Wien, 16. Mai. Äon den gestrigen Wahlen,'liegen jetzt vns sämtlichen Kronländern mit Ausnahme von Galizien vollständige Wahlergebnisse vor. Demnach sind gewählt 2 31 Abgeordnete, erforderlich sind 16 8 Stichwahlen- Wie gewählten Abgeordneten verteilen sich nach ihrer Parteirichtung wie folgt: Deutsche Volkspartei 5, deutsche Fortschrittspartei 7, Christlichsoziale 69, Sozialdemokraten 57, katholisches Zentrum 28, Jungtschechen 4, Alttschechcn 2, tschechische Nationalsoziale 1, tschechische Agrarier 5, klerikale Tschechen 4, deutsche Agrarier 9, Alldeutsche 3, Ruthenen 6, Rumänien 2, Italiener 10, slovenische Volkspartei 19, liberale Slovenen 4, Kroaten 1, Freisinnige 1, polnische Klerikale 1 und Deutsch klerikale 1.
Die auffällige Erscheinung bei den Wahlen ist die große Anzahl von Stichwahlen, die in Wien und in allen Kronländern notwendig sind, und die sich durch die unverhältnis- mäßige Menge von Kandidaten erklärt, wodurch eine Zersplitterung der Stimmen bei allen Parteien bewirkt wurde. Am bemerkenswertesten ist das Anschwellen der sozialdenwkratischen Partei in allen Kronländern und in Verbindung damit , der numerische 'Rückgang der christlichsozialen Partei, die ihre Erfolge namentlich 'in Wien und Nieder-Oesterreich nur mit sehr geringen Majoritäten errang und bei den Stichwahlen wenig Aussichten hat, wenn die Freisinnigen und die Sozialdemokraten sich gegenseitig unterstützen. Von oen großen Parteien des früheren Reichsrates erlitten die deutsche Volkspartei in Steiermark und Kärnten und die Jungtschechen in Böhmen und Mähren starke Einbußen durch das Vordringen der radikalen Elemente.
Von den 130 auf Böhmen entfallenden Mandaten ist des Ergebnis in 126 Wahlkreisen bekannt, darunter 71 tschechischen, 54 deutschen. In den tschechischen Bezirken sind 45, m den deutschen 31, also insgesamt 76 Stichwahlen erforderlich. In 49 Wahlbezirken, darunter 26 tschechische und 23 deutsche, sind endgültig gewählt: 4 Jungtschechen, 1 Alttscheche, 1 böhmisch .nationaler Sozialist, 8 Freialldeutsche, 7 deutsche Agrarier, £9 Sozialdemokraten, davon 12 deutsche, 17 tschechische. — In den 19 deutschen Wahlbezirken Mährens sind 5 deutsch-fortschrittliche, 2 dcutschvolkliche, 2 Sozialdemokraten gewählt., Zehn Stichwahlen sind erforderlich, an denen 7 Sozialdemokraten, 3 deutsch- fortschrittliche, 3 christlichsoziale, 3 deutschvolkliche, 2 Alldeutsche, i deutscher Agrarier und 1 selbständiger Kandidat beteiligt sind. 'In den 30 tschechischen Wahlbezirken Mährens sind gewählt: 4 Kompromißkandidaten der Christlichsozialen und Konservativen, 3 Sozialdemokraten, 2 Alttschechen, 1 Agrarier. An den 20 ^notwendigen Stichwahlen sind 14 Sozialdemokraten, 11 Kompromißkandidaten oer Christlichsozialen und Konservativen, 6 Jungtschechen, 4 Agrarier. 2 Alttschecheu, 1 Anhänger der Gewerbepartei, 1 Reaüst und 1 selbständiger Kandidat beteiligt.
In Deutsch-Tirol 10 Christlich-Soziale, 3 Kompromiß- kandidaten des katholischen Zentrums und der Christlich-Sozialen gewählt. I« Stichwahl kommen 1 Kandidat der deutschen Volkspartei gegen einen Sozialdemokraten, ein Christlich-Sozialer gegen einen Sozialdemokraten, ein Kandidat der deutschen VolkS- partei (Perathoner) gegen einen Kompromißkandidaten der Christlich-Sozialen und Konservativen. — In Italienisch-Tirol sind 7 italienische Konservative gewählt. In Sttchwahl kommen bei Jtalienisch-Liberale Malfattt gegen den Jtalienisch-Kvnser- vativen Zanoni, der italienische Sozialist Avantini gegen den italienisc^n Konservativen Conci. — In den vier Wahlbezirken Vorarlbergs sind durchweg Christlich-Soziale gewählt worden. — Unter den in Steiermark Gewählten befinden sich '4 Sozialdemokvaten, von denen Rese zweimal gewählt ist, 8 Mitglieder des katholischen Zentrums, 2 Christlich- soziale, 1 Deuts Radikaler, 5 Slovenen. In Stichwahl kommen 4 Kandidaten der deutschen Vvlks'partei gegen Christlich soziale, 1 Alldeutscher gegen Christlichsozialen, 1 Christlichsozialer gegen Sozialdemokraten, 1 Deutschagrarier gegen 1 Kandidaten des katholischen Zentrums, 1 slowenischer Fortschrittler gegen einen slowenischen Klerikalen. — In den 12 Wahlbezirken Krains find gewählt: 10 Mitglieder der Slovenischen Volkspartei, ein Deutsch-Fortschrittlicher (Fürst Karl AuerÄperg in Gottschee). In einem Wahlbezirk ist Sttchwahl nötig zwischen dem Bürgermeister von Laibach, Gribar. (nattonalfortschrittlich) und Kregar (Slovenische Volköpartet). — In den sechs Wahlbezirken von Görz und GradiSca wmLen gewählt: 2 Italienisch-Konservative, 1 Italienisch-Liberaler, 1 Slovenisch-Liberaler, 1 Slovenisch- Klerrkaler. In einem Falle findet Stichwahl zwischen dem Slovenisch-Libevalen und dem Slovenisch-Kvnservativen statt. — In den 6 Wahlbezirken Istriens sind 3 Slavisch-Nationale gewählt. In drei Bezttken findet Stichwahl zwischen drei Italienisch-Liberalen einerseits, 2 Slavisch-Nationalen und einem Christlich-Sozialen andererseits statt. — Wie aus Triest gemeldet wird, wurden Von 6 Mandaten ein Slowene und ein Sozialdemoktttt gewählt; zwischen 3 Italienisch-Liberalen und 3 Sozialdemokraten haben Stichwahlen stattzufinden. — In der Bukowina, auf die 14 Mandate entfallen, sind gewählt: 5 Jungruthenen, 1'Freisinniger, 1 konservativer Ruthene, ein Deutschfvrtschrittlicher, 1 Parteiloser und 1 rumänischer Demokrat. In vier Wahlkreisen findet .Stichwahl statt.
Wien, 15. Mai. Der Unterrichtsminister M archet hat sich mit .Rücksicht auf den Ausfall der Wahlen veranlaßt gesehen, dem Ministerpräsidenten Beck das Portefeuille zur Verfügung zu stellen. Beck gab der Anschauung Ausdruck, daß hierzu Veranlassung nicht vorliege, und hat sich auch die Ueberzeugung verschafft, daß diese Auffassung an oberster Stelle gebilligt werde. — In dem niederösterreichischen Bezirk Heiligenkreuz ist der frühere Minister des Innern Graf Bylandt- RHeidt, der Urheber des Wahlreformgesetzes, gegen den sozial- demokratischen Kandidaten unterlegen.
Deutsches Reich.
Wiesbaden, 15. Mai. Zur heutigen Frühstücks- tafel beim Kaiser war außer dem Abt Fidelis von Stot- zingen von Maria-Laach auch dessen Begleiter Pater Placidus von Spee geladen. Heute nack)mittag machte der Kaiser eine Automobilfahrt zur Platte und von da einen Spaziergang bis zur Eisernen Hand. Der Kaiser hat den Kriegsminister v. Einem ä la suite des Kürassierregiments von Driesen Nr. 4 gestellt. Der vierte Abend der Festspiele brachte Saint-Saens „Samson und Dalila". In der großen Hofloge erschien unter Fanfarenklängen der Kaiser und Prinz August Wilhelm und die Exzellenzen v. Lucanus und Gras Hülsen-Häseler.
— Nach einer Meldung verläßt das Kaiserpaar am Freitag abend Wiesbaden und führt nach Potsdam- Wildpark zurück, wo es Samstag früh 11 Uhr eintrifft.
Potsdam, 15. Mai. Prinz Friedrich Leopold von Preußen ist heute mittag nach Madrid abgereist, um als Vertreter des Kaisern an den dort stattfindenden Tauf>cstlichkeiten teilzunehmen.
Berlin , 16. Mai. Ein deutsch-dänischer Handelsvertrag befindet sich in Vorbereitung. Anfangs Junr werden zwei dänische Unterhändler hier eintreffen, um wegen eines solchen Vertrages in Verhandlungen einzutreten.
— Das Abgeordnetenhaus hat heute die letzte Tagung vor Pfingsten abgehalten, um vor dem 5. Juni nicht wieder zusammenzutreten. Ter Präsident will auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung u. a. den Nach- iragsetat stellen. Heute versagte das Haus zunächst die Genehmigung der Vernehlnung des Abgeordneten v. Kar- dorff als Zeugen, erledigte dann debaltelos mehrere kleine Vorlagen und Rechnungssachen urtb verwies die Wegeordnung für die Provinz Posen an eine Kommission von 14 Mitgliedern. Das Jagdgesetz wurde dann in 3. Lesung angenommen.
— Wie die ,Moss. Ztgi" erfährt, schweben zwischen dem preuß. Justizministerium und dem Kultusministerium gegen- WärtiA Verhandlungen zur Abänderung der Prü
fungsordnung für GerichtZreferend are. (SS handelt fich dabei um den Ersatz der häuslichen Examenarbeit durch Klausurarbeiten. Als wahrscheinlich ist anzunehmen, daß die neue Prüfungsordnung vom 1. Januar 1908 an in Kraft treten wird.
— Die Deutsche Armee-, Marine-und Kolo- nial-Ausftellung wurde heute vormittag 10 Uhr eröffnet. Der Ehrenvorsitzende des Arbeitsausschusses, Generalmajor z. D. v. Poser und Groß Naedlitz, dankte in seiner Rede dem Kronprinzen für die Uebernahme des Protektorats, v. Poser legte dann den Zweck der Ausstellung dar und brachte ein Hoch auf den Kaiser, den Schutz- und Schirmherrn der Kolonien, aus. Der Kronprinz erwiderte darauf, er erklärte hiermit die Deutsche Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung für eröffnet. In demselben Moment flogen 2000 Brieftauben auf, um die Mitteilung der Eröffnung überallhin zu tragen, auch an den Kaiser. 9Icrch der Ansprache des Vorsitzenden des Arbeitsausschusses Wilhelm Backhaus, die mit einem Hoch aus den Kronprinzen und den Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg endete, erfolgte ern Rundgang der Erschienenen, unter denen man auch den Generalmajor v. Deimting und Kolonialbirektor Dernburg bemerkte.
Straßburg, 15. Dtai. Professor Curtius hatnunmehr endMtig die Absicht ausgegeben, sein Demissionsgesuch einzureichen. Eine von den evangelischen Laien und Geistlichen des Lauoes unterzeichnete Bitt- eiugabe, weiter im Amte zu bleiben, ist ihm gestern unterbreitet worden. Daraufhin soll sich Curtjus entschlossen haben, im Amte zu bleiben, solange er auf das ungeschwächte Vertrauen der protestmittscyen Kirche in den Reichslandeir rechnen dürfe.
Thorn, 15. Mai. Der Streik der polnischen Schüler in Westpreußen ist feit Ostern zwar um weitere zehn Prozent zurückgegangen aber keineswegs erloschen. Nach der letzten amtlichen Erhebung streiken in Westpreußen noch 1449 Schüler in 69 Schulen. Im Regierungsbezirk Danzig hält der Streik viel hartnäckiger an als im Regierungsb ezir'k Marienwerder.
Ausland.
London, 15. Mai. Die Atorgenblätter bezeichnen übereinstimmend als bas wichtigste Ergebnis der gestern geschlossenen Verhandlungen der britischen kolonialen Staatsmänner, daß die Reichskonserenz eine bleibende Einrichtung geworden sei, die den Kern weiterer Entwickelung in sich trage. Nichtamtlichen Mitteilungen zufolge kam es in der gestrigen Schlußsitzung zu einem peinlichen Auftritt zwischen dem Premierminister von Neufundland und Lord Algin, weil Sir Robert Bond darauf bestand, Neufunblands Beschwerden über das von England mit Amerika zum Nachteil der Neufundländer Fischer abgeschlossene Abkommen der Konferenz in langer Rede vorzulegen. Auf Lord Elgins Weigerung, in die Sache einzutreten, soll Sir giobert Bond den Saal verlassen haben mit dem Ausruf: „Die Konferenz i'ft eine demütigende Posse."
Brüssel, 15. Mai. Der König unlerzeichnete heute einen Erlaß, durch den der ehemalige Minister des Aeußern, Baron de Fav er eau und der belgische Gesandte in Berlin, Baron Greindl zu Staatsministern ernannt werden.
Paris, 15. Mai. Clemcncecku hatte heute im Elysse eine längere Unterredung mit dem Präsidenten Fallier es. Dieselbe betraf, wie eS heißt, die gestrige Debatte und Abstimmung in der Kammer. Man glaubt, daß Clemenceau dem Präfibenten das Programm der Regierung unterbreitet hat. Es beirisst u. a. die Einführung der Einkommensteuer, Rückkauf der Westbahn und verschiedene andere sozialpolitische Reformen.
— Nach einem zwilchen den Unterrichtsministern von Sachsen und Frankreich getroffenen Uebereintömmen werden die sächsischen tWittel]djiden eine Anzahl fran- zösischer Schüler und die französischen Mittelschulen eine Anzahl sächsischer Schüler aufnehmen, welche die Aufgabe haben werden, mit ihren Mitschülern praktische Ge- jprächsübungen in ihrer Muttersprache zu hatten. 9Lach demselben Uebereintömmen wird vom 1. Januar 1908 ab aua? ein gegenseitiger Austausch von je zwei Hilfslehrern erfolgen, welche das Vesahigungszeugnis als Mtttelschullehrer besitzen müssen.
Madrid, 15. Mai. Die außerordentlichen Gesandtschaften treffen am Freitag ein. König Alfons hat Kaiser Wilhelm, Kaiser Franz Josef, König Eduard und König Karlos eingeladen, Eyrenzeugen bei der Taufe zu sein. König Eduard 'wird sich vertreten lassen durch den Prinzen Don Connaught, der Kaiser von Oesterreich durch den Herzog Eugen und der König von Portugal durch feinen Bruder, den Herzog von Oporto. Bei den Feierlichkeiten wird der größte Pomp entfaltet werden.
Tanger, 15. Mai. Die letzten aus Marakesch ein- getrossenen, vom 8. d. M. datierten Nachrichten melden keine Veränderung der Lage. Die Stämme in der Nachbarschaft sind sehr erregt und man befürchtet weitere Plünderungen. Die Europäer haben fast alle die Stadt verlassen und befinden sich auf dem Wege nach Saffi. Unruhen sind auch im 9coeben des Landes ausgebrochen und bei Elazaar .ist es zu einem Kampf ezwischen zwei Stämmen gekommen. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten beträgt 10. Mehrere Ansieblungen sinb zerstört. In Fez unb Umgegend herrscht Ruhe.
New York, 15. Mai. Legationssekretär v. Rabo- w i tz von ber beutschen Botschaft burchfuhr in einem Automobil bas Dorf Gien Echo in Marylanb in einem Tempo, bas bem dortigen Konstabler gesetzwidrig schnell vorkam. Es scheint, daß der Konstabler den Legationssekretär angerufen hat, daß dieser den Ruf aber nicht hörte. Als er den Dorfrand erreichte, glaubte der Konstabler ihn nicht mehr einholen zu können und feuerte daher die in solchen Fallen üblichen Sck)reckschüsse ab. Radowitz hielt daraus und wies sich als Diplomat und also als nicht verhaftbar aus. Angeblich erklärte er gleichzeitig, dem Auswärtigen Amt von bem Vorfall Melbung machen zu wollen. Ebenso plant ber Torfichulze, die Angelegenheit bem Auswärtigen Amt zu berichten. Nach bieser Sachlage ist also bas Deutsche Reich mit dem Vorgänge, oer Rabowitz lediglich als Privatmann angeht, nach den bisher vorliegenden Meldungen nicht interessiert.
Albany, 15. Mai. Die gesetzgebende Versammlung des Staates N e w y o r k hat bie Bill betreffenb bie gemeinnützigen Einrichtungen (Utilities Bill) einstimmig angenommen. Tie Bill wirb wahrscheinlich auch vom Senate bes Staates Newyork angenommen werben. Diese Bill sieht zwei Kommissionen vor, bie eine für die Stadt Newyork, die andere für den Staat Newyork, mit ber Befugnis, bie Passagier- u n b Frachtsätze zu regulieren nnb einen angemeijenen Dienst zu erzwingen. Verschmelzungen von Korpora iioiuu int öffentlichen Vcrkehrsbienst sind verboten, außer wenn die Kommissionen dazu ihre Zustimmung gegeben haben. Es ist mögliche bag im Senate die
Bestimmung ber Bill hinsichtlich ber Verschmelzung abge- änbert werben wirb. Die Bill unterstellt ben Kommissionen alle Eisenbahnen, bie Schlafwagengesellschaften, bie Gas- unb Elektrizitätsgesellschaften rc. im Staate Newyork.
Neues aus Rußland.
Petersburg, 15. Mai. Der Reichsrat lehnte ben von ber Duma ausgearbeiteten Gesetzentwurf bctr. bie Aufhebung ber Felbgerichte unb auf Revision ber von biesen gefällten Urteile ab. Der Justizminister wies in längerer Rebe nach, baß ber Gesetzentwurf unannehmbar sei, ba er von ber Duma ohne Beoback)tung ber gesetzlichen Formalitäten ausgearbeitet sei.
— Der Kongreß ber „Schwarzen Hunbertschaf- t en" ist gestern in Moskau geschlossen worben, nachdem er in einer Resolution folgende Postulate aufgestellt hatte: Auflösung der Duma, Einsührung ber Diktatur, Entwaffnung aller revolutionären Organisationen, Bewaffnung aller Monarchisten, Konfiskation bes Eigentums ber Revolutionäre, Ausschluß ber Juden vom Staatsmilitärdienst, Aushebung der Autonomie der Hochschulen, Russisizierung der Grenzmarken, Unterdrückung der ganzen linken Presse, Sck)affung nationaler Blätter, Einsührung eines Bildungszensus für Redakteure usw.
Aus Staot uno eano»
Gießen, 16. Mai 1907.
* Städtisches Dreimillionen-Anlehen. Wie wir erfahren, hat die Mitteldeutsche Kreditbank das Höchstgebot für das neue Anlehen der Stadt Gießen mit 98,91 Proz. eingereicht. Die Vergebung erfolgt in der heutigen Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung.
— Parlamentarisches aus Hessen. Der Gesetzgebungs-Ausschuß hat am Mittwoch seine Beratung über den Jagdgesetz-Entwurf zu Ende geführt. Die von der Landwirtschaftskammer beantragten Abänderungsvorschläge wurden zumeist abgclehnt. Es bestehen sonach nur geringfügige Dissensen mit der Negierung, so daß, wenn die Erste Kammer den Entwurf annimmt, eine glatte Verabschiedung des Gesetzes zu erwarten steht. Der AuSschuß- bettcht, den Abg. Reh abfassen wird, soll in der nächsten Sitzung, Freitag nach Pfingsten, genehmigt werden. Alsdann wird der Llusschuß an die Beratung der von der Regierung zur Wahlreform Vorlage vorgeschlagenen Verfassungsänderung herantreten.
• • Neue Ne gierungS baumeister. Ernannt wurden die Regierungsbauführer Hans Bierbaum auS Berlin, Karl H offerb ert aus Darmstadt, Ludw. Ho lzmann auS Darmstadt, Jak. Kumpf aus Weiher i. O., Ludw. Leicht weiß aus Eberstadt (Kr. Darmstadt), Gg. Sehrt auS Wirberg (Kreis Gießen), Hugo Völker aus Frankfurt a. M. und Wilh. Zwilling aus Worms a. Rh. zu Regierungsbaumeistern.
* • Erledigt ist die Stelle dcS Forst war tS der Forstwartei Homberg, Oberförsterei Homberg, mit Wirkung vom 1. Juli 1907 ab.
"Das Kolosseum hat seinen Spielplan geändert. Es spielt heute und morgen, dagegen Samstag und Sonntag nicht. Heute ist vollständiger Programm- und Personalwechsel. Von den auftretenden Künstlern seien namentlich die Solotänzerin Rose! del Jerno von München und der sog. Ausbrecher-König Nurdini als hervorragende Speziali- täten erwähnt.
E i n Bergrutsch in Hessen. Der in weitesten Kreisen bekannter „Hesiischer Bergkönigs Äteißner bei Kassel zeigt schon seit Wtonaten bedeutende Erdrutschungen. Jetzt hat das bei Touristen beliebte Logier- und Gasthaus „Schwalbental* geräumt werden müssen. Von sachverständiger Seite wird angenommen, daß ungeheure Wassermassen im Innern des Berges gegen die Oberfläche drücken und so veranlaßt haben, daß jene Gebäude, weil sich mächtige Risse und Senkungen zeigen, jetzt geräumt werden mußten, zum großen Bedauern der Besucher des Meißner, denen sich vom herrlich gelegenen „Schwalbental* eine entzückende Fernsicht bot. Mit Sicherheit darf angenommen werden, daß im Innern des Berges Kohlenflöze ms Glühen geraten sind, da häufig aus einigen Erdlöchern Dämpfe heroorbrechen.
** „H ei nz e l m ä n n ch e n." Am Dienstag sand in dem Haus- und Küchengerate-Geschäst von August Kröll die 2. praktische Vorsührung der Heiiizelmäimchen-Back-, Brat- und Koch- apparate statt. Den anwesenden Damen wurde wieder vor Augen geführt, wie man durch Ersparnis von Kohlen und Gas die Haus- yaltungskosten bedeutend vermindern kann. Die fertiggestellten Braten und Kuchen gefielen allgemein.
△ Mücke, 15. Mai. Daß endlich die Eisenbahnfrage Mücke—Ulrichstein ihre Lösung gefunden hat, erfüllt alle Freunde des Projektes mit Genugtuung. Zwar Hot baS Ohmtal-Projekt in seiner ersten Aufstellung, wie eS der rührige, leider zu früh verstorbene Vorsitzende des ersten Komitees, Dr. med. Schmidt zu Ulrichstein, geplant hatte, eine Ablenkung durch die Petitionen der Gemeinden Groß-Eichen und Höckersdorf erfahren. Diese Wünsche können aber erfüllt werden, ohne daß die neue Bahn ihren Charakter und ihre Bestimmung als eine „Ohmtalbahn* verliert.
= Sanier bad), 15. Mai. Zwischen hier und Fulda stürzte ein verheirateter Bahnbeamtcr aus Betzdorf in voller Fahrt von der Ataschine und verletzte sich so sd)wer am Kopfe, daß er an seinem Aufkommen zweifelt.
§ AuS dem Vogelsberg, 16. Rtai. So verspätet die Obst bau mb lüte, so ungewöhnlich rasch verblüht sie. In nur drei Tagen war bie Kirschbaumblüte vorüber, sonst braucht sie deren bis zu 14 Tagen. Gleichfalls mit dieser Geschwindigkeit verblüt der Raps. Kaum leuchteten seine dottergelben Streisen aus dem Felde, so sind sie auch wieder verschwunden bis auf den matten Ueberrest der Rachblüte. Die Zwetschenbäume, die im vorigen Jahre so überreich trugen, haben ganz vereinzelten Blütenansatz. Wer als B i e n e n b e s l tz e r in den ersten kalten Maitagen seinen Völkern keine Sorgsalt widmete, hat noch im Mai, wo schon draußen die Natur die Tafel für bie Bienen deckte, den Verlust von Völkern zu beklagen gehabt, die glücklich durch den langen Winter gekommen sind.
FC Offenbach a. M., 15. Mai. Die Polizei setzte auf die Errnittelung des Bombenattentäters eine Belohnung von 500 M. aus.
b. Frankfurt a. M., 15. Mai. Der Rendant der Holzmannschen Betriebs-Krankenkasse, namens Hopf, wurde heute vormittag wegen Veruntreuung von 8000 Mark v erhaf tet. — Am Obermainufer wurde gestern abend ein Mann von vier Personen seiner Barschaft von 85 Pfg. beraubt. Die Täter wurden verhaftet.


