Issue 
17/05/1907 Zweites Blatt
 
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image

Nr. 114

Zweites Blatt

157. Jahrgang

Freitag 17. Mai 1907

Lachtin! tLgNch mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener ZamkllenblStter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Urei,blatt für den Urei» Gießen" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt erscheint monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UnwersitätS - Buch- und Stelndruckerei.

9L Lange. Dietzen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expeditton und Verlag; 61.

Redaktton:^SI12. Del.-Adr^ AnzetgerGietzen.

politifcfyc Lagesichatt.

Großbritannien und Deutschland.

Die »Oestcrreichische Rundschau* veröffentlicht einen be­merkenswerten Artikel des Herrenhausmitgliedes Lr. Alexander von Peetz über ,Großbritannien und daS Deutsche Reich". In diesem Artikel behandelt der Verfasser das gespannte Ver­hältnis zwischen beiden Ländern und erörtert die Gründe der tiefgehenden systematischen Feindschaft. Der Autor führt sie aber nicht auf persönliche Zwistigkeiten zurück und tritt auch der Anschauung entgegen, als ob die Ursache der Gegner­schaft un wirtschaftlichen Wettbewerb 311 erblicken sei, indem er den Nachweis führt, daß trotz der deutschen Konkurrenz der Handel Englands im letzten Jahre ganz bedeutend zu­genommen hat und selbst bei Berücksichtigung deS allgemeinen Aufschwunges mit dem höchsten Prozentsatz an der Spitze deS Wachstums marschiere. Ein Hauptgrund der englischen Stimmung liege in den Befürchtungen, welche der enorme Landbesitz Großbritanniens in allen Welt­teilen naturgemäß mit sich bringe. Den Engländern scheine ihr großer Rcichtiun immerwährend bedroht, die Folge fei ein stetes Mißtrauen, welches auch England immer beiuogcn habe, eine Macht gegen die andere auszuspielcn. So habe man Japan auf Rußland gehetzt und solange Frankreich mächtig war, habe man Deutschland begünstigt, während cs jetzt umgekehrt dec Fall sei. Die Hanptsorge bereite aber England die Machtentw'.ckelung der Vereinigten Staaten, und der Verfasser meint, daß daö Mißtrauen, welches jetzt gegen Deutschland in übertriebener Werse zur Schau getragen werde, diesem überseeischen .Freunde" gelte. Die Abmachimgen über die spanischen Häfen könnten sich weniger auf eine deutsche, als vielmehr auf eine amerikanische Flotte beziehen, falls letztere einer aus Ostasien durch den Suezkanal kommenden japanischen Flotte entgcgentreten würde. Es wäre denkbar, daß nach dem Falle Rußlands nunmehr ein Angriff auf Deutschland gemacht werde, um mit dem Kampfe gegen die Union zu enden.

Deutschlands wirtschaftliche Lage.

Die Londoner .Daily Mall" veröffentlicht heute ein Interview, das ihr Berliner Korrespondent mit dem Grafen Posadowsky gehabt hat. Graf PosadowLky, der ,starke Mann der Regierung des Kaisers", wie ihn die .Daily Mail* nennt, hat sich über Deutschlands Prosperität und industrielle Verhältnisse ausgesprochen. Posadowsky meinte, Deutschland hat aufgehürt, ein Exporteur von Menschenmaterial zu sein, es hat sich im Gegenteil zu einem Importeur auf diesem Gebiet entwickelt, dessen Bedeutung von Tag zu Tag znnimmt. Deutschland bestndet sich augenblick­lich in einer derartigen Prosperität, daß die Industrie nicht nur mit einem Arbeitermangel, sondern auch mit einem Kohlenmangel zu kämpfen hat, weil es den Zechen nicht möglich ist, so viel Arbeiter zu sinden, um das kolossale Be­dürfnis der Industrie zu decken. Dieser Arbeitermangel hat die Fabrikanten und Handwerker gezwungen, Hülfslräjte aus dem Auslande zu holen. Wie gefährlich dieser Menschen- Import sein kann, zeigt der jüngste Fall von Pocken in Metz, der direkt durch italienische Arbeiter emgeschlcppt worden ist. Auch für die Landwirtschaft ist die Arbeiterfrage jetzt viel wichtiger als die Preisfrage der Produkte. An» Schlüsse der Unterredung fragte der Korrespondent Graf PosadowSky, ob

ec ofsizielle Kenntnis habe, daß Kanada die Tarif­verhandlungen mit Deutschland aufzunehmen wünsche und daß der kanadische Minister Fielding zu diesem Zwecke iiach Berlin komme. Posadowsky erklärte, daß er zwar keine offiziellen Mitteilungen habe, daß er aber einen solchen Besuch mit Freuden begrüßen würde, da eine persönliche Berührung bei solchen Kontroversen und komplizierten Fragen der einzige vernünftige und wirksame Weg sei. Auf kanadischer Seile ist ebenfalls der ernste Wunsch nach Aufhebung des Zoll­krieges und Anknüpfung von Verhandlungen vorhanden.

Deutsches Reich.

Wiesbaden, 16. Mai. Heute nachmittag 3.40 Uhr traf die Kaiserin mit der Prinzessin Viktoria Luise und der Prinzessin Alexandva Viktoria zu Holstein-Glücksburg hier ein. Der Kaiser empfing die hohen Damen auf dem Bahnhofe und geleitete sie im Automobil nach dem Schlosse. Ter Kaiser Hörle heute noch den Vortrag des Vertreters des Auswärtigen Amtes, Gesandten Frhr. v. Jenisch an.

Ten Schluß der Fe st spie le bildete die heutige Aufführung von WebersO b e r 0 n" in der Bearbeitung von Hülsen, Schlar und Laufs. Die Wiedergabe von Webers Werk war für die Eigenart von Festspielen wie geschaffen. In der Hoftoge erschienen unter Fanfarenkrängen und von den Hochrufen des Publikums begrüßt, der Kaiser und die Kaiserin, Prinz August Wilhelm und Prinzessin Viktoria Luise von Preußen, sowie Prinzessin Alexandra Viktoria. Mit den Damen und Herren des Gefolges nahm auch der türkische Botschafter Tewsik Pascha in der Hosloge Platz. Zn den Pausen hielten die Mchestäten Cercle in der Galerie des Foyers ab.

Berlin, 17. Mai. Ter 7. allgemeine Parteitag der freisinnigen Volkspartei wird Mitte Sep­tember in Berlin abgehalten werden.

Hannover, 17. Mai. Der Kriegerverein in Beige-Nienburg beschloß, alle diejenigen Vereinsmitglieder, welche der w elfisch en Partei angehören, aus dem Kriegerverein auszuschließen.

Braunschweig, lo. Mai. Der Regentschaftsrat hat nunmehr derBraunschweigischen Landesztg." zufolge den Landtag zur Vornahme d er Wahl des Regenten auf Montag, 2 7. Mai, einberufen.

München, 16. Mai. Die englischen Jour­nalisten werden hier die Residenz besichtigen, wobei der Prinzregent persönlich die .Herren empfangen wird.

Neues aus Rußland.

Seit mehreren Tagen ist in Petersburg ein Gerücht verbreitet, in Z a r s k 0 j e Ssel 0 sei eine Verschwörung gegen den Zaren entdeckt worden. Sic sei dadurch ans Licht gekommen, daß ein Soldat, der großen Aufwand trieb, ver­haftet worden sei und eingestanden habe, von Revolutionären und zwar von Sozialdemokraten Geld erhalten zu haben, um einen Anschlag gegen den Zaren auszusühren. Nach den vorläufigen Ausweisen über die drei ersten Monate des Jahres 1807 belief sich der Ertrag der ordentlichen Staatsein­nahmen auf 545 Millionen Rubel, das sind 21 Millionen Rubel mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Tie Reichsduma nahm heute die Beratung der Agrar­frage wieder auf. Ein Antrag der Kadetten auf Schluß der Debalte wurde abgelehnt, ebenso ein Antrag, die Tauer der Reden aus 10 oder 15 Minuten zu beschränken. Wegen Beschluß- unsähigkeit des Hauses wurde die Sitzung um 6 Uhr geschlossen. Die Kommission der Reichsduma, die mit der Prüfung des Gesetzentwurfes über die Gewissensfreiheit betraut ist, verwarf einen Antrag der Vertreter der Linken, welcher sich für die Trennung von Staat und Kirche aus­spricht, indem sie die Entscheidung einer derartigen Frage als

außerhalb der Grenze ihrer Zuständigkeit liegend bezeichnttc. Die Kommission beschloß, nur die von der Regierung eingedrachte Vorlage zu prüfen. , , ., . a

Auf der Lokalbahnstation Kamionek (Polen-, wo sich das Veterinärinstitut befindet, gaben Terroristen gegen Passagiere eines Zuges Revolverschüsse ab. Etwa zehn Personen, dar­unter mehrere Studenten, wurden schwer verwundet. ES heitzr, datz durch die Tat die Schließung des Instituts, erreicht werden sollte.

Bei dem in der Nähe der finnisch-russischen Grenze gelegenen Orte Ku 0 kala entdeckte die Polizei eine B 0 m b e n s a b r i k mit zahlreichen Bomben, 12 Kilogramm Dynamit und einer Menge Bombenmaterials. Tie Polizei verhaftete 11 Russen, von denen sechs Studenten sind. Die Lerhasteten, welche alle bemannet waren, wurden nach Wiborg gebracht.

In I e k a t e r i n 0 s l a w ist es zwischen der Polizei und Anarchisten, die sich in einem Hause verbarrikadiert hatten, zu einem heftigen Kugel wechsel gekommen, wobei zwei Poli^ ziflen getütet und ein Wachtmeister verwundet wurde. Als es Den Stürmenden gelang, tn das Haus einzudringen, sanden sie aus dem Boden die Leiche eines Unbekannten, dessen Schläfe von einer Kugel durchbohrt war.

Ausland.

London, 16. Mau Dav Unterhaus vertagte sich bis zum 23. Mai. __, /

Brüssel, 16. Mai. Erklärungen Sir Edward Greys un englischen Unterlaufe über die Kongo frage haben in hiesigen politischen Kreisen begreisliche Erregung hervor- erufen. Auch die Blätter besprechen die Rede in heftiger Weise. DieJndepcndence" schreibt, man müsse sich gegen die vom englischen Minister des Aeußeren angekünoigte Einmischung verwahren. Das Blatt ertlärt, daß es sich bei dieser <yragc nicht um ein falsches nationales Ehrgefühl handle. Wenn! die Belgier in ihrer Ansicht nicht einig gewesen seien inbezug auf die praktischen Folgen der Kongofrage, so seien sie an­dererseits völlig einig inbezug auf die vollständige Unabhängig­keit Belgiens. Es luäre besser gewesen, gänzlich auf den Kongo- ftaat und seine Vorteile zu verzichten, als sich unter eine Kon­trolle zu begeben. Belgien sei reich genug, um die finanziellen Folgen zu tragen. Was die Zustimmung anderer Mächte be­züglich einer internationalen Konferenz betreffe, so fei Die Mitwirkung der verschiedenen Regierungen äußerst zweyelhaft.

Paris, 16. Mai. Bei dem heutigen Mini st errat machte Justizminister Guyot Dessaigne davon Mitteilung, daß er gegen die Einstellung des Gerichtsverfahrens wegen des Grubeiiunglüas von Courriöres Berufung eingelegt habe. Ferner teilte Minister Pichon mit, daß er von dem Gesandten Regnault die telegraphische Nachricht habe über ein Schreiben, das Regnault von dem marrokanischen Minister bey Auswär­tigen, Abdelkrim ben Sliman, erhalten habe, das inbezug auf die französischen Forderungen wegeti der Ermordung des Ar. Mauchamp als befriedigend angesehen werden könne. Eine Abschrift des Schreibens sei unterwegs, sodatz fein Wort­laut vom Ministerrat sofort nach Eingang geprüft werden könne.

Camille Binot, einer der Unterzeichner der anti- militärischen Maueranschläge wurde gestern ver­haftet. Er wird sich wegen Aufruhrs mit Den übrigen Ver-i hafteten zu verantworten haben. m .

Lissabon, 16. Mai. Sämtliche monarchistischen Parteien bildeten eine Vereinigung, inn gegen die Diktatur zu pro­testieren. Die anzuwendenden Mittel sind noch nicht be­kannt. _ .

Bern, 16. Mai. Ein russischer Student der Uni­versität, der Drohungen gegen den Universitätsprofessor Stein (Bern) geäußert haben soll, wurde in der Nähe der Steinschm Villa verhaftet. Der Verhaftete besaß fünf Jmmatrikw- lationskarten. II

Rom, 16. Mai. Wie die Blätter melden, nahm dey König das Eiitlassungsgesuch des Schatzministers Majoran« an und ernannte Carcano zum Schatzminister.

Wien, 16. Mai. Tas Wiener Corr.-Bureau bestätigt die Blättermcldung, nach welcher der italienische Minister Tittoni in Diefcm Sommer den Besuch des Barons AehrenthalS in cb l erwidern und sich zugleich dem Kaiser vorstellen werde.

Aas alte Schloß in Kieß-n.

Wenn nicht das älteste, so doch eines der ältesten und jedenfalls bemerkenswertesten Baudenkmale in Gießen ist das an der Ecke des Brandplatzes und des Kanzleibergs gelegene Schloß, das zur Unterscheidung von dem zur Zeit Philipps des Großmütigen neben der jetzigen Zeughauskaserne errichtetenneuen Schlosse" dasalte Schloß" genannt wird. Seine Erbauungszeit ist ungewiß. Die Grundmauern, der Bergfried und die Spitz- bogentore zeigen das Gepräge des 14., spätere Umbauten den Stll des 14. und 15. Jahrhunderts. Tie letzten bedeutenden Veränderungen fanden 1590 statt, später, im 19. Jahrhundert, nur noch ausbessernde Arbeiten. Der große Brand von 1560 hat das Schloß verschont. Die Mutter Phllipps des Großmütigen, Landgräfin Anna, besaß das Schloß einige Jahre als Wittum; möglicherweise hat sie während der Sickinger Fehde darin ge­wohnt, ebenso später Landgraf Philipp selbst. Seit 1590 diente das Schloß als Wohnung des Stadthauptmanns, später wurde neben der Wohnung des Amtmanns die Fürstliche Kanzlei darin unter­gebracht, im 19. Jahrhundert das Hofgericht der Provinz Ober­hessen, an dessen Stelle dann das Stadtgericht und die Pro- pinzialregierung von Oberhessen in das Schloß einzogen.

Nachdem diese Behörden das Schloß verlassen hatten, wurde es von der Stadt Gießen übernommen und neu hergerichttt. Der südliche Teil enthält die Sammlungen des Ober- hessischen Geschichtsmuseums, im Obergeschoß des nördlichen Teiles sind Wohnräume, im Erdgeschoß Em­pfangsräume für II. KK. DH. den Großherzog und die Großherzogin eingerichtet worden. Die Einrichtung der Räume des Erdgeschosses, genau nach den Anordnungen S. K. H. des Großherzogs in reichem romanischen und byzantinischen Sttl von der Hos-ALöbelfabrik von I. Glückert in Darmstadt ausge­führt, darf als ein Kleinod des Hessischen Kunstgewerbes be­zeichnet werden.

Aus dem Eingang von dem Brandplatz gelangt man zuerst in das Wartezimmer, welches mit dunkelbrauner Täfelung von 9rußbaumholz mit Dialerei versehen ist, an das sich ein mit Gold durchwirkter grüner Wandstoff harmonisch anschließt. Eine vierftügelige Schiebetür trennt das Wartezimmer von dem Empfangszimmer, dessen Täfelung, aus Birnbaumholz, wt mit Vergoldung von dem darüber befindlichen blauen Wand- off sich außerordentlich prächtig abhebt. Die leuchtende Wirkung 'efer Farben wird erhöht durch die Kissenswffe auf Bänkn -D Stühlen, rot mit eingewirkten goldenen Tauben und Kronen, d durch eine große Portiere, schwarz mit goldenen Kranichen ' einer Bordüre, welche goldene Papageien auf rotem Grunde to.. .Die Portiere führt in das dritte Zimmer, Die

Täfelung von Eschenholz, grau mit Vergoldung, leitet über zu rotem Wandsloff mit goldenen Hirschen. Alle drei Zimmer sind mit Parlettboden, geschnitzter Balkendecke, welche in dem Empfangs­zimmer durch zwei alte Holzpfeiler getragen wird, elektrischen Beleuchtungskörpern, großem Kamin und eingebauter Fenster­nische versehen. Das Diobiliar, Tische, Schränke, Standuhren, Sessel, Stühle in den Farben der Täfelung, zum Teil mit reicher Vergoldung, hebt die Eigenart eines jeden Zimmers noch be­sonders hervor. Ungeachtet der Fülle reicher und glanzender Farben ist der Gesamteindruck ein außerordentlich wohltuender. Die Prachtentsaltung ist nirgends aufdringlich und störend. Einen ungemein freundlichen Abschluß finden die Prunkräume dann in dem Rauchzimmer, das hellbraun, aus Rüsterholz mit Eichenbeschlag in seiner Einfachheit eine große Wirkung er­zielt durch die in einem Klostergewölbe endigende Täfelung, von dessen Spitze aus eine Ampel das trauliche Gemach erhellt.

Tas Empfangszimmer ist von der Provinz Ober- Hessen eingerichtet worden, die Portiere, Sessel, Stühle, Kissen sind ein Geschenk derOberhessischenFrauenundJung- trauen*) für I. K. H. die Großherzogin, die Mappe im Em­pfangszimmer von H. Koberftein in Berlin. Das Rauchzimmer ist gestiftet von Brauereibesitzer 3bring in Lich, die übrigen Zimmer von 'Kommerzienrat Emmetius, Kommerzienrat Heichel­heim, Fabrikbesitzer Klingspor und Kommerzienrat Schaffstaedt in Gießen, den Eisenwerken Buderus in Lollar und Wetzlar und der Bank für Handel und Industrie in Darmstadt, die Parkett­böden von dem verstorbenen Geh. Kommerzienrat Buderus in Hirzenhain.

Klavierkonzert Albert Menn.

Gießen, 17. Mai.

Das gestrige Konzert im Neuen Saalbau hatte ein ver­hältnismäßig sorgfältig gewähltes Meisterprogramm. Mit einer Bachschen Toccate beginnend, führte es über Beethoven zu Schu­manns reizendes leichtes GenrebildCarnaval" zu Chopin (auch hier wohl berechnet vom Präludium zum Walzer), um dann nach Brahms' Intermezzo und Rubinsteins Etüde bei Liszt ab­zuschließen. Wie es chronologisch geordnet war, zeigte es auch in den Themata der einzelnen Nummern ein allmählich sich verflüchtigendes Bild. Erst die wuchtigen Schläge, dann die uns mehr behagenden zuttaulich sich einschmeichelnden Töne, und schließ­lich das uns nur nod) leicht berührende Spiel, das uns lockend umgaukelt. Der Besuch des Abends war leider recht mäßig, ttotzdem doch in gewissem Sinne die Blindheit des ausübenden

*) Anmerkung: Mit Ausnahme der Damen des Kreises Friedberg, die Geschenke für die oberen Räume des Schlosses gegeben haben.

Künstlers seine Darbietungen noch interessanter machte. Das mag 3um Teil wohl daran liegen, daß die meisten Nummern des Programms im letzten Winter auch in den Konzerten des Konzert­vereins gehört wurden. Andererseits ist es ganz interessant, hier ganz unparteiisch einmal das Gerücht anzuführen, daß unter unseren musikalischen Künstlern herrschen soll, wie mir letzthin von zwei verschiedenen, aiber interessierten Seiten erzählt wurde, nämlich, daß in Gießen nur der einheimische Klingler Beifall finde, von auswärtigen höchstens der, welcher protegiert werde, und daß namentlich die Kritik nur die einheimischen Künstler mit Lod überschütte, die andern dagegen ausnahmslos mit Tadel oder Stillschweigen belohne. Was daran wahr ist, sieht man aus dem starken Beifall, den gestern abend der blinde Pianist Herr Albert Menn sand.

Derselbe entsprang sicher nicht allein der Anteilnahme mit dem Leiden des Künstlers, sondern zum weit größeren Teile der Dankbarkeit und Bewunderung für die außerordentlichen Leistungen. Der M..sikkenner geht in ein Blindenkonzert im all­gemeinen ja immer mit großem Vorurteil, weil er (sehr oft nicht ohne Unrecht) vermutet, daß das Gefühl des Mitleids das strenge Kunstmaß in ihm überwiege. Gestern abend mochte man jedoch den strengsten Maßstab anlegen, man wurde immer be­friedigt.

Herr Menn ist ein technisch durchaus durchgebildeter Pianist. Nicht ein einziger Griff mißlang ihm. Schließlich übt das Blindsein auf die Musik ja auch keinen allzugroßen Einfluß aus. Auch der Blinde vermag uns tadellose Musik darzubieten, wenn er Gehör und vor allem Gefühl besitzt. Das letztere kann Herr Menn aber in hohem Maße sein eigen nennen. So recht sprach sich dieses in SchumannsCarnaval" aus. Man sah gement abend, was sich aus demCarnaval" alles hervorzaubern laßt, welche Genüsse ihm zu entladen sind und wie es trotz seiner Länge bis zum Schlüsse zu spannen vermag.

Man könnte dem Künstler nur einen Vorwurf machen, nämlich den, daß er etwas z u scharf pointiert habe. Zwischen dem Fortissimo und dem Piano war ein allzu greller Gegensatz, der durch die Tonlosigkeit des Flügels in den tieferen Lagen noch unschöner wirkte. Ties scharfe Spiel entsprang aber wohl dem Durchdenken und Durchfühlen der Kompositionen und wirkte bei der Fuge und der Sonate auch gar nicht häßlich. Die letztere war überhaupt von einer herrlichen Wirkung. DasHeilge Nacht" ward einfach ergreifend vorgetragen und hielt die Zu­hörer sichtbar im Bann. Von einer äußerst feinen Auffassung zeugte die Darbietung der Chopinschen Sachen, die dem Künstler so recht zu liegen schienen und in denen er mit dem Polen lebte.

So fand er, wie erwähnt, denn auch reichen Beifall, wenngleich er mit dem finanziellen Erfolg leider nicht zufrieden sein kann. Rätselhaft ist nur, ob der vorzeitige Schluß des Konzertes auf das letztere zurüdzuführen ist oder darauf, daß einigen der Zuhörer die Zeit zu lang zu werden schien, um die letzten drei Nummern, die doch z. B. noch Brahms. Intermezzo und Liszts Rhapsodie brachten, .noch anzuhören, O. jg.