Ausgabe 
19.1.1907 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 16 Drittes Blatt

157. Jahrgang

Smnstaa 1V. Januar 190T

Erscheint IS-Nch mit Ausnahme deS Sonntags.

TieSiebener ZamlllenblLtter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da» Hüllblatt für den Krtls Stehen" zweimal wöchentlich. Terkjesflsche kandwlrt" erscheint monatlich einmal.

GieWer Ameiger

Eeneral-Anzeiger für Sberheffen

Rotationsdruck und Derlag der vr übliche» Universität» - Buch- und Lieindruckerei.

'r* R. Lange, Sieben.

Redaktion, Expedition und Tnickerei: Schul- strabe 7. Expedition imb Verlag: e-zK Redaktion: toS 112. Test-Sldru AuzeigerSieben.

Blutet nimm Kurs.

Man famt heute von einem neuen deutschen ReichSkurs sprechen. Tie Regierung deS Fürsten Bülow hat sich gemausert, auS dem Grandseigneur von einst ist ein Mann geworden, der mehr zu den Sitten der KausmannSwclt hinneigt. Der Fürst arbeitet intensiv an den Wahlen. DaS offiziöse Vureau de­peschiert deS Kanzlers Erklärungen in derNordd. Allg. Ztg." Tag um Tag hinaus in die weite Welt. Der Kanzler tut was er kann, um dem kommenden Reichstag eine nationale Mehrheit zu sichern.

Tie ReichSregierung hat bisher fast auSschlieblich mit den Konservativen gearbeitet. Tie ganze Politik der lebten zehn Jahre ist darauf zugeschnitten. Und nun sieht man den Kanzler sich plötzlich an bic gemäßigte Linke wenden, an die Liberalen und deren Rückendeckung im Stand der Industriellen und der Kaufleute. Auch die zumeist durchaus nicht konservative Künstlerschaft erfreut sich, wie die Leute auS der Gelehrte,trepublik, deS regierungs' sritigen Wohlwollens. Ist daS die Politik deS Kanzlers, oder Hal sich am Ende noch weiter oben ein Gesinnungsumschwung gezeigt, der sich auf diese Weise ausdrückt? ES ist nid>t unbemerkt ge­blieben, daß der $... . f e r seine Stellung beispielsweise zur modernen Kun st geändert hat. WaS einst nach seinem Urteil in den Rinnstein gehörte, bad scheint nach oben kommen zu sollen. Der Simplizisl'imuöreichner Bruno Paul hat einen sehr ehrenvollen Ruf nach der Rcichshauptstadt erhalten. Der kühne moderne Baumeister Messel erhält Staatsausträge und wird womöglich bald Hofbaumcister. Von einem auf Kosten deS traditionell alsscl/ön" Angesehenen an bic LebenSwahrheit so unerbittlich sich haltenden Maler wie Wilhelm Trübner hat sich der Kaiser porträtieren lajscn, und wer weiß, waS noch folgt. LS ist auaj lan Geheimnis, dass der Kaiser Berständnts für bic kulturelle und soziale Bedeutung der Industrie hat, und seine beinahe frcundl. n Beziehungen zur Großkaufmannschast sind bekannt genug, als daß man darüber ein Wort zu verlieren bräuchte. La ist es tnn Wunder, wenn man aus den Gedanken kommt, daß der eigentliche Urheber des -egemvärtlgen Umschwun­ges uscht im Rcichökanzlerpatai» fißt

Bereitet sich nun wrrktlch eine Modernisierung unserer Po­litik vor, oder bedeuten die Zeichen, die wir zu bemerken glauben, weiter nichts, als daß man einfach die Kreise, an die man sich icpt wendet, für die Wahl gewinnen möchte, um bann, nacl-dcm em neuer Reichstag der Regierung den Wtllen getan hat, wieder konservativ weiter zu regieren, wie man bisher regiert hat? Das ist eine diffizile Frage.

politische Tcrgesscharr.

Unter Ausschluß der Presse.

K. Berlin, 18. Iammr.

Die sehr überraschende QJhtleilung, daß auf Wunsch deS Reichskanzlers die Presse von dem Festessen be3 kol onialpoltttschen Aktionskomitees au8« geschloffen ist, wird m der heutigen ,2k. 9lUg. ßtg.* nicht dementiert. Ls hat also seine Richtigkeit damit, das; Fürst Bülow zwar eine große Wahlansprache zu halten ge­denkt und auf deren weiteste Verbreitung dllrch die Zeitungen Wert legt, aber außer den selbstverständlich .zugclassenen* Offiziösen keinem Mitgliede der Presse begegnen will. Man muj sich fragen, welchen Ziveck eine solche LluSschließung der Presse haben soll? Denn bisher zählte Fürst Bülow keines­wegs zu den durch Kritik verärgerten Staatsmännern, die .grundsätzlich', in Wirklichkeit wegen der unliebsam em­pfundenen Kritikauf die Presse pfeifen*. Zu den EmpsangS- abenben im Kanzlerpala>s sind Vertreter angesehener Blätter stets geladen; bekannt ist überdies, daß Fürst Bülow oft genug in Unterredungen mit Journalisten, Unterredungen, die von vornherein zur Veröffentlichung bestimmt waren, zu wich­tigen TageSsragen Stellung genommen hat, freimütiger, als es in einer parlamentarischen Rede oder in einer sonstigen offiziellen Kundgebung hätte geschahen können. Beabsichtigt Fürst Bülow den Teilnehmern an dem Festesten noch be­sondere vertrauliche Mitteilungen zu machen? Aber auf welchem Gebiete könnten diese sich bewegen? Und hat die Presse nicht viele Male den Beiveis unverbrüchlicher Verschwiegenheit erbracht? Der ,Voss. Ztg.* wird geschrieben: ,Jn England und in den Ver. Staaten wäre diese Fernhaltung der Preste glatterdings unmöglich.* Un­denkbar, zumal bei Gelegenheit einer Rede, die an die ganze Nation sich wendet._________________________________________

Deutsche- Reich.

Berlin, 18. Jan. Heule vormittag begann im Schloß das Fest des Schwarzen Adlerordens; vorher Halle der Kaiser den Reichskanzler besucht. Der Kronprinz, die Prinzen, die fürstlichen Ordensritter und die sonstigen lapitel- fähigen Ritter begaben sich in feierlichem Zuge unter Fanfaren- jangen nach dem Rittersaal, voran zwei Herolde, dann paarweise Vi: lapitelsähigen Mitglieder des Ordens, die jüngsten voran, zu- leyt der Kaiser, dem sich die Generaladjutanten und das Gefolge imschlossen. Im Rittersaale hatten die übrigen Geladenen sich versammelt, darunter die Generale, Admirale, Staatsmiitister und die Wirklichen Geheimen Räte. Während die kapitelfähigen Ritter zwei Halbkreise rechts und links vom Throne bildeten, ließ sich dcr Kaiser auf dem Throne nieder. D er Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich geleiteten als Parrains den Prinzen Oskar von Preußen, den Fürsten Waldeck und zu Pyrmont, sowie den Prinzen A l b e r t v o n H o l st e i n - Glücksburg vor die Throncs- Ihifcn. Nachdem dieselben gelobt hallen, die verlesenen Statuten ju befolgen, erteilte der Kaiser unter Umhängung der Ordenskette Ilie Accolade. Mit der gleichen Feierlichkeit wurden sodann Gr- »erat v. Lcszezynski, Fürst zu Eul enburg, der Doll Laster v. Radowitz und Admiral v. S e n d e n - BEran in kfiierL In dem dritten Akte folgte die Eintleioung des Ministers L t u d t, des Oberpräsidenten Grasen o. Zedlitz und Trützschler, des Kardinalfürstbischofs Tr. Kopp, des Herzogs von R a t i b o r jmö des Generals v. Stülp nagel.

Ter Bundesrat hat die Vorlage betreffend den Antrag Braunschweigs wegen der Gestaltung der Regierungsoerhält- Me im Herzogtum Braunschweig den zuständigen AuS s chü s s e n Verwiesen.

Jßtaugf C3tt).eiflz_ 18. Zn der heutigen Sitzung des

Landtages crElärte tu a. Staatsminister Tr. v. Otto: Tie Regierung lehnt c3 ab, den Antrag der Landesversammlung zur Kenntnis deS DundesratcS zu bringen (Bewegung), ist aber ''ereil, den BundeSratSbevollmächtigtcn anzuweiscn, den Referenten im BundeSrat den Wortlaut der Resolution mit der Bitte zur Kenntnis zu bringen, ihn dem BundeSrat bekannt zu geben. Die LandeS- versammlung gab ihrer Ueberzeugung dahln Ausdruck, daß nach erfolgtem Ausgleich durch den Regierungsantritt deS Prinzen Ernst August die bundeSfreundlichen Bezchungen des Herzogtums -um Nachbarreiche Preußen nicht beeinträchtigt werden.

Karlsruhe, 18. Jan. DaS Großherzogspaar von Hessen tras heute mittag hier ein. Zum Empfang waren an dem Bahnhof erschienen die Großherzogin und das ErbgroßherzogS- paar von Laden. Auch Halle sich ein größeres Publikum ein- gefunden. Nach herzlick>er Begrüßung erfolgte die Fahrt zum Schloß. Der Großherzog erwartete die hessischen Herrschaften am Schloßyortal. Um iVr Uhr fand im Gartensaal des Schlosses Fürstentafel, an der auch Prinzessin Wilhelm teilnahm und gleich­zellig Marschallstafel statt. Um 4 Uhr begaben sich der Groß- Herzog und die Großherzogin von Hessen naa) Darmstadt zurück.

Karlsruhe, 18. Jan. Zum 18. Januar wurde heute in den badischen Schulen eine Ansprach edes Groß Herzogs verlesen, in dcr darauf hingewiesen wird, daß die Macht be5 Tent- fdjen Reiches nicht allein auf der so notwendigen Verteidigungs­stärke beruhe, sondern auch auf der geistigen A n s b i l b u n g der gesamten Nation. In seiner Anspracl)e führt der Groß- Herzog des weiteren auS: Bedenket also, liebe Schüler, daß der Fleiß und die Gewiss.uhafugkcit in den Studien aller Altcrs- ttasscn sich nur bewähren kann, wenn fujon früh die Ueberzeugung scststeht, daß die Ausbildung des Geistes als eine nationale Pfliä' t erkannt werden muß.

Neues aus Rußland.

Aus Lodz wird telegraphiert: Am F-rcitag nachmlltag, wäh­rend der Beilegung z weierermordeterÄrbeiter, lehnten die Priester di« Teilnahme am Leichenzuge ob. ES tarn vor der Kirche, wo die Trauerseier stutt,and, zu einer Schießerei, wobei a uj t Personen er > cho >' Ien und etwa 20 schwer verletzt wurden. Im Leichenzug entstand eine surchtb..re Panik. D.e Em­pörung in der Stadt ist groß, mehrere Fabriken' stellten den Betrüb ein.

Lei einer Haussuchung in einer Möbelfabrik in Riga kam eS zwischen sozialistischen Slrbeiler.t und Militär zu blutigen Zusammenstößen. T^s Fabrilgebüude ist von Kugeln förmlich gespickt. Ein Gehchmpoltzsii wurde getötet, ein Schutzmann und ein Arbeiter schwer, zachreiche leichter verletzt. 30 Arbeiter wurden verhaftet. Die Polizei beschlagliahmte zaylreiche Waisen un> verbotene Schriften.

Wie verlautet, yut eine englifd)e Gesellscha ft, die bisher der russ. Reichsbank gehörenden «silber- n b St u p f c t Minen bei Patlaranik in Finland erworben. An ber Spitze des Konsortiums steht einer der größten Londoner Finanzfirmen. Eine englische Spezialgesandtscha.t unter Führung des Obersten Williams trat in Petersburg ein unb wurde vom Zaren herzlichst empfangen.

Ausland.

Paris, 18. Jan. Der französische Ingenieur Veyre, der mit dem Sultan von Marokko befreundet ist, hat einem Berichterstatter desMotin" erzählt, der Sultan fiinbe völlig unter deutschem Einflug und vertraue fest darauf, datz Deutschland alles abwenden wurde, was ihm schaden könne; ex höre als einzigen Konsul nur den deutschen Konsul Vassei. Die Enll sendung des Majors v. Tschudi und des Rittmeisters Wolff, denen ein dritter Ofsizier bald folgen werde, habe die Grün­dung einer deutsch en militärischen Mission zum Zweck, die unter dem Vorwand, im Solde des Sultans zu stehen, wichtige össenllicye Arbeiten, wie Brückenbau, drahtlose Telegraphie usw. einrichten wolle. Ferner meid.t man aus Tanger, baß die Re- gierungstriippeii harmlose Tör,er auiplünbem, alles Vieh jic^cn, die Hauser niederbrenaen und Frauen vergewaltigen. Lei Arzila sei viel Vieh, das Eigentum von Europäern gewesen sei, önenb li.ch verkauft worden, oyne daß die Regierungsbehörden sich um die Beschwerden ber Eigentümer gekümmert hallen.

(Senat.) Bei der Ler^tung des nciegsbudgets führte General Langlois aus, bezüglich dor Kavallerie bestehe zu Un­recht eine Strömung, die dahin gehe, sich in ber Defensive zu verhalten. Ferner sei es viel notwendiger, recht schnelle illr- tiHerie zu Dtrtoenben, als zahlreiche Artillerie. Man bürje bei der Kavallerie leine Abstriche machen, um die Artillerie zu ver­wehren. Hinsichtlich ber Artillerie befinde sich Teurfchland in derselben Lage wie Frankreich. Für die Infanterie fehle vefoiiders ein aowechs.unasreiches Gewnde, das W'taiiöosrübungeii gestatte, wie namenllich das Heranschleichea an die Stellung des Feindes. Langlois llagt dann, daß der G e n e r a i fr a b ans stumpf ge­wordenen B u r e a u m e n i ch e n besteh-. Man müsse eine gut ausgerüstete Kavallerie unb Artullrie beioel; ..ten und den Generalstab einer Aendcrung unterziehen. Ter Berichterstaller Wabdinglln sagt, die Verwaltung des Heere-s sei in guten Händen. Ter französifche Jufanterieiolbat toste 100 Frrs. weniger als ber beuLiuje. Tie neuen o^-llchrille erfordetn aber aua> neue Ausgaben für die Kavallerie.

Sofia, 18. Zun. /Das Amtsblatt veröffentlicht bic Be­stätigung Qes Minitterbeschlusfes, durch den die Universität Sofia zur Strafe auf sechs Monate geschlossen wird und sämtliche P ro"j e s fo r e n uu.d Telaiie aus dem Dienst ent­lassen werben. Die Maßregelung erfolgt wegen Ausschreitungen von Studenten bei der Eröffnung oes Nationaltheaters.

Kon der Z9al-ivlw?gnng.

Gießen, den 19. Januar 1907.

Von befreund eter Seite schreibt inan uns:

Donnerstag abend wurde unter dem Vorsitz des Lehrers Ohly in Steinheim eine Wahlversammlung abgehotten, welche sich einer sehr regen Beteiligung ergraute. In ia;önem Vortrag wies Herr Dhll) auf dw Auflöiun^ des Reicystags, das eigentümliche Austreien und bio Herrschsucht des Zentrums hm unb forderte auf, sich alle in dem nationalen Gedanken zu- savrmenzufinden. Sodann sprachen die Herren Riedel und Stabil). Löber vom liberalen Dahtb)miiee in Gießen über unsere Kolonie uptr das Wirken des Herrn HeyligennaLdt im Reichstag. Herr Bo m mersheim oo.i Langsdorf trat jur die Kandidatur e'töhler em, n>eil dec es allein nur verstände, wo den Bauern der Schuh drücke^ Jnsbeso^cre vermies er darauf, daß Heyliger.staedt und oas Stabrverorbnetenbollegütm sich über die Flei au wurung entrüstet.ll u. Er selbst könne dos beurieilert, da er selbst ein Baue. >.- mit 20 u argen Land und Viehstand. In ruhig gemessener Wei'c crtlänc .llerr Löber, daß Heyligen- liacdt an Dein Taz in Bertin unb nichr in ber Sladwerordneten- versammiunZ gerne।en sei und deshalb beut Antrag Krumm nicht zustimmen konnte. In saft alten agrarischen, Handwerker- unb Arbeiterfragen, die gerecht Baren, sei Heyligenstaedt für buie

Leute eingetreten, trotz seiner Zugehörigkeit zur Gwßinbustri«. Mit einem Hoch auf das Vaterland wurde bic Versammlung geschlossen.

In TraiS-Horloff fand eine recht gut besetzte, vom liberalen Wahlkomitee anberaumte Wahlversammlung statt, in ber BergmerkSdirektor Finn ben Vorsitz führte. Herr Riedel au3 Gießen als Referent mußte leider feine Nedo m ber Mitte abbrechen, weil ihn ein Ohnmachtsanfall Über« rafchte, wahrscheinlich infolge der Ueberanfircngung der An­griffe, die mündlich und schriftlich gegen ihn gerichtet roarenJ Herr Löber sprach dann noch weiter über die Kolonien, den hiesigen Tlckerbau, waS Herr Heyligenslaedt alles für dio Landwirtschaft gcwukt, insbesondere über bnS, was er noch in seiner großen Fraktion wirken kann, so z. B. über land­wirtschaftliche Meliorationen, Entschuldung infolge Belcihnng (nicht Vcvschiildung) mit 3 */5 dec Taxe rc. Reicher Beifall ivucde dem Redner zuteil.

9hi3 der Butzbacher Gegend wird unS geschrieben:

Tie SBorbeteiiung zur ReichstagSivahl verläuft in unfevee Gegend sehr ruhig. ES finben nicht viele Veilaminlungen statt. Am Lonmag soltte in Hochweifel eine lojialöcinafr. Versauinilimg slailsindcn, es winde jedoch der Saal abgesagt. Am Sonntag spricht Tr. Strecker, der hcifümige Kandidat, in Butzbach, wo er früher als Lehrer tätig war.

In» nationallib.Mainz. Tagebl.^ lesen wir:

Herr Landtag-rabg. M. W o l t VI. in Stadecken teilt unS mit, daß cv nur aus lllrünben dcr Taktik eine Kandidatur gegenüber dem Kandidaten der yiatioimlli* evalen und des AuiideS der Laiid- ivlite, Herrn Keller, angenommen habe. Keller hätte nicht auf die Summen des Zeiitrums rcd)nen können, wöbrend Wolf vom Zentruni gewählt woiben wäre. Taduich haus sich die Möglich­leit ergeben, daß Keller und Wolf in bie Stichwahl gekommen wären. Ta bei der Siichwahl die Entscheidung in der Hand der Fieiiuinigen und 2ozialdemotrale>, lag, wäre, aller Poranssicht nad), Keller als Sieger ans der Urne hei vorgegangen. U n ft will diese ganze Taktik nicht gefallen. Nachdem die Frei­sinnigen des Wahllrei'es iRainz« Oppenheim sich bereit erklärt bauen, für unseren Kandidaten, Herrn Tr. Pagensrecher, zii stimmen, bauen bie Nationalliberalen des Wahlkreises Bingen-2tlzey auf bie 21 u f l'tt 11 u n g eines eigenen Kandidaten verzichten unb gleich im ersten 23 a h£ gang Herrn Schmidt-Elberield, der sowohl in natio­naler wie liberaler Hinsicht allen unseren Anforderungen entspricht, ihre Stimmen geben sollen. Tie Zollfragen sind auf eine Reihe von Jahren erledigt, und wir wurden es für einen wahren Segen hatten, wenn sich die Wählerschaft, wenigstens dies­mal, nicht nach wirtscha'tlichen, sondern nach politischen Gesichts­punkten gruppieren wollte.

Im Wahlkreis BenSheim-Erbach treten die! Freisinnigen für Haas (nat.-lib.) ein.

Eine Gruppe katholischer Wähler bcS Wahlkreises Hanau-Gelnhausen fordert in einem Aufruf zur Be­teiligung an der Wahl und Eintreten für die bürgerlichen Kandidaten auf. Die Leitung der ZentruinSpartei hattv^ bekanntlich Stimmenhaltung empfohlen, wodurch der Sieg beil Sozialdemokraten wahrscheinlich werden würde.

*

Ter Kaiser soll angeordnet haben, daß ihm ant Morgen seines Geburtstages eine ziffernmäßige Dar­legung der Ergebnisse derHauptwahlzumReichL- tag überreicht werben solle. Daraus wird der naheliegendel Schluß gezogen, es stehe eine kaiserliche Kundgebung zwecks Sammlung aller Nationalgesinnten zur Stichwahl zu er­warten. TerzweiteWahlgangistdieSmalmehr dennjeentscheidenb für die Zusammensetzung beS Parlaments. Zentrum und Sozial­demokratie erringen ihre Erfolge zmll weitaus größeren Teck in dec Hauptwahl, und da es wenige Kreise geben dürfte, in- denen diese beiden Parteien im zweiten Wahlgang um daS Mandat kämpfen, so müßte bei geschloffenem Vorgehen ber anderen bürgerlichen Wähler und zumal bei lückenlosen^ Eingreifen der bisherigen 9kichtwähler sich das Blatt zugunsten der Üregierung wenden. Grund genug also zum Appell von ragendsier Stelle. Wenn man aber weiterhin schon bie Möglichkeit einer Einberufung deS Kronrats in Betracht zieht,, so erscheint die VorauSsctziMg dafür wohl erst gegeben bet; einem für die Negierung überraschend ungünstigen Wahl- auSsall.

Der Gouverneur Südwestafrika?, v. Linde quill, be-s teiligt sich nun auch an der Wahlagitation durch Vorträge in Großstädten, unb man hört in Wühlerkrcifen der Ver-' wtinbcrung Ausdruck geben einmal darüber, daß der Gou­verneur, doch wohl einer der sachkundigsten Männer der Ne­gierung, erst so spat ,vor die Fronf tritt, bann aber auch darüber, daß er seine Vorträge vor Korporationen deS Handelsstandes hält. Tie letzteren, so meint man, seien ohne-i hin Freunde der Kolonialpotitik. DaS mag zumeist zutreffen.^ 'Aber es ist zu beachten, daß Herr v. Lindequist nur vor den Körperschaften sprechen kann, die ihn ein la den. Von Seiten bcS Zentrums ober der Sozialdemokraten hat er solches Ersuchen kaum zu gewärtigen. Zu bedauern ist aller­dings, daß Gouverneur v. Lindequist, obendrein ein ge­wandter Redner, nicht schon vorn Beginn dcs Wahlfeldzuges an .Aufklärungsarbeit* verrichtete.

Der Berliner Magistrat beschloß, allen städtischen Angestellten und Sir bei fern am 25. Januar unter Fortzahlung bc5 Gehaltes und Lohnes zur Ausübung des Rcichstagswahlrechts Urlaub zu gewahren.

In Berlin wollte sich Graf Pückler am 17. einer Versammlung als Reichstags-Kandidat vorstellen. Er er­schien erst spät und entwickelte sein Programm. Die 93er* famnitiing würbe schließlich polizeilich aufgelöst, da der christliche Herr Graf das liebevolle Verlangen stellte, daß man bie Juden mit dem Schwert aus dem Lande treiben solle.

^Interessant ist eine Aenßerung in der englischen Presse. Während diese bisher zumeist den deutschen Reichs-' lagswahlkampf als ein Ringen bedrohter Volksfreiheit gegen Zäsarismus zu kennzeichnen pflegte, schreibt heute der .Tally Expreß*^ -