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Erstes Blatt
Donnerstag 14. November 1907
157. Jahrgang
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General-Anzeiger für Oberhessen MW
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Ais öeuiige 'Numnrer nmfaßt 10 Seiten.
§as deutsche Karserpaar in Knglavd.
Am gestrigerl Mittwoch hat in der Londoner Guildhall in feierlicher Empfang des deutschen Kaiserpaares statt- cstmden. Die Guildhall bot einen prächtigen Anblick dar. äif der mit Scharlach bekleideten Estrade saßen der Lord- taijor und seine Gemahlin in Scharlachroben und goldenen tmtskctten und die Aldermen. Die Uniformen boten ein tanzendes Jarbenbild. Der Lorbmayor trug die Tracht ineo Grasen mit dem Hermelinmantel, der nur bei Empfang on königlichen Herrschaften getragen wird.
Ju der Guildhall waren schon vorher die Mitglieder er deutschen Botschaft eingetrofsen, die mit lautem Bei- ill begrüßt wurden, besonders als Prinz Wilhelm zu Stol- evg-Wennigerode dem Lordmayor und den Sheriffs die inen vom Kaiser verliehenen Orden überreichte. Als der aifer den Saal betrat, ertönten Fanfarenklänge. Der aifer, der die Gemahlin des Lordmayors führte, wurde zu em Thronsitz zur Linken, die Kaiserin zum Thronsitz zur 'echten des Lordmayors geleitet. Der Kaiser trug die niform der Zietenhusaren. Er sah wohl aus, augenschein- ch befand er sich in heit:rer Stimmung. Der Lordmayor berreichte dem Kaiser ncmens der städtischen Verwaltung ie in einer wertvollen Kassette liegende Adresse, in et es unter anderm heiß:
„Wir freuen uns, Eier Majestät nicht nur als nahen verwandten und Gast mseres geliebten Königs, sondern uch als berühmten Herrscher der großen deutschen Nation ewillkommnen zu düren. Wir sind glücklich, bei dieser Gelegenheit in unseren Namen, im Namen der Bürger ondons, den Gefühlerber Hochachtung, Freund- ch a s t, S Y m p a t h i »-Ausdruck zu geben, die das Voll vereinigten Königrcchs gegenüber dem deutschen Volke ffeelt. Wir geben der zrversichtlichsten Hoffnung Ausdruck, O ^dieMfühle von Ästung und Wertschätzung, die schon > lange bestehen zwichen der großen Nation, über die uer Majestät regiert, md der unsrigen, sich immer stärker nb dauerhafter gestateu mögen, zum Wohle und Glücke :iber Völker."
Bei dem Festmayl, das die städtischen Körperschaften nn Lordmayor, derinzloischen den ihm vom Kaiser ver- ehenen Orden anglegt hatte, die Hand und erwiderte :ii vernehmlicher (Stimme: „Bitte meinen Dank für die rresse und die prchtrge Kassette, sowie den glanzenden uipfar.g entgegenrhnren zu wollen. Inmitten all der usjchmückungen sa ich die Inschrift: „Blut ist dicker ls Wasser!" Mge dies immer so zwischen beiden Lünern bleiben, möge die große Stadt London sich unter en Auspizien meint geliebten Onkels, den Gott schützen löge, immer erfolaeich weiter entwickeln."
Beid em Fe st m hl, das die städtischen Körperschaften ondons zu Ehren ds deutschen Kaisers und der Kaiserin i der Guildhall b:en, brachte der Lordmayor zuerst men Trinkspruch as den König und die Königin und dann uf den Kaiser un die Kaiserin aus. In dem letzteren .rinkspruch sagte er Lordmayor u. a.: Mancherlei Er- lgniffe und Aendmnben haben sich zugetragen, seit Eure Majestäten zuletzt t dieser Halle waren, sowohl in diesem anbe als auch ir Auslande. Wir leben hier unter einer nberen Regierur. Manche unserer hervorragendsten Staatsmänner fin vom Schauplatz ihrer Tätigkeit zurück- etreten und eincjüngere Generation ist an ihre Stelle etreten. Das Glche laßt sich von anderen Nationen und Völkern sagen, cur die Hand der Veränderung und des Wechsels hat ofserar das große Deutsche Reich nur leicht be- ührt, und es fdint, daß es weniger Wandlungen durch- emacht hat, als ie meisten seiner Nachbarn. Der deutsche Uaifer regiert na immer mit all der bewunderungswerten itaft, dem Gesckk und Fleiß, die ihn stets ausgezeichnet leben, über eine ber größten Reiche und über das patrio- ijchst gesinnte Äk, welches die Welt je gesehen hat. Sein Untereife für Käst, Wissenschaft, Literatur und Kultur m allgemeinen 't noch genau *o lebhaft als es immer lewesen ist, mrdu keiner Zeit war das Ansehen Deutsch- anbs und des aisers Volkstümlichkeit größer als jetzt. Äc hegen dasrusrichtige Vertrauen, daß Ew. Majestät ügierung eine ehr lange sein möge und wir hoffen und Eten, dad Ew. ajestät und der Kaiserin ein langes Leben Eschieden sei, n sich der wohlverdienten Liebe und Ehr- urcht ihres Vres und der Achtung und Ehrerbietung zu csreuen, aus V sie durch ihre viele Tugenden und ihren 'ersönlichen Mt überall Anspruch haben."
Hieraufrwiderte de r Kaiser mit folge n- ’er Rede:
„Mein lier Lordmayor! Die Worte, die Eure Lord- chaft in so bedter und warmer Weise an Ihre Majestät >ie Kaiserin u) mich selbst gerichtet haben, und der Will- omm der Bgerschaft dieser großen Stadt haben mir ■ine große Gc-lgtuung gewährt. Wir sind überaus dankbar für den reichen Empfang, den London uns bereitet -at, und ichrgreife gern die Gelegenheit, die uns durch lurer Lordscft glänzende Gastfreundschaft geboten ist, um wn dieser au Halle nn|em wärmsten Dank an die Bürger Bonbons jüreu der Kaiserin und mir bereiteten Empfang »u richten. Se Eure Lordschaft bereits in Ihrer Ansprache "cwühnt haa, bin ich in der Tat in Ihrer Mitte fein Jrember, u ich bin stolz in dem Gedanken, durch ein ■ nges B ad mit dieser Weltstadt verbunden zu fein. Es Dar Ihr v-hrter Vorgänger Str Josef Savorn, der bei Äelegc^lheüieines ersten offiziellen Besuches in Der Guild- yall im (mmer 1891 mir das Bürgerrecht dieser großen Stk verlieh. Ich bin erfreut, Ihrer Einladung yaoen Fo! leisten zu können, und noch mehr, daß Ihre Majestät e Kaiserin mich hat begleiten können. Ihre Majestät trdigt den herzlichen Willkommen durch die
Stadt ebenso wie ich. Mit Vergnügen erinnere ich mich daran, daß die Hauptstadt meines Reiches im vergangenen Sommer die Ehre gehabt hat, in ihren Räumen Eurer Lordschaft unmittelbaren Vorgänger, Sir William Treloar, zu empfangen, und ich hoffe, daß er sich in Berlin ebenso wohl besunden hat, wie ich mich jetzt in der Gesellschaft der Bürger Londons. Jebe Vertretung der City von London wiro ein herzliches Willkommen in Berlin finden, wo wir stets erfreut fein werden, die Gastfreundschaft zu erwidern, welche die Lordmayors im Laufe der Zeit bei so vielen Gelegenheiten meinen Landsleuten erwiesen haben. Als ich an dieser selben Stelle vor 10 Jahren zu. Sir Joses Savory sprach, sagte ich, daß mein Bestreben vor allem darauf gerichtet sei, den Frieden zu erholtem Die Geschichte wird mir, hoffe ich, die Gerechtigkeit widerfahren lassen, anzu- ernennen, daß ich dieses Ziel feit jeher un- ers ckütterlich verfolgt habe. Die Hauptstütze und die Grundlage des Weltfriedens ist aber die Aufrecht- erhaltung von guten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern. Ich werde auch fernerhin dieselben stärken, soweit dies in meiner Macht liegt. Die Wünsche der deutschen Nation decken sich hierin mit den Meinigen. Dann wird die Zukunft glänzende Aussicht zeigen und der Handel zwischen den Nationen, die sich gegenfeitig zu vertrauen gelernt haben, sich weiter entfalten. Lassen Sie mich Eurer Lordschast sowohl, wie der < Vertretung der Stadt London und durch Ihre freundliche Vermittlung den Bürgern der Stadt London selbst nochmals meinen Tank ausfprechen für den glänzenden Empfang, welchen Sie der Kaiserin und mir heute bereite! haben. Wir werden uns dankbar der Herzlichkeit erinnern, mit der die Bürger von London uns ausgenommen haben, und wir werden ihr schönes Angebinde als ein sehr wertvolles Andenken an unseren Besuch bewahren."
Auf die Rede des Kaisers ergriff der Lordmayor nochmals das Wort und führte etwa aus: Indem ich Eurer Majestät für die überaus liebenswürdige Weise danke, in der Sie aus die Vernvaltung der Stadt London und auf mich Bezug genommen haben, bin ich sicher, dem Gefühl jedes Mitgliedes dieser alten Körperschaft Ausdruck zu geben, wenn ich sage, daß wir die Hö.lichkeit mit Dant- barfeit annehmen. Nichts hat uns größere Befriedigung gewährt, als der jüngste Besuch, den mein Vorgänger und zahlreiche unserer Kollegen in Berkin abgestattet haben, wo sie mit der für Deutschland jo charakterisUfchen Freundlichkeit und Galtsreundschast empfangen und aufs wärmste im Namen Eurer Majestät bewillkommnet wurden. Ich will nur noch das eine sagen, daß unter den zahlreichen Vorzügen, deren sich die Bürger von London erfreuen, keiner höher geschätzt wird, als der, der durch die Anwesenheit Eurer Majestät und der Kaiserin bei Ihrem zweimaligen Besuche ihnen gewährt wurde.
*
In seiner Erwiderung einer Depesche des Oberbürgermeisters von Berlin, Kirschner, hat der Lord major von London diesem folgendes Antwortielegramm gesandt: „Von dem Besuch, den Ihr erhabener Souverän unter allgemeinem Enthusiasmus der City abgeplattet hat, wird -bei uns lange Zeit mit Freude und Begeisterung gesprochen werden. Die Stadt London sendet der Stadt Berlin, ihrem Oberhaupte und feinen verehrlichen Amtsgenossen herzliche Grüße."
Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, sind der Kaiser und die Kaiserin hoch erfreut über den Verlaus des Besuches in London City und tief gerührt von dem herzlichen Empfang seitens der Londoner Bevölkerung. — Heute abend fand im Schlosse eine musikalische Abend- unterhaltung statt, bei der ein 250 Personen starker waliser Sängerchor waliser, deutsche und englische Lieder vortrug. Der Premierminister Sir Campbell-Bannerman hielt gestern in Bristol eine Rede, in der er ausführte, der dem Kaiserpaare heute in London bereitete Empfang habe deutlich bewiesen, wie wahr die Gefühle der Freundschaft und der Sympathie seien, die das britische Volk dem Kaiserpaare, sowie der mächtigen Nation gegenüber empfinde, die es vertrete.
Das Reut. Bur. hat Erkundigungen über die Ansichten eingezogen, die in den englischen Regierungskreisen hinsichtlich des Besuches des Kaisers und der Kaiserin herrschen. Es ist ermächtigt, als Ergebnis dieser Erkundigungen folgendes mitzuteilen. Das auswärtige Amt gab feiner tiefen Befriedigung über die Herzlichkeit des Empfangs Ausdruck, der den Majestäten bei ihrem Besuche der City von London bereitet wurde und es wurde an dieser belle anerkannt, daß der Aufenthalt des Kaisers und der Kaiserin wesentlich zu der weiteren Besserung der guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern beitragen müsse. Des weiteren wurde gesagt, daß die Ansichten der englischen Regierung über den Kaiserbesuch vollständig übereinstimmen mit den Ausführungen, die der Premierminister Sir Campbell-Bamierman am 9. Nov. in seiner Rede auf dem Guild Hall-B an kett in dieser Hinsicht gemacht hat.
Der Kaiser hat auf Ersuchen des Prinzen von Wales die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft der Künste, deren Präsident der Prinz ist, angenommen.
Veutßches äeictz.'
München, 13. Nov. Die Beisetzung des Prinzen Arnulf wird auf Wunsch des Prinzregenten im engsten Familienkreiss erfolgen. Vertreter auswärtiger
Fürstlichkeiten werden daher nicht erwartet. Die Beisetzung erfolgt in der Theatinerhofrirche.
Speyer, 13. 9Lov. (Prio.-Tel.) Der pfälzische L a n b r a t beschloß auf Antrag des Pfarrers Schowaller, die bayerische Regierung zu ersuchen, dahin zu wirken, daß die besonderen Abgangsprüfungen an den Lateinschulen unb Progymnafien Wegfällen.
Dortmund, 13. Nov. Ter Vorstand des Bergbaulich enVereins beschloß einstimmig, bei der Berggewerk- schastskasse die Pensionsversicherung der technischen Grubenbeamten zur Durchführung zu bringen unb deswegen mit den Mitgliedern der Berg- gewerkfchaftskasse sofort in Verhandlungen zu treten.
Posen, 13. Nov. Gestern abend starb nach vixrzehn- tägigem Krankenlager der Kommandeur der 20. Infanterie-Brigade Generalmajor v. Knoblauch zu Katzbach.
2lu»lanö*
Rom, 13. Nov. Die Königin Helene von Italien ist heute morgen von einer Prinzessin entbunden worden, die den Namen Johanna erhalten wird. Mutter und Kind befinden sich wohl.
Nachod, 13. Nov. Hier fanden große Arbeiter- Demonstrationen gegen die Teuerung statt. Tie Arbeiter beschlossen als Protest gegen den Lebensmittelwucher einen Generalstreik zu proklamieren.
London, 13. Nov. Wie hier verlautet, ist der Besuch der deutschen Kaiserin inAmsterdamauf den 19. d. Mts. verschoben worden.
Paris, 13. Nov. Aus Toulon wird den hiesigen Blättern gemeldet, daß die Spionage-Affäre Ullmo weitere Kreise zieht. Uumo ist nicht nur ein gewöhnlicher Schwindler, sondern unterhielt tatsächlich seit längerer Zeit mit einer fremden Macht Beziehungen. Dies foll durch ein bei einer Haussuchung aufgefundenes Telegramm be- wiejen fein, das lautet: Annahme angebotener Schriftstücke unmöglich, Preis ist zu hoch.
— Bei Der Fortsetzung der Besprechung der Inter-, pellation über Marokko wurde nach kurzer weiterer Debatte mit 462 Stimmen gegen 54 Stimmen eine Tagesordnung angenommen, in der der Regierung das Vertrauen ausgesprochen wird, baß sie die tung der Rechte Frankreichs in Marokko sichern werde, ebenso wie die Ausjührung der eingegangenen Verbindlichkeiten. Außerdem werden die Erklärungen der Regierung gebilligt und jeder Zusatz abgelehnt.
— Der Untersuchungsrichter hat das Verfahren gegen ben des Ordensschachers beschuldigten Neffen des ehemaligen Ministers Chaumis, Comte Laeombe, eingestellt.
Toulouse, 13. Nov. Hier fand eine Versamm- lung von 15 Erzbischöfen und Bischöfen Südrankreichs statt, die an der Spitze der Verwaltung des dortigen katholischen Jnstünts stehen. Der Erzbischof von Toulouse, Germain, sagte in seiner Eröffnungsrede, daß der franzöiische Episkopat ohne Umschweife und Winkelzüge und ohne Furcht die Lehren des Stuhles Petri befolgen werde. „Wir werden lehren, was uns seine Kirche lehrt, und wir werden verdammen, was sie verdammt."
Newyork, 13. Nov. Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Fairbanks, befand sich gestern auf der Rückreise von Hagerstown in Maryland, wo er kurze Zeit geweilt hatte, nach Washington. Als der Zug sich in der Nähe von Wowerton (Maryland) befand, entgleiste infolge des Irrtums eines Weichenstellers die Lokomotive des Zuges und stürzte in den Graben. Glücklicherweise folgten ihr die Personenwagen nicht nach, und s^:i^ Präsident Fairbanks konnte unverletzt den Zug verlassen.
Aus uuo
Gießen, 14. Nov. 1907.
Ergebnisse der Berufszählung vom 12. Juni 1907.
Die Bearbeitung der Berufszählung, die von den Statistischen Ämtern der einzelnen Bundesstaaten (im Grob- yerzogtum Hessen von der Großh. Zentralsleüe für die Landesslatistik) durchgcsührt wird, steht noch mitten m der "Nachprüfung der eingelaufenen Zählpapiere. Die mangelhafte Ausfüllung der letzteren — eine Folge der zahlreichen und oft recht verwickelten Fragen — macht viele Nachcrhebungen notwendig. Denn es ist klar, daß an eine Zusammenstellung der Ergebnisse erst herangetreten werden kann, wenn die Unterlagen der Zählung nach allen Seiten hin zuverlässig sind. Die ersten endgültigen Ergebnisse erscheinen nicht vor Juli 1908. Einstweilen lassen sich n. d. Darmst. Ztg. nur vor- läufige Ziffern mitteilen, die noch in der einen oder der anderen Richtung eine Anderiing erfahren. Besonders gilt dies von der Zahl der geivcrblichen Betriebe. Diese wird sich wahrscheinlich um einige Hundert erhöhen, da nachträglich nock) viele Alleingewerbetreibende hinzukommen, die bei der Zählung selbit versäumt haben, Gewerbesormulare auszufüllen. Zum Vergleich fetzen wir die Ziffern der früheren Beruß- zahlungen hinzu. Alle drei Zählungen haben un Monat Juni stattgefunden.


