Nr. 137 Zweites Blatt
157. Jahrgang
Freitag 14. Juni 1907
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener FamittenblStter- werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „EreUblatt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gietzener Ameiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und Verlag der Brühuschen UnwersitötS - Buch- und Gtetndruckerei.
91 Bong«, Lietzen.
Redaktion, Expedition und Druckerrtt Schulstraße 7. Expedition und Vertag > «4© 6L Redaktion: 12. teL-öbu An»eigerGtetzen.
Politische Lagesschau.
Vom Fürsten Eulenburg.
.Nachdem Fürst Eulenburg gegen sich selbst bei der Staatsanwaltschaft jii Prenzlau eine Denunziation wegen Vergehens gegen Paragraph 175 des Strafgesetzbuches emgereichl und als Zeugen den Lchrütsteller Maximilian Harden benaiuit hat, ist cm EnnittlungHoeriahren gegen ihn emqeleuer worden. Das Amtsgericht z»l Charlottendurg ivurbc ersucht, Maximilian Harden wegen seiner aus den Fürsten Eulc>,durg bezüglichen Artikel in der .Zukunsi' zeugeneidlich »u vernehmen. Diese Vernehmung wird in den nächsteii Tagen erfolgen. Wie bestätigt wird, soll Harden zum Teil sein Material von der geschiedenen Frau des Grasen Stimo Tloltfc, jetzigen Frau von Elbe, erhalten haben."
So meldet der ,f9ed. Lokalanz.', daS anerkannte Hof. blatt. Dazu schreibt unS heute unser R-Korrespondent:
Der Schritt des Fürsten Eulenburg hatte hier und da zu der Bemerkung Veranlassung gegeben: Was kann bei einem Er» mittelungsverfahren herauskommen, bei dem jeder Anhaltspunkt fehlt? Einer der hauptsächlich in Betracht konimenden, mit dem Fürsten Eulenburg zusamm.n genannten angeblichen Zeugen, der bisherige Botschaftsrat bei der französischen Botschaft in Berlin Lecomte, hat ja Berlin bereits verlassen! Nun hat Fürst Eulenburg korrekter Weise den Weg gewählt, in seiner Selbstdenunziation bei der Prenzlauer Staatsanwaltschaft Harden als Zeugen zu benennen. Der Herausgeber der „Zukunst" erhält also Gelegenheit, seine Andeutungen zu vervollständigen. Daniil ist allerdings noch nicht entschieden, daß von dieser Gelegenheit Gebrauch gemacht wird. Wenn Harden sein Material zum Teil von einer Dame hat, so könnte möglicherweise Harden diese als Gewährsperson nicht preisgeben wollen. Trotzdem würden dadurch der geschiedenen Gräfin Moltkc die Ungelegcnhciten des Ermittelungsverfahrens nicht erspart, denn sie selbst kann als Zeugin veriwmmcn werden, und das gleiche ist der Fall beim Grafen Moltke. Es muß sich nun Herausstellen, ob das Material zu den Angriffen in der „Zukunft" auf Aeußerungen oder etwa auf Urkunden, Briefen usw. basiert. Bisher sind nur Behauptungen vorgebracht worden, aber noch keinerlei Beweis.
Ferner erfährt man noch folgendes: Kaiser Wilhelm war schon längere Zeit gegen den Fürsten Eulenburg vec* stimmt. Er sprach seine Mißbilligung aus, daß der Fürst als Botschafter einen rumänischen Juden als Privatsekretär angestellt hatte. Mit diesem trat die Tochter Eulenburgs in intime Beziehungen und der Fürst gab notgedrungen seine Einwilligung zur Heirat. Das Paar lebt in England. Von dieser Mesalliance in seinem Hause verständigte der Fürst auch seinen kaiserlichen Freund, aber nicht in dem Tone, wie ein durch den Fehltritt seiner Tochter schwer betrübter Vater schreibt, sondern sein Schreiben erging sich in witzig sein sollenden Bemerkungen und geheimnisvollen Andeutungen. Der Kaiser machte aus seinem Aerger über dieses Schreiben kein Hehl. Die Feinde Eulenburgs benützten dann die (Sc. legenheit, um das Maß vollends 511111 Ueberlaufcn zu bringen.
Die Kolonialakademie.
Nach dem, was über die in Hamburg zu errichtende Kolonialakademie verlautet, scheint eine Bildungsanstalt nach Art der Handelshochschulen ins Auge gefaßt zu sein. Es würde sich deshalb empschlen, das Institut als Kolonial. Hochschule zu bezeichnen. DaS Wort Akademie paßt nicht recht zu der Absicht, die angehenden Kolonialbcamtcn in Deutschlands größter Seestadt bekannt zu machen mit der Praxis kolonialer Kaufmannschaft. Weil darauf der Haupt, wert zu legen ist, muß eS zweckmäßig genannt werden, daß die Schule nicht als Reichs-, sondern als Hamburgisches Institut errichtet werden soll. Im Reichskvlonialamt ist nun einmal das kaufmännische Element bei der Stcllcnbesetzung zu kurz gekommen; umsomehr muß der Nachwuchs der Schutzgebiets-Beamtenschaft im kaufmännischen Geist aus- gebildet werden. Nach beschwerlichem Umweg scheint Deutsch, land nunmehr dem Blsmarckschen Ziel zuzusteuern, daß dem Leben im überseeischen Deutschland der Kaufmann, der Hanseat das Gepräge geben solle. Das Herrschen sozusagen sei Sache der Zentralverwaltung in Berlin, das Regieren aber überlasse man den „Leuten auf der kolonialen Straße".
•
Militärische Disziplin und Weiubaukrifis in Frankreich.
Zu umfassenden Garnisonwechseln in den südfranzösischen Departements sieht Kriegsminister Picquart sich genötigt, da der verwandtschaftliche Zusammenhang der Truppen mit der Bevölkerung der von dec WeinbaukrisiS betroffenen Distrikte für die militärische Disziplin leicht verhängnisvoll werden könnte. Tie Garnisonen von Montpellier und Narbonne werden genau beaufsichtigt. Offizieren und Mannschaften ist jeder Ausgang untersagt, um das Zusammentreffen mit aufgeregten Freunden und Bekannten zu verhindern. Ter Kvrpschef Baillouü schlug dem Kriegsminister weitere einschneidende Veränderungen in den südlichen Garnisonen vor. Gegenwärtig leidet der dortige Ausbildungsdienst schwer darunter, daß alle Exerzitien innerhalb der Kasernen sich vollziehen, weil draußen Kundgebungen zu besorgen wären. Tas Departement Gard hielt sich bisher der all- gemeinen Bewegung fern, aber der große Ausschuß von Argclliers, ermutigt durch die in den Tcpartements Aude, Herault und Ostpyrenäcn von massenhaft angesammelten Brotlosen geleisteten Schwüre, gegen die regierungstreuen Mair.cn zu marschieren, wcr- doppelt seinen Organisationseiser. Besonders iinposant gestaltete sich eine Eidesleistung in Capestang, wo der Maire vor zehntausend Personen seine Schärpe niederlegte. — Tie Regierung beschloß, diejenigen Gerne mden Südfrankreichs und diejenigen Pferdcbcsitzer zu verfolgen, welche den pflichtmäßigen Pserde- lieferungsdienft für Armeezwecke verweigern.
Aus Montpellier wird gemeldet, daß eine neue Meuterei unter den Truppen des zweiten Genie-Regiments stattgefunden hat. Soldaten und Spielleute, welche in der Kaserne zusammengezoaen waren, fangen die Internationale. Tie Soldaten des 122. Infanterie-Regiments, von denen viele bestraft waren, und die infolgedessen ebenfalls in der Kaserne sich zusammengeroltet hatten, sangen gleichfalls die Internationale.
Dertztiches Reich.
Berlin, 14. Juni. Das deutsch-spanische Handel s-Prp Visa rium ist auf unbestimmte Zeit verlängert worden.
— Im preußischen Handelsministerium wird gegenwärtig der neue Entwurf eines Gesetzes betreffend die Aenderung des Bo r s e n g e s e tz e s ausgearöeitet. Er wird sich in wesentlichen Kuntzen von der Novelle unterscheiden,
die zuerst im Jahre 1904 und dann vor einem Jahre dem Reichstage vorgelegt worden ist, die aber nicht über die KommissionSberatung hinauSgetonimen war. Eine der wesentlichsten Abweichungen wird sich auf den § 48 dcS Gesetzes beziehen. Tie Angelegenhcttt wird jetzt so bcschleu- nigt werden, daß der neue Entwurf dem Bundesrat bald nach Beendigung seiner Sommerfcricn zugehen kann, damit der Reichstag ihn bei seinem Wiederzusammentritt am 19. November vorfindet.
NeucS aus Rußland.
Petersburg, 13. Juni. Zu dem gestern gemeldeten Raub im Petersburger Stadtteil werden noch folgcnoe Einzelheiten berichtet: Eine Bande von acht bis zehn Verbrechern überfiel um ein Uhr nachmittags ein Leihhaus. Es waren 10 Beamte und 15 Privatpersonen anwesend. Di: Räuber hielten ihnen mit dem Rufe Hände hoch! Browningpistolen vor und raubten 17 00 Rubel. Ein Anwesender, der 15 geliehene Rubel nicht herausgeben wollte, wurde sofort erschossen. Die Bande floh auf die Hilferufe, indem sie sich in zwei Gruppen teilte. Ein Hausknecht, der sie verfolgte, ergriff einen Verbrecher, wurde aber von einem anderen schwer verwundet. Zwei vorübergehende Personen wurden von den Räubern, die blindlings feuerten, ebenfalls verwundet: der Wächter des Nobelwerkes wurde durch einen Schuß in den Unterleib getötet. Ein Schutzmann, der eine Schußwunde erhalten hatte, tötete einen Verbrecher, ein anderer Verbrecher wurde verwundet und gefangen. Auf der weiteren Flucht wurden noch ein Bezirksaufseher und eine Frau verwundet, der Posten vor der Kaserne wurde erschossen. Sechs Räuber wurden ergriffen; man fand bei ihnen 600 Rubel. Zwei Räuber und vier Personen sind tot. Die Räuber waren 18 jährige Burschen.
Schadrinsk, 13. Juni. Der örtliche Militärchef von Schadrinsk (Gouvernement Perm) wurde von einem Arbeiter durch einen Revolverschuß getötet. Der Mörder, der ergriffen wurde, bekannte, den Mord aus politischen Beweggründen begangen zu haben.
Lublin, 13. Juni. Bei der Verfolgung von Schmugglern, welche von Oesterreich die russische Grenze überschritten hätten, wurde der Kommandeur einer Abteilung der Grenzwache, Bogatenko, am Kopfe verwundet. Die Schmuggler entkamen in den Wald.
Petersburg, 13. Juni. Heute nachmittag wurde im Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten durch den Bevollmächtigten Rußlands, Iswolsky, und dem japanischen Botschafter in Petersburg, Motono, die Unterzeichnung emes Abkommens vollzogen, welches die Bedingungen für die gegenseitigen Dienstleistungen auf der chinesischen Ostbahn und der Südmandschureibahn feststellt. Ferner wurde das Protokoll betreffend die Station Kuntschensky unterzeichnet.
Kas Aulomoöilrennen im Taunus.
11.
Homburg, 13. Juni.
Zu dem heutigen Kaiserrennen hatte sich trotz des leichten Regens, der fortwährend anhielt, eine ungeheure Menschenmenge eingefunden. Die Fahrer traten mit Abständen von 2 Minuten an und wurden von Frhrn. v. Brandenstein mit der roten Flagge gestartet. Schon morgens um 4 Uhr waren die Plätze, wo man das Rennen gut beobachten konnte, besonders an den Kurven zwischen Oberursel und Cronberg mit Zuschauern dicht besetzt. Biele Leute waren schon in der Nacht mit den Zügen heraus- getommen und hatten zum Teil im Freien kampiert.
Der Ka i f e r beobachtete den Verlauf des Ausscheidungsrennens mit der größten Aufmerksamkeit in der Hofloge. Es waren noch u. a. anwesend die Minister v. Bethmann-vollweg und Breitenbach. Prinz Heinrich von Preußen und der Großbcrzog von Hessen hielten sich vielfach beim Ziele auf und hatten auch längere Zeit mit ihren Gemahlinnen, sowie mit den griechischen und Battenbergischen Herrschaften im Restau- rationszclt in der Nähe des Zieles Platz genommen. Um 12 Uhr wurde Tüt den Kaiser und das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen und Gefolge ein Frühstück in den hinter der Hofloge liegenden Räumen serviert. Die anderen Fürstlichkeiten speisten im Restaurationszelt.
Kloster Thron, 13. Juni.
Wagen UB (Marlin u. Lethimonnier) gab das Rennen wegen M a f ch i n c n d e f e k t L auf. Wagen 37 B (Metallurgigue) hat bei Emmershausen einen fRab befett erlitten. Wagen 16B verlor längere Zeit vor dem erstmaligen Passieren bes Zieles infolge von Reparatur an der Maschine.
Bis 12 Uhr 20 Min. hatten von 39 Wagen der zweiten Serie 22 die erste Runde absolviert. Tie besten Resultate erzielten die Jiatwagen, Wagen 8B mit 84,19 Min. Fahrzeit und 8C mit 86,56 Min. Fahrzeit. Ausgeschieden sind bisher 2 Wagen. Wagen 8B (Fiat) vollendete als erster beide Runden mit einer Gesamt- fahrzeit von 170,20 Mm.
Ter Kaiser verließ um 21/. Uhr, nachdem baS Resultat des zweiten Rennens zu übersehen ivar, die Hofloge und begab sich mit dem Gefolge tn Automobilen nach Homburg zurück.
Tie zweite Serie, deren Wagen beide Runden absolviert haben, hatte folgendes Ergebnis <bie hinter der Wagennummer beftiibliche Ziffer bebeutet die Minuten unb Sekunben für beide Runden): 8B (Flat) 170,20, 9B (Mercedes-Mixte) 236,39, 10B (Minerva) 285,39, 11B (Martin u. Lelhimonmer) ausgejchieben, 13 B (de Dietrich) 193,27, 14 B (Darracq) 224,31, 16 B (Pipe) 241,49, 18 B (Horch) fehlt noch, 19 B (Adler) 242,39, 20 B (Binot u. Teguingand) 217,14, 21 B (Röchet u. Schneider) 212,33, 23 B Ehrhardt) fehlt noch, 26 B (Eisenach) 194,21, 27 B (Jsotta-Fraschim) 192,42, 28 B (Züst) nicht milgefahren, 29 B (Enql. Daimler) 205,28, 30 B (PorthoS) 233,44, 31 B (Gobron-BrilttL) 213,54, 32 B (Martini) 205,44, 83 B (Bianchi) 206,52, 34 B (Mercedes) 189,56, 35 B (Jtala) 194,20, 36 B (Gaggenau) ausgeschieden, 37 B (Metallurgigue) aus- geschieden, 42B (N. A.-G.) 211,40. IC (Türkopp) 218,08, 3C (Opel) 199,05, 7 C (Benz) fehlt noch, 8 C (Fiat) 176,55, 10 C (Minerva) 193,01, 13 C (de Dietrich) 189,45, 14 C (Darracq) 208, 16 C (Pipe) 181,45, 18 C (Horch) verunglückt, 19 C (Adler) verunglückt, 27 C (Jsolta-Fraschina) ausgeschieden, 29 C (Engi. Daimler) ausgeschieden, 34 C (Mercedes) 190,47, 35 C (Jtala) 192,32, 36 C (Gaggenau) ausgeschieden.
Für das morgen ftattfinbenbe Entscheidungsrennen kommen folgende 40 Wageil in Betracht: 1A Türlopp, 3 A Opel, 6A Sun, 7 A Benz, 8 A Flat, 10 A "Minerva, 13 A be Dietrich, 14 A Darracq, 15 A Prothos, 16 A Pipe, 19 A Adler, 26 A Eisenach, 31 A Godron- Brtlliö, 32 A Martini, 33 A Bianchi, 34A Mercedes-Daimler, 35 A Jtala, 37 A Melallurgique, 40 A Piedboeuf-Imperia, 3 B Opel, 8 B Opel, 13 B de Dietrich, 20 B Binot und Teguingand, 26 B Eisenach, 27 B Isotta Fraschmi, 29 B Engl. Taimler, 31 B Gobron- Brillich 32 B Martini, 83 B Bianchi, 34 B Mercedes, 35 B Jtala, 42 B 9L A. G., 3 C Opel, 8 C Flak, 10 C Minerva, 13 C be Dietrich, 14 C Darracq, 16C Pipe, 34C Mercebes, 350 Jtala.
Ter Kaiser sprach sich m i ß v l 11 i g e n d darüber aus, daß verschiedene Zuschauer die Rennstrecke betraten unb ordnete telephonisch an, daß die Straße streng bewacht uab ubge- jperrt werden solle, um Unfälle zu vermelden.
p. Werl bürg, 13. Zum. Zu oeiu Rennen hatten slch an besonders interessanten Stellen nach Taufenden zählende Zuschauer eingefunden. Bei entsetzlichem Regcnwctter, das mehr als lieb den schon ohnehin durch Oel gebundenen Staub band, oder richtiger, diesen in gehörigen Ähmutz um« setzte, nahm daS Rennen in aller Frühe seinen Anfang. Ter schmutzbedecklcn Straße wegen war das Tempo der in der 1. Abteilung startenden Wagen verhältnismäßig gering und wir waren umsomehr enttäuscht, als wir durch daS Gordon- Bennet-Rennen vor 3 Jahren an ein förmliches Fliegen der Wagen gewöhnt waren. Tie B-Wagen machten'S befscr. Der Regen hatte nätnlich nachgelassen und so war bald die Strecke in besserer Verfassung. Tie italienischen Autos, waren voran; das könnten wir deutlich beobachten, und sie dürften auch morgen bei dem Entscheidungsrenncn, an dem •10, statt 80 Wagen wie heute, teiinehmen, als Sieger hervorgehen und so in den Besitz des Kaiserpreises — ein Tafelaufsatz aus getriebenem Silber im Werte von 5000 Mk. — gelangen. Doch warten wir ab; denn auch Deutschland fuhr gut. Gegen 3 Uhr nachmittags war das Ausscheide- rennen beendet.
Zwei Gießener verunglückt.
Leider hat, wie das Herkomer-Renncn, auch dieses Rennen mehrere schivcre Unfälle mit sich gebracht, die die Mißslimmung weiter VolkZkreise gegen die Automobilhetze, die ja bereits längst besteht, noch ivesentlich verschärfen muß. Die Regierungen der Bundesstaaten werden nicht umhin können, auf Mittel zu sinnen, dem baS Leben so vieler Menschen, das Glück vieler Fantilien vernichtenden gräßlichen Sport auf irgend welche Weise Schranken aufzuerlegen, die der Gefährdung von Personen vorbeugen.
Von den verschiedenen schweren Unfällen, die daS Rentten hervorrief,, muß ein gestern vorm. bei Gräven-, wiesbach vorgerommenes in unserer Stadt besondere Anteilnahme Hervorrufen, da zwei junge Gießener die Opfer waren. Otto Göbel, der jugendliche Sohn des RalsdienerS Göbel, steuerte als Chauffeur den Adlerwagen 19 C, wäh^ rend ihn Ludwig Faber, der Sohn des Wagnermeisters! Faber, als Mechaniker begleitete. Wie Augenzeugen er-t zählen, verunglückte beim gestrigen Ausscheidungsrennen der vor ihnen fahrende Wagen. Sie konnten nicht mehr ausweichen und ihr Wagen fuhr in den anderen Wagen hinein unb stürzte um. Faber wurde sofort getötet, während Göbel schwer verletzt wurde. Dem Vernehmen nach hat er beide Beine gebrochen und liegt in Glashütten schwer darnieder! Ein tragisches Verhängnis wollte es, daß Faber, der ein tüchtiger Mechaniker war, gerade a n seinem 2 0. Geburtstaa starb- Er war seit einem halben Jahr in seiner Stellung, während er vorher bei Opel und Krupp tätig war, und das Rennen war das erste, das er mitfuhr. Den bedauernswerten Eltern der beiden Verunglückten wendet sich allgemeine Teilnahme zu. Die beiden Väter sind heute früh an den Ort des Unglücks abgereist. Die Beerdigung Fabers findet voraussichtlich hier am Sonntag statt.
Göbel, ein junger, gewandter, aber etwas tollkühner. Fahrer, galt für den Besten des Adlertrios; er hatte die erste Runde in der guten Zeit von 93 bis 94 Minuten, zurückgelegt.
Der Kaiserverließ, als ihm das Grävenwiesbacher Unglück gemeldet wurde, den Fe st platz.
Es ist ja nicht zu leugnen, daß die immer mehr sich auSbreitenbe Benutzung der Kraftwagen verkehrStcchnisch einen immenfen Fortschritt gegen frühere Zeiten bedeutet. Aber schließlich muß doch alles fein Maß und.Ziel haben. S)er* artige sportliche Veranstaltungen, wie das Herkomer« unt> das Taunusrennen halten wir für volksverberblich, schon weil sie zu niebriger Schaulust locken. Das Volk wird dadurch abgelenkt von stiller friedlicher Arbeit und sinniger Selbsteinkehr.
Die Uebertreibungen des Automobilsportes, das Rasen der Automobile auf freien Straßen ist aber ein ungeheuer grober Unfug. Unsere Wälder unb Felder werden verpestet unb unsere Lungen jämmerlich verstaubt. Die unheimlichen Teufelskutschen müßten angehalten werden, zum mindesten innerhalb der Orte unb in bestimmten, durch an den Straßen aufzustellende Zeichen kenntlich gemachten Umkreisen nahe von Ortschaften, etwa 6 Km. von diesen entfernt, nur mit ganz geringer Schnelligkeit zu fahren, damit das Wandern nicht eine der gefahrvollsten Unternehmungen bleibt und die nicht kraftfahrende Menschheit gänzlich in ihre engen vier Pfähle gebannt werde. Nur sehr energische' gesetzliche Maßnahmen und bann sehr empfinbliche Strafen auf Übertretungen der Vorschriften können hier einigermaßen leidliche Zustände schaffen. Auch könnte den Automobilen nur die Benutzung bestimmter Landstraßen vorgeschrieben werden, die ,ganze Welt" aber dürfte ihnen, solange sie nicht einigermaßen Garantie bieten, daß sie die Volksgesundheit nicht mehr wie bisher gefährden, nicht offen stehen.
Auf der Rennstrecke selber scheint man sich immer noch nicht über dieses fürchterliche Unglück im Klaren zu sein. Die vom offiziösen W. T. B. gestern ausgegebenen Nachrichten lauteten:
Kloster Thron, 13. Juni. (Amtlich.) Wagen 18 G (Horch) tst bei Grävetiwiesbach schwer verunglückt. Beide Fahrer sind schwer verletzt und bewußtlos. Wagen 19 E (F ü h r e r G ö b e l) ist bei Grävenwiesbach verunglückt. Ter Führer ist tot.
KlosterThron, 13. Juni. Tie offizielle Feststellung hat ergeben, daß der Führer des verunglückten Wagens Adler 19 E (Göbel) getötet worden ist und sein Mechaniker beide Peine gebrochen hat.
Heute wurden uns diese Nachrichten noch drahtlich bestätigt. Trotzdem sind sie falsch.
Weitere Unfälle.
Auf der Rennstrecke oberhalb Gräfenwiesbach rannte gestern früh kurz nach y»7 Uhr der Wagen 39 A (Napir) eine Telegraphenstange um, ine an einer Kurve ftano. Tte Fahrer wurden nur leicht verletzt und konnten bte Fahrt jorrfetzen. .Später verunglückten an derselben Stelle, per


