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Mittwoch SS. Mai 1907
157. Jahrgang
Erstes Blatt
ltzei an. Der Landge Kopfe verwundet. D
sprach
Im Dorfe Kalatsch wurden am 18. d. M. 30 revolutionäre Sozialisten verhaftet. Am anderen Tage
Deutsche» Reich.
Berlin, 22. Mai. Kultusminister v. Studt hat, wie die ,93. N. 91/ erfahren, ferne Absicht, zurück zu treten, einstweilen vertagt, da er zunächst noch die Ausführungs- Bestimmungen zum Schulunterhaltungsgesetz und die Mädchen- schul-Reform zum Abschluß bringen will, Aufgaben, die vor dem Herbst Nicht beendet sein können. In unterrichteten Kreisen gilt nach wie vor Oberbürgermeister AdickeS als sein Nachfolger.
Wildpark, 21. Mai. Der Kaiser ist heute nachmittag nach Alt-Ata blitz abgereist zur Pürsche.
OuÄroäctl W 13ecant®ac'lt(t den poltL unb alldem» Tel! P. ilBtltto. lüx ,£taht unb VanbJ anö -GerrchlSsaaf i E «»st Heb. tüi den Än- zeigenteil: Hon» Beck
obachten, Erklärungen erteilt.
„Die Gestalten der deutsche:: Märchen und 'Sagen wirken doch mehr oder minder auf uns. alle ein, sie wirken so, wie die schlichten Klänge des Volksliedes, das Saiten in unserem Innersten &um Erklingen bringt, die sonst teilte, Musik in Schwingungen zu versetzen im Stande ist!" Das ist ein Ausspruch des Kaisers, den er während einer Oberonpause getan hat.
Ueberhaupt — das entnahm ich dem Gespräch mit Herrn von Mutzenbecher — hat der Kaiser diesmal eine ganz besondere Anteilnahme an den Festspielen gezeigt. Nicht nur Prunk und szenische Pracht interessiert ihn, nein, er beschied wiederholt die Hauptdarstellerinnen und Darsteller zu sich ins Foyer und sprach mit ihnen als ... . Theaterkritiker, nicht als Kaiser, sprach von den ausgeführten Werken und ihren Schöpfern, sprach vom „tiefergreifenden Hebbelschen Geiste", sprach vom Spiet im Einzelnen und der Wirkung oer Werte auf die Menge, wobei ich besonders bemerke, daß der Kai,er Hebbel zur Po- pulariLüt zu verhelfen in Zukunft bestrebt sein will,
vezag-pretSr mor ackich 7b VV, ertettek jährlich 'M LL0. butt* Adhole- u. Zweigstelle»» monatlich 66 Pt.; durch die Post TU. 8.— Dtert* jährt. auSlrhl Bestell-. Annahme m» Sn,et-« tut öte iaqbJnuinntex biS Dormlllag« 10 Uta,
Damit die Maifestspiele nach ernster erhabener Kunst mit einem leichten, fröhlichen Akkorde abschließen, hat der Kaiser, nachdem das Feftspielprogramm bereits fix und fertig war, noch den tollen Schwank „Husaren fieber" zur Aufführung befohlen. Und an diesem Abende herrschte in der Kaiserlog^ die fröhlichste Stimmung. „Ter Kaiser hat so oft und so herzlich gelacht, wie ich es selten bisher bei TZajeftät bemerkt habe!"
So äußerte sich Herr Intendant von Mutzenbecher.
Von Lmiff über Gluck, Hebbel, Saint-Saens und Karl Maria von Weber zu Kadelburg und Lkowronnek! Fürwahr ein seltsam! verschlungener Pfad!
Tie Maisestspiele „auf Allerhöchsten Befehl" sind zu Ende . . . Nun kommt für das Wiesbadener Hostheater wieder die werkel- tagliche Kunst zu ihrem Recht. Ohne Fanfarengeschmetter. Bis zum nächsten Mai. . . (Nachdruck verboten.)
R.B. Darmstadt, 21. Mai. Hessische Laude sau s> stellung für freie und angewandte Kunst 19 08. Auf das Konkurrenz-Ausschreiben zur Erlangung von Entwürfen für die Platzgestaltung und die provisorischen Bauten der Landesausstellung 1908 waren im Ganzen 13 Entwürfe Dort im Großherzogtum Hessen geborenen oder hier,ansässigen Künst- lern eingelaufen. Von den zur engsten Wahl gestellten Entwürfen erhielt den ersten Preis (1500 Mk.) der Entwurf mit dem! Kennwort „Repräsentation" von Professor Albin Müller, den zwetten Preis (1000 Mk.) Kennwort „Mai I" von Bauinspektor Dr. Buxbaum und den britten Preis (500 Mk.) Kennwort „Hessenkunst" von Philipp Schäfer und Hans Hirth. Die Entwürfe gelangen in der Zentralstelle für die Gewerbe zur Ausstellung.
— Das FV. Wormser Rosenfest findet am 15., 16. und 17. Juni statt und steht im Zeichen des deutschen Minnesangs (12. bis 13. Jahrhundert) und der sich hieran anschließenden Zeit der Meistersinger. Es finden zwei Fest-Veranstaltungen im Festspielhause statt, bei welchen die Dichtungen jener Zeit von berufenen Künstlern zu Ehren kommen follen. Der am 15. Juni stattfindende Minnesänge rabend steht unter Leitung des Dramaturgen Tr. Herbert Eulenberg-Düsseldorf. Mft- wirlende sind: das gesamte Kaimorchester, Elsa Laura Freifrau, von Wolzogen-Darmstadt (Lieder zur Laute-, Eva Martersteig- Berlin und Otto Stöckel^Lüffeldorf (Rezitation-, sowie Dr. Eulenberg . Am Sonntag findet volkstümliches Rosensest statt. Montag abend kommen unter Leitung des Intendanten Tr. Hagemann- Mannheim Fastnachtsspiele des ausgehenden deutschen Mittelalters (Hans Sachs, Jacob Ayrer) durch das Hof- und Nationaltheater Mannheim im Festspielhaus zur Darstellung. Tas Großherzogspaar wird voraussichtlich dem Feste beiwohnen.
Karlsruhe, 21. IDlai Heute begann hier die 8. Versammlung des Deutschen Vereins fiir Schulgesundheitspflege. Nach Vorträgen, welche .ich mit der Frage der einheitlichen Löfung des Oberen Schulwesens befaßten, wurde ein Antrag angenommen, den Vorst-mb zu beauftragen, die Bundesregierungen zu ersuchen, eine Reichs-Schulkommisfion ein zuberufen, die die Frage der einheitlichen Ausgestaltung des Schulwesens in ganz Deutschland prüfen soll.
Freiburg L B., 21. Mai. Hier fand die 15. Hauptversammlung des Allgemeinen Sprachvereins statt, welcher jetzt 305 Zweigvereine und 27 940 Mitglieder zählt. Die Versammlung beschloß, die nächste Tagung im Jahre 1910 in Dresden abzuhalten und damft das 25jährige Jubiläum des BeMens des Vereins zu verbinden.
Maifestspielen entzückt und hat seiner Zufriedenheit reichlich Worte geliehen?"
„Ja, sehr zufrieden!" lautete die Antwort des Intendanten. „Neu waren in Wiesbaden dem Kaiser „Gotberga", „Herodes und Mariamne" und „Samson und Dalila". „Husarenfieber" gehörte ja nicht mehr offiziell zu den Festspielen. Ich kann Ihnen versichern, daß der Kaiser tatsächlich für,Hebbel schwärmt. Ueber „Herodes und Mariamne" sprach sich Majestät schon nach der Generalprobe günstig und lobend aus! Der Kaiser hat zweimal bei dem Festspiel „Gotberga" Aenderungen angegeben. Und die sind sofort gemacht worden. Der Kaiser hat ein scharfes Auge für das szenische Bild. Selbst das Unwesentlichste entgeht ihm nicht. Die Aenderungen, die auf speziellen Kaiserlichen Wunsch bei „Gotberga" vorgenommen worden sind, haben dem Festspiel ein wirksames Bild zum Schluß hin gegeben. Bei „Herodes und Mariamne" hatte der Kaiser nichts auszusetzen, da gefielen ihm Spiel wie Szenerie vortrefflich!"
„Gotberga" aber", so flocht ich ein, „hat doch wenig Anerkennung bei der Kritik gefunden. War denn der Kaiser mft dem Festspiel als solchem zufrieden?"
Der Gefragte sagte ein unverhohlenes Ja und betonte, daß doch gerade „Gotberga" von dem üblichen Festspiel-Schema abweiche. Was mir Mutzenbecher verschwieg, das hatte ich bereits von anderer Seite erfahren. Wenn eines bei dem Festspiele dem Kaiser nicht rückhaltlos gefallen hat, dann war es das allzu unvermittelte, allzu plötzliche Eingreifen von Caesar Antonius Pius in die Handlung. „Tos kommt ohne jeden lieber» gang. Da hätte sitch eine Brücke finden können, um auf den Gipfelpunkt der Festspiele wirksam und spannend vorzube- reiten!" Man sieht aus diesen Worten, daß es dem Kaiser nicht fremd geblieben ist, daß unser Theater von heute in der Hauptsache der Spannung bedarf.
„Armida" und „Oberon" waren dem Kaiser in der Wiesbadener Bearbeitung bereits bekannt!" erklärt« der Intendant. „Wenige aber," so fuhr er fort, „werden bemerkt haben, daß „Oberon" verschiedentlich szenische Aenderungen aufwies. Vor allem war bei einem Bilde Bayreuth und speziell Bayreuths Parctval maßgebend iAachener Kaisersaal). Auf die Initiative von Exzellenz von Hülsen sind diese Aenderungen zurückzuführen, die bereits voriges Jahr geplant waren. Entzückt war nicht nur der Kaiser, sondern die gesamte kaiserliche Familie, soweit sie „Oberon" beiwohnte, über die Aufführung." Der Dolmetscher und Berater der Heinen Prinzessin, die zur Rechten ihres kaiserlichen Vaters saß, war der Kaiser selbst. Er hat der 'Tochter, das konnte man vom Zuschauerraum aus ost be-
Feuerwaffe Gebrauch zu machen. Mehrere Bauern wurden verwundet, unter ihnen zwei tödlich. Der Telegraph wurde zerstört. Der Gouverneur traf mit einer Abteilung Soldaten gestern dort ein.
In O d e s s a wurden, als der Zug mit der Leiche des durch die letzte Bombenexoiosion gelöteten Polizeiaussehers P a n a s s i k sich der Kirche näherte, in der auch die Leiche des bei derselben (^p.osion umgelommcnen Revieraus- sehers ausgebahrt war, plötzlich auf die Menge zwei Schüsse abgegeben. Es entstand ein» Panik. Mehrere Frauen wurden ohnmächtig. Da man vermutete, daß die Schüsse aus einem nahegelegenen Hotel abgegeben worden waren, schossen eine Anzahl junger Leute auf das Hotel. Verletzt wurde niemand. In allen anliegenden Straßen sind die Läden geschlossen, das Revier ist von Truppen umstellt. Die Polizei veranstaltete in vielen Wohnungen $au^ suchung und nahm zahlreiche Bcrlxfttungen vor.
politHd)e Lcrgesßcharr.
Vom 'Jieidjetolonialamt.
— Der Kaiser hat beim Reichskolonialamt, Zivilverwaltung, u. a. ernannt: den Gouverneur von Teutsch-Siid- lueitajtila v. Linbequist zum Untcriiaatsfetrerär, den Geh. Ober»Finanzrat Tr. Conze zum Direktor, den kommissarischen Lberrichter des subwestasritätnschcn Schutzgebietes, hamburgstchen Amtsrickster Tr. Meyer zum Geh. Regienmgs- und vortt. Rat, den Legalionsrat Tr. Hein le zum Geh. Regierungs- und vortr. Rat, die Regiermigsräte Oßwald uuo Brückner, sowie den Privatoozenlcn an der Universität Berlm Dr. Zöpfl zu Negierungsräten und staubigen Hülssarbeitem; in der Militärverwaltung u. a. den Kriegsgerichlsrat Dr. Ernst zum Geh. Regierung»- und vortt. Rat.
ttußeroem hat der Mail er den bisherigen Geh. Legates ns- rat z. T. v. Schuckrnan n zum Gouver neurvon Deutsch- Süd westafr i t'a ernannt. Geh. Legationsrat v. Schuckmann wurde 1901 im Wahlbezirk Amewalde-Friedeoerg als konservativer Abgeordneter in das Abgeordnetenhaus gewählt, too er sich in diesem Winter durch seine Rede über das Berliner Nachtleben hervortat. 1886 trat er in den auswärtigen Dienst, war 1888 bis 1890 Vizekonsul in Chicago, 18‘JU bis 1893 Legalionsrat bei der Kvlonialabteilmlg und dazwisch.n steltvertretenber Gouverneur in Kamerun. Jit der Zeit von 1893 bis 1895 bekleidete er die Stelle eines Wirkl. Geh. Legationsrotes im Auswärtigen Amt und
5>et Kaiser als TyeatuLiULer.
Ein Interview von Josef M. Jurinek-Frankfurt a. M.
Das erste Mal wohl hat sich bei der diesjährigen Wiesbadener Kaisersestwoche Wilhelm II. in eklatanter Weise von zwei Seiten als jstritikcr gezeigt. Das eine mal, als er von „nord- und süddeutscher Kunst" sprach und den „Fall Fritz Erler" herausbeschwor. Mein Interview mit dem Erbauer des neuen Kurhauses, Professor von Thiersch, hat bargetan, daß wieder einmal das persönliche Temperament des Kaisers der eigentliche Grund des Zwischenfalles war. Aber — und das ist neu und wird mir von bestinsormierter Seite mitgeteilt, — der Kaiser war indigniert, als er hörte, daß man seine rein persönliche momentane Abneigung gegen die Erler'schen Freskogemälde als Trumpf seiner Gegnerschaft geaen die Moderne im allgemeinen ausgespielt hat. Unwillig soll der Kaiser in intimem Kreise gesagt haben: „Weil mir Erler in unfertigem Zustande nicht gefallen hat, bin ich auf einmal wieder als schroffer Gegner der modernen Richtung hin gestellt worden. Ich komme wieder nach Wiesbaden. Da wird sich das Weitere finden!" So bleibt also die Hoffnung, daß der „Fall Erler" feine zweite Auflage erleben wird. Und die wird fid)er die erste aus der Welt schaffen.
Ueberraschend aber und interessant war es, daß sich der Kaiser diesmal während der Wiesbadener Woche von einer Seite gezeigt hat, von der er bisher fremd war. Wilhelm II. hat man neuerdings auch als Theaterkritiker kennen gelernt.
Allerhand Episoden, Anekdoten uno Bonmots sind schon über Wilhelm II. als Theaterkritiker während der Wiesbadener Festwoche der Öffentlichkeit übergeben worden; aber sie trugen den Stempel: Si non e Dero, e ben ttovato! nur zu deutlich an sich. So wußte z. B. eine Anekdote davon zu berichten, daß der Kaiser bei der Generalprobe von Lauff's Festspiel „G o t b e r g a" den Regisseur gespielt und fast das gesamte Festspiel, soweit das szenische Arrangement in Frage kam, umgekrempelt habe. Er habe als Oberregisseur vor der Rampe des Orchesters gestanden und nach rechts und links Direttionen erteilt. Und als der Kaiser zur Generalprobe von „Herodes und Mariamne" sich begab, da wußte ein Blatt schon am Abend des gleichen Tages zu melden, daß der Kaiser an eigenem Regietischchen im Parkett gesessen und von da aus „mit Jntuivität" die Probe geleitet habe. Das sind die beiden markantesten Episoden, die man sich erzählte.
Wie und von wem war nun wirklich Authentisches über das Thema „Der Kaiser als Theaterkritiker" zu erfahren? Sollte ich mich an den Generalintendanten Exzellenz von Hülsen wenden? Gerade wollte ich es tun, da erfuhr ich von direkt beteiligter Seite, daß der Herr Generalintendanr als Festarrangeuer gar autokratischer Natur sei. Erfuhr von dem brüsken Ton, den er Wiesbadens Stadtvätern gegenüber angeschlagen hat. Darum richtete ich meine Bitte um Gewährung eines Interviews an Herrn v. Mutzenbecher, den Intendanten des Wiesbadener Königl. Theaters. Siehe da: Mein Brief muß kaum angekommen sein, da erhielt ich bereits eine Depesche des Inhalts:
„Stehe zwölf Uhr Theaterbureau zur Verfügung. Mutzenbecher."
Herr v. Mutzenbecher machte auf mich keineswegs den Eindruck eines zugeknöpft-höfischen Mannes, als der er allgemein gilt. Die schlanke leicht vornüber gebeugte Gestalt mit einigen Schmissen auf der linten Wange läßt den schneidigen Cavalier viel eher als den kundigen Theatermann in dieser Figur vermuten.
„Nicht toast', fo begmvr ich, „der Kaiser tpar doch von den
Auch eine Nüstungssorge.
Immer wieder fordern unerfreuliche Erscheinungen auf dem deutschen Anleihemarkt die öffentliche Kritik heraus. Nachdem im Zusammenhang mit der Emission der 4proz. Schatzanweisungen die Kurse der deutschen Fonds sür einige Tage ausstrebende Tendenz gezeigt hatten, ist der Rückschlag erfolgt und die Abwärtsbewegung in der börsenmäßigen Bewertung dieser goldsicheren Papiere an der Tagesordnung. Aus das Bedenkliche dieses Vorgangs wurde zwar im Reichstag hinge- ro.e,en. Doch es war mehr oder weniger Theorie, was dabei herauskam, unb von den dem Verivallungöfach angehörenden Herren läßt sich die Erfassung und Würdigung der praktisch-finanziellen Momente schließlich auch nicht erwarten. Kein Einsichtiger kann aber im Zweifel sein, daß von berufener Seile etwas Wirlsamcs geschehen muß, um größere Stetigleit in der Kursentwicklung der Reichs- und Staatspapiere herbeizusühren. Hier handelt es sich am Ende um die sinanzwirtschaftliche Rüstung des Vaterlandes, die derselben Sorgfalt und Pflege bedarf, Ivie die militärische. Es heißt, daß letzthin bei der Wahl von kurzfristigen Schatzatuveisungen an Stelle 4proz. konsolidierter Anleihen von Belang gewesen sei die Rücksicht auf das Anslanb, wo man einen schlechten Eindruck befürchtet hätte, wenn das Reich sich auf einen höheren Zinsfuß festlegte. Das mutet sozusagen kleinbürgerlich an. Viel nachteiliger ist es dock) ohne Frage für das Anfehen des deutschen Staatslredits im Auslande, wenn in der Börsenzentrale des Reiches die nachhaltige Befestigung der deutschen Anleihekurse als ein Ding der Unmöglichkeit erscheint. Wie die Pariser und Londoner, so sollte auch die Berliner Börse in erster Linie nationalen Zwecken dienen, und wenn diese Bestimmung in der Pflege der Finanzinteressen des Reiches nicht mft der wünschenswerten Klarheit zum Ausdruck kommt, so erwächst der Regierung die Pflicht, auf irgend einem zum Ziele führenden Wege den börsenmäßigen Hochftand des Reichs- und Staatskredits anzustreben.
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sGietzener Anzeiger
ZM General-Anzeiger sür Oberhessen
«Id-«»- tüt Sepien: Rotationsdruck und Verlag 6er vrültl'schen llnw.-vuch. und Stetnönideret. n. fange. Heöatttei, «svkdttton unö Druderet: »chulstratze 7.
Anzeiger toicycn.
Ale heutige Kummer umfaßt 10 Seiten
Am Vorabend der Nevotutioa?
Die Feststellungen über das gegen den Zaren gerichtete Komplott zeigen, daß Rußland wieder am Vorabend einer ausgedehnten Erhebung zu stehen scheint. Die Petersburger Korrespondenten namentlich der englischen Blätter, die freftich nur allzuoft in Sensation machen, berichten übereinstimmend, die russische Regierung sei schwach und hilflos. Die Anarchie greise in allen Teilen des Reiches um sich. Das Land sehe einer neuen schweren Krise entgegen. Wie richtig aber immerhin die Auffassung ist, geht aus dem Umftani) hervor, daß der Terror wieder in einer Wildheit sein Haupt erhebt, wie es lanrh in den KonsliktStagen vor dem Erlaß des Konstitutionsmanifestes durch den Zaren der Fall war. Als Reaktion dagegen ist auch die Tätigkeit bed „Verbandes wahrhaft russischer Leute" eine intensivere geworden und in jeder Stadt, wo seitens der Revolutionäre ein Attentat aus Behörden ujro. unternommen wird, setzen Judenverfolgungen ein. Auch in der Duma herrscht wieder Konfliktsstimmung. Dom Präsidenten waren am Samstag drei Mitglieder der extremen Rechten von den folgenden Sitzungen der Duma ausgeschlossen worden. Dieser Anordnung zum Trotz drangen sie bei der nächsten Sitzung am Montag wieder in das Taurische Palais ein. Der Kommandant der Wache, der sie eiuließ, erklärte, er könne offiziell keine Befehle des Dumapräsrdenten Golowin anerkennen. Golowin sprach die Absicht aus, zu demissionieren, falls den Anordnungen deö Präsidiums durch den Palastkommandanten nicht Geltung verschafft werde. Unter solchen Umständen dürfte der Gegensatz zwischen Duma und Militärverwaltung bezw. Regierung seine schärfsten Formen annehmen. Inzwischen dauern die Verhaftungen in Zarskoje Selo fort. Die Polizei nahm in den letzten Tagen tvieder zahllose nächtliche Haus- sucyungen vor und holte die Verdächtigen aus dem Bette. Die Zahl der Teilnehmer an der Verschwörung gegen den Zaren soll 80 übersteigen. Große Bestürzung erregte die Auffindung einer Mine in Zars koje Selo, die mit Pyroxolin gefüllt war. — So befindet man sich in Rußland augenblicklich auf einem Vulkan, der jeden Tag eine gefährliche Eruption haben kann.
Heute wftd gemeldet, daß der Rigaer Pfarrer der Luthertirche, Scheuermann, gestern von zwei jungen Burschen überfallen und durch Schüsse schwer verletzt wurde. Die Attentäter entkamen.
widmete sich bann der Landwirtschaft.
Ter neuernannte llnterflaatdienxtär im Reichskolonialamt v. £ i n b e q u i ft ist feit Ende v. I. in der Kolomalabteilung tätig unb hat bekanntlich die fein Schutzgebiet betreffenden Etatsvorlagen im Reichstag mu vertreten. Es verlautet, baß der Unterftaatdiefretär nochma.s auf kurze Zeit nach Südweft- afrita zurückkehren wird, i.m feinem Nachfolger die Einarbeitung in die Gouvemementsgeschäste zu erleichtern. Der tiortragenbe Rat im Reichskolonialamt Tr. Schnee ist mit der Wahrneh- v _ __ mung von Direktorialgeschaften beauftragt worben. Den färnt-
kam es zu Ruhestörungen. Eine große Menge grtff die Po- lichen neuen Vortragenden Räten des greichskolonialamts unb lizei an. Der Landgendarm wurde durch einen Stein am den sämtlichen ständigen Hülssarbeitem stehen mehrjährige Ev- Kopfe verwundet. Die Polizei war gezwungen, von der sahmngen im Kolonial- bezw. im Auslandsdienst zur Leite.
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