Nr. 218 Zweites Blatt
Erscheint tSgNch mH Ausnahme des SonnQgS.
Die „Sietzener KamiUendlätler" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
157.
Dienstag 1?. September 1907
Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen Universita'tS - Buch- und Steindruckerei.
N. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.
Aleines Feuilleton
mit der offenen Unterwerfung zögern, weil der fanatischen Mzableute fürchten. Benn- Meldungen kommen aus Tetuan schule aus
wollen, aber sie die Rache ru h i g e n d e Ksarelkebir.
Darnuka-KehrauS.
Die Deutsche Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung wird gegenwärtig mit einer fluchtartigen Eile geräumt und abgerissen. Eine Verlängerung der Ausstellung, bei dem endlichen Eintrift guten Wetters, hätte sich gewiß gelohnt, aber es ließ sich auch hierüber, wie über so vieles andere, keine Einigung unter den Teilnehmern herbei- sühren. Ganz so schlecht, wie geklagt wird, sind übrigens die Geschäfte nicht gewesen. Die großen, leistungsfähigen Firmen, die wirklich etwas zu bieten und sich Mühe gegeben hatten, erhielten zum Teil sehr namhafte Aufträge. Diese Firmen hielten sich an den Namen der Ausstellung und tafelten nicht allerlei Gegenstände auf, die jeden Tag, übersichtlicher, bequemer und billiger in irgend einer Kauf- straße Berlins zu haben sind. Auffällig war dqs geringe Interesse, das die Angehörigen von Heer und Marine dem Unternehmen entgegenbrachten. Nur sehr vereinzelt zeigten sich im Publikum Uniformen. Für den kleinen Mann war die Ausstellung mit ihren zahlreichen besonderen Eintrittspreisen viel zu teuer. Obendrein wurden schon um halb acht abends, also zu der Zeit, wo die Meisten überhaupt erst abkömmlich sind, die Hallen geschlossen. Der Vergnügungspark florierte bis spät in die Nacht. Aus dem großen Leinwandzelt des Kabarets „Zur Dattelkiste" — bis obenan gefüllt — ertönte das Lied von der „Da- muka" mit dem im donnernden Chor gesungenen Refrain. Hier herrschte die Heiterkeit von Anfang bis zu Ende und eitel Befriedigung über die vorzüglich gelungene Ausstellung^__
Englands Neformminifler.
Es hat in hiesigen politischen Kreisen nicht überrascht, daß der englische Kriegsminister Haldane, wie wir gestern meldeten, wieder einmal von einem großzügigen mili- lärijchen Reformplan Mitteilung gemacht hat. Seit der gelehrte, bekanntlich auch auf einer deutschen Hochschule vorgebildete Herr in Begleitung des preußischen Kriegsministers einem deutschen Manöver beigewohnt hat, läßt ihn der Reformeifer nicht mehr los. Was aber dem ruhmbedeckten Berussmilitär Lord Roberts nicht glückte, daran wird wohl erst recht der Zivilmann Haldane vergeblich jein Wollen erproben, zumal er selbst vor wenigen Tagen andeutete, daß die Zeit der Neuwahlen nicht mehr fern sei. Wenn dann auch die Liberalen wieder obsiegen sollten, jo stehen sie doch nicht mehr so fest in der Gunst des Volkes, wie-das bei den letzten allgemeinen Wahlen der Fall war, und als am wenigsten gesichert darf die Stellung des Kriegsministers Haldane gelten. Im übrigen ist es doch eine merkwürdige Art, wie England seinem eigenen auf der Haager Konferenz gestellten Anträge Folge gibt, die Frage der Rüstungseinschränkung zum Gegenstand erneuten und ernstesten Studiums zu machen.
polstifd^c LcrgerßAan.
Wahlrechtsarbeit.
Die Vorbereitungen für die große Wahlrechtsagitation der Sozialdemokratie in Preußen werden so geheim betrieben, daß nichts davon in die Oesfentlichkcit dringt. Es scheint seitens des Parteivorstandes darauf angelegt, den „Preußentag" im November, der von der Wahlrechtsfrage beherrscht sein soll, zu einen: überraschenden Ereignis zu gestalten. So leicht wird die bürgerliche Welt und die Regierung freilich nicht zu überraschen sein. Was von der Sozialdemokratie aus diesem Gebiet erstrebt wird, weiß jedermann; ebensowenig sind die realpolitisch Denkenden im Zweifel darüber/ daß das angestrebte Ziel „Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen" nicht im Handumdrehen zu ererichen ist, mag in Versammlungen oder selbst auf der Straße diese Forderung noch so geräuschvoll erhoben werden. Auf sich allein gestellt, wird die Sozialdemokratie im November so wenig praktische Erfolge erzielen, wie mit den Massendemonstrationen in den bekannten Januartagen. Die Woge wird sich diesmal vielleicht noch schneller verlaufen, weil der Wiederbeginn der Reichstagsverhandlungen in höherem Grade das öffentliche Interesse fesseln dürfte.
angenommen.
des Antrages Kämpf-Blell Verkehrspolitik. Ter Anhält fest an den Grundsätzen, die, der Wirtschafts- und Finanzpolitik
wurde gegen drei Stimmen lottenburg wurde einstimmig
Es folgt die Beratung betr. die Handels- und trag lautet: „Ter Parteitag
Air cStsge in Marokko.
Tanger, 16. Sept. Es verlautet, daß die Abgesandten der Schaujas alle vom General Drude gestellten Bedingungen angenommen und die Absicht geäußert haben, sich zu den verschiedenen Stämmen zu begeben, um am Donnerstag mit den Kaids und den Abgesandten aller Stämme nach Casablanca zurückzukehren, um sich gemeinsam zu unterwerfen.
lieber das Ergebnis der bei der sogenannten Glücksmauer von Birenbarek im Gebiete der Uladhari abgehaltenen BeratungvonsechsStämmen liegt die Nachricht vor, daß diese, dem Beispiele der Medinna folgend, vorläufig an keiner Aktion gegen die Franzosen teilnehmen
Paris, 16. Sept. „Petit Parisien" regt die Ein- ber usung einer neuen Marokkokonserenz an. Deutschland, schreibt das Blatt, bestünde zwar auf Wahrung der Algecirasakte, sei jedoch nicht abgeneigt, durch Abänderung der neuen Situation Rechnung zu tragen, in den letzten beiden Jahren habe Deutschland manches gelernt und vieles vergessen. Bei den Beziehungen des „Petit Parisien" ist anzunehmen, daß die Anregung inr Einverständnis mit den leitenden Kreisen der Wilhelm- straße erfolgt.
In einer Unterredung mit dem Redakteur des „Gil Blas" über die Marokkoangelegenheit erklärte Ministerpräsident C l e m e n c e a u, die Regierung beabsichtige nicht, den Fuß vorzusetzen, um ihn dann wieder zurücr- zuzichen. Man werde die Polizei organisieren, aber solange die Umstünde nicht dringende Maßnahmen erforderlich machen, werde man sich zunächst auf Caja- blanea beschränken und auch nicht die Operationen der Polizei an der algerischen Grenze abwarten. Der Meinungsaustausch mit der europäischen Diplomatie sei mit Freimütigkeit und ohne Feilschen vor sich gegangen; es konnte sich keine Erkältung daraus ergeben. Man müsse das Risiko einer Ueberraschung so beschränken, daß die Absichten der Regierung in keiner Weise verdächtigt werden können. Die Stellung Frankreichs bleibe nach jeder Richtung hin sehr stark. Es sei ein glücklicher Zustand, daß man den Eindruck der Klugheit und gleichzeitig den der Stärke hervorbringe. Er, Clemeneeau, wolle nicht wieder nach der Art Deleassoes anfangen. ________
die Freisinnige Volkspartei in .
des Reiches und der Bundesstaaten von jeher befolgt Hal. Er erachtet jede Gesetzgebung für schädlich, die für die Sonderinteressen irgend eines Standes oder Berufszweiges maßgebend sind, und verwirft die einseitige Bevorzugung agrarischer Interessen als unvereinbar mit dem Gesamtwohl des Deutschen Reiches. Er verurteilt die verkehrsfeindlichen Tendenzen, die u. a. in der Börfengesetzgcbung, der Kanal- und Schiffayrtsabgabenpolitik, der Erhöhung des Ortsportos und in der Fahrkartensteuer zum Ausdruck gekommen sind, und hält eine Aenderung der hierauf bezüglichen Vorschriften in Gesetzgebung und Verwaltung für erforderlich. Falls zur Ordnung des Reichshaushalts weitere finanzielle Maßnahmen notwendig werden sollten, was bisher noch nicht nachgewiesen ist, verlangt er, daß jede neue Belastung der notwendigen Lebensbedürfnisse und des Verkehrs vermieden, von einer Beunruhigung des Erwerbslebens abgesehen und unter Erweiterung des Systems direkter Reichssteuern die schwachen Schulter:: geschont werden. Der Parteitag fordert, daß diesen im Interesse des Gesamtwohls liegenden Grundsätzen in der wirtschaftlichen und finanziellen Gesetzgebung des Reiches und der Bundesstaaten Rechnung getragen wird."
Synoikus Me her - Charlottenburg begründet folgenden Antrag: „Der Parteitag fordert im allgemeinen, nationalen und wirtschaftlichen Interesse die baldige Aenderung des Börsenge setze s, insbesondere die Beseitigung des Börsenregisters und anderer Beschränkungen des Börscuterminharrdels."
Abg. Max Schulz- Berlin befürwortete solgenden Antrag
— Die Frankfurter Oper will in der neuen Spielzeit große Rührigkeit entfalten. In nächster Zeit wird Puccinis „Madame Butterfly" zur Aufführung gelangen. Eine neue Oper „Die rote Gred" von Bittner wird am 12. Oktober die Uraufführung! erleben. Noch^am Ende dieses Monats geht „Ritter Olaf" von Erlanger in Szene. Für den November ist eine Neueinstudierung von TLebers „Euryanthe" geplant. Zum 16. Dezember, Beethovens Geburtstag, wird „Fidelio" neu inszeniert. Als Weihnachtsmärchen wurde Marx Möllers „Schön Edelrot" erworben. Schließlich wird auch Vossis einaktige Oper „Der Wanderer" im Lause des SpieljahreS zur Aufführung gelangen.
— In Dresden wurde am 16. Sept, die 79. Versa mmlung verdeutsch en Naturforsch erundAerzte eröffnet, zu der gegen 2000 Gelehrte erschienen sind. Die Regierungen sämtlicher Bundesstaaten, daS Neichsgesuu-dheitsamt und wissenschaftliche Vereinigungen haben Delegierte entsandt. Der erste Geschäftsführer der Versammlung Geh. Hofrat Ritter von Meyer begrüßte die Teilnehmer. Dann begrüßten Staatsminister von Schlieben namens der Regierung und Oberbürgermeister Rentler namens der Bürgerschaft die Versammlung. Nach weitere:: Begrüßungsansprachen erwiderte der erste Vorsitzende Professor Dr. Naunyn aus Baden-Baden und gedachte der im letzten Jahre verstorbenen wissenschaftlichen Kapazitäten. Hierauf folgten wissenschaftliche Vorträge. Wir müssen uns auf die kurze Berichterstattung über nur einige wenige beschränken. In der Abteilung für praktische Veterinärmedizin hielt Professor Dr. Eber-Leipzig einen Vortrag über die Bedeutung deS Beh- r i n g s ch e n T u b e r k u l o s e - I m m u :: i s i e r n n g s - V erfahrens für die Bekämpfung der Rindertuber- kulose. Nach den klassi,chen Untersuchungen Behrings und seiner Mitarbeiter kann es, wie der Redner ausführte, keinem Zweifel unterliegen, daß die Widerstandsfähigkeit junger Rinder
Berlin IV: „Der Parteitag richtet an die Neichstagsfraktion der Freisinnigen Volkspartei das Ersuchen, 'in Anbetracht der hohen Preise für Getreide und Futtermittel geeignete Schritte zu tun, damit die Zölle auf (betreibe u n b Futtermittel suspendiert oder herabgesetzt werden." — Redakteur Rebelung- Nordhaufen ersuchte, im Antrag Kämpf hineinzuschreiben, daß notwendige Lebensbedürfnisse des Volks, namentlich Tabak und Bier, nicht weiter belastet werden dürften.
Abg. Dr. Wiemer: Auf die Mitwirkung der deutschen Landwirtschaft legen wir das allergrößte Gewicht. (Beifall.) Wir freuen uns, daß cs Tausende von Landwirten gibt, Oie das Heil für die Landwirtschaft nicht in der Unleraützung des Bundes der Landwirte und der Zirkus-Vusch-Leure sehen — wenigstens wie sie bis jetzt gem-efen sind, (Heiterkeit) —, sondern in der Unterstützung des kleinen Bauernstandes. Mit Rücksicht auf die überlastete Tagesordnung, und weil diese Agrartragen infolge der abgeschlossenen Handelsverträge zunächst nicht aktuell sind, haben wir besondere Anträge noch beiseite gelassen.
Waldmann-Biebrich begründet einen Antrag: Der Parteitag richtet an die Reichstagsfraktion das Ersuchen, in Anbetracht der enormen Preise für Kohlen Schritte zu tun, daß die Aufhebung der A u s n a h m e t a r i f e für Kohlen schleunigst aufgehoben unb die Einführung von Ausfuhrzöllen beantragt wird.
Abg. Kämpf wandte sich gegen diesen Antrag.
In der Abstimmung wurde der zweite Satz des Antrages Kämpf gestrichen. In den dritten Satz wurde die Verurteilung des Frachturkundeniwmpels aufgenommen. In dieser Fassung wurde der Antrag Kämpf einstimmig angenommen, ebenso die Anträge Charlottenburg, BerlinIV und Waldmann, letzterer jedoch in folgendem Wortlaut„Der Parteitag ersucht die .Abgeordneten^ zu erwägen, welche schritte zu tun wären, um die gerade in den letzten Jahren besonders zutage getretenen Mißstände auf dem Kohlenmarkt im Interesse der großen Masse der Konsumenten zu beseitigen, insbesondere durch baldige Reform der Ausnahmetarife zu mildern."
unumschränkt gewährleistet wird."
Auf eine diesbezügliche Anregung von Fräulein Zietz- Hamburg sagt Abg. Dr. M ü l l e r-Sagau: Nachdem die Frauen gelernt haben, im öffentlichen und gewerblichen Leben sich eine selbständige Stellung zu schaffen, ist es noch notwendiger als früher geworden, daß ihnen die Möglichkeit gegeben wird, sich so frei wie die Männer zu versammeln. (Beifall.)
Darauf wurde die Debatte geschlossen. Der Antrag Traeger angenommen. Der Antrag Char-
iustand setzen sollte, den mühevollen Kampf gegen die Rinder-' tuberkulöse auch unter schwierigen Verhältnissen erfolgreicher als bisher zu gestalten. Der Beweis, daß die Schutzimpfung wenigstens dieses zu leisten vermag, steht zurzeit noch aus und wir dürfen unsere Erwartungen, daß dieser Beweis erbracht wird, nach den bisher gesammelten Erfahrungen auch nicht allzu hoch spannen. Von den Schlußfolgerungen des Vortragenden, seien noch die folgenden hervorgehoben: Die Widerstandsfahig- l'eit junger Rinder gegenüber einer künstlichen Infektion mit virulentem Tuberkulosematerial kann durch Vorbehandlung mit Tuberkelbazillen verschiedenster Herkunft nicht unwesentlich erhöht werden. Die künstlich erhöhte Widerstandsfähigkeit ist jeboa) nicht von langer Dauer. Der Beweis, daß den Rindern durch das Behringsche Schutzimpftlngsverfahren (Borovaeeination) ein ausreichender Schutz gegen die natürliche Tub erku lose an st eck n n g verliehen wird, ist noch nicht erbracht. Sicher aussichtslos ist es, in stark verseuchten Beständen mit diesem Verfahren allein die Rindertuberkulose zu bekämpfen. Es liegen zurzeit inne Veröffentlichungen vor, welche beweisen, daß irgend ein anderes, auf der Einverleibung von Tuberkelbazillen beruhendes Vc: >' > -ii für die praktische Bekämpfung der Rindertuberkulose mehr leistet als das ursprüngliche Behringsche Schutzimpfungsverfahren.
— Ein Sem in ar für Städtebau ist an der T echN. Hochschule zu Berlin-Charlottenburg von den Professoren Gest Hofrat Genzmer und ^tadtbaurat ei. D. Brix eingerichtet worden. Es wird darin für Architekten und Bauingenieure die Bearbeitung von Stadt- und Orlsbebauungsplänen ans praktischer Grundlage in Vorträgen und Hebungen behandelt und ein Vortragszyklus! über aus gewählte Kapitel des angewandten Städtebaues abgehalten werden. — Ein solches Institut, verstände sooft und mit Geschmack geleitet, könnte bedeutende Erfolge mit sich bringen u. dem vielfach arg unvernünftigen, ungrstchütenmmkm.ei, men, un- künstlerischen Drauflosbauen in nxanchen deutsä)cn Städten ein Ende bereiten.
Am heutigen zweiten Verhandlungstage beschäftigte sich der Parteitag nach Genehmigung des Geschäftsberichts mit dem Vereins- und Versammlungsrecht. Hierzu lag folgender Antrag Traeger vor: „Der Parteitag fordert die reichsgesetzliche Regelung des Vereins- und Versammlungsrechts auf freiheitlicher Grundlage durch ein Gesetz, das entsprechend dem in der Sitzung des Reich>Stags vom 16. April 1907 angenommenen Antrag Ablaß allen Deutschen ohne Unterschied des Geschlechts das Recht gewährt, friedlich und unbewaffnet Versammlungen abzuhalten und zu Zwecken, die den Strafgesetzen nicht zuwiderlaufen, Vereine zu bilden. Der Parteitag fordert weiter die reichsgesetzliche Regelung der Rechtsverhältnisfe, der Berufsvereine und die Beseitigung der dein Koalitionsrecht noch entgegenslehenden Beschränkungen."
Syndikus s3)t eyer - Charlottenburg begründete folgenden, vom Reichstagswahllreife Charlottenburg - Teltow - Beeskow gestellten Antrag: „Der Parteitag spricht feine Genugtuung aus über die scharfe Bekämpfung des im Jahre 1906 dem Reichstage vorgelegten unzulänglichen und vielfach völlig verfehlten Gesetzentwurfs über die Rechtsfähigkeit der Beruss- v er eine seitens der Mitglieder der damaligen Reichstags- ftaktion. Er fordert, daß die mit Rücksicht auf die wachsende Bedeutung der Organisation im gewerblichen Leben immer dringender erforderliche Rechtsfähigkeit der Berufsvereine endlich
gegenüber einer künstlichen Infektion mit virulentem tuberkulösem Material durch Vorbehandlung mit Tuberkelbazillen der verschiedensten Herkunft nicht unwesentlich erhöht werden kann. Fraglich ist es nur, ob der so erlangte Impfschutz von genügender Stärke und hinreichender Dauer ist, um auch bei der zwar langsam wirkenden, aber darum nicht minder gefährlichen natürlichen Infektion wirksam zu bleiben. Bekanntlich hat Behring diese Frage bejaht und seit 1903 einen Impfstoff (Borovaccin) für die Schutzimpfung der Kälber in der Praxis zur Verfügung gestellt. Um ein Urteil über die Wirlfamkelt dieses Schntzimp- fungsverfahrenö gegenüber der natürlichen Ansteckung zu erlangen, sind in den letzten Jahren auch im Veterinärinstitut der Universität Leipzig zahlreiche Versuche an Rindern zur Durchführung gelangt. Die Ergebnisse dieser Tierversuche berechtigen leider weder ebensowenig wie die Erfahrimgen bei der Kontrolle der in der Praxis ausgeführten Immunisierungen zu der Annahme, daß den Rindern durch das Behringsche Schntz- impfungsverfahren ein ausreichender Schutz gegen die Tuberkulose-Ansteckung verliehen wird; auch die, bis jetzt in der Literatur vorliegenden Beiträge zur Beurteilung des Wertes der Behringschen Schutzimpfung sprechen mehr gegen als für die Wirksamkeit der Impfung. Auch Behnugs Auffassung von dem hohen Werte seiner Schutzimpfung hat zweifellos im Laufe der Zeit, wahrscheinlich bedingt durch die eigene Erfahrung bei der Kontrolle schutzgeimpfter Rinder, eine tiefgehende Wandlung erfahren und aus der allen bisherigen Tu- bertulosebekämpftlUgsmitteln absolut überlegenen, für sich allein zur Bekämpfung der Rindertuberkulose völlig ausreichenden Schutzimpfung ist auch nach seiner in den jüngsten Veröffentlichungen sich wiederspiegelnden Auffassung ein für sich allein kaum wirksames, erst im Verein mit anderen hygienisch prophylaktischen Maßnahmen wirksam werdendes Heilmittel bei der Bekämpfung der Rindertuberkulöse gciv i.n. Aber auch sür ein solches Hilfsmittel schulden wir dem Entdecker großen Dank, wenn es uns
7. Parteitag der Lreiftnnigen Volkspartei. li.
Berlin, 13. Sept.
Es folgte die Beratung der Anträge Dr. Wiemer und Rostock, die sich mit der Blockpolitik beschäftigen. Ter Antrag Dr. Wiemer lautet: „Der Partestag erklärt: Die Freisinnige Volkspartei erstrebt, getreu dem Eisenacher Programm von 1894, die Befestigung der nationalen Einigung Deutschlands, den Ausbau der politischen Freiheit und die Hebung der Wohlsahrt des gesamten Volkes. Die Partei ist bereit, wie bisher, gesetzgeberische Maßnahmen zu unterstützen, die in der Richtung ihrer Forderungen liegen, und mit anderen politischen Parteien zur Bekämpftmg gemeinsamer Gegner zusammenzuwirken. Für ein solches Zusammenwirken ist Voraussetzung, daß die grundsätzlichen Anschauungen der Partei gewahrt und die Forderungen ihres Programms zur Geltung gebracht werden." Ter Antrag des Wahlvereins Rostock-Doberan lautet: „Der Parteitag erklärt: Nachden: die Blockpolitik des Reichskanzlers den berechtigten Wünschen des Liberalismus so loenig Rechnung trägt, ist es wünschenswert, daß die Fraktion der F-reisinnigen Volkspartei innerhalb der FraltionSgemeinschaft der Liberalen darauf hinwirkt, daß die Politik des Abwartens aufgegeben wird, und daß energische Forderungen nach wirklich liberalen Gesetzesvorlagen erhoben werden."
In der Abstimmung wurde der Antrag Wiemer einstimmig angenommen, ebenso eine Resolution Herzberg-Königsberg, die der Fraktion das Vertrauen der Partei ausspricht. Der Antrag Rostock war zurückgezogen worden.


