturgeschichte bringen die Artikel von Becker über den Pennalismus, Boltz über Hessen-Homburgische Prinzen in Gießen, Preuschen über Gießener Stammbücher und ein Beitrag von Bader neues Material. Ter ältesten Geschichte der Feststadt ist eine Untersuchung des Archiv- direktors Dr. Freiherr Schenk zu Schwcinsberg gewidmet. Daß im weiten Rahmen der Geistesgeschichte nicht Gießen allein, sondern daneben die Universität Mainz in der geplanten Fest­schrift vertreten sein soll, darf und kann nicht Wunder nehmen. Auch hier wird die Geschichte der Hochschule nach jeder Seite, nach der sie Interesse erwecken kann, beiymMt fern, kultur­geschichtliche, statistische Nachrichten über Personen und Verhält­nisse fallen zum Teil ganz neue Ausschlüsse bringen. Professor Dr. Falk-Klein-Winternheim: Jakob Welder, der erste Rektor der Mainzer Hochschule; Professor Bauch-Breslau: Aus der Geschichte des Mainzer Humanismus; Professor Schrvhe-Mainz: Zur Besetzung der Mainzer Universitätsprosessuren im 17. Jahr­hundert, nach seither unbekannten Allenstucken; Professor Dr. W. Stieda-Leipzig: Wie man im 18. Jahrhundert an der Uni­versität ÄLainz für die Ausbildung von Professoren der Kameral- nnsseuschaft jorgte; Lic. F. Herrmmm;: Ate Mainzer Surfen ytnt

Algesheimer und zum Schenkenberg haben hierfür ihre Mit­wirkung zugesagt.

Berlin, 23. Mai. Das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose, dessen Protektorin die Kaiseriu, dessen Ehrenvorsitzender der Reichskanzler ist, trat heule unter dem Vorsitz des Slaatsminislers Grasen von Posa- dowsky im Reichstage zur XI. Generalversammlung zusammen. Graf von Posadowsky eröffnete die Versammlung nut einer An­sprache, in der er unter anderem ausiührte, die Ursachen der Tuber­kulose seien wirtschaslltch, hygienisch und sittlich. Ter Kamps gegen die Tuberkulose im gesamten Umfang sei im Grunde der Kampf mit dem gejamten menschlichen Elend. Mau habe die Heilstätten- Behandlung als unwirksam bezeichnet und aui die Erfolge anderer Lander hingemiesen, in welchen £>eilftätteu nicht vorhanden feien. Aber die Statistik beweise, daß der Prozentsatz der inden Heilstätten sehr wesentlich gebesserten Sivanfen ein erheblicher ist. Tann wurde der Geschäftsbericht durch Generalsekretär Oberstabsarzt a. D. Tr. Nietner erledigt. Hieraus wiirde in die Tagesordnung eingetreien. Ten ersten Vortrag hielt der stellvertretende Vorsitzende von der Landesoersicherungs­anstalt der Rheinprooinz, Geh. RegierungSrat Kehl, überTie Tnberkulosebckämpsiing auf dem Lande".

Tas Preisgericht für ein Virchow-Ten km al in Berlin Hot sich der Entscheidung des großen TenkmalkomUees angeschlossen, das sich für den K l i m s ch s ch e n Entwurf ausge­sprochen hatte.

OlympischeSpiele in der Deutschen Armee-, Marine - und Kolonial-Ausstellung. Unter den zahl­reichen Darbietungen, die dieTamuka", wie der Berliner, blöd» finnig genug, durch Zusammenziehung der Anfangsbuchstaben des langen Titels derDeutschen 9lrmee-, Alarme- und Kolonial- Ausstellung" das neueste Berliner Ereignis bezeichnet, ihren Be- sucheru bieten will, werden auch sportliche und turnerische Vor­führungen aller Art nicht fehlen. Am 3L d. Mts. wrrd die erste

aus Teheran von heute: DaS Bestreben dcr neuen Partei im Parlament, die 91 rnt c n t er und Feueranbeter deS Wahlrechts zu berauben, hatte zur Folge, daß auS allen Städten PersienS Proteste von Armeniern und Feuer­anbetern eingingen mit der Drohung, nach Indien auSzu- wandern. In Kermanschah und Schiras herrscht völlige Anarchie. In Rescht schlossen die Revolutionäre daS Zollamt und die Telcgraphenämtec. Um den schweren Ein­druck der Ermordung und Verbrennung russischer Untertanen zu verwischen, schenkte der Schah em Grund­stück für ein russisches Konsulat in Meschcd.

Deutscher ProtesLautentag.

(Unberechugter Nachdri.ck verboten.)

8. u. H. Wiesbaden, 22. Mai.

Ter 23. Deutsche Prolestantcntag, der heute hier eröffnet mürbe, ist sehr gut besucht, auch sehr viele Samen sind anwesend. Unter anderen bemerkt man den bekannten Pfarrer Fischer (Berlin) und den Pfarrer I a t h o (Köln).

Ter ReichstagSabg. Schrader eröffnete Leu Protestantentag, luobei er darauf hinwies, daß es der Orthodoxie trotz aller An­strengungen nicht gelungen fei, Einfluß auf die Gläubigen zu gewinnen. Deshalb müsse es der Protestanten-Verein versuchen, wieder die Tlanen des Volkes dem kirchlichen Leben zuzuiührcn.

Professor F r e | c n i u S begrüßte dann den Protestaiitentaq im Namen der Wiesbadener Protestanten. Zum Vororte des Verbandes wurde der Berluier Unionverciu wiedergewählt. Hieraus nahm Pfarrer Alfred Fischer, der Sohu des oben genannten Pfarrers Fischer, das Wort zu seinem Vortrage überb ic poli­tische Lage in Deutschland und die n ach st en Auf­gaben für den kirchlichen Liberalismus". Wir haben eine große 2)lannigfaliigreu auf kirchlichem Gebiete. UeberaU. ertönt die Frage: WaS hat die Kirche dem Volke zu geben 2 Sie hat nicht nur clnzcliie Ratschläge aufzustellen, jonbem sie muß ihre Grunbsätze m das Volk hineintragen. Tas ist bte Aufgabe deS Proiestanienoereius. An Angriffen der Gegner gegen uns fehlt es ja nicht. Besonders hat der kirchliche LiberaliSnius gegen die Orthodoxie zu kämpfen. Mit der Orthodoxie können wir nicht verständigen. Hier gibt es keine Konzessionen und ferne Konzessionchen. Tie Orthodoxie hat sich zu wenig um die Laien, gekümmert, dadurch ist bte Achtung bet Kirche durch bte Laien hcrabgedrückt. Die Laien sind von der KirchenleUung so gut wie ganz ausgeschlossen. Sicher fragen sie auch nicht mehr nach dem kirchlichen Wesen. So ist bie Gleichgültigkeit in den cuang. Kreisen entstanden. Tie evangelische Kirche braucht mehr Luft und Be­wegungsfreiheit. Auch wir dürfen nicht immer warten, bis irgend ein .Fall" kommt. Wer sonst schläft, wird auch bann nicht viel leisten. Wir sind nicht für uns da, sondern wir siiid da für das Volk, die Kircye und die Ptenschheu. Tie Taktik der Orthodoxie ist eigentümlich. Sie spekuliert auf die weltliche Macht. UeberaU sucht die Orthodoxie Männer ihrer Richtung in die leitenden Stellen zu schieben. Der Redner greift bann bte Berliner Stadtmifsion an. UeberaU trete bie Orthoboxie sehr anmaßend auf. Sie maßt sich an, nicht eine kirchliche Richtung, sondern die Kirche selbst zu sein, imb bas allein richtige Bekenntnis fest zu haben. Dabei arbeite die Orthoboxie aber fortwährend an einem neuen Bekenntnis und schließlich wird auch in ihren Rethen einmal Zwietracht darüber entstehen, wer von ihnen denn eigentlich rechtgläubig ist, benn innerlich herrscht feine Einigkeit. Uns Liberalen wirst die Cnbo-: doxte den Faustschlag ins Gesicht, daß >vir dem Volke nicht bte ganze Wahrheit lagen. Ja, man geht sogar so weit, zu behaupten/ baß wir am Enbe alle Religion leugnen. Dagegen müssen wir uns energisch wehren unb bei den verschiedenen .Fällen" gilt ec für uns, rücksichtslos für den einjutreten, der iveitcvfommen n U. Wtr haben jetzt eine große Pfarrer not, aber auch eine: große Kandidateuuot, weil heutzutage ein großer s i 111 i ch e-r Mut dazu gehört, wenn e i u P f a r r e r seine Uebcrjeugititg offen und ehrlich aussprechen will. Aber wir dürfen keine Kit-nzesfionen machen. QJletn Vater wäre sicherlich sofort abgesetzt worben, wenn er der Orthodoxie Konzes­sionen gemacht hätte. Bei den Kirchenwahlen iu Berlin ist man mit den größten Frechheiten gegen uns vorgeaangen. Dian hat gesagt, die Liberalen kommen von der Gaffe. Alit den schmutzigsten Verleumdungen hat man gegen uns gearbeitet. Man fürchtet sich vor dem sogenannten .Berliner Ton". Aber ich kann sagen: Dem. lieben Gott wird derBerliner Ton" in den Volksversammlungen vielleicht lieber sein, als in den Pastoralkonferenzen (Beifall). Ich bin mit dem Ton in der Berliner Volksversammlung ganz zu­frieden, wenn auch manch anderen eine humanistisch-ästethische Gänsehaut überlaufen mag. Ter kirchliche Liberalismus steht ebenso aus dem Boden des Chrtzientuins, wie der Katholizismus unb die evang. Orthodoxie. Wir wolleii feinen Radikalismus. Wir weisen jeden Versuch ab, mit einer Schicht von Gebilbeten ober vielmehr Uebergebilbetcn eine neue Lehre aufzustellen, wie es manche haben wollen. Tie Uebergebilbetcn haben schon genug Surrogate für bas Christentum. Wir wenben uns an ba-3 evangelische beutsche Volk. Uns gehört Die breite Schicht der Bevölkerung, der aufstrebende Arbeiter st and, uns gehören die Massen. Ter Katholizismus ist die Idee der Verkirchlichung der Welt,. bie Orchodoxie ist die Idee der Verchristlichung der Well, der Liberalismus aber will das C h r i st e n t u >n verwelt­lichen. Darum müssen wir den Gedanken des allgemeinen m biihimumm iiiitit1 u muj

Veranstaltung von leichtathletischen Wettkämpfen (Lausen, Springen, Diskusiverfen :c.) stattfinden, gelegentlich derer auch einige Kon­kurrenzen für bie ftubterenbe Jugend offen gehalten sind.

Essen (Ruhr,, 22. Mai. Tie Hauptversammlung deö All-^ gemeinen deutschen Schulvereins nahm hier gestern mit einem Begrüßungsabend ihren Arifang. Der Vcclretertagl wählte den Staatsminister Dr. Hentig wieder zum Vorsitzenden; ebenso wurden alle übrigen ausschc.vendcn VorstanoLinitglieber wiedergewählt. Ter Antrag auf Abänderung des Beverns in Verein zur Erhaltung des Teutschtums im, Auslanve" (All­gemeiner deutscher Schulverein. wurde bis ^ur nächstjährigen Versammlung, die in Konstanz stattsinden soll, vertagt.

T an zig, 23. Mai. In der heutigen Festsitzung beS hier tagenden Vereins deutscher Chemiker entwickelte der Vorsitzende Professor Tr. DuiSburg-Elberseld ein neues sozial­politisches Programm dieses größten aller chemischen Vereine. Hierauf berichtete Geheimrat Enul Fischer-Berliii übet den gegen­wärtigen Stand unserer Renntnine der Konstitution bet Eiweiß- törper. Professor Dr. Frank- Charlottenburg ist wegen jeiirec hervorragenden Verdienste um bie Chemie bet Lanbwirtichafk, rns- besonbere um bte Chemie ber stickstoffhaltigen '-Berbmbungen bes Kalkes, bie Goldene Liebigdenkmünze verliehen worben. Ter Verein ernannte den Geheimrat Professor Tr. C. Engler- Karlsruhe zum Ehrenmitglieb. Die nächstjährige Tagung des Vereins soll in Jena stattfinben.

Die ehemalige österreichische Kronprinzessin Stephanie, jetzige Gräfin Lonyay, steht un Begriff, ihre Memoiren zil veröffentlichen. Tie Witwe bes Kronprinzen Riibolf, so heißt es, habe ursprünglich nicht bie Absicht gehabt, biese Blätter vor ihrem Tobe heraiiszugebeii, sie habe sich aber infolge ge.visier An griffe nunmehr dazu entschlossen, an die öffentliche Meinung zu apeltieren.