Ausgabe 
24.4.1907 Erstes Blatt
 
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Lelle des Reiches zu erteilen. Lord Tweebmouth erklärte weiter, eines der Zrele der Admiralität sei, die Se e st r e 11* grafte auf derselben Höhe zu erhalten, daß sie Eng- ^land die Oberherrschaft zur See in jedem ver­nünftigerweise als möglich, anzunehmeuden Falle sichern.

Tcrily Expreß" schreibt, General Botha beabsichtige, der Kolonialkonferenz einen Vorschlag zu unter­breiten, betreffend Gründung einer Burenarmee, die sich ausschließlich aus Freiwilligen zusammensetzen soll. Dasselbe Blatt versichert, daß die Regierung beabsichtige, die Landesverteidigung wie folgt zu organisieren: Jede Kolonie hat eine der Bevölkerung des Landes ent­sprechende Freiwilligen-Armee zu unterhalten,- für Kanada würde diese Armee 45 000 Mann umfassen, für Australien 205 000 Mann, für Reu-Seeland 105 000 Mann, für Transvaal 11000 Mann usw.

parlamentarischer.

Berlin, 23. April. Zu Beginn der heutigen Sitzung der Bu dgetkommlssion deS Reichstages ergänzte Kolonialdirektor Dernburg seine neulichen Mitteilungen über den Taifun auf den Karolinen. Nach den neuesten telegraphischen Nachrichten sind die Verwüstungen nicht so schlimm, wie eS nach der ersten Meldung den Anschein hatte. Eingeborene sind nicht getötet worden; aber es fehlt für zwei Jahre an Lebensmitteln.

__ In unterrichteten Kreisen nimmt man an, daß der Reichstag am 17. Mai vertagt wird. Bis dahin müßten der Etat, die Ergänzungs-Etats und das deutsch­amerikanische Handelsabkommen erledigt werden. Es ist anzu- nehmen, daß in den nächsten Tagen eine Reihe von Gesetz­entwürfen dem Reichstagezugehen wird.

_ Die Wahlprüfungskommission deS Reichs­tages hat beschlossen, mit Rücksicht auf die Rolle, die die Kriegervereine vielfach während der letzten Reichstags- wählen gespielt haben, eine gutachtliche Aeußerung des Generals von Spitz, deS Vorsitzenden deS Verbandes deutscher Knegervereme, darüber herbeizuführen, ob die Kriegervereine einen amtlichen Charakter haben oder nicht.

Aon der rrrsstscheu Kolter und anderes.

In einem Kommissionsbericht, der von dem Abg. Perga­ment in der ReichSduma verlesen wurde und dessen Rich­tigkeit von dem Ministergehülsen Makarow in allen wesent- sichen Punkten anerkannt wurde, heißt es u. a.: Mit dem Beginn der Strasexpedisionen in den baltischen Provinzen begannen auch die Folterungen von Gefangenen, um von chnen Geständnisse zu erpreßen, die genügten, um sie erschießen zu lassen. In Riga wurde eine Kommission, Ge- hülfen des Chefs der politischen Polizei, vom Gouverneur mit dem Recht ausgestattet, polisische Angeklagte ohne gerichtliches Verfahren zu toten. Ein Gefangener wurde von dem Polizei­kommissar niedergeworfen, worauf der Kommissar auf der Brust deS Gefangenen so lange herumsprang, big ihm sämtliche Rippen gebrochen waren und er fürchterlich leidend mehrere Tage lang keine ^Nahrung zu sich nehmen konnte, bis er dann erschossen iroucbe. Cm anderer wurde so lange auf die Waden '^schlagen, bis alles Fleisch sich von den Knochen gie l ö st hatte. Einem dritten wurde ein Geständnis, das man Ivon ihm verlangte, buchstabenweise mit Kautschukknütteln auf ten Rücken geschlagen. Diejenigen Gefangenen, die während den Folterungen nicht gestorben waren, deren Wunden aber nicht geheilt werden konnten oder dauernde Spuren hinter­ließen, wurden nachts in der Nähe deS Gefängnisses er- (schoßen. Andere Gefangene wurden von zwei Kosaken an Händen und Füßen gehalten und mit Gummiknütteln so lange geschlagen, bis der Erdboden von Blut triefte. Um Geständnisse zu erzwingen, wurden gefangenen Weibern Nägel von den Fingern und Zehen ge- r-issen, Haare bündelweise ausgerissen und Knochen an Armen und Beinen gebrochen. Die Martern und (Folterungen wurden von der Polizeibehörde organisiert und unter chrer Beteiligung ausgeführt. Em Lehrer wurde ge* imartert, um das Geständnis zu erzwingen, er habe im Gou­vernement Mohilew einen Polizeibeamlen ermordet. AlL sich herausstellte, daß er unmöglich der Mörder sein konnte, «wurde er ins Gefängnis geschafft und nach etwa einer Monatsfrist wieder vorgeführt, um zu gestehen, daß er der Mithelfer Belenzows bei dem Moskauer Bankraub gewesen sei. Er (wurde so lange mit Kautschukknüppeln geschlagen und mit Strangulation bedroht, bis er alles gestand. Ein anderer wurde erst mit Kautschukknüppeln und dann mit Eisenstäben geschlagen, worauf er auf den Boden gelegt und in seine Wunden Zucker gestreut wurde. Andere wurden massiert", indem man sie blutig schlug und die Wunden mit Salz einrieb. Ein anderer wurde auf eine Bank gelegt und auf seine Brust ein Brett gelegt, auf dem zwei Polizisten balanzierten, bis das Rückgrat gebrochen war, worauf sie ihn erschossen.

Gestern nachmittag wurde der Dumapräsident Golowin vom Zaren in Zarskoje Selo empfangen. Die Audienz dauerte eine halbe Stunde. Golowin unterbreitete dem Zaren einen schriftlichen Bericht über die Tätigkeit der Duma, den der Zar voll Interesse entgegennahm. Weiter sprach sich der Zar dahin aus, daß er an die Beratungsfähigkeit der Duma glaube und daß von einer Auflösung feine Rede sein könne. .Golowin war über den liebenswürdigen Empfang sehr erfreut.

DieNowoye Wremja" stellt fest, daß bei der Ka ta - sirop he auf der Newa nicht 40, sondern etwas über 100 Menschen umgekommen sind. Der Dampfer war für 85 Personen berechnet, doch befanden sich bei der ver­hängnisvollen Fahrt über 120 Personen auf ihnen. Die Katastrophe ist auch nicht, wie die Besitzer behaupten, durch eine Eisscholle, sondern durch den Bruch der Steuerkette ein­getreten.

In Slatusk wurde der Führer der monarchistischen Partei ermordet.

In Warschau wurde ein Damenschneider mit seinem Sohne von seinem Schwiegersöhne erschossen. Der Miße- täter erschoß sich dann sell-'t.

Aus Stabt uuv Land.

Gießen, den 24. April.

* S. K. H. der Großherzog kommt, wie uns zu der Meldung unseres Darmstädter Redaktions-Bureaus neuerdings aus Darmstadt drahtlich mitgeteilt wird, wahrscheinlich ebenfalls im Automobil hierher.

** Pfarrperson alien. S. K. H. der Großherzog haben dem Pfarrer Phil. Möbus zu Hoch-Weisel die evang. Pfarr­stelle zu Ostheim übertragen. .

** Warnung. Seit einigen Jahren wird i m Großher- zogtum ein schwunghafter Handel mit sogenannten Vieh­pulvern und ähnlichen Geheimmitteln (Freß-, Mast-, Kraft-, Milch-Pulver und bergt) betrieben. Dies muß als ein die Interessen des Bauernstandes im hohen Grade schädigender Uebel- stand bezeichnet werden. Die marktschreierische und wahrheits­widrige Reklame, mit der solche Mfttel angepriesen werden, ist daraus berechnet und geeignet, die Landwirte irre zu führen und sie veranlassen, Mittel zu tausen, deren Wert und Wirkungen in gar keinem Verhältnis stehen zu den dafür gezahlten Preisen. Da die inbetracht kommenden Miftel vielfach als Heilmittel gegen Tierkrankheiten angepriesen und Denneben werden, kann dies leicht die bedenkliche Folge haben, daß deren Anwendung die ächgemäße und rechtzeitige Behandlung der erkrankten Tiere verzögert oder verhindert Die Landwirte werden deshab vor dem Anlauf dieser Geheimmittel gewarnt.

Sein 25jähnges Arbeitsjubiläum feiert morgen, Donnerstag der Schmied August Benk in der Heyligenstädtscheu Maschinenfabrik.

* Den Verhandlungen des Allg. deutschen Lehrerinnen-Vereins, die an Pfingsten in Mainz 'tattfinden, wird auch I. K. H. die Großherzogin bei­wohnen.

** Gin Bild der alten Universitätsbibliothek, so wie sie früher war, wird zu Reproduktionszwecken für die llniversitätsfesizeitung gesucht. Im Jureresse der Vollständigkeit der Schilderungen aus der Vergangenheit unserer Unioeriuät wäre es sehr erwünscht, wenn das bezl. Inserat in der heutigen Nummer möglichst rasch Erfolg hätte.

** Die Bank sur Handel und Industrie, Depo- sitenlasse Gießen ist morgen wegen des Kaiserbesuches von 11 bis 2 Uhr geschlossen.

- Zur Schülerfahrt nach der Waßerkante, die im Mai stattsinbet, haben sich aus bem Gymnasium unb dem Realgymnasium unb ber Realschule je 8 Schüler gemeldet. Die Kosten des einzelnen Teilnehmers belaufen sich auf der mehrere Tage dauernden Exkursion auf 50 M. Die Fahrt geht nach dem Kriegshafen Wilhelmshaven, wo Kriegsschiffe unter Führung der Schiffsoffiziere m allen Teilen besichtigt werden, daran schließt sich eine Fahrt durch den Kaiser Wilhelmkanal nach Kiel an. Danach wird die Heimreise angetreten. Die Reise findet unter Führung eines Ober­lehrers aus dem Realgymnasium statt. Die Anregung zu dieser Fahrt geht vom Deutschen Jlottenverein aus.

? Staufenberg, 23. April. Heute weilten Staatsan­waltschaft und Untersuchungsrichter hier, um in dem Fall der Körperverletzung mit tödlichem Aus­gang, der kürzlich einem jungen Menichen von Rutters­hausen das Leven Eoftete, Zeugen zu ver-rehmeu. Auch wurden die Angeklagten, die sich in Haft befinden, hierher gebracht, um den Tatbestand festzustellen.

* Zell-Romrod, 22. April. Das zur Erweiterung unseres Bahnhofs erforderliche Gelände, rund 10500 Qm., soll auf Antrag der Eisenbahn-Direktion Frankfurt a. M. enteignet werden.

O Büdingen, 21. April. Der Kreistag hat be- schloffen, an der Kreisstraße Selters-Stockheim eine Kreis- sammelwasenmeisterei zu errichten. Dieses neue Projekt erfordert einen Kostenaufwand von ca. 93 000 Mark.

sd Friedberg, 23. April. Der hessische Pfarrverein hielt heute feine 17. Hauptversammlung hier unter bem Vorsitz von Dekan Schrimpf-Butzbach ab. Der Vorsitzende leitete die Versammlung durch ein Gebet em unb verlas als­dann den Jahresbericht, der ebenso wie die Rechnungsablage durch Pfarrer Röschen-Freienseen, sowie das Referat des Schriftführers Genehmigung fand. Die Angelegenheit bezüg­lich des Lutherfensters wurde nach Besprechung einer Kom­mission übertragen. Die Frage der Erziehungsheime wurde ebenfalls lebhaft erörtert und beschlossen, den Wohlfahrts­ausschuß zu beauftragen, im nächsten Jahre entsprechende Vorschläge zu machen. Referent war Pfarrer Heß-Michel- ftadt. Weiter wurde eine Erklärung beschlossen, welche Herrn Oberkonsistorialpräsident Buchner anläßlich seines Rücktrittes ehrende Anerkennung zollt. Pfarrer Wahl- Langen wurde aus Anlaß seines Ausscheidens aus dem Hess. Pfarrverband in Anerkennung seiner großen Verdienste zum Ehrenmitglied ernannt Eine Anzahl weiterer Gegen­stände sollen am Mittwoch vormittag erledigt werden. Die vorgeschlagenen Statuten - Aenderungen wurden gut- geheißeu.

W. Frankurt a. M., 23. April Die Stadtverord­netenversammlung beschloß heute einstimmig, den Zu­schuß zur Akademie für Sozial-undHandelswissen- schasten von 30 000 Ml auf 75 000 Mk. zu erhöhen. Der städtische Zuschuß soll in erster Linie zur Erhaltung des Charakters der Akademie als eines Fortbildungsinstttuts für Praktiker ver­wendet werden. Zur Einrichtung ftändiger Meisterkurse wurden ferner 37 000 Mk. bewilligi. Ein 30jähnges Fräulein er- Itattete der hiesigen Polizei die Anzeige, sie sei von einem 3 51ähr. Engländer, der sich Charles Noel Barnsdall nenne und aus Chicago stammen will, um die Summe von 63 000 Mark betrogen worden. Für die Herbeischassung des Geldes oder Ergreifung des Engländers hat die Dame, die dm Schwindler in eLner Münchener Pension kennen lernte, eine Belohnung von 1000 Mk. ausgesetzt.

Frankfurt, 21. April. Der deutsche Notaroerein hielt heute unter bem Vorsitz beS Geheimrats Turn aus Köln eine Vorstandssitzung ab, bei der sämtliche deutsche Bundes­staaten vertreten waren; außerdem wohnten namens des öster­reichischen Vereins zwei 9toiare aus Wien der Beratung bei. Die hessischen Slotare waren vertreten durch Justizrat Humbert- Oppenheun. Beschloßen wurde eine gemeinschaftliche Tagung der deutschen unb österreichischen Notare, die am 7. September in Wien mit folgender Tagesordnung statt finden soll: 1. Empfiehlt eS sich, das Notariat grundsätzlich einheitlich zu regeln? wenn ja, nach welchen Grundsätzen? (Vorbildung, Verfassung, Beurkundungswesen rc.); 2. Empfiehlt es sich, den 'Notariatsakten an und für sich und im zwischenstaatlichen Verkehr gegenseitig die sofortige Vollstreckbarkeit zu sichern, und unter welchen Voraussetzungen? 3. Welche Neugestaltung der notariellen Aktsformen und der Kompetenzen erfordert der moderne zwischenstaatliche Verkehr zur Beförderung gegen­seitiger Rechtshilfe? 4. Gründung eines ständigen Ausschußes der notariellen Vereinigungen.

Wiesbaden, 23. April. Der Kaiser fuhr hier sofort nach seinem Eintreffen nach dem Kurhaus-Neubau. Nach dessen Besichtigung fand Frühstückstafel bei Regierungs­

präsident von Maister statt. Am Nachmittag machte er eine Spazierfahrt und besuchte am Abend das Theater. Er bleibt die Nacht in Wiesbaden und fährt morgen Vormittag nach Homburg zurück. .

W Cronbcrg, 23. April. Die Kaiserin und die Prm- zest'in Viktoria Luise, sowie Prinz A u g u st Wilhelm und seine Braut kamen beute nachmittag in zwei Automolilen hier an und verweilten einige Zeit aus Schloß Friedrichshos. Nach kurzem Spaziergange im Park fuhren die Herrschaften nach Domburgi zuruck. Eisdorfer Grund, 22. April An

einem Weidensumpf im Wiesental färb nan am Sonntag die Leiche der 17jährigen Tocht . ^es £anhimrtä A. von Ebsdorf. Zu erwartende Folgen eine., Liebesverhältnis es hatten das junge 'Mädchen in den Tod getrieben. Heute fand unter großer Beteiligung die Beerdigung statt. _

Vermischtes.

Eine scheußliche Mordtat hat in dem spanischen Orte Villabanez em betrogener Ehemann begangen. Ohne em Wort zu sagen, knüpfte er seiner Frau einen Strick um den Hals und hängte sie an einen Balken auf. Dann trug er eine Reihe brennbare Tinge zusammen und zündete ie unter dem Körper seiner Fau an. Die beiden Kinder des Ehepaares wohnten der Szene bei. Der Mann schnitt odann die Leiche ab, zerstückelte sie unb vergrub sie im Garten, wo bie Polizei sie entdeckte. Der Mann wurde fest- genommen. .

* Erdbeben. InMalaga (Spanien) wurde ein leichtes Erdbeben in nordsMicher Richtung und in Lorca (Pro­vinz Murcia) ein starker Erdstoß von drei Sekunden Dauer ver- spürt. In Chile finbeit immer noch heftige vulkanische Erschütterungen statt; über die Stadt Valdivia sind Aschenregen niedergegangen.

London, 23. April. Der heute gefällte Spruch des Seeamtes in Bezug auf die bei Hoek van Holland 3 trän, düng deS Dampfers .Berlin" besagt, daß das Schiff beim Verlaßen des Ausgangshafens in gutem Zustande und mit den erforderlichen Rettungsapparaten ausgerüstet gewesen sei. Der Grund der Strandung liege m einem Irrtum des verunglückten Schiffsführers bei dem Versuch, in einen neuen Kanal unter den herrschenden Wetterverhältnissen einzulaufen und der Unterschätzung der Flutstärke. Die schwere See habe es den Rettungsmann- schäften unmöglich gemacht, an das Schiff heranzukommeu. Jedenfalls sei aber alles, was möglich gewesen sei, in dieser Richtung geschehen. Das Schiff sei nicht zu allen m Betracht kommenden Zeiten mit der erforderlichen seemännischen Um- sicht navigiert und geführt worden.

» Toulon, 23. April. In der vergangenen Nacht ifl im Arsenal eine Feuersbrunst ausgebrochen, unb zwar, wie es heißt, an mehreren Stellen des Werg- und Holz« raumes gleichzeitig. Ueber eine am Brandorte aufgefunbene Lunte wird berichtet, daß dieselbe aus Hanf gedreht war und in einem Gebäude lag, in welchem sich bedeutende Mengen von Petroleum, Oel, Kerzen und andere, leicht entzündbare Gegenstände befanden. Die Zahl der Verwund et en wird auf mehr als 30 angegeben. Im gleichen Augenblick, als das Feuer im Arsenal ausbrach, entstand eine große Feuers­brunst am anderen Ende der Stadt. Das Feuer im Arsenal konnte heute früh gelöscht werden. Der angerichtete Schaden beläuft sich auf mehrere Millionen Franks. 17 Ver­letzte werden im Hospital verpflegt. Zerstört wurden baS Flottengebäude, die Torpedoofsizierschule und mehrere Werk­stätten.

Der Kandidat als Prediger. Emern Hamburger Blatte wird aus der Lüneburger Heide geschrieben:Der Geistliche einer Heidekirche war krank, und em Kandidat der Theologie sollte den Sonntag für ihn predigen. Als er die Epistel vorgelesen hatte unb mit ber Predigt beginnen wollte, war ihm alles entfallen, was er Schönes sagen wollte. Drei- mal begann er: .Es grüßet Euch Timotheus" und kam nicht weiter. Als er zum vierten Male recht eindringlich das- selbe gesagt, stand der Vorsteher der Gemeinde auf und sagte: .Grüßen Se öm veelmals wedder."__ ____

Arbeiterbewegung.

Berlin, 23. April Ter Ausbruch eures B ä ck e r str eikr wird hier befürchtet. Für diesen Fall haben die Bezirksvorstände der Backermeisteroereine Vorbereitungen getroffen, um die Lieferung von Gebäck sicher zu stellen. Es sollen je 2 Pleister mit den in Arbeit gebliebenen Gesellen in einer Bäckerei backen und bie Waren bann verteilen. Im Notfälle soll das Rriegsmmifterium gebeten werden, Soldaten zur Verfügung zu stellen. Eine heute nachmittag von 2000 Bäckergesellen besuchte Versammlung beschloß eiulniamig, den Oberbürgermeister als Vermittler anzurufen um den Meistern noch einmal die Hand zum Frieden zu bieten.

Hamb urg, 23. April. Ter A r b e i t s b e t r i e b im H äsen ist seit heute mittag wieder normal. Ta von den noch anwe­senden 4632 fremden Arbeitern sich heute früh 2335 weigerten, weiterzuarbeiten, konnten im Laufe des Vormittags sämtliche aus* gefperrten Schauerleute wieder eingestellt werden. Gestern und heute wurden 730 Engländer zurückbefördert. Von den deutfchm Arbeitern werden nur die hier bleiben, bie einen besten Jahres* kontrakt unterfchrieben; es handelt sich um etwa 300 Mann.

Görlitz, 23. April. Hier streiken die Maler, Lackierer und Anstreicher. ___

Universitäts-Nachrichten.

Professoren-Exzellenzen. Seid der Ernennung v> Leydens zur Exzellenz besitzt die Berliner Universität unter ihren Professoren wieder drei Exzellenzen: den Philosophen Eduard Zeller (Stuttgart), den früheren Vorsitzenden ber Justizprufungskommifsiop Adolf Stötzel unb v. Leyden. Von Professoren anderer preußischen Unioerfitäten kommen noch vier Exzellenzen hinzu: der Kieler Ehirurg v. Esmarch, der Göttinger Jurist Planck, einer der Haupt- Mitarbeiter am Bürgerlichen Gesetzbuch, der Marburger Bakterio­loge v. Behring und der Hallenier Landwirtichaftslehrer Kuhm Ihnen schließen sich von den deutschen Hochschullehrern außerhalb Preußens noch Kuno Fifcher (Heidelberg) und Häckel (Jena^awE

Kandel.

Reichsbank-Diskont. Die allgemeinen Erwartung« der Geschäftswelt sind nicht in Erfüllung gegangen. Die Reichs- banfleuung hat den Diskont nur um em halbes Prozent herab ge­fetzt, nicht, wie fast allgemein erhofft wurde, um ein ganzes Prozent und damit dem Geldverkehr nur eine Sehr geringe Erleichterung geboten. Das fapttalbebürfiige Publikum, Handel und Industrie sind damit immer noch nicht aus den anormalen Geldverhaltniffeu herausgebrachl. Im Vorjahr hatte die Bank am 16. Januar ihren Diskontsatz auf 5°/0 und am 23. Akai wieder auf 4l/s°/o ermäßigt, womit er damals den Tiefstand während des ganzen Jahres erreicht^ Diesmal hält die Bank ihren Satz vorerst mithin noch em halbes Prozent über dem vorjährigen, doch ist zu hoffen, daß sie mit einer weiteren Diskontherabsetzung nicht zögern wird, Sobald dies Die Verhältnisse des deutschen Marktes und der internationalen Weto- I markte gestatten. Vor allen Dingen wird man eine weitere Herav- Setzung des Diskonts der Bank von Eiigland, die ja für öie|e Woche bestimmt erwartet wird, abzuwarten haben.