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22.6.1907 Erstes Blatt
 
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J^nteSftjfiS LehrÄh ebr-Molkerel, Brumeohwei, aenweg 158. Tosende asabeseut. Direkter Knau

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Nr. 144

Zweites Blatt

Samstag 22. Juni 1907

157. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

General-Anzeiger für Oberhejjen

DieEietzener FsmiNendlStter" werden dem »Anzeiger^ viennal wöchentlich beigelegt, das Krtlsblart für den llreir Siehrn" zweimal wöchentlich. Der.^rfflfche Landwirt" erscheint monatlich einmal.

fllotattonflbrucf und Verlag der vrüblichen UawersltätS Buch- und 6tetn6cucfettt 8L Lange. Lietzen.

Redaktion. Exvedttwn und Drutfeteii Schul- stratze 7. Expedition und I<er1ag > E-GD 6L Redakriow^S IIL Tett-Atw» tLnt*gtx*v*tu

politifd)c Lageskchatt.

Ohne Deutschland".

L. Berlin, 21. Juni.

Ausführungen der »Köln.Ztg.^ über den neuenMittel- meerdreibund haben an dec heutigen Berliner Börse viel Beachtung gefunden und ebenso »Verstimmung" her- oorgcrufen. ES ist sicher, daß ein amtlicher Ursprung des Artikels mit dec Uebcrfchrfft »Ohne Deutschland- nicht zu­gegeben werden wird. Man kann diese Herkunft insofern mit Recht ableugnen, als die Bemerkungen über den Mittelrncer- bund nicht etwa im Auswärtigen Amt die Form erhalten haben. Daß aber Meinungen politisch leitender Personen in dem Artikel ihren Ausdruck gefunden haben, erscheint nahezu zweifellos. Besonders markant sind in dieser Hinsicht die Säße, wo davon gesprochen wird, daß die Lage ein anderes Gesicht gewänne, wenn dem Deutschen Reich und mit ihm Oesterreich-Ungarn und Italien jene andere Machtgruppe (unter englischer Führung) grundsätzlich in den Weg träte, wenn sie einen Druck auSzuüben versuchte, der, wie Fürst Bülow sagt, Gegendruck erzeugen muß. DaS klingt denn doch ernst und bedeutungsvoll genug, um als die Auffasiung einer autoritativen Stelle 'gelten zu können. Noch charakteristischer ist die Erwähnung des Dreibundes: Käme es zum Aeußecsten, so würden Italiens und Oesterreich-UngarnS Interessen beide Mächte an die Seite Deutschlands zwingen, auch wenn sie sich durch die Verträge nicht mehr gebunden fühlen sollten. Einen ähnlichen Gedanken hat Fürst Bülow wiederholt im Reichstag geäußert, obschon nicht in so zugespitzter Form. Die Nichtbindung durch Verträge kann sich darauf beziehen, daß der im Dreibundoertrag vorgesehene Fall der Verpflichtung zur Hülfeleistung in einem Zukunftskrieg, den Deutschland zu führen hätte, nicht zuträfe. E» kann aber auch die Nicht­bindung der Verträge so verstanden werden, daß die eine oder die andere Macht im KonsiiktSfall sich prinzipiell für die Abmachungen mit der neueren Freundschaft entscheidet. Aus Gründen »höherer StaatSraison*. Man wird es gewiß nicht erwarten, doch heißt es in der Politik auf Alles gefaßt sein.

der der

Der Streit zwischen LandwirtschastSkammer und Handwerkskammer

kommt nicht zur Ruhe. Jetzt ergreift wieder Dr. Müller, Herausgeber der »Hess, landw. Zeitschr." und Sekretär

Hess. Landwirtschaftskammer, das Wort. Er sandte uns heute ein längeres Schriftstück zur Fleischpreisfrage, dem wir folgendes entnehmen:

Im vorigen Herbst standen alle Zeitungen voll von Klagen sowie von Stadtrats- und Hanbelskammerbeschlüssen über Die Höhe der Fleischpreise. Diese Klagen waren be­rechtigt. Unberechtigt war cs aber, daß die Landwirte als Sündenböcke und die Metzger als mehr oder weniger notleidend bezeichnet würben.*) Die Metzger hätten auf die Veröffentlichung von vielen der genannten Artikel und Resolutionen wesentlichen Einfluß ausgeübt.

Als im Laufe des vergangenen Winters und Frühjahrs die Schweinepreise auf einen seit Jahrzehnten nicht mehr da- gewefenen Tiefstand herabsanken, die Fleischpreise in vielen Städten aber andauernd unverhältnismäßig hoch blieben und ernstliche Gefahr bestand, daß da­durch die Wiederzunahme des Fleischkonsums als natürlicher Re­gulator der unrentabel gewordenen Schweinepreise künstlich hintan- gchalten wurde, faßte die Landmirtschaftskammer den von der Handwerkskammer nunmehr so angegriffenen folgenden Beschluß:

Die Landwirtschaflskammer ersucht die Großh. Regierung, sofort eingehende Erhebungen über das Verhältnis des Schweine­fleischpreises zu den Schweinepreisen anzustellen und die Kon­sumenten darüber aufzuklären, welche Fleischpreise den je­weiligen Viehpreisen entsprechen würden/'

In der Gcgenresolution der Handwerkskammer wird der Land- loirtschaftskammer vorgeworfen, daß siemit einer willkürlich zusammengesetzten Statistik arbeite": der Referent, Obermeister Lautz, führte iwus:man habe die niedrigsten Groß-Einkaufs­preise der Schweine den Detailpreisen für ausgesucht feinere Stücke gegenübergestellt." Das leugnet nun Dr. Müller sehr entschieden und behauptet, er habe absichtlich gerade in der Befürchtung eines Einwandes ' immer nur die Einkaufspreise für Schweine erste Qualität seinen Ausführungen zugrunde gelegt, obwohl vier Qualitäten bei der Notierung unterschieden werden. Daß er ferner stets nur die amtlich nach den Angaben der Metzger selbst er­mittelten Preise für gewöhnliches Schweinefleisch als Fleischvreise gegenübergestellt habe, und daß diese amtlich ermittelten Preise sogar viel niedriger, in keinem Falle aber höher gewesen seien als die gleichzeitig von der Metzger-Innung veröffentlichten Preise für gewöhnliches Schweinefleisch, geschweige denn für die feineren Qualitäten.

llebrigens sei auch vom Publikum schon längst sestgestellt worden, daß die Metzgerin vielenStädtendiePreise unnötig lang hoch gehalten haben. Die gegenteiligen Behauptungen des Referenten der Handwerkskammer seinen also grundlos.

Dr. Müller schließt mit der Sitte, daß die Handwerkskammer ernstlich und ohne Beeinflussung durch die Vertreter der betroffenen Metzger-Innungen die Angelegenheit nochmals _ prüfen möchte. Sie werde dann finden, daß an der Tatsache, daß die Metzger in gewissen Städten die Fleischpreise über Verhältnis lange hoch gehalten haben, nun einmal nicht das geringste zu aiwern ist. Den Metzger-Innungen aber empfiehlt er, nicht die Landwirte schlechtweg für die Höhe der Fleischpreise verantwortlich zu machen.

*) Diese Behauptung ist vom Gieß. Anz., was wir wiederholl feststellen müssen, niemals erhoben worden, obwohl gewissenlose Hetzer und Agitatoren in bäuerlichen Kreisen das wider besseres Wißen oit behauvtei haben, um das Ansehen unseres Blattes in der ländlichen Bevölkerung zu mindern und mit ihrer unredlichen und gefährlichen Hetze gegen etabt und Städter und alles L-tädtische, gegen Industrie und Handel, die, rvas jene Gewissenlosen immer wieder irech leugneten, nicht Landwirtschaft und Bauerntum zu schädigen, sondern vielmehr zu fördern baS größte eigene Jiiter- esse haben. D. Rd.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 22. Juni.

** I. Kgl. Hoh. der Großherzog und die Groß­herzogin trafen am Freitag früh wohlbehalten in London ein und sind im Buckingham-Palast abgestiegen.

" Personalien. Ernannt wurde Ferd. Stotz aus Laubach zum Kanzleigehilfen bei der Staatsanwaltschaft am Landgericht der Provinz Oberhesien. Der Pfandmeister für den BeitceibungSbezirk Nidda, Wilh. Bock zu Bingenheim, wurde in gleicher Diensteigenschaft in den BeitreibungSbezirk Friedberg versetzt.

Eine studentische BiSmarckfeier fand gestern hier statt. Vom BiSmarckturm verkündeten die weit in die Lande leuchtenden Flammen deS GedächtniSfeuerS, daß auch die Gießener am Vorabend der Sommer-Sonnenwende das Andenken des unvergeßlichen Reichsgründers ehrten, und ferner fand ein BiSmarckkommerS der Studentenschaft auf der LicbigS- höhe statt.

M In der Gcmälde-AuSstellung am Brand sind sieben weitere Gemälde von Ernst Biedermann aus Jena neu zur Ausstellung gelangt.

"Eine reiche Leerenernte steht bevor, ganz be- sonderS gilt dies von den Erd- und Himbeeren. Einen so reichen Blütenansatz wie gegenwärtig bat man seit vielen Jahren nicht beobachtet. Bekanntlich ist besonders der Vogels­berg reich an Beeren, und das Beerensuchen bildet im Sommer für die minderbemittelten Leute eine lohnende Nebenbeschäftigung, der besonders Kinder und alte Leute nachgehen.

Bad-Nauheim, 21. Juni. Bis zum 20. Juni sind 12,485 Kurgäste angenommen, wovon am genannten Tage noch 6640 anwesend waren, ö ab er wurden bis zum 20. Juni 132,482 abgegeben.

X Bao Nauheim, 21. Juni. Ganz besondere Vor- bereihmgen sind vom Turnverein, sowie der Bürgerschaft getroffen worden, um daS am 29., 30. Juni und 1. Juli stattfindende Turnfest deS Gaues Hessen möglichst glanz- voll zu gestalten. Ter Jeslplatz, hinter der katholischen Kirche m nächster Nähe der Bahn gelegen, hat einen Flächenraum von zirka 20 000 Quadratmeter und ist für die Tage des Festes an daS städtische Elektrizitätswerk angeschlossen. Wirt- schaftS» und Tanzzelte rc. sind an leistungsfähige Fachmänner vergeben. Alle Einrichtungen sind so getroffen, daß auch bei einem Massenbesuch fein Gast zu kurz kommt. Wer also am frischen, fröhlichen Turnertreibcn Gefallen findet und einige Tage oder Stunden in der schönen Badestadt verweilen möchte, der versäume nicht, diese in den Festtagen aufzu­suchen. Im übrigen verweisen wir auf das Inserat in der heutigen Nummer unserer Zeitung.

Grebenhain, 20. Juni. Für 1907 waren für die Turnmannschaft deS hiesigen Turnvereins drei Turu- gänge bestimmt worden, die unter starker Beteiligung zur Ausführung kamen. Der erste Turngang vom 5. Mai führte über Vaitshain, Nösberts, WeidmooS, Bannerod, Metzlos, Niedermoos, Obermoos, Bermuthshain zurück nach Greben­hain. Der zweite Turngang vom 9. Mai (Himmelfahrttag) wurde über Bermuthshain. Lichenroth, Völzberg, Harnnanns- Hain ausgesührt. Der dritte Gang vom 16. Ium führte die Turner über Ilbeshausen, Lanzenhain, Eichclhain, Engelrod, Rebgeshain nach Ulrichstein und von da zurück Über den Taufstein nach Grebenhain. In vorzüglicher Verfassung halten die Turner den beinahe neunstündigen Weg zurückgelcgt.

[] Marburg, 21. Juni. Heute fand hier wieder in üblicher Weise die studentische Bismarck feier statt. Nachmittags wurde bei der Weintraut-Elche eine Massen-Faß- partie abgehalten und als sich die Schatten der Nacht herab- senkten, nahmen die zirka 161700 Studenten mit ihren mittlerweile in Brand gesetzten Fackeln bei der nahen Bismarcksäule Aiifstellung, von deren Zinnen blutrot die Flammen ins Lahntal leuchteten. Die Chargierten der katho­lischen VerbindungUnitaS" stud. phil. Schmidt und sind, phil. Ackermann hielten Ansprachen, man sang das Bismarck- lieb und die Nationalhymne und dann folgte der Rück­marsch in die Stadt, der besonders an der Bismarck­promenade und dem Cappeler Berg einen grandiosen An­blick bot.

h. Hochst a. M., 20. Juni. Der Landrat des Kreises Höchst hat eine Verordnung erlassen, durch welche eine Einschränkung der öffentlichen Lustbarkeiten herbeigeführt werden soll. Nach der Verordnung sollen öffent­liche Lustbarkeiten auch solche von Vereinen in der Regel nur einen Tag bauern. Kirchweihfeste sind für mehr als zwei Tage nur da zu genehmigen, wo dies seither üblich war. Auch die Erlaubnis zu Tanzlustbarkeiten soll eingeschränkt werden.

X. Hanau, 20. Juni. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung wurde beschlossen, einen Be­trag von 120 000 Mk. für den Um- und Erweiterungs- bau des städtischen Schlachthauses zur Verfügung zu stellen.

X. Hanau, 21. Juni. Tie Stadtverordneten- Versammlung beschloß in ihrer heutigen Sitzung, den Magistrat zu ersuchen, für die baldige Ausarbeitung einer Vorlage über Errichtung einer städtischen Markthalle Sorge tragen zu wollen. In der Errichtung einer Markt­halle wird eine Maßnahme erblickt, die geeignet erscheint, verbilligend auf die Lebensmittelpreise emzuwirken. Ein Antrag, den Magistrat zu ersuchen, alsbald mit der hiesigen Metzgermnung in Verbindung zu treten, um eine Herab­setzung dcS Preises für Schweinefleisch und Wurst- roaren herbeizuführen, wurde abgelebt.

Gießener Strafkammer.

Gießen, 21. Juni.

Eine peinliche Rffaire.

Tie Strafkammer verhandelte gegen den RechtsanwaIt R S. von Bad-Nauheim wegen Körperverletzung. Nach den von dem Angeklagten gemachten Angaben besteht in Fried­berg ein logenamUö Juristen ooend, zu dem auch die in Bad-

Nauhem» luDUiCiiucn Jurüu:» Ciugemucn lu.rueii. Ais ec int verflossenen Muter mit einigen Herren deS Krcisamts und deS Amtsgerichts imHotel Trapp" anwesend war, kam Rcchtsanwall Tr. M. von Frieoberg in angeheitertem Zu st and in das Lokal. Er stülpte dem Angcllagten sofort seinen Hut über den Kopf: dieser lehrte sich nicht viel daran, sondern laiterl^eU sich mit einem Herrn des KreiSamtS weiter. M. rief nun dem Ange­klagten zu:Was suchen Tie hier, der Abend ist nur für die Friedberger, Sie siiid hier nur geduldet!" Ter Angeklagte cr- widene, M. möge ihn in Ruhe lassen, er ließe sich von ihm nicht beleidigen. AIS aber M. den iiagellagtcn in der gröblichsten Weise beleidigte, beuterEie er ihm, falls er nicht in Ruh: getane^ werde, so werde er ihm links und rechts hinter die Ohren schlagen. Ter Angeklagte touroe hieraus von M. mit einem Schwall von Schimpfworten überhäuft, fo ba| sich die Gesellschaft geiwtigt sah, das Lokal zu verlassen. Tie Friedberger Herren begleiteten den Anactlagten, der nach Hause fahren wollte, an den Bahnhof, wooei unterwegs die Befürchtung ausgesprochen nraibc, daß M. Nachkommen könnte. Kaum waren sie im Wartesaal angekommen, so laut auch schon M. ffanbalierenb herein und setzte sich an ihren Tisch, seine unpassenden Ausdrücke ins maßloseste fteigerub. Er Halle es nur lauf den Angeklagten abgesehen, dessen dienstliches Verhalten und juristischen Kenntnisse er Dabei bemängelte, lieber dieses Gebaren in höchste Erregung versetzt, verabfolgte der An­geklagte M. links und rechts Ohrfeigen und Faustschläge. Ms iljn hieraus M.Nauheimer Lump" titulierte und ünn bemerkte, er fei schlechter al» ein kürzlich auS dem Anwausstaitd enlsernter Rechtsanwalt, geriet er in solche Wut, daß er ein Bierglas nahm! und es nach M. niirf, an dessen Kopf es zerschellte. TieseS ge­nügte M. noch nicht, er setzte sich blutüberströmt, weiter schimpfend an den Tisch. Ter Angeklagte war über das Vorkommnis in eine solche Aufregung geraten, ixig er vor Wut und Aufregung weinte. Tie Friedberger Herren hielten ihn nicht für fähig, die Rückreise anzntreten, weshalb sie ihn in einem Hotel unterbrachten. Der Angeklagte machte alsbalo von dem Gesehenen dem Korps An­zeige uni) beantragte auch gegen sich selbst und gegen den Vep-, letzten das ehrengerichtliche Verfahren bei der Anwaltskammer. Diese Eingaben wurden in allen Punkten von btn Augenzeugen bestätigt und man hatte die Empfindung, daß der Angeklagte bemüht war, in jeder Beziehung die Wahrheit zu sagen. Ter als Zeuge vernommene Verletzte Tr. M. bedauerte den unter dem Einfluß des Allohols sich ^getragenen Vorfall. Er entschuldigte sich damit, daß er den ganzen Tag nichts gegessen Halle, dagegen aber aus Freude, lveil er einen Bekannten getrosten, dem zu Ehren eine Reihe vonGanzen" getarnten habe. Auf die Vor- s-ülle im Hotel und am Bahnhof will er sich nicht niehr er­innern können. Ten Arzt will er den arideren Tag mehr wegen seiner geistigen Depression als wegen der erhaltenen Verletzung konsulliert haben. Da er sich noch dunkel an eine Auseinander-, letzung mit eurem Bahnbaamten erinnerte, glaubte er, dieser habe ihm die Verletzung beigebracht. Tie an jenem Abend einem Friedberger Rechtsanwalt gegenüber zugefügten Beleidigungen habe er, tote auch die Beleidigung des Bahubeamten, am anderen Tage unter dem Ausdruck des Bedauerns zürückgenoinmen. Der Staatsantoalt beantragte mit Rücksicht auf das unerhörte Vor­gehen des Verletzten, auf die Minimalstrase zu erkennen, zumal die Verletzung nicht nennenstoert war. Ter Verteidiger plädiert« auf Freisprechung, d!a der Angeklagte von der Rottoehr Gebrauch gemacht habe, er sei nicht in der l!age gewesen, die Angriffe auf feine Ehre anders abzuwenden. Er verglich den Verletzten mit einem Stier, dem ein rotes Tuch vorgehalten wird. Eüi altiuer Offizier hätte ihn mit dem Tegen über einen Haufen gestochen. Ter Angeklagte hätte nicht zu viel getan, trenn er ihn zu Boden geschlagen hätte. Er machte geltend, daß zum mindesten angv- twmmen werden muß, daß der Angeklagte im Affektszustand in strafloser Weise die 9iotwehr überschritten hat, er war an der Grenze der Verantwortlichkeit seines Luns. TaS Gericht erkannte dem Antrag des Staatsanwalts gemä^ auf eine Geldstrafe von drei Mark. Es führte aus, daß der Angcllagte die Tab bedauert, er ist ein Mann, der den Mut hat, das ilrafbarc Unrecht, daS er begangen hat, zu gestehen, und daß er in vollem! Umfange die W^rl/stt gesagt habe. Tas unentschuldbare Vorgehen des Verletzten sei umsomehr zu verurteilen, als daß es> sich um einen gebildeten Mann handelt, der den unliebsamen Vorfall an den Haaren herbeigezogen hat. Ter Angeklagte erklärte, daß er das Urteil anerkenne; er verlasse die Gerichts statte stolz er­hobenen Hauptes in dem Bewußtiem, mopalijch freigesprocherr worden zu sein.

Schmutzige Wäsche.

Seit einigen Jahren kam *n einer Reihe von Ortschaften des Kreises Friedberg nachts zum Trocknen aufgehängtel Wäsche abhanden, ohne daß eS gelang, den Täter ausfindig zu machen. Fast regelmäßig blieb an dem Tatort schmutzige und zum Teil mit Ungeziefer behaftete Wüsche zurück. Als nun im letzten Winter aus der Ziegelsabrll zu Ober-Mörlen ein Sack mit gestohlener Wäsche gesunden wurde und man ihn vom Fundorte entfernt Halle, machte sich der zu Ober-Mörlen als Knecht in Tiensten stehende I. Sch. aus Tuderstadt durch Äbsuchen der Fabrik verdächtig. Man sah ihn auch zu Münster aus einem Schlupfwinkel kommen, wo man später acht der gestohlenen Hemden fand. Seinem Tiensthevrn fiel auf, daß er Tamenunterhosen trug, und die Frau wunderte sich, wo er die neuen aus gesponnener Wolle gefertigten Strümpfe her hat. Auffallend war weiter, daß er stets mit schmutziger Wäsche sortging und mit sauberer und neuer zurückkam. Es wurde gegen ihn Anklage wegen Dieb­stahls im Rücksiall erhoben. Er bestritt jedoch sich eines Diebstahls schuldig gemacht zu haben. Tie Wäsche will er, so­weit er sie nicht geschenkt bekam, gekauft haben. Er bestritt, die Fabrik abgesucht zu haben und aus dem Schlupfwinkel zu Aeünster gekommen zu fein, trotzdem er mit Sicherheit erkannt worden ist. Er toill feine Wasche in einem Nachbarort haben waschen lassen und sich dorten stets umgezogen haben. Taß diese Angaben unrichtig sind, bestand kein Zweifel; doch ließ das Gericht, der entfernten jMglichkeit wegen, daß ein ariderer die Tieb>tähle ausgeführt haben tann, Freispruch mangels Beweises ein treten.

Tas Automobil.

DaS Automobilunglück bei Cajanello in Italien, bel dem, wie wir gestern berichteten, ein mit fünf Personen be­setztes Automobil auf der Straße von Neapel nach Casecta gegen einen Felsen geschleudert und völlig zertrümmert wurde, gehört zu den folgeschwerslen, die der Automobilsport jemals gezeitigt hat, da sämtliche Insassen getötet wurden. Die Namen der Verunglückten sind nunmehr bis auf den deS Chauffeurs festgestellt, ihre Träger gehörten zu der Aristokratie Italiens. Es sind folgende: Der Niarchefe Luigi Zaoalos, Fürst von Pescara, die Marchesa Nuffo Jerini, der Herzog von Lapece, Galeoto, dec Marchese Niotola Nunziante. Alle sind schrecklich verstümmelt. Die Ursache der Katastrophe soll nicht so sehr in dem Anprall gegen den Felsen, als in einer Kesselexplosion zu suchen sein. Pescara war ein zwar leidenschaftlicher, aber vorsichtiger Automobilist, der dem lla- lienischen Autoklub als Vizepräsident angehörte.