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Zweites Blatt
Grschetnl tkgllch mU Ausnahme de- Sonntags.
L5?. Jahrgang
Die „Stehener §sml!ienblatter" werden dem .Anzeiger" oiennal wöchentlich beigelegt, das „Urcisblatt fßt den Ureis Sieben" zweimal wöchentlich. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Mittwoch 17. Juli 1807
aa Rotationsdruck und Verlag bet Br Ührchen UniversitätS. Buch, und eStebibtudaeL
Lauge, Gießen.
Redaktion, Expedition und Drucke«^ vchul- stratze 7. Expedition und Verlag i 6L
Redaktion:^-112. Tel.-M^LlnHrigerGtrtzen,
Zarteiische Bevorzugung der französischeu Zionkurrenz.
Köln, 16. Juli. Die „Köln. Ztg." schreibt: In t h e n finden seit einigen Monaten vergleichende Schieß- ersuche mit Feldgeschützmodellen dec Firmen Krupp, Ehr- ardt, Schneidec-Crellsot und Armstrong statt. Die Veran- altung dieser Versuche, aus denen das künftige Feldgeschütz, lodell der griechischen Armee hcrvorgehen soll, erregte von nfang an Ueberraschung, iveil vor wenigen Jahren die zu- ändige griechische Kommission unter dem Vorsitz des Kron- cinzen sich einstimlnig für die Einführung des Krupp'schen eldgeschützes ausgesprochen hatte, nachdem griechische Osfi- ere vorher die verschiedenen Waffenfabriken besucht hatten, cm verfchiedenen Seiten wird daher die Veranstaltung der iersuche dahin aufgefaßt, daß sic deut jetzigen Ministerium id)t sowohl zur Bestätigung, als vielmehr zur Beseitigung eses Beschlusses dienen sollten. Diese Auffassung scheint echt behalten zu sollen. Die Versuche sind anfangs so ab- .'halten worden, daß der Schein unparteilicher Be- andlung der Bewerber vorhanden war. Neuerdings ier hat man doch eingesehen, daß mit Unparteilichkeit das strebte Ziel nicht zu erreichen ist. Das Schneider'sche Material erwies sich auf Fahrversuchen als zu schwach, seine räzision beim Schuß ließ auch fast stets zu wünschen übrig, eitdem sich dieses ganz klar herauSslellte, ist ziemlich plötz- ch eine so starke, sich fortwährend wiederholende Pacteilich- it von der Konunission zu (fünften des französischen Beerbe rs an den Tag gelegt worden, daß die Firma Krupp unter ihrer Würde erachtet, an dieser scheinbaren Konkurrenz eiter teilzunehmen. Sie hat, wie wir hören, telegraphisch rs weitere Schießen mit ihren Geschützen untersagt. Der rechischen Regierung ist von diesem Beschlüsse amtlich Kennt- S gegeben worden. Ein solcher Schritt scheint um so ver- < üblicher, da, wie glaubhaft versichert wird, verschiedene Mit- ieder der griechischen Regierung sich in den letzten Tagen rnz offen dahin ausgesprochen haben, daß die Erteilung es Auftrages nach Frankreich eine beschlossene ache sei. Unter solchen Umständen ist es nicht unwahrschein- h, daß auch die übrigen konkurrierenden Firmen von der eteiligung an den sogenannten Vergleichsversuchen zurück- cten.
Essen, 16. Juli. Die Geschützgesellschaften rupp und Ehrhardt ziehen ihr Material von den Uillerieversuchen in Griechenland plötzlich zurück, nach- m die parteiische Bevorzugung der französischen onkurrenz unverhüllt schon mitten in den Versuchen her- »rgetreten ist. Der griechischen Regierung ist dieser Ent- )luß in aller Form auf telegraphischem Wege bereits kundgeben worden.
VeutscheO Reich.
Berlin, 16. Juli. Kaiser Wilhelm wird Anfang ugust, von der Nordlandfahrt zurückkehrend, in Swine- ünde eintreffen. Dort soll dann eine Flottenrevue statt- rden.
— Der „Staats-Anzeiger" veröffentlicht das Wander- rbeitsstätten-Gesetz.
— In einer Zuschrift an die „Post" nimmt Dr. Peters ' lluug zum Fall Arendt-Kayser. Nach seiner Ansicht gt in der Kontroverse zwischen dem Abgeordneten Arendt io Frau Geheimrat Kayser der Irrtum auf Seite der fieren. Dr. Kayser habe 1895 versucht, Peters im Reichs- ,'nst jestzuhalten und zu diesen: Zweck die Mitwirkung Arendts rangezogen. Er, Peters, habe nichts dazu getan.;
Stuttgart, 16. Juli. Die Zweite Kammer 'W———Wa—11—■'■■■■■■ i .............—
hat dre Beamtenvorlage, die neben den beamtenrechtlichen Versorgungen Gehaltsaufbesserungen mit einer dauernden Mehrbelastung des Etats im Betrage von jährlich 7*/* Millionen Mark bringt, mit sämtlichen 77 abgegebenen Stimmen angenommen.
Straßburg i. E., 16. Juli. Eine Anzahl reichsländischer Blätter betont, daß die Teilnahme der reichsländischen Bevölkerung am französischen Nation alsest in diesem Jahre ungemein groß war. In A l t - M ü n st e r o h l war der Andrang nach Belfort so groß, daß ein 17 jähriger Bursche bei einer Zollrevision unter die anstürmende Menge geriet und zertreten wurde. Blutüberströmt, anscheinend leblos, sei er weggetragen worden.
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und Schule.
-v. Angersbach, 13. Juli. Gestern wurde hier das Dekanats-Missionsfest für das Dekanat Lauterbach gefeiert. Obwohl ein Werktag gewählt worden war, hatte es sich die gesamte Gemeinde nicht nehmen lassen, ihn offiziell zu einem Festtage zu machen. In der mit hohen, schlanken Birken und einer Uebersütle von Blumen prächtig geschmückten Kirche hielt Pfarrer Gußmann von Kirchberg un Vormittagsgottesdienst die Festpredigt, in welcher er der gespannt lauschenden Gemeinde auLeinandersetzte, in welcher Weise der Einfluß des Geistes Jesu Christi auch bei den großen heidnischen Völkern bereits zu erkennen sei, und wie es angesichts des Weltverkehrs und der Weltaufgabe des Christentums es heute mehr denn früher gelte, alle Kräfte einzusetzen, um dem Einfluß des christlichen Geistes in der Welt Bahn zu machen. Außer den Einheimischen hatten sich auch viele Fremde, besonders Badegäste auS dem nahen Bad Salzschlirf eingefunden. Im NachmittagSgotteSdienst predigte Missionar Kanig aus Ostafrika. Der festliche Charakter beider Gottesdienste wurde durch Mitwirkung des Posaunen- choreS von Stockhausen unter Führung von Pfarrer Lenz, sowie durch gesangliche Darbietungen eines gemischten Chores und eines Schülerchores, von beiden hiesigen Lehrern dirigiert, erhöht. — Obwohl da§ Wetter nicht günstig zu werden versprach, setzte sich um 4 Uhr ein stattlicher Festzug, in welchem vollzählig Gemeinderat, Kirchen- und Schulvorstand vertreten ivar, unter Vorantritt des Posaunenchores in Bewegung, um in der nahen Wartenbach eine Nachfeier zu veranstalten. Sie konnte, da das Wetter günstiger wurde, programmäßig stattfinden. Nach Begrüßung des Ortsgeistlichen, Pfarrverwalter Hoehne, erzählte Missionar Kanig aus seiner praktischen Missionserfahrung. Bürgermeister Rod em er dankte im Namen dcr politischen Gemeinde dem Dekanatsausschuß, daß er seine Gemeinde zum Festorte erwählt habe, sowie allen Mitwirkenden, und sprach die feste Ueberzeugung aus, daß das Fest das Interesse der Gemeinde an dec Mission fördern werde. Zum Schluffe richtete noch der Dekanats-Stellvertreter, Pfarrer Türk von Frischborn, Dankesworte an die Gemeinde und an alle Beteiligten. Die Kollekte betrug 96 Mk. An Missionsschriften wurden für 32 Mk. verkauft. Was besonders angenehm berührte, war die seltene Tatsache, daß hier die politische und die Kirchen-Gemeinde Hand in Hand zusammenwirkte und so dem Feste zu einem vollen Erfolge verhalf.
Anslanv.
Trornsoe, 16. Juli. Der K'a i se r sah gestern zur Abendtafel den Fürsten von Monaco und wird heute auf der Jacht „Alice" frühsmcken. Die Abfahrt nach Narvik findet heute nachmittag 3 Uhr statt. Die Ankunft daselbst erfolgt um Mitternacht. Tas Wetter ist 'regnerisch. An Bord ist alles wohl.
Wien, 16. Juli. Ter Bundesausschuß nahm das
BudgetprÜüiforiuiu mit gwveran,"b^lgegent stimmten Sozialdemokraten, Nuthencn und Alldeutsche.
R o m,16. Juli. Ter V e r te i d i g e r Nasis hat nunmehr formellen Protest gegen dessen Verhafiung eingelegt, die eine Verletzung der parlamentarischen Immunität bedeute und Haftentlassung beantragt. Der frühere Kabinettschef Lom- bardo ist in einem hiesigen Hotel verhaftet worden. Nasi hat eine Zelle gegen Bezahlung für sich und längere Spazierzeit Ter Haftbefehl ist begründet durch 7 Veruntreuungsfälle im Amte.
London, IG. Juli. Die britische Gruppe der inter- p a r l a m e n t a r i s ch e n V e r e i ii i g u n g hielt heute nachmittag im Unterhaus eine Konferenz ab, in der sie beschloß, als Ort der nächstjährigen Konferenz Berlin in Vorschlag zu bringen.
Christiania, 16. Juli. König Hakon und seine Gemahlin fahren heute nach Drontheim, wo sie mit dem Dampfer „Olaf Khrre" die Nordlandreife antreten. Eine Begeg- Wilhelm erscheint daher nicht unwahr- icheiNlich. Tie Reise des Königspaars geht bis nach Wardö > hinauf.
— Fridtjof Nansen ist von London auf Urlaub hier eingetrofsen und wird wahrscheinlich überhaupt nicht mehr, oder nur für kurze Zeit, in die diplomatische Karriere zurückkehren.
W r 15, 16. Juli. Ter deutsche Kaiser, der König von Spanien, sowie der Präsident von Mexiko richteten Glück- lvunschtelegramme an den Präsidenten Falliöres. ‘ .. — Wäfibent Fallier es empfing heute im Elhses Die Onmerc des in Brest'«n w e se n d e n Kre u z e r g e s ch w a- ders. Zu Ehren der iamerikanischen Gäste fand im Elyseö ein Dejeuner statt. Präsident Falliöres hielt eine Ansprache, worin er auf die Freundschaft hinwies, die lange Jahre hindurch die beiden Länder verbunden habe. Ter amerikanische Botschafter White antwortete und trank auf das WoU Frankreichs.
— Tie so zialistischen Freunde des Major Dreh- fus werden bei Zusammentritt der Kammer den Kriegsministcr interpellieren über die Ursache, aus welcher Treyfus nicht in die letzte Beförderung mit einbezogen worden ist.
— Maill 6, der am 14. d. M. beim Vorüberfahren des Präsidenten Fälliges Revolverschüsse abgab, soll seit seiner Jugend an Verfolgungswahnsinn leiden. Sein Rechtsbeistand hat beantragt, daß er einer irrenärztlichen Beobachtung unterzogen wird.
— Ter frühere Seinepräfett, früher Botschafter beim Vatikan, \ Poubelle, ist gestorben.
Brüssel, 16. Juli. Auf Anfrage erklärte der Minister! des Aeußem die Nachricht, daß Venezuela die Absicht kund-^ gegeben habe, sich dem Spruch des Haager Schiedsgerichtes, durch' den Venezuela zur Zahlung von 10 Millionen Francs an belgische Gläubiger verurteilt ist, nicht unterwerfen zu wollen, für zutreffend. Wenn die Zahlung verweigert werden sollte,! werde die Regierung ans entsprechende Maßnahmen bedacht sein,! denn der Spruch des Schiedsgerichts! sei unwiderruflich, und Mc' Schiedsgerichtssache würde im Falle der Nichtersüllung des ge-^ fällten Spruches eine schwere Schädigung erfahren. Tie Regierung werde nichts unversucht lassen, um den belgischen Interessen zum' ei ege zu verhelfen.
Sofia, 16. Juli. Ter M ö r d er de s M i n ister s Pe t- ko w, Petrow, war bei seiner heute erfolgten Hinrichtung gefaßt und ruhig. Nach der Beichte erklärte er dem etaatsanwalt, daß bei der Ermordung Petkows viele Mithelfer gewesen seien, er nenne sie aber nicht, weil et niemand mehr ins Unglück stürzen wolle. Er forderte den Staatsanwalt^ auf, tüchtig zu fein, damit er sie finde.
— Petrow wurde heute früh im Hose des Kreisgefängnlsses^ gehenkt. Er zeigte sich bis zum letzten Augenblicke gefaßt und! festen Mutes und bestieg ohne Hilfe den Galgen. Tie vielfach! erwarteten Enthüllungen machte er nicht. Ter Tod trat sofort! ein. Als Henker fungierte ein gelegentlich angeworbener Zi-! neuner, der 15 Frank Lohn erhielt. Die Leiche Petrows! wurde gleich nach der Hinrichtung zur Begräbnisstätte gebracht.
— Tas Verl. Tgbl. meldet aus Teheran: Die Lage! spitzt sich jetzt zu. Tfas Parlament forderte die Gegenwart- des Schahs im Hause der Gerechtigkeit am 25. Juli, dem Jahrestage der Verfassung, zur Eidesleistung. Ter Schah hingegen möchte lieber zur gewaltsamen Auflösung des Parlamentes schreiten, wenn sicher anzunehmen wäre, daß die, Trupp en zuverlässig seien. Tie Truppen aber drohen- wegen rückständiger Soldzahlungen mit Plünderungen. Tie plötzliche Ankunft des ausständigen Prinzen Salar, der anscheinend von auswärtiger Seite gestützt wird, ver-< wirrt die ungünfttge Lage noch mehr.
Tokio, 16. Juli. Verschiedene Gru p p e n des japa
Eine Sommernacht in Kietzen.
(Original-Feuilletmi des Gieß. Anz.)
Es war im Sommer 1904. Der Juni hatte uns sehr schönes iru.es Wetter gebracht. Sonnige Tage wurden unterbrochen och warme, mäßige Gewitterregen. Man glaubte nach dem da- iLigen Stand der Felder einer sehr guten Ernte entgegenzu- hen. Zn dieser Zeit wurde von Newyork gemeldet, daß dort te ungeheure Hitze herrsche, daß zahlreiche Menschen durch tzschlag ihr Leben verloren und anderes mehr. Diese Hitzwelle rd ihren Weg nach Europa. Paris meldete Ende Juni uner- igliche Hitze. Die Seine wurde so warm, daß zahllose Fische timt. Die Kadaver bedeckten da, wo der Fluß in der Gegend it St. Germain sehr langsam sttömt, buchstäblich die Oberfläche 3 Wassers und der üble Geruch machte das Spazierengehen in t Prächtigen Alleen auf den Seineufern unmöglich und verbot Flußbäder. Die Menschen schützten sich vor den Folgen dieser tje durch oft wiederholte Abwaschungen mit kühlem Brunnen- sser.
Die Hitzwell kam anfangs Juli zu uns. Kein Regen hr, sondern Tag für Tag wolkenloser Himmel und sengende »niiensttahlen. Tie Feldfrüchte reiften rasch, Roggen, Weizen, : Sommer Halmfrüchte konnten kurz hintereinander übermäßig >cken geerntet werden, die Halmfrüchte waren zu rasch gereift, das m war mangelhaft ausgebildet, die Ernte sehr mäßig, ins- ondere auch die Kartoffelernte.
Am verderblichsten wirkte das ununterbrochen heiße Wetter Osten Deutschlands, dort entstand Futternot, ununterbrochen lten schon int Hochsommer 1904 die gedeckten Eisenbahnwagen l. Futtermitteln aller Art gefüllt, nach dem Osten Deutschlands, r Preis eines Waggons Klee stieg um 200 Mk., in ähnlicher ?ise der Preis anderer Futtermittel. Da die gedeckten Wagen ochen brauchten, um leer wieder zurückzukommen, entstand aus- hmsweise im August Wagenmangel an gedeckten Wagen.
Im Osten vermochte man kaum das beste Zuchtvieh zu er- Oreii Das Schlachtvieh wurde sehr billig, da es frühzeitig um cn Preis abgeschafft werden mußte. Insbesondere wurden Osten infolge der Attßernte in Kartoffeln die Schweinebestände valtig gelichtet. Die Folge war sehr niedrige Preise für Fleisch Spätherbst 1904 und allmählich immer höhere Preise im Laufe ; Jahres 1905 und Fleischteuerung bis tief in das Jahr 1906. s gewaltige Reservoir an Schlachttieren jenseits der Elbe, 5 dem sich der Schlachtviehhof im diorden Merlins täglich er- rzt, und von dem aus das ganze westliche und südwestliche utschland, auch Sachsen und Oberfranken zum erheblichen Teil onders mit fetten Schweinen versorgt wird, war gründlich er- jpft und brauchte fast zwei Jahre, um sich wieder zu füllen.
Mas waren, die Folgen des heißen Sommers 1904. An
einem Tage gegen Ende Juli desselben Jahres hatte ich einen erheblichen Teil des Vogelsberges durchwandert. Die Hitze war fast unerträglich, ganz besonders in den sonst so kühlen Buchenwäldern. Unter dicht belaubten Bäumen regte sich kein Lüftchen, die Bäche, die sonst so munter plaudernd den Wanderer lalab begleiten, waren ausgetrocknet oder verbargen die spärlichen Wasserreste im tiefsten Rinnsal des Bachbettes vor den gierig aufsaugenden Strahlen der Sonne. Die Farrenkräuter ließen traurig ihre sonst so hochstcebenden Wedel zur Erde sinken. Sie verdursteten, obwohl sie sich in den sonst wasserreichsten Senkungen .angesiedelt hatten. Der Wanderer war ftoh, toenn er wieder über eine sonnige, waldfreie Höhe schreiten konnte, über die ein kaum wahrnehmbares kühleres Lüftchen wehte, das die feuchte Stirn des Wanderers kühlte.
Trotz aller Anstrengung traf ich verspätet in Gießen ein. Der letzte Zug nach Frankfurt abends 10.01 hatte die Station schon verlassen. Der Fahrplan zeigte eine weit gähnende Lücke, erst am Morgen 2.48 konnte ich meine Reise fortfetzen. Ich stand vor der Frage, ins Hotel gehen und den Zug 2.48 voraussichtlich trotz dem diensteifrigen Hausburschen verschlafen oder sicher gehen und bis 2.48 durchkneipen? Gab es in Gießen Gelegenheit dazu? Hatte sich die Stadt auch in dieser Beziehung zu ihrem Vorteil entwickelt, gab es wenigstens ein sogenanntes Nacht-Cafö für Menschenkinder in gleicher Verlegenheit wie ich? Das.mußte ausprobiert werden!
Die Luft war immer noch heiß und trocken, ich folgte zunächst der Bahnhofstraße. Im Hotel Viktoria löschten die Gäste bei offenen Fenstern aus Steinkrügen den brennenden Durst. Man konnte das eifrige Heben der Krüge von der Straße her beobachten und die lebhafte Unterhaltung belauschen, wenn man Neigung dazu gehabt hätte. In der alten chirurgischen Klinik waren zahlreiche Fenster matt erleuchtet, dort mochten wohl Wunde sich unruhig auf 5)iem heißen Lager strecken und den erlösenden Schlummer herbeisehnen. In den Vorgärten zu meiner Linken blühten prächtige Rosen. Regungslos hingen ihre gefüllten Kelche in der trockenen Luft, noch hatte sie kein Nachttau genetzt. Die Sttahen sind in der Schwüle menschenleer, da und dort in den Erkerzimmern iwch ein erleuchtetes Fenster. Auf der Wieseck- brücke endlich ein junger Mensch. Er hat sich wie ein Seekranker über das Geländer gebeugt und läßt unter bemerkenswertem Gestöhne allerlei in die schon so trübe Wieseck fallen.
Ich gehe weiter, da endlich kommt, was ich suche, ein Safe, in dem es recht lebhaft zugeht. Ich trete ein. Im unteren Zimmer sehr ruhige Gäste, eine steile Stiege führt in einen oberen Raum, dort löschen zahlreiche unruhigere jüngere Menschenkinder den nie versiegenden Durst. Todmüde suche ich mir einen für meinen Zustand passenden Platz. KZ.as hätte ich darum gegeben,
wenn ich nur für eine Stunde mich auf einem bequemen Sofa! hätte ausstrecken können.
Um den Schlaf zu bekämpfen — trotz dem starken Kaffee dusele' ich ein und drohe vom Stuhl zu fallen — mustere ich meine Um-^ gebung. An einem Nachbartische sitzen vier Skatspieler. Sie sind» eifrig an der Arbeit. Während der eine gibt, mischt schon der! vierte Mann ein zweites Kartenspiel und legt es zum Gebrauch! zurecht. Jeder prüft mit raschem Blick seine Karten, bald ist man । einig, das Spiel beginnt, endigt und beginnt von Neuem. Die> Spieler sind ganz leidenschaftslos, das Zusehen wirkt einschlafend, j An einem runden Tisch fitzen offenbar Juristen. Der älteste der Runde, ein Herr in den sogenannten besten Jahren, sagt! zuweilen etwas. Die jüngeren Herren hören aufmerksam hin,! eine kurze Unterhaltung, zustimmendes Kopfnicken, gegenseitiges' Anprosten, dann wirds wieder für einige Minuten ganz still. § Ich kämpfe immer wieder mit dem Schlaf, den auch der ganz, anständige Lärm da oben über der Stiege nicht vertreiben will.-
Der Zeiger meiner Uhr rückt unerträglich lancham vor, es ist aber «doch schon 12 Uhr geworden. Da endlich eine Abwechselung. Die Tür nach der Straße öffnet sich und herein treten, zwei Schutzleute, den blitzenden Helm auf dem Kopf, tadellos in ihrer Uniform, wie zur Parade vorbereitet. Der vordere jüngere tritt bi§ in die Mitte des Zimmers und spricht mit lauter Stimme: „Mein« Herren es ist Feierabend." Ich beobachte mit Interesse, wie diese verkündete Neuigkeit auf die Anwesenden wirkt: Die Spieler hören und sehen von alledem nichts, sie werfen ihre Karten in regelmäßigen Zwischenräumen eine nach der anderen auf den Tisch und haben nur Sinn für ihr Spiel. Auch die anderen Gäste nehmen keine Notiz von den Schutzleuten, obwohl der zweite derselben, der ältere, jeden von uns scharf ansieht, als ob er einen Verbrecher unter uns sucht.
Der jüngere Schutzmann, der Herold mit dem kräftigen Organfi klettert die Treppe hinauf, der andere folgt. Dort oben wiederholt sich die Szene, aber dort wird die Ankündigung, daß Feierabend sei, sehr munter aufgenommen. Viele Gläser werden gehoben, man ürinft den Schutzmännern lustig zu, Scherzreden fliegen den Behelmten an den Kopf wie Mücken, unmerklich sind en dem gut besetzten Raum die Tische so ineinandergeschoben, daß es geraume Zeit kostet, bis die Schutzleute sich dazwischen durchwinde^ können, um, verfolgt von harmlosen Neckereien, endlich den Aus< gang nach der anderen Straße hin zu gewinnen.
Also kein Nachtcafe, der Zuruf „meine Herren es ist Feier-! abend" hat meine Hoffnung, ich könne bis zum Abgang meines, Zuges hier sitzen bleiben, zerstört. Ich verlasse das Lokal, um nicht bei der Wiederkehr der Wafsepträger in ein dickleibiges Buch eingeschrieben zu werden und nicht dadurch in den Ruf zu kommen, ein Nachtschwärmer zu sein. Was tun?. Nach dein


