Donnerstag 16« Mai 1907
157. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 113
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Erscheint tLgllch mti Ausnahme des Sonntag?.
General-Anzeiger fSr Vdertzeffen
Rotationsdruck imb Verlag der vrühNchen Unwerstlät« - Buch- und Sreindruckeret.
Ä. Laag«, Dreßen,
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Die „Siebener ZamlNenblStter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, da? „UreKblatl für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Volk freuen
Reform des rückständigen Wahlrechts verlangt, aber eS hat im Parlamente großer Mühe bedurft, um die Vorlage unter
schiebungen erfahren. Auf der anderen Seite konnte man von vornherein mit den geringen Erfolgen der deutschen Fortschrittspartei rechnen, deren Schicksal große Aehnlichkeit mit dem ihrer Gesinnungsgenossen in Deutschland hat. Einst auf stolzer Höhe stehend und einen dominierenden Einfluß ausübend, schmolz die Partei bei dem Ansturm von links und rechts und infolge des auch in der Donaumonarchie auftretenden Jnteressenkampfes mehr und mehr zusammen, um schließlich im Parlamentskonzert nur noch eine zweite Geige zu spielen. Genau wird sich das Resultat natürlich erst übersehen lassen, wenn die Stichwahlen stattgefunden haben; ob bei Wiederzusammentritt anfang Juni Freiherr von Beck in gleicher Weise über eine bestimmte Majorität verfügen wird, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, da gerade in Oesterreich zu viel Interessen durcheinander laufen, aber eß wäre im Interesse der Entwicklung deS Landes dringend zu wünschen, wenn das Kabinett einen festen Rückhalt hätte und namentlich auch in der Lage wär«, der ungarischen Aspiration ein energisches entgegen» zurufen, zumal durch sie dis Grobmachtstellung der Donaumonarchie gar leicht in die Brüche gehen könnte.
einzelnen Rationalitäten genau versteht außer Frage, daß die schroffen gerade in Böhmen bedeutend ge- mon noch vor wenigen Jahren für völlig
Dach und Fach zu bringen, nachdem sie noch m letzter Stunde am Widerspruche beß Herrenhauses zu scheitern drohte. In allen Parteien war man aber von der Unhaltbarkeit deS bisherigen Zustandes durchdrungen, selbst zwischen Tschechen und Deutschen war eS über die Wahlreform zu einem Einvernehmen gekommen, so daß die Vorlage schließlich in den icheren Hafen laufen konnte. Brachte dieselbe auch ferne idealen Verhältnisse, so war sie doch immerhin als ein bedeutender Fortschritt zu bezeichnen, da sie vor allem daß allgemeine und gleiche Wahlrecht in sich barg, so daß zahl- reicheVolkSschlchten in weiterem Umfange eine Vertretung im Reichsrate fanden, deren sie bisher infolge der Ungerechtigkeiten des in Kraft befindlichen MahlmodnS entbehren mußten. Taktisch klug verfuhr man vor allem in der Ausschaltung deS bis dahin gerade bei den Wahlen stets zu hohen
kann. Seit vielen Jahren hatte man eine
Krr Wahlen in Hesterreich.
3um ersten Male standen innerhalb der schwarz-gelben Grenzpfähle die Wahlen zum Abgeordnetenhause auf Grund deS neuen allgemeinen und gleichen Wahlrechts statt, einer Errungenschaft, welcher sich das österreichische
vornherein in Mandate auf die teilt waren. Es
mildert haben, was , _ .
ausgeschlossen hielt. Soweit die Wahlresultate bisher bekannt geworden sind, entsprechen sie im Großen und Ganzen, wenn auch verschiedentlich Ueberraschungen wie immer nicht ausgeblichen sind, den Erwartungen, vor allem war eß klar, daß die Ausdehnung deS Wahlrechts gerabe denjenigen Parteien zugute kommen mußte, welche ihr Schwergewicht in die intensive Vertretung des sogenannten kleinen ManneS legen. ES kann daher nicht überraschen, wenn tn Wien und Oberösterrcich die Christlichsozialen eine beträchtliche Menge Sitze eroberten, weil gerade diese Partei unter der Führung eines Lueger überaus populär ist, da sie c8 war, welche gegen den Schlendrian ziemlich rücksichtslos zu Felde zog und mit Forderungen auftrat, welche ihr die Sympathien des Mittelstandes sichern mußten. Ebenso ließ sich voraussehen, daß die Sozialdemokraten eine beträchtliche Reihe von Mandaten gewinnen würden, in Böhmen sind bereits im ersten Wahlgange nicht weniger wie 21 Sozialisten gewählt worden, die sich ziemlich gleich auf Tschechen und Deutschen verteilen. Der Besitzstand der Nationalitäten in Galizien, Tirol, Kärnten und anderen Kronländern dürfte nicht allzu große Ver-
Gegensätze sich
Flammen emporschießenden Nationalitätenkampfes, indem von gemischtsprachigen Kronländern die
ein klein wenig nach Selbstüberhebung schmeckt. Daher hat ar nicht vergessen, in der Vorrede beizusügen, daß ,stier Mann, bet so eifrig das Glöcklein schwingt, auch für sich selber läutet". Er ist weit davon entfernt, sich für unfehlbar zu halten. Aber andererseits darf er sich im stillen lagen — laut sagt er's nicht —> daß er sein Lebtag strebend sich bemüht. hat, das Gute zu fördern im einenen Herzen und im Herzen anderer. Und damit hat er nun im Alter wohl das Recht erlangt, gleich einem alttestamentlichen Propheten seinem Volle und allen, die ihn zu hören kommen, ins Gewissen zu reden.
— Von Obersta. D. G a e d k e, der 10 Monate lang auf dem Kriegsschauplätze geweilt hatte, werden im Maiheft von „Nord undSüd" (S. Schottlaenders Schlesische Verlags-Anstalt, G. m. b. H., Berlin, W. 35) „Rückblicke auf den russischjapanischen Krieg" veröffentlicht, diejenigen Völker werden, wie Gaedke schließt, in einem zukünftigen Kriege die größten Aussichten des Erfolges Ijaben, die die tüchtigsten Feldherren und die bestaeschulren Unterführer besitzen, die es am besten verstehen, Persönlichkeiten heranzuziehen. — Einen weiteren interessanten Beitrag bringt das Maiheft von „Nord und Süd" in dem Aussatze: „Fürst Thlodwia zu Hohenlohe - Schillings für st, seine politischen Amchauungen und feine politische Tätigkeit bis zum Jahre 1870" von Tr. Ernst Salzer. Sein politisches Verhalten, auch seine Gegnerschaft gegen den Ultramontanismus, war wesentlich bedingt durch seine starke nationale Gesinnung, die nur insofern einen gewesen stammes- partikularistischen Ausgangspunkt hatte, als er größeren Anteil Süddeutschlands an der Lenkung der Geschicke der Nation wünschte. Dr. Ludwig F u l d aus Mainz beschäftigt sich mit der „Französischen Eherechtsrefor m". Es handelt sich vornebm- lich um die Ehescheidung auf Grund gegenseitiger Lieber* einjtinimung, wegen Unverträglichkeit der Charaktere, deren Zulässigkeit die in Frankreich zur Vorberatung der Reform des Eherechtes eingesetzte Kommission tu Vorschlag gebracht hat und die auch von dem Verfasier als zweckmätzig anerkannt wird, lieber „Kunftliebende Fürsten im alten deutschen Reiche" schreibt Pros. Arthur Kleinschmidt. — „RudolfPresbe r", mit dessen Bildnis (in Radierung von Andreas Pickl in Nürnberg) das Heft geschmückt ist, wird von Karl Bienenstein in feinen Leistungen als Lyriker, Novellist, Dramatiker und schließlich auch Uebersetzer gewürdigt. In der Erzählung „T h e a t er e b e", von Karl Hans Strobl, sind die Charaktere im allgemeinen scharf gezeichnet, die Handlung unterhaltsam und mit Humor vorgetragen.
— Das Maihest der Monatsschrift „Deutsche Kunst und Dekoration" (Verlag Alexander Koch in Darmstadt) bringt zu einem Bericht über die L Graphische Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Leipzig eine Anzahl trefflicher Reproduktionen von Arbeiten, die dort zur Schon gestellt waren.
Häuser im Harz", war das Thema eines zeitgemäßen Wettbewerbs, den im vorigen Jahre einige Braunschweiger Herren ausgeschrieben hatten, besorgt um die Schönheit des Bades Harz- burg, das, von aufdringlickjen protzigen Vlllenbanten entstellt, seinen landschaftlichen Charakter von Jahr zu Jahr mehr ein» büßt. Sie wußten, daß Aufklärung allein hier nicht viel ändern würde, es vielmehr ratsamer sei, durch bessere Vorbilder erst das Verständnis dafür zu wecken, daß ein Landhaus sich seiner Umgebung harmonisch einfügen muß. Nicht kostspielige Villen wurden daher verlangt, sondern kleine Landsitze im HerstellungS- vreis von 7500 Mk. Von dem beispiellosen Erfolg des Preisausschreibens berichtet das Aprilhcft mit einer Reihe bunter Abbildungen, die auch die farbige Wirkung dieser Entwürfe erkennen lassen. Die zahlreichen Arbeiten verschiedener Art, mit denen in demselben Heft der Wiener Architekt Hans Ofner zu Worte kommt, lassen von neuem erlernten, daß sich der neuen Wiener Kunst, so kapriziös sie sich auch manchmal gibt, Form- liest man im Maiheft, daß der sogenannte „Fachverband für die gesühl und Geschmack nicht abstreiten läßt. — Mit Befremden wirtschaftlichen Interessen des Kunstgewerbes" — veranlaßt durch den im Februarheft der „Dekorativen Kunst" erschienenen vortrefflichen Aufsatz „Die Bedeutung des Kunstgewerbes" von Hermann Muthefius — sich vermessen hat, beim preußischen Handelsminister eine Beschwerde einzureichen mit dem Ersuchen, dem Genannten seine fernere schriftstellerische Tätigkeit und die Verbreitung solcher Anschauungen zu untersagen. Da nun Muthesius einer der kenntnisreichsten und erfahrensten Vorkämpfer für eine Gesundung der künstlerischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Architektur und Handwerk ist, muß man schon annehmen, daß den Herren das Unüberlegte und Zwecklose ihres Vorgehens nicht Har geworden ist.
— Von Peter Roseggers Schriften, Volksausgabe, 3. Serie in 80 Lieferungen ä 35 Pia. (L. Staackmann, Leipzig) gingen uns die Lieferungen 52—58 zu. Diese Lieferungen enthalten die Fortsetzung und den Schluß deS Bandes „Das Sünderglöckel". Im Vorwort sagt der Verfasser: „In alten Zeiten soll die Sirte gewesen sein, daß des Abends spät, wenn die Kinder schlafeii gegangen waren, über der Stadt em Glöcklein läutete. Es wurde gelautet zur Mahnung und Warnung den Zechern, Balgern und Schleichern, den Versuchten und Verirrten und allerhand Sündern. .Dann wurde es auch geläutet bei Gerichten und Hochgerichten, bei feindlichen Ueberfällen und Elementarereignissen und endlich an Buß- und Versöhnungs- tagen zum Weckruf den Versumpften und zum Tröste den Verzagten. Das Sünderglöcklein war es genannt. — Und das soll diesmal unser Zeichen fern." viosegger, der feinfühlige Poet, hat natürlich selbst zu allererst begriffen, daß ein solches für die Zeitgenossen Armensünberglöcklein-Läuten oder — mit anderen
Konferenz über und stellt fest, daß die englische Initiative zur Erörterung der Begrenzung der Rüstungen nichts als eine Reproduktion der russischen Initiative von 1898 sei und ebenso wenig zu Befürchtungen Anlaß geben könne, wie seinerzeit diese. Die Frage stelle sich heute unter den nämlichen Bedingungen dar wie damals, die englische Regierung verhehle sich das nicht. Tie englische Regierung schließe es vollkommen aus, daß ihr Vorschlag aus irgend welchem Grunde Anlaß zu Reibungen zwischen den Mächten geben könnte. Welche Formel auch immer England Vorschlägen werde, wenn sie nicht von allen Groß- mächten als praktisch und annehmbar erachtet würde, werde ic keine Folge haben, und die Frage werde vertagt werden. Diesen Standpunkt der englischen Regier".ng müsse jeder besonnen und verständig finden. t _ . ., „
Nach dem Hinweis auf Deutschlands und Lestcrreich-Un- garnö ablehnende Haltung bezüglich der Erörterung der Abrüstungsfrage auf der Konferenz spricht Sittoni, nachdem er kurz hie Erklärungen Bulows über die A b r Ü st u n g s s r a g e im Reichstag, sowie Campbell-BannermanS Rede über denselben Gegenstand in deren wesentlichen Inhalt skizziert hat, die Meinung aus, diese letzten Erklärungen Bulows und Scanner man» tüten den Gegensatz sehr gemildert, der zwischen dem deutschen und dem englischen Standpunkt zu bestehen schien. Vielleicht habe sogar Dcuuierman das letzte Wort in der Frage gcspvocheu, deren Lösung zweifellos der Zukunft Vorbehalten ist. Der Minister betont, daß er im Jahre 1906, als Grey im Unterhaus und Lord F-itzmauriee im Oberhaus dem Streben nach Begrenzung der Rüstungen beredten Ausdruck verliehen hatten, fane beifällige Zustimmung ausgesprochen habe. Er habe aber nicht Unterlasten, klare und ausorückliche Vorbehalte bezüglich der Möglichkeit zu machen, eine praktische, von allen annehm-, bare Formel zu finden. Er halte heute die Zustimmung zu den höchstedlen Absichten aufrecht, lvelche die hochherzige Initiative von England bestimmten und halte auch die Vorbehalte aufrecht betreffend die Möglichkeit, diese Initiative unmittelbar in die Tat umzusetzen. In diesem Punkte stimme er vollkommen mit den Vorbehalten überein, die Deutschland und Oesterreich-Ungarn gemacht haben. Zwischen dem Standpunkte Bülows und Aehrenthals und meinem besteht kein Unterschied als bezüglich des einzuschlagenden Verfahrens. Ich glaube, daß Italien an der Beratung teilnehmen kann, indem cs sich gleichivohl die nämliche öreibeit der Prüfung und Würdigung hinsichtlich der Ergebnisse der Beratung Vorbehalt Deutschland unb Oesterreich, bte es vvrzichcn, an der Beratung nicht teilzunehmen. Auch nicht im Traume kann man aus dieser leichten Differenz in der Methode schließen, daß die Verbindung zwischen den Staaten des Dreibundes weniger fest, und das Einoerstäiidnis zwischen ihnen weniger vollkommen sei. Bei dem Ideenaustausch, der zwischen Bülow, Ael-renthal und mir ifcatigcfunbeii hat, haben erstere, nachdem die Wesensgleichheit unserer AnschauungÄveist feügeuellt war, anerkannt, daß Italien recht wohl das Verfahren ein* schlagen könne, das ihm am besten diente. Nachdem Tittoni noch den Vorwurf zurückgewiesen hat, daß er im Widerspruch mit sich selbst Lcfiitbc, sprach er die Ueberzeugung aus, daß er das Bild der italienischen Politik, wie ec es im Dezember gezeichnet bat, heute ergänzt habe, und schloß init der Aufforderung an die Kammer, seinem Programm ihre Zustimmung zu geben. Die Rede wurde mit sehr lebhaftem Beifall ausge- rumimen.
Rom, 15. Mai. (Deputiertenkammer, Schluß.) Nach Tittoni sprechen verschiedene Deputierte. Sodann nimmt der Minister nochmals das Wort und erklärt, die Beziehungen zwischen Italien und der Türkei seien vortrefflich, und tn Konstantinopel habe nimt die Hindernisse beseitigt, die in Kyrenaica und Trftwlitanien gegen das Vorgehen Italiens ent* standen seien. Tas sei ein wahrhafter Freundschaftsbeweis seitens der Pforte gewesen. (Beifall.)
Alerner Feuilleton.
— Kaiser Wilhelm II. als Odysseus. In einem längeren Aussatz über Korfu, die Kaiserin Elisabeth und das Achilleion schreibt die „Neue Freie Presst: Nun tritt der Hohenzoller das Erbe der Kaiserin Elisabeth an. Er wird es nicht verkümmern lassen. Wilhelm II. ist ja der Mann der idealen Bestrebungen, der in seiner Brust eine gewisse Romantik neben den Regierungssorgen beherbergt. Im Achilleion wird es fortan etwas geräuschvoller hergehen, die Emsiepelei wird sich mit Gästen bevölkern, die Hausgötter, durch Stille verwöhnt, werden ein Rauschen und Klingen zu hören bekommen. Ter neue Herr wird Feste geben, odysfeeische Feste vielleicht. Auch er schwärmt für die Zauber dec Vergangenheit, und auf seinen Wink wird Vergangenheit zur Gegenwart. Als er die S a a l b u r g einweihte, gab es ein römisches Imperatorensest. Er ließ sich von Legionären im echten Kostüm, von Zenturionen und Prätoren begrüßen, wäre wohl selbst gern als Antonius Pius erschienen. Nun gilt es viel weiter zurückzugreifen, die mykenische Zeit auf* zuwecken. Wer wird Alkinoos, der Phäakenkönig Jein? Wilhelm II. gewiß nicht, für einen vielgeplagten Herrscher ist das feine Rolle. Möglich aber, daß er, der ja auch einer der „meer- durchschifsenden Männer" ist, Odysseus wird fein wollen. Sein Kanzler wird ihm Eumaios sein, er wird Penelope vom Schwarme dec Freier erlösen, feinen Sohn Telemach rufen, daß er ihm helfe. Bei einem. Manne so lebhaften Geistes begreift man reden Sonnenflug, jeden Ritt in jedes romantische Land . . . . Doch schon sinkt der Abend, schon schlägt aus den Tälern herauf die Stunde ,wo er widerstandslos einem großen Ruhebedürfnis sich hingibt. Ter Jubel schweigt, der Augenblick ftiedlicher Selbsteinkehr ist getonnnen. Dann steht der Hohenzoller auf der Hermesterrasse des Achilleions — ein merkwürdiges Bild, rote es kein Brandenburger je sich träumen ließ — dann sicht et und laßt den Blick in die Weite schweifen und sinnt wieder gesenkten Hauptes nach über alle Unrast seines Herrscherbetuses. Ist ihm doch, als wäre auch der Monarch mit allen seinen Palästen der ewig Unbehauste. Und dieses schmerzliche Empfinden mischt sich mit den landschaftlichen Herrlichkeiten rings umher, mit allen Wonnen, die jein Auge trinkt, und dies und das verschmilzt in seiner Seele zu einem wundersamen Akkord Der stillen Wehmut und deS höchsten Naturgenufses. Was soll er da tun, als vor ihm auf diese Stelle jene Frau getan? Er zitiert seinen Homer: .Lange stand bewundernd der irrende Dulder Odysseus." Wir aber denken uns: Odysseus ist heute ein deutscher Kaiser.
— „Dekorative Kun st". Zeitschrift für angewandte Kunst. .Herausgegeben von Hugo Bruckmann. 10. Jahrgang, Hcft 7 und 8. April und Mai 1907. Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G., 'München. Vierteljahrspreis 3.75 Mk. Einzelpreis deS Heftes 1.50 Mk. — „MusterentVükje für kleine Land
Mimltec Hittonl über die inierntdionale Lage.
Nom, 15. Mai. (Teputiertenkammer.) Bei der Beratung deS Budgets des Aeußern hielt der Minister des Auswärtigen, Tittoni, eine Rede, in der er einleitend bemerfic: Nach feinen ausführlichen Darlegungen der auswärtigen Politik Italiens im Dezember des Vorjahres, auf die er sich in allen Stücken beziehe, werde er sich heute auf wenige Erklärungen, die nur neue Ereignisse und neue Kundgebungen betreffen, beschränken. Zwischen Rapallo, Athen und Gaska oestehe kein Gegensatz, sondern nur Harmonie. Es seien Namen und Daten, die feinen Mißklang untereinander ergeben, sondern sich ergänzen und eine würdevolle Friedenspolitik zusanimenfassen. die von Italien im vollen Sonnenlicht mit großer Aufrichtigkeit und Loyalität betrieben werde. ES sei keine ungewisse oder zickzack vorgehende, sondern eine durchaus klare und bestimmte Politik, der auch bisher odr Erfolg gelächelt habe trotz aller düsteren Vorhersagungen.^ Tittoni fährt, indem er auf die Behauptungen von der angeblichen Unvereinbarkeit zwischen dem Bündnis mit Deutschland und Italiens Freundschaft mit England Bezug nimmt, fort: Zur rechten Zeit tarn das autoritative und wirksame Wort Bülows; es war so klar und offen, daß man wohl sagen kann, eS habe Tür immer jede Befürchtung und jeden Zweifel beseitigt. Es faßt zusammen, daß Deutschland und England ihre Beziehungen immer mehr zu bessern und in sreundschasilicher Weise jeden Jnieressen- (onfli?t, der entstehen könnte, zu lösen wünschen, und daß Italien dein Bündnis mit dem einen Volk wohl treu bleiben kann, ohne der Freundschaft für daS andere Eintrag zu tun. Tie italieniiche Nation begrüßte den Fürsten Bülow in Rapallo voll Freude als Vertreter einer verbündeten Macht, mit der sie so viele Bande einen. Voll Freude war die italienisck>e Nation auch über die Begegnung des Königs von England mit dem König von Italien in Gaeta und wandte einen Gedanken der Sympathie der seit so vielen Jahren befreundeten britischen Nation und einen solchen der Dankbarkeit dem König Eduard zu, der, als er kürzlich den Herzog der Abruzzen in London empfing, fo herzliche Worte für Italien und den savoyischen Stamm gesprochen hat. Also die alte Formel: unerschütterliche Treue zum Dreibund, aufrichtige Freundschaft für England unb Frankreich und herzliche Beziehungen mit allen anderen Mächten bleibt immer der Exponent unserer Politik, und die aufrichtige Art, in der diese Politik von Italien verfolgt wird, ist die einzig mögliche. Die von vereinzelten Stimmen in Italien zeitweilig geübte feindliche Kritik dieser Politik zerschelle an der Tatsache, daß alle anderen Machte dieses System der Bündnisse, Freundschaften und Sonderabkommen betreiben, sowie an der Tatsache, daß die italienische Politik von den verbündeten Staaten unb den befreundeten Staaten gewürdigt und gebilligt wird. Tittoni kommt im weiteren Verlaufe auf den bevorstehenden Besuch des Barons v. Aehreiithal in Rac- conigi zu sprechen und stellt dabei fest, daß die Beziehungen zwischen OcftcrreidpUngarn und Italien jetzt wirklich ausgezeichnete seien. Der Minister tritt der von dem ^Deputierten Banzilai kürzlich in der Kammer vertretenen Auffassung entgegen, daß Aehrenthal, der auch offiziell in so warmen und aufrichtigen Ausdrücken von Italien gesprochen habe, beabsichtige, die Hauptstadt Italiens unb bainit bie Anerkennung der italienischen Einheit zu ver- meiben. Ist denn, so fragt der Minister, diese ausdrückliche Anerkennung seitens Oesterreich-Ungarns nicht erfolgt? Ist sie nicht eine wesentliche Voraussetzung beim Bündnisvertrag? Das nationale Recht Italiens auf seine ewige Hauptstadt hat es nicht nötig, von Zeit zu Zeit durch fremde Dazwischenkunft anerkannt und bekräftigt zu werden. Das nationale Recht Italiens auf Rom ist unverletzlich und unverjährbar, und die Anwesenheit oder Abwesenhen eines Ausländers in noch so ausgezeichneter Stellung kann ihm weder etwas zufügen noch etwas bgropn fort* nehmen. Die nächsten Worte Tittonis galten der Reise des Königs von Italien nach Athen. Sie betonen, daß der Besuch bie natürliche Folge beS Besuchs des GriechenkönigS in Italien war. Es sei natürlich, daß bei diesen Gelegenheiten die alten gegenseitigen Sympathien beider Völker wieder lebendig wurden. Bezüglich der Orientpolitik Italiens, die auf der Integrität des oltomcmischen Reiches, auf das vollkommene Einverständnis mit Oesterreich-Ungarn, Rußland und allen, anderen Signatarmächten des Berliner Vertrages gegründet sei, habe keine Aende- rung erfahren. Die italienische Politik hoffe, daß die christlichen Nationen des Balkans schließlich begreifen, daß sie nichts bei brudermörderischen Kämpfen zu gewinnen haben, welche sie zerfleischen. Sie sei immer bereit, für Eintracht und Frieden chre Tätigkeit zu entfalten. Tittonis Rede geht dann zur Haager


