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19/09/1907 Zweites Blatt
 
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157. Jahrgang

Nr. S20

Zweites Blatt

Erscheint-llch mit Ausnahme des Sonntags.

Frau Klara Zetkin- Skull-

tarismus treiben wolle.

en Tätigkeit unserer Ab

gart betritt dann in ziemlicher Aufregung das Redner- Podium. Sie erklärt: Wenn wir nicht mehr ausgiebige

mit der

In der Nachmittagssitzung erklärte zunächst Honrath- Aachen, daß es sich bei all den Streitereien nicht um Noske handele, sondern darum, ob man opportunistische und grundsätzliche sozialdemokratische Politik gegen den Mili-

Landratsamts zu .Biedenkopf wurden die Volks­lieder und Hansinschriften innerhalb des Kreises gesammelt und herausgegeben, ferner bildete sich im letzten Jahre derHinterländer Geschichtsverein", über dessen Zweck und Ziele wir berichteten. Alle diese dankenswerten An­regungen entsprangen den Wahrnehmungen über den Zu­rückgang des Volkstums und den Verlust geistiger Schätze. Nun wendet sich das dortige Landratsamt in einem recht schätzenswerten Auf- und Mahnruf an die Baulustigen und Bauunternehmer des Kreises. Es wird darin erwähnt, daß, wie anderwärts in hessischen Gegenden, auch dort das malerische Aussehen der ländlichen Ort­schaften im Schwinden begriffen ist. An Stelle der althergebrachten, in einfachen wirkungsvollen Formen her­gestellten Fachwertbauten, die durch die verschiedene Fär­bung von Holz und Gesuchen in ihrer Verbindung mit Bäumen, Sträuchern und Hecken einen wohltuenden Anblick gewähren, treten immer mehr nüchterne Z.eaelbauten ohne Verputz und Anstrich und ohne jeden Versuch, die Oede ihres Aussehens zu mildern. Um nun die Bauweise im allgemeinen zu heben unb insbesondere die charakteristische heincische Faa)lverkbauweise zu erhalten, hat der Kreis zwei Sammlungen preisgekrönter Mu st ereu twürfc für Klei n w o h it u 11 g e ii, die vom Verein zur Förderung des Arbeiterwohnungswesens in Frank,urt a. M. und vom Ernst- Ludwig-Verein in Darmstadt herausgegeben sind, angeschasst und, aus dem Laichratsämte zu jedermanns. .Ginsicht aufgh-

DieGießener Zamllienblätter" werden dem Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, daS Krdsblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^51. Redaktion:^^I12. Tel.-AdruAnzeigerGießem

Donnerstag 1$>. September 1907

Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

amt werden wir auf das Niveau

Kritik an der parlamentarisch« geordneten üben dürfen, o unserem Parteitage bald

Lvzialdcmotratijcher Parteitag. (Unberechtigter Nachdruck verboten.!

IIL

S. u. H. Essen, 17. September.

Nach Eintritt in die Tagesordnung erstattete Neichstagsabg. Dr. Südekum den Bericht über die parlamentarische Tätigkeit der Fraktion im Reichstage. Zu diesem Thema lagen eine Reihe von Anträgen vor. Ein Antrag, der sich gegen die Aeußerungeu des Genossen Noske in Sachen der Militär­frage im Reichstage richtete, ist vonr sozialdemokratischen Verein in Ml gestellt. Ein Antrag der hessischen Genossen beauf­tragt die Fraktion, die geeigneten Schritte zu unternehmen, daß die Ausdehnung des FahrkartensieUergesetzes auf Bureauarbeiter, Lehrlinge und solche Arbeiter und Arbeiterinnen, die nicht in einem festen Vertragsvcrhältnis zu einem Arbeitgeber stehen, durch das Rcichsschatzamt wieder rückgängig gemacht werde; im Bedarfs­fälle soll eine Interpellation durch die sozialdemokratische Reichst tagssraktion vorbereitet werden. Ein Antrag des Genossen v. Randow-Greifenhagen erklärt: In Anbetracht des Um- standes, daß bei den Reichstagslvahlen verschiedentlich Suppen­schüsseln, Zigarrenkisten usw. als Wahlurne benutzt und hierdurch das Wahlgchcimips vollständig aufgehoben wurde, beschließt der Parteitag: Die Reichstags'fraktion wird beauftragt, dahin zu wirken, daß zur besseren Sicherung des Wahlgehcim- n isse s überall Wahlurnen von gleicher Größe gesetzlich vor- geschriebcn werden. Ein Antrag Mülhausen-Langensalza fordert: die Reichstagssraktion wolle dafür Sorge tragen, daß der Termin zu den engeren Wahlen, ebenso wie der der Hauptwahlen, vom Bundesrat gleich bei Ausschreibung der Wahlen mir sestgclegt werde. Ein Antrag Aachen erklärt: Der Parteitag ersucht die Reichstags, raktion, die Abschaffung der Bühnen­schiedsgerichte und die lieber Weisung de r Kun st­und Theaterinstitute unter die Zuständigkeit der Kaufmanns -oder Gewerbegerichte zu beantragen. Ein Antrag von Genossen aus Gelsenkirchen verlangt die An­nahme folgender Resolution: Die Reichstagsfraktion wird be­auftragt, einen erneuten und energischen Vorstoß zugunsten einer r e i chs g e s e tz l i ch e n Regelung der Bergar­beiterverhältnisse zu machen, vor allen Dingen müssen! rcick)sgesetzliche Bestimmungen für den Schutz der Gesundheit und des Lebens der Bergarbeiter getroffen werden. Ferner sind die knappschaftlichen Entrechtungen der Bergleute reichsgcsetzlich zu beseitigen. Den Arbeitern ist ein tatsächlicher Einfluß auf die Verwaltung der Knappschaftskasscn einzuräumen. Eine Reihe von anderen Anträgen zu demselben Thenia fanden nicht die nötige Unterstützung und wurden daher von der Tagesordnung abgesctzt.

Ter Bericht über die parlamentarische Tätigkeit der sozial­demokratischen. Fraktion legt dann eingehend die Stellungnahme der Sozialdemokraten zu den einzelnen Gesetzesvorlagen und Inter­pellationen im Reichstage dar.

Mit Beifall und Zurufen begrüßt nahm dann das Wort der jugendliche ReichstagSabgevrdnete sJi o 5 ie (Chemnitz), der in letzter Zeü viel von sich reden gemacht hat, zunächst weil er im Reichstage beim Adilitäretat von derVaterlandÄiebe" der Sozialdemokraten sprach und auch dann weil er in Stuttgart aus seiner Abneigung gegen stiosa Luxeurburg kein Hehl gemacht hat. Er verteidigte seine Ausführungen im Reick-Stage. Er erklärte: Wenii jemand sagt, wir wären Vaterlandsvcrräter, so nennen wir ihn nut Recht einen Lügner. Wozu also der Lärm? (Beifall und Widerspruch.) Ich habe nichts anderes gesagt, als was im Handbuch der sozialdemokratischen Wähler steht. Was kann ich dafür, wenii dann dasBerl. Tagebl." einen dummen Artikel verbricht. (Große Heiterkeit.) Dr. Lenz von derLeipz. Volkszeitung" grift dioske heftig an. Hauschild (Kassel): Wegen des Falles Noste ist ein gewaltiges Geschrei erhoben worden, das absolut nicht notwendig war (sehr richtig). Ueberall wirst man uns unsere Vaterlandslosigkeit vor; der Reichsverband, der uns bekämpft, hat sie sogar geschickt in den Mittelpunkt der Agitation ge,ullt. Da war die Rede Noske einmal ganz gut am Platze. (Beifall und lebhafter Widerspruch). -L>ie hat uns absolut nichts geschadet; im Gegenteil, sie hat nur genützt. (Lachen.) Lachen ist noch lange kein Gegenbeweis. (Beifall und lärmende Zurufe). Weißmann- Karlsruhe hält es für wünschenswert, oaß für die sozialdemokratische Reichstagssraklion ein K o l o n i a l b e i r a t geschaffen werde, der sich auch Kennt­nisse über die Verhältnisse m den Kolonien anderer Länder schassen müsse. (Widerspruch und Rufe: Dernburg.. Heiterkeit.) Bre- cour-Kiel: Der Unwille über die Noskesche Rede ist in weite Kreise gedrungen. Wir wollen nicht ins Lager der Anarchisten gehen, aber auch nicht ins Lager der bürgerlichen Parteien. (Bei­fall. Dr. Lenz von derLeipz. Volksz." erhält zum zweiten Mal das Wort. Er wird mit Unruhe und Beifall begrüßt. Er wendet sich wieder gegen Noske und erklärt, daß dessen Ausrede ganz unhislorisch sei, denn die Gefahr eines Angriffskrieges liege für Deutschland absolut nicht vor. Jetzt sei kein -Ltaat mehr vor­handen, von dem eine Gefahr für die nationale Unabhängigkeit der deutschen Nation befürchtet werden könne. Wetzker- Bochum: Unsere Parteigenossen dürfen nicht bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheiten patriotische Reden halten. (Bei­fall.) Das glaubt unS ja doch kein Mensch. (Große Heiterkeit.) Wir dürfen aber unseren Zorn nicht allein über Noske ergießen. Er hat nichts anderes cruärt, als was andere Parteigenossen im Reichstage auch gesagt haben. (L-ehr richtig.) Noske istein- fa ch das O ps e r seines Glaubens an Bebel geworden. (Große Heiterkeit.) Wenn man Noske so scharf l-ernimmt, dann sollte man auch den Mut haben, den Abg. Bebel zur Verant­wortung zu ziehen. (Beifall und Lärm.) Rcichstagsabg. L e h- mann- Wiesbaden: Auch Bebel hat gesagt, wenn es gegen Ruß­

Kleines Feuilleton.

Hefter den Selbstmord des Kammer­sängers Buff-Gießen schreibt man aus Dresden: Die Passagiere des Samstag mittag einlaufenden Berliner Schnellzuges zeigten große Bestürzung. In einem Abteil zweiter Klasse, das nur von ihm allem besetzt war, hatte sich der von Berlin kommende Königl. Kammersänger Hans Buss-Meßen den Tod gegeben. Der berühmte Sänger hatte sich fast unmittelbar vor Ankunft des Zuges auf dem Dres­dener Hauptbahnhofe eine Revolverkugel in den Kopf ge­schossen; der Schuß hatte den sofortigen Tod des Sängers herbeigesührt. Die in den benachbarten Abteilen mit- fahrenden Passagiere hatten von dem Knall nichts vernom­men, erst als Dresden in Sicht kam und die Reisenden sich zum Aussteigen vorbereiteten, fand man den Sänger aus dem Polster hingestreckt, Neben ihm lag der Revolver. Man benachrichtigte das Zugpersonal, und als der Zug in Dresden ein lief, verständigte die Bahnhofsinspektion die Polizei, auf deren Veranlassung die Staatsanwaltschaft er­schien. Diese nahm an Ort und Stelle den Tatbestand auf. Ueber die Beweggründe verlautet nichts bestimmtes, doch wird versichert, dan pekuniäre Sorgen nicht die Veranlassung zum Selbstmorde oes Sängers gewesen seien. Man nimmt vielmehr an, daß ein vegmnenoes körperliches Leiden Den Künstler veranlaßt hat, sich das Leben zu nehmen.

Mahnruf an Aaulustige. Aus Anregung des

land gehe, dann sei auch er bereit, die Flinte auf den Buckel zu nehmen. (Lebhaftes hört, hört.) Noske ist also nicht ein so schwerer. Verbrecher. Er hätte freilich der Mißdeutung seiner Rede mit einer öffentlichen Erklärung entgegentreten sollen. Neichstagsabg. Ulrich- Offenbach: Ich habe von der Rede Noskes nicht den Eindruck gehabt, den dieLeipz. Bolksztg." gezeigt hat. Ich gestehe es ganz offen, daß es bei derartigen Ausführungen zum größten Teil auf die Art des Vortrages! stnkommt. Der Ton macht die Musik. Die Noskesche Rede war nicht im geringsten zu deuten als eine Aendcrung in unserer Stellung zum Mili­tarismus. Die historische Gelehrsamkeit des Dr. Lenz möchte ich mir nicht zu eigen machen. (Sehr richtig.) Wer sagt ihm denn, daß wir nicht einmalJien Schießprügel gegen Rußland in die Hand nehmen müssen. (Sehr gut.) Alle Achtung vor jedem Doktor (Heiterkeit), aber Lenz hat den Befähigungsnachweis für den Doktor nicht dadurch erbracht, daß er sich in politischen Prophezeiungen übt. (Heiterkeit). Die Art der Politik in d e rL e i p z. V o l k s z t g." ist nachgerade zum Skandal geworde n. (Beifall und Widerspruch, lärmende Zwischenrufe). Man darf nicht den Worten Begriffe unterlegen, die der Redner nicht im Auge gehabt hat. (Beifall und Lärm, Ulrich wendet sich zu den Lärmenden): Es ist Ihr Recht anders zu denken, ich lasse mir aber mein gutes Recht nicht nehmen. (Beifall und Lärm.) Wenn wir anfangen alles auSzulegen und alles mög­liche zu unterstellen, dann sind wir eien fertig. (Beifall und großer Lärm, verschiedene Genossen schlagen mit den Fäusten erregt auf die Tische, Ledebvur stürzt zur Vorstandstribüne und meldet sich erregt zum Wort.). Dic selbsAndige Gewährleistung des vaterländischen Bodens isk iür die Sozialdenwkratie selbst­verständlich. Wer anders denke, nmsse mit Schimpf und Schande aus der internationalen Sozialdemokratie ausgeschlossen werden. (Beifall und großer Lärm.) Ledetv ur: Noske hat nicht als Fraktionsreduer gesprochen, also kann man seine Ausfüh­rungen auch nicht der Partei an die Schöße hängen. Gegen den Vorschlag eines Kolonialrats wende ich mich mit aller Ent- schieoenheit. Wie haben mir immer gehöhnt über die bürgerlichen Spritzfahrten nach den Kvlonieen. (Sehr richtig.) Da können wir unmöglich selbst solche einsühren. Wir werden auch ohne diesen Kolonialrat gegen die jetzige schändliche Kolonialpoli- t i k mit Erfolg kämpfen.1 (Lebhafter Veisall.)

Reichstags.wg. Stadthagen »leigt auf die Rednertribüne. Der Saal beginnt sich zu leeren. Er wendet sich gegen die Ein­schränkung der freien Kritik, von u>elcher Seile sie auch komme. Neichstagsabg. No s ke-Chemnitz verteidigt sich iwchmals gegen die gegen ihn gerichteten Angriffe. Dr. Karl Liebknecht: Noske hat gerechten Anlaß zur Klage gegeben. Im Parlament muß jedes Wort auf die Wage gelegt werden. Der Grundton der ^Noske'schen Rede war di.e starke Betonung der Notwendigkeit einer starken Rüstung. Wollen wir denn nicht den Sol­daten den K a s e r n e n d i e n st verekeln? Gibt es einen Sozialdemokraten, der daS nicht tut? Darauf stützt sich ja unsere ganze antimilitaristische Agitation. Es fragt sich nur, wie daS am besten geschehen kann. Wo fangen mir aber sonst unsere Kämpfe gegen den Militarismus an, wenn nicht bei der Untergrabung derDisziplin-

ReichstagSabg. Dr. David-Mainz: Warum hat die Frak­tion, die jede Woche zusaimnentr^lt, an Kioske keine Ktitik geübt? Warum richtet man den Swß nur gegen Noske und nicht gegen Bebel? Warum hat Liebknecht sich das gesck-enkt? Warum fordern wir ein Vollsheer, doch nicht uni daS Land wehrlos zu machen? Noske sprach nur von frivolen Angriffen und selbst Bebel hat erllärt, daß er noch den Schießprügel auf den Rücken nehmen loürde, nicht nur gegen Rußland. Darum sollte man mit 9doske nicht so scharf ins Gericht gehen.

Darauf wurde die Diskussion geschlossen.

legt. Diese 98 Entwürfe sind sowohl hinsichtlich des ge­fälligen Baustils als auch ihrer Einfachheit und Billig reit wegen zur Ausführung sehr geeignet. Alle Baulustige und Bauunternehmer des Kreises läßt die 5treisverwaltmigl bitten, diese Entwürfe durchzusehen und nach Möglichreü praktisch zu verwerten. Möchte dieser Mahnruf nicht nur im reizend gelegenen Biedenkopf und dem ganzen wälder- reichen Hinterlande, sondern auch bei uns zu Lande Beach­tung finden und die plan- und gedankenlose Errichtung häß­licher Bauten verhindern! Für den Bau von Wohn­häusern in den Gemeinden des märkischen Kreises Niedet- barnim wird soeben ein Wettbewerb ausgeschrieben, der vier Gruppen umfaßt: 1. Toppelwohiihaus. 2. Einseitig angeb-autes Wohnhaus. 3. Freistehendes Wohnhaus. 4. Zwei Fronthäuser im Gebiete der geschlossenen Bauweise. CS sind im ganzen neun Preise von insgesamt 6400 Mark aus­gesetzt.

Heirats-Weisheiten der Stubaital Leute. In einem Feuilleton derN. Fr. Pr." verösseubi licht llniversütätsprvjtffor Minor Häuser- und <üraufjci'rij- ten, die er in Fulpmes und Umgebung im Sutbaitale ist Tirol fand. Auf einem Hause steht zu lesen cm

Mann heiratet, so muß er haben: 1. ei ftreitf

er viel durch die Finger felgen kann; 2. einen g.when Hu-s, damit er viel schlucken kann; 3. eine feste Leber, weil viel darüber kriecht; 4. ejn, steinhartes Herz, damit er dw Stich uU gspürt."

gestalten. Beim Militär haben iuii d .

lingk der herrschenden Klassen und dieGemeinen", wie man sie schnöderweise nennt, als gehorsame l Unterdrückung des Volkes im Falle der Eöesahr. Wir brauchen uns aber keine Mühe zu geben, die Disziplin dieserGemeinen" gegenüber d,en Söldlingen der bürger­lichen Gesellschaft, den Ossizieren, zu lockern. Das be­sorgen unsere Gegner schon selbst. (Beifall.)

Dr. Karl Liebknecht (mit Unruhe empsuugen): Tie Wehrkraft ist von unserem Standpunkt aus etwas anderes als vom Standpunkt des jetzigen.Militarismus. Mir be­kämpfen den Kasernendrill, vom Reoolutioiiiereu in teil Kasernen habe ich nichts gesagt, es handelt sich darum, die Soldaten unbrauchbar zu machen als ioillige Elemente des Kapitalismus ihr Leben einzusetzen. (Beifall.) Gmo ll- Essen wendet sich gegen die Kanonensirma Krupp und ihre Pensionskassen.

Inzwischen war Bebel erschienen und nahm alsbald das Wort: Die ganze Fraltiou unterstehe in ihrer Tätig­keit der Kritik ihrer Parteigenossen und keiner entziehe sich dieser Kritik. Die Rede Noskes ist in der Fraktion in keiner Weise kritisiert worden (lebhaftes hört! hört!). Eine ganze Reihe von Ausführungen Noskes sind von uns zu­stimmend ausgenommen worden, wenn ich auch nicht jedes Wort unterschreibe. Noskes Rede war nicht gerade welt- bedeutend, aber jedenfalls war sie als Jungfernrede ganz gut. Man kann nicht immer nur gute Reden halten, man wiederholt sich auch einmal. Die heutige Rede der Ge­nossin Zetkin war z. B. auch nicht befonders (große Heiter­keit). Was aber unser Vaterland anlangt, jo wollen wir es zu einem Lande machen, wie es sonst nirgends in der Welt da ist. Die Frage, wie wir uns im Kriege verhalten, muß von Fall zu Falt gelöst werden. Mein Ausspruch von der Flinte, die ich als alter Kerl noch auf die Schulter nehmen will, bezog sich nur auf Rußland, weil durch das russische Zarenrum der bei uns herrschende Kapitalis­mus die stärkfte Unterstützung findet. heute hier über den inneren Feind gesagt worden ist, das habe ich schon hundertmal gesagt, es ist nicht mein Geschmack, mich immer zu wiederholen. (Vereinzelter Beifall.)

In der weiteren Debatte führt v. Vollmar aus: Die Noskesche Rede war in allen wesentlichen Teilen voll­kommen korrekt. Nahezu bei jedem Satz heißt es im steno­graphischen Bericht:Beifall bei bep Sozialdemokraten". (Lebhaftes hört! hört!) Wir haben immer den Unterschied hervorgerufen zwischen unserem Patriotismus und dem des Kapitalismus. An dem Kampf mit dem Militarismus müssen wir mit äußerster Vorsicht Herangehen. Wir treiben von jeher Antimilitarismus. Die deutsche Sozialdemolvatie war in dieser Beziehung geradezu vorbildlich. Wir wollen die uns zugängliche Jugend bearbeiten, aber nicht mit Redensarten, sondern, indem wir ihr Bildung nach jeoer Richtung hin beibringen. Wir müssen das Gefühl der Jugend erwecken, damit sie sich beim Militarismus nicht als Sklaven betrachten, sondern, daß sie auch im Soldaten­rock ihre Bürgerrechte ausrechterhalten. (Beifall.) Reichs- tagsabg. David- Mainz erklärt zunächst, daß die Aus­führungen Klara Zetkins durchaus nicht am Platze ge­wesen wären. Klara Zetkin habe sich wieder einmal ver­rannt. Die slritik an den Reichstagsreden wolle er schon um deswillen nicht einschränken lassen, damit auch die Rede Stadthaaens kritisiert werden könne. (Gr. Heiterk.) Wenn Liebknecht sagt, man müsse den Soldaten den Militär­dienst verekeln, so müsse das aufs schärfste zurückgewiesen werden. Wenn wir das tun wollen, dann dürfen wir nicht! die Soldatenmißhandlungeii bekämpfen, denn durch diefe wird den Soldaten das Leben verekelt. Dann dürfen wir auch nicht eine Erhöhung der Löhne fordern. Ein An­trag aus Schluß der Debatte wirb aftgelehnt. Reichs- tagsabg. Ledellour weist nochmals darauf hin, daß Noske die Abstempelung als Musterpatriot durch die bürger­liche Presse sich habe ruhig gefallen lassen. David habe in geradezu unglaublicher Weise die Sachlage entstellt. Es sollte damals in Deutschland Stimmung gemacht wer­den für einen Krieg mit England. Die angeblichen Ein­kreisungsideen und Angrifsspläne haben damals die bür­gerliche Presse beschäftigt und anderer dummer Schwiuoel mehr. David zeige bereits einen ganz bür­ge r l i ch e u I d e e n g a n g. (B^if. u. Lachen.) Kantst h- Berlin: Nicht der Gesichtspunkt, ob es sich um einen An­griffs- oder Verteidigungskrieg handelt, darf für uns maß­gebend sein, sondern der, oft irgendwelche proletarische Interessen auf dem Spiele stehen, so sei z. B. ein Krieg um Marokko nicht das Blut eines einzigen Proletariers wert, auch nicht, wem: es sich um einen Angriffskrieg! handele. Aus dem Stuttgarter Kongreß habe es sich gezeigt, daß die deutschen Sozialdemokraten ihren internationalem Pslichteneberll^^iacHkommem

General-Anzeiger für Gberheffen

Katholikentage herabsinken. (Beifall.) Zwischen un­serem Patriotismus uno dem Patriotis­mus der herrschenden Klassen existiert kein Unterschied des Grades sondern ein Unter- lchied des Wesens. (Die Rednerin spricht sich immer mehr in leidenschaftliche Erregung hinein, wild schlägt sie mit der Faust auf das Pult, während ihre Stimme jortwährend riberschnappt. Zahlreiche Genossen, und vor allem die weiblichen, jubeln ihr nach jedem Satze Beifall.) Wir müssen ihn von innen heraus bekämpfen; wir müssen dafür sorgen, daß unsere Jugend erst in die Kasernen kommt, nachdem ihre Köpfe bereits eine sozialdemokratische Erziehung genossen haben. Wir müssen die Jugend sozial­demokratisch erziehen, damit sie schon, wenn sie ins Heer kommt, zur Partei gehört. Dann ist auch das Heer unser. (Lebhafter Beifall.) ReichstagSabg. Stadthag en: Wir wollen nicht den Soldaten den Militärdienst vereteln, dem ihnen den Dienst angenehm und menschenwürdiger