141 Erstes Blatt L57. Jahrgang Mittwoch 19. Juni 1907
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Ale heutige Yummer nmfaßt 10 Seiten«
Dom neu n Dreibund.
Dir leben in einer Zeit der Bündnisse. Die Internat. Vereinbarungen Hausen sich dermaßen, daß man sich versucht suhlt, zu fragen, ob nicht gerade Deutschland, der um seine Sicherheit angeblich so besorgte Staat, der einzig ruhende Pol in der nervösen Flucht dieser Erscheinungen ei. Es wird soviel an „gegenseitigem Besitzstand garantiert", )aß die Delegierten im Haag mit ihren Bemühungen um chiedlich-sriedltches internationales Leben sich einigermaßen überflüssig Vorkommen müssen. Wenn nicht der eigentliche Zweck aller dieser durch England inspirierten Verträge ist, einen gewaltigen, bis lauf den Lebensnerv gehenden Schlag geaen den Weltmachtorganismus Deutschlands vorzubereiten, dann haben diese Verträge keinen Sinn, denn sie sichern sonst gegen Angrifssmögtichkeitcn, mit denen nach Lage der Verhältnisse und nach mensch- sichern Ermessen nicht zu rechnen ist.
Wer in aller Welt soll denn Englands, Frankreichs oder Spaniens Besitz im Mittelmeer, im Atlantik gefährden? Wer soll die Besitzgrenzen in Ostasien verschieben wollen? Deutschland ist uiiermeßlich weit entfernt von solchen Gelüsten, und Amerika hat so gründlich mit dem Prinzip territorialer Ausdehnung gebrochen, daß es nicht einmal mehr im Bereich seiner eigenen Hemisphäre auf Eroberungen ausgeht. Das natürliche Band zwischen den beiden englisch sprechenden Nationen ist auch zuverlässig genug, um das Land .Wnig Eduards der Notwendigkeit eines Vertragsabschlusses zu überheben, der sich gegen die transatlantische Republik richtet.
Nein, es mag in den Noten der durch die Vertrags- kette verbundenen Kabinette und in der entsprechenden inter- nat Presse hinsichtlich der Tendenz der Abmachungen nur immerhin beschönigt und beschwichtigt werden — unverkennbar sind in der vertragspolit. Struktur die „Polypenarme" Englands, die schon vor länger als hundert Jahren Schiller gekennzeichnet hat. Die Lebensadern des vermeintlichen Gegners zu umschlingen und einzuschnüren, dazu ist dem Jnselreich die Bundesgcnossenschast auch eines Staates wie Spanien nicht zu gering, unb der besondere See-Dreibund, in den letzteres ausgenommen ist, darf doch wohl als ausfälliger Beweis dafür gelten, wie systematisch England zu Werte geht. In diesem Zusammenhänge sei auch darauf hingewiesen, daß Spanien die Langmut Deutschlands handelspolitisch auf die Probe zu stellen wagt, wie kaum ein anderer Staat, und daß England nicht die mindesten Anstalten trifft, Handelsvertragsverhandlungen mit Deutschland in die Wege zu leiten.
Es ist eben alles wohlüberlegt, jedem seine Rolle zugeteilt, auch Italien, das allerdings in den wenig angenehmen Platz zwischen zwei Stühlen sich hineingedrängt sieht, nämlich zwischen Deutschland-Oesterreich und dem Weftmächte- Bund, wodurch es um ein gut Teil seiner politischen Schwerkraft gebracht ist. Tie Manner an der Themse sind eben wieder einmal früher aufgestanden, als Tittoni. Deutschland kann vorläufig ziemlich gelassen abwarten, ob es den Vertragsgenossen ringsum belieben wird, seinen Frieden zu stören.
Man schreibt uns aus Berlin:
Daß man in Berlin von Dem französisch-englisch- spanischen Vertrag nicht angenehm berührt ist, versteht sich von selbst. Tie Versicherung, der Vertrag habe „leine Spitze gegen Deutschland", gehört zu den immer wiederkehrenden diplomatischen Wendungen, die nachgerade jeden Wert verloren haben und fast als Ironie gelten können. Ebensolvenig wird hier die Beteuerung ernsthaft genommen, die Abmachungen enthielten keine militärische Vereinbarung. Als ob nicht bei allen solchen Verträgen in der hohen Politik neben den offiziell belannt- zugcbenden Abmachungen streng geheimzuhalteude getroffen wer-
den, die häufig den Hauptzweck der ganzen Uebereinkunst bilden. Davon abgesehen: die gegenseitige Beistandsleistung durch Heer und Flotte ergibt sich von selbst. Eine Beistandsleistung nur zur Verteidigung entspricht schwerlich den französischen und den englischen Anforderungen, die auf Sicherung für alle Fälle ausgehen. Eine Pariser Privatdepesche hebt mit Recht hervor, daß die Form einer englisch-spanischen und einer srauzösiich-spani- scheu Abmachung aus dem Grunde gewählt wurde, um den Charakter eines regelrechten Bündnisses zu verdecken. Trotzdem gehen die Bestimmungen über eine Allianz sogar hinaus. Beispielsweise können sich Frankreich und England der spanischen Häfen bedienen, wenn dies zweckmäßig erscheint. Die Londoner „Vlorningpost" zieht einen zutreffenden Schluß, wenn sie einen „dunkeln Hintergrund" in der auswärtigen Politik bemerkt, weil derartige Abkommen gewöhnlich nur geschlossen würden, wenn die Regierungen die Möglichkeit einer Friedensstörung befürchten. Die internationale Atmosphäre sei demnach nicht so ruhig und friedlich, wie man wünschen möchte Nach der Auffassung des Pariser Korrespondenten der „Voss. Ztg." ist es Deutschland allein, auf das die Abmachung Anwendung finden könne. Der marokkanische Handel habe gezeigt, daß Deutschland in Marokko Interessen hat und sie zu verteidigen gewillt ist. Deutschland könne in die Lage kommen, einer Forderung in Marokko Nachdruck geben zu müssen. Für diesen Fall sei offenbar der neue Vertrag bestimmt. Tie Auffassung hat manches für sich. Marokko scheint ja leider noch Jahr um Jahr in der großen Politik einen beunruhigenden Spuk treiben zu sollen. Aber allein gegen etwaige Absichten Deutschlands auf Marokko ist der neue Dreibund gewiß nicht geschlossen worden. Spanien stellt seine Dienste Frankreich und England für einen Krieg, den die eine oder andere Macht oder beide Mächte gemeinsani führen, zur Verfügung, und dafür wird Spanien der Ehre gewürdigt, Bundesgenosse zu sein, und, sofern es nicht zuviel kostet, gelegentlich auch von Den Größeren beschützt. Nicht klar ist wiederum die Stellung Italiens zu dem Mittelmcer-Abkommen. Eine Depesche aus Rom betont etwas ausfällig, daß Italien von den Verhandlungen von Anfang an unterrichtet gewesen sei. Die Frage liegt ziemlich nahe: Ist Italien vielleicht in der Stille „Ehrenmitglied" dieses neuen Dreibunds? Besteht vielleicht auch noch eine spanisch-italienische Vereinbarung, die jedoch, aus sehr begreiflichen Gründen, um keinen Argwohn zu erwecken, einstweilen geheim gehalten wird? Man braucht sich in Italien über die Vermutung nicht zu entrüsten. Denn Italien liebt solche stillen Vereinbarungen, wie sie ja vor der Marokko-Konferenz zur Ueber- raschiing Deutschlands zwischen Slom und Paris geschlossen wurden. Italien wird gewiß nichts Feindlick)eS im Schilde führen, aber es wül aus einem deutschen Kriege herausbleiben, und deshalb ist ihm jede Halbwegs geeignete Rückversicherung roillfommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt offiziös: Eine hiesige Korrespondenz hat kürzlich angekündigt, daß die Regierung demnächst mit der Forderung einer ganzen Reihe von neuen Steuern, über die sogar bereits nähere Angaben gemacht roerben, in Gesamthöhe von rund 250 Mill, an den Reichstag herantreten werde. Wir glauben demgegenüber uns auf die Feststellung beschränken zu können, daß zurzeit noch nicht einmal die Höhe des Deckungsbedarfs für 1908 ermittelt ist, und daß schon aus diesem Grundtz auch alle Mitteilungen über die an maßgebender Stelle wegen der Auswahl der Teckungsmittel angeblich bestehenden Absichten und die getroffenen Entichließungen in das Gebiet freier Erfindung zu verweisen sind.
Brunsbüttel ko og, 18. Juni. Ter Kaiser beglab sich heute abend mit Bürgermeister Tr. Möust.berg aus Hamburg u. a. nach der Lustyacht der Hamburg-Amerika-Linie „Dceana", wo er die Preisvericilung für die heutige Regatta vornahm, indem er den Siegern die Preise überreichte. Darauf fand an Bord der „Oceana" ein Festmahl des dtorddeutschen Regattavereins statt, bei welchem der Kaiser zur Seite Mönkebergs und des Generaldirektors Baltin saß. Im Verlaufe des Mahles brachte Tr. Mönieberg ein Hoch auf den Kaiser aus, worauf der K a i s e r antwortete:
„Indem ich meinen herzlichsten Tank ausspreche für den freundlichen Toast, den Sie soeben ausgebracht haben, möchte ich dem Bilde entsprechend den Rückblick auf die 10 Jahre vergleichen mit dem Barometer. Das Barometer hat seine in.............—........ IFTT-II n mwrri inrr i. mir r -ii—im—rnTwi--r
Kurven, es acht hinab, es gebt hinauf und < -> geh: auf nrageredrtem Wege weiter. So ist es auch im Vö Iker l eben - und so ist es tut Vereins leben. Man soll sich aber durch ein einzelnes Fallen in den Kurven nicht stören lassen und den Mut nicht sinken lassen, wenn nui die Gesamtkurve immer nach oben geht, und danach wollen wir streben. Deswegen w'll ich mein Glas erheben und leeren auf den Norddeutschen Regattaverein und auf die Stadt Hamburg, indem ich zugleich meinen tiefsten Tank ausspreche dasür, daß Sie zu meinem heutigen Siege mir den bewährten Führer von der „Hamburg" überlassen haben. Er ist auf den Hamburger Gewässern, aur einem Hamburger Schiff, unter hanseatischer Flagge ausgebildet worden, und so hatte die Stadt Hamburg und der Norddeutsche Regattaverein die Genugtuung, den ersten deutschen Kapitän für den ersten deutschen Kaiser, der zu Wasser fährt, zu stellen. Ich trinke: auf den srorddeutschen Regatiaverein und dch stabt Hamburg und ich bitte, die erste deutsche crew, die heute auf meiner Dacht gesiegt hm, mit einzuschließen: Hurra, Hurra, Hurra!"
Bei der Segetwettsahrl auf der Unterelbe hatte die Kaiscr- Ofldjt „Meteor" mit einem Borfprung von 2 Min. 36 Sek. vor Hamburg das Ziel passiert. |
Tortmuuo, 18. Juni. Die orthodoxe Minorität der Rci- noldigemeinde hat gegen die vom Konsistorium beschlossene Zurückweisung ihres Protestes in Sachen dec Wahl des liberalen) Pfarrers Go etz zum Prediger dec Gemeinde Rekurs bei dem Ober-Kirchenrat eingelegt. Tas Lionsisroriuin in Münster hat insolyedessen die Bestätigung der Wahl des Psiarxers Goctz inhibiert.
Jena, 18. Juni. Der hiesige Gemeinderat hat nun auch in öffentlicher Sitzung bü: Fleischteucrnng besprochen. Allgemein' wurde dabei anerkannt, daß die hohen Fle i s ch p c e i sx, nicht im Einklang mit d en b i l l i g e n V i e h p r e i se n stehen, und daß die Fleischer, wenn jetzt nichts geschähe, bie nächste Erhöhung der Viehpreise zu einer Steigerung bet Fleisch-, preise benutzen werden. Ta die Stadt noch nicht im Besitze eine» eigenen Schlachthoses ist, so erklärte sich die Gemeindevertretung! außerstande, selbst energische Maßnahmen gegen die Fleischverteuerung zu treffen. Ter Gerne in bevor stand erklärte jich aber auf Ersuchen des Gerneinöerals bereit, mit <cn Fleischermeistern. behuss Herabsetzung d.r Fleischpreise zu verlxnideln.
Neues aus Rußiand.
Dubrowin, der Vorsitzende beö Verbandes echt russischer Leute richtete an den Zaren folgendes Telegramm :
Tränen der Rührung und der Freude hindern uns, Dir, Kaiser, die Gefühle auszudrucken, die wir beim Lejen Deines Manifestes empfanden. Dem 'Machtwort hat der Existenz der verbrecherischen Duma ein Ende gemach!. Wir bitten Golt, Dir und Deiner Familie die Gcsimdheit zu erhalten. Wir sind überzeugt, > daß unter Deiner mächiigen Führerschaft Rußland siegreich aus allem Unglück hervorgehen wird, daß alle Ränke innerer und äußerer Feinde nicht zu fürchten sind, solange das russische Volk gesichert wird durch einen von Gott eingefetzten unumschränkten L-elbslherrjcher.
Ter Zar antwortete dem Vorsitzenden beS Verbandes mit folgendem Telegramm:
Ucbennitteln Sie den Vorsitzenden aller Abteilungen beS Verbandes, allen Mitgliedern des Verbandes wahrhaft rnff. Leute, die mir ihre Ergebenheit ausgedruckt haben, meinen herzlichen Dank. Ich bin überzeugt, daß jetzt alle wahrhaft treuen Söhne' des russischen Volkes, tue ihr Vaterland unerschütterlich lieben, die Reihen noch enger zufamnienichließen und mir helfen werden bei der Erneuerung unteres großen heiligen Rnßlands und bei der Vervollkommnung der Grundlagen unseres mächtigen Volkes. Möge mir der Verband wahrhaft russischer Leute hierbei eine feste Stütze fern und allen in jeder Hinsicht als ein Beispiel der Gerechtigkeit und Ordnung dienen.
An bie Mitglieder des Verbandes erläßt Dubrowin folgenden Aufruf:
Russische Leute, ihr werdet durch ben Willen unseres Vaters, bes großen Zaren, zum brüberlichen Zusammenschluß für die Erneuerung bes vielgeprüften Vaterlandes durch friedliche christliche Reformen aufgefordert. Treten wir fest in die Einigung mit dem selbstherrlichen Zaren, für ftirdje. Thron und Vaterland ein.
Lom Wormser Rosensest.
(Original-Bericht des Gießener Anzeigers.)
Worms, 18. Juni.
War das Erperiment mit dem Minnesängerabend am ersten Festtage mißglückt, so wurde die Vorführung der F a st n ach t s - f p i e l e am gestrigen Schlußabend ein guter Treffer. Das Mannheimer Hoftheater-Enfemblc unter Leitung des Intendanten Hagemann brachte sechs Fastnachtsspiele des ausgehenden^ deutschen Mittelalters, jene Spiele, die bie ^enoenz zu belehren yaoen. bie mit derbem, von sittlichem Ernst getragenen Humor auf die Fehler und Torheiten der Menschen damaliger Zeit hm- weisen Nattirlich kam hier vornehmlich Hans Sachs zum Wort-' sein „heiß Eißen", „das Narrenschneiden" u,w. gehören zu dem Besten aus diefem Gebiete. Die Inszenierung war möglichst originell der damaligen Zeit angepaßt: kleine schilbchen bezeichneten die Szene, ob Straße oder Stube oder Hol Und auch die Darstellung der Mannheimer, von denen ouhc Sander, Toni Wittels, Emil Recht, Neumann-Hoditz genannt iem mögen, verdiente volles Lob. Die Fastnachtsspiele tollen nur als Schwanke genommen werden. , . . , ... , <
Die Fröhlichkeit, die die Fastnachtsspiele auslosten, gab dem Beschluß des Rosenscstes die würdigste Weihe. Wieder erglänzte der Festhausgorten in strahlender, viel bunter Beleuchtung und die Gäste in reicher Zahl „pflogen große Freude und frohen Spiels zumal". _ _ r ,, .
Beim Abschied wünschen wir Worms, daß es bald den Frem> ben ben bhiljenbeit Rosengarten zu zeigen vermag, denen Anlage (nach Plänen von Eordes-Hainburg) auch bas neue zu Gnde gegangene schöne Fest bet Rosen gewibmet war. .E. H. B.
Die Restaurierung des Wormser Domes.
Man schreibt uns aus Worms, 18. Juni:
Durch bie unterschiedliche Stellungnahme der beiden Kammern der Landstände ist die Wormser Dombausrage wieder einmal in den Vordergrund des Interesses gerückt. Bet Der bau- geschichtlichen Bedeutung dieses Denkmals handelt es fich nicht um eine rem hessische Frage, sondern die Gebildeten ganz ü.eul)ch- landö werden der Wormser Dombausrage Interesse entgegen* bringen. Darum muß es begrüßt werden, daß sich der Dombau- Deister Geh. Cher bautet Hofmann heute gheyp hier ui öffent
licher Versammlung über den Stand der Restaurationsarbeiten ausließ. Der Redner verbreitete sich zunächst über bie inzwischen vollenbete Wieberherstellimg bes Westchors bes Doms. Er erinnerte daran, wie man damals seinem Plane — Abtragung und Wiederaufbau der Westpartie — Widerspruch entgegengesetzt habe; wie dann endlich der Widerstand beseitigt und diese partielle Renovation durchgeführt werden konnte, über die heute in der Wormser Bevölkerung nur eine Stimme der Freude herrsche. Weiter betonte der Lombaumeister, baß bie Türme in ihrem Bestaub gesichert unb ben Gefahren eines Zerfalls vorgebeugt werden. Daun kam der Redner zur Erörterung der Frage der Umgebung des Dorns. Der Ankauf der Mutzschen Häuser an der Südseite) behufs Niederlegung war nur vorteilhaft. Der katholische Kirchenvorstanb plante anschließend an die Tauft kapellc des Dorns den Bau eines Pfarrhauses. Dies Projekt war noch auf dem Reißbrett, als die Agitation bare gen einsetzte. Energisch Front machen müsse er gegen bie ' .wicht der Domfreiheit. Tie Bestrebungen nach Tomfreiftttt sind an- drerorls od absurdum geführt. Ohne Zweifel würde in Mainz die Denkmalpflege für den Wiederaufbau jener kleinen Häuser pläidieren, wenn diese einmal abbrennen sollten. Auch der Wormser Tom ist von Anfang an auf Umbau zugeschnitten; das bestätigt besonders die Nordseite. Die Südfront, die fetzt freiliegt, hat ihren Maßstab verloren, sodaß hier der Dorn der künstlerischen Raumwirkung entbehrt. Rom hat 256 Kirchen', davon stehen nur sechs frei und von diesen sind vier neugebaut Dies Beispiel ist eine gute Lehre von der „Tvmfteihett" ^ie Propstei kann nicht verzichten auf ben Bau eines Pfarrhauses mit Küsterwohnung unb Dombauarchiv. Wenn auch dieses Bauvorhaben nicht akut ist, so muß doch bie Möglichkeit ber Ausführung offengelassen werben. Denn bie unschönste toteste Mauer- flache ber ganzen Domwanbung liegt an ber ^aufkapelle, bie oerbeeft würbe mit dem projettierten Neubau unter einem m Nichts liege ihm, dem Dombaumeister, ferner, als „etwas Neues zu bauen". Er tue am Dom nur bas, was er künstlerstch vertreten könne. Von keiner Seite auch fei ihm die Zumutung geworben, etwa fpezifisch katholische Interessen bei ber Domrestaurierung zu verfolgen. Die Mrtth'sche Besitzung soll als genauen* straße ausgebildet werden. Weiter hat ber Kunstrat bc,chlonen, dcn Grundplan ber verschwundenen Johauniskirche lglerchsalls Südseite des Toms) wieder erstehen zu lassen durch Legen von Platten und Zufftellung der noch vorhandenen romamichen sauten
der Zwerggalerie. Sm mitten dieses archuellonisch gestalteten Vorhofes soll eine Nachbildung des Taufsteins Platz fmden, unt so gewissermaßen das einstige „Baptisterium" im Grundriß wieder ausleöcn zu lassen. Der Vortragende schloß seine Ausführungen mit dem Wunfche, zum Ausgleich ber roiberftreitenben Meinungen beigetragm zu haben.
Tie Versammlung belohnte ben Dombaumeister mit starkem Beifall. Landtagsabg. Reinhart der bie Versammlung leitete, stattete dem Dombaumeister den Dank der Versammelten ab.
— Das „Neue Wiener Journal" erhält von einer nahestehenden Persönlichkeit folgende Mitteilung: F e l i x M o t t l s Kandidatur für die Direktion der Wiener Hofoper ist noch lange nicht als abgetan zu betrachten. Als schlagender Beweis dafür, daß Mottl an ferner Wiener Kandidatur unentwegt festhält, dient die Tatsache, daß am 17. d. M. in Wien folgende Depesche an einen Wiener Freund aus München eintraf: ::Habe Zeft hingen erhalten. Werden Sie nicht irre, ich komme doch. Mottl." Falls Mottl doch nicht berufen werden sollte, ist es sehr wahrscheinlich, daß man Hans Richter einen Antrag machen wird.
Der etikettierte Rhein. In Koblenz tagte der „Rheinische Verkehrsoerein' und faßte ben schönen Beichluß: „Die am Rhein gelegenen Ortschasten sollen veranlaßt werden, am Ufer Tafeln mit ihren Namen auszustellen, damit die vorüberfahrenden ohne Mühe zu erkennen vermögen, welchen Ort sie vor sich haben." Dazu bemerkt der „Kunslwart": Wir bitten dringend: nur ja recht deutlich! Ter Rhein ist breit unb die Schiffe fahren ia auch m der Dämmerung und bei Nebel: 4 Meter hoch müßen bie Buchstaben mindestens werden, wenn man sie aus der Ferne gut lesen soll. Und recht schön schwarz auf knallweiß! Abends müßte man sie während der „eaijon" beleuchten. Aber es müßten stch auch die etwas abgelegenen Ortschaften und je größer eitifetieren, je weiter sie aus ben rheinfahrenden Fremdling zu scheinen hätten. Ferner versteht sich'S von selbst, daß die sonstigen Sebensroürbigfeiten nicht zurückblciben. Wie wird die Pfalz und der Pcäujeturm gewinnen, wenn man erst hübsch deutlich dran lesen kaiin: „Pfalz" unb „Mäuseturm", wie nett wirb es fein, wenn man am Loreleiseifen nicht mehr zweifeln kann, ob eS auch der richtige ist, und wenn man an all den Ritterburgen rechts unb links wie an Affenkäfigen mit Namensschildern vorbeifahrt. Gac liicht zu sagen, wie das ber Rheinpoesie ausheljen und wie es die Reisenden anlocken wirbt


