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Erstes Blatt
157. Jahrgang
Donnerstag 17. Januar 11)07
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5>ie veutlge Aummer umfaht 8 Leiten.
Ion vcr Zbahlötwfgung.
Gießen, den 17. Januar 1907.
Ter Herr Pfarrer von Queckbera.
Herr P'airer schick von Cuecfborn schrieb uns aus Dtünberg einen langen Verteidigungsbrief mit dem Bemerken, tr habe »bei dem maßlosen ?lngnff wohl nicht nötig, auS- drucliich auf das Preßgcsetz sich zu berufen'. TaS hat der der Herr Pfarrer allerdings nicht »nötig', denn erstens ist un »Gieß. Anz.' überhaupt kein Angriff gegen ihn erschienen, sondern nur em sachlicher Bericht über eine Versammlung, in dec der Herr Pfarrer weder mit Geschick noch mit be. sonderem Takt gesprochen hat, und zweitens ist sein ganze; Schreiben nichts weniger als eine »Berichtigung' im Sinne des Preßgesetzes. Trotzdem sei dec Inhalt be» Briefes hier mitgeteilt:
Wir batten, ohne von dfr liberalen Versammlung zu wissen, auf die gleiche Stunde in Göbelnrod eine Versammlung an* gemeldet. Wenn wir, obwohl eher anwesend, doch den liberalen betten den Vortritt ließen und uns der frühen Abchlftt der Gegner mit 10 Minuten Redezeit einverstanden erTinT.cn, so zeigt das wahrhaftig genügend unsere Bereitschaft zu friedlicher Debatte.
Daß wir „Radau" gemacht hätten, bestreite ich für uns beide.
An Unterbrechung der Dorren habe ich mich nur im Ansang der Gcschäilsordnung bctei.igt, als man uns trotz unseres (int* grgenlommens die Redezeit beschranken zu wollen erfidrte.
Die fcerren h beit mich bei meiner Rede reichlich unterbrochen.
In 1'au ter haben wir keinen Redner am Sprechen ver- Hubert, sondern inc Versammlung beschloß, wenn man Derrn 14>n und mir, dem Ortspsarrer, die Diskussion verwe.gere, tie diS zu Anfang sofort ausgesprochen wurde, daß sie dann aach die Gießener Herren nicht Horen wolle. Daß es hierbei aus- r rc.jt zuging, ist woht ecklärftch, aber die Schuld daran trisst Loch wahrhaitig nicht unS. Rach dem Weggang zweier Herren omief die Versammlung zu Lauter geradezu vordildlia) harmonisch, ilad der Vorsitzende der Versammlung, Herr Gabriel, dankte nie nach meiner Rede ausdrücklich für meine „durchaus sachlichen mb sich von aller persönlichen Gehässigkeit fernhaltenden" Aus* ii orungen. Daß wir durch den D iS küss io ns streit um den vor^ aL'nlidxn Vortrag des ^erm Gehestnrat Schmidt kamen, h'.be ip ausdrücklich auss tiefste bedauert.
Ich h.ibe in Göbeinrod nicht von „Judenraupen" gesprochen, auch keine Hetze getrieben, vielmehr ausdrücklich unter dem Beifall der Versammlung erklärt, daß von den sämtlichen antisemitisch gerichteten Werteten feine einzige daran denke, den Juden ihn Staatsbürgerrechte zu nehmen.
Den sclyn in der Versammlung erhoben-N Vorwurf, ein Pfarrer solie keine 'Politik treiben, habe ich dort schon zurück- gewiesen als daS, was er ist, alS nicht liberal. Ich habe liebten geaen Gott wie jeder Mensch, aber auch Pflichten gegen mein Vaterland.
Unser Korrespondent schreibt unS zur vorstehenden Aeußerung:
Ich habe auf Grund genauer Information bei den in Queck- Lcin und Lauter bcfci.igien Gießener Herren und meiner eigenen lachhrnehmung in der Versammlung zu Göbelnrod nur die Lat, fachen wahrheitsgetreu wied^rgegeben.
In Lauter haben allerdings zwei werten des liberalen Wahl- LuSsmuises vvrgezogen, in der Versammlung überhaupt nicht tu spceä-en und zwar deshalb, well es, wie der Derr Pfarrer k selbst zugegeben hat, hierbei „aasgeregt" zuging. Er verschweigt aber wohlweislich, daß bei seiner Anfrage an die übrigens kleine Versammlung, ob sie deut yerm Pfarrer aus Queckborn und feinem Begleiter, Herrn Dörr, beschränkte Redezei tauserlegen wollte und wer dagegen sei, sich vom Platze erheben möchte, niemand sich erhob und erst, als er aujstand, beide Arme gegen den Himmel streckte und m pathetischer Weife ausrief: „Auf! auf! auf, Leute!" fich zögernd die Mehrheit der Anwesenden er<job, der Forderung ihres Seelsorgers nachgebend. Den Herren Geh. Zustizrat Prof. Dr. Schmidt und Stadtv. Kirch war dies Ber* anlasiung, die Versammlung zu verlassen, nachdem sie bereits in Queckborn beide Herren und bereit Liampsesweise zur Genüge , kennen gelernt hatten.
Wenn £>err ^>arrer Sebib von Unterbrechungen in Göbeln* tob spricht, so ist das richtig. Seine KampfeSweise und die beleidigenden Ausdrücke waren eben die Veranlassung dazu. Richt wahr ist es, daß ihm die Rebe; eit auf 10 Minuten beschränkt wurde, sondern man bat ihn, sich möglichst furj zu fassen, well den Gießener £)errett nur kurze Zell zur Beriügung stand. Km übrigen war die Versammlung von dem liberalen WahlauS. ja)uö durch Plakate und Ortsschelle einberufen und ich überlasse ta meinen Lesern, ob sie es glauben, daß der Pwrrer Schick aus Lucäbom (einem Nachbardorfe) am gleichen Lage zu gleicher Ltunde im gleichen Wirtshaus (ohne Wissen des Wirtes) vorher eine Versammlung eütberufen hatte.
£>err Pfarrer Schick hat von den „Judenraupen" und dem „Semitenblatt", dem „Gieß. Anr.", in dem vor Weihnachten unpsohlen fei, die Geschenke bet den Juden zu kaufen, gt» forvchen, und wenn er ertlätt, daß er und keine d-r antisemitischen Parteien daran denke, den Juden ihre Staatsbürgerrechte zu nehme* so ist dies ja nach seiner Ansicht christlich, und die ßuden werden ihm gewiß für die, es Entgegenkommen dankbar sein.
Der Vorwurf in der Versammlung zu Göbelnrod, „ein tfarrcr solle keine politische Agitation treiben", ist gefallen und wird auch aufrecht erhalten. Es komnll eben an auf die Form enb auf die Art und Weise, wie die politische Ueberzeugung »um Ausdruck kommt. Polllik zu treiben, wird kein vernünftiger l'lcnsch einem Pfarrer berjagen wollen. Antifemit.smus ist aber leine Politik. . ■
,^Jch habe Pflichten gegen Gott wie icdsr Mensch, aber auch Pflichten gegen mein Vaterland." Vergessen hat der Herr Pfarrer, daß er außerdem Pflicksten gegen seine Mttmenichen und feine Gemeinde hat. Versöhnung zu predigen ist m. E. die Ausgabe und Pflicht eines Pfarrers, aber nicht. Wie ti geschehen ist, Unfrieden und Klassenkamps im Volke anzusachen und zu schüren.
Noch alledem scheint ja der Herr Pfarrer eine phänomenale Fertigkeit tn der Kunst der Begriffsverdrehung zn bkfttzen. Tas komischste Stücklein auf diesem Gebiete ist, daß cc von uns als einem Semitenblatt geredet hat. Nach ber wundervollen Logik de§ Herrn Pfarrer Schick ijt einfach
alles, was nicht antisemitisch tst, semitisch, oder alles, was nicht weiß ist, schwarz, oder jeder, der nicht die Llntiduell- liga- oder die Antialkoholiker-Bestrebungen mitmacht, ein Duellant bezw. Alkoholiker. Und der »Gieß. Anz.' hat nach Herrn Pfarrer Schick empfohlen, bei Juden zu taufen! TaS lcht auf der gleichen Höhe der Logik und der Wahrheitsliebe. Ter »Gieß. An;.' hat bekanntlich in Nr. 295 v. IS. ein ibm au3 seinem Leserkreise zugegangenes Schreiben ver- öffcntlicht unter der Rubrik »Eingesandt', für die obendrein die Redaktion noch regelmäßig ausdrücklich jede Verantwoi- tuug ablehnt, in dem auf ein in unserer Stadt allgemein verbreitetes antisemitisches Flugblatt Bezug genommen wurde, das die Bevölkerung Gießens aufforderte, nicht in jüdischen Geschäften zu kaufen. Die von uns abgedruckte Zuschrift tadelte diesen Versuch zur Boykottierung unserer jüdischen, ihre Gewerbesteuer gleich jedem anderen Rammann zahlenden Mitbürger, o.hne auch nur mit einem W ort jüdische Geschäfte zu empfehlen. TieseS Eingesandt sprach ganz nchiig davon, daß daS WeiyuachlLiell em Feit der christlichen Liebe und btS WohltunS sein solle, daß aber jenes Flugblatt, das dem Herrn Pfarrer zweifilloS bekannt ist, deut Sinne der christlichen Liebe Hohn spreche, und sagte u. a. wönlich: „Also laßt Euch nicht betören durch Leute, die auS der Religion ebenso ein Geschäft machen, wie ans dem Patriotismus; fragt bei Euren Einkäufen nicht nach Abstammung und GlaubenSbekenmniS, sondern danach, wo Ihr gute Ware zu angemessenen Preisen bekommt ' Tiescd Flugblatt war unmittelbar nach Eröffnung eines großen hiesigen, von Israelitin geLitcLn WarenhauSneudancs Derbe eilet worden; in welcher Absicht, das weiß a ; ) der von christlicher Liebe ganz und gar buuy,onnie Herr Pjarrer aut Cucdborn.
Daß ein „Pfarrer Line Politik treiben' solle, ist vom „Gieß. Anz.' niemals behauptet worden. Es wurde von ilnserem GewahrSiuanne in unserer Nr. 12 sehr richtig gesagt:
„Alan sollte doch meinen, daß jemand, dein die Seelsorge tn ■>wei Deien obliegt, besseres zu tun baue, als die Versammliiiigen der Liberalen mit seiner antyenrulschen Hege von Ort zu Ort zu verfolgen und durch Lärmen zu fiorcn."
Damit wird von uns keineswegs die Ansicht vertreten, die Herr Pfarrer Schick un3 unterstellt. Es ijt denn doch cm großer Unterschied zwischen ernsthafter und an- ständiger politischer Betätigung und politischer Agitation oder gar Hetze, die unseres Erachtens eures Geistlichen durchailS unwürdig ist. Ter £>crr Pfarrer von Queckborn scheint darin freilich anderer Ansicht zu sein.
Welcher Heros von Wahrheitsliebe dieser Prediger christlicher Liebe, Duldimg und Gesittung ist, das haben wir nun ivohl ziir Genüge gekennzeichnet. Unsere Rechnung mit diesem Herrn ist ein für allemal abgeschlossen.
Als Termin für den Zusammentritt deS neuen Reichstages weiden der 14. und 19. Februar genannt. Endgültige Beschlüsse können erst nach den Wahlen gefaßt werden.
Das Großh. Ministerium des Innern hat an sämtliche ihm unterstellten Behörden die Anweisung ergehen lassen, den ihnen unterstellten Bea m ten und Bediensteten zur AiiSübirng des Reichstags-Wahlrechts an den Tagen der Haupt-, Stich- und Nachwahlen die nötige dienst - freie Zeit 311 gewähren.
Im Reichstagswahlkreis Hanau-Gelnffausen- Orb unterstützt Herr Löhler die Kandidatur eines Natio- nallibekalen durch folgende in der »Deutschen Volksmacht' abgedruckte Erklärung:
Hiermit erkläre ich, daß ich von der mir angebotenen Kandidatur für diesen Wahlkreis zuiiicklrete. Ich halte diesen Schritt im Interesse der Bauernsache für nötivenbig, da jede Absplitterung dem Gegner zum Siege verhelfen könnte. Ich fordere daher alle Parteigenossen auf, die gesonnen waren, nur ihre Stimmen iu geben, am 25. Januar gerade so einmütig dem Kandidaten Bundes der Landwirte Herrn Amtsrichter Lucas ihie Stimmen zu geben, wie sie für mich eingetreten wären, da LucaL sich für alle gerechten Forderungen unserer Partelgenofieil einz,r- treten verpflichtet hat.
Langsdorf, den 14. Januar 1907.
Löh ter, LandtagSabgeordneier.
Allerdings wird in der vorstehenden Erklärung klüglich verschwiegen, daß Herr LneaS in erster Linie Kandidat der Nationalliberalen ist und vom Bund der Landwirte nur unterstützt wird.
Aus Groß-Eichen wird unS heute geschrieben:
Tie nationalliberale Partei hielt am 13. eine auf 6 Uhr angesagte A.ähleiversammtung (iwolge der Cber-Obmer bedauerlichen Vorgänge) erst gegen 8 Uhr in der hiesigen Rellau- ration Faust ab. AlS Re'erent trat Geh. Forstrat Professor Tr. W i m m c n a u e r mü, der die Kolonial'rage in erster Linie behandelte und bann auf die Kandidatur Heyligeustaedt zu sprechen kam. Er sprach sich gegen die übertriebenen Angriffe der Sozialdemokratie aus, und tarn dann auf Köhler Langsdorf zii sprechen, der bekanntlich seine Pflicht un Reichstage arg vernachlässigt hat. Er emp'ahl die Kandidatur Heyligenstaedt. Zur Tiskufsion meldete sich für die deutsch-soziale Partei Architekt Wagner, der die Sachlichkeit Wimrnenauers ar.crfannte und ibn, auch in der Kolonialfrage unterstützte. Er bedauerte, daß die Steuern dafür nicht immer von den starken Schulteim getragen würben. Er wünscht, daß durch, das spekulative Kapital belastende Steuern diese Kosten au'gedracht werden müßten. Daß die Fahrkartensteuer fast gar keine Belasttmg des Mittelstandes bedeute, leugnete er. Er fand den Beifall der Bauerii nut der Bemerkung, baß das ^Ileifchiwl- ge'chrei aufgehört habe, feit d.e Nationalliberalen auf Stirn in e n- i ang gehen.' — (Sas ist freilich eine sehr häßliche Umerichiebuna wider beffereS Wissen, beim die Fleis chp reise sind dskcuuulich
eit einiger Zeit g efunten, sodaß die Klagen über hohe Lleifch- vreise oiine weiteres oerflunnnen mußten. Ter sog. ,Stinuneirang der Rationalliberalen' hat obendrein nicht tm entiemtcüen den Umfang, den der Stimmenfang der Anhänger Köhlers und der Krumms seit Jahr und Tag besitzt. Dian tveiß auf dein Vanbc ehr wodl, daß nicht bie Nationalliberalen, wohl aber die Freunde Köhlers imb KruinmS jahrein jahraus außerorbeiulich fleißig sind in der Bearbeitung der Volk-?maffen, wäiircnb die liberalen Parteien es leibcr nur zu sehr an .iquaiion fehlen taffen m polnifch minder bewegten Zeiten. T. Red.)
(Sine tn Schotten stattgehabte VertrancnSmänner-Ver. sammlimg deS Bundes der Landwirte sprach sich mit recht geringer Majorität für Jöie Kandidatur Bindewalb gegen Wallau auS. Trotzdem steht c3 außer Zweifel, baß Tr. Wallau (10 gegen 7) nicht nur zahlreiche bäuerliche, sondern sogar viele Stimmen von Mitgliedern deS Bundes der Landwirte erhalten wird. Denn der Ria le r Bindewald ist wahrlich nicht der rechte Vertreter ländlicher Jntereffen, wahrend dem verdienten vormaligen Vorsitzenden deS land- wirtschafüichen Vereins des Kreises Lauterbach eine große Anzahl verständiger Landwirte größtes Vertrauen entgegen bringt. Inzwischen wandert Herr Bindeivald mit zwei Trabanten, bim Freih. Riedeselschen ftainineriefrelär Knapp und dem Lehrer an der Lauterbacher Bürgerschule Kabel, von Ort zu Crt. Diese beiden Herren agitieren außerorbent- lt:I) lebhaft für B., mieten Wahllokale jur ihn und erweisen ’bm an Liebesdiensten alles, was sie irgend tun können. Einer uns zugegangenen Zlischrift auS Lauterbach zufolge erregt das dort vielfach unliebsames Aufsehen.
lieber die Taktik der hessischen Ze ntrum Spartei ln den Wahlkreisen, in denen sie im Gegensatz zu ihren sonstigen Gepflogenheiten, fc ne eigene Kandidaten aufstellt, wird jetzt so viel bekannt, daß in den Wahlkreisen, die für daS Zentrum von vornherein aussichtslos sind, die a nt lsein i tisch en Kandidaten unterstützt werden oder, wenn keine solchen vorhanden sind, Wahlenthaltung proklamiert wird. Im Wahlkreis Darmstadt läuft diese Taktik auf direkte Unterstützung der Sozialdemokratie hinaus, während im übrigen hauptsächlich die Herren Bähr, Dindewald und Nippel Ursache haben, sich beim Zentrum über diese Wahlhülse zu bedanken.
Vom Kolönialdirektor Wernburg, der vom „Nationalen Verein" in Altona als Kandidat gegen den Kandidaten der Der* «rügten Freisinnigen und Nationalliberalen, Nechtsanwalt Löwenthal, ausgestellt worden war, traf folgendes Telegramm ein: „Habe ju meiner Aufstellung als Kandidat in Ihrem Kreise keine Er- w.ächtigiurg erteilt, dieselbe erfolgte ohne mein Wissen und gegen meinen Willen. Dcrnburg."
politHcbc Cagesschcru.
Zur Ankündigung der Wahlreform m Sachsen bemerkt das ^B. T.', es liege tm Interesse der liberalen Parteien, dieses Zugeständnis der sächs. Negierung nach Kräften in der Wahlbewegung auszunutzen, wenn man auch nicht wisse, was die Vorlage enchalren werde und ob ihre Annahme durch die reaktionäre ÜandtagSmehrhcil wahrscheinlich fei. Tie sächs. Regierung macht kein Hehl daraus, daß sie ihre Bereilioilligkeit zur Wahlreform kundgab, um die Stellung der nationalen Parteien des Königreichs in der Wahlbewegung zu fiärfcn. Ein Vorwurf gegen sie kann daraus nicht wohl abgeleitet werden. Tie gleiche taktische Erwägung hat offenbar auch die Nationallibeialen veranlaßt, ihren Antrag auf Wahlrechtsreform im preußischen Adgeord- netenhause einzubringen, und es ist 'nur zu bedauern, daß die preußische Negierung bie Etatsdebatte vorübergehen ließ, ohne sich über ihre grundsätzliche Geneigtheit zur Blenderung des ungerechten Dreiklassenwahlrechts zu äußern. Hier war Gelegenheit, daS für die Cache der Regierung im Wahlkampf wertvolle Zeugnis abzulegen, daß ein liberaler Einschlag auch in der Politik des größten Bundesstaates zu gewärtigen sei. TaS Schweigen der preußischen Regierung kann kaum anders als in ablehnendem Sinne gedeutet werden. Ter Kurs bleibt hier der alte, reaktionäre. Sachsen zeigt wenigstens den guten Willen, und wenn auch die Negierung nicht verrät, wie weit sie den liberalen Wünschen entgegenzulommen geneigt ist, so weiß man doch vom Minister bcS Innern Grafen Hohental aus seiner langjährigen Wirksamkeit als Bevollmächtigter Sachsens zum DtmdcSrat, baß er Verständnis und Wohlwollend hat für die Erfordernisse einer zeil- gemaßen Politik. Jedenfalls ist sein politisches Glaubensbekenntnis ein anderes, als daS der preußischen Junker, und er wird auch der Mann sein, in der sächsischen Kammer etwaige Widerstände gegen die Wahlrechtsreform zu überwinden. Es ist also immerhin eine VoraiiSsctzung gegeben dafür, daß die Reichstagsuxthl eine Aendernng der Mandats- verhäktniffe in Sachsen herbeiführt. Bisher war bekanntlich daS Königreich, von einem einzigen Wahlkreife abgesehen, ausschließlich durch Sozialdenlokraten im Reichstag vertreten.
Die fogenannte hessische Rechtspartei in Krirheffen hat einen ben Reichs ebenen in maßwser Aei«e b:;..ntpfenben, bat krassesten Partikularftmus predigenden Wahlausr^f verölfent- ticht, aus ftem wir iolje-ibe Stelle niedriger hängen:
Seitdem in Deut'.ckftarid rerfjiir.a[;:ge attai.g :..-.ntr.ite Obrigkeiten, darunter auch unser hessisches ruhmreicheL Fi'rrstenhaus, frevelhafter Gelüste willen nach üirnuinüL; nationaler Größe und Machterweiterung, in <9..hrheit freilich nur im salschverstandenen Interesse Preußens, verirret' n i;nb ihres Vermögens beraubt, lellcem in anerftinnter Gattung zu Recht bestehende Lanbesv-rfassungen gewattiam beseirigt sir.o, ist eine 'chranienlpse, alter tiü^ificylen anf die Geoste der (Jexathtitu-


