Nr. 224 Zweites MM
LZ?. Jahrgang
Dienstag 24. September 1907
Erscheint tLgNch mit Ausnahme des Sonntag.
Die ..Lietzener Zcnnllienblätter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Aretrblatl für den Kreit Gießen" zweimal wöchentlich. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
General-Mzeiger für GberheMn
Notationsdruck und Verlag der BrühNchen Universitäls - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion:^^112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.
Beziehen von Biwaks werden Mann und Pferd aus Ma> növer-Proviantärntern verpflegt.
Die Enthüllung des Natronaldenkmals in Memel.
Am gestrigen Montag hat an der äußersten Mrdost- ;renze des Deutschen Reiches, in Memel, in Gegenwart des Kaisers die Enthüllung des Rationaldenkmals stattgefunden. Das Denkmal, das von Professor Peter Breuer geschaffen worden ist, pellt eine Borussia in Bronze auf einem kane- rerten Säulenstück aus schlesischem Granit dar. Die Figur wägt Panzer mit Adlerhelm, das offene Schwert in der liechten, in der Linken Schild und römisches Feldzeichen, luf dein das Wort Borussia steht, sie stützt den Adlerstab ruf eine zerhauene Schandsäule, auf deren Ketten sie tritt. Am Sockel zeigt ein Medaillon die Reliefs Friedrich Wilhelms 111. und der Königin Luise. Rechts und links vom Denkmal unter Bäumen sind Bankanlagen angebracht, die oon je zwei Hermen flankiert sind, welche Jork, Gneisenau, Scharnhorst, Dohna einerseits und Stein, Hardenberg, Schön, Schrötter anderseits darstellen.
Bei der Enthüllungsfeier hielt der neue Minister des Innern und frühere Oberpräsident von Ostpreußen Moltke fine zündende Rede. Nachdem dann der Kaiser den Befehl ;ur Enthüllung gegeben hatte, übernahm Oberbürgermeister Altenberg das Denkmal im Namen der Stadt und hielt hierbei eine Rede, in der er zunächst dem Kaiser für seine Teilnahme an der Feier dankte und sein Bedauern aus- prach, daß die Kaiserin der heutigen Feier nicht beiwohnen tonne und die wärmsten Wünsche für die Genesung der Kaiserin aussprach. Redner erinnerte dann an die Zeit jor hundert Jahren, da König Friedrich Wilhelm III. und Die Königin Luise in Memel Hof hielten. In jener Zeit seien von Memel aus Fäden geschlungen worden, die zur Wiederaufrichtung und zur ungeahnten Erstarkung des preußischen Staates führten. Redner übernahm dann das Denkmal in die Obhut der' Stadt Memel und gelobte, cmh es allezeit als Wahrzeichen und Sinnbild deutscher Treue gehegt wevden wird. Redner sprach weiter den Wunsch aus, daß die Epoche der Erhebung, die in dem Denkmal verkörpert sei, noch viele Jahrhunderte weiter wirke, daß die Gesinnung, die in jenen schweren und gewaltigen Tagen in den Herzen der Führer des Welkes auslebte. Unsterbliches schuf und ein Gemeingut unserer Nation sein mrd bleiben möge, damit sich das Dichterwort erfülle: „An dem deutschen Wesen wird noch einmal die Welt genesen!" Redner wies dann darauf hin, daß der Erstarkung und der ungeahnten Entwicklung des preußischen Staates die Gründung des Deutschen Reiches folgte, das heute unter Preußens Führung kraftvoll und mächtig da- stehe unter dem deutschen Kaiser aus dem Hohenzollern- stamm. Redner gelobte dem Kaiser unverbrüchliche Treue und schloß mit einem Kaiserhoch.
Um 12 Uhr 41 Min. nachmittags verließ der Kaiser Memel, um sich nach Rominten zu begeben.
KoLrtisehe
Professor Leidig und die „Rational-Zeitung".
In der „National-Zeitnng" vom Sonnabend morgen finden wir folgende redaktionelle Bemerkung:
In bezug auf oen Artikel „Jungliberal und Nationalliberal" in Nr. 43’j der „National-Zeitung" und die in diesem Artikel bei- gefügte Fußnote der Redaktion hat eine Erörterung zwischen Herrn Professor Leidig unb uns stattgefunden. Auf Grund dieser Aussprache erklärt Herr Professor Leidig: „Seine Auffassung, die „National-Zeitung" habe ihm die Aufnahme eines mit seinem Namen unterzeichneten Artikels bedingungslos verweigern wollen, beruhe auf einem Irrtum, und dieser Irrtum Hube zu den Differenzen zwischen ihm und der Reaktion dec „National- Zeitung" Anlaß gegeben." Im Anschluß an diese Erklärung Vnb wir nut Herrn Professor Leidig dahin übereingekommen, von einer weiteren öffentlichen Behandlung der in Rede stehenden Differenzen im Parteiintercsse abzusehen. Herr Professor Leidig legt indes gegenüber der Zuschrift des Herrn Professors Dr. Lassar, tn unserer Nummer 440, Wert darauf, festgestellt zu sehen, daß es sich bei den Erörterungen über seine Beziehungen zu unserer Zeitung nicht um ihn als Vertreter des Nationalliberalen Vereins Berlin, sondern um Maßnahmen gehandelt hat in der Geschäftsführung als Vorsitzender des Verbandes der nationalliberalnr Ortsvereine im Wahlkreise Teltow-Deeskow-Storkow-Charlotten- bürg. Herr Profeffor Leidig erklärt weiter, auf 'die persönlichen Angriffe deS anonymen „Mügliedes des Zentralvorstandes" in 9tr. 410 werde er antworten, sobald dieser Herr bereit sei, seine Angriffe mit seinem Namen zu vertreten. Dem „Berliner Tage- blatt" habe er auf die abgeschmackte Behauptung, daß er die Macht uno Neigung habe, die „National-Zeitung" finanziell zu schädigen, die Richtigstellung zugehen lassen, daß er auf die Gestaltung der finanziellen BerlMnisse der „National-Zeitung" keinen Einfluß frrbe.
Zu Kcrrn Köölcrs Aroschmäus.k reg.
Herr Landtagsabgeordnetcr Köhler-Langsdorf hat in Nr. 222 des Gießener Anzeigers eine eigenartige Erwiderung gegen meine Ausführungen in 9tr. 220 veröffentlicht. Auf seine Drohungen gebe ich nicht viel. Seine Kampfesweise ist mir schon zur Genüge- bekannt. Die Wahl der Geschosse steht ihm aber völlig frei.
Herr K. schreibt dann über seinen Zustand beim Lesen meines Artikels:
„Mir wird bei (von!) alledem so dumm.
Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum."
Ich glaube ihm das recht gern, denn seine Entgegnung istj ein sprechender Beweis dafür. Andere Leute haben meine Aus-< ührungen besser verstanden. Das beweisen sehr anerkennende Worte aus Lehrerkreisen. Und das tröstet mich.
Herr K. hat in seinem neuen Artikel wieder mancherlei, phantasiert. Meine Bemerkung, ich hätte schon vor 15 Jahren die vor mir kundgegebenen Ansichten vertreten, läßt ihm den Schluß ziehen, ich trage eine wohlausgearbeitete Reform mit mir hermru, Dem ist leider nicht so. Ich hatte inzwischen noch mehr zu tun. —« An der Hand der Ausführungen meines Herrn Widcrsachers>-sagej ich folgendes:
1. Der von ihm konstruierte Gegensatz besteht nrcht in dem Maße, wie er vorgibt. Meine Ansicht ist auch aus dem Munde einer einflußreichen Lehrerpersönlichkeit gebilligt und das Streben unserer Schulabteilung für Reform der Lehrerbildung anerkannt worden. ,
2. Die Bemerkung über Verantwortlichkeit der Parlamentarier: hatte ich aus Bismarck entnommen und sogar eine Einschränkung ourch die Worte „freilich etwas scharf ausgedrückt" gcinachch Es dürste dem genannten Herrn ebensogut wie mir bekannt sein, daß schon mancher zur Regierung gekommene Parlamentarier unter - dem Drucke des Verantwortlichkeitsgcsühls als Regieren
der eine andere Flöte geblasen hat als vorher.
3. Den Ausdruck, Herr K. wolle eine „Lehrerzüchtung" durch „frühes Hineinpressen" der Schüler in den Lehrerberuf halte ich völlig aufrecht. Herr K. hat meine Ausführungen wohl nicht mit Verständnis gelesen. Ob andere „zahlende" Schüler die Anstalt zugleich besuchen oder nicht, ist gleichgültig. Die jungen Leute sollen durch die Unentgeltlichkeit des Unter-, richts in die Anstalten gelockt werden, und wenn sie am Ende der Schulzeit nicht Lehrer werden wollen, wird es ihren Eltern in gar manchen Füllen schwer fallen, die g an z e Summe nachträglich zu zahlen.
4. Bei sorgfältigem Lesen meiner Darlegungen hätte meuu liebenswürdiger Kritiker finden können, daß der Ausdruck „Armenschulen" sich nicht auf den Revers stützt, sondern auf bic* auch den zahlenden Mitschülern bekannte Tatsache, daß dis Lehrerschüler kein Schulgeld zahlen sollen. DaÄ steht sonnenklar in meinen Ausführungen, und meine Auffassung hat in Lehrerkreisen volle Billigung gefunden.
5. Hier gibt Herr K. an, daß er die Entscheidung über dich Richtigkeit meiner Behauptung einem Fachmanue überlassen will;' aber er will hierzu einen „genial denkenden" Fachmann habeu„ dem der Verstand noch nicht schwach geworden ist, und der ohne Rücksicht auf Bestehendes „g r u n d ft ü r z e n d" reformen. will". Er möge nur acht geben, daß dem gewünschten Pädagog. Ikarus auf seinem Fluge nach der Sonne nicht die Wachsslügel schmelzen und er ins Meer fällt, wie dies dem griechischen; Streber passierte.
6. Herr K. schreibt, in seinem Manuskript habe richtig Unter«* Secunda als Stufe für die Erlangung,der Einjährig-Freiwilligen-- Berechtigung gestanden. Gut. Es ist aber sehr sonderbar, daßs jemand, der sogar von einer Reform der Unterrichtsstoffe rebetj und ein ganzes Schulsttstem aufbaut, sich in Bezug auf diL von mir kritisierten Zahlen so sehr irrt. Ich schloß daraus, daß« der Herr Antragsteller den Schulaufbau nicht kennt, und auch die Lehrpläne nicht gründlich eingesehen hat, sonst hätte ep seinen Irrtum finden müssen. Irre ich mich?
7. Der Faust-Wagnerscherz ist zu schön! Herr Köhler cckA Faust! Ich will den gelehrten Herrn in feiner Illusion nichtt stören, meine nur mit Goethe: Es schätzt der Mensch sich bald zu klein, doch leider oft zu groß. Meine Bemerkungen „geschäftig" und „erfinderisch" waren nicht so spöttisch gemeint, als Herr K. annimmt. Ich nehme jetzt die Bezeichnung „ersrn-j derisch" teilweise zurück; denn Herr K. hat in seiner Erwiderung bisweilen das Gegenteil gezeigt. 9ttcht weniger als neunmal; nennt er mich „alter" Herr. Diese stereotype Ausdrucksweise^ beweist etwas Mangel an Phantasie und wirkt ermüdend. Uebri^ gens paßt die Bezeichnung „alt" nicht ganz. Ich bin ein ^>ahch jünger als er.
8. Wäre in dem Artikel vom 16. September nicht allesi durcheinander geworfen, so hätte ich genau genannt, was den' Herr Antragsteller will. „JmprMert" habe ich ihm Nichts. Ab^ seine neue Bemerkung, daß in der „modifizierten Schule auch andere Schüler ihren Berechtigungsschein erwerben sollen, scheint erst recht darauf hinzuweisen, daß er Unter-Secunda meinte- denn die zahlenden Schüler würden nach Erlangung dieses Seyeincs aus der modifizierten Schule austreten, also am Ende von Unter- Secunda. „ . <
9. Zu Punfkt 9 sage ich, daß ich immer nur nach dem Erreich-' baren strebe und den Mond nicht herunterholen »will. Also stich; wir da einig. Nur bin ich erstaunt über den neuen Vor«1 schlag: Volksschule bis zum 14. Jahre usw.^ Am 16.,Septt schlägt Herr K. für künftige Lehrer eine neue Realschule, beginnend^ mit neunjährigen Schülern vor. Nach fünf Tagen ist er schon) bereit, sein Geisteskind aufzugeben und bringt einen grundv er-- schied en en Vorschlag, der nichts weniger als emen, völligen; Umsturz unseres ganzen deutschen Schulwesens voraussetzt oder; — falls er nur die Lehrerbildung umgestalten will — ein- Zwittergebilde ist, und er belveift so, daß er die wesentliche <yoi> derung der Lehrerschaft nicht erkannt hat, möglichst lange gemeinsame Ausbildung mit jungen Leuten, die anderen Berufen zu- streben. Er streicht aber unter 9, was er unter Punkt 8 an feinend Vorschlag rühmte. Von einer Fürsorge für die praktische Ausbildung der Lehrer ist auch in seinem neuen Proiekt nichts zu finden. Theoretisches Studium der Pädagogik allein tut s aber nicht. Nun verstehe ich, was „grundstürzend'' reformiereu heißt! Hier ist Herr K. wieder erfinderisch. Warum bringt, er schon wieder einen neuen Plan? Will er unbedingt Meistbietender sein? Wäre er an der Spitze unseres Ministeriums/ so brächte er alle acht Tage einen Plan vor die Kammer, die vor lauter Neuerungsvorschlägen nicht aus noch ein müßte. Diese Bemerkung mag Herr K. auch als Antwort auf seinen letzten- Absatz hinnehmen. Es sei nur noch das Wort hinzugefügt: „Die schnellen Herrscher sind's, die kurz regieren." Zum Schluß gestatte ich mir, mich in Bezug auf den besprochenen Antrag in aller Bescheidenheit dem anzuschließen, was der Herr Präsident unseres Reichstages 5)errn K. neulich bei anderer Gelegenheit riet nämlich ,chie Sache noch einmal mit seinen Freunden zu besprechen". ,
Was war denn überhaupt neu in dem Antrag des Herrn! Abgeordneten? Einzig und allein die Errichtung einer sonderen modifizierten Realschule in Lich mit Sch u l ä-el^-J
als Ausgleich für die entzogene Soirntagsruhe jede Woche eine ununterbrocl-ene Ruhezeit von 36 Stunden gewährt wird; und 2) in Bäckereien und Kdnditoreibetriebcn, in denen die volle 36stündige Ruhezeit oder als Ersatz dafür eine längere als 36stün- dige Ruhepause an einem, Wochentage gewährt wird, diese Ruhezeit nicht gekürzt werden darf. In der Begründung wird darauf hingewiesen, daß in Hamburg und in einer ganzen Anzahl.anderer deutscher Städte der freie Tag in der Woche schon für das Bäckergewerbe eingeführt sei. In Berlin habe die letzte Lohnbewegung dazu geführt, daß ein großer Teil der Meister den freien Tag bewilligt hätte. Diese Meistep hätten aber selbst den Wunsch, daß die 36stündige Ruhepause gesetzlich einaeführt werde, um so einheitliche Verhältnisse zu schaffen. Schließlich wird noch duf die übermäßig lange Arbcitszeft und die gesundheitlichen Gefahren im Bäckergewerbe hingewiesen, um die Forderung einer Eür- führung eines freien Tages zu begründen.
Lieer nu- Klstte.
— Zur Verpflegung der Truppen auf Märschen. liebet die Verpflegung usw. der Truppen auf Märschen und bei Hebungen sind durch die Presse in letzter Zeit Nachrichten verbreitet worden, die eine Reihe von Irrtümern enthalten. Zur Aufklärung in dieser, das allgemeine Interesse berührenden Frage bringen wir daher die nachstehenden Ausführungen: Für die Atannschaften wird auf Märschen und bei Hebungen grundsätzlich Quartier mit Verpflegung in Anspruch genommen, wofür die Vergütung sofort an die Gemeinden zu entrichten ist. Quartier ohne Verpflegung wird nur gefordert, wenn lvegen enger Zusammenziehung der Truppen oder aus anderen Ursachen die Verabreichung einer ausreichenden Verpflegung durch die Quartierwirte nicht gesichert erscheint. Die Truppen haben sich im letzteren Falle die Verpflegung entweder aus den ihnen bestimmungsmäßig zustehenden Mitteln selbst zu beschaffen oder sie wird ihnen aus e-ingerichteten Manöver-Proviantämtern geliefert. In beiden Fällen haben die Truppen bei gewöhnlichen Quartieren Anspruch auf Benutzurtg des Kochseuers sowie der Koch- und Eßgeräte des Quartiergebers, in engen Quartieren sind sie nur zur Mitbenutzung vorhandener Kocheinrichtungen berechtigt. Von den Gemeinden können Futter für dre Pferde dre auf Märschen besiiidlichen oder vorübergehend einquartierten Truppen dann fordern, wenn sie mit Verpflegung eiuquar- tiert sind unb am Unterkunstsorte weder Dtagazine noch Liejerungsunternehmer der Heeresverwaltung vorhanden sind. Für die berittenen Truppen kann außer auf Märschen die Verabreichung des Futters nur mit Zustimmung der Kommunalaufsichtsbchörde verlangt werden. Das gelieferte Futter wird zur Stelle bar bezahlt. Ist der Futterbedarf im Gemeindebezirk nicht vorhanden, so muß er von der Gemeftide gegen GewälMung der Vorspannvergütung von der nächsten Verabreichungsstelle abgeholt werden. Für übende berittene Truppen werden in der Regel für den Futterempfang Manöver-Proviantämter eingerichtet. Beim
Organisation der landwirtschaftlichen Arbeiter.
Der Würzburger Katholikentag hatte sich bekanntlich kürzlich für eine Organisation landwirtschaftlicher Arbeiter ausgesprochen. Gegen diesen Beschluß wendet sich nun bemerkenswerter Weise eine sehr gewichtige Stimme, der Ober- oräsident des Rheinlandes, Frhr. v. Schorlemer-Lieser. Der Oberpräsident ist selbst ein eifriger Katholik, wenn er auch dem heutigen Zentrum nicht so nahe steht. In einer zahlreich besuchten Hauptversammlung des L and wir t- chaftlichen Vereins für Rheinpreußen in Kreuznach, der auch die Regierungspräsidenten von Koblenz, Trier und Köln beiwohnten, hielt Oberpräsident Freiherr von Schorle m er - Lieser unter lebhaftem Beifall eine Rede, in der er seiner Freude über den unverkennbaren Fort- chritt der rheinischen Landwirtschaft Ausdruck gab. Ein Punkt nur, so führ er fort, bleibt bedenklich: Die Beschaffung der landwirtschaftlichen Arbeiter. Sie wird in Zukunft noch größere Schwierigkeiten machen, einmal weil die Industrie, die zum Beispiel bett früher rein landwirtschaftlichen Krets Mörs völlig umgestaltet hat, der Landwirtschust nicht nur in steigendem Maße Terrain, sondern auch Arbeitskräfte entzieht, deren Beschaffung aus dem Auslande auch immer größere Schwierigkeiten bietet, dann aber auch aus einem anderen Grunde. Ich muß da ein offenes Wort sprechen, das hoffentlich auch außerhalb der landwirtschaftlichen Kreise Beachtung findet. Ich halte es für ein bedenkliches Unternehmen, wenn Kreise, die außerhalb der Landwirtschaft steh en und nicht wissen, wo den Landwirt der Schuh drückt, ihr Hauptaugenmerk der Sorge für die landwirtschaftlichen Dienstboten und Arbeiter zuwenden. Auf einer großen Versammlung in Würzburg ist kürzlich gesagt worden, es wäre im allseitigen Interesse erwünscht, die landwirtschaftlichen Arbeiter zu organisieren; natürlich wäre unter keinen Umständen daran zu denken, daß die Arbeiter während der Ernte streiken. Bor zwei Jahren habe ich mit einem Herrn gesprochen, der mitten in der Arbeiterorganisation steht, und ihn darauf hingewiesen, daß die Landwirte sich den streikenden Arbeitern gegenüber in einer sehr heiklen Situation befinden. Streiken die Industriearbeiter einen von den zwölf Äonaten des Jahres, so kann der Industrielle immer noch in den elf übrigen Monaten den Schaden wieder wett machen, der Landwirt kann aber durch einen Streik in der Frühjahrsoder Erntezeit völlig vernichtet werden. Jede Arbeiterorganisation, wenn sie wirklich etwas erreichen will, muß den Streik in die dem Landwirt unbequeme Zeit verlegen. Daran können die Leiter der Organisationen nichts ändern, Iie können das nicht verhinbern. Gegen bieseOrgani- s.ationsbestrebungen,vonwemimmersieaus- gehen, muß die Landwirtschaft energisch Front machen. Der Landwirt will für seine Arbeiter und Dienstboten sorgen wie fiir seine Familienglieder, aber er will Herr im Hause bleiben.
Verletzung nationaler Pflichten.
Anfang'' Juli ging in dem oftpveußischen Kreise Johannisburg ein teutjajc» Gut in polnische Hände über. Der „Johannisb. Unz." machte sich damals zum Organ der Entrüstung, welche die,er Vv'.chll in der ganzen Umgegend und darüber hinaus her- vorües. Der deutsche Verläufer über fühlte sich beleidigt und klagte. Ihm hat das zuständige Amtsgericht, indem es die anhängig gemachte Klage kostenpflichtig abwles, folgenden Denkzettel ins Stammbuch gelegt:
Der Prwattläger, ein alteingesessener Einwohner des Kreises Johannisourg, hat im Juli ISO? sein Gut Eichental, ohne sich in einer besondere Zwangslage zu befinden, an einen Polen verlauft. Das ist mwatriotisch und verletzt die mttionalen Pflichten eines in beit östlichen Provinzen wohnhaften deutschen Grund- besitzers. Wenn mit Bezug darauf in dem der Privatklage zu Grunde liegenden Artikel von dem traurigen Ruhm gesprochen Miro den , ch der Privatkläger dadurch, erworben habe, daß er C£4 er der Litten Einwohner des Kreises Johannisburg fernen Besitz in polnische Hand habe übergehen lassen, so ist das eine drrrchaas zutreffende Krttik der Hairdlungswaiie des Prwatttagers, aber keine Beleidigung.
Tie gesetzliche Einführung eines 36stündigeu Ruhetages verlangt eine Petition, die der Verband der Bäcker Deutfiylalws dem suntotot «iug-r-icht Kat. S» L-r P« -tu>» w-rd mucht, der Bundesrat möge verordnen: 1) daß allen Arbeitern, den Gelernten wie bat ungelernten, den Lehrringen und Angestellten vr gewcrölicheu unb fabrikmäßigen Bäckereien und Kvndttoreren.


