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19.9.1907 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Donnerstag IN. September 1907

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157. Jahrgang

Bezugspreis» monatlich 75 Pft viertel­jährlich Mk. 2.20; durch

monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.- viertel- jährt, ausschl. Bestellg. Zei lenpretS: lokal 15Pft auswärts 20 Pfennig.

Derantwortlich für den politischen Teil: L. Anderson; s. Feuille­

ton und »Vermischtes" P. Wittko: für .Stadt u. ßanbN und »Gerichts- Hotationsörud und Verlag der vrilhl'schen Univ.-Vuch- und Skinönidertl. H. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei! Schulftrshe 7. Anz-«g-nieü°?'H^'BeL

m. 220

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamillen- blätter viermal in der Woche beigelegt und Zweimal wöchentlich das Kreisblatt für den Kreis Gießen. Fernsprech-An- schlußf.d. Redaktion 112 Verlag u. Expedition 51 Adresse Mr Depeschenr

Anzeiger Vietze».

Annahme mh Anzeigen für die LageSnummer bi- vormittags 10 Uhr.

Metzener Anzch

General-Anzeiger für Oberheßen

a Iie Wahlrechtsreform in Sachsen.

Man schreibt uns aus Dresden:

In der abgelaufenen Woche haben hier die Urwahlen t; stattgefunden, die über die Erneuerung eines Drittels des sächsischen Landtages entscheiden sollen. Obwohl die Wähl­st männer erst am 26. d. Mts. zur Wahl der Abgeordneten zusammenkommen, so läßt sich doch bereits heute konsta- j Heren, daß das Ergebnis ein Ruck n a ch lin ks sein wird, 1 dessen Kosten die Konservativen mit sechs Mandaten zu tragen haben. Dies Resultat ist um deswillen besonders n bedeutungsvoll, weil der am 15. Oktober zusammentretcnde t Landtag sich mit einer Reform des Wahlrechts zu befassen haben wird, deren Schicksal wesentlich von dem ; Verhalten der noch immer die Mehrheit besitzenden Kon- I servativen abhängt. Der neue Minister des Innern, Graf von Hohenthal hat mit seinem Entwurf zur Beseitigung - des Klajsenwahlrechts sich von vornherein das Wohlwollen !der Konservativen verscherzt, die in dem jetzigen Wahl­recht und der veralteten Wahlkreiseinteilung von 1864 mit gutem Grunde das Hauptbollwerk ihrer Macht sehen und deshalb jeder Reform abgeneigt sind. Offiziell lassen sie freilich verkünden, daß sie nur mit diesem Entwurf sich nicht befreunden können und deshalb einen eigenen t, Entwurf im Landtage vorlegen wollen. Die Grundzüge j dieses Entwurfs aber, die jetzt bekannt gegeben wer- n den, zeigen, daß der Entwurf nur einem Scheinmanöver " sein Dasein verdankt und keineswegs darauf berechnet - ist, angenommen zu werden. Der Entwurf soll sich an das Zensuswahlrecht von 1868 anlehnen, aber den Zensus so weit hinaufsetzen, daß damitentsprechende Kautelen j gegen die Ueberflutung der Kammer durch die Sozial- demokratie" gegeben werden. Das heißt einfach, Zehn- tausenden von Wählern, die jetzt ein Wahlrecht haben, j dieses nehmen. Und vollends wie Spott klingt es, wenn 3 nach dem konservativen Vorschlag die so entrechteten Wähler in einerangemessenen" Anzahl von Wahlkreisen zusammengesaßt werden sollen.

Natürlich wird ein solches Wahlgesetz von der Linken, wie auch von den Nationalliberalen abgelehnt werden. 5 Das ist aber gerade die Absicht der Konservativen, die dann die anderen Parteien als Widersacher der Wahl- rejorm hiustellen werden. Die Konservativen verkünden, daß ihre ganze Fraktion, mit alleiniger Ausnahme des ' Abg. Behrens (eines geborenen Oldenburgers), einmütig in dieser Frage sei, und daß auch die Partei geschlossen hinter der Fraktion stehe. Dabei hat erst kürzlich eine zahl­reich besuchte Versammlung des konservativen Vereins zu Dresden eine sehr liberal gefärbte Kritik des Abg. Behrens an dem Regierungsentwurf mit lebhaftem Beifall aus­genommen, und ein Mitglied der Negierung selbst, der Legationsrat von Nostitz vom Auswärtigen Amt, hat dieser Kritii zugestimmt. Die Spaltung in der konservativen Partei Sachsens, die von den führenden Parteiblättern geleugnet wird, ist also offenbar, und soll auch bereits zu Fehden innerhalb der Parteileitung geführt haben.

Aber alles das wird den Hohenthalschen Entwurf nicht retten können. Schon heute läßt sich behaupten, daß er von allen Parteien mit mehr oder weniger Vorbehalten abgelehnt ist, und keinesfalls die nach der Verfassung erforderliche Zweidrittelmehrheit finden wird. Eine Vor­lage, die den innerhalb 40 Jahren erfolgten Bevölkerungs­zuwachs bei der Neueinteilung der Wahlkreise einfach ignoriert und die indirekte Wahl, die auf der einen Seite beseitigt wird, auf der anderen durch ein Hintertürchen wieder hereinschmuggelt, darf auch nicht Gesetz werden.

Ein neues Goethemuseum in Frankfurt a. M.

Man schreibt uns aus Frankfurt:

| In diesem Sommer waren es 10 Jahre, daß in Frank­furt das Goethemuseum im Anschluß an das Goethehaus ms Leben getreten ist. Die Zahl der Besucher, die alljähr­lich zum Geburtshause des Großen pilgern und sich die reichen Sammlungen ansehen, die mit seinem Leben und Wirken zusammenhängen, hat sich seit jener Zeit nahezu - verdoppelt. Rund 40 000 Personen haben bereits in diesem I Jahre das Goethehaus und die dazu gehörigen Sammlungen besucht. Besonders gewachsen ist die Zahl der Ausländer, Franzosen, Engländer und Amerikaner. Die Goethebiblio- thet umfaßt heute 35 000 Bände, sehr reichhaltig ift auch die ' Handschriften- und Gemäldesammlung aus Goethes Zeiten.

Längst ist man sich darüber klar, daß ein Neubau für das Goethemuseum geschassen werden muß und nun soll es damit in absehbarer Zeit tatsächlich ernst werden. Die Stadt Frankfurt hat schon vor längerer Zeit zwei dem i Goethehause benachbarte Gebäude am Gr. Hirschgraben und am Salzhaus käuflich erworben. Man wird sie in absehbarer Zeit niederlegen und an ihrer Stelle den Neubau für das j Goethemuseum errichten. Man plant einen imposanten Eck- . bau im Stile von 1790, ähnlich dem alten Goethehaus.

Keine sklavische Nachahmung, die ja auch nicht möglich ist, weil eben lein Wohnhaus gebaut werden soll. Ans Goethe- Haus selbst schließt der Neubau mit einem Geschoß an, damit das historische Eckfenster sreibleibt, er erhebt sich dann weiterhin zweistöckig bis um die Ecke am Salz-Haus, wo der Haupteingang geschaffen wird. Der Eingang für die Besucher wirb nach wie vor durchs alte Goethehaus im Hirschgraben sein. Durch das stimmungsvolle Gärtchen wan­delnd betritt man dann das alte Museum, das mit dem Neubau direlte Verbindung erhält. Im neuen Hause selbst wird der Besucher zuerst das Gemäldezimmer des Königs-

Graf Hohenthal wird einsehen müssen, daß es ein schwerer Fehler gewesen ist, Wahlrechtsreform und Wahlkreiseintei­lung wieder in eilte einzige Vorlage hineinzupacken, und so die Reform von vornherein ohne Unterbau zu lassen, anstatt erst die Wahlkreise neu einzuteilen und dann das eigentliche Reformgesetz einzubringen. Fällt jetzt sein Ent­wurf, so bleibt dem Minister nichts übrig, als die Auf­lösung der zweiten Kammer beim Könige zu beantragen. Von der neuen Zusammensetzung der zweiten Kammer wird es dann abhängen, ob der Minister mit seinen Re- sormplänen durchdringt. Erleidet er abermals eine Nie­derlage, so wird er nicht anders können, als fein Parte­feuille in die Hände des Königs zurückzulegen.

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Kie oSagc in Marok.io.

Die letzten Meldungen aus Marokko lauten teilweise recht widerspruchsvoll, teilweise geradezu unglaubwürdig. So bezeichnen die Nachrichten aus Rabat die Lage in der Stadt als ziemlich besorgniserregend. Die Ursache hierfür sei darin zu suchen, daß dort Briefe von beiden Sultanen eingetroffen seien und daß die Bewohner sich in zwei Par­teien geteilt hätten. Die offiziellen Telegramme stellen hingegen die Lage in Tanger und Rabat als ruhig dar. 160 Eingeborene seien nach Casablanca zu- rückgekehrt'; sie hätten berichtet, daß unter den Stämmen sich die Gerüchte von der Wiederherstellung des Friedens hartnäckig erhielten.

DieTimes" meldet aus Tanger: Am Tage nach seiner Abreise aus Fes befahl der Sultan Abdul Asis die Einkerkerung seines intelligentesten Ratgebers, Abbas ben Dauds, der die Eifersucht der reaktionären Vezire erregt hatte. Sein Besitztum soll eingezogen und seine Fa­milie vertrieben werden. Auch eine Meldung des Wolsfschen Tel.-Bureaus aus Tanger bestätigt die Nachricht von der Gefangennahme Ben Dauds. Bei Ben Daud, dem Ver­walter der Staatsdomänen und Tempelgüter, seien Briefe gefunden worden, die er nach Marrakesch bringen sollte. Es sollte dadurch eine Verschwörung gegen den Sultan Abdul Asis angezettelt werden. Ben Daud wurde am Freitag abend im Lager von Abdul Asis ge­fangen genommen.

Recht wenig wahrscheinlich laufet eine Meldung, die von der Mannschaft des Dampfers Pelayo nach Eadix gebracht worden ist. Hiernach sollen die beiden Sul­tane sich geeinigt haben, die Macht zu teilen. Ferner teilt die erwähnte Mannschaft noch mit, daß die Fran­zosen in Casablanca zu überwintern gedächten. Aus Casablanca wird übrigens unter dem 18. Sept, ge­meldet : Die Lage ist unverändert. Die französi­schen Truppen haben sich daraus beschränkt, den gewöhn­lichen Kundschaftsritt vorzunehmen. Der französische Ge­sandte besichtigte das spanische Lager und wird morgen dem Konsularkorps sowie den spanischen und französi­schen Offizieren ein großes Diner geben.

Sehr ernst scheint man die gegenwärtige Lage in Casablanca also wohl nicht anzusehen, wenn man, wie hier gemeldet wird, noch Zeit und Stimmung zu großen Diners hat; aber es ist offenbar nicht überall so ruhig wie in Casablanca: DerBerl. Lokalanz." meldet aus Paris:Der marokkanische Gegensultan M u l e Y H a f i d beschlagnahmte die Villa eines Deutschen in Marrakesch, namens Hans Richter, weil dieser von Abdul Asis seinerzeit begünstigt worden war und sich jetzt weigerte, für den Gegensultan Partei zu nehmen."

Aus Tanger wird berichtet, daß die britische Re­gierung die Bedingungen Raisulis für die Frei­leutnants, Comte de Thorane, betreten, das in einstiger Schönheit wiederhergesteilt wird und 86 Einzeldarstellungen der Frankfurter Maler Seekatz, Schütz und Trautmann ent­hält. Frankfurter Kunstfreunde haben diese Sammlung er­worben und sie dem Museum zum Geschenk gemacht. Aus Mangel an Raum kann sie zurzeit noch nicht passend unter» gebracht werden. Im Obergeschoß des Neubaus werden die alljährlich um rund 2000 Bände sich vermehrende Biblio­thek, Lesezimmer rc. untergebracht werden. Das Gebäude wird aus städtischen Mitteln errichtet und einen Kosten­aufwand von 3400 000 Mk. erfordern. Die Verwaltung behält das Freie deutsche Hochstift, das auch die dadurch entstehenden Kosten nach wie vor deckt. An der Spitze bleibt der Pros. Dr. Heuer, der seit einigen Jahrzehnten mit Fleiß und Sachverständnis die Frankfurter Goethe- sammlungen rc. zusammengebracht hat. Nach Vollendung und Einrichtung des neuen Go et he museums wird Frank­furt ein Institut besitzen, das weit vollkommener ist, wie das Goethe-Schiller-Archiv in Weimar und das Schiller­museum in Marbach. In seiner Reichhaltigkeit und Eigen­art wird es nicht nur für den Laien hochinteressantes bieten, sondern auch für die Männer der Wissenschaft aller Länder eine Quelle für eingehende Studien Goethes und seiner Zeit nach allen Richtungen hin sein können. D.

N a ch s ch r i f t d e r N e d a k t i o n: Die Räume im GeburtS- hause Goethe's sind ja freilich z. Zt. ebenso überfüllt und lehrhaft museumSmäßig, wie die Tichterhäuser in Weimar, und ihre Be­freiung von all den gelehrten Sammlungen, die heute die alten engen Räume des Frankfurter Goethehauses so wechelos, so kalt und trostlos gestalten, daß man in ihnen zur rechten träumerischen Stimmung, zur inneren Sammlung, zu mnerlicher Gehobenheit nicht gelangen kann, märe ja recht wünschenswert. Sie könnten dann vielleicht in jener Weise wieder hergerichtet werden, in der sie sich zu Goethe's Jugendzeit präsentierten. Damit wäre jeden­falls viel gewonnen im Sinne der Pietät. Aehnliches plant man ja zurzeit auch in Weimar. Aber ein neues großes Goethe-Museum,

lassnng Macleans als unannehmbar erklärt hat. Der Deutsche Stein wachs, der als einer der letzten Europäer Marrakesch verließ, ist angeblich von Muley Hafid beauftragt habe, Waffen und Munition, auch Schnell- feuergeschütze, in Europa anzukaufen. Muley Hafid soll ihm Kreditbriefe über 80000 Pfund Sterling mitgegeben haben.

Man meldet ätns ferner:

London, 18. Sept. Heute wurde das Schreiben ver­öffentlicht, das der Sekretär der Ueberseeliga an Sir Ed­ward Grey richtete, und in dem er diesen bat, voml Staatsschatz eine Su m m e zu erwirken, um die englischen Untertanen für den schweren Verlust schadlos zu halten, den sie in Casablanca dadurch erlitten hätten, daß der französische Oberbefehlshaber nur einige wenige Trup­pen landete. Der Staatssekretär antwortete, über solche Verluste, die beim englischen Konsulat in Casablanca an­gemeldet würden, würde er in entsprechender Zeit in Er­wägungen eintreten; er könne jedoch int Augenblick keine Gewißheit darüber geben, wozu die Regierung sich entschließen werde.

Bekanntlich hat die deutsche Regierung den geschädigten Deutschen sofort eine vorläufige Unterstützung zuteil wer- den lassen.____________________________________________________

politische Tagesschau.

Ter Entwurf des ReichsveretNi-gesetzes.

Uebcr den im Reiä)samt des Innern ansgearbciteten Ent­wurf eines Reichs-Vereins- und Versammlnngs- g e s e tz e s sind bei den Besprechungen in Norderney und Berlin den Führern der sogenannten Blockparteien des Reichstages Mit­teilungen gemacht worden. Wie man annimmt, handelt es sich darum, daß sich die Regierung ovr der endgültigen Festsetzung' des Entwurfs vergewissern wollte, ob er im großen uno ganzen den Wünschen der Rechten und Linken entspreche und damit auf eine Mehrheit im Reichstage zn rechnen haben werde. Ob dieser Erfolg erreicht wurde, bleibt abzuwarten, die Mitteilungen, die den Parlamentariern vertraulich gemacht wurden, werden von diesen ebenso vertraulich behandelt und trotz der Üicht geringen Zahl der Mittvisser sind zuverlässige Mitteilungen bisher nicht über den Inhalt des Entwurfs in die Oeffentlichkeit gelangt.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Sept. DasMilitär - Wochenbl." meldet: Der Kronprinz des deutschen Reiches und von Preußen, Haupt, mann im 1. Garde-Regiment zu Fuß wurde von dem Kommando zur Dienstleistung beim Regiment Gardes du Corps enthoben und zum Major befördert.

Die Kaiserin ist heute von Wilhelmshöhe in bestem Wohlbefinden nach Berlin zurückgerehrt.

DasBerl. Tgbl." meldet: König Friedrich August von Sachsen stürzte gestern vom Pferde bei einer Attaque im Mcmöverselde der 24. Division unu zog sich geringe Verletzungen zu. Ter König konnte aber den. Ritt fortsetzen.

Kolonialdirektor Dernburg ist gestern von Taborah zurückgekehrt und wieder in Rluansa am Viktoria Nyanza eingetroffen.

Karlsruhe, 19. Sept. Der Großherzog von Baden ist seit Sonntag an Darmstörungen ernstlich er­krankt. Seit gestern ist jedoch eine Besserung in feinem Befinden eingetreten.

Hamburg, 18. Sept. Die Bürgerschaft tcahm heute ohne Debatte den Senatsantrag betresfeno die Belvilligung von 14 Millionen Mark zur Vergrößerung und Neueinrichtung des ältesten der drei Ham­burger Gas w er ke an.

Trier, 19. Sept. Dem Pfarrer Weber auZ Sehlem, dem die Regierung wegen seiner Agitation bei der Reichstagswahl bereits früher die Ortsschul- Jnfpektion entzog, ist jetzt auch die Erteilung des Re li gj o n § * IXn t errichteS nn t er f a gt worden.

das alles, was da an Goethe erinnert, rubriziert und katalogisiert und auf- und nebeneinander häuft, wäre vielleicht für das wissen- ichaslliche Studtum, den Goethe-Forscher von Wert, für den Goethe-V e r e l) r e r aber, für den, dem Goethe die Welt bedeutet, der unbefangenen Sinnes sein Bestes dem ©rohen entgegen trügt, der den Olympier als den obersten Meister aller Ktmst liebt mit der ganzen Glut eines für alles Hohe und Edle und Schöne be- geifterten Herzens, der wird in einem solchen Hause wenig finden.

Auf dem 7 9. Deutschen Naturforscher- und Aerztetage zu Dresden sprach Universitätsprofessor Dr. B. Kenyeres (Klausenbnrg) über die falschen Auslegungen Sachver-- ständiger bei einer Ritual Mordanklage der Vergangen­heit. Wie die Strafprozesse von Könitz, Polna belveisen, ist der Aberglaube des Ritnalmordes noch immer nicht erloschen. Gleich Kohlen unter der Asche glimmt er weiter und niemand kann wissen, wann er wieder einmal zu hellen Flammen angefacht wird. Die allgemeine Aufklärung, die ihn aus der Welt schafft, wird sicher noch lange auf sich warten lassen. Bis dahin hat die Wissen­schaft die Pflicht, einesteils eventuell vorkommende verdäwtige Fälle der Wahrheit gemäß zu klären, andernteils die Fälle der Vergangenheit, die eventuell als Beispiele herangezogen werden könnten, zu beleuchten. Von großer Bedeutung in dieser Be­ziehung ist das Werk des Reichstagsabg. Karl v. Eötvös, welches den weltberühmten Prozeß von Tisza-Eszlar in aktemnäßiger Dar- stellung enthält. Der Vortragende erläuterte einen von Eötvös erwähnten Fall ans der Vergangenheit. Im Jahre 1764 ver­schwindet ein Knabe von fünf Jahren und wird ant dritten Tage cilä Leiche im Walde vorgefunden. Der Verdacht eines Ritual­mordes wird besonders dadurch bestärkt, daß Sachverständige am norper hebräische Buchstaben erkennen. Der Verdacht ist so stark, daß bei zwei Verdächtigten auf ein Verhör unter Folteranwendung erkannt wird. Einer beendet im Laufe der Untersuchung sein Leben int Kerker, der andere und die übrigen Angeklagten mürben sreigesprochen. Der Vortragende beweist an einem Oel- geinalbe, welches seinerzeit von der Leiche verfertigt lvurde, daß die verdächtigen Zeichen einfach Leichenerscheinungen sind, ent- standen durch FäuljiiZ bei Lage des Körpers auf unebenem Grunde.