Ausgabe 
17.5.1907 Erstes Blatt
 
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Aus Stadt und Land.

Gießen, den 17. Mai.

* In Audienz empfangen wurde am Mittwoch von S. K. H. dem Großherzog u. a. Professor Gunkel von Gießen und Oberlehrer Nassem von Friedberg

** Das Museum des Ob er Hess. Geschichts­vereins ist die Feiertage geschlossen. Dagegen am Sonntag, 26. Mai, nachmittags von 24 Uhr sur das Publikum geöffnet. Der Besuch an diesem Tage vor­mittags von 11 bis 1 Uhr fällt aus, an den anderen Sonn­tagen ist zum Besuche wieder geöffnet vormittags von 11 bis 1 Uhr.

** Versammlung der Volksb ildungs- freunde in der Lahngegend. Der Rhein-Mainische Verband für Volksbildung mit dem Sitz in Frankfurt a. M. (A. d. Schmidtstube 7) bat in den letzten Jahren in zahl­reichen Orten Volksbildungsvereine gegründet oder Vereine anderer Art zur Pflege der Vottsbildungs- arbeit veranlaßt. Mannigfache Anregunaen zur Hebung des geistigen Lebens durch gemeinverständliche Vorträge, Volks- bibliotheken, Volksunterhaltungsabenden, Gründung von Heimatmuseen, Kunstwanderausstellungen, klassische Theater­vorstellungen, Beratung einzelner strebsamer Personen u. a. sind in das Land hinausgegangen. Die in der Zentral­telle zusammensließenden Erfahrungen ermöglichen die fort­währende Ausgestaltung des Volksbttbungswesens nach der theoretischen und praktischen Sette hin. Bei der zu erwar-

klang zu verschmelzen, zu ziundgebungen einer vollen Friedenspolitik". Diese Politik, erklärte der ausdrücklich, werde von den verbündeten und von den be­freundeten Staaten gebilligt. In Wien erregt, nach einer Depesche desBerl. Tagebl.", die Rede Tittonis außer­ordentliche Befriedigung. Tie Aufnahme in Berlin wird offiziell ebenso günstig sein, und möglicherweise ist schon ein Glückwunschtelegramm des Fürsten Bülow an Herrn Ttttoni abgegangen. Doch die Höflichkeit wird nirgends in der Welt für bare Münze genommen, wohl am wenigsten in der Diplomatie. Können schöne Worte darüber täuschen, daß Italien auf der Haager Konferenz, genau so wie in Algeciras, nicht bei den Freunden, sondern bei den Gegnern des Dreibundes sich befindet? Ist das etwa in der Zeit, in der wir leben, in einer Situation voll Gefahren und Schwierigkeiten, ohne Bedeutung? Herr Tittoni setzte sich mit Eleganz über den Entschluß Italiens hinweg, an der Er­örterung über die sogenannte Abrüstungsfrage teilzunehmen; er sprach von einerleichten Differenz der Methode". Er rühmte andererseits diehöchst edlen Absichten" und die hochherzige Initiative" Englands. Ueber die reine Men­schenfreundlichkeit Englands denkt man anderswo anders; eben daß der Abrüstungsvorschlag von England ausgeht, das macht ihn verdächtig. Wenn die italienische Regierung, wie Herr Tittoni durchblicken läßt, im Grunde des Herzens keinepraktische, von allen Mächten annehmbare Formel" von der Haager Konferenz erwartet, dann hat die Beteiligung an einer Erörterung, die mindestens für den Frieden gefährliche Wendungen nehmen kann, erst recht keinen Zweck. In dieser sehr wichtigen Frage mußte der Dreibund sein festes Gefüge zeigen.

Wien, 16. Mai. Wie diePolitische Korrespondenz" meldet, hat der Minister des Aeußern Frhr. v. Aehren- t h a l Minister T i t t o n i zu seiner gestrigen Rede beglück­wünscht, indem er ihm seine Befriedigung über die zutage getretene llebereinstimmung seiner Auffassungen aussprach.

reichbar hingestellt.

Die Ausführungen des Grafen Posadowsky eryalten zetzt von einem hervorragenden wisfenschaftlichen Sachkenner eine nicht zu unterschätzende Unterstützung. In dem Deutschen Verein

ür Versicherungswissenschast in Berlin hielt vor kurzem der Bonner Universitälsprosessor Dr. Stier-Somlo einen Vortrag, der ich wesentlich in denselben Bahnen bewegt, die der Staats- etretär eingeschlagen hat. Stier-Somlo kommt zu folgendem

Ergebnis: Eine organisatorische Vereinheitlichung der drei Ver- 'icherungszweige ist überhaupt nicht ersorderlich, denn die Er­hebung der Beiträge zur Kranken- und Invalidenversicherung an einer Stelle ist auch heute schon durchführbar, ebenso die An- und Abmeldungen. Auch die Mängel des Heilverfahrens, die heute noch bestehen, können nicht aus die Zersplitterung der Arbeiterversicherung zurückgesührt werden.. Weiterhin sei es eine durch nichts gerechtfertigte Einbildung, daß die Verwaltungsrosten burd) die Zusammenlegung verbilligt werden würden. Was aber auch ohne Vereinheitlichung erreicht werden könne, seien ma­terielle Verbesserungen. Hierzu rechnet Stier-Somlo die Ein- ührung der Witwen- und Waisenversicherung und der Privatbeamtenversicherung im Anschluß an die Invalidenversicherung. Weiterhin bedarf aber auch das Rechts-

v er fahr en dringend einer Vereinfachung, da die V.rschicdcn- artigkeit des Instanzenweges als Mangel empfunden wird; die Aerztefrage muß endlich auf der Mittellinie der Verständigung gebaüin und die Zentralisation der Krankenkassen muß gesetz­geberisch erleichtert werden. Ferner ist der Kreis der Ver­sicherungspersonen durch Hinzuziehung der Dienstboten, Hausindustriellen und land - und for st wirtschaft­lichen Arbeiter zu erweitern. Auch die gesetzliche Fest­stellung des BegriffsBetriebsunfall" muß endlich erreicht wer­den, damit nicht bei gewerblichen Erkrankungen, die unzweifelhaft auf Mängel der sozialhygienischen Einrichtungen des betreffen­den Betriebs zurückzuführen find, die Beteiligten mit der sehr niedrigen Invalidenrente vorlieb nehmen müssen. Es ist be­stimmt zu erwarten, daß die Regierung mit diesen niaterieHen Verbesserungen der Arbeiterversicherung, die gleichmäßig von Vertretern der Wissenschaft und Praxis verlangt werden, im Herbst beginnt und gleichzeitig das H i l s s k a s s e n g e s e tz, das in der vorigen Session des Reichstags beinahe fertiggestellt, durch die plötzliche Auflösung wieder ad acta gelegt werden mußte, endlich erledigt. Hoffen wir, daß die betr. Gesetzentwürfe frühzeitig veröffentlicht werden, damit die Fachpresse Gelegen­heit findet, sich vor der Beratung im Reichstag eingehend mit denselben zu beschästigeii. ________

lenden Fortentwicklung der geistigen Wohlscck)rtsarbett wird über unsere weitere Heimat hin ein Netz von VoltSbildungs- orgnnisationen entstehen, die von wettgehcndem Einfluß auf unser Volksleben zu werden versprechen und sicher auch auf die materielle Wohlfahrtspflege fördernd hinüberwirken werden. Namentlich muß es gelingen, die ganze Bolks- bildungsarbett aus dem dermaligen Zustand des Zu- älligen und Gelegentlichen zu einem planmäßigen Betriebe zu erheben und zugleich durch den Zusammenschluß der organisatorischen Kräfte und wissenjchastlichen Ättt- arbeiter, sowie durch Beschaffung gemeinsamer Betriebs­mittel zu vereinfachen und zu erleichtern. In den Main- gegenden und in Hessen hat die Organisation des Volks­bildungswesens in letzter Zeit bedeutende Fortschritte ge­macht. Um auch in der Lahngegend und in Nassau werbend zu wirten, beruft der Verband zusammen mit dem Diezer Zweigverein auf Sonntag, 26. Mai, nachm. 4 Uhr, eine Versammlung in das Gasthaus 2& Stoll (am Markt) in Diez a. d. Lahn ein. Er ersucht alle für die BoltsbildungssaMe interessierten Männer und Frauen um ihre Teilnahme. Insbesondere wäre es erwünscht, wenn die Vertreter von Vereinen gemeinnütziger Art so von Vottsbibliotheken, Turn-, Gesang-, Konsumvereinen usw., sowie die Vertreter der Ortsaemeinden erscheinen wollten. Damit die Anregungen der Versammlung zu recht vielen praktischen Ergebnissen führen.

** Aussichtsturm im Vogelsberg. Der int vorigen Sommer begonnene Aussichtsturm auf dem H e i n i g b e r g bei Lauterbach ist jetzt vollendet und wird Lonntag nach Pfingsten eingeweiht. Es ist dies nach Er­öffnung des voriges Jahr erbauten Aussichtsturmes auf dem Ulrichsteiner Scyioßberg der zweite massive Turm, dem als dritter der Bismarckturm auf dem Taufstein folgt. Der Heinigturm bietet einen wetten Okundblick über den nördlichen Vogelsberg, das Fuldatal und die Rhön. Er ist 20 Meter hoch und erfordert einen Kostenaufwand von zirka 10 000 Mk.

0 Wieseck, 16. Mai. Fortgesetzt schwere Sittlich­keitsverbrechen begangen hat der Landwirt und Mu­siker K. an schulpflichtigen Knaben. Die Handlungen ziehen sich bis auf zwei Jahre zurück und gelangten durch Er­krankung eines Knaben zur Anzeige. Die Staatsanwalt­schaft unternahm mehrtägige Uniersuchungen und ver­anlaßte die Verhaftung des Täters.

.^Butzbach, 16. Mai. Das am 16./17. Juni hier statt­findende 2. Heimatpflege- und Volkstrachtenfest nimmt allmählich greifbare Gestalt an. In Aussicht ist ge­nommen, dieses Fest hier, als dem Mittelpunkt der ober- hessischen Trachten, jedes Jahr abzuhalten, um durch den bei solch festlichen Veranstaltungen sich entspinnenben zwanglosen Verkehr und Ideenaustausch neue Gesichtspunkte wachzurusen, die nur dazu dienen können, frisches Leben dem großen Vereine zuzusühren. Das Fest wird sich dieses Jahr noch mehr idealen Zwecken ^uwenden und hat in seinem Programm der Dichtung und Musik einen hervor­ragenden Platz eingeräumt. Die feierliche Eröffnung des Heimat-uno Volkstrachtenmuseums in der Michaeliskapelle bildet den Anfang der Festlichkeiten. Dann werden in der Festhalle von dem Vorstände des Vereins für ländliche Heimatpflege, Wohlfahrt und Kunst- Pflege drei Preise verteilt an die Verfasser der preis­gekrönten Gedichte und Erzählungen und ferner sind sechs Preise gestiftet für die besten Harmonika- Ipieler; für die beiden Konkurrenzen sind seiner Zeit Preisausschreiben ergangen. Außerdem werden Spinn- stubenlieder, Vorträge von Gedichten in Wetterauer Mund­art, Blumenreigen das Publikum bestens unterhalten. Diese

Italien auf der Haager Konferenz.

Herr Tittoni hat eine sehr lange Rede über Italiens auswärtige Politik aehalten. Die Ausführungen sind fast im Wortlaut der Wiedergabe durch den offiziösen Draht gewürdigt worden. Tie Wett hat also Gelegenheit, den kunstvotten Gedankengängen des Ministers zu folgen. Tittoni genießt in der Diplomatie den Ruf einesschlauen Fuchses". Seine neueste Leistung bestätigt diesen Ruf aufs glänzendste. Es war nicht leicht, die Formelunerschütterliche Treue zum Dreibund, aufrichtige Freundschaft für England und Frankreich" auf alle mögliche Arten und dabei so zu variieren, daß jedem der Beteiligten etwas Angenehmes und Schmeichelhaftes gesagt wird, ohne in dem, der nicht gerade an der Reihe ist, die Empfindung der Zurücksetzung zu erwecken. Die Zusammenkünfte von Rapallo, Athen und Gaeta verstand Herr Tittoni zu einem harmonischen Trei- *" * * * * v "Tvictoürbe* der Minister

Darbietungen finden in der Festhalle statt, der Festplatz selbst bietet Tanzmusik, Volksunterhaltungen in reicher Fülle und ist für jedermann ohne Eintrittsgeld offen, nur für die Festhalle wird ein kleines Eintrittsgeld erhoben. Am zweiten Festtage wird vormittags im Saale desHessischen Hoses" die Hauptversammlung des Hessischen Vereins für ländliche Heimatpflege, Wohlfahrt und Kunstpflege ab­gehalten, bei der außer dem geschäftlichen Teile verschiedene populäre Vorträge stattfinden, die in den Rahmen der Bestrebungen dieses Vereins passen. Ter Zutritt zu dieser Versammlung ist für jedermann frei. Der Nachmittag bient für Volksbelustigungen, Tanz und Musik auf dem Festplatze.

0 Lauterbach, 16. Mai. Inmitten unserer Stadt wird an der Hohbrück ein Kriegerdenkmal errichtet, dessen Einweihung im August erfolgt. Die Spieß- turnhalle geht ihrer Vollendung entgegen, sodaß die Einweihung im Sommer bevorsteht. Die Turnvereine des Gaues Hessen werden zur Feier ein gelob en.

= Wetzlar, 17. Mai. Ein von den Buderusschen Eisenwerken bei ber Geologischen Landes anstatt zu Berlin ge­stellter Antrag auf g e o l o g i s ch e A u s n a h m e des B e r g- reviers Wetzlar ist angenommen worden. Die Ar­beiten haben bereits begonnen. Die Gesellschaft deckt die Kosten eines Hilfsgeologen und sie erhofft von diesen wissen­schaftlichen Arbeiten eine wesentliche Förderung ihrer Ab­sichten.

? Ehringshausen, 16. Mai. Im hiesigen Post- gebäude wurde gestern nacht und den Abend vorher zur späten Stunde ein Einbruch versucht, jedenfalls von Fremden, die nicht wußten, daß in den DienstrLumen ein Beamter zur Sicherung der Kasse sich aufhält. Aus ein kräftiges: Wer da! des wachthabenden jungen Attmnes nahmen die Diebe Reißaus. Auch in Privathäusern hat Monsieur Spitzbube ein ^bringen versucht. Hoffentlich ge­lingt es bald, den Langfinger irgendwo zu ertappen. Fräulein Johanna Bleidorn, Tochter des Lehrers Blei- Dorn zu Eiferfeld, begibt sich morgen, Samstag, auf die Reise nach Neuguinea, um sich ihrem dort weilenden Bräutigam, Misswnar Wilhelm Diehl, ein geborener Ehrings Häuser, antrauen zu lassen. Das Schwarz­

wußte Sozialdemokraten werden wie die in der Großstadt heimischen. ,

£b es der geplanten Besoldungserhöhung für bic Beamten und die Lehrer der höheren und dcr Volksschulen wohl zu besondere'- Förderung gereichen wird, baß die Finanzminister der ^nanzkommission gerade dieses Hauses das Schreckbild einer Erhöhung der Einkommensteuer um eben dieser Gehaltsauf­besserung willen an die Wand malte? Wir können die Befürch­tung nicht unterdrücken, daß infolgedessen von hier aus ein Schlag geführt werden wird, der die vom Abgeordnetenhause und vom Unterrichtsminister in Aussicht gestellte ganze Arbeii doch wieder zum Stückwerk macht.

Die Vereinheitlichung der Arbeiterversichernng.

Es ist in letzter Zeit über keine sozialpolitische Frage so viel debattiert worden sowohl in der Presse als auch in Berufsver­einigungen und wissenschaftlichen Fachvereinen, wie über die Reform der Arbeiterversicherung, und cs ist interessant, zu be­obachten, welche klug abwägende und zurückhaltende Stellung die Reichsregierung in dieser Frage einnimmt. Sowohl die Denk­schrift über die Privatbeamtenversicherung, die nach dem aner- t'annten Urteil der Fachleute mehr abschreckend als ermutigend auf die Bestrebungen der Privatbeamten wirken sollte und auch gewirkt hat, als auch die Erklärungen, welche Graf Posadowsky anläßlich der Beratungen des Etats des Reichsamts des Innern abgegeben hat, geben dafür einen klaren Beweis. Das Schlag­wort, die drei Versicherungsgesetze (Kranken-, Unfall- und In­validenversicherung) zu einer Versicherung zusammenzuschweißen und sie vollständig zu verschmelzen, wird von Graf Posadowsky direkt abgelehnt und nach den Erklärungen des Staatssekretärs wird man für die kommende Zeit wohl nichts anderes erwarten dürfen, als eine schrittweise Verbesserung der Kranken- und In­validenversicherung und vielleicht eine Kodifikation der Versiche- f ftp

Die Reform wird voraussichtlich beim Krankenkassen- wesen beginnen. Graf Posadowsky erklärt es für unmöglich, auf einmal die großen Berussgenossenschasten, die sich eigene große Vermögen angesammelt haben und auf gewaltigen beut* eben Industrien aufgebaut sind, aufzulösen und mit den Jnva- idenversicherungsanstalten und Krankenkassen zu verschmelzen. Ein radikaler Umbau wird vollständig abgelehnt und nur eine Dezentralisation unter Schaffung eines gemeinsamen lokalen Unterbaues (soziale Lokalbehörden) als in absehbarer Zett er*

VottöschuLangclcgenheiten im preun. Herrenhaus.

Man pflegt im allgemeinen den Etatsberatungen in der preußischen ersten Kammer eine besondere politische Bedeutung nicht beizumessen, da sie ja den vom Abgeordnetenhause fest- gestellten Etat im einzelnen nicht ändern kann, immerhin ind Hc eine Art Barometer, von dem man abtefen kann, wie ich das Herrenhaus zu neuen in Aussicht stehenden Gesetzen teilen wird, bei denen es voll mttzuspcechen hat. Nun hat ich in der letzten Tagung des Abgeordnetenhauses erfreulicher- weise bas Streben gezeigt, auf einem bisher wicht eben mit besonderer Fürsorge behandelten Gebiete, dem des Vo l ks s ch u l- wesens, zettgemäße Reformen h-rbeizuführen, und ,elbst die Regierung hat dort eine geunsfe Geneigtheit hierzu bekundet. Betrachtet man die Verhandlungen des Herrenhaufes über die)c Fragen, so kann man den etwaigen Reformversuchen lewer kein sehr günstiges Prognostilon stellen. Wohl soll dankbar an­erkannt werden, daß'auch von den Mitgliedern des Herrenhaufe, einzelne für den Fortschritt eintraten, aber die Wortführer der Mehrheit waren sie nicht. Den größten Beifall ernteten vielmehr jene, die von den im Abgeordnetenhaus gewiderten Neuerungen nichts wissen wollten. Das Diktum des katholiichcn Professor-' Dr. Niehus aus Münster, baß fich bie geistliche Schulaufsicht burchaus bewährt habe und gar mcht zu entbehren sei, wirb sicherlich von ben Esten Mitgliedern des Hohen Hauses unterstützt. Ter Gedanke, baß ber Volks,chullehrer aus bem Lanbe vielleicht bei bemsclben Maß von Auflicht gebechlich wirken könnte, bas man bem Lanbgeistlichen gegenüber für auureichenb hält, ist ba natürlich Zaum faßbar, too man mit Heiterkeit ba- rüber quittiert, wenn ein Rebner, leiber auch ein Verrrettr einer preußischen Hochschule in höchst geichmackvoller xBeiie bw Volksschullehrer, einen Stand ber sich aus Mannern teoes ttlters zusammensctzt, mit jugenblidj unreifen .Primanern unb höheren Töchtern in eine Linie stellt. Professor Re in ke aus Kiel, ber mit bieiem geistvollen Wiz bie beifällige Heiterkeit seines Hohen Aubttoriums erntete, beschwerte sich, baß fein Gegner Professor Haeckel eine Kritik von ihm mit bem Hinweis ab­getan habe, er sei Mitglied des preußischen Herren hau, es, be- kaimtlich einer höchst intelligenten Körperschaft. XasJ war ge­wiß nicht fein, und wir haben unsererseits feinen Grund, an der Intelligenz der Mitglieder des Herrenhauses im gmngiten zu zweifeln, aber wir müssen allerdings bekeni^n, daß , nach unserer unmaßgeblichen Meinung Proseisor Reinke, von feiner ethischen unb gesellschaftlichen Bilbung mit biefer fachlich durch nichts gerechtfertigten Verunglimpfung eines ganzen Standes, dessen Mitglieder durchschnittlich sicher nicht weniger intelligent sind als die des preußischen Herrenhauses, nicht gerade eine i besonders rühmenswerten Beweis gegeben hat. Dem zuerst cm ahnten Professor Niehus gegenüber ist auch iwch eine kleine Korrektur am Platze. Er meinte, bie segensreichen Wirkungen der geistlichen Schulaufsicht durch den Hinweis bartun zu können, daß die unter fachmännischen Schulinspeltoren erzogene Jugend der großen Städte am ersten in die Hände der ^Lozial- benwt'ratie falle. Jeder, der die Verhältnisse kennt, weiß, baß das gelinde gesagt, eine fromme Täuschung ist; daß. die vom Lande in die Großstadt eimranbernben, unter geistlicher Schulaussicht aroß gewordenen Arbeiter mindestens ebenso zielbe-

Nr:. 114 Erstes Blatt 157. Jahrgang Frettag 17. Mai 1907

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Sie heutige Kummer umfaßt 10 Seiten, politische Tagesschau.