Erstes Blatt
157. Jahrgang
Dienstag 20. August 1907
Gießener Anzek
ammenbruch unserer
n Deu
rvezugSpret-r monatlich 75Pf^ vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u* Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePostMk.2.-mertel- jährl. ausschl. Bestellg. ZeilenpreiS: lokal 15Ps^ mrswärtS 20 Pfennig
Kie oltlge in Marokko.
Paris, 19. Aug. Admiral Philibert telegraphierte unter dem heutigen Datum: In Rabat und Larasch war die Lage befriedigend. In Mazagan wie gestern. In <5 affi und Mogador herrscht Ruhe. Gegen das Lager von Casablanca wurde gestern früh ein heftiger Angriff unternonunen. Das sehr wirksame Feuer dec „Gloire" rieb die starken marokkanischen Reiterscharen zurück. Die Marokkaner scheinen ernste Verluste erlitten zu haben.
— Dem „Temps" zufolge herrscht in militärischen Kreisen die Ansicht, daß eö sich bei dem gestrigen Angriff auf Casablanca um eine einfache Erkundung der Eingeborenen gehandelt hat und daß das Gros der
Aas Wiederauftauchen Worengas.
Die neueste Entwicklung der Dinge in Südwestafrika zeigt wieder einmal mit erschreckender Deutlichkeit, wie verhängnisvoll die Forderung des Zentrums gewesen ist, die Truppen in Südwestafrika auf 2500 zu verringern. ./Es wäre", tvie das „Leipziger Tageblatt" mit Recht hervorhebt, der völlige" '
Nr. 194
Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siebener Kamillen- blätter viermal in der Woche beigelegt und zweimal wöchentlich das Kreisblatt für den Kreis
Stämme sechs Kilometer von der Stadt entfernt in Gr- landesalten verborgen fei. Das Blatt meldet, man habe imter Arabergruppen die rotenDolmans der regulären marokkanischen Truppen bemerkt, doch sei es ungewiß, ob man es mit Soldaten im- Dienst oder mit Deserteuren zu tun habe.
— Der Temps-Korrespondent in Casablanca veröffentlicht einen auffallend scharf gehaltenen Artikel gegen das dortige spanische Detachement: Nach mehrtägigem Bummel, heißt es darin, verließ endlich eine Abteilung die Stadt, um zur Rechten deS Drudeschen Lagers die ihr angewiesene, durch eine Mauer geschützte Position einzunehmen. Drude hatte gehofft, die Spanier würden sich dort häuslich einrichten, aber wenige Stunden nach ihrem Auszuge kehrten sie mit klingendem Spiel zurück, ohne den General vorher unterrichtet zu haben. Der spanische Kommandant erklärte, sein Madrider Auftrag laute: Nur rekognoszieren, nicht dauernd festsetzen. Der Korrespondent schildert dann den Kontrast zwischen den überaus streng gehaltenen französischen Soldaten und den spanischen, die sichs wohl gehen ließen und bemerkt, daß die spanischen Ansiedler von Casablanca ihr Mißvergnügen darüber erkennen lassen.
London, 19. Ailg. Reuter meldet weiter über die gestrigen Kämpfe vor Casablanca: Die Marokkaner benutzten das Schrvect beim Angriff, als ihnen die Munition ausging. Die Franzosen verloren zwei Tote und drei Verwundete. Der Verlust der Eingeborenen ift1 wahrscheinlich groß. Es wurden dringend Verstärkungen verlangt, um das Terrain aufziiklären. Düe Spanier nahmen an dem Kampfe nicht teil.
Tanger, 19. Aug. (Reuter). Nach vorliegenden Nachrichten herrscht i n F e z N u h e. Der Sultan werde wahrscheinlich etwa zwanzig Notabeln hierher senden, die mit der französischen Gesandschaft bezüglich der Vorgänge in Casablanca konferieren sollen. Auch heißt es, daß dec Sultan Notabeln an die Kabylen vor Casablanca sandte, um 511 versuchen, dem Kampf Einhalt zu tun.
Ein Abonnent unseres Blattes, ein geborener Gießener, schreibt uns aus Fez unterm 9. August 1907:
In heute hier eingetrofsenen Zeitungen von Ende des vor. M-onats lese td) längere Berichte über die derzeitig „kritische Lage Marokkos", nach denen es — ich denke hier speziell an einen Artikel des „Berl. Tagebl." in der Abendausgabe vorst 31. Juli — besonders um die Hauptstadt Fez sehr schlecht bestellt ein soll. Die über London gemeldeten Telegramme lassen erkennen, daß die Nachrichten höchstwahrscheinlich von dem Tangeriner „Times"-Korrespondenten Harris stammen, dessen Mitteilungen nicht gerade immer sehr zutreffende gewesen int). Allerdings ist es Tatsache, baß Gerüchte kursieren, nach welchen sich Raisuli und Roghi (Buhamara) zu vereinigen und dann gemeinsam gegen den Sultan und seine Hauptstadt vorzugehen gedenken; so oft aber haben diese Gerüchte sich hier chon verbreitet, so oft aber auch sich wieder zerstreut und nicht erfüllt, daß Man ihnen auch jetzt keine besondere) Bedeutung zumißt. Es trifft allerdings ferner auch zu, daß Fez von Truppen momentan fast ganz entblößt ist, doch können diese im Bedarfsfälle ebensoschnell wie diejenigen des Feindes — umd zwar in etwa drei Tagen hier sein. Wenn
W i l h e l m s h ö h e, 19. August. Wie deut „L.-A." mitgeteilt wird, )oH dec Kaiser sein lebhaftestes Interesse den aus Südwestafrika einlaufenden Nachrichten widmen und vom Gouverneur v. Lindequist direkte telegraphische Berichte eingefordert haben. Auch wird hier erzählt, daß aus Morengas Kopf seitens des deutschen Gouvernements eine hohe Summe ausgesetzt werden würde. Die deutsche Regierung wird alle von ihr vorgenommenen Truppen- Dislokationen und ihre Feldzugspläne vollkommen geheim halten, da Morenga, der vortreffliche Ber- oindungen besitzt, erfahrungsgemäß schon am nächsten Tage )ie vom Reurer-Gureau verbreiteten Meldungen erhalt.
Berlin, 19. August. (W. B.) Der Gouverneur ) er Kap ko lonie telegraphiert, daß weitere 50 Poli- -isten, sowie eine Spezialkommission nach der deutschen Ü r e n z e gesandt worden seien, die über die näheren Um- tänbe von M0 ren gas Einfall Ermittelungen anstellen olle. Nach Privainachrichten aus Kapstadt sollen Mo- enga und Simon Köpper sich bei Nabob ver- inigt haben. Die Zahl der Morenga-Leute wird neuer- >ings erheblich geringer angegeben. Die Grenzgebiete Werren von den Farmern mit ihrem Weh geräumt. Die Bon- re lzwarto sind bisher ruhig. 50 Mann sind seit rem 11. August unterwegs nach Warmbad und Brakwater ur sreiwilügen Arbeit am Bahnbau. Die durch die vcr- utberte Lage erforderlich gewordenen Maßnahmen sind tetroffen.
Der „Berl. Lokalanz." meldet: Ende September oerden auf dem 5b r i e g s s ch a u p l a tz im äußersten Süd- 1 fielt der südwestasrikanischen Kolonie dem Oberstleutnant . Estorfs zur Verfügung stehen: 12 Kompagnien, Feldbatterien, 4 Züge Gebirgsartillerie, 4 Züge Maschinenewehre.
London, 19. AuZ. (Unterhaus.) In Beantwortung iner Anfrage betreffeno das Entweichen Moren gas rklärte Unterstaatssekretär Runciman, die deutsche Re- rerung sei am 9. August davon unterrichtet worden, daß üorenga durch die Kapregierung die Mitteilung zugegangen ei, daß seine Anwesenheit in der Nähe der deutschen >renze zu Besorgnis und Beunruhigung Anlaß gebe und r, falls er n icht seinen ständigen Wohnort an einem von er deutschen Grenze entfernten Orte aufschlage, er aus er Kolonie verwiesen werde. Bedauerlicherweise habe, seit- em diese Zusicherungen gegeben wurden, Morenga die Lachsamteit der Ortsbeyörden getäuscht und am 13. August ie d eutsche Grenze überschritten. Sofort nach Empfang ieser Nachricht habe die Regierung an die örtlichen Be-
. , , , dwestafrika gewesen.
Die Folgen wären geradezu unabsehbar geworden.
Daß Sparsamkeit aw unrechten Orte die größte Verschwendung ist, hat der südwestafrikanische Aufstand deutlich genug gezeigt. Es wäre gut, wenn man sich diese Erfahrung immer vor Augen hielte.
Ueber die Lage in Südwestafrika liegen uns zurzeit folgende Meldungen vor:
Horden t elegraphiert, daß Morenga auf britischem Gebiet nrcht langer Asylrecht gewährt werden könne; ferner habe sie tue deutschen Behörden davon in Kenntnis gesetzt, daß ihnen bei ihren Bemühungen, sich M0-1 rengas zu bemächtigen, jede Unterstützung zuteil würde. Zum Schlüsse erklärte der Unterstaatssekretär, die britische Regierung bedauere die Störung des Friedens, die durch diese Vorgänge verursacht worden sei, außerordentlich und sie hege die Zuversicht, daß alles, was in der Macht der britischen Behörden stehe, getan werde, um den Folgen der Friedensstörung vorzubeugen.
K a p st a d t, 19. Aug. Im Kapstadter Parlament führte heute Jameson in Erwiderung auf die Darlegungen Merrimans folgendes aus: Als Morenga sich ergeben hatte, wurde er entwaffnet und auf der Kap-Halbinsel interniert. Als aber die Feindseligkeiten in Südwestafrika aufhörten, konnte die Küpregierung ihn nicht länger in Gewahrsam halten. Deutschland verlangte seine Auslieferung, aber die Kapregierung war nicht berechtigt, sie zu gewähren. Morenga hatte Anspruch darauf, freigelassen zu werden und sagte, er wolle sich in der Kapkolonie niederlassen; die Regierung teilte dies dem deutschen Ge- neralkonsul mit. Der Generalkonsul wollte Morenga die Rückkehr nach Südwestafrika mit voller Begnadigunggestatten,aber Morengalehnte dies ab. Es wurde in Anwesenheit des Generalkonsuls vereinbart, daß Morenga bleiben solle, solange er sich wohl verhalte. Es wurde ihm aber nicht gestattet, die Grenz-e ohne einen behördlichen Paß zu überschreiten. Morenga wünschte, sich aus privaten Gründen in Upington niederzulassen. Die Regierung war einverstanden. Die Behörden sowie die Polizei wurden angewiesen, Morenga zu überwachen. Später fand man, daß Morenga nach Kenhardt und von dort nach der Grenze gegangen war. Die Polizei verfolgte ihn und hätte, wenn nicht Wegschwie- rigkcrten gewesen wären, auch eingeholt. Der Premierminister teilte dann mit, daß die Kapregierung und die deutschen Behörden in vollstem Einvernehmen arbeiten. Die Kavregierung habe die deutsche Reichsregierung versichert, daß sie ihrerseits alles tun werde, um den Deutschen zu helfen. In einem gerade eingegangenen Telegranrm des Gouverneurs von Deutsch-Südwestafrika wird der Kapregierung der Dank ausgesprochen für die getroffenen Maßnahmen. Premierminister Jameson schloß: Wir bedauern außerordentlich den unliebsamen Zwischenfall. Wir haben alles nur mögliche getam um 1Interftü^ ung zu leisten und sind dabei, dies weiter zu tun.
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bis vormittags 10 Uhr. Rofafiottsötud und Verlag der Brühl schen Univ.-Buch- und Zteindruckerri. 8. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Zchulstraße 7. Heb; Mr^en
--- u Anzeigenteil: H. Beck.
Die Liebermann-Ausstellung im Frankfurter Kunstverein.
Man schreibt uns aus Frankfurt:
Ter 60. Geburtstag Max Liebermanns gab dem r a n k f u r t e r K u n st v e r e i n die Veranlassung zur Ber- nstaltung einer großen Ausstellung, die ein lückenloses ild von dessen künstlerischem Werdegang gibt. 183 Oel- emälde, Aquarelle, Pastell und Zeichnungen sind zu einer -chau vereinigt.
Die Entwicklung der Kunst im 19. Jahrhundert ist n Drama, in dem mit tragischer Vehemenz zwei Kräfte m einen Ausgleich ringen. Tradition und Wirklichkeit Der besser gesagt, die ganz neuen oder immer wieder ^uen Erscheinungsformen, die Wahrheit und Wirklichkeit -ird) Technik und Wissenschaft im 19. Jahrhundert cmi ahmen. Ter Kampf, der in Deutschland zu bestehen ge- esen ist, war fast noch schwerer als in Frankreich. Man itte sich an Achenbachs italienischen Galalandschaften und rützners humoristischen Episoden derart den Magen ver- irben, daß man sich eine Schilderung einfacher Gegenden; ib ernster Menschen, wie die Franzosen Eourbet und Üllet sie boten, nicht mehr vorstellcn konnte. Max Lieber- ann blieb es Vorbehalten, zum Urheber und Vermittler s neuen Schönheitskanons in Deutschland zu werden, ls er austrat, erging es ihm zwar wie seinen französischen iiregern, er wurde als Apostel der Häßlichkeit verschrieen. 2ute gilt er jedoch nicht mehr für den Sohn der Finsternis, ie ihn einst eine Berliner Kritik bezeichnete, denn auch ir haben uns verändert.
Hier in den geschlossenen Räumen kann man sein chasfen in einem Querschnitt von den Siebziger und ersten htziger Jahren an bis in die Gegenwart verfolgen. Hier tonrnit jein Werk etwas Abgeschlossenes, beinahe schon :eder Altmodisches. Die breiten Ausstellungswirkungen n gestern und heute fallen wie Dekorationsstücke gegen re ab. Stets aber ist Räumliches gestaltet, Perspek-' lisches in der Farbe studiert. Den Glanzpunkt der Aus- llung dürfte das Bild „Jesus unter den Schriftgelehrten" lden. Es schließt auf einem mäßig großen Bildraum reu von rückwärts durch Fenster beleuchteten Ausschnitt r Synagoge, eine gewundene Holztreppe zur Linken und 'ischen den Treppen und den Betpullen acht zwanglos cteUle menschliche Gestalten zusammen. Wer komponiert ute. noch, so. feinslächig, jo nuanciert'^ Schon erscheint
Liebermann als Mann des sicheren Besitzes, der mit seinem künstlerischen Kapital umsichtig und ergiebig zu wirtschaften weiß. Das Bild gehört zu jenen seiner Werke, in denen man die ersten Atenzelschen Einflüsse zu fühlen glaubt. Der zeitliche Vorrang vor diesem Werke gehört indes den Könservenmacherinnen. Die ganze Munkaczysche Farbendüsterkeit liegt noch über der interessanten Kombination von „Stilleben und Selbstporträt", mit dem sich Liebermann in Paris einführte, es ist mit fabelhaftem Naturalismus gegeben, aber es vermag uns wenig zu erwärmen. In den Könservenmacherinnen beginnt sich dec schwärzliche Ton des Liebermannbildes schon zu lichten, aber die Hauptsache ist und bleibt doch wieder die psychologische Seite. Alte abgearbeitete Arbeiterinnen sitzen im Halbkreis herum und schälen Gemüse. Man fühlt sich versucht, Charakterstudien zu machen, in dieser Fülle von Individualitäten. Courbets schwerfällige Technik vereinigt mit Millets Bauernpoesie gestaltet sich in dem bedeutenden Werke „Bauer und Bäuerin im Kartojfelfeld" zu einer Darstellung, in der Mensch und Landschaft in engem geistigem Zusammenhänge stehen. Die letztere Note tritt noch stärker in dem Bilde „Rübenfeld" hervor, doch fällt nebenbei noch als neu der Bewegungsrhythmus der Gestaltenreihe a..,. Die fruchtbringende Fülle des Erdreichs, die schwere ^üm- mung, sie sind mit satten, dunklen Tönen ausg^rückt, braun, grau, grün. Dec erste Schritt zu persönlicher Freiheit läßt sich gus dem Bilde „Geschwister" verspüren. . Die Lichtführung beginnt für den Künstler von Wichtig leit zu werden, daneben gibt er seinen Bildern einen gesteigerten Grad von intimer Monumentalität, so in dem Bilde einer Mutter mit Kind. Indessen ist weder München noch Paris, noch Berlin als Wiege der charakteristischen Kunst Liebermanns anzusehen, sondern Holland. An den „Geflügelhof" wird erstmals der Einfluß des Letzteren bemerkbar, dort hatte er sowohl in der Natur wie bei den Bewohnern der Küste die Einfachheit wiedergefunden, die bei Millet so bewunderungswürdig war. Es entstand die Schusterwerkstatt, von der wir eine Studie ausgestellt sehen, aber bieje genügt, um zu konstatieren, wie Liebermann dem Licht im Raume folgt, wie er die Bewegungen der Leute faßt. Keine Dunkelheit ist mehr in dem Bilde. Es wäre nun nicht zutreffend, wenn man die folgenden Werke ganz der Beeinslussung Josef Israels unterstellen wollte. Zu seinen Jnterteurbildecn bildet nicht die dargestellte Sache selbst das Malerische, sondern das sanfte Lrcht, dM in
I den alten Wohnräumen leise über Personen und Gegen-i I stände fließt, und hier eine Farbe, dort einen Reflex sichte bar werden läßt. Hierher gehören die Wohnstube, „Weberei", „der erste Schritt". Die ersterwähnte ver-, mittelt unmerklich den Uebergang zu dem weit später geschaffenen Bilde „badende Jungen". In die Zwischenzeit falle: unter anderen die Bilder „Wäsiyetrocknen", „Strand von Scheveningen", „schreitender Bauer". Dieser steht vor-^ züglich in der Atmosphäre. Indes die eigene Bewegliche leit des Künstlers mußte ihn dec Freilichtmalerei in die Arme führen und nicht minder rissen ihn die Lehren der Jmprejsionistes mit sich fort. In den figurenreichen Bildern wie „Schweinemarkt" und „Biergarten zu Leiden" berührt sich Liebermann am stärksten mit Menzel, jedoch ist er nicht der prickelnde Causeur wie jener, er gibt eine Impression des Vorgangs. Durch diese Bilder wurde Liebermann^auf die Darstellung von Luft und Sonne unter dem Grün der Bäume hingeführt. Die Illusion des unter einem Blätterdache sestg-ehaltenen Sonnenlichtes ließ sich aber nur erreichen, wenn die Betonung der Form ausschied. In seinen Bildern vom „Scheveninger Badestrand", „Reirer am Strand", „Pferd in der Schwemme", „Tennis" tritt die Wirkung noch erhöhend, die Schlagkraft der Farbe, haupthauptsächlich orange, grau, gelb, dazu. Ein einzig kleiner Drücker mit dem Stift vermittelt die ganze Lichtstimmung. Mit Sicherheit weiß Liebermann die Linien, Töne, Lichter, die ein flüchtiger Moment blitzartig auftauchen läßt, zu erfassen.
Aber nicht allein die ernsten und rauhen Gestalten der schaffenden Menschheit beschäftigen Liebermann, sondern auch manches geistreiche Antlitz von Gelehrten und hervor, ragenden Vertretern des Kaufmannstandes, wie die des Geheimrats Bode, Kommerzienrats Freudenberg und Bapk- direktors Gutmann fanden in Liebermann einen Bildner, dem alles Posierte und Pathetische verhaßt war.
Doch die Perle von Liebermanns Werke bilden die Zeichnungen. Die Gabe der Charakterdarstellung, die ihm verliehen ist, gibt sich kaum irgendwo so lebhaft, wie in seinen gezeichneten Studien kund. Es war von jeher der glänzendste Vorzug Liebermanns, ganz Herr zu jein über den Augenblick. Da erscheinen Zustand und Bewegungsausdruck wie von einem unjichtbaren Beobachter bstauscht, das Ganze ist an und für sich frei von allem, was nach Studium, nach Zwang ober Pose aussieht. B. n.


