Ausgabe 
16.10.1907 Zweites Blatt
 
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Monat;-Beilage

ZUM

Gießener Anzeiger

1907

n I I

Ast bie Klsiü^lzucht rentabel?

Von M. D a n k l e r in Rumpe n.

(Nachdruck verboten.) I

Die Ueberschrist dieses Aussatzes dürfte gar manchem recht sonderbar vorkommen und je nach dem Stande und der Steilung des Lesenden dürften auch die Antworten sehr ver­schieden' ausfallen. Ich Wil! daher nur gleich bemerken daß ich bei der Frage hauptsächlich den bäuerlichen Betrieb ins Auge fasse. .,, . . . . ,

Aber auch hier wird die Antwort verschieden sein, ich will aber die Antwort selbst geben und zwar lautet dieselbe: die Geflügelzucht ist in sehr vielen Fällen nicht rentabel, sie könnte aber überall rentabel sein. Werl fic in vielen Fällen | nicht rentabel ist, wird sie durchgängig ganz unverzeihlich 1 vernachlässigt, wird sie nicht in dem Umfange betrieben, wie sie betrieben werden könnte und das ist nm so trauriger, weil dadurch ungezählte Tausende und Huuderttausende ins Ausland gehen, sür die auch die deutsche Landwirtschaft lohnende Verwertung hätte.

Warum ist aber die Geflügelzucht in so vielen Fallen nicht zahlreich? Nun, ganz einfach weil derselben nicht die nötige Sorgfalt gewidmet wird, weil auch die aller- elementarsten Kenntnisse fehlen, weil die ganze Zucht mancher Bauernwirtschaften nur aus einer Kette von Z-eb- lern zu bestehen sck-eiut, weil manchmal jede Verrichtung in einer Lüeise ausgeführt wird, als wolle man mit kon- stanter Bosheit gerade das Gegenteil von dem tun, was getan werden müßte. Es würde viel zu weit gehen, wollte man alle die Fehler auch nur auszählen, aber einige der wichtigsten dürsten doch kurz besprochen werden.

Die Fehler, die gemacht werden, beginnen schon von vornherein, beginnen schon mit der Brut. Sehen wir ein­mal zu, wie es da gewöhnlich hergeht. Di.e sorgsame Hausfrau hat bemerkt, daß da ein Paar Hennen brutlustig sind iind denkt sich nun, da ist es Zeit für Nachwuchs, sur Küken zu sorgen. Eier sind in Hülle und Fülle vorhanden, also schnell ausgesucht. Ja, ausgesucht. Aber wie ausge­sucht. Beinahe jede Bäuerin hat ein Mittel, wodurch sie mit Sicherheit seststellen kann, ob ein Ei ein Hnhn oder einen Hahn ergibt, und dieser Gesichtspunkt ist maßgebend, denn selbstverständlich sollen aus 12 untergelegten Eiern auch 12 Küken, und zlvar mindestens 10 bis 11 Hühner sein. Daß trotzdem die Hülste der ausfallenden Küken Hahnen sind, verblü ft die Frau nicht im mindesten, sie wird im nächsten Jahre nach einer andern Methode verfahren, die ebenso sicher und zuverlässig ist. Also die Frau sieht bei der Auv- wähl die Eier an, ob es Hahnen oder Hühner ergeben aber sie sieht nicht zu, von welchen Hühnern ihre Bruteier berftamnieii. Ein Drittel der Eier stammt von ganz jungen Tieren des Vorjahres, die vielleicht im Jul: oder August ausfielen und nun 10, ja erst 8 Monate alt sind. Em Drittel stammt von alten Veteranen, die mit Not die letzten

Kräfte zum Eierlegen benutzen. Alle diese Eier sind mtuber« wertig und minderwertig ist auch die entstehende Nachzucht, «uchteier sollen mir von Hühnern genommen werden, die in voller Kraft stehen, die mindestens ein volles Jahr alt sind und nicht über 4 bis 5 Jahre hinausgehen. Nur von Hühnern in voller Kraft tarnt man kräftige gesunde Nachkommen erwarten und mir solche können die Geflügel, zücht rentabel gestalten. Also -/- der Eier sind m vteceü Fällen chon zur Nachzucht ungeeignet. Seyen wir uns nun das letzte Drittel an, welches von Tieren in richtigem Alter abstammt. Das ist doch nun Primaware. ,ya, viel- leicht! Wenn der Zusall günstig war. Besinden sich aber unter diesen Tieren im rechten Alter verkümmerte, schwach, liche Exemplare, schlechte Leger oder gar kränkliche ^jere, so ist das letzte Drittel auch minderwertig, Denn die schlech­ten Eigenschaften der Eltern vererben sich gerade bei den Vögeln ganz außerordentlich. Ist nun endlich auca noch ein Hahn aus dem Hofe, der entweder zu alt oder zu jung ist ober der von einer schlechten Legerin abstammt, so darf man aus die Zuchtresultate gespannt sein. Daun kommen vielleicht von 12 Eiern acht ans, 2 bis 3 Stück der jungen Tierchen gehen noch in den ersten 2 bis 3 Wochen ein, von den Uebrigbleibenden sind die Hälfte Hähne und von den übrigbleibendeu 2 bis 3 Hennen ist vielleicht kein egute Legerin. Ja bei solchen Zuchtresultateu kann man von einem Nutzen nicht sprechen und sollte aar manchem die Lust vergehen. Das geschieht denn auch und weil doch neue Hühner da sein müssen, so ruft man den vornber- fahrenden Händler an, der nun schmunzelnd 10 bis 20 ech.e Italiener hervorholt und dajür die schönen Mackstin.e dev Käufers in seinen Beutel verschwinden läßt. nelbstver- ständlich übernimmt der alle möglichen Garantien, ochchou er von der Herkunft der Hühner nicht mehr weiß als auch der Käufer selbst. Der Käufer aber lacht auch ins Fäustchen, er hat seine Tiere jetzt noch billiger als sein Nachbar, der Eier aus einer Zuchtanstalt bezog und auch billiger als fein Vetter, der junge Tiere von einem Zuchtvereme des benachbarten Fleckens kaufte. Aber feine Freude durste nicht lange dauern, die jungen Tiere, die aus wärmeren, ! Gegenden kommen, wollen nicht vorwärts gehen, mehrere gehen schon in den ersten Tageii ein (nun ist der Nest teuer genug) und es dauert Wochen, ehe sie sich erholt haben. Mehrere bleiben schwach und werden niemals ordentliche Leger werden. Daß nun die Rentabilität recht weit her ist, braucht kaum hervorgehoben zu werden, allein wer so davon abkommt, der kann recht froh sein. In sehr vielen sollen werden ansteckend« Krankheiten emgeschleppt. Ist es die Geflügelcholera, so ist in wenigen Tagen der ganze Hühner, stand hin, ist es Diphterie, so nimmt das Sterben kern Ende

I und man laboriert monatelang herum. Wer aber Gelegen- heit hat, die Geslügeltransporte ankommen W sehen, must sich wundern, daß es nicht noch schlimmer kommt. Beinahe

I in jedem Korbe finden sich tote Tiere, die lebenden aber, | hungrig wie sie sind, fressen von ihren Federn und ihrem