Ausgabe 
23.8.1907 Zweites Blatt
 
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Nv. 197 Zweigs

Erscheint ISgNch mit Ausnahme des SonnkügS.

DieSietzener Lamittendlatter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das KreisMatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

157.

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itag IF. August 1997

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei»

N. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei; Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion:e^H2. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.

kleines Feuilleton.

5 DerB o m st e r". Ain 70. Geburtstage Trojans teilten

oir dessen köstliche Verse von den gräßlichen 68 er Weinen mit. Darin findet sich am Schlüsse folgende Stelle: -

Wenn du einmal kommst In diesem Winter nach Bomst, Deine Erfahrung zu mehren, i Und man setzt, um dich zu ehren,

Dir heurigen Bomster Wein vor, Dann bitt' ich dich, sieh dich iein vor, Daß du nichts davon verschüttest Und dein Gewand nicht zerrüttest, Weil er Löcher frißt in die Kleiber uft Und auch in das Schuhwerk leider.

Nun hören wir, daß von manchem unserer^ Leser behauptet > rorden ist, von den Bewohnern des Posenschen Städtchens Boinst -erde überhaupt kein Wein gebaut, Trojans witzige Verse seien ,tz lso nichts als ein auf Erfindung beruhender Scherz. Dem ist büd) nicfit jo. Im Kreise Bomst sind tatsächlich ungefähr 7o0 Ä 'loraen mit Wein bebaut. Die Hauptorte für den Weinbau find .6 Io in ft, Körnitz und Ehwalim, das allein 400 Morgen Wemberge ' esitzt. In diesem Jahre sieht es freilich, wie es heißt, m jenen !l 6embergen ebenso bedenklich aus wie Anno 1888. Infolge des ii ihlen Welters im Juli und Anfang August sind die Beeren noch j anz klein, und wenn nicht noch anhaltend warme Witterung, crmentlich Sonnenschein kommt, was ja wohl ausgeschlossen ist, \\ > ist an ein Reiswerden des Weines in diesem Jahre überhaupt

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kriegerischer Zusammenschlüsse.

Missionsresolution.

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bitten wir dringend, uns die zu nehmen. (Beifall bei den die Verhandlungen auf Mitt-

gestimmt haben, sondern und Wurm geschart habe, daß die Kommission für

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Freiheit der Entschließung nicht deutschen Delegierten.)

Hierauf vertagt die Sektion woch vormittag 10 Uhr.

nur ein Teil, der sich um Ledebour (Beifall.) Singer teilt dann noch mist das Frauenstimmrecht folgende

während der Zeit rüsten zwei der zu neuen Kriegen. Im Haag sitzen Staaten wollen nur ihre Ausgaben verringern.

^Eduard Bernstein empfiehlt

Frauenronferenz und erklärt sich mit den dort aufgestellten Forderungen solidarisch. Insbesondere sind die sozialist. Parteien aller Länder verpflichtet, für Ein­führung des allgemeinen Frauen st immrechts z u kämpfen. Der Kongreß weist das beschränkte Frauenstimm­recht als Verfälschung und Verhunzung des Prinzips der Gleich­berechtigung beider Geschlechter ab. Er fordert bas all gern. F r a u e n st i m m r e ch t, das allen großjährigen Frauen zu­steht, und weder an Steuerleiftung noch an die Bildungsstufe geknüpft ist.

Am Nachmittag wurden die kolonialen Fragen weiter behandelt. Als erster Redner nahm Q u e l ch von derSo- eialdemocrat Föderation" das Wort. Er führte aus: Wir müssen die kolonialen Fragen praktisch behandeln. Ich bin auch bet Ansicht, .daß wir uns nicht in Utopien verlieren sollen. Auch wir verdammen die kapitalistische Kolonialpolitik mit allen ihren Greueln und Ungeheuerlichkeiten. Ter Sozialismus muß hier eingreifen. Die internationalen Verständigungen der jetzigen Staatsregierungen führen nicht zum Ziele. Das sehen wrr im Haag, wo ihre Vertreter zusammcngekommeu sind, angeblich, um ben Krieg zu verhindern. Tort sitzt und rät man und

gegen die jetzige Kolonialpolitik zu begründen. Von neuen Kolonieen sei keine Rede. Es handelt sich nur um die bestehenden, zu deren Bewirtschaftung man Stellung nehmen müsse. Tie Sozialdemokratie gewinne überall eine steigende Macht und könne nicht wie Pontius Pilatus sagen: Ich wasche meine Hände in Unschuld. Man kommt nicht damit über die Frage hinweg, wenn man sagt, ich habe damit nichts zu tun. Die Kolonieen sind dai Eine gewisse Vormundschaft der Kulturträger über die anderen muß auch da sein. Die Erde gehört der ganzen Menschheit. Was sich nicht entwickeln kann, muß von dem Höherstehenden unterworfen werden. Wir bilden vielfach das Zünglein in der Wage. Wir müssen daher Stellung nehmen. Wir können die Kolonieen nicht aufgeben, weil sie sonst anderen Eroberern in die Hände fallen würden. Wir brauchen auch die Kolonialprodukte, .^ir müssen die Kolonieen erhalten, wem: wir nicht der Wahrheit und Geschichte ins Gesicht schlagen wollen. Es wäre z. B. besser, wenn der Kongostaat nicht Privat­eigentum eines Königs wäre, sondern von einem Parlament verwaltet würde, in welchem an,ch Sozialisten sitzen. (Beifall.), Ledebour sprach nun im Namen der Minorität der Kommission. Er müsse die Vorwürfe des Referenten van Kol mit

IurernuUonttler Sozialisten-Kougretz

(Unberechtigter Nachdruck verboten.)

IV.

dort beteiligten Nationen Mörder und Diebe. Die für Mord und Totschlag

Singer stellt sest, daß nicht alle deutschen Delegierten gegen die Resolution der Majorität

. ,, , die Annahme der Kom- Es handele sich darum, die Opposition

wagen in der Kaserne haben auch wir die Mittel, welche die französische Resolution Vaillant angiebt. Seine Resolution fit für uns, rund heraus erklärt, einfach und für allemal in allen Teilen unannehmbar. Wir begreifen ja sehr gut, daß die Agitation gegen den Militarismus durch die Auf­klärung der Massen langsmn, zu langsam, geht und daß man auf Mittel sinnt, die eine schnellere und wirksamere Bekämp­fung des Militarismus möglich erscheinen lassen. Aber bei allen diesen Untersuchungen ist nichts brauchbares herausge­kommen, nichts als alte Rezepte, die Deutschland und die internationale Partei schon wiederholt zurückgewiesen haben. Sie verkennen den ganzen Zusammenhang der sozialistischen Bewe­gung, weil Sie anstatt die soziale Frage in ihrem Kern zu erfassen, sich lediglich an die einzelnen Erscheinungen halten. Die Idee, durch den Generalstreik den Krieg aus der Welt zu schaffen, erscheint so töricht, wie durch einen Generalstreik über Nacht den Kapitalismus zu vernichten. Ich glaube, daß es ein Schritt vom rechten Wege wäre, wenn Sie diese Taktik einschlügen. Mir würde es am besten erscheinen, wenn wir in ber Frage des Militarismus einfach die Züricher Resolution erneuerten. Aber nachdem wir einmal in die Beratung eingetreten sind, verstehe ich es ja, daß Sie eine neue Resolution gefaßt sehen wollen. Wenn sie auch nicht mehr sagt, so ist es doch wenigstens etwas Neues. Ich kann Sie versichern, daß wir den ganzen Gang eines Krieges kennen, und genau so wie jede andere Fraktion des Sozialismus bereit sind, alle Mittel anzuwenden, die uns zur Verfügung stehen, um der Völkerverhetzung Einhalt zu tun und Einfluß auf Regierung und öffentliche Meinung zu gewinnen zur Vermeidung * 'r Aber in Bezug auf die Mittel

Sre an den Amerikanern. Wie wäre es um die heutige Gesellschaft, wenn fern Kaffee, kein Indigo aus den Kolonieen käme. Also nochmals Herr Ledebour: Seien Sie nicht so utopiftisch (Heiterkeit.) Versetzen Sie sich mehr in die Wirklichkeit. (Beifall bei den Holländern und Engländern.) Man kann nicht alle Kolonieen aufgeben. Auch unter einem sozialistischen Regime können sie notwendig fein. Für viele Staaten sind sie eine Lebensfrage. Wohin sollten die überflüssigen Arbeiter und woher sollten wir die Rohmaterialien beziehen. Ter Wert der Ko­lonieen wird mit der Zeit noch gesteigert werden. Es wäre gut, wenn die Großmächte sich über die Kolonieen verständigten. Leider über, wirkt eine Verständigung der Großmächte stets! reaktionär, wie wir im Haag gesehen haben.

Die deutsche Sozialdemokratie hat auf kolo­nial emGebiete ihre Schuldigkeit nicht getan. Der Genosse Ledebour hat im deutschen Reichstage sehr beredt gegen die Kolonialgreuel gekämpft. Aber positive Sozialpolitik hat die deutsche Sozialdemokratie nicht geleistet. Sie hat feinen Vor­schlag zur Besserung gemacht. (Ledebour: Das können mir nicht.) Sie haben es nicht, getan. Warum sind Sie nicht erst in die Kolonieen gegangen, um sie zu studieren. Sie haben sich um nichts g e f üm m c r t. (Beifall bei den Holländern und Engländern, Widerspruch bei den Deutschen.) Aus dem Schmollwinkel heraus haben Sie Kolonialpo­litik getrieben. Praktisch haben Sie nichts geleistet. (Un­ruhe bei den deutschen Delegierten.) Wo ist das Kolonial­programm der deutschen Sozialdemokratie? (Erneute Unruhe bei den Deutschen.) Wenn Sie sich mit der Kolonialpolitik beschäftigen würden, würden Sie Millionen neuer Anhänger er­werben. Das hat auch Genosse Dernburg im Reichstag gesagt. (Große Heiterkeit; Ledebour ruft: So muß es noch kommen! Erneute große Heiterkeit.) Tie Kolonieen sind nicht ganz unnütz. Auch in ihnen kann und muß der Klasfenkampf geführt werden. Für die Eingeborenen würden sozialistisch geleitete Kolonieen sehr segensreich sein. Sie würden hygienisch und sozial gehoben werden. Tie Kolonialpolitik beherrscht zurzeit die Welt. Der drohende Krieg zwischen Amerika und Japan wird am Ende durch die Kolonialfrage verursacht. Auch ein Krieg zwischen Deutschland und England kann von ivegen Der Kolonialfrage kommen. (Zurufe und lebhafte Unruhe.) Darum muß sich die deutsche Sozialdemokratie mehr um die Kolonieen kümmern. Das ist jetzt ihre erste Pflicht. (Beifall bei den Engländern, Holländern und Amerikanern, Widerspruch bei den Deutschen.)

würdig durch Wilbrandls Gestaltenmelt hindurchschlägt und ans seinem innerlichen Bedürfnis hervorguillt. Eine iveitunnassende Idee, die dem Dichter wieeine Insel aus dem Ozean der Dichtung emporfteigt", tritt hervor in seinem großen DramaMeister von Palmyra". In ihm erhalt man nahezu ein Gesamtbild von den großen Tendenzen des Dichters und Denkers.

D : eWölflin g-A d a m o m i c z°S cheidung (Wölfling ist bekanntlich ein früherer österr. Erzherzog) fit richtig schon dramatisiert! Aus Wiesbaden wird mitgeteilt: »Der Bürger- prinz" nennt sich ein neues abendfüllendes Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Harry Pohlmann, das demnächst im hiesigen Residenz- tbcatcL- zur Uraufführung kommen wird. Die Handlung des Stückes lehnt fiel) an die Affäre Wölfling-Adamowicz an.In die Fixigkeit" sind die Verfasser unseren bedeutendsten Bühnen­dichtern ,über\

*

Ter heutigen Plenarsitzung präsidierte wieder Singer. .Sie war zu Anfang sehr schwach besetzt, weil die meisten Delegierten noch in den Kommissionen zu tun haben. Einzelne Delegierte sollen schon wegen Zwistigkeiten ab - g er eist sein. Es fiel auf, daß zunächst die französischen Telegierten nicht anwesend waren. Vor Eintritt in die Tages­ordnung erklärte Singer: Genossen! Gestern nachmittag und heute nacht ist in der Nähe von Stuttgart ein großes Brand- unglück vorgekommen, wodurch eine Reihe von Leuten des betreffenden Ortes schwer geschädigt worden find. Tas inter­nationale sozialistische Bureau schlägt Ihnen vor, zum Zeichen des Mitgefühls 50 0 Mark aus der Kasse des internationalen Bureaus zu bewilligen. Die Versammlung stimmt dem unter großen Beifallskundgebungen zu.

_ Es wird dann bie Kolonialfrage behandelt. Der Referent van Kol weigert sich anfangs, in Abwesenheit der französischen Delegierten zu sprechen. Die Sitzung wirb darauf vertagt und die französische Delegation herbeigeholt. Der Be­sprechung liegen folgenbe Resolutionen zu Grunde: Eine Resolution van Kol:Der Kongreß stellt fest, daß der Nutzen der Kolonialpolitik allgemein, besonders aber für die Arbeiter­klasse stark übertrieben wird. Er verwirft aber nicht prinzipiell und für alle Zeiten jede Kvlonialpolitik, die unter sozialistischem Regime zivilisierend wird wirken können." Diese Resolution hatte die Zustimmung der Kommission gefunden. Ferner liegt eine Resolution der Minderheit vor. Der Berichterstatter van Kol führte aus: Wir sind nicht hier, um einzelne Reden zu hören, sondern um Beschlüsse zu fassen. Zwei Strömungen finden Sie in unserer Partei hinsichtlich der Kolonialfrage. Manche wollen von Kolonieen überhaupt nichts wissen, andere möchten sie unter gewissen Voraussetzungen behalten. Wir haben viel Kolonialtheoretiker und wenig Kolonialpraktiker. Warum sollen wir ohne weiteres über die Kolonieen den Stab brechen. Die in der Minderheit gebliebene Resolution geht viel zu weit. Auch ein sozialistischer Staat kann Kolonieen besitzen und zivili­satorisch wirken. Ich verstehe nicht, wie da der Genosse Ledebour mit allen Mitteln gegen bie Kolonieen kämpfen will, ohne sie selbst zu kennen und ohne an ihrer Entwicklung mitgewirkt zu haben. (Beifall bei den Englänbern.)

Die, Kolonieen bestehen nun einmal, es ist das ein fast accompli, mit dem man rechnen muß. Mit bloßer Nega­tion kommen wir nicht vorwärts. Gehen Sie hinaus in die Kolonieen und ftubieren Sie sie, Herr Ledebour, das ist besser, als Opposition zu machen. Man hüte sich vor Ueber- treibungen. Ihr Minister Dernburg sagte, Kolonieen seien für die Industrien der Mutterländer unentbehrlich. Sie sagen: Holland, England und Frankreich könnten ganz gut ohne Ko­lonieen bestehen. Gegen Ihre Kolonialpolitik muß mau Protest erheben. Ich sage, fort mit der kapitalistischen Kolonialpolitik. Tie Kvlonialpolitik muß im sozialdemokratischen Geiste geführt werden. Gegen bie Kolonialgreuel muß man mit aller Macht protestieren. Aber das kann nicht bie ganze Arbeit fein. Tie Deutschen, bie Franzosen unb die Polen beschränken sich leider darauf, negativen Protest zu erheben. Damit allein ist es nicht getan. Auch praktische Arbeit ist nötig. In dieser Be­ziehung sind die Holländer vorbildlich, die Großes zum Segen ber Kolonieen erreicht haben. Die deutsche Resolution verstößt gegen die Wahrheit. Es ist ihrer nicht würdig, sich nur auf ben Protest zu verlegen. Kolonialpolitik kam: unter Umständen auch eine Kuiturmission sein. Herr Ledebour, Sie sind uto- pistisch. Es ist mir unbegreiflich, wie Sie eine, solche Reso­lution Vorschlägen konnten. Wie kann ein Denker und Aka­demiker wie Herr Ledebour (Heiterkeit) eine solch widerspruchsvolle Resolution Vorschlägen. Kolonisation ist notwendig. Sie ist eine Kulturstufe. Daß man erfolgreich kolonisieren kann, sehen

nicht zu denken. C......e... _,..v .

Dem Kladderadatsch-Redakteur aber wollen wir wünschen, daß ihm als nachträgliche Spende zu seinem 70. Geburtstage noch ein Fäßchen heurigen Bomsters zu Teil werde, damit er Gelegenheit findet, feine lustigen 88 er Hyperbeln noch zu übertrumpfen. Wir möchten ihm jedoch empfehlen, bei einer Reise von Berlin nach seiner schönen Heimatstadt Danzig die Stadt Bomst zu vermeiden, denn die Bomster lassen auf denBomster" nichts konunen, auch keine boshaften Verse; und wenn sie gar voll sauren Bomsters find, dann dürfte Herrn Trojan noch etwas anderes passieren als nur Zerrüttung des Gewandes und bc5 Schuhwerks.

Der Kaiser und Uh land. Bei seiner letzten An­wesenheit in Kassel wohnte der Kaiser bekanntlich auch einet Anf- sührmm des Moser-Schönthan'schen LustspielsKrieg im Frieden" bei. Rach der Vorstellung unterhielt sich der Kaiser, wie wir be­reits berichteten, mit einigen Darstellen: und bemerkte, daß er dieses Stück wohl schon fünfundzwanzig 9)lal gesehen habe. Tann ge­dachte der Kaiser seiner Kasseler Gymnasialzeit und fügte hinzu, unter den vielen Stucken, die er als Gymnasialschüler im Kasseler Hosthealer gesehen habe, hätte ihm immer eins von Uhlanb be­sonders gefallen, nämlichLudwig der Bayer". Er bedauerte, daß heute folche Stücke nicht mehr gegeben würden; einen wie nach­haltigen Eindruck das Uhland'sche Drama damals auf ihn gemacht habe, gehe am besten daraus hervor, daß er sich noch heute aller Vorgänge der Handlung genau entsinne.

Jauräs: Wenn ich Hervä bekämpfe, so geschieht es nicht, m weil ich überhaupt keine Aktion will, sondern weil ich die Mittel, , deren sich Hervä bedient, für falsch halte. Wenn Hervä gestern die deutsche^ Partei zu kritisieren gesucht hat, so hat er nur gezeigt, daß er ein echter Internationaler ist, Tenn sonst i hat _ er jahraus, jahrein diese Angriffe gegen die 9 französische Partei gerichtet. Wenn ich jedesmal, wenn Hervä ' mich angriff, einen Schmiß bekommen hätte, sähe ich aus, wie Lein deutscher Korpsstudent. (Große Heiterkeit.) Hervä st will das Vaterland zerstören, wir wollen es zum Nutzen der Proletarier so zialisieren durch Ueber- t fichrung der Produktions'mittel in das Eigentum aller. Die Nation ist das Schatzhaus des me::schlichen Genies und Fort- ' schritts und es stände den: Proletariat schlecht an, diese kost- 7. baren Gefäße menschlicher Kultur zu zertrümmern. Wie wir den j Kapitalismus und den Klerikalismus bekämpfen, so müssen wir auch gegen den Militarismus vorgehe::, ber die Leiber des st Proletariats in Chauvinismus, Haß unb Zorn einander ent­gegenwirst. (Beifall.) Wir können offen genug sagen, daß to:r zwar die Unverletzlichkeit eines jeden Landes anerkennen und - es nicht der Ausfvlgung und Unterdrückung von Fremden preis- s peüen werden, daß wir aber keineswegs zugeben werden, das internationale Proletariat hinschlachte:: zu lassen. Wir können , jede Regierung in die größte Verlegenheit bringen, wenn wir b sie im Falle eines internationalen Konfliktes auffordern, sich einem Schiedsgericht zu unterwerfen, und sie als größre Feindin des Weltfriedens brandmarken, wenn sie sich dessen weigert, y Die ganze bürgerliche Welt blickt auf diese Beratung, sie ist überrascht durch die Kraft des internationalen Sozialismus und Hein Wachstum. Die bürgerliche Welt erzittert und tu diesem Augenblick wollen Sie selbst Jid) unfähig bekennen, ' wollen Sie selbst ben Bankrott der Sozialdemokratie erklären'? 1 (Lchhaster Beifall.)

v. Bo Ilmar wendet sich 'gegen Hervä. Wenn Hervä meine, I bie Deutschen feien gutmütige Leute, so habe er vollkommen recht gesehen, benn es werbe nicht in vielen Säubern Partei­genossen geben, bie fick) solche Reben mit solcher Geduld und Gutmütigkeit anhören würben. Unsere Selbsfichätzung verbietet und, dergleichen Ausführungen ernst zu nehmen unb herüber

Adolf Will) r'a n d t begeht morgen, am 24. d. M., feinen 70. Geburtstag. Seine ungewöhnlich reiche, hochgestimmte Künstler­natur führte ihn zu so vielseitigem als impofanteni dichterischen

1 noch ein Wort zn verlieren. (Beifall bei den deutschen Dele­gierten.) Jauräs meint, wir sollten die Person Herväs nicht illzu ernst nehmen. Ach, wenn nur Frankreich feine Ideen nicht allzu elrnst nähme und nicht nur zur Hälfte zurückwiefe, vährend es seine Schlußforderungen annimmt. Was Jauräs - ins hier gesagt hat, das sind Alltäglichkeiten, mit denen man vielleicht in einer schwungvollen Rede Eindruck machen kann, die ins aber doch gar nichts neues sagen. Ich bin kein kritik- J oser Lobredner meiner Partei, aber ich kann sagen, daß in M "einer Partei die nationale Befangenheit eine geringere Rolle 1 lespielt hat, als in der deutschen Sozialdemokratie, und daß nirgendwo der Militarismus und die Kriege von Anfang an michiedener bekämpft worden sind, als von der deutschen Sozial- »emofratie. Wir werden in der alten Weise unermüdlich unb rnablässig ben Kampf begen ben Militarismus und die Kriegs- je fahr fortsetzen. Aber wir werden uns den Sinn dieses 5lämpfes ] iidjt entstellen lassen. Es ist nicht wahr, daß wir Tein Vaterland .haben. Die Liebe zur Menschheit kann Z ms in keinem Augenblick daran hindern, gute Deutsche zu ein. So sehr wir bie gemeinsamen Kulturinteressen anerkennen, d o wenig geben wir uns utopiftischen Bestrebungen hin. Als j >b es wünschenswert fest Nationen aufhören zu lassen unb: "X inen unterscbleblosen. Völkerbrei daraus zu machen. (3* ' J uft: Wer will benn das?) Genosse Jaurös, solange H ( sij:och in Ihrer Partei sitzt, jind Sie für ihn ver­antwortlich, und können Sie diese V e r a n t - oortung nicht mit einem einfachen Achselzucken tih b l e b n e n. Liebknecht hat einmal gesagt, daß die deutsche 5 ^ozialbemokratie mit ihrem Wachstum den Krieg bekämpfe durch $ »ie Gewinnung des Parlaments und der öffentlichen Meinung, rnü sie aber dep. Krieg nicht verhindern werde und wolle durch JJ indische Revolutionsspielereien in der Kaserne. Sluf diesen Standpunkt hat sich.die erdrückende Mehrheit ber ul -eutschen Sozialbemokratie stets gestellt. Zu kindischen Verschwö-

Einen ertra guten Essig dürfte es freilich geben. Schaffen, das von tiefen Lebenstendenzen erfüllt ist. Seme Werke A ' rv r-' -r- bilben eine Bibliothek und auch im Alter noch überrascht er seine

Verehrer mit neuen und neuartigen Schöpfungen. Eiii psychologisch treues und literargeschichtlich vollständiges Bild voll ihm zu geben wäre leine kleine Aufgabe. Es gehöre dazu zum mindesten die Straft, sich mit Schwierigem zu befassen. Bewundernswert fit im Lebensbilde des Dichters besonders das immer siegreichere Herausarbeiten seiner Eigenart. Wilbrandls norddeutscher, Atecklenburger Humor ist mit viel Feinheit und Eharakterstärke gepaart, und bedeutend das Verhältnis des Dichters zur Nationalität und Humanität, zu den Erziehungs- und Frauenfragen und zu den metaphysischen Problemen. Hervormheben ist auch das pädagogisch-sokralische Element, das in unzähligen Lebensformen immer wieder liebens-

Y S. n. H. Stuttgart,.21. Aug.

T:e heutige zweite Plenarsitzung des Internationalen sozial. ?k^ugrefies begann wieder um 10 Uhr. Mehr und mehr zeigte es sich aber, daß ber Schwerpunkt ber ganzen Verhandlung des u Kongresses ebenso wie schon in Amsterdam in den Sektionen II öl $ie bmter _ verschlossenen Türen weiter tagen, während || ITn Plenum allerlei^ nebensächliche Tinge behandelt werden. Wir geben deshalb nachstehend bie weiteren Reden zum Thema: t Militarismus und internationale Konflikte-

Saillant (Frankreich) führte aus, daß er nicht hierher . gekommen fei, um irgend einer Fraktion des internationalen Sozialismus Steine in ben Weg zu legen; im Gegenteil, wir IM füllten uns gegenseitig förbern und wollen auch der deutschen U Sozialdemokratie ihre Aufgabe erleichtern. Wie es den einzelnen Nationen am besten möglich ist gegen den Krieg vorzugehen, müfie ihnen überlassen bleiben. Wir können uns aber nicht nut Agitation unb Organisation begnügen, benn in bem öko­nomischen Kampfe begegnet uns überall bie gefährliche Macht 4z des Gegners. Wir müssen ben Staat entwaffnen, bas Heer demokratisieren und bie auswärtige Politik kontrollieren. Tie Nationen sind nicht nur nützlich, sondern sogar notwendige Elemente ber menschlichen |lq Entwicklung.

____ Resolution beschlossen hat: Der internationale sozialistische Kongreß beschließt: Der Kongreß begrüßt mit großer Freube bie erste internationale