Somit kündigt der Verband des russischen Volkes einen großen Monarchistischen Feldzug an.
In Odessa herrscht unter den Juden Panik. Die jüdischen Geschäfte sind sämtlich geschlossen und die Juden haben sich in ihren Wohnungen verbarrikadiert. Es fanden 1500 Verhaftungen statt. Truppen marschieren unaufhörlich die Straßen auf und ab.
Nach der offiziösen Petersb. Tel.-Ag. wurde im Lager von Syretz bei Kiew beim Regiment Sclerginsk ein Meutereiversuch gemacht, der jedoch durch geeignete Maßnahmen unverzüglich vereitelt wurde. Ferner meuterte im Sappcurlager Banhcwka das Sappeurbataillon Nr. 21, wurde aber nach einem Feuergefecht entwaffnet und durch die anderen Sappeurbataillone zum Gehorsam gebracht. Ein Offizier wurde bei der Erfüllung seiner Pflicht getötet. In der Stadt ist alles ruhig. — Ter „Voss. Ztg." werden über diese Soldatenunrnhen folgende Einzelheiten gemeldet: 500 Soldaten des Gcniebatailtons bemächtigten sich nachts des Zeughauses, erbeuteten scharfe Patronen und gaben Salven in die Lust ab. Von den Soldaten wurden 60 v c r- wundet und 250 verhaftet. 98 Personen, welche den Generalstreik in Kiew hatten vorbereiten helfen, wurden ebenfalls verhaftet.
Acht Dragonerregimenter werden aus dem Militärbezirk Polen nach dem Wolga-Gouvernement gesandt, um dort Agrar- unruhen zu unterdrücken. Ferner werden aus Warschau mehrere Truppenteile nach Zarskoje Sselo abgehen. Im Ganzen verlassen 9100 Mann der berittenen Truppen den Militärbezirk Polen.
Au-Land.
London, 18. Juni. „Daily Mail* meldet aus Paris, Zwischen Japan und Großbritanien bestehe ein unver- ,öffentlichtes A b k o m ni c n , wonach Großbritanien die Bereit- Willigkeit ausdrücke, zum Schutz der französ. Besitzungen in Asien Hülfe zu leisten, falls die japanischen Schiffe anderwärts beschäftigt feien.
— Daß der Berliner Besuch den Lord Mayor Sir W. P. Treolar nicht erinüdet, geht aus einem langen Drahtbericht an die Daily Mail hervor, worin Londons Stadloberhaupt -Berlins Stecht aiierkennt, für die ganze Welt als Al u st e r einer großen Gemeindeverwaltung angesehen gn werben. Weder London noch Paris halten den Vergleich mit Berlin aus in architektonischer Pracht, strahlender Frische und moderner Vollendung. Beim Bestich der Volksschulen machte der praktische Patriotisinns, der im Absingen nationaler Lieder seinen Ausdruck findet, einen liefen Eindruck auf den Lord Mayor uiid er bewunderte die großartige städtische Badeanstalt mit Schwimrn- bäder. Im Realgymnasium niachle er die Entdeckung, daß die deutsche Erziehung gleichzeitig sür Körper und Geist sorgt. Berlins neueste Errungenschasl, das städtische Virchow-Krankenhaus, spotte in Ausdehnung und Ausstattung aller Beschreibung. Nur in den teuersten Privatkrankenhäusern Englands finde man solche chirurgische Ausrüstung. Hätte Berlin nichts Anderes aufzuweisen, als dieses für die Aermsten eingerichtete Krankenhaus, so würde schon 'darum die ftaiferftabt unvergänglichen Ruhm verdienen.
Haag, 18. Juni. Der Präsident der Friedenskonfe- srenz, Nelidow, empsing heute eine Abordnung der internationalen Frauenvcrbände, welche ihm eine Adresse überreichte. Namens der deutsäien Frauenvereinigungen ist die Adresse von Frau Stritt unterzeichnet. Die Adresse spricht sich ,sür den Frieden und das Schiedsgerichts wesen aus, fleht den Segen des Himmels auf die Verhandlungen der Konferenz herab und drückt den Wunsch aus, die Konferenz möge Mittel finden, welche die Völker in den Stand setzen, sich in allgemeiner Brüderlichkeit und in allgemeinem Wohlwollen zu nähern. Nelidow versprach, die.Adresse der Konferenz zuzustellen.
—> Nach dem bisherigen Ergebnis scheint es ausgeschlossen, daß England die Frage der Rüstungs-Beschränkung morgen anschneiden wird. Die Sache bleibt noch auf unbestimmte Zeit vertagt. Bourgeois erwiderte dm Besuch des Freiherrn v. Marschall. Zwischen den deutschen und französischen Bevollmächtigten herrscht vollstes Einverständnis.
Paris, 18. Juni. In der heutigen Sitzung der Deputiertenkammer erhielt die Negierung bei der Abstimmung über die Frage, ob die südfranzösischen Wirren sofort oder dem Wunsche ber Regierung gemäß erst am Freitag zur Verhandlung gelangen sollen, eine Mehrheit von 254 Stimmen. I a u r 6 s erklärte, es würde unklug sein, der Regierung die Vollmacht zur Verfolgung der aufsässigen Winzer zu erteilen. Wir gestatten der Regierung nicht, uns auf den Weg des Bürgerkrieges zu führen. Hierauf erwiderte Clemeneeau, wir müssen die Hindernisse niederwerfen, die sich der Vollstreckung der Gerechtigkeit entgegenstellen. Ich habe einfach die Staatsgewalt zur Verfügung des Gesetzes gestellt. Soweit als angängig, möchte ich einen blutigen Konflikt vermeiden. Angesichts einer regionalistischen Regierung, die Entlassungen durch Schrecken erzwingen will, ist die Stunde der Anwendung des Gesetzes gekommen. (Langanhaltender Beifall.) R i b o t (Republikaner) erklärte, seit 37 Jahren habe man keine ähnliche Lage gesehen. Die Stunde sei ernst, alle Parteien müßten sich nm die Regierung scharen.
— Einem Abgeordneten aus N a r b o n n e ist ein Schreiben sugegaugen, das besagt, in den Straßen seien Barrikaden errichtet. Namentlich seien die Frauen sehr erbittert Radfahrer streifen in der Gegend umher, um die Winzer- Bevölkerung zum Widerstande aufzufordern.
Narbonne, 18. Juni. Unweit Coursan sind die Eisenbahnschienen aufgerissen und die Telegraphen- drähte zerschnitten worden. Zur Reparatur entsandte Arbeiter sowie ein Staatsanwalt und ein Untersuchungsrichter, die sich nach den betreffenden Stellen begeben hatten, mußten umkehren.
Wien, 18. Juni. Wie die „Wiener Alla. Ztg." von zuverlässiger Quelle erfährt, wird int Laufe dieses Sommers zwischen dem, König von England und Kaiser Wilhelm eine Zusammenkunft stattfinden. König Eduard hat den deutschen Kaiser formell eingeladen, ihn zu besuchen. Der Kaiser bat die Einladung angenommen. Ein genauer Termin des Besuches ist noch nicht festgesetzt. Ferner verlautet, daß König Eduard im Herbst dem Sultan in Konstantinopel einen Be - such abstatten wird und daß ebenso Kaiser Wilhelm den Sultan danach besuchen wird.
gestern eine Sitzung ab und hat dem Vernehmen nach gegen die in der neuen Wahlgesetzvortage enthaltenen Erweiterungen der Budgetrechte der 1. Kammer Stellung genommen.
* * Treue 2ienstc. S. K. H. der Großherz o g haben dem Bauschätzer Karl Berg zu Friedberg das Allgemein^ Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für langjährige treue Dienste" verliehen.
* * Der Ernst Ludwig-Verein, Hessischer Zentral- 9$ercin für Errichtung billiger Wohnungen, hält seine Haupt-Versammlung am Donnerstag, 27. Juni, Dorrn. IOV2 Uhr im Saalbau zu Darmstadt ab. Auf der Tagesordnung steht u. a. „Die Ausgestaltung der Bauordnungen und Bebauungspläne, unter besonderer Berücksichtigung des Kleinhauses". (Referent : Ober- und Geheimer Baurat Dr. ing. Stübbenin Berliu- Grunewald.)
* * Im 3. Abonnementskonzert unserer Regiments- Kapelle wird man am nächsten Donnerstag den Kaiserlich russischen Cornet ä Piston-Virtuosen Oskar Böhme aus St. Petersburg hören können. Böhme ist nach den Urteilen der Fachpresse einer der bedeutendsten Vertreter seines Instruments und die Kritik rühmt an ihm seine unfehlbare Technik und seine warme gemütvolle Cantilene. So schreibt z. B. der „Rhein. Kour." in Wiesbaden:
Die Kurdirektion hat auf vielseitigen Wunsch das bis Ende August berechnet gewesene Engagement des Künstlers noch um einen Monat verlängert. Bei diesem Anlasse glauben wir nicht unterlassen zu sollen, den Leistungen des Herrn Böhme mit einigen Worten näher zu treten, denn sie verdienen es ge : im Verein mit einem edlen Ton verfügt Herr B. vor al. über eine bewunderungswürdige und, was auf dem Cornet ü Pislvu viel sagen will, unfehlbare Technik. Die leichte Ansprache seines Tones im Piano und Pianissimo. weiß er bis in die höchsten Lagen gleich rein und tadellos zur Geltung zu bringen.
* * Daß Kalbe r auch gut schwimmen können, konnte man gestern vormittag beobachten. Einem Vich- transporteur entsprang auf dem Markt ein Kalb. Das Tier rannte in der Richtung zum Elektrizitätswerk, wo es Passanten aufhalten wollten. Es bog jedoch ab, sprang in die Lahn und schwamm munter auf das andere Ufer zu. Die goldene Freiheit währte jedoch nicht lange, der Bademeister der Äännerbadeanstatt war inzwischen auf einem Nachen hinterher gerudert, und einige Meter vom Ufer fing er das Kalb wieder ein.
□ Klein-Linden, 18. Juni. Die Vorbereitungen zum 25jährigen Jubiläum unseres Krieger-Vereins am 14. und 15. Juli sind im Gange und versprechen epi gutes Gelingen des Festes. Für da§ gute Einvernehmen der hiesigen Vereine spricht die Tatsache, daß sie sämtlich ihre Beteiligung am Feste zugesagt haben; der Turnverein wird das Fest durch turnerische Darbietungen verschönern, die Gesangvereine werden vaterländische Lieder vortragen, der Nadfahrerverein mit geschmückten Nädern und die freiwillige Feuerwehr in Uniform teilnehmen. Auch die Jungfrauen des Dorfes haben sich zusammengetan, um dem Kriegerverein ein wertvolles Angebinde zu stiften. Ueber- haupt nimmt die ganze Gemeinde lebhaften Anteil am Feste. Von den benachbarten Kriegervereinen haben bis jetzt schon 15 ihre Teilnahme zugesagt, darunter auch solche aus den benachbarten preußischen Orten. Dem Verein wird am Festtage auch die Kaiser schleife überreicht werden.
— Grünberg, 16. Juni. Rektor Angelberger von der hiesigen höheren Bürgerschule ist zu einer 8 wöchigen Uebur.g als Vizewachtmeister zum 25. Feldartillerie-Regiment in Darmstadt cinberufen worden. Während dieser Zeit wird an seiner Stelle Lehramtöreferendar Dr. Rücker von Gießen als Lehrer hier tätig sein.
□ Büdingen, 18. Juni. Der Marktplatz, das Zentrum der Altstadt, in unmittelbarer Nähe des Schlosses, soll mit Hülfe des Staates renoviert und in seiner ehemaligen Form wieder eingerichtet werden. Der fast ganz verschüttete „Küchenbach", ein Graben, in den ehemals die Abwässer stossen, soll ebenfalls wieder hergestellt werden mit den Brücklein, die über den Küchenbach hinweg die Häuser mit dem Marktplatz verbanden. Der Marktplatz mit seinem kunstvollen alten Marktbrunnen und seinen alten Bauten wird nach der Wiederherstellung wohl einen der schönsten Teile unseres Städtchens abgeben. Laut Beschluß des Gemeinde- rats soll auch das alte Rathaus einen Umbau erfahren und zwar soll der untere Raum nach Angaben des Denkmalpflegers für Oberhessen in einen Festsaal verwandelt werden. Die Unterstützung des Staates steht auch hier in Aussicht.
b. Bad-Nauheim, 18. Juni. Einen jammervollen Anblick gewähren die Obstbäume, insbesondere die Aepfelbäume in unserer Gemarkung, der Gemarkung Rädchen, und dem nördlichen Teil der Gemarkung Dornheim. Die Raupenplage ist in diesem Jahre so stark aufgetreten, wie noch nie zuvor. Ist es doch gerade, als wenn ein heißer Wüstenwind die Gegend heimgesucht hätte, denn alles sieht wie versengt aus. In der Feldgemarkung ist kein Baum, an dem man nur einen Apfel erblicken könnte. Es wird dieses Jahr den größten Besitzern schwer halten, ihren .Hausbedarf zu decken.
—m. Friedberg, 18. Juni. Bei den Ausschachtungsarbeiten an dem Neubau des Herrn Adolph Diehl wurden weitere Nömcrfunde «gemacht. Ein Töpferofen, der aus vorchristlicher Zeit stammt, wurde in einer Tiefe von cirka 2 Metern gefunden. Leider liegt er unter einem alten Bau, sodaß man ihn ohne Gefährdung des Gebäudes nicht bloslegen kann. Dennoch wurden sehr wertvolle Sachen gesunden, und zwar Töpfe, Krüge, Urnen, Tonbilder, Figuren, anscheinend römische Götter darstellend, usw. Sämtliche Funde wurden dem städtischen Museum überliefert. —
W. D a r m st a d t, 18. Juni. Der ErbgroßHerzog und die ErbgroßHerzogin von Baden statteten heute mittag dem Großherzogspaar auf Schloß Wolfgarten einen Besuch ab und kehrten im Laufe des Nachmittags nach Karlsruhe zurück.
Frankfurt a. M., 18. Juni. Der frühere Gesangslehrer A n d r i e s s e n, der Vater der Frankfurter Primadonna Greef-Andriessen, der aus Liszts Weimarer Zeit sehr bekannt war, ist hier gestorben. — Ein älterer italienischer A r b e i te r wurde gestern abend in der Nähe der Ei>enbahnbetriebs-Werkstätte von einem Sch ne i l z u g e erfaßt und getötet. — Ein 18jühriges D i e n st m ä d ch e n erhängte sich aus Liebeskummer in einem Haufe der .Herman.istraße. — Gestern vormittag stürzte sich die o rau eines Bankte vA in. einem An falle von Irrsinn aus dem ersten Stock ihrer Villa. Der Tod trat sofort ein.
h. Frankfurt a. M., 18. Juni. Im zoologischen Garten wurde heute der 13. Verbandstag mitteldeutscher Bäckerinnungen eröffnet. Vertreten find 26 Innungen mit 1700 Mitgliedern. Die Handwerkskammern Darmstact und Wies^asen haben Delegierte cnlfenoe.. Die Regierung ifi dura) Regierungsrat Wolfs-Wiesbaden vertreten. Naa.) den Begiü^migsaniprachen erörterte Bäcker
meister Bilsing-Kässel' die Ge se tle nv e w e g un g im Bücke rgc werbe. Ueber die am 1. Juli d. I. in Kraft tretende Bäckerei-Verordnung referierte der Obermeister der Frankfurter Bäckerinnung A. Trißler. Tas Gebiet der gewerblichen Fragen behandelte der Vorsitzende F. Binzer- Frankfurt. — Die Stadtverordne en genehmigten auf Grund des Gesetzes vom 4. Juni 1903 ein Ortsstatut, um die Wallanlagen dauernd vor der Bebauung zu schützen.
h. Frankfurt a. M., 17. Juni. In der Nacht zum Sonntag kam es in der inneren Stadt zu sch werenZu- sammenstößen, sodaß das 3. Revier von anderen Revieren Hilfe herbeiruscn lassen mußte. Gegen i/2ll Uhr kam der Schlosser Heidel mit mehreren Kollegen in eine Wirtschaft in der Gelnhäusergasse. Es kam bald zu einem Wortwechsel, der sich auf der Straße forlsetzte. Eine große Menschenmenge sammelte sich an, sodaß der Schutzmann keine Ordnung schaffen konnte. Er rief deshalb Verstärkung herbei. Die Menge versuchte den Schlosser Heidel, der verhaftet lverden sollte, den Schutzleuten wieder zu entreißen. Die Schutzleute gingen nunmehr gegen die Menge mit blanker Waffe vor. Mehrere Per,onen wurden verletzt, darunter der Haupträdelssührer, der Schlosser Heidel. Er erhielt 4 Säbelhieve über den Kopf und den Rücken, die ihn schwer verletzten. Auf der Unfallstation, wohin man ihn brachte, benahm er sich so wütend, daß die Beamten ihn in eine Irrenanstalt bringen mußten.
(a.) Sinn, 18. Juni. Unser großes Jndustriedorf wird nunmehr ein selbständiges Pfarrdorf. Es war bisher der nahen Stadt Herborn angegliedert. Die neu begründete Pfarrstelle wird zum 1. August durch Pfarrer Enke von Schönbach (Dilltreis) besetzt.
n. Naunheim, 18. Juni. Zu dem am letzten Sonntag hier abgehaltenen 25 jährigen Stiftungsfest unseres Kric- g er Vereins waren Herr Lvndrat v. Heimburg aus Biedeit- wpf und 16 auswärtige Kriegervereme erschienen. Bürgermeister Kern dankte den zahlreich Erschienenen. Landrat v. Heim-- d u r g überreichte dem Verein die Kaiserschleife mit Naget, indem er auf die hohe Bedeutung der Kriegervereine hinwtes. Auf den herrlich gelegenen Lahnwiesen entwickelte sich dann ein munteres Treiben, das mich durch den wiederholt niedergehenden Regen nicht, besonders gestört wurde.
""Kleine tut 1 r i c 11 n n g e n aus H e s se n und den N a ch b a r ft a 0 t e n. In Schadeitbach wurde dieser Tage der Grundstein zu einer neuen Kirche gelegt. — Der 66 Jahre alte Landwirt Kaspar Schneider in angd glitt beim Absteigen vom Wagen aus und verunglückte tödlich. — Seit Sonntag abend wird der 60 Jahre alte Bahnwärter Jakob Krapp in Vilbel vermißt. Alan vermutet, daß dem Manne auf dem Wege nach seiner Dienststätte ein Unglück zugestoßen ist. Alle Nachforschungen nach ihm waren bisher ohne Erfolg.
Eine freiwillige Feuerwehr als Brandstifterkorps.
Freiberg i. Sachsen, 18. Juni. Ein Brandstiftungs- Prozeß von ungewöhnlichem Umfang beschäftigte das hiesige Schwurgericht. Es handelte sich um sechs Fälle von Brandstiftung m dem etwa 2100 Einwohner zählenden StädtcherrSiebenlehn bei Nossen, wo von 1896 bis 1906 insgesamt 43 Brande zu verzeichnen waren, bei denen 65 Häuser cingeäschert wurden. Obwohl man bei all diesen Fällen Brandstiftung vermutete, brachte doch erst im Herbst v. I. em Brandstistungsprozeß gegen den ProdMtenhändler Päßler in Siebenlehn, der damals zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, nähere Aufklärung. Durch einen Zeugen Greif, der jetzt selbst zu den Angeklagten gehört, wurde ermittelt, daß es meifl Al 11 g t i e d e r d e r F r e i w i l l i g e n F e u e r w e h r von Siebenlehn waren, die unter Führung des Feuerwehr-Hauptmanns Kaufmann Zetschte und des Bürgermeisters von Siebenlehn Barthel, der als Brandmeister fungierte, zahlreich e B r a n d st i ft u n g en verübt hatten. Nun erfolgten zahlreiche Berhastungen und m der letzten Schwtirgerichtsperiode wie auch in der jetzigen sind bereits mehrere dieser Brandstifter zu schweren Strafen verurteilt worden. Reue Verdachtsgründe, die sich dabei herausstellten, führten zu weiteren VerhaUnngen, sodaß noch eine ganze Anzahl von Brandstiflungs- und Meineibsprozessen, die im Zusammenhang mit der Sache stehen, in den nächsten Schwurgerichtsperioden folgen werden. Zweck der zahlreichen Brandstlftuiigen war es, die Stadt zu einem großen Teil wieder neu aufzubauen. Das Löschen wurde von der Feuerwehr meist nur markiert, man riß bei den Bränden absichtlich Nebengebäude ein, durch brach die Brandmauern der Nachbarhäuser und durch Hinemwerfen von brennenden Balken -c. setzte man auch diese in Brand. Von anderen Orlen herbeigeeilte Jetierwehren suchte man am Löschen zu verhindern, man zerschnitt ihnen die Schläuche und hielt sie vom Brandplatz möglichst fern. Die Häuser und das fDlobiliar wurden meist viel zu hoch versichert, was vom Bürgermeister möglichst begünstigt wurde. Die Freiwillige Feuerwehr von Siebenlehn hatte schließlich den Spitznamen „Verschönerungsverein" erhallen. Ueberdies henützte ein Teil der Feuerwehrleute die Brände zu allerlei Raub- unb Plünderungszügen und später mußten die Abgebrannten in der Regel für die Feuerwehr noch Schmäuse und Gelage ausrichten. Als nach einem Feuer im Jahre 1906, dem sieben Häuser zum Opfer gefallen waren, der König von Sachsen 500 Mk. aus feiner Privalschatulle spendete, wendete Bürgermeister Barthel davon auch den Brandstiftern eine Belohnung zu. Ja, einer der Hauptangc- klagten, Wirlschaftsbesitzer Neudel, gelangte sogar in den Besitz des Feuerivehr-Ehrenzeichens! Ein als Zeuge vernommener früherer Gendarm von Siebenlehn bekundete, daß es dort nie möglich gewesen sei, die Wahrheit festzustellen, denn alles hielte dort zusammen wie Pech und Schwefel. Andere Sengen stellten fest, daß fedes Durchbrechen der Verschwiegenheit in Siebenlehn über diese schier unglaublichen Zustände den wirtschaftlichen Ruin der Ausplauderer zur Folge gehabt haben würde. Nur so ist es einigermoBcn zu erklären, daß nicht eher Aufklärung erfolgte. Im ganzen waren 94 Zeugen abzuhören. Ein Zeuge bekundete, daß bei einem Brande Bürgermeister Barthel in eigener Person eine brennende Petroleumlampe unter den Ladentisch geworfen habe, offenbar in der Absicht, den Brand noch m ehr a n z u s ch ü r e n. Der frühere Feuerwehrhauptmann Klanß, der ebenfalls als Zeuge abgehört wurde, blieb luegen des Verdachts der Mittäterschaft unvereibigt. Er hat sich bann am folgenden Tage durch Erhäiigen bas Leben genommen. Zetzschc, Straube und Kaden erhielten je 3 Jahre und 6 Monate Zuchthaus und vier weitere Angeklagte Gefängnisstrafen von 7 Monaten bis zu 5V, Jahren. Fünf Angeklagte wurden freigesprochen.
Die Hauptversammlung des Deutschen Privatbeamten-Bereins tagte am 16. und 17. Juni tu Go t h a. Tirektor -Schmelzer sprach über die Stellungnahme des Vereins zur st aa t l t chen Reg e - lung der Pensions- und H in te r b l ie be ne n - Ve r s i Ä e r u n g für Pr ivatbea m t c. Am Schlüsse seines Vortrages brachte er nachstehende Resolution:
„Tie Hauptversammlung erklärt sich für baldige Einführung einer staatlichen Pensions- und Hinterbliebenen-Versorgung für Privaibeamte. Sie setzt in die Staatsregierung das vertrauensvolle Erwarten, baß sich auch für die Privatbeamten eine Sicherung der Zukunft in den gebotenen Grenzen durch staatliche Maßnahmen ermöglichen laßt. Sie erblickt auch in einer staatlichen Regelung der Pensions- und Hinterbllebenen-Ver- forgung für Privatbeamte eine bedeutsame Förderung des Hauptvrogramms des Deutschen Privatbeamten-VcreinA, sowie einen Ansporn für die Privarbeamten zu einer Itäftigen weiteren. Betätigung ber zur Erlangung einer angemessenen und ausreichenden Sicherstellung nach wie vor unbedingt iwtivenbigeit Selbsthülfe und beauftragt die Hauptverwaltung, mitzuarbeiten an einer baldigen und klaren Lösung des Problems"
in Vorschlag, die einstimmig Annahme fand.
Ter Hcrzogl. Staatsminister Richter begrüßte die Versammlung. Geh. Ober-Regierungsrat Dr. Hofsmann sprach namens des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 19. Juni.
** Ein neuer Roman beginnt heute in den „Gießener Familienblättern" zu erscheinen, auf den wir unsere verehrlichen Leserinnen und Leser besonders aufmerksam machen. M. Pro ß n i tz schildert in dem Roman „Funken unter der Asche" die Lebensschicksale einer unbemittelten adeligen Dame, die nach kurzem Glück nicht, allein auf den geliebten Bräutigam verzichten muß, sondern gleichzeitig auch durch den Tod ihres Vaters genötigt wird, fich ihren Lebensunterhalt als Hofdame an einem kleinen Hof zu verdienen. In spannender Weise schildert der Verfasser in dem Roman nun, wie sie nach manchen Irrungen und Wirrungen das Glück findet, daß ihr das Schicksal in ihren jungen Jahren versagt hatte.
* * Parlamentarisches aus Hessen. Der Finanzausschuß der 2. Kammer tagte'- am Dienstag und beschloß zu dem Antrag Ullmamt belr. die Bahnhoss- verlegung in V i l b e l am kommenden Dienstag eine Orts- besichtigung vorzunehmen. Ter Finanzausschuß hat ferner sämtliche V 0 r st e l l u n g e n der Brückenwärter, Hilfsgerichtsschreiber, Registratoren, Kanzleigehilsen, Schrech- gehilsen, Ministerialkanzlisten, Kanztei-Jnspektoren, Hochbauaufseher, Diener der Staatsbehörden und der Techu. Hochschule zur Beratung für den Herb,c verschoben. — Die narionalliberale Fraktion der 2. Kammer hielt


