Nr. 116 Zweites Blatt 157. Jahrgang
Dienstag 31. Mai 1907
Erscheint täglich mit Ausnahme deS SomttagS.
Die „Gietzener Lamlllenblatter" werden dem „Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Siehrn" zweimal wö^-enUich. Ter..Helfische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Sberhesfen
Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UnwerfttätS »Buch- und Steindrrukeret.
9L Lange. Greben.
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Redaktion: 112. Tell-Adr. AnzeigerGieben.
politische Tagesschau.
Neuorganisation.
ES war nicht anders zu erwarten: sofort nach der erfolgten Zustimmung des Bundesrats zum Reichshaushaltsetat sind die in ihm vorgcschlagenen Neuorganisationen und die sich daraus ergebenden Ernennungen vollzogen worden. Durch kaiserliche Oärer ist verfügt worden, daß die bisher mit dem Auswärtigen Amte verbundene Ko^lonialabteilung nebst dem Oberkommando derSchutztruppen fortan eine besondere, dem Reichskanzler unmittelbar unterstellte Zentralbehörde unter der Benennung „R e i ch s! o lo n i a l a mt" zu bilden hat. — Zugleich hat der Kaiser den bisherigen Direktor der Kolonialabteilung Derubur^g zum Staatssekretär des Reichskolonialamts ernannt. Sv U endlich die langjährige F-orderung aller einsichtigen Freunde unserer Kolonien erfüllt und aus der Kolonialabteilung, die nur zu lange kaum mehr als eine bureankrat. Filiale des Auswärtigen Amts aewesen war, ein selbständiges Neichsamt geworden. Möge diele Neuordnung die Hoffnung rechtfertigen, die man auf sie gefegt Hirt: daß wir nun endlich eine sachluiidigere, systematischere, planvollere und zugleich beweglichere und energischere koloniale Arbeit leisten werden, als in den erstell zwei Jahrzehnten unserer Kvlonialpolitik. Und möge es dem neuen Staatssekretär gelingen, das Bertrauen, das er sich durch die glücklichen Anfänge seiner kolonialen Lausbahn erworben hat, in der nun kommenden Feuerprobe auf seine praktische, kolonialpolitische Begabung zu bewähren und uns endlich zu der wirtschaftlichen Aufschließung unseres Kolonialbesitzes verhelfen, die Sen viel vernachlässigten und viel verachteten Kolonien erst den gebilbrenben Plag in unserer Nationalwirtschaft sichern kann.
Gleichzeitig ist das beantragte Unterstaatssekretariat in der Reichskanzlei gebildet und zum Unterstaats- sckretär der Vortragende Rat in der Reichskanzlei, Geh. Ober- Reglerungsrat Friedrich Wilhelm v. Jsebell ernannt worden. Diese Erhöhung der Reichskanzlei ist gerechtfertigt durch die ivach- sende Bedeutung und den wachsenden Umfang ihrer Geschäfte.
Deutsche» Reich.
Berlin, 20. Mai. Tas Kaiserpaar traf am 18. aus Wiesbaden auf der Wildparkstation ein.
— Wie verlautet, wird Fürst Bülow dem österreich- ungarischen Minister des Aeußern, Freiherrn von Aeh- rental, einen Gegenbesuch in Wien ab[taiten, doch ist hinsichtlich des Zeitpunktes noch keine bestimmte Disl- Position getroffen worden.
— Staatssekretär Dernburg wird seine Reise nach Ostafri ka am 13. Juli von Berlin aus antreten und sich am 15. Juli in Neapel einschiffen.
— Der Präsident des Kammergerichts, Dr. v. Schmidt ist g e st o r b e n.
— Senatspräsident beim Reichsgericht Maßmann wurde zum Wirtl. Geh. Rat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht nachstehende vollständige Liste der Mitglieder der Delegation zur zweiten Haager Konferenz: Botschafter Frhr. Marschall v. B i e b e r st e i n, erster bevollmächtigter Delegierter; Geh. Legationsrat Dr. Kri ege, zweiter bevollmächtigter Delegierter; der Marineattacl)ö bei der Pariser Botschaft, Kontre- admiral Siegel, Marinebevollmächligter; Generalmajor v. Guendet, Militärdelegierter; Professor Zorn-Bonn, wissenschaftlicher Delegierter; Legationsrat Dr. Goepper t, Hilfsdelegierter; der Kapitänleutnant im Admiralstab der Marine T e z m a n n, Marinehilfsdelegierter, der Bizekonsul beim Generalkonsulat in Petersburg, L r a u t m a n n, Sekretär der Delegation.
— Die „Freis. Ztg." veröffentlicht einen gemeinsamen AufrufderfreisinnigenBolkspartei,derfrei- sinnigen Vereinigung und der Deutschen Volks- partei, in dem in Hinblick auf die bevorstehenden Land- tagswahleninBayernundSachsen und demnächst auch in Preußen auszufechtenden schweren Kampf aus dem Boden des Drei kl assenwahlr echtes alle liberalen und demokratischen Kreise in Stadt und Land zur Mitarbeit auf gefordert werden. Der Aufruf sagt, daß es vor allem darum handle, auf dem geistigen Gebiet in den großen Kulturfragen des Schulwesens eine liberale Staatsauffassung zur Geltung Pt bringen. Die Parteien treten für jede, der Bolksbitoung gesunde soziale Reform und die wirtschaftliche Wohlfahrt aller Volksschichten ein. Sie lehnen eine einseitige Jnteressengesetzgebung, die eine Verteuerung und Verschlechterung der Lebensmittelpreise, besonders der unbemittelten Volkskreise zur Folge hat, ab.
P o t s da m, 20. Mai. Heute wurde das Stiftungsfest des Lehr-Jnfanterie-Bataillons, bad sog „Schrippenfest", in der üblichen Weise gefeiert. Um 1 Uhr fand bei den Majestäten Frühstückstafel statt, an welcher auch die Mitglieder der russischen Botschaft teilnahmen. Während des Males trank der Kaiser auf das Wahl des Kaisers von Rußland, der gestern seinen Geburtstag feierte.
Kiel, 20. Mai. Der König von Spanien hat den im vorigen Jahre in Aussicht gestellten Besuch der diesjährigen „Kieler Woche" aufgegeben, wird aber zur Teilnahme an den Otegatten seine Jacht „Mourisco" nach Kiel senden.
Siamburg, 20. Mai. Hier hat sich heute der Bund vaterländischer Arbeitervereine Deut sch- lands gebildet, dem 43 Vereine mA 7000 Arbeitermitgliedern angehören. Der Bund sandte an den Kaiser nachstehendes Huldigungstelegramm:
Euerer Majestät huldigt in deutscher Treue der Bund tiater» ländischer Arbeitervereine, der soeben von 37 Arbeitervereinen aus allen deurfchen Gauen begründet worden ist zur Wahrung der Interessen aller treu zu Kaiser unb Reich stehenden Arbeitnehmer. , . m
An den Reichskanzler Fürst Bülow ging folgendes Be- xMßungstelegramm ab:
Euerer Durchlaucht sendet ehrerbietigen Gruß der Bund vaterländischer Arbeitervereine, der soeben von 37 Arbettervev- einen aus allen deutschen Gauen begründet worden ist zu Schutz und Förderung der Interessen aller treu zu Kaiser und Reich stehenden Arbeitnehmer unter Bekämpfung der Irrlehren der Sozialdemokratie und ihres Terrorismus auf wirtschaftlichem und politischem Gebiete.
Auf diese Tetegramme sind bei dem Festmahl des Bundes folgende Antworten zu Händen des Vorsitzenden Ludwig Schaper eingegangen:
S. M. der Kaiier und König haben Merhöchstsich über den treuen Gruß des neubegründeten Bundes vatertändifcher Arbeiter
vereine gefreut und lassen vielmals danken. Seine Majestät wünschen dem Bunde ein kräftiges Blühen und Gedeihen in Treue zu Kaiser und Reich, zum Segen der deutschen Arbeiterschaft und des Vaterlandes.
Auf allerhöchsten Befehl
der Geh. Kabinettsrat v. L u c a n u s.
Die Begrüßung des neubegründeten Bundes vaterländischer Arbeitervereine hat mich aufrichtig erfreut. Ich erwidere sie auf das herzlichste. Möchte es Ihrer Organisation gelingen, dazu mitzuwirken, daß denjenigen deutschen Arbeitern ein starker Halt geboten werde, welche auf die geistigen und sittlichen Güler nicht verzichten wollen, die Volk und Vaterland dem Menschen bieten. Reichskanzler v. Bülow.
Magdeburg, 20. Mai. Der vierte preußische Lebrertag nahm einstimmig die Leitsätze des Ausschusses an, welche zur N eure gelungderLehrerbesoldung die Gleichstellung aller Lehrer ohne Unterschied in Stadt und Land und die Gleichstellung mit den Sekretären in der Staatsverwaltung fordert. Anwesend waren im ganzen 2000 Lehrer aus der ganzen Monarchie.
Ausland.
London, 18. Mai. Das zur Vorbereitung des Besuches des Lordmayors und anderer städtischer Würden träger Londons in Berlin gebildete Komitee teilt mit: Tie Reisegesellschaft verläßt London am 15. Juni und kehrt am 20. Juni hierher zurück.
London, 19. Mai. Parlamentsuntersekretär für die Kolonien Winston Churchill sprach hier über die Forderung der Vorzugsbehandlung der Kolonien und erklärte dabei, baß die liberale Regierung die Tür, die zu einer Besteuerung der Nahrungsmittel führe, fest verrammelt und verriegelt habe und sie nicht öffnen würde, so lange Eampbell-Bannerman Premierminister sei. Tie Liberalen stänoen wie ein Fels zwischen oen hart arbeitenden Massen des Volkes und allen denen, die von dem kärglichen Wochenverdienst der ärmeren Klassen noch einen kleinen schädigen Profit herausschlagen wollten, und würden niemals auch nur einen Penny eines Vorzugszolls auf ein einziges Pfefferkorn zulassen.
Lyon, 18. Mai. Präsident Falliöres empfing hier heute nachmittag mehrere grobe englische und schottische Stadtvertretungen; er gedachte diesen gegenüber der herzlichen Freundschaft, die Frankreich und England verbinde.
M a d r i d, 19. Mai. Gestern fand die T a u f e des P r i n z e n von Asturien statt. Im Taufzug schrillen die fpamfa;en Sl'ar» dinäle, die Jnsanten AlfonS von Bourbon und Alfons von Orleans, König Alfons, Erzherzog Eugen von Oesterreich, Herzog von Oporto, Herzog von Eonnaught, Prinz Friedrich Leopold von Preußen, sodann die Snfantimicn Eulalia und Isabella, die Prinzessin Beatrice von Battenberg, die Prinzen Rainer und Philipp, Hofchargen usw. Nach Beendigung der Taufzeremonie bekleidete der König den Täufling mit den Insignien des Ordens vom Goldenen Vließ, Karls III. und Isabellas der Katholischen. Bei dem heutigen Bankett dankte König Alfons den fremden Fürstlichkeiten für ihre Anwesenheit. Im Namen der anwesenden Fürstlichkeiten dantte der Herzog von Eonnaught. Der König hat dem Prinzen Friedrich Leopold,, dem Herzog von, Eonnaught und dem Erzherzog Eugen von Oesterreich den Großkordon des Ordens Karls III. verliehen.
Newyork, 20. Mai. Tie „Newyork World" berichtet: Japan hat Lieferungen für die s ü d m a n d f ch u r if ch e Eis en- bahn im Kostenbeträge von 12 Millionen Dollars in Auftrag gegeben. Bei den Carnegie-Werken wurden 50 000 Tonnen ^tahlschienen zum Preise von 281/2 Dollars pro Tonne zu 29 Dollars pro Tonne bestellt. Der hohe Preis wird bezahlt, um rasche Lieferung zu sichern. Bei einer einzigen Firma wurden 1000 Güterwagen bestellt. Zwei Millionen Dollars wurden für Lokomotiven aufgewendet.
NcueS aus Rußland.
Bei der Untersuchung der Verschwörung gegen das Leben des Zaren werden immer gefährlichere Pläne entdeckt. Darnach sollte nicht allein der Zar, sondern auch der kleine Thronfolger ermordet werden, ebenso der einzige Bruder des Zaren, Großfürst Michael, der im Palais zu Gatschina wohnt. Diese Pläne sollten gleichzeitig ausgeführt werden. Ein Unterofsizier der Leibwache meldete seinem Vorgesetzten, Verschwörer hätten ihm 10 000 Rubel sowie einen Paß versprochen, damit er sofort ins Ausland entfliehen könne. Die Vorgesetzten befahlen ihm, das Angebot scheinbar anzunehmen und die Unterhandlungen mit den VerscAvorern ruhig fortzusetzen, um das ganze Netz der Verschwörer in die Hand iH bekommen. Der Erfolg war überraschend. .
Tie Verschwörer hatten sehr weitgehende Pläne ausgearbettet. Zuerst sollte ein Kosak der Leibgarde versuchen, den Zaren mit einemDolch zu töten. Für den Fall, daß ihm dies nicht gelang, sollten andere Kvsaken der Leibgarde ins kaiserlich: Schloß bringen und ein Bombenattentat gegen den Zaren versuchen. Für den Fall, daß auch dieser Versuch mißlang, sollte eine Milchfrau, welche auf ihrem Rundgang den Zaren öfter sieht, eine Bombe gegen den Kaiser werfen. Außerdem hatten die Verschwörer alle Vorbereitungen getroffen, den Sonderzug des Zaren auf der Eijenbah-n zwischen Zarskoje-Selo und Peterhof, wohin sich der ftaijer demnächst begibt, in die Lust zu sprengen.
Bisher sind 80 Personen festgenommen worden, darunter ein Lehrer des kaiserlichen Alexander-Lyceums. Ein Duma-Depu- tierter der linken Fraktion soll kompromittiert sein. Im Lereins- lokal der sozialdemokrattfchen Duma-Fraktion wurde Haussuchung abgehalten. Unter den dort versammelten 80 Personen waren 50 Frauen. Viele Personen weigerten sich, ihre Personalien an* zugeben. 10 Personen wurden in das Gewahrsam der Staatspolizei geschasst, darunter drei Rechtsanwälte. 60 Kilogramm Papier wurden beschlagnahmt. Die mitverhafteten Tumadeputier- ten wurden nach genauer Untersuchung sofort freigelasfen. Sie riefen telephonisch Stdlypin an, der ihnen erklärte, es fei nicht seine Sache, sich in die Angelegenheiten der Prokuratur zu mild5ie skandalöse Affäre des MinistergelMen Gur ko beschäftigte das erste Departement des Reichsrais. Die Schuko Gurkos besteht in der Ueberschreitung der Amtsgewalt. Er übertrug die Getreidelieferung für das Hungergebiet in Höhe von 10 Millionen Pud Getreide dem unfähigen Lieferanten Lidwal und ließ ihm800000Rubel im voraus auszahlen, ohne vorherige Beratung mit der VerpfleAungskom- miffion, während reelle Firmen ohne Ansprüche auf Vorausbezahlung die Lieferung nicht erweitern Das erste Departement des Reichsrats sand einstimmig Gurk schuldig. Das Urteil lautete: Gurko ist dem Gericht zu übergeben, und zwar dem Kriminal- und Kassations-Departement des Senats mit vorhergehender voller Ausschließung vorn Dienst Das Ministerium des Innern verlangt von Lidwal wegen vollkommen ungenügender LiefeQingsfähigkett die Rückzahlung von 3o0000 Rubel von den erhaltenen 800 000. m. ■ -a K
An Odessa wurde neben dem Gooaude der Polizeimnster- kanzlet gegen 2 Polizeioffiziere und mehrere Schutzleute eine Bombe geworfen. Die beiden Offiziere wurden getötet,
Schutzleute und mehrere Passanteii schwer verwundet. Einer üon' den Tätern wurde erschossen, zwei verhaftet. Die Straße wurde ofort von Militär besetzt und in verschiedenen Vierteln der Stadt kam es alsbald zu JudcmMißhandlungen.
Uniocit der Station Musawjowe wurde ein Eisenbahn- z u g, der 200 000 Rubel zur Auszahlung der (SiicubaOnarbcitcti transportierte, von Räubern ü b e r f a l 1 e n. Diese wurden jedoch von den den Zug beglettcnden Militärpersonen durch Gewehr- chüsse vertrieben.
In Siseropol überfielen fünf bewaffnete Leute auf dem Weg zum Bahnhof einen Kassierer der Asowbank und raubten ihm 30 000 Rubel. Die Räuber sind entkommen. In Tschcskassy erschlugen unbekannte Räuber den Kassierer einer Zuckerfabrik und raubten ihm 11000 Rubel. In Bijsk (Gouvernement Tomsk) sind 15 0 Häuser niedergebrannt und mehrere hundert Bewohner dadurch obdachlos geworden. Infolge heftigen Sturmes breitete sich das Feuer so schnell aus, daß die Loschungsarbeiten unmöglich waren. Aus Bjalostok wird berichtet, daß dort der angesehene Arzt Mines von zwei unbekannten Männern erschossen wurde. Tie Mörder sind entkommen.
Am 20. Mai verlas in der Reichsduma der Präsident zunächst einen von den Mitgliedern der Rechten eingebrachten Antrag, in dem an den Arinister des Innern die Anfrage gerichtet wird, ob die Gerüchte von einem Komplott gegen den Kaiser auf Wahrheit beruhten, und wenn dies der Fall sei, ob der Minister der Duma Einzelheiten darüber milteilen könne. Ministerpräsident Stolypin erwiderte: Im Februar d. I. Ritten die Petersburger Sicherhcitsbehorden Mitteilung erhalten, daß sich in Petersburg eine Gesellschaft gebildet habe, welche den Zweck habe, eine Reihe terroristischer Akte zur Ausführung zu bringen. Darauf sei eine lange Untersuchung eingeleitet worden, unb es sei eine Reihe von Personen ausfindig gemacht worden, welche als Mitglieder in diese Gesellschaft eingetreten feien. Durch Die bisherige Untersuchung sei festgestellt, daß viele verhaftete Personen in die Partei der Sozialrevolutionäre eingetreten seien, um einen Anschlag gegen den Kaiser ins Werk zu setzen und Gewalttaten gegen den Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch und den Ministerpräsidenten zu verüben. Tie Mitglieder der Vereinigung hätten versucht, in das kaiserliche Palais einzudringen, doch seien diese Versuche nicht gelungen. Nachdem Stolypin diese Mitteilung gemacht halte, nahm die Duma einstimmig folgende Tagesordnung an: „Von lebhafter Freude über die glückliche Rettung des Kaisers auS der Gefahr, die ihn bedrohte, erfüllt und voll tiefster Entrüstung über den verbrecherischen Anschlag geht die Duma zur Tagesordnung über." Nachdem die Beifallsbezeugungen sich gelegt hatten, betraten die Sozialisten und die Mitglieder der Arbeiterpartei, die dem Anfang der Sitzung ferngeblieben waren, den Saal.
Aus S.asr uno LE0.
Gießen, 21. Mai 1907.
•• Verregnete Pfingsten. Das „liebliche Jeff brachte, wie im Vorjahre, arge Enttäuschungen. Erinnerungen an das herrlich verlaufene Osterfest, an feine sonnige Wärme wurden allenthalben laut. Es herrschte eine geradzu kam- schadalische Temperatur, und mancher Frühaufsteher war überrascht über die 2 Gr. Hitze, die fein Thermometer zeigte. Die Frauenwelt hatte sich mit großer Entsagung in das pfingstliche duftige Weiß gehüllt; auf die Gefahr eines Schnupfens hin wurde der alte Brauch hochgehalten. So führten junge Damen ihre allerliebsten „Pfingstsähnchen*, in denen sie trotz alledem wohl genug Eroberungen gemacht haben, mit einem heiteren und einem nassen Auge, beglückt unb zähneklappernd zugleich, spazieren. Andere trugen, weiser, unter der duftigen, luftigen oberen Hülle doppelte Unterkleidung. Schmerzenslage sondergleichen waren beide Festtage für die Gastwirte. Sie, die sonst dem Ansturm der Menschen nicht gewachsen sind und oft ratlos einer Völkerwanderung gegenüberstehen, waren vielfach beschäftigungslos. Zum nun» besten aber war das Geschäft unbefrtebigenb, beim die frische, fröhliche Pfingststimmung, die den großen unbezähmbaren Durst der Germanen im Gefolge hat, fehlte gänzlich. In der Hoffnung, baß sich baS Wetter über Nacht beffecn werbe, hatten viele ben Wanberpfad beschritten. So waren benn trotz der unbequemen Schnellzug- und Fahrkartenfteuer die meisten Züge in den Pfingsttagen zwar keineswegs stark, aber doch ganz gut besetzt. Die Hoffnung, daß das Wetter in anderen Gegenden günstiger sein werde, blieb aber unerfüllt, wenigstens was West- unb Sübdeutschland anbetrifft. Dagegen hat sich heute über Nacht das Wetter tatsächlich sehr wesentlich gebessert, unb bie Glücklichen, die es sich erlauben können, einen dritten Feiertag arbeitslos zu begehen, werden von vielen beneidet werden. — Im Vogelsberg kündete, wie auch im Taunus, em stundenlang dauerndes Schneegestöber am Samstag das Pfingstfest an. Fluren unb Felber lagen stundenlang im Schnee. Nachts herrschte empfindlicher Frost. Bohnen, Gurken und Obstbäume haben Schaden gelitten. Auch auf dem Westerwald lag der Schnee tagsüber mehrere Zentimeter hoch. Im Vogelsberg bogen sich die jungen Tannen unter der Last des Schnees. — Em Freund unseres Blattes hat sich auf den Pegasus geschwungen und folgendes Pftngstlied uns gesandt:
Psiugsten 1907.
Schon seit Wochen träumt der Mensch so selig Von der Pfingsl- und von der fUiatettlufi;
Ader von der Wonne dieses TramnS ist wenig Heute noch zu finden in deS Menschen Brust. Tenn von Frühlingslust und Lenzeswonne Ist seit Tagen keine Spur zu sehn.
Blicken läßt sich längst nicht mehr die Sonne Und man kann in Pelzpantoffeln gehn.
Traulich sitzt man m dem warmen Zimmer Grad wie um die schöne Weihnachtszeit. Wahrlich hätte man gedacht doch nimmer, Daß zu Pfingsten es noch friert und schneit. Auf den Bergen brausen Stürme luftig, Hagel fallt selbst manchmal zwischendrein, Und die Blüten^ die sonst voll und buitig, Hüllen, stumm sich schämend, in ihr Kleid sich ein. Bunte Käfer, Bienen, die sonst munter schwirrten, Kommen nicht au5 dem Versteck hervor, Und die Vögel, die sonst jubilierten, kirrten, Heul erfreun sie weder Herz noch Ohr.


