Dieser Lage versammelte sich der Finanzausschuß der
ersten Kammer unter dem Vorsitze des »weiten Vorsitzen* )en Freih. Hcyl zu Herrnsheim, um mit der Negierung die
pruchreifen Gegenstände zu beraten. Neben mehreren Vor- 'tellungen und Anträgen wurden auch mehrere von der
politische Lagerscha«.
Frhr. von tzeyl als Nachfolger des Grasen PosadowSky.
Wie der „Hess. lib. Wochenschr." aus Berlin geschrieben wird, zirtulierre dort gegen Schluß der Reichstagstagung in parlamentarischen Kreisen das Gerücht, daß Frhr. v. Hehl zum Nachfolger des Grafen Posadowsky als Leiter der Sozialpolitik des Reiches ausersehen sei. Eine Mise, die Frhr. v. Hehl kürzlich nach Homburg während der dortigen Anwesenheit desKaise r s machte, soll mit diesem Plane in Verbindung gestanden haben. Das genannte Blatt hält indes diese DdeÜmng, ebenso wie wir, für einen schlechten Witz.
habe man Jahrzehnte gebraucht, sie zu regeln, das sei cm be- cheidener Weg, aber er führe zum AicL Wenn dazu ein offizielles Organ der Kadetten, die „Rietsch , bemerkt, in der Agrarfrage 1 »rauche das Land keine Reden, sondern Taten, so klingt das zwar sehr sicher. Aber uns scheint, die Duma hat bisher nur geredet, und gehandelt bisher nur die Regierung. Trotzdem aber wird den konstitutionellen Demokraten nichts übrig bleiben, als entweder das Prinzip der ZwangSentcignung aufzugeben, oder ick darin zu finden, daß die Regierung an eine neue besser gesinnte Duma appelliert. Und davor fürchten sich die Kadetten. Das Land ist der Deklamationen müde. Erfolgt eine Neuwahl, peziell unter dem Eindruck, den die noch ausstehenden Ent- lstlllungen über die Teilnehmer am Komplott gegen den Zaren bringen müssen, so hat die Regierung alle Aussichten, eine Volksvertretung zu gewinnen, die ihr mehr Verständnis entgegen* bringt. —
In Marokko scheint eine Wendung zum Besseren ein* zutreten. Einmal hat der Sultan die französischen Entschädi- aungsforderungen anerkannt, dann aber die Niederwerfung des Aufstandes in Marakesch selbst in die Hand genommen. Bisher haben seine Truppen, wenn der Telegraph recht berichtet, mit Glück gefochten. Die Nachrichten besagen sämtlick, daß die Sin* Hänger dcS Sultans in allen Gefechten siegreich gewesen sind, weshalb der Sultan sich entschlossen hat, einen großen Schlag auszuführen. Er Hot reiche Zufuhr von Munition nach dem Kriegsschauplätze abgehen lassen. Alan erwartet, daß die Askaris, die seit fünf Monaten von englischen und französischen Jnstruk* toten täglich gedrillt worden sind, wesentlich zu der Leistimgs- fähigkeit der Streitkräfte des Sultans beitragen und die ent* gültige Niederwerfung des Prätendenten ermöglichen werden. Dem sranzös. Ministerrate hat der französische Gesandte in Tanger berichtet, daß die Durchführung der von der marokkanischen Sie* gierung als Sühne für die Ermordung des Dr. .Mauchamp zu* gestandenen Maßregeln in befriedigender Weise durchgeführt werden. _______________
Parlamentarisches aus Heften.
Von der Ersten Kammer.
liche Jagden, in denen wilde Kaninchen, wenn auch nur veremzell, vorkommen, durch fortwährende Beunruhi- pingcn von Kaninchennachstellern gestört und dadurch min* »erwertia würden; 5. der durch die wilden Kaninchen an >en Wäldern verursachte Schaden durchaus gering ist, usw.
Eine Anfrage des Abg. Noack berührt eine seltsame Ungleichheit bei der Preußisch-Hcss. Eisenbahngcmeiilschaft. Einer Zeitungsnachricht zufolge sollen hessische In- duftrielleundLieferanten, welche Lieferungen an die Preußisch- Hessische Eisenbahn gern ci n* chaft auszuführen haben, Stempel zahlen, während ireußische Hersteller von dem S l e m P e l b e f r e r t in d. Dies soll auch der Fall fein, wenn die Lieferung an Eisenbahnbehörden in Helsen geschieht, sofern die Aus* chreibung von einer in Preußen gelegenen Direktion erfolgt. 5s besteht, so sagt auch der Abg. Swack sehr richtig, in den Kreisen hessischer Industrieller und Gc.rerbetreibcnder die Ansicht, daß die ungleichartige Behandlung der hessischen und preußischen Hersteller bei Lieferungen für die Preußisch- Hessische Eifenbahngemeinschast den hessischen Interessen ebenso nachteilig als dem Geiste des Geineinschafts-Ver- träges widersprechend ist und daß daher eine andere Handhabung oder eine Acnderung des preußischen Stempel* steuerzesetzes unerläßlich erscheint. Er fragt daher bei der Großh. Regierung an, welche Schritte sie zu tun beabsichtigt, um eine ungleichartige Behandlung hessischer Interessen*, ten gegenüber den preußischen Staatsangehörigen innerhalb der Preußiscy-Hessischen Eisenbahngemeinschaft zu verhindern.
gleichen Inhalts der Fall war, der im Jahre 1905 die Stände beschäftigte. Die vorliegenden Vorlagen glaubte der Ausschuß vorwiegend unter dem Gesichtspunkt betrachten zu können, ob sie der Unterscheidung zwischen dem handelsmäßigen Gewinn aus der Grundstücksspekulation dem sozial berechtigten Vermögenszuwachs bei Veräußerungen älteren Eigentums hinreichend Rechnung tragen. Ta der neue Entwurf durch die Bestimmungen über die Höhe der Steuersätze diesem von ihm früher vertretenen Prinzip eine gewisse Anerkennung habe widerfahren lassen, so glaubte der Ausschuß sich nunmehr auf den Boden der Vorlage, deren Grundgedanken er ja schon früher als berechtigt anerkannt habe, stellen und sie einer wohlwollenden Beurteilung durch die erste Kammer empfehlen zu können. Ta von mehreren Mitgliedern der Kammer verschiedene Abänderungsvorschläge zu dem Entwurf, überwiegend juristischer Art, vorgebracht wurden, glaubte der Ausschuß im Einverständnis mit der Regierung, die Vorlage mit den hierzu gemachten Vorschlägen in einer weiteren Ausschuß- sitzung einer nochmaligen Beratung unterziehen zu sollen.
Bon der Zweiten Kammer.
Ein sehr langatmiges Schriftstück hat der Abg. Köhler »um Druck geben lassen. Ter langen Rede kurzer Sinn ist, daß er wiederholt anregt, die Großh. Regierung möge im Bundesrat die Anregung geben, daß fakultativ den Mannschaften und Unter-Offi zieren ein» bis zweimal wöchentlich landwirtschaftlicher Unterricht erteilt werde: 1. im allgemeinen in geeigneten Garnisonen im ganzen Reiche, 2. im besonderen zu Gießen, im Anschluß an die Lehrmethode Prof. Gisevius und Leidich- Langsdorf.
Eine Vorstellung der Herren Stummel und Genossen geht dahin, das Gesetz über die Jagd Artikel 31 betr. wilde Kaninchen in der seitherigen Fassung zu lassen und nicht nach dem Beispiel Preußens und Badens zu ändern, da: 1. durch die Freigabe der wilden Kaninchen die Begierde zu wildern im Volke angefacht würde, worüber die Vergleichsziffern wegen Vergehens der Wilddieberei zwischen Hessen und den oben angeführten Ländern hinreichend Aufschluß geben dürften; 2. sich hierdurch die Fvrst- beamten, durch die Nebeneinnahme verlockt, in zu hohem Grade der Jagd widmen würden, wodurch leicht der Dienst beeinträchtigt werden könnte; 3. der Abschuß von Kaninchen entgegen dem in Artikl 31 Gesagten dem einigermaßen eingeübten Jäger durchaus keine besondere Schwierigkeiten bietet; 4. der Schaden durch Ausfall von Jagdpacht für die Gemeinden ganz erheblich fein dürfte, weil sämt-
Aie englischen Journalisten in Deutschland.
Am Samstag früh begaben sich die englischen Journalisten von Berlin nach Dresden, wo einige von ihnen alsbald vom Königvon Sachsen empfangen wurden. Sie begaben sich dann nach Pillnitz. Auf dem Schiffe hielt der Dresdener Oberbürgermeister Beutler eine Ansprache, in der er die englischen Gäste begrüßte. In Pillnitz nahmen sie im Kuppelsaale des königlichen Schlosses den Lunch ein und kehrten nm Nachmittag, nach Dresden zurück. Am Abend wurde den englischen Gästen zu Ehren im Opernhause „Salome" von Rich. Strauß ausgeführt und daun fand im Belverdere ein Festbankett statt. Zunächst sprachen Oberbürgermeister Deutler und Rechtsanwalt Tr. Schiebler. Nachdem dann der Chefred. und Verl, der „Dr. N. N.", Wolff, die englischen Journalisten begrüßt hatte, hielt Me Kin- non eine Rede in deutscher Sprache, in der er ausführte, Deutschland und England sollten sich nicht darüber streiten, welche von beiden Nationen die größere und fähigere sei, sondern froh sein, daß es zwei solche Nationen auf der Welt gäbe. Sodann sprach Sir Element Kinloch-Cooke („Empire Review") den Dank für den Empfang Durch den König aus. Hierauf begrüßte Kommerzienrat Dr. Reichardt, der Verleger der „Dr. Nachr.", die englischen Gäste in Sachsen als dem Lande, in dem die deutsche Gemütlichkell in erhöhtem Maße typisch zum Ausdruck komme, und ließ jedem eine Mokkatasse aus der königl. Porzellanmanufaktur in Meißen als Andenken überreichen. Thompson („Reynolds Newspaper") bedauerte sodann u. a., daß es in der Presse beider Länder Zeitungen gebe, die von politischen Senfationen leben. Zwischen Deutschland und England solle nur ehrliche Rivalität obwalten. Es folgte noch eine große Reihe weiterer Trinksprüche, unter denen besonders der von Stead mit größter Heiterkeit ausgenommen wurde, der sein Glas den Tarnen weihte, als deren Vorbild er die Sixtinische Madonna bezeichnete. Gegen 11 Uhr brachen die englischen Gäste auf und fuhren nach München.
Für die Fahrt von Dresden nach München hatte die Internationale Schlafwagen-Gesellschaft einen Sonderzug zur Verfügung gestellt, der aus Schlafwagen gebildet war, welche für Die demnächst ins Leben tretende direkte Luxuszugverbindung Berlin-Kopenhagen zur Verwendung kommen.
Am Sonntag vormittag begann im Künstlerhause zu München der Empfang der eng ft ich en Gäste. Im künstlerisch geschmückten Hofe des Künstlerhauses waren außer dem Münchener Empfangsausschuß auch anwesend der Minister Frhr. v. Podewils, sowie eine Reihe bekannter Münchener Künstler und Schriftsteller. Bei Musik und Reigentanz vollzog sich die erste Begrüßung. Beim Frühstück hieß Reichsrat Frhr. o. Wuertsburg die Gäste willtommen. Sidebotham („Manchester Courier") feierte München als Hauptkunststadt in Deutschland. Es folgte ein in feiner künstlerischen Eigenart allerliebstes Festspiel, in dem die Haupttypen der bayerischen Bevölkerung uuftraten, und in dem schließlich das Münchner Kindl den englischen Gästen eine dauernde Erinnerungsgabe überreichte. Prof. Gabriel Seidl, der Erbauer des Künftlerheims, betonte, da; die Münchener Architekten die englische Baukunst hoch verehrten, und das englische Haus, das dem Eharakter der englischen Bevölkerung entspreche, als vorbildlich anfeije. Redner widmete den Gästen eine Festschrift über das
zweiten Kammer verabschiedete Regierungsvorlagen einer Beratung unterzogen. So wurde u. a. bezüglich der Vorlagen, die Aktiengesellschaft „Mainkette" betr., die Beschickung der Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst, Tarmftadt 1908 betr., Veräußerung der sog. Markwiese in den Gemarkungen Bauernheim und Ossenheim betr., die Automobilverbindung Bensheim-Lindenfels betr., die Herstellung mehrerer Nebenbahnen betr., sowie bezüglich des Antrags des Abg. Dr. Weber, die Gewährung eines Zuschusses aus der Staatskasse zur Beschaffung von Saatgut für dieLand- wirte in den höheren Lagen des Vogelsberges betr., beschlossen, dem Plenum Beitritt zu den Beschlüssen der zweiten Kammer zu empfehlen. Nur die Beratungen über die Regierungsvorlage, den Gesetzentwurf, die Wertzuwachs st euer betr., konnten noch nicht zum Abschluß gebracht werden. Der Ausschuß er Härte sich einstimmig mit dem Grundgedanken des Gesetzentwurfs einverstanden, wie dies ja bereits mit dem Entwurf
Nr. 127 Erstes Blatt 157. Jahrgang Montag 3. Jnni 1907
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ST «Ot-Nonrdruck und Verlag der vrllhl'ichen Unio.-Vuch. und Lt-Indruckerel. & ränge. Redattlan. «rpedMon und vruckerei: schulpr-d« 7.
Are heutige Yumrner umfaßt 10 Seiten.
Politische Wochenschau.
Tie letzte Woche hat einem verwaisten deutschen Bundesstaat wieder einen LandeSvater gebracht: Herzog Johann Albrecht hat sich bereit erklärt, die auf ihn gefallene Wahl rum Re- genten Braunschweigs anzunchmen. Am 1. Juni begab sich eine braunschw. Deputation noch Schloß Willigrad, wo sie von dem Her,og empfangen wurde. Der braunschweigische Staatsminister v. Otto wieS auf die einstimmige Wahl des Herzogs rum Regenten hin. RegentschastSrat, Landesversammlung und Regierung würdigen die Bedeutung deS Opfers, das der Herzog bei der Erfüllung der Bitte zu bringen haben werde. Der Herzogregent dankte für die ihm cntgegengebrachten Gesinnungen. Tas ihm auö weiten Kreisen des Landes entgegengebrachte Vertrauen, das am 28. Mal in der Landesversammlung einstimmig Ausdruck fand, habe ihn bewogen, dem Ruse des deutschen Bruderstammes zu folgen. Er nehme die Wahl zum Regenten des Herzogtums Braunschweig an und hoffe, daß es ihm vergönnt fein möge, mit Gottes Hülfe die Regierung zum wahren Segen des Landes zu führen. — Tie Wünsche aller deutschen VateAandsfreunde werden sich nt der Hoffnung vereinigen, daß eS dem neuen Regenten gelingen möge, das Gespenst der Reichs- verdrossenheit aus allen Winkeln des schönen Ländchens am grünen Harz zu oerbannen.
Die Deutschlandfahrt der englischen Jour na* listen hat ihren programmäßigen Fortgang mit Banketten und Bierreden, mit Rundfahrten und Gruppenaufnahmen in schönster Eintracht genommen. Lieben Städte Griechenlands stritten sich um die Ehre, der Geburtsort Homers zu fein; sieben Städte Posens sind sich heute noch nicht einig darüber, in roelcher von ihnen die Wiege Laskers gestanden bat; sieben deutsche Städte haben die Ehre, den englnchen Journalisten ihre Pforten zu offnen und ihnen ihre Herrlichkeiten zeigen zu dürfen. Ob es was nützt, muß der Zukunft überlassen bleiben. Jedenfalls hat der Besuch der deutschen Journalisten in England bisher den gün- sttasten Eindruck hervorgerufen. Spezialberichte der engl. Presse 6eben insbesondere die Liebenswürdigkeit des Kaisers und der Minister hervor. £er Korrespondent deS „Daily Chronicle" berichtet, Füllt Bülow habe ihm gesagt: „Wohin Sie in Teutsch- land gehen, überall werden Sie von hoch und niedrig herzlich i-willkommt werden." „Moming Staber'' bezeichnet die Herzlichkeit des Empfanges seitens der Regierung als das bemerkenL- werteste Charaktcristikum. Ter Kaiser habe mit seinem gewöhnlichen Geschick einen dramatischen Augenblick für die Begrüßung gewählt. Die Siede Mühlbergs lei ein politisches Dokmnent ersten Ranges. „Tribüne" bespricht den Blluch gleichfalls sympathisch und führt aus, die Reden bewiesen die friedliche Gesinnung dec deutschen Regierung. In dem allgemeinen Chor guter Kameradschaft fei keine falsche Note angeschlagen worden. — Am 1. Juni wurden einige der englischen Herren int königl. Schlosse zu Dresden vom König von Sachsen empfangen. Der König unterhielt sich sehr liebenswürdia mit jedem einzelnen der Herren, crfimbigte sich nach ihrer Tätigleit und nach bent Charakter ber von ihnen vertretenen Blätter. Zum Schlüsse gab er seine Be- tüiebigung über den Besuch der englischen Gäste in Dresden Ausdruck. In Pillnitz empfing sie dec sächsische Minister v. Metzsch. — Gleichzeitig bereist zurzeit eine englische Kommission zum Studium der städtischen Einrichtungen die rheinischen Städte. Sind) offiziöser Tarstellung ist auch diese hoch- befritbigt von dem Besuche in Deutschland. — Im Anschluß daran fei auch der ungarischen Landwirtschafts- ko m Mission gedacht, die zum Studium ber deutschen Land- willschast unterwegs ist.
Lebhaftes Interesse erwecken wieder die Nachrichten, die aus Rußland eintreffen. Die Duma, die sich so lange gesträubt hatte, den politischen Mord zu verurteilen, nachdem das glücklich vcrettelte Attent at gegen den Zaren und die Kaiserliche Familie nicht mehr als Tatsache bestritten werden konnte, gab der Entrüstung Ausdruck, die durch die ganze Welt ging. An der Beratung einer entsprechenden Interpellation beteiligten sich außer den revolut. Parteien auch einige Popen, die der heilige Syttod infolge dieser antimonarchischen Demonstration auf* gefordert hatte, entweder ihre geistliche Würde oder ihr Mandat niedcrzulcgen. Rach der Erklärung Stolypins war dann ein Beileids- und Huldigungstelegramm an den Zaren beschlossen worden, gleich danach ging aber das wilde und aufgeregte Reden und Zanken über wirkliche oder vermeintliche A^achtüberschreitungen der Beamten an, welchen die Gesängnisausticht unterstellt ist; dabei ist zu bedenken, daß Gesängnisrcvolten augenblictlich in Rußland die Regel sind und daß die Beamten, meist alte Soldaten, oft um ihr Leben kämpfen, ivenn sie den revoltierenden Ge- fangenen mit der Masse in der Hand entgegentreten müssen. — Aus Moskau kam die sreilich mit großer Vorsicht auszunehmende Slachricht von einem Anschlag gegen den Großfürsten K o n st a n t i n. Dem Sewastopoler Schnellzug, mit Dein der Großfürst reiste, wurde von verbrecherischer Hand von Örel eine bereitstehende Lokomotive ohne Bemannung entgegen» geschiät. Tie führerlose, zudem recht langsam sahrende Lokomotive wurde von einem Bahnwärter abgefangen. — Ein weiteres wichtiges Ereignis war die Programmrcde Stolypins in der Agrarfrage. Er kritisierte erst das Programm der äußersten Linken, danach das der Kadetten. Die Anerkennung der Nationalisierung des Grund und Bodens, wie die Sozialdemokraten sie erstreben, gleichviel ob mit oder ohne Entschädigung der Eigentümer, würde zu einem sozialen Umsturz, zu einer Umwertung aller Werte, und zu einer solchen Wandlung aller sozialen, rechtlichen und bürgerlichen Beziehungen führen, wie die Well ähnliches nicht gesehen habe. Das wurde dann im einzelnen ausgefuhrt und durch Zahlennachweise belegt. Ans dem Wege der Expropllarion und Verteilung des Vrivatgrundbesitzes sei die Agrarfrage nicht zu lösen. Das Programm der Kadetten käme schließlich aus dasselbe hinaus, nur feien diese weniger klar und aufrichtig als i)ie_ Sozialdemokraten. Dagegen sei das Ziel der Regierung, ben bäuerlichen Grundbesitz zu heben und den Bauer wohli)abend zu machen. Ter sleißige Bauer müsse daher von den Fesseln befreit werden, die es ihm unmöglich machen, dahin zu gelangen. Vor allein also sollte der Besitz festgelegt und — erblich gemacht werden, und einem solchen bäuerlichen Grundbesitzer wurde die Regierung mit Rat, Kredit und Geld helfen. Wie das geickehen sollte, wurde dann weiter ausgesührt: Ein L'andfonds, l'.'ieliorationskcedite, eine durchdachte Uebccsicdelungs- pulitir, nt gewi' 17N-Ausnahrnesällen auch Erpropriierung wie sie auch nt anderen Staaten geschieht, aber nicht als Regel, und nur auf Grund klarer gesetzlicher Bestimmungen, sonst schaffe man nur noch die neue Klasse der ruinierten Gutsbesitzer usw. ^n (Summa: -Lic Agrarfrage lasse sich nicht mit einem öauberfajlage, sondern nur allmählich lösen. Im Abendlande


