Ausgabe 
22.4.1907 Zweites Blatt
 
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Nr. 93

Zweites Blatt

157. Jahrgang

Montag 22. April 1907

Trfcheinl täglich Ausnahme des Sonntag«.

DieSitßtncr Famlltenblätter" werden dem Qln.^tgcr* viermal wöchentlich beigelegt, daS Ureisblatt fflr den Kreis Liehen" zweimal wöcheiulrch. Derhesfilche Landwirt' erfchelnt monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und Verlag der BrühlAche» UnwersuälS - Brrch- und Gteindruckerel.

R. Lange. Dieben.

Redaktion. TxoedMon und Druckerei: Bcfiul- strade 7. ExoedlNon und Verlag 61. Redaktion:^E NL r.eL-Adu. Anzeiger»,eben.

Der schwarze Adler.

Im König!. Opernhause in Berlin gab die Monte Carlo-Oper etwa ein halbes Dutzend Vorstel­lungen. Ebenso unerhört wie die Preise war die Rellame, Die man sonst sür Aufführungen in töniglichen Instituten nicht für angemessen erachtet. Darum blieb auch der große Riesensaal leer und es bedurfte künstlicher Mittel, einem Regen von Freibilletts, um ihn zu füllen. Man fabelt von ungeheuren Kosten, die dem Fürst Albert von Mo­nako dieses Gastspiel kosteten. (Der preuß. Fiskus stellte nur die Musik und den Raum zur Verfügung und gab die Einnahmen noch zu wohltätigen Zwecken hin) und wenn auch nur die Hälfte davon zulrifft, so haben die Vorstellungen doch dadurch den Lharal.er eines derartigen Gastgeschenks erreicht, baß wir uns nicht wundern können, wenn ernste Blätter von einem peinlichen Gefühl der Be­fremdung gesprochen haben, das über die Begleiterschei­nungen des Gastspiels und des Besuchs des Fürsten von Monako Platz gegriffen hat.

Freilich wird Fürst Arbeit von Monako geschildert als ein ernftec Charakter, als ein großdenkender Gönner und Förderer wissenschaftlicher und lünstlerischer Bestrebungen und seine Tiefseeforschungen zeugen von gewiß ungewöhn­licher Gelehrsamkeit. Soweit lvüre alles ja in schönster Ordnung. Aber Albert Honorius füllt gleichzeitig seine Taschen mit dem Blutzins von Monte Carlo; die hohen Pachtverträge der Spielbanken fließen in sein Portefeuille. Selbst so hochkonservative Blätter wie dieHamb. Nachr." haben sich nicht enthalten können, Unwillen über die Art auszusprechen, wie man den Fürsten in Deutschland auf­nahm und auszeichneie: Für die große Menge sei Albert von Monako der Spielhöllenfürst, und dies Impvnderabilc hätte nicht unbeachtet bleiben sollen.

Man hat sich ja in den letzten l1/* Jahrzehnten an eine veränderte Praxis in der Verleihung des höchsten preußischen Ordens gewöhnt, und so würde es kaum aus­gefallen sein, wenn Fürst Albert von Monako schon früher, etwa im Zusammenhang mit der Anerkennung seiner Ver­dienste um die Tiefseeforschung, mit einer Auszeichnung bedacht worben wäre. Unter Den jetzt obwaltenden Um­ständen aber kann diese Ordensverleihung in erster Linie nur als Dank für das in Rede stehende Gastspiel aufgesaßt werden. Was indes unsere Kunst durch dieses Gastspiel gewonnen haben tonnte, ist unerfindlich. Ganz abgesehen von dem Ordenssegen, der sich auf Komponisten und Sänger niedergelassen hat, wann haben wir es erlebt, daß auch nur die anerkanntesten Koryphäen des deutschen Schauspielertums sich bei Hofe einer Aufnahme zu erfreuen gehabt hätten, tote sie hier fremden Künstlern, die bis dahin in Deutschland den weitesten Kreisen nicht einmal den Namen n ach bekannt waren, in überreichem Maße zuteil geworden ist?

Die Berliner Presse stellt fest, daß Verwunderung unter der Berliner Künstlerschaft Platz gegriffen hat. Das Sonder­recht der Krone bleibe iinangciajtet; aber der Mißstim­mungen wird man sich doch nicht entziehen können.

Fürst Albert Honorius von Monako soll der Vermittler, der ehrliche Makler zwischen Deutschland und Frankreich werden. Ob ein derartiger Zwischenträger dem Ansehen unserer Diplomatie nicht mehr schaden als nützen wird? Ganz abgesehen davon, daß seine Ver­wendung zu solchen Zwecken den Leistungen unserer Diplo­matie doch kein gerade glänzendes Zeugnis ausstetlen würde.

Der Kaiser und französische Kompo­nisten. Die französ. Komponisten Maffenet und Saint SaenS, die den Fürsten von Monaco und dessen Monte- Carloer Oper nach Berlin begleitet hatten, sind nun wieder nach Paris zurückgekehrt und geizen nicht mit Mitteilungen über den Empfang, den sie bei Kaiser Wilhelm sanden. Während Saint-Säens imFigaro" erzählt, daß der Kaiser die Diolen nicht kenne und das Orchester nach dem Gehör dirigiere, berichtet derselbe Saint-Saens tmGau- lois", daß der Kaiser nicht nur über französische Musik, sondern auch über die Musik der Hellenen Bescheid wisse und sich mit ihm über die Hymne an Apollon unter­halten habe. Während an einer Stelle der Monarch herzlich und offen über alle Gegenstände gesprochen hat, ist nach anderen Berichten die Politik das gefährliche Terrain, über das man in Berlin ebenso ungern spricht, wie in Paris. Von den mitgeteilten Anekdoten verdienen einige verzeichnet zu werden. Der Kaiser begrüßte seine Gäste mit den Worten:Ich habe nicht geglaubt, daß ich einmal die E h r e h a b e n würde, solcheBerühmt- h eit en bei mir zu sehen!" worauf Saint-Saens ant­wortete:Wenn wir die Alpen sind, ist Eure Majestät der Himalaya." Später erzählte Wilhelm II., daß er nur auf der Hofbühne ein Stück aufführen zu lauen brauche, um sicher zu sein, daß die Kritik es verreiße; wenn er sich aber so stelle, als ob er ein Stück nicht kenne, so hebe es die Presse in den Himmel. Zu Massenet, der beim Hervorruf sür den Beifall aus den oberen Rängen sich bedankt hatte, sagte der Kaiser:Ich sah Ihre Bewegung und freue mich, daß Sie an mein kleines Publikum gemacht haben/' Man vergißt es nur zu oft, fügen andere Berichte »och hinzu, daß der Kaiser sich als großer Bewunderer des französ. Bühnenroutiniers Sardou bekannt hat, und daß Saint-Saens, als ihm das Bild Wilhelms II. überreicht wurde, bescheiden äußerte:Majestät kommen in gute Ge­sellschaft, ich werde Ihnen einen Platz an der Seite der Königin von Dänemark geben." _____________________

politische Tagesschau.

Sqajkopf als Symbol oer Matfeter.

Die »Leipz. Volksz." schreibt:

.Was sich finbige Geschäitsleute schon für Mühe gegeben baden, um mit Arbeuenesten rc. Geschäfte w machen, ist hmläng- lich bekannt. Als em besonderes geeignetes Objekt zum Geschä'tchen. machen wird die Maneier benachtet. In diesem Jahre liegt uns bie Maikarte eines Privatunternehmers m Nerchau vor, die gerade­zu eine Verhöhnung der Arbeiter nnö der Maneter bedeutet. Als Symbol der Aianerer sieht man ani der Karte eine Gruppe Schal- fopi- und Skatspieler auf einer Wiese vor einem Favrikgebätide- otertel sitzen. Links oben sind m einem Kranze zwei ineinander,

gelegte Hänüc, was wahrschemUch die Aroeiterverbrüderung ver- fiimbilblidien soll. Auf einer Falme fleht der Schlachirm: Arbeiter aller Länder vereinigt Euch 1 wodurch der Hohn arri die fchastopf- '.Hinten a i ö e > 11 o 11 f t v a i : c 11 nocb ur.t >o marer herum nut.

parlamentarisches.

Berlin, 2u. April. Die Kouiuuision dcS Abgeordneten- bariseS zur Vorberatung der Berggesetznooelle hat ihre Arbeiten beendet und die Vorlage angenommen. Dagegen haben gestimmt der freisinnige Vertreter unb drei von den vier nationalliberalen Vertretern. In der Hauptsache ist bie Regierungsvorläge angenommen woiden. Tas Resultat der Beratungen ist, daß es tatsächlich unmöglich gemacht ist, daß durch Schürfung noch Kohlenfetder in den Besitz von Privaten kommen könnten. Uebcc die ge­samten Schätze an Kali und Kohle kann der Staat, zum Teil unter Mitionkung des Landtages, verfügen. Hin­sichtlich der Kohle wurde beschlossen, datz 250 Viaximalsetder deut Staate zur Beifügung gestellt werden, aus denen er selb st den staatlichen Bergbaubetrieb auSüden kann. Alle übrigen Felder sollen nn Wege der Verleihung an private Unternehmer vergeben werden. Auch die Vor­beratung der PenjionSgesetze in der Budget-Kommission ist beendet worden. Alle Anlr'-ge auf Erhöhung der Be­züge uiid Erweiterung der Ansprüche einzelner Beamten- griippen iviirden adgelchnt. Die Vorlagen wurden un­verändert geuehniigt.

Tie Budgetkommission deS Abgeordneten- Hauses beendete die Beratung deS Pensionsgesetzes iind des ReliktengesetzeS. Ein RegiecungStommissar konstatierte, alle wohlerworbenen PensionSansprüche würden nicht gefüllt werden. Eine Neuregelung erfolge nur für Kriegsteilnehmer, deren Bezüge erhöht wurden. Ein anderer Negierungskomniisjar erklärte bezüglich der Pensions- verhältiiisse der Eisenbahner, daß es diesen jederzeit fiel- liehe, and den früheren Pensionskassen auszuscheiden und sich der gesetzlichen Pensionierung zu unterstellen, wo dies günstiger sei. Ter Staat habe nicht nur bie Verpflichtungen der PensionSkassen der Privalbahnen übernommen, sondern sogar eine Garantie. Ein Fonds von 56 Millionen fei geschaffen und leiste jetzt jährlich 111/, Millionen Mark Zuschüsse. So­dann wird das Fürsorgege,etz für bie Witwen und Waisen ohne Aenderungen angenommen.

Deutsche» Reich.

Verlin, 21. April. Ter russische Projejsor von Martens hat sich dem Petersburger Korrespoudenleu des PariserTemps" gegenüber dahin geäußert, er wäre auf seiner Reise überall sehr gut empfangen worden, nur in Berlin nicht, lieber diese Aeußerung soll, wie demB. T." aus guter Quelle mitgeteilt wird, der Kaiser seinen Unwillen in sehr drastischer Form geäußert haben. Professor von Martens habe sich denn auch beim deutschen Botschafter in Petersburg formell entschuldigt.

Zu einem glänzenden Erfolge gestaltete sich das Jahres- feUeffen der Mitglieder der deutsch-asiatischen Gesell­schaft. Kvloniuldirekwr Dernbu rg wies daraus hin, daß der Wert der Aufklärungsarbeit, die die deutsch-asiatische Gesell-- schast und andere ähnliche Vereinigungen in Deutschland leisteten, ihm auss klarste vor Augen getreten wäre bei der Campagne, die er selber unternommen hätte, um ^coermann im Volke zu überzeugen, daß die Förderung unserer Interessen imAuslandewiezumalinunserenKolonien jedem Einzelnen zugute komme. Tatsachen, die allein sprächen und überzeugten, müßten dem Deutschen zu Gemüte geführt werden. Zn dieser Beziehung verspräche er sich das beste von der neuen Denkschrift über die afrikanischen Eisenbahnen. Unser Territorialbesitz in Afrika gebe unseren Interessen eine ganz an­dere Gestalt als die in Asien.

Zu den Entrev ues in Cartagena und Gaeta schreibt die Nordd. Allg. Ztg. in ihrer Wochen-Rundschau:

Wir brauchen uns über die Fülle freundlicher Gefühle, bereit wir uns im Auslande erfreuen, keinerlei optimistischen Täuschungen hinzugeben, aber noch weniger haben wir Anlaß, ob der mehr ober minder offenen Feindselig­keiten, deren wir hie und da im Auslande unb namentlich in einem Teil der ausländischen Presse gewürdigt werden, in nervöse Unruhe zu geraten. Mit dem guten Ge­wissen, seit einem Menschenalter unsere nationale Ent­wickelung Niemand zu Leide geführt und gefördert zu haben und mit dem Bewußtsein, unsere Wehrkraft nach Maß­gabe unserer Bedürfnisse und der den verbündeten Regierungen zu Gebote gestellten Mittel ausgebaut zu haben, vermag Deutschland auch fernerhin seines Weges zu gehen, ohne ängstlich nach rechts und nach links auszuschauen, ob die Schritte unseres Volkes von irgend jemand scheelen Blickes verfolgt werden. Daß es unseren maßgebenden Persönlich­keiten nicht an der Wachsamkeit gebricht, die sie als Vertreter der nationalen Interessen dem Volke schuldig sind, bedarf keiner näheren Darlegung.

Tie Zwickauer Stadtverordneten hatten beschlossen, dem neun Jahre an der Spitze der Stadtverwaltung stehenden Oberbürgermeister Keil neben seinem Gehall von 12 000 Marr eine jährliche pensionsfähige Zulage von 3000 M k. zu gewähren und dem Bürgermeister Münch zu seinem Gehalt von 8ö0u Mk. eine solche von 750 Mk. Ta Oberbürgermeister Keil ^die Zulage abtepnte, trat der Rat auch dem Beschluß der.Stadtverordneten betreffend die Zulage für den Bürger- meister Münch nicht bei.

Heer unO Flotte.

Köln, 21. April. Nach Meldungen aus Altenrath, in dessen Nähe die Artillerie Schießübungen abhielt,' herrschte große Aufregung, als eine Granate inmitten des Dorfes explodierte und eine Menge Sprengslücke gegen die Häuser geschleudert wurde. Als ein zweites Geschoß niederging, flohen die Bewohner in wilder Hast. Tas Schießen wurde sofort eingestellt. Ter Offizier ertläde, daß die Granaten nur mit Uebungsmunilion geladen gewesen wären. Bei voller Ladung würde die Wirkung furchtbar gewesen sein.

Ausland.

London, 21. Aprn. 2)ie brujdje Ko l o n i a l - K o n f e- r en 8 beschloß die Errichtung eines Zentral ft abes für die Angelegenheiten der Reichsverteidigung.

Pans, 21. April. Aus Liberia drangen nach einer

Mewang uc» ,,-L.emps "* ln.auDCUHUU.cH ui uiUjn.it .nLi.ic von Guinea ein. Ter wichtige französische Posten j'vuaiÜL.i war durch Ansammlung jener Horden ernsthaft bedroht. 2er Postcn- kommandant Garnier, der iin Februar eine ernste Schlappe er­litten hatte, erhielt auf dringendes Verlangen aus dem Haupt­quartier Geschütze uib bombardierte das Dorf Luifedu. Der Aufstand der sogenannten Thomans, eines sehr lapieren Volksitammes, dauert fort. Unter ihnen soll sich ein Europäer, angeblich cm Deutscher, befunden Haven, dessen Leichnam den Franzosen in die Hände fiel. Nach einer Version ist er durch einen Granatsplitter, nach einer anderen von den Thomans, die sich verraten glaubten, getötet worden.

Ein aus Senegambien tonunenber Offizier bestätigt, daß die französische Binion Mourin während einer Expedition nach Lbergumaa von Eingeborenen angegriffen worden in und f ch w e r e V e r l u st e erlitten hat. Ter Kommai2ant Mourin selbst wurde schwer verwundet.

Lyon, 21. April. Unterstaatssekretär Sarraut rechtfertigte in einer Rede bei einem Festmahl der Lehrer die Hauung der Regierung gegenüber geioificn widerspenstigen Beamten unb tagte, daß man, wenn man die Anarchie in der Verwaltung Piay greisen ließe, die Durch«ührung der d e m o k r. N e f o r m e n ver­hindert würde. Ein L c h r e r st r e i k würde verhängnisvolle oolgen haben, und die Cionieberation du travail, die vergeblich versuche, den Patriotismus zu töten, sei aufs schärfste zu verurteilen.

Madrid, 21. April. Aus Barcelona wird gemeldet, daß dort bei der Zählung der abgegebenen Stimmen zu den Parlameiits- wahlen ein Tumuit ausbrach, bei dem eine Person g c t i) t et und aroei Personen verwundet wurden.

Sofia, 21. April. Eine griechische Bande griff das maze­donische Torf Vatscho, welches von Bulgaren betont ist, an und richtete großes Unheil an. Der Priester des Dorfes, sowie zahl' reiche timiuuijner wurden getötet, viele Häuser würben nieder­gebrannt. Eine serbsiche Bande griff das mazeboiuichc Dorf ööüot, ebenfalls von Bulgaren bewohnt, an unb schlachtete ben größten Teil der Einwohner ab. Die Häuser wurden ausgeplündert und verbrannt.

Neues aus Rußland.

Die Petersburger uulitärmedizinische Akademie ist auf Anorbnung des Direktors wegen Abhaltung uner­laubter Verfammlungen zeitweilig geschlossen worden. Dessenungeachtet hielten die Studierenden eine Versainmlung ab und nahmen eine Resolution an, die folgende Forderungen Hellt: Wleüerauinahme der relegierten Studierenden; Relegierung derjenigen Studierenden, die dem Verbände der wahrhaft russischen Leute angehören, Anerkennung des Chargiertenraies,. sofortige Entfernung zweier Stabsoffiziere von dec Alademie. Solange diese Forderungen unerfüllt bleiben, beschloßen die Studierenden zu streiken.

In Lodz wurde auf offener Straße.em Lehrer deS polnischen Gymnasiums erschossen. Es heißt, daß in den letzten Tagen außerdem noch mehrere Personen teils ermordet, teils verwundet worden sind.

Aus Tambow wird gemeldet, daß der Seminardirektor Obermönch Simon auf dem Nachhauseweg von der Kirche durch einen Revolverschuß schwer verwundet worden ist. Der Täter entkam.

Bei der Ueberfahrt von einem Ufer der Newa zum andern ist in Petersburg infolge eines Zusammenstoßes mit Eisschollen der alle Dampfer »Archangelsk- mitten im Flug gekentert und schnell gesunken. An Bord befanden sich 6U Personen, meist Arbeiter. Von den Passagieren kannten nur 1 5 gerettet werden, da der starke Eisgang, die schnelle Strömung und bie Dunkelheit die NettungS- arbeiten erschwerten. Bis jetzt sind zwei Leichen geborgen.

Zwischen der Station Sowlino und Dobrornino der Rjasan-Ucalbahn entgleisten von einem gemischten Zuge die Lokomotive und zwei Passagierwagen. Fünf Personen kamen um und sechs wurden verletzt.

In Zuchthaus unö Ktjänglns.

(Der Schluß deS Snternationalea Kurs für gerichtliche Pfycho- logie unö Psychiatrie.)

_ _ Gießen, 22. April.

Am Samstag mittag \ Uhr nahmen die Vorlesungen und Demonstrationen des Kurses in dem Horsal der Klinik ihr Ende und schon um 2 Uhr versammelten sich die Teilnehmer unter Führung der dozierenden Prosessoren am Bahnhof, um nach Sußbadj $u fahren zur Besichtigung der Strafanstalten Lutz- bach unb Rockenberg. In den beiden Anstalten sino sämtliche männliche Strafgefangene Hessens seit der Dieorganiiation des Heimchen Strafvollzugs untergebracht, jedoch befinden sich noch einige weibüche Gesungene in Diedenberg. Sie werden aber voraus- lichtckch im Sommer nach Mainz m bie Frauenstrafanstalt ge­bracht werben. Um brei Uhr trafen etwa 65 Herren vor dem Haupttor der Zellenstrafanstalt Butzbach ein, wo sie von Direitor Element in (Empfang genommen würben. Tas erste hohe Elfen- tor würbe erschloßen und in bem geräumigen Gefangnislwf gab Direktor Klement ausführliche Erklärungen über Bau, Einrich­tung, Verwaltung usw. ber Anstalt. Davon fei folgendes mit» geteilt: Nachdem Graf Görtz zu Schlitz in der Ersten 3täni» lammer für bas panoptische System bes Gefängnisbans ein­getreten roar, würbe 1882 mit dem Bau begonnen. 1894 war er soweit vollendet, daß der Verwaltungsbau und ein Seifen* flügel in Benutzung genommen werben tonnten. Die Anstalt würbe mit 334 Gefangenen eröffnet. Der dritte Flügel ivurbe am 1. Oktober 1896 vollendet unb bamit war die Anstalt fertig. Die Neuorganisation bes hessischen Strafvollzugs be­stimmt mbes, daß Butzbach ausschließlich bie Gefängnis-Ge­fangenen, Marienschloß bei Butzbach bagegen die Zuchthäusler von ganz Hessen aufnehmen soll. Am 2. Aprll mürbe zum größten Teil bie Dislozierung der Gesungenen von Mainz unb Darmstadt nach Butzbach und Rockenberg vollzogen, nur in Darmstadt verblieben noch etwa 6070 Mann, die am 1 Augu,c ebenfalls nach Butzbach kommen. Bis dahin soll der jent im Bau befindliche neue nordwestliche Zellenflügel vollem.: sem. Er enthuu 125 Schlaszimmer unb ad)t große Arbeit- - fäle unb ist für Gemeinschaftshast eingerichtet, wahrend in an­deren Tellen der Anstalt ftre-.ge Einzelhaft sogar an per Arveir emgesuhrt ist Nach ber Vollendung bieses Flügels kann He Anstalt 62o Gefangene a ufnehmen; gegenwärtig finb 501 £cui: bort untergebracht. An ber Anstalt wirken außer bem Tiretwr eui Arzt zugleich auch für Marienschloß, ein evangelischer unb ein katholiicher Geistlicher, zwei Lehrer, ein Rechnungsoeami em Letonomicbeamter, zwei Lber-Anfieher unb 32 Auf।eher, iie Gefangenen haben zehnstünbige Aroellszeit; bis zu 3U Pfennig nnen ben Gefangenen tagllch gutgeschrieben werden. Tia Arr- .t geicyieht auf eigene Rechnung bes Staates. Di- Anstalt um. faßt em Lazarett, einen Wirtschaftsban, einen Werkstättenbau,