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12.3.1907 Erstes Blatt
 
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9?r. (>0/ 7 r Erstes Blatt 157. Jahrgang Dienstag 12. Marz 1007

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E5" General-Anzeiger für Oberheffen WW

^«nzetger «ietzeu"' Rotatkonsdruck und Verlag der vrMschen Unlv.-Vuch- und 5te!ndruckerel. n. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstrahe 7.

4)ir ucutiße stummer umlaht 8 beiten.

politi)d)c Tagesschatt.

Staais.kkrctäre drr Zukunft.

R. Berli11. März.

Raum hat davon verlautet, ba6 Die erste Session des Re ich« tage» bereit» vor Pfingsten ihr <Lnde er- reichen toll, so hört man von »besonderen 91 b | i d) l e n* sprechen, die Fürst Büloio angeblich damit verbindet. Da ist die gtcoe von einer »durchgreif enden Auffrischung des R a b i n e t l S die so überraschend konunen werbe wie der 9)hmfler- wechset im Ala, 19U1. Das Unerwartete soll aber diesmal in dem Sinne zu gewärtigen sein, baß mehrere Mitglieder des preußischen Ministerium» in den ReichSdlenst bc- rulen wciben. AIS ziinächst voraussichtlich in Betracht koinmend nennt man die Herren d. Fl bei» haben, v. B e t h in a n n.

o 11 w e fl und Delbrück. ES ist in parlamentarischen Rieden allerdings kein Geheimnis, daß der preußische Finanzminister, ohne- blu ein häufiger Gast im Reichstag, nicht ungern die Leitung eines Swaislekretariais Übernahme, in erster Linie also wohl bas Reichs- schagnint. Doch abgesehen davon, daß unlängst Freih. v. S t e n g e l eine R ü ck 1 r i 11 s a b s i ch t beftruten hat, darf man wohl die Geneigtheit des Fürsten Bulow, das süddeutsche Element aus der Regierung zugunsten des preußischen a u L z u s ch a l t e n, in Z w e i i e l ziehen. Wenn im Reich liberaler regiert werden soll, bann möchte es sich empfehlen, die neuen 9)iänner nicht gerade aul freuten zu holen. TaS gilt auch für das Ressort des Reichamts des Innern. Die fortschrtttsireudigen Staatsmänner von der An des Grälen Posadowsky sind in Preußen dünn gesciei. Ter Minister des Innern v. Bethmann-Hollweg ist zwar von reattionären Tendenzen tueil mehr entjernt als seine Vorgänger, aber al6 Sozialrcsornier von so tieler lleberzetigung und so trendigem Wollen wie Grai Posadowsky Hal er sich noch nicht zu erkennen gegeben. (Sine »Auffrischung" der Steichsregierimg könnte also in einer Eingliederung preußischer Minister kemeSialls erblickt werden, und man darf wohl in Ruhe abwarten, ob Fürst Bülow nach der Vertagung des Reichspailanients seinen staatstnännischeii' Rrcbit derart miss Spiel setzen wird. WaS übrigens den Graien Posa- dowSky betrifft, so wird er, nach zuverlässigen Mitteilungen, die Uebernahine eines Oberpräsidiums jederzeit a b l e h n e n, Niag nun sein Rücktritt vom LtaalSsekrelartat sruher oder später ersolgeii. Bet einem Politiker von seiner Produltivität erscheint ein solcher Entschluß natürlich. *

TaS Versprechen der Dorsenreform

wird, wie wir gestern bereits nach der »Köln. VolkSz." mitteilten, vom Fürsten Büloiv prompt eingelöst. Tas N » d) t d e r üh r e n I a n d iv i r t s ch a s t l i ch e r I n t e r e s s e n von der in jener ge­strigen Meldung dte Siebe ist, häck die bundleriiche »Tagisz/ iür 'cibitoersiändlich und fährt fort: »Tie Agrarier sind nicht so eng' herzig, da» sie deswegen ihre altgenieinen ivirijcha'ispolltischen Bedenlen gegen jede Abschwächung des Bürsengesetzes fallen lagen 1011111611." Auch auf den Widerstand d e s Zentrums rechnet dieTagesz.". Darnach würde bet der Börsenreiorni die Ton dem relchsparieillchen Abg. Gainp ersehnte Gelegenheit sich -ergeben, daß Zentrum und Rechtewiederdesselbigen Weges wandeln.

Wie verlautet, hat sich der Kaiser letzihm wiederholt zu G u n st e ti einer baldigen Reform des BörjengesetzeS geäußert. Die erste Bemerkung in diesem Sinne soll vor einiger Zcu gegen­über einem hohen Staatsbeamten gefallen sein, bei dem sich der flauer über Die Vage des Geldmarkts und die Diskont- frage informierte. Eine weitere Aenßening des Kaisers ist, wie es heißt, jüngst gegenüber einer bekannten Persönlichkeit gefallen. Cie in Ber m industriellen und finanziellen Kreisen eine hervor- ragenbe Stellung entnimmt. Auch iji dfl-m Fall soll der Kaiser die Diingllchkeit einer ausreichenden Umgestaltung des Gesetzes betont haben.

Eine Iprozentige Reichsanleihe?

-t-. Berlin, 11. März.

Ter Schahsekretär Frhr. v. Stengel Hal sich gespiächsiveise geäußert, er sei nicht grundsätzlich gegen die Wahl emeS 4piozent. Zinsfußes bei Emission der neuen Reichsanleihe. Ta dem Reichs- .ackelmeister ofjenbar uichis anderes übrig bleibt, als auf solche Bedingung der Hochfinanz einzugehen, dars die Rückkehr zumlproz. ZinSlyo auch von Reichswegeii wohl als sicher angesehen weiben. Bekaniitlich waren t o m m u n a l e Verwaltungen schon vor geiaumer Zett genötigt, bei Inanspruchnahme des öffentlichen Kredits höhere Z t n s v e r g ü t ti n g e n zu gewähren, und and) das konnte den Kursrückgang diefer Fonds, zutti Teil bis unter Pari, nicht verhindern. Wenn nun aut eine Erniatztgiing des Bank- diskonts nach bem lUpnlieiniin gehoßt und un Anschluß daran eine aUgemeine Enlipannung des Gc-idmarkies enuartet wird, so er- ichemt der Hintvcis angezeigt, dag die Pochiendenz m den Zms- ücrljältnifien |icl) in einer längeren Reihe von Fahren aUmaijlid) herausgebildet hat, unter Eunvirlung internationaler Momente. Leinet'.:,prechend dauerhaft wird bieie Tendenz uaiurgemäB iem, ö. h. die Berechnung dürfte sich als nnzutrefsend erweisen, die da annimmt, es werbe nach Ermävigung des Bank- dtskoiils eine 8' s P r o j e n l i g t Anleihe eriolgreid) aufgelegt oder die baldige Konvertierung einer 4 projentigeti bewerluelhgi iverden tonnen. Tas Ende vom Liede wäre, daß die emulierenden Banken mindestens so große Beiiände dieser Fonds unveräußen in ihren Treiors behie-ten, wie bei der Ans­pielung der letzten Reichs- und preußischen Staaisanleihe. Darüber fmb sich die Banldirektoien nicht zweifelhaft und darum werden sie es wohl iür abjenbare Zett ablclpien, über einen ge­ringeren als sproz. Zinstyp bei Reichsanleihen mit den anulicljen Stellen zu verhandeln. Zn einer Zeit allgemeiner Teuerung ist jchlieijlich das Berlaiigen nach erhöhter Kapitalrente gerechttertigt, die übrigens auch dazu beiträgt, den heimischen Fonds Beachtung ztt sichern vor den höher verzinslichen auslandlfchen. Tre Kurse nanzösischer und engliicher Reuten tonnen zum Vergleiche mit den deiliicheu nicht herangezogen werden, beim ui jenen Ländern ist es um die Taktik der Euilision, wie um die staatliche Fürsorge für die Stetigkeit der Reutenliiije ganz ».nders bedeut. ______

Deuijiiicr Uctd?»rag»

15. Sitzung vom 11. März.

Auf der Tagesocbnui'g sieht die Fortsetzung der Besprechung der Interpellation T r i m b o r n.

Abg. M u g d a n (frs. Vp.) polemisiert zunächst gegen Trim- born und fährt dann iott: Was die ArocitsiUminetn aatangt, so würden wir eS für rid) tiger halten, Arbeiter kümmern einzufuhcrn.

Jur H.iutterung an F'uul ^eil)aiOt.

(Lrtginal-Arlikel des Giepener Anzeigers.)

Deute, am 12. März d. I., werben es 300 Jahre, daß nächst Luther der größte Lvangelische Kivchenliederdichter, Paul Ger- J)aibi, zu Gräseichainichen in Sachsen das Licht der Welt erblickte. An diesem Tage soll die christliche Gemeinde, soll unser gebildetes Volk nicht achtlos vorübergehen. Denn Paul Gerhardt ist ein Dichter von Gvt.es Gnaden, dazu ein charaktervoller Mann von Sittlicher Kraft, eine der an-ie^eicosten Personlichteiten des wirren und ernsten 17. Jahrhunderts. Sein Lebensgang liegt für uns fast völlig im Dunkten. Als der Sohn eines Bürgermeisters besuchte er die säMisch« Fürstenfchute Grimma und die Uni­versität Wittenberg, um Theologie zu studieren. Erst 1651 tritt er üw Pjarramt. Was er vorher getan, wo er gewesen, wissen wir nicht. In Mitteiuvalbe wurde er Pfarrer; nach sechs Jahren Geistlicher in Berlin. Die Berliner Zeit endete mit seiner Ab­setzung. Das kam so: Ter große Kurfürst, reformierten Be­kenntnisses, verbot den Geistliu-en beider evangelischer Bekennt­nisse die gehässige Polemik auf der Kanzel und forderte aus- bcüdliäjc Unterwerfung unter diesen obrigkeitlichen Befehl durch Ausstellung eines eigenhändigen Reverses, ein Akt religiöser Duldung, durch den der Kursütst seiner Zeit vorauseilte. Ger­hardt, ein strammer Lutheraner im Simie damaliger strenger Orthodoxie, fügte sich nicht, und lieber ließ er bas Amt, als etwas wider sein Gewissen zu tun.Was mit bösem Gewissen geschehe", schrieb Gerhardt damals,das sei vor Gott ein Greuel und ziehe nicht den Segen, sondern den Fluch nach sich." So ward er abgcsetzt 1666 und blieb brotlos, bis ihn 1668 ein 9luf als Pfarrer nach Lübben in der damals kursächsischen und luthe- ris^en Nieberlausitz führte. Dort hat er bis zu seinem Tode 1676 gewirkt.

Worin liegt die Größe des Dichters Paul Gerhardt? In dem, was überhaupt einen echten Dichter macht: Reines und wahres und dabei starkes Eippfinden und die Kunst, zu sagen, was die Seele bewegt, so klar, so wahr, so unmittelbar, daß die Seelen der Hörer in die gleichen Schwingungen versetzt werden. Wer tann, ber Naivität, Unmittelbarkeit, Schlichtheit und doch Kraft dieser in ber Form oft einfach klassischen Dichtungen widerstehen? Wer wir nicht hingerissen von diesem liebend» würdigen, herzensfröhlichen, in starkem Gottesglauben ruheirden Mann? Das Leben hat ihm hart mitgespielt. Nicht nur Amts­entsetzung war sein Schicksal, er sah von einer blühenden Kinder- fdjar nur einen Knaben aufwachsen und sein treues Weib sank vor thm ins Grab. Dazu die Wirren und Schrecknisse des großen Krieges. Wahrlich, es bedurfte nicht erst der düsteren Stimmung, die über _ der lutherischen Orthodoxie jener Tage lagerte, um seine Harfe auf schivermütige Molltöne zu stimmen. Wie kein anderer Hal er die ewig ernste Klage über alles Menschen- toefen, M cnschenglück, Mensch.nikraft angestimmt. Wem greift's nicht ans Herz, wenn er singt:

'-ibas sind bicjcs Lebens Güter? Eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter.

Oder: Menschliches Wesen, WaS ist's? Gewesen. In einer Stunde Geht es zu Grunde, Sobald das Lüftlein des Todes drein bläst.

Oder ein andermal versinkt Gerhardt in trübe Welibelrachiimg.

er da singt, wer hat nicht Stunden, in denen er ebenso fühlt-

Ich hab' oft bei mir selbst gedacht, Wenn ich den Lau' der Welt betracht, Ob auch das Leben dieser Grd Rur gut fei und des Wunschens wert, Und ob nicht der viel besser tu, Der sich fein zeitlich legt zur Ruh.

Tenn, Lieber, denk' und sage mir: Was für em Stand ist wohl allhier, Tem nicht sein Angst, fein Schmerz und Weh Alltäglich iiberm Haupte steh'.

Ist auch ein Ort, der Kummers frei

Und ohne Klag' und Tränen sei?

Sieh unsres ganzen Lebens Lauf; Ist and) em Tag von Jugend auf, Ter nicht sein eigne Cual und Plag Ans seinem Rücken nut sich trag ? Ist nicht die Freude, die uns stillt. Auch selbst mit Jammer ausgeiüUt?

Aber diese pessimistische Stimmung hat nicht die letzte Ge- ivalt über dieses Herz. Stein, keiner hat fröhlicher, herzlillier, wärmer das Schöne und Gute, das Helle uuö Freundliche des Gebens genossen und dabei gefangen als er. Immer wieder brechen die Töne des Lobes und Tankes burd) alle äußeren Betrachtungen hmdiirch. Und das ist nicht nur naiürlidje Anlage, das ist zu» gletd) die köstliche Frucht eines unerschütterlichen Vertrauens zu Gott als dem Golt reiner und ewiger Liebe. So schaut er mit leuchtendem Ange in die sommerliche Pracht hinaus und es ge­staltete sich ihm ein entzückendes Lied voll hohen Reizes bei aller schlichten Naivität:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

In dieser lieben Sommerzeit

An deines Gottes Gaben;

Schau an der schönen Gärten Zier

Und siehe, wie sie mir und dir Sick) aiisgefchmücket haben.

Tie Bäume stehen voller Laub, Tas Grdreich decket seinen Staub fflht einem grünen Kleide;

RaicifjiiS und die Tulipan, Tie ziehen sich viel schöner an Als Lalomonts Seide.

Tie Lerck;e fck)wingt sich in die Liist, Tas Täublem fleußt aus feiner Klnst Und macht fick) tu die Wälder;

T»e hochbegabte Rachtigall

Ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder.

Tie Glucke führt ihr Völklem ans,

Ter Storck) baut und bewohnt fein HauS, Das Schwäblem speist die Jungen;

Ter schnelle Hirsch, das leichte Reh Ist iroh und tommt aus feiner Höh Ins tiefe Gras gesprungen.--

Ich felbflen kann und mag nicht ruhn; Tes großen Gottes großes Thun Erweckt mir alle Sinnen;

Ich finge mit, wenn alles singt.

Und lasse, was dem Höchsten Hingt,

Aus meinem Herzen rinnen.

beim wenn Arbeiter und Arbeitgeber in einer Kammer sitzen, so werben sich hie Arbeiter vielfach scheuen, mit ihrer Meinung hcrauszukommen. Einer Vorlage zur Regelung bes Ausvcrkaitfs- wesens werben wir zustimmen, ebenso können wir das in Bezug auf den kleinen Befähigungsnachweis. Tic konservativ-liberale Paa­rung entspricht jedenfalls durchaus nicht nur einem Wunsche des Reichskanzlers, sie war vielmehr eine Notwendigkeit, um zu ver­hindern, daß das Zentrum im Verein mit ber Sozialdemokratie noch länger dem deutschen Volke seinen Willen aufdränge.

Abg. v. Tirksen (Np.) hält zunächst unter Berufung auf eine Rede eines hessischenGenossen" den Sozialdemokraten ihre Taktik vor, auch Gesetze abzulchucn, die den Arbeitern jedenfalls etwas brächten, was sie wünschten. Tatsache sei, daß alle bisherigen sozialen Gesetze gegen die Sozialdemokraten zu stände gekommen seien. Redner polemisiert weiterhin gegen den Abgeordneten £)ue, ferner gegen den früheren Abgeordneten Pens, der hier im Dause gesagt habe, ber Mittelstanb sei nicht mehr zu retten, während die Sozialdemokraten jetzt in Abrede zu stellen versuck-ten, baß ihnen der Mittelstand gleichgültig sei. Aus zahlreichen Zitaten, die der Redner vorbringt, folgert er, daß die Sozialdemokraten tatsächlich ben Untergang bes Mittelstandes wünschten. Der Redner, der die Textil-Jndustrie-Stadt Kottbus im Reichstage vertritt, erklärt sich für die Herabsetzung der Arbeitszeit der Fabrikarbeiterinnen auf 10 Stunden und wirft den Sozialdemokraten vor, daß sie ihre Agitatoren bezahlten und zwar, indem sie das Geld dazu von den Arbeitern erpreßten. (Lärm bei den Sozialdemokraten.) Der So­zialdemokrat Kaden verlangt einen Ordnungsruf.

Präsident Gras Stolberg: Der Redner hat nicht die Sozial­demokraten hier im Hause gemeint. (Erneut großer Lärm bei den Sozialdemokraten.) Sie hindern ben Redner am Weitersprechcit. Der Präsident erteilt fchmegltch dem Abgeordneten Kaden einen Ordnungsruf.

Abg. Tirksen fährt fort: Der Abg. Hue wies auf die letzten Erfahrungen in Oesterreich mit dem Be § ähig trngsnachrveiS hin. Hier bandelt es sich um den kleinen Besähigungsnack-weis, für den auch die Vertreter der Äandiverks- und Geiverbekammern eingetreien sind. Er bittet den Sraatssekretär, eine Vorlage wegen des kleinen Besähigungsnackvveises noch in dieser Sefiion em- zubringen. Auch die Frage wegen der Vergebung der öuentlichen Arbeiten an die Handwerksmeister könnte bald geregelt werden. Schwieriger sei die Aiigelegenheit der Bekämpfung des unlauteren Wettbewerves zu regeln. Ho si cutt ich. gelinge es, auch wenn nid)t in dieser, so doch in der nächsten Session, auch diese Frage zu regeln. Dirrsen kommt dann auf den ReichLoerband zur Be­kämpfung der Sozialdemokratie zu sprechen, mit dem sich auch der Abg. &ue beschäftigt, und führt aus: Nichts könne für den Verband mehr Prvpagianba und Reklame machen, alS die anixiuenibcn Besch imp,ungen seitens der Sozialdemo traten. (Un­ruhe bei ben Sozialdemokraten.) Die Gerber für bie sozial demokratische Agitation würben von den Arbeitern erpreßt. (Gwßer Lärm bei den Sozialdemokraten.) Der Redner wird untcrorödjen, der Prchident ersucht um Ruhe. Redner geht bann auf die Berufsvereine ein und sagt, er wolle gern Mitarbeiten an der Ausgabe, ihnen eine feste rechtliche Stellung zu geben. Bei der sozialen Gesetzgebung dürfen die Interessen der Arbeit­geber nicht unberücksichtigt bleiben. Redner schließt mit der Ahnung, daß die Sozialdemokraten von der Verhetzung ab- lasfen und mit allen Parteien arbeiten werden an der poiitiuen

Ist das nicht ed)te Volkspoesie? Sind das nid)t lyrische Töne von unwiderstehlichem Zauber? Wer wird nicht fröhlich, wenn er sie vernimmt, daß er nuifmgeu und miijubelieren möchte?

Und gibt es em herrlicheres Morgenlied als das von Freude, Gesundheit, Lebensgefuhl lief durchtränkte Lied, bas anhebt:

Tie gülbiie Sonne

Voll Freud uno Wonne

Bringt unfern Grenzen Mit ihrem Glänzen tim herzerquickende», liebliches Licht. Mein Haupt und Gliedes Die lagen darnieder;

Aber nun steh ich,

Bin munter und wöhlich,

Dd)aue beu Himmel mit meinem Gesicht.

Herzlicher, inniger, aber and) wahier hat nie ein Herz Gott gelobt, an Golt sich g ei reut und das ganze überströmende Glück empfunden, einen treuen Gott zu haben.

Wohlauf, mein Herze, fing und spring

Und habe guten Mut;

Tem Gott, der Ursprung aller Ding, Ist |elü|t und bleibt beut Gut.

ter ist dein Schatz, dein terb und Teil, Tein Glanz und Freudenlicht, Dem Schirm und Schild, dem Hüls und Heil, Sck)afst Rat und lägt dich nicht.

Gewiß, es fehlte der Frömmigkeit und auch der Dichterer Gerhardts nid)t an dogmatischen Härten, in die em ungekünsteltes Empfinden sich heute nichfmehr hinemsindet. ter sieht eben un Banne der Denlweise seiner Zeit. Aber über d-es Alles erhebt sich doch immer wieder em rein menschUches Empfinden, das frei ist von Uebertreibung, Künstelet und Sentimentalität. Reinheit, Ursprünglichkeit und Siete der tempftndung kann niemand dem nad) katholischem Vorbild gedichteten »O Haupt voll Blut und Wundeii" abjpredjen. Und noch jedem hat es, ziunal durch Bachs gewaltiger Komposition, ans Herz gegriffen, wenn Die Schlußstrophen entsetzten: »Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mtr.u »Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod."

Auch Geschmacklosigkeiten unerträglicher An, Breiten, die uns heute unwiderstehlich langweilen, teilten nicht. Auch barm ist Gerhardt em Kmd seiner Zeit, m ber Gebrungenheit noch nicht zum ä|ii)eiiid)en Gesetz geworben war; er bichtet noch nach bäuev- lichem Rezept: lang und breit und voll Behagen. Aber er hat sich doch auch mit seinen langen Liedern tu das Herz ber mobernen Gemeinde hineingejun ,en. Rock; niemaubem ist fein Lied: »Bestehl bu Deine Wege und was dein Herze kränkt", mit seinen 12 Strophen zu lang geworben.

tes tut sich ein reiches, großes und gutes Herz auf, wenn Paul Gerhardt anhebt zu fingen. Ob es nicht Schätze hatte, nach denen unser modernes Geschlecht sehnsuchtsvoll aus|d)aut; Kraft, Friede, Herzenströhlichkett, Zufriebeithenl Wir haben uns gewöhnt, über Die Vergangenheit, zumal über das Zeitalter ber Crtijobogie, ziemlich geriiigfd)äijtg zu beiden. Gewiß, wir sollen keine öde ükachahmung treiben und nut eigner Kraft uns |d)affen, was wir brauchen. Aber tehnurcht vor Den Starten der Vergangenheit idiließt dies em, nicht aus. Und Paul Gerhardt gehört zu Inejett Starken und Guten.

Prof. D. Trews.