Nr. 138 Erstes Blatt L 57. Jahrgang Samstag 15. Juni 1907
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£S General-Anzeiger für Oberhessen WM
Sibrefie sür Depeschen: V 0 .Terichtsjaal*: Ernst
Anzeiger Gießen. Kotatfonrdruck und Verlag der vrühl'schen Unlv.-Vuch- und Steinbruderel R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstratze r. Bui
Are heutige Yummer umfaßt 14 Seiten.
Zur Einigung des Liberalismus.
Wir erhielten folgende Zuschrift aus unserem Leser- kreise von nationalliberaler Seite, die wir zum Abdruck bringen, obwohl wir ihr nur zum Teil zustimmen:
Sie haben in Ihrer Zeitung schon wiederholt Artikel veröffentlicht, die auf eine Einigung des Liberalismus ab- zielten. Der Verfaffer dieser Zeilen hat dies mit vielen Ihrer Leser freudig begrüßt und selbst durch Rede und Schrift diese Einigungsbestrebungen zu fördern gesucht. Auf welcher Seite das Verlangen nach einer Einigung am größten ist, ob auf der linken oder rechten Seite des Liberalismus, scheint nach unserer Erfahrung nicht leicht zu sagen. Dies ist in den verschiedenen Gegenden anschc nend sehr verschieden, je nach den gesamten politischen Verhältniffen, insbesondere nach der politischen Gegnerschaft und vielleicht auch nach den Ansichten und Stimmungen einzelner führender Persönlichkeiten. Die von dem Jungliberalen Verein zu Darmstadt veranstaltete Ver- sammlung, in der ein Wortführer des zwecks Zusammen- saffung des Liberalismus neugegründetcn Nationalvereins die einleitende Rede gehalten hat, und in der Redner der verschiedenen Schattierungen des Liberalismus gesprochen haben, scheint unsere obige Behauptung zu bestätigen. Die Versammlung ist gewiß als ein Versuch in unserem Hessen zu begrüßen. Ob sie indes schon in nächster Zeit Früchte tragen wird, scheint nach Ihrem Bericht über die Darmstädter Versammlung etwas fraglich, namentlich durch die Stellung des Referenten zur Sozraloemokratie, der — wohl unter dem Einfluß der rücksichtslosen Zentrumsherrschaft seines Vaterlandes (Badern)*) — meinte, „es werde die Zeit kommen, wo man mit oen Sozialdemokraten gehen könne", und ferner dupch dis idies Herrn Pfarrers Ä'orell, der nach Ihrem Bericht sagte: „Bei der Stellung zur Sozialdemokratie bandelt es sich um eine Frage der politischen Taktik", wird ein Zusammengehen des Liberalismus zum mindesten sehr erschwert.
Nein, die Stellung des Liberalismus zur Sozialdemokratie ist eine grundsätzliche und muß es sein, wenn der Liberalismus sich nicht selbst aufgeben will. Hier gibt es kein Paktieren. Man lese nur die sozialdemokratischen Zeitungen und man wird finden, daß die Sozialdemokratie von uns erwartet, daß wir durch allmähliche Umbildung unseres öffentlichen und häuslichen Lebens ihren Zukunftstaat vorbereiten, ja schaffen Helsen. Sie geht nicht um ein Jota von ihrer Staatsidee ab. Mr Liberalen sollen ihr Handlangerdienste tun. Sie aber verneint, bekämpft die Ziele und vielfach auch die Wege des Liberalismus aufs äußerste. Sie verhöhnt die Liberalen aller Schattierungen, bezeichnet sie, ihre Blätter, selbst die demokratische „Franks. Ztg." als „realtionär" erklärt, „daß ihr unter Umständen em Konservativer lieber sei als ein Liberaler."' Und vor ihr soll der Liberalismus kapitulieren!
Wenn auf dem Wege des Liberalismus eine Reihe von Forderungen und Mitteln sich finden, die — man möchte sagen — fast zufällig sich in den Programmen der Sozialdemokratie finden, d. h. von ihr aus den liberalen Programmen übernommen worden sind als A u g e n b l i ck s- forderungen, da sie den Kern ihres Programms nicht verwirklichen kann, sollen wir ihr zur Verwirklichung ihrer letzten Ziele helfen, sollen wir ihr zur Verwirklichung ihrer führen durch .Verdunkelung der himmelweiten Unter» sch rede zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie? Nein, das dürfen wir niemals.
*) Herr Tr. Ohr kam nicht aus Bayern, sondern ans Schwaben (Tübingen). D. Red.
Aber deswegen brauchen wir uns nickt abhalten zu lassen von unserer Arbeit für die minder gut gestellten ÄlUssen des Staates, im Gegenteil, wir müfsenerstrechtitdiesemwahrhaftliberalen Sinne arbeiten. Die Sozialdemokratie gewinnen wir niemals, das hat m. E. auch Herr Dr. Barth eingesehen. Aber die A r b e i t e r, die kleine.: Leute jedes Standes wollen wir für unser Programm gewinnen, wir wollen sie von der Ueberflüf,igreU und der Torheit der sozialdemokratischen Gesellschasrsidee überzeugen. Ein Paktreren mit der Sozialdemolratre schließt die Gefahr in sich, diesen unseren auf unserer W-eUanschanung beruhenden Gegensatz in dem Volk zu verdmrkeln und eine Versöhnung der liberal-bürgerlich-nationalen mit der sozialdemokratisch- internationalen Sozialdemokratie vorzutäuschen Diese Taktik muß sich früher oder später rächen, i^at doch der Sozialdemokrat Ed. Bernstein vor kurzem geschrieben, daß die Sozialdemokratie seit 1884 — also seitdem sie eine starte Partei gewonnen war —, sich p o s i t i n an der parlamentarischen Arbeit beteiligen mußte, weil sie sonst durch aroeitersreundliche Politik ihrer Gegner ihre Anhängerschaft in den breiten Schichten des Volkes verloren hätte.
Der Zwischenruser in Darmstadt hatte ganz recht, wenn er Herrn Dr. Ohr, „der Sozialdemotraien in den Nationalverein zulafsen will, wenn fte sich zum Programm des Nationalvereins beicnncn ', zurief: „Dann sind |ie ferne Sozialdemokraten mehr." Diese Antwort des Herrn Dr .Ohr — er möge mir mein Urteil verzeihen — trägt m. E. entweder den Stempel der Verlegenheit aus ihrer Stirn oder beweist, daß er das Wesen der Sozialdemo cratie nicht kennt. — Wie sollen wir dte Sozialoemokratie behandeln? Absolut friedlich. Sie ist .eine Theorie, die auf einer der unfrigen schnurstracks entgegen st ebenden Weltanschauung gegründet ist. Wie sollen wir uns zuihrenAnyängernüellen? Nun,liberal, d. h. wir sollen sie von der Irrigkeit ihres Programms § in überzeugen und f üx unser Programm zu gewinnen suchen durch Aufklärung und durch praktische Arbeit für Die in der Gesellschaft weniger gut gestellten Stände. Unterscheiden wir streng und unerbittlich Sozialdemokratie und sozialdemokratische Wähler.*)
•) In diesem Punkte hat der Herr Verfasser ganz gewiß recht. Niemals aber auch dürfen sozialdemokratische W ä h l e r m a s s e n nut der sozialdemokratischen Presse identifiziert werden», Was viele kleinen sozialdemokratischen Hetzblättchen an mehr oder minder beivutzten Verdrehungen der bestehenden Verhältnisse von sich geben, wird selbst von der denkenden Leserschaft dieser Blauer nicht ernst genommen. Tie verständigen Leser wissen sehr wohl, daß die Verhetzung eine notwendige Waste der Sozialdemokratie ist. Die unvernünftige Verallgemeinerung irgend einer in Bürgerkreisen geschehenen Veriehlung, das verächtliche Mitsinger- deulen aus die ganze gegenwärtige „herrschende" Gesellschaftsklasse, die systematische Darstellung, als sei alles, alles ohne jegliche Ausnahme in der bürgerlichen Gesellschaft verseucht, gemein, nieder- trächtig und vor allem dumm, maßlos dumm, während es hingegen im sozialdeniokralischen Lager ausschließlich Tugendbolde und Ungeheuer der Intelligenz und des Wissens gibt, die allein und unbeirrbar das ganze Weltgctriebe in allen seinen verborgenen Ecken und Winkeln restlos klar durchschauen — all das ist ostentativer Humbug, sodaß die bürgerliche Presse längst es autgegeben hat, diesem permanenten Unsinn zu steuern, in der Einsicht, daß in dieser Beziehung doch alle Versuche vergeblich wären. Diese unabäiiderliche Tatsache sollte aber nur auf ihren eigentlichen Charakter hin auf bürgerlicher Seite beachtet werdeii und nicht Veranlassung geben, die gesamte Sozialdemokratie als ebenfo rettungslos verbohrt und uneinsichtig anzusehen, als wie ihre Presse zum größten Teile sich selber hinzustellen für angemessen erachtet. In den grundsätzlichen Anschauungen aber gibt es bei der Sozialdemokratie doch eine ganze Anzahl von Berührungspunkten mit dem Liberalismus, die zu verwischen gerade in einer Zeit, die
Ersterer gegenüber heißt es Kamps, Der Men scheit gegenüber: Versöhnung imib Arbeit sür sie.
Der Nationalverein, wenigstens so, wie ihn Herr Dr. Ohr vertritt, bekennt in dieser Beziehung offenbar aus taktischen Gründen nicht Farve. Aber das muß er künftig tun, wenn er nicht von voritbcrcin unfruchtbar bleiben will. Die Ansicht, daß er durch Veiseitcschtebung dieses Punktes« gewinnen und durch Betonung seiner Gegnerschaft zur Sozialdemoiratie, Anhänger verlieren werde, ist falsch, muß es sein wegen des naturnotwendigen Gegensatzes zivischen Liberalismus und Sozialdemokratie. Eine Verdeckung dieses Gegensatzes kommt einer Leugnung gleich, oder muß mindestens Den Anschein erwecken, daß dies so fei.*) Der Livera.ismus mutz Die Kraft in sich finden, ohne die Sozialdemokratie sei ne Ziele zu verwirk- lichen. Handelt er anders, so gräbt er sich selber sein Grab.
Hoffen wir, daß der Nationalverein in diesem Punkte Klarheit schass. Ein Nationalverein, wie ihn Herr Dr. Ohr dargestellt hat, verdient den Namen „National" nicht. Das Schlvanien und Verhüllen muß em Ende haben. Der sogen, entschiedene Liberalismus mug Den Mut haben, nach links abzugrenzen, wie er es nach rechts tut, oder er wird auf- gerieben werden. Ter Liberalismus fasse das Einigende der liberalen Schattierungen zirsammen, klar ohne Rücksicht aus politische Taktik, und in diesem Zeichen wird er wieder eine einflußreiche Stellung in unserem Vaterlande gewinnen.
politiid>€ Lagesscha«.
Aus der Friedensstadt, dem Haag, liegen yeuie solgenoe Nachrichten vor:
V. B. Haag, 14. Juni. Heule nachmittag unterzeichneten die Delegierten jener Staaten, welche bei der ersten Konferenz nicht vertreten waren, die Beitrittserilärung zu den Beschlüssen der ersten Konferenz. Sodann wurde von den Vertretern der Signatarmächte der erstell Konferenz ein diese Beitrittserklärung konstatierendes Protokoll unterzeichnet. Als Vertreter Deutschs lands unterzeichnete Gesandter v. Schloezer.
Hd. Haag, 14. Juni. Die Deleg.enen zur Friedenskonferenz, welche fast sämtlich cingetroffen sind, begaben sich heute nachmittag zum Generalseketariat, um sich einzuschreiben. Drei Delegierte fehlen und zwar die Vertreter Honduras, San Salvador und Urugwah. Ta man von ihnen ohne Nachricht ist, wird vermutet, daß es sich Lei ihrem Ausbleiben lediglich um eine Verspätung handelt. Die Polizei hat strenge Maßnahmen zum Schutze der Delegierten getroffen. Nur diejenigen Personen, welche mit speziellen Einlaßkarten vom Auswärtigen Amt versehen sind, haben Zutrüt zum Kvnferenzpalast. — Tie Grundsteinlegung zu dem neuen Friedenspalast findet am 2. August statt. Aus diesem Anlaß werden besondere Festlichkeiten geplant.^
London, 14. Juni. Ter Sonderberichterstatter des „Standard" im Hsaag telegraphiert, daß Unterhandlungen in den letzten Tagen über die Frsage, ob die Verhandlungen der Konferenz ö f s e n t l i ch o d e r geheim sein sollen, zwischen London, Was- Lhingwn und Berlin schwebten. Bisher schien die überwiegende Tendenz für geheime Sitzungen zu sein, doch scheinen Teutsch- land und Amerika sich für öffentliche Sitzungen eingesetzt zu haben. Ter deutsche Kaiser begünstigte entschieden die vollste Oeffentlichkeit. Die englische Regierung da- rocitefte Kreise sür den Liberalismus zu gewinnen sich bestrebt, u. E. nicht angebracht ist. D. Rd.
*) Muß denn nun auch der N a t i o n a l verein wie der Reichs verband, durchaus em Kampf verein sein? Heißt beim „national" sein unter allen Umständen „kämpfen" ? Der National verein will die verschiedenen liberalen Richtungen miteinander versöhnen. Was geht ihn dabei die Sozialdemokratie an? Oder sollten sich die verschiedenen gegenseitigen liberalen Parteien wirklich nur deshalb nicht unter einen Hut bringen lassen, weil nicht etwa ihre eigenen politischen Grundanschauungen einander so .sehr zuwiderlausen, sondern nur ihre Anschauungen über andere Parteien? T. Red.
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Friedrich der Große und das Nibelungenlied.
Ein höchst charakteristischer Brief Friedrichs des Großen an
ich mich nicht mehr so genau; u. A. gab es Haisischflossen in i toast brachte Herr Paul Koppek, Mitinhaber der Firma Schwach- Sauce, gebackene Vogelnester, gekochtes Huhn, ebenfalls gekochten | heim u. Siegel-Mannhelm, aus. In dem mit stürmischem Beifall
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aufgenommenen Trinkspruch heißt es u. a.:
Daß alle lieben Frauen und Maiden Mit unsrer Branche eng verwandt Das stammet schon von erogen Zeiten; Denn Jedem ist doch wohlbekannt Daß einstens Gott aus Adams Rippe Die Eva schuf, als beste Tat, Mithin nenn ich mit gutem Rechte Die Frau ein Rippenfabrikat. Ties Fabrikat ist stark begehret, Fa^on gibt es in groß und klein, In dick und dünn und eleganten, Doch alle munden sie meist fein. Da liebt man nicht die fahlen Farben, Ein Jeder gerne sich gewöhnt An junges Kraut, das leicht entbrennet, Doch alte Ernte ist verpönt.
Die Ausstattung meist sehr viel kostet, Von uns wird säuberlich sortiert, Es wird gar manches schlechte Kräutlein Durch Seidenband herausstaffiert. Das Fabrikat ist auch bekömmlich Und nikotinfrei unsre War', Es seien frei von Güt die Frauen — Doch nicht der Mitgift seien sie bat. Und wer nicht schätzt die edlen Frauen Hält keine gut genug für sich. Der arme Tropf ist zu bedauern. Ist schiefgewickelt sicherlich.
Drum ehrt die lieben Frauen alle Und was ich sage, merkt's genau: Das Teuerste, was wir besitzen, Das ist der Tabak und die Frau. Drum liebt die Frauen, die schwarzen, blonden, Und wie sie sonst geartet sind, Es kennt fein Unterschied die Liebe, Denn Liebe macht bekanntlich blind. Erhebet Euch von Euren Sitzen Und leert dte Gläser bis zum Grund Hoch sollen die heben Damen leben, So tont es Imit aus aller Mund 1
gnädiger König
Potsdam, b. 22. Februar 1784. Frch.
Der Brief wirb aut ber Züricher Bibliothek unter Glas unb Rahmen ausbewahrt. Es sei hmzugefügt, daß Will). Jordan, der epische Neugestalter der Nibelungensage, in seinen geistreichen, viel zu wenig gekannteil „Episteln und Vorlrägen"-über bas Nibelungenlied bas Urteil abgibt, Viehos, der bekannte begeisterte Litteratur- Historiker, haben biese mittelalterliche Dichtung „schön gelogen*.
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Ein Mittagsmahl in einem chinesischen Hotel.
Eine liebeilswürdige Leserin bes Gieß. Anz. hat bie Güte, au§ einem ihr aus ber chinesischen Stabt Schanghai zugekommenen Privatbriese uns folgendes mitzuteilen:
In meinem letzten Schreiben versprach ich, die Beschreibung eines Ehinesen-Diners, zu dem ich eingeladen war, folgen zu lassen. Die Einladung ging von unserem Eompradore aus: als Veranlassung biente bie Feier des chinesischen Netljahrfestes. Ort der Handlung: ein chinesisches „Hotel*. Anwesend außer mir noch 4 Europäer unb ebenso viel Chinesen. Nach ber Begrüßung würbe zunächst natürlich Tee gereicht, „unversäuert, unverzuckert" in besonderen Tassen, oie bas Aroma nicht jo leicht verfliegen laffen. Tann wurden allerhand Süßigkeiten, wie kandierte Früchte, rc. gereicht. Bei Tisch saßen wir auf richtigen Stühlen unb hockten nicht etwa nieder, wie es in Japan Mode. Der einzelnen Gerichte entsinne
einen Schüler Bodmers, namens Myller, der 1782 zum ersten Mal eine vollständige Ausgabe der mhd.Nib.-Tichtungveranstaltete und sie dem Könige mit dessen Erlaubnis widmete, beweist, wie der geniale Preußenkönig über das Nibelungenlied urteilte. Der Brief, der in dem Buche „Der Sagenkreis der Nibelungen" von Professor Holz (Verlag Quelle «. 'Meyer, Leipzig) mitgeteilt wird, lautet:
Hochgelahner, lieber getreuer.
Ihr uriheilt, viel zu vortheilhafft, von denen Gedichten, aus dem 12., 13. unb 14. Seculo, bereit Druck Ihr besördert habet, unb zur Bereicherung ber Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Nteiner Einsicht nach, sind solche, nicht einen Schuß Pulver, werth; unb uerbienten nicht ans dem Staube ber Vergessenheit, gezogen zu werben. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens, würbe Ich, dergleichen elendes Zeug, nicht bullen, sondern heraus- schmeißeii. Das Mir bavon eingesandte Exemplar mag dahero fern Schicksal, in ber dortigen großen Bibliothec abwarten. Viele 9lad)frage verspricht aber solchem nicht, Euer sonst
Fisch, Pilze rc. Ich muß bekennen, baß bas Vorurteil, mit bem ich mich zu Tisch gesetzt hatte, bald einer durchschlagenden Anerkennung ber chinesischen Küche wich. Alles munbete wirklich vorzüglich, besonbers Fisch unb Geflügel. Lästig empfand ich nur den Gebrauch ber Eßstäbe, denn Messer unb Gabel gab es nicht. Sonderbar ist auch bie Sitte, baß währenb ber Mahlzeit heiße Tücher verabfolgt werden, mit denen man sich das Gesicht abreibt, was besonders im Sommer sehr erfrischend wirken soll.
Um unserem Gastgeber alle Ehre anzutun, rülpsten wir oft unb vernehmlich, auch fchnalzten wir nach Herzenslust, was beu höchsten Grad des Wohlbefindens anbeutet. Als Getränk wurde nur Sam Shui (Reisfchnavs), ber warm serviert wirb unb ganz gut mundete, gereicht. Während des Essens saß hinter jedem Teilnehmer ein sogenanntes Sing-Song-Girl. Ja — was das wieder? ES find dies junge Mädchen, ober vielmehr Kinber von 14 bis 17 Jahren, bie von ihren Eltern eben als Sing-Song-Girls verkauft werden. In dieser ihrer Eigenschaft werden sie schön angezogen und geschminkt von ihren Besitzern von einem Native- Restaurant zum anderen geschleppt, wo sie meist stumm hinter den Gästen sitzen; für jedes dieser armen Dinger ist bann dem Eigentümer co. 2—3 Pfund zu zahlen. Gütige dieser Damen können auch singen, nur enthalten die Gesänge für europäische Ohren wenig Alnsik, wenigstens konnte ich einem Gesang, der mir von unserem Gastgeber als besonders schön hingestellt wurde, nur wenig ober gar keinen Geschmack abgewinnen. Der Hauptzweck, ben bie Eigentümer mit ben Sing-Song-Girls zu erreichen suchen, ist ber, sie möglichst teuer an reiche Ehmefen, bie sie sie zu zweiten oder Neben-Frauen machen, zu verkaufen. Dies nur so nebenbei. Gegessen würbe in unheimlichen Quantitäten; appetitlich sah bas Schlack)tselb nicht gerade aus. Verlchiedentlich griff ber Gastgeber in eine Schüssel, um einem von uns ein besonders schmackhasies Stück auf ben Teller zu legen. Gegen 10 Uhr hatte die „Feier" ihr Ende erreicht.
München. 14. Juni. Ter Prinzregent überreichte bem Generalmusikbirektor Mottl in einer Audienz persönlich bie Insignien bes Michaelsordens zweiter Klasse mit Stern.
— Aus Anlaß ber Mannheimer Tagung des Deutschen Tabak-Vereins fand em Festmahl in der Wandelhalle des „Rosengarten* statt. Als Ehrengäste u. a. erschienen Oberbürgermeister Dr. Beck sowie ber zum Gouverneur von Südwestafrika ernannte Geh. Legalionsral Dr. Seitz. Einen poetischen Damen-


