Ausgabe 
16.4.1907 Zweites Blatt
 
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Irinde das Bonum. Gegenwärtig führen sie wieder tn Hessen und Berlin Stierkämpfe unter sich auf und bewerfen sich gegenseitig mit Beschimpfungen. Solche kleinlichen Kampfhähne verdienten jeder 25 aus den Daches."

Düsseldorf, 12. April. Bei den Stadtverord­netenwahlen in Dinslaten (Rhein!.) war der Weichen­ste l l e r Graus gewählt worden. Mehrere Bürger stellten sich auf den Standpunkt, daß Graus als Eisenbahnbeomter nicht wählbar sei, und erhoben Einspruch. Der Bezirks­ausschuß in Düsieldocf erklärte die Wahl für gültig. Nun­mehr hat das Oberlandesgericht als oberste Instanz die Wahl für ungültig erklärt und somit die Auffassung der Kläger als berechtigt anerkannt.

Breslau, 15. April. Die heutige Stadtverordneten­versammlung nahm mit großer Mehrheit dre Einführung der Wertzuwachs st euer an.

München, 15. April. Der Landesverband der bayer. Grund- und Hausbesitzcroereine beschloß, daß seine Angehörigen nur für Landtagskandidaten eintreten dürfen, die für die progressive Einkommensteuer eintreten und bei der Steuerreform für Abweisung der allgemeinen Lasten und Schuldzinsen stimmen. Weiter müßen sie für Besser­stellung der Hausbesitzer gegenüber schlecht zahlenden Mietern wirken. Gleichzeitig sollen mit der Reform der Staatssteuern den Gemeinden ausreichende Einnahmequellen zugewiescn werden, die ihnen ermöglichen, ihre sinanzicllen Bedürfnisse durch eine gerechte Besteuerung zu decken.

LarlMirentarisches.

Berlin, 15. April. Der Zentcalvomand der national­liberalen Partei hielt gestern seine erste Sitzung ab, der auch der Senior der Partei, Abg. Exzellenz Hobrecht beiwohnte. Durch Zuruf wurden die bisherigen Vorsitzenden: Baffecmann <1. Vorsitzender), Dr. Friedberg als dessen Stellvertreter und Dr. Geiger-Erlangen wiedergewählt. Die Wahl des Geschäfts­führenden Ausschußes ergab die Wiederwahl der bisherigen Mitglieder: Abg. Bartling, Abg. Dr. Blankenhorn, General­sekretär Breithaupt, Abg. Frhr. Hcyl zu Herrnsheim, Abg. Dr. Hieber, Abg. Junghenn-Hanau, Abg. Dr. Krause, Abg. Graf Oriola, Abg. Dr. Paasche, Abg. Schiffer, Abg. Dr. Semler und Geheimrat Simon.

Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, beab­sichtigt die Negierung, um den Parteien des nationalen Blocks Gelegenheit zu positiver Arbeit zu geben, den R e i ch s t a g nach Ablauf der gegenwärtigen Seßion nicht zu schließen, sondern ihm noch einige ältere gesetz'geberlsche Laden­hüter vorzulegen und ihn dann bis zum November zu vertagen. In einem Aufruf empfiehlt der sozial­demokratische Parteivocstand, den Parteigenoffen überall dort, wo die Gewißheit besteht, daß die Acbeitscuhe am 1. Maitage zu einer Aussperrung führt, unter den obwaltenden Umständen von einer Arbeitsruhe abzu­sehen. Die Arbeiter, die nicht in die Arbeitsruhe eintrcten können, mögen am Abend des 1. Mai zusammentreten, um ihren Forderungen und Bestrebungen den gebührenden Aus­druck zu geben.

Die Abgg. Graf Oriola, Prinz Carolath und Dr. Paasche beantragen zum Etat des Reichsschatzamts eine Resolution, welche die Beihülfe für Kriegsteilnehmer erhöhen soll, und verlangen zum Zweck der Aufbringung der Mittel und der Auffüllung des Inoalidenfonds die Ein- führung einer Wehrsteuer. ________________________

Neues aus Rußland.

In der Reichsduma suchte bei der fortgesetzten De­batte über die Agrarfrage dec Abg. Purischkewitsch nach­zuweisen, daß die russischen Bauern nicht ausschließlich unter dem Mangel an Landeigentum leiden, sondern auch unter anderen Mißständen, deren hauptsächliche das Fehlen jeglicher Kenntnis auf volkswirtschaftlichem Ge­biete, Mangel an Kultur und Unterricht seren. Der Redner ruft zu einem Zusammenschluß aller Gruppen der Reichsduma auf und erinnert an die liberale Nolle, die der Adel bei Aushebung der Leibeigenschaft gespielt habe. Er weist die Behauptungen von Obskurantismus deS heutigen Adels zurück und tadelt die Polen, die erklärt hätten, daß die Agrarfrage in Polen nur durch einen autonomen polnischen Reichstag gelöst werden könne. Ec äußerte ferner seine Ver­wunderung über den Mangel an Logik in den Vorschlägen der Linken, die das Recht auf Eigentum nicht anerkennten, wohl aber die Existenz des Staates. Da wäre es doch frei­mütiger, sich zur reinen Anarchie zu bekennen.

Der Gehülfe des Ministers des Innern, Kryschanowski, in dessen Händen die Leitung des Ministeriums tatsächlich liegt, hat bereits den Entwurf eines neuen Wahl­gesetzes ausgearbeitet, welcher das geltende Wahlrecht von Grund auS anders gestalten soll. Es wicd geplant, das Wahlrecht an den BildungS- und Besitz-Eens us zu binden und den Bauern ihre jetzige bevorzugte Stellung zu nehmen. Man hofft, auf diese Weise die extreme linke Partei unschädlich zu machen.

An verschiedenen Stellen der Stadt Lodz fanden am 15. d. MtS. wieder Ueberfälle auf Arbeiter statt, bei denen zwei schwer, einer tödtlich verwundet und ein vierter getötet worden ist. Ferner wurde em Händler, als er aus seiner Bude herausging, von zwei ihm auflauernden Personen über­fallen und vor den Augen des Publikums erschossen; die Mörder entkamen.

In Moskau überfielen etwa 35 Bewaffnete auf der Masmenbrücke einen von Wächtern begleiteten Eisenbahn­kassenboten, der 87 000 Rubel bei sich hatte. Doch es wurden nur etwa 400 Rubel geraubt. Die Täter, welche bereits einige Säcke mit Geld gefüllt und begonnen hatten, diese auf einen Wagen zu laden, flüchteten, als die Wächter feuerten. Acht von ihnen wurden jedoch verhaftet; unter den Verhafteten befindet sich ein Student der Technischen Hoch­schule, der bestreitet, an dem Ueberfall teilgenommcn zu haben.__________________

AusranH.

London, 15. April. Die britische Reich s-Kolonial- Konferenz, zu der sämtliche englische Kolonien ihre Premier­minister entsandt haben, wurde heule vormittag unter dem Vorsitze des Staatssekretärs für die Kolonien, Lord Elgin, eröffnet. Der englische Premierminister Sir Campbell Banner- man führte aus, der Frage der Voczugsbehandlung müsse eine hervorragende Bedeutung emgeräumt werden-.

Paris, 15. April. Nach dem .Echo de Paris" bezeichnete Kaiser Wilhelm während eines Mahles beim Staats­sekretär von Tschirschky als echt ritterlichen Zug des französischen Volkes den Kultus der Weiblichkeit, wie er vornehmlich in der Liebe für die Jungfrau von Oc- leans sich bekunde. E§ sei sehr bezeichnend, daß diese Herzens­neigung der Nation sich nachhaltiger erweise, als die Be­wunderung für irgend einen der Kriegshelden, von denen die französische Geschichte berichtet.

Rom, 15. April. Der Papst hielt heute früh im Konsistorium eine Ansprache, die sich ausschließlich auf Frankreich bezog. Er sagte, ec empfinde den Zwist mit Frankreich um so schmerzlicher, als er die Freuden und Leiden jener edlen Nation als seine eigenen betrachte. Die Regierung suche, den letzten Rest von Religion aus dem Herzen des Volkes zu reißen und scheue nicht einmal vor einem Nechtsbruch zurück, der zugleich ein Hohn auf die französische Höflichkeit sei. .Niemals", fuhr Pius X. fort, »habe er die republikani­sche Staats form bekämpft, im Gegenteil, er habe sie aufrichtig angenommen. Er werde dem Hasse die Liebe, den Irrtümern die Wahrheit, den Kränkungen und Schmäh­ungen die Verzeihung entgegensetzen." In der Ansprache wurde besonders der wiederholte Ausdruck .Liebe zur fran­zösischen Nation" beinerft, womit Pius sich offenbar von dem Vorlvurfe, ein allzu großer Deutschenfreund zu sein .reinwaschen" wollte.

Aer Eenkanrsche InedekrsLonZr.ß.

Newhork, 15. April.

Der nationale SchieLiIgerichts-i und FriedeusLongreß 'rvurda heute nachmittag in der Carnegie-Halle unter großer Be­teiligung eröffnet. Der Vorsitzende Andrew Carnegie hielt eine längere Rede, in der er zunächst auf den Zweck des Kon­gresses: Beseitigung der Kriege und Begünstigung der interparlamentarischen Union hinwies und er­klärte, er persönlich sei ein Anhänger der Ideale der Friedens- l i g a und für die Einrichtung einer internationalen Po­lizei, niemals für einen Angriff, sondern stets für die Be­günstigung des Friedens in der zivilisierten Welt. Ein Krieg berühre jetzt die Interessen aller und daher habe eine, haben zwei Nationen nicht mehr ein Recht, den Frieden zu brechen ohne Rücksicht auf die anderen. Die Nationen sollten ersucht werden, ihre Streitigkeiten auf friedlichem Wege beizulegen und die beste Bürgschaft für den. Frieden würde ein Uebereinkommen mehrerer Nationen, sowie deren auf der Haager Konferenz abgegebenen Erklärungen werden, daß es keinem anderen Staate erlaubt sei, den Frieden zu stören. Die Bildung einer Friedens-- liga auf der nächsten Haager Konferenz würde ein Schritt vorwärts auf dem schon gekennzeichneten Wege sein. So fern die Verwirklichung dieses GÄxmkens noch liegen möge, so dürfte es der Wahrheit nahe Lmmen, daß es heute wohl in der Macht eines Mannes läge, diese Friedensliga zu gründen. Viel­leicht könne der Präsident der Verein. Staaten jetzt diese Rolle spielen. Zurzeit indessen liege es Haupt sächli chinderHand des deutschen Kaisers, den Krieg abzuschaffen. Sein Ruf, einen Völkerbund für diesen Zweck zu bilden, würde bei mehr als 5 Nationen einen freudigen Widerhall erwecken, und wie in der einstigen Liga der Mächte zur Niederwerfung des Boxeraufstandes in China, so wüßte auch in dieser größeren Liga ein deutscher General die verbündeten Streit- k r ä f t e zu kommandieren. Viel sei von dem deutschen Kaiser geschrieben und gesprochen worden als einem Bed roher des europäischen Friedens, jedoch der glaube es unbe­rechtigterweise. Fast 20 Jahre sei er auf dem Thron, ohne au irgend einem Blutvergießen Schuld zu Haden.

Nach seiner Rede verlas Andrew Carnegie ein längeres Schreiben Roosevelts, in dem der Präsident die Frage des. allgemeinen Schiedsgerichts Vertrags als die wichtigste Frage für die zweite Haager Friedenskonfe- r e n z bezeichnet und der Hoffnung Ausdruck gibt, daß die Nationen einen derartigen Vertrag annebmen werden. Die Frage der Einschränkung der Rüstungen, heißt es in Roosevelts Schreibt n weiter, sei nicht eine _ber wichtigsten. Die eigen­artige Stellung der Vereinigten Staaten mit ihrer kleinen Armee und Marine berechtigt Amerika nicht, in dieser Frage anderen Nationen gegenüber die Haltung eines Schulmeisters einzunehmen. Was Amerika angeht, so vergrößere es seine Marine nicht, sondern halte einfach ihre Schlagfertigkeit aufrecht. Die amerikanischen Delegierten zur, zweiten Konferenz hätten Weisung, das Werk der ersten Konferenz in jeder Weise der Vollendung näher zu jringen. Der Präsident mahnt dazu, von ihr, der Konferenz, nicht, etwas Unmögliches zu verlangen. Ein Schade würde et» waußen ,falls nur die fortgeschrittensten. Nationen nach einer Ver- einvarung abrüsteten und sich so der Gnade der weniger fort­geschrittenen Nationen auslicferten. Viel könne aber zur Förde­rung des internationalen Friedens getan werden, falls mit Vernunft und Selbstbeschränkung vorgegangen werde.

Der Staatssekretär Root führt dann aus: Die amerikanische Regierung sei der Ansicht, daß die Beschlüsse der ersten Haager Konferenz bezüglich der Marine- und Milttärrüstungen auch auf der Uveiten Konferenz weiter beraten werden sollten, und daß der Versuch gemacht- werden sollte, eine Vereinbarung zu treffen, derzufolge die ungeheuren Ausgaben für kriege­rische Zwecke reduziert werden. Die amerifan. Regierung wisse, daß diese Frage eher Europa als Amerika angeht, aber ein Staat, welcher weniger Interesse an einem Vorschläge habe, könne bisweilen diesen mit mehr Aussicht auf Erfolg Vorbringen. Deshalb habe seine Regierung sich das Recht Vorbehalten, diesen Vorschlag im Haag zu unterbreiten. Die Regierung der Verein. Staaten sei auch der Mecliung, die Haager Konferenz sötte beschließen, daß die Anwendung von Gewalt bei Eintreibung von Verbindlichkeiten, die eine Regierung den Bürgern eines andern schuldet, beschränkt werde.

Wie Streiks entstehen.

E§ ist eine alte Taktik eines Teiles der Arbeiterschaft, die Hochkonjunktur und den durch Einblick in die Finanz­lage, wie sie sich in den Geschäftsberichten darstellt, gewonnenen Ueberblicf über das Unternehmen dazu zu benutzen, For­derungen zu stellen und im Falle einer ablehnenden Haltung des Unternehmertums den Streik zu erklären. Dieser Taktik huldigen alle sozialdemokratischen Verbände. Die großen wirtschaftlichen Schäden, die ein Streik mit sich bringt, haben nun in der Arbeiterschaft eine Gegenbewegung gegen den Streik hervorgerufen und in der Maschinenindustcie ist dem Metallarbeiter-Verband in dem sogenannten gelben Verband ein Faktor erwachsen, mit dem zu rechnen sich der Metall­arbeiter-Verband wohl oder übel bequemen muß.

Ein in mancher Hinsicht bedeutsamer Streik von Metall­arbeitern ist z. Z. der der Arbeiterschaft der großen Dresdner Nähmaschinen- und Fahrradfabrik von Seidel u. Nau­mann, A.-G., in Dresden. Mit 1264 gegen 164 Stimmen wurde dort dec Streik beschlossen, und zwar sprachen sich von dem Metallarbeiterverband 993 gegen 109, vom Holzardeiterverband 103 gegen 13, vom Fabrikarbeilerverdand 62 gegen 9, vom Lackiecerverband 9 gegen 3, von dem Hirsch-Tunckerschen Gewerkverein 9 gegen 3 und von den gelben Gewerkschaften 1 gegen 2 für den Streik aus. Acht Tage vor Ostern waren von der Arbeiterschaft der Firma

Vorschläge zur Einführung anderer Lohn- und ArbeitS- bebingungen unterbreitet worden. In denselben wurde neben einer Verkürzung der Arbeitszeit auf täglich 9 Stunden (Samstags 5 Uhr-Schluß) eine Erhöhung der Löhne und Akkorde um 10 Prozent für alle Arbeiter gefordert. Das Hauptgewicht wurde aber auf die wirkliche Anerkennung des Arbeiterausschuffes gelegt und demgemäß auch die Wieder« einstellung eines angeblich wegen seiner Tätigkeit als Ar. beiterausschußmitglied von der Firma entlassenen Arbeiter gefordert.

Die Betriebsleitung machte auch alsbald mannigfache Zugeständniffe. Bezüglich des Arbeiterausschuffes erklärte die Fabrikleitung, derselbe sei jederzeit anersannt worden und werde auch fernerhin anerkannt. Der Metallarbeiterverband aber fordert, bei Entlassung von Arbeiterausschußmitgliedecn soll aus Appell des Arbeiterausschuffes an die Direktion seitens der letzteren eine Prüfung der Entlaffungsgründe unter Hinzu­ziehung des Angeschuldigten und einer dazu gewählten Kom­mission des Arbeiterausschuffes vorgenommen werden. Ferner erklärt der Metallarbeiterverband, das, was die Fabrikleitung bis heute bewilligt habe, 15 Psg. Mindeststundenlohn für Arbeitsburschen, koste der Firma nichts. Im übrigen feien diese Zugeständnisse von der Fabrikleitung als ein Ultimatum hin­gestellt worden.

Während nun, wie Dresdener Blätter schreiben,eine^ aufgereizte, von sozialdemokratischer Leitung irregeführte Arb.'sterschaft den Streik beschloß", kamen gegen 700 Mit­glieder der Freien Vereinigung deutscher 9)1 eta 11* arbeitet in Dresden zusammen, um Stellung zu nehmen gegen den Terrorismus deS Deutschen Metall* arbeiterverbandes und gegen die von diesem ge­schürte Streikbewegung. Man begrüßte in dieser Ver­sammlung das rasche Wachsen des sogenannten r©eiben Verbandes" und konstatierte, daß in den gegenwärtigen Lohn- und Arbeitsverhältniffen bei der Firma Seidel u. Naumann nicht die geringste Ursache eines Streikes liege und stellte durch Umfrage fest, daß keiner ber etwa 700 Anwesenden für den Streik sei. Dieser sei viel­mehr nur eine Mache der sozialdemokratischen Leiter des Metallarbeiteroerbandes. Das enorm rasche Emporwachsen desGelben Verbandes" habe den Deutschen Metallarbeiter» verband nervös gemacht, er wolle eine Machtprobe in­szenieren, um seinen Mitgliedern womöglich dann sagen zu können:Seht, diese Forderungen haben wir für euch durch­gedrückt!" Durch einen Streik wolle der Deutsche Metall­arbeiteroerband vor allem die Freie Vereinigung deutscher Metallarbeiter schwächen und neuen Zuzug von deren Mitgliedern zur Firma Seidel n. Naumann verhindern. Man wies auch die von der Gegnerschaft und der sozial­demokratischen Presse gegen die Freie Vereinigung erhobenen Vorwürfe zurück, daß sie oom ReichSverband gegen die Sozial­demokratie gegründet iDorbcfT sei und in bedenklicher Weise mit der Arbeitgeberschaft liebäugle. Die Vereinigung stehe voll­ständig frei und unabhängig da und sei eine von der Arbeiter­schaft selbst ausgegangene Schöpfung. Auch der Metall- industriellen-Vecband hege und pflege die freie Vereinigung nicht, wie man im sozialdemokratischen Lager geflissentlich aussprenge. Zweck und Ziel der Freien Vereinigung sei: Freiheit der Arbeit. Ihre Mitglieder wollten nicht ge­zwungen fein zu einer Entschließung, weder von der Gesamt­heit einer großen Organisation, noch von einem einzelnen und sie wollten sich vor allem nicht zu polttlschen Zwecken mißbrauchen lassen. (Lebhafter Beifall.) Sie wollten im friedlichen Verkehr mit den Unternehmern das zu erzielen suchen, was durch rohe Gewalt nicht zu erringen fei. (Bravo!) Auch der Arbeiter, der in politischer Beziehung antinational fein könne, finde Aufnahme in dec Freien Ver­einigung, sobald er nur so viel Freiheit dec Gedanken besitze, daß er nicht meine, wenn er politischNein" sage, müffe er es auch in allen Dingen sagen, und wenn es ihm und feiner Familie zum Verderben gereiche. Die Versammlung nahm einstimmig folgende Resolution an:

Tie versammelten 650 Arbeiter der Firma Seidel & Nau­mann legen gegen den von feilen der Mitglieder des Metallarbeuer- verbarrdes m und außerhalb der Fabrik geübten Terrorismus der verschiedensten An gegen ihre Mitarbeiter entschieden Protest ein. Sie erklären, daß sie gewillt sind, unter ausdrücklicher Wahrung ihrer berechtigten Interessen im gütlichen Ausgleich mit der Firma Wünsche und Beschwerden zur Erledigung zu bringen, da sie nur in einem Hand in Handgehen zwischen Firma und Arbeitern die wahre Forderung ihrer Interessen erblicken. In diesen Be- ftrebungen fühlen sie sich eins mit der größten Anzahl namentlich älterer Arbeiter der Fabrik, auch so weit sie selbst dem Metall- arbeiteroerbanbe angehören. Sie werden deshalb allen im ent­gegengesetzten Sinne zutage tretenden provokatorischen und nur der absichtlichen Hetze dienenden Agitatwnen mit aller Entschiedenheit entgegcmrelen und bestrebt fein, im Frieden und in Eintracht mit ihren 'Mitarbeitern zu leben, indem sie schließlich auch für die Zu­kunft ihr volles Vertrauen der Firma entgegen­bring e m"

Mit einem Hoch auf die Firma Seidel & Nauman» schloß der Vorsitzende die Versammlung.

Ein Besucher dieser Versammlung schrieb einem Dresdener Blatte:

Diese Arbeitsmänner mit den rußgeschwärzten Gesichtern und schwieligen Händen, alte und hinge, die man früher begeistert in ein Hoch aui die internationale Sozialdemokratie oder auf den von sozialdemokratischer Seile geführten Verband elnstimmen hörte, sie klatschten Beifall unb riefen Bravo, wenn gegen den Terrorismus der Perbandsleiter oder gegen die Verquickung wirtschaftlicher und politischer Fragen kräftig vom Leder gezogen wurde! Ja. gehen den sozialdemokratischen Leitern und Hetzern angesichts solcher Tat­sachen noch nicht die Augen darüber auf, daß alle verständigen Arbeiter ihr sinnloses, gefährliches Treiben erkannt und sich voll Abscheu von ihnen abgewandt haben?

2ists Staat und Land.

Gießen, den 16. April.

- Der russische Kaiser kommt nicht! Man schreibt uns aus Darmstadt: Die Meldung von einer demnächstigen Hiecheckunft des Zacenpaaces, sowie das damtt verbundene Zusammentreffen nut dem deutschen Kaiser ent­behrt jedenfalls dec Begründung. In den dem Gcoßh. Hof nahestehenden Kreisen ist von einer Absicht des ruffischen Kaisers, hierher zu kommen, nichts bekannt.

** Auszeichnungen. S. K. H. der G r o ß h e r z o g haben dem Major Lang, Abteilungskommandeur im 2. Großh. Feld-Actillecie-Regiment Nr. 61, das Ritterkreuz 2. Klaffe des Ludewigs-Ordens verliehen und dem Polizeikommissäc, Polizeiassessoc Moritz Kcaemer in Darmstadt den Charakter als Polizeicat erteilt.