Ausgabe 
13.5.1907 Zweites Blatt
 
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Nr. 110 Zweites Blatt L57. Jahrgang

Montag 13. Mai 1907

Erscheint «glich Ausnahme des Sonntag«.

Die6le6nur $amiBeiiblätterM werden dem .Anzeiger" Biennal wöchentlich beigelegt, das Hrctsblatt fiir bei «rett Siehrn" zweimal wöchenUich. Derhessische Landwirt' erscheint monatlich einmal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Rotationsdruck und Verlag der 8rüblichen UnwersitätS - Buch- und Steindruckerei. 9t Laug«, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag ; 6L Rebaktion:e-^112. TeU-TldroAnzeigersteßen.

Hessische Zweite Kammer.

R.-B. Darmstadt, 11. Mai.

Am Ministertische: FinanzminiüerTr.Gnauth,Minister des Innern Braun, Dtinisteriaträle Tr. Becker, Süffert und Geh. Lberbaurat Loulmann.

Eiseubahuwüusche.

Tas nur schwach beiegte Haus jegt um 91/, Uhr die Beratung über die D r e i e i ch b a h n fort.

Ministerialrat Süssen wendet sich zunächst zu den gestrigen 'Ausführungen des Abg. Haas und ersucht ihn, seinen früheren Vor­schlag bezüglich der Finanzierung neuer Nebcnbahnbaulen näher zu präzisieren. Es habe ihin, dein Redner, natürlich ferngelegen, durch seine früheren Bemerkungen den: Abg. Haas irgendwie zu nahe 8ii treten; er werde ihm auch nichts Nachträgen, zumal schon deshalb, weil ihn Haas ja mit »grünem Holz' und nicht mit »dürrem Holz' verglichen habe. (Heiterkeit.)

Abg. Tr. Fulda behandelt ebenfalls noch in längeren Aus­führungen das Treieichbabn-Projekt und versucht bte Ausführungen der Abgg. Molthan und Haas zu widerlegen.

Abg. Erk spricht sich gegen eine Uebernahme der Bahnbau­kosten aus die Kreise und Provinzen aus nnd weist dann aus die Vorteile hin, die die Eijenbahngemeinschajt mit Preußen unserem Großherzogtum gebracht habe.

Nachdem Abg. Haas noch kurz auf seine Differenz mit Ministe­rialrat Süsfert zurückgekommen und sie für erledigt erklärt, sowie kurz noch einmal das Projekt zur Berücksichtigung empfohlen hat Idas Hütteiiiverk Stumm in Reichelsheim verpflichtet sich aus 150 000 Tonnen Fracht in dcit ersten zchtt Jahren), schließt die Debatte und die Vorstellungen der Stadtgemcmde und des Elfen- bahnkomilees zu Langen werben füq erledigt erklärt; der Antrag Ulrich, der Gemeinde Laugen dahin entgegenzukommen, daß die Projektierung der gewünschten Bahnlinie unterstützt werde, ivird angenommen.

Zur Beratung kommt sodann das

Nebenbahnprojckt MückeUlrichstein mit Wetterführung nach Rixfeld, zu welchem mehrere Vorstellungen der dortigen interessierten Gemeinden vorltegen.

Der Antrag Schmalbach-Brauer geht dahin, die Regierung zu ersuchen, den Laitdständen eine Gesetzesvorlage über die Erbauung einer Bahn von Mücke nach Ulrichstein mit der Möglichkeit der Fortführung nach Rixfeld deumächst oorzulegen.

Der Alisfchuß beantragt, den Antrag Schmalbach-Brauer an­zunehmen, die verschiedenen Vorstellungen der Gemeinden aber für erledigt zu erklären.

Fmanzmiiiister Dr. G n a u t h erklärte, daß er sich bei der Linie MuckeUlrichstein nicht für den 11 Kilometer großen Umweg über Groß-Felda entschließeit kötme.

Abg. N o a ck tritt für den Anschluß der Bahn an Groß- Felda ent,

Abg. K o r e l l empfahl ebeitfalls möglichste Berücksichtigung der Verbiiidung mit Groß-Felda.

Nach weiteren Ausführungen der Abgg. Molthan und Brauer wird der Ausichußantrag mit dem Zusatzantrag Korell angenommen, der Vorstellung von Groß-Felda mög­lichste Berückst chtigung zuteil werden zu lassen.

Er folgt nun die Beratung der Anträge über die Notlage des hessische« WiuzerstaudeS, 1. deS Antrages Wolf, betr. die Feststellung des gemeinen Wertes von Weinbergsgrundstückeu zum Zwecke der Steuerveranlagung, 2. des dringenden Antrages HaaS, betr. die Notlage des hessischen Winzerstandes, und 3. des dringlichen Antrages Diehl, betr. die Rcbkraiikheiteii.

Abg.W o l s begründet feinen Antrag in längeren Ausführungen und führt verschiedene Fälle an, aus denen er den Schluß zieht, daß ein Weinbauer mit großem Weinbesitz unter Umständen ein geringeres Einkommen habe, als ein Fabrikarbeiter. Tie Regiernng habe gegen eine neue Katastrierung der Weinberge verschiedene Bedenken vorgebracht; er könne das nicht für richtig halten. Er fürchte jedenfalls feine Erschütterung des Kredits der Wemgnls- desitzer dadurch. Tie gegenwärtige Einschätzung der Landwirte sei viel zti hoch unb er freue sich, bau bie Regierung wenigstens teil­weise schon im Sinne seines Antrages gehatidelt habe. Tie dies­bezüglichen Anweisungen an die Slenerkommissariale feien aber keineswegs nach ben Intentionen der Regierung befolgt worden. Ter mittlere Lauernsland in Rheinhessen gehe immer mehr zurück. Sehr beachtenswert fei der Antrag Dtebl, der eine positive Hebung des Weinbaues bezwecke. Tie landwirtschaftliche Buchführung lasse viel z»i wüufchen übrig, es wäre auch empfehlenswert, bie Wein­berge durch die LrtSaerichte einfchätzen zu lasten.

Ministerialrat Dr. Becker erividert dem Vorredner, daß feine Wünsche bezüglich der Veranlagung der Weinberge bereits erfüllt seien. Eme Einschätzung durch die Ortsgerichte sei nicht angängig, da hierzu eine Gesetzesänderung erforderlich wäre. Einzelne Steuerkommistariate hätten auch, da die Krtsis nur eine vorübergehende war, ausdrücklich gewarnt, bie Weinberge jetzt nicht amtlich niedriger einzufchäyen, denn hierdurch würden bie Weinbergbesitzer selber Schaden hinsichtlich ihrer Kreditfähigkeit erleiden.' In dem von Abg. Wolf angeführten Fall, m dem ein Weinbergbesitzer bei einem Kapital von 75 000 Mk. uur 1 200 Mk. herauSgewirtichastet habe, bemerkt Redner, der Betreffende habe ivohlmit starker Buchhaltung" gearbeitet. (Heiterkeit.) Alan müste auch bedenken, daß die Wuizer häufiger noch andere Erwerbs- quellen hatten, wie kleine Gewerbebetriebe, was natürlich bei der Steuerveranlagung ebenfalls in Betracht tarne.

Minister des Innern Braun bespricht die Weinbausragen im Allgemeinen und legt bte Maßregeln näher dar, die zur Bekämpfung der Reblausschädlinge in Betracht tarnen. eo_ sollen Vorträge gehalten, ein Nachrichten- und Beobachtungsdienst ein­geführt iiud namentlich Vertrauensmänner nni) Sachverständige angestelll, sowie die Unterstützung der Kreisämter mit herangezogen werden. Weiter führte der Munster die Frachtermäßigung für Kupfer, Vitriol, ben gemeinsamen Bezug von Materialen durch bie Genossenschaften :c- ein. Die Regierung sei also den Anträgen gut Bekämpfung der Schaden schon zuvorgekommen, in Rhein- Hessen sei schon eine vollständige Mobilmachung gegen die Pero- nojpoia erfolgt. Im Kreise Worms hätten zahlreiche Versamm­lungen ftmtgefunben, die von 1600 Interessenten besucht waren unb in benen von sachverslänbigen Kreisen Aufklärung gegeben würbe. Tie Regierung habe also alle Maßregeln,^ die zu einer rationellen Bekämpsung der Rebschäden bienen können, bereits g Abg. Haas begründet des Näheren seinen Antrag auf Ge- wähnmg von Steuerbefreiung, zinslosen oder billigen Darlehen unb geeigneten Hülfsaktionen anberer Art.

Abg. Molthan spricht gegen ben Abg. Wolf unb namentlich gegen ben von ihm erwähnten Fall in betreff ber 1200 Mk. Gewinn bei 75 OöO Alk. Kapital. Man dürfe einen solchen Fall keineswegs als Schulbeispiel hmslellen. ,

Abg. Wolf wendet sich in lebhafter Weise gegen die Aus­führungen Dr. Beckers und betont, dieser scheine von den wirk­lichen Zuständen in ben Winzerkreijen Rheinhessens keinen .blauen Dunst" zu haben. (Präs. Haas rügt bissen Ausbruck).

Abg. Adelung bezeichnet es als iwtroenbig, daß namentlich bie Winzer bei ber Bekämpfung ber Schüblinge sich beteiligten unb bementsprechenb unterrichtet würben.

Ministerialrat Dr. Becker hebt nochnials hervor, baß bte Steuerkornrniffariate ben Wrnzern teilweise sehr entgegengekommen seien, in manchen Gegenden wurden bis 18 Proz. Steuererlaß fest-

gestellt. Tie Steueikominissionen seien aber selbständig wie die Ge­richte dem Jnstizininister gegenüber. Abg. Wolf möge seinen Pessimismus nicht verallgemeinern oder in weitere Kreise tragen. Darauf wird einstimmig der Ausschußantrag angenommen: Die Kammer wolle der Großberzogl. Regierung zur ernsten Erwägimg anheimgeben: 1. eine vorbildliche Bearbeitung von Weinbergen m möglichst vielen weinbautreibenden Gemeinden des Landes unter Leitung der Weinbauschule Oppenheim vorzunehmen; 2. den Lehr­körper der Weinbaitschule um einen Landwirtjchastslehrer zn ver­mehren. Im übrigen die Anträge der Abgg. Wolf, Haas unb Tiehl für edebigt zu erkläre».

Nachbem noch einige Vorstellungen um Pensionserhöhungen rc. bem Ausschußanliag entsprechend erledigt sind, schließt bie Sitzung 7»2 Uhr.

Präs. Haas teilt noch mit, baß im Juni bie Kammer noch einmal zusammentreten werbe, um ben Jagbgesetzentivurf au exlebigen unb Beschluß über hie prinzipiellen Punkte ber Wahlrechtsvorlage zii fassen.

Deutscher Reichstag.

61. Sitzung vom 11. Mai.

Die Kolonialrechnungen für 1897/99 gehen an bie Rechnungs-Kommission.

Es folgt die erste Lesung des Weltpostvertrages. Nach einigen Erläuterungen des Staatssekretärs Krätke wird der Vertrag mit seinem Zusatz-Uebereinkommen in erster und zweiter Lesung genehmigt, desgleichen die Zusatz-Uebereinkun ft zum Handelsvertrag mit der Türkei, nach einigen erläuternden Darlegungen des Staatssekretärs v. Tschirschky.

Der Urheberschutz-Vertrag mit Frankreich wird in dritter Lesung verabschiedet.

Es folgt die Interpellation des Zentrums und der Sozialdemokraten über die Grubenunglücke ber letzten Zeit.

Staatssekretär Posadowsky erklärte sich zur sofortigen Beantwortung bereit.

Aba. Giesbert (Ztr.) erklärt, nach Ansicht ber Bergleute ließen sich kleinere Unglückssälle einschränken, große Schlagwetter- unb Kohlenstaub-Explosionen burch regelmäßige Zuführung von Luft zu allen Arbeitsorten unb regelmäßige Berieselung voll- ftänbig verhüten. Es heiße, auf Klein-Rasseln solle vieles sehr im argen sein unb bie Berieselung selten, beinahe gar nicht erfolgt sein. Aus übermäßiger Vertrauensseligkeit in bie Gruben-Sicher- heit solle bte Kontrolle versagt haben. Die Erklärung des Mi- misters Delbrück im preuß. Abgeordnetenhause über das Seil- bruch-Uuglück bedeute eine Bankerott-Erklärung des Bergarbeiter­schutzes. Wenn irgend etwas die Notwendigkeit einer Aufsicht durch das Reichsversicherungsamt und bie Notwendigkeit von Ar­beiter-Kontrolleuren beweise, so seien es die Unglücke der letzten Zeit. Der Redner richtet scharfe Angriffe gegen die Verwaltung ber be Wendelschen Gruben in Elsatz-Lothringen.

Abg. Sachse (So;.) führt aus, int deutschen Bergbau be­stehe eine Schlamperei unb Schweinerei, baß man sich nicht zu rounbem brauche, wenn ein Unglück nach dem andern komme. In Saarbrücken bestehe ja ein Arbeiter-Ausschuß, der bie Gruben befahre, aber wenn bie Leute bie Mißstände eftitragen wollten, würden sie bestraft. Solange sie von ber Grube abhängig seien, würden sie wenig tun können. Darum hatten die Ärbeiter-Aus- schlisse seine Freunde immer kalt gelassen. Sie verlangten unab­hängige Männer, bie vom Staate bezahlt toerben und das Ver­trauen ber Arbeiter genössen. Rebner bespricht bie einzelnen Katastrophen ber letzten Zeit, greift bie fiskalische Verwaltung an unb wirft ihr Vettern-Wirtsckaft vor. Leute hätten Orden bekommen, die dem Prinzen Friedrich Leopold sein Pferd nach­führten. Einen Mann, ber 42 Leichen geborgen, unter Auf­opferung seines Lebens sich an ben Rettungsarbeiten beteiligt habe, habe man auf die Straße geworfen, weil er Berbandsmitglied gewesen sei.

Staatäfefretär Posadowsky erwidert, er habe bie Inter­pellation bem preuß. Handelsminister mitgeteilt unb bie darin geforderten Erhebungen anaestellt. Aber ihr Ergebnis werde nicht vor Ablauf von 2 Monaten vorliegen. Gewiß sei bie Regierung durch die Gruben-Katastrophe auf das tiefste erschüt­tert worden, aber die Berggesetzgeoung sei Sache der Einzel- staatcn, unb bie Laubes-Regierung unb bie Vergpolizei-Behörben tragen die volle Verantwortung für alle Fälle, wo eine Nach­lässigkeit nachgewiesen wirb. Bei ben Katastrophen ber letzten Zeit sei ber Beweis nicht geführt, baß irgend eine reichsgesetz­liche Vorschrift verletzt ist. Auch auf fiskalischen Gruben soll eine besondere Kommission gebildet werden, die unter Heran­ziehung der Vertrauensmänner ber Arbeiter bie einzelnen Gru­ben befahren und sie auf das Vorhandensein einzelner Miß­stände untersuchen unb Vorschläge zur Verben erung machen. Ter Staatssekretär bemerkt weiter, baß bei ber Ausführung ber Be­stimmungen über die Knappschaftskassen, worin es heißt:sie sollen eingerichtet werben", bie Regierung unb die Bergwerke bas Sollen nicht als Mußbestimmung aufgefaßt haben. Neuerdings sei es aber der elsaß-lothringischen Regierung gelungen, ben allgemeinen Knappschaftsverein su gründen.

Preuß. Kammergerichtsrat Meißner erwidert auf bie ein­zelnen Ausführungen ber beiben Interpellanten, wobei er in ber .Hauptsache bic Erklärung ber Regierung aus dem preuß. Ab- geordnetenhause toiebergibt.

Elsaß-Lothringischer Unterstaatssekretär Mantel führt aus: DaS Ergebnis ber Untersuchung des Unglücks von Klein Rösseln liege nunmehr vor und sei der Staatsanwaltschaft mitgeteilt worden. Diese habe bisher eine Entschließung noch nicht gefaßt. Eine strafrechtliche Verantwortung sei seines Erachtens nicht fest­zustellen. Ter Staatssekretär verliest den amtlichen Unter­suchungsbericht. Es ergebe sich daraus, baß bie Berieselung ben Dorschristen nicht vollständig entsprochen hat. Unregelmäßig­keiten seien vorgekommen, sie ständen aber mit bem Unglück nicht in einem solchen sachlichen Zusammenhang, baß ein direktes Verschulden nachweisbar ist. Zweifellos habe ein Steiger eine Sorglosigkeit begangen, indem er mit der brennenden Lampe in den Schacht eintrat, ohne die Wetterführung kontrolliert zu haben. Der Mann habe es zweifellos in der Ueberzeugung der Sicherheit des Betriebes getan und er sei ein Opfer feiner Un­vorsichtigkeit geworden. Wir haben unverzüglich für eine Ver­schärfung der Kontrolle Sorge getragen. Redner erwidert auf die Angriffe Giesberts in ber Kbalitionsfrage: Wenn ein Streik emfteht, so haben wir für Ruhe und Ordnung zu sorgen und toer sich nicht fügen will, dem weifen wir die Tur, selbst auf die Gefcchr hin, daß er ein Mitglieb des christlichen ®er garbeit er» Verbandes ist. (Unruhe und Lachen im Zentrum.- Auf die Einführung der geheimen Wahl bei den Knappschastskassen habe die elsaß-lothringische Regierung I;ingemirh, fei aber auf Wider­stand gestoßen unb habe Fein Zwangsmittel.

Auf Antrag bes Abg. Singer (Soz.) erfolgt Besprechung der Interpellationen. _ _ ..,

Abg. Tr. Will (Zentrum- fuhrt aus, wenn in KleinRopeln Alles in schönster Ordnung gewesen fei, warum habe bis Re­gierung dannn die Sache bet Staatsanroultfchast übergeben. 18 volle Jahre habe man in Elsuß-Lothringen auf die Ein­führung der Reic^-gewerbe-Ordnung geroartet

Abg. Hausmann (natL; bemerkt, auch feine Freunde ver- langten peinlichste Untersuchung und zwar in voller Oeffent- lifflgit Lostenfrage dürfe nicht mbexracht fommeu. Keil­

brüche dürften nicht Vorkommen. Seine politischen Frermdö würden immer zu haben sein für gesetzliche Maßnahmen, bte geeignet sind, den Schutz für Leben unb Gesundheit bes deutsch« Bergmannes zu erhöhen.

Wg. Henning (d)ns. : Aus moralischen und rechtlichen Gründen hätten seine Freunde ber Besprechung der J'.'tervcllatftnr im Reichstage zugestimmt. Ein Mangel an gesetzlichen Be­stimmungen habe ebensowenig nacbqcraicfm werden tönncn wie eine Vernachlässigung der Kontroll-Borschriften im Allgemeinen.

Abg. Behrens (ehr. Soz.) führt aus, nur durch Aner­kennung der Arbeiler-Organifation und Einrichtung von Ar­beiter-Kontrolleuren werde man das Verantwortlichleitsgefuhl der Arbeiter heben. '

Abg. Gysling (frf. Vp.> meint, bic mehrfachen Gruben- Katastrophen beuteten auf bas Bestehen von Mißständen hin. Das Richtigste scheine ihm eine schärfere Trennung von Betriev unb Aufsicht zu sein. Die Staatsbetr.ebe sollten soziale '?Jhifta>f anftalten sein. Seine Freunde iorberten ein Reichsborggefttz.

Die Besprechung ber Interpellation wird hierauf auf Mon­tag 11 Uhr vertagt. Ferner steht auf bet Tagesordnung Be­amtengesetze, Handelsabkommen, Etat.

Der Senior en-Konveut des Reichstages kam dahin überein, wenn möglich am Dienstag bis zum H e r b st sich zu vertagen. Die Sitzungen sollen Montag und Dienstag bereits um 11 Uhr beginnen und es soll den Rednern nahegelegt werden, sich möglichst kurz Zu fassen. Der Wiederzusammentritt wirb voraussichtlich am 12. November erfolgew

politische Tagesscharr.

Lohnkämpfe.

Seit langem waren in ber Reichshauptstabt nicht so schwere Lohnkämpfe durchzuführen wie augenblicklich, wo, nach ber eben nach monatelanger Tauer bcenbeten Bewegung in ber Holzbranche jetzt ber Riesenkampf im Baugewerbe eiugesetzt hat. Er ist um so schlimmer, als er nom anbere Gewerbe, wie die Dachdecker, Zimmerer, Klempner, Ofensetzer re. stark in Mitleiden­schaft zieht, sodaß mindestens an 100000 Personen betroffen werben; aber bannt nicht genug, muß sich ein solcher Kampff auch in ber Lebeiishaltung der Arbeiterfamilien bemerkbar machen und damit auch seinen Rückschlag ausüben auf bie Kaufleute, Hcmbwerker re. beten Abnehmer in Arbeiterkreifen zu suchen sinb. .Es ist begreiflich unb berechtigt, daß in den Zeiten ber steigend eil Konjunktur die Arbeiterschaft auch ihren Anteil haben soll, aber es muß schließlich auch eine Grenze geben, übet welche die Mrbeügeber hinaus bei ihren Bewilligungen nicht gehen können, wenn sie sich unb ihr Gewerbe selber nicht schwer schädigen wollen. Speziell im Baugewerbe wurden schon bishev recht beträchtliche Lbhne gezahlt und trotzdem waren die Unter­nehmer bereit, auch diesmal eine Erhöhung zu bewilligen, während sie lediglich von einer Verkürzung ber Arbeitszeit nichts wissen wollten, weil eine solche ihnen schwere Verluste aufer-i legt hätte, gerade zu einer Zeit, wo msolgc ber Geldknapp­heit, ber hohen Grilnbstückspreise :c. bic Bautätigkeit sich auf einer absteigenden Linie befindet. Aber die Arbeiter wollen hier­von nicht lassen, so baß schließlich, da ber bisher in Geltung' befindliche Tarif bereit» avgelaufen war, der Arbeitgeberveix band für Pfingsten bie Aussperrung sämtlicher Arbeitnehmev beschlossen hat. Tie Maßregel mag hart erscheinen, zumal ba kein Streikbeschluß ber Arbeiterschaft vor lag; aber man darf nicht vergessen, daß bie letztere nur auf die Offensive der Unternehmer wartete, andererseits bezweckt bie Taktik des Ar-- beügeberverbanbes eben partiellen Streiks, die bei einzelnen! Unternehmern zweifellos auSgebrochcn wären und diese schwer: geschädigt hätten, von vornherein durch eine Generalcrussperrungj oorzubeugen. CS handelt sich hierbei nicht um eine bloße Lohnfrage, sondern um einen Prinzipienkamvf, in welchem Or­ganisation gegen Organisation steht. Taß diese Entscheidung auch bem Unternehmertum selbst 'ungeheuere Schäbigungen bringt/, liegt auf der Hand, und man hätte sich auch wohl kaum zw einer so einschneidenden Maßnahme entschieden, wenn es sich nicht um eine Frage von weitgehender Bedeutung gehandelit hätte. Ter Kampf wird zweifellos von langer Dauer sein, bid Organisation ist auf beiden Seiten fest und gut fundiert, ebenso! stehen ausreichende Mittel *ur Verfügung. Wie sein Ende seiw wirb, läßt sich heute noch nicht genau übersetzen, aber es» spricht viel bafür, baß, wie schon so oft, das Unternehmerttinv. Sieger bleiben wirb, weil ihm bie größeren Mittel, ben Kämpft auszuhalten, zur Verfügung stehen. Es kommt hinzu, baß dies Arbeitgeber aus ben Erfahrungen früherer Jahre gelernt und, bem Beispiel ber Arbeiter folgend gleichfalls Organisationen ge>. schassen haben, in denen einer für ben andern eintritt, unb wo­bei auch Verbände anderer Branchen im Notfälle mit ihren' Mitteln einspringen. Die großen Lohnkämpje sind ein uner-i freuliches Kapitel der modernen Zeit, alle gutgemeinten Eiw- richtungen, wie Tarife, Schiedsgerichte :c. wcroen eben oft wir­kungslos bleiben, solange es tzartirä.ttge Menschen gibt, bie ihren Willen unter allen Umstünden durchsetzen wollen.

Bereinigung für gerichtliche Psychologie nnd Psychiatrie im Großhcrzogtum Hessen.

Dn. Die Vereinigung hielt am 4. Mai zu Darmstadt- ihre sechste Versammlung ab. Derselben wohnte auch Seine Ex­zellenz Staatsminifter Ewald bei, ein Beweis, daß von der Staatsregierueig ben Bestrebungen der Vereinigung ein hohes Interesse entgegen gebracht wirb. Anwesenb waren 62 Mit­glieder und verschiebene Gäste. Wie bei den früheren Ta­gungen, so wurde auch dieses Mal wieder ein aktuelles Thema behandelt.

Im Anschluß an die Referate von Mebizinalrat Tr. Balser-, Mainz unb Assessor Aull -Mainz bei der letzten Zusammen­kunft in Mainz im Dezember des Vorjahres, in welchen nadj ärztlichen und juristischen Gesichtspunkten bic Tatsachen über ben Alkohll Beleuchtung gefunben hatten, wurde biesmal die Frage ber Behandlung d er Al ko ho l i ste n einer Dis­kussion unterzogen. Wir haben in Hessen noch feine staatliche Trinkerheilanstalt, wenn auch ft'ir Fälle von alkoholistischer Geiftesstärung natürlich hinreichend gesorgt ist durch ^ttifnatzme in bie psychiatrische Klinik unb bie Landesanstalten. Für eme solche Aufnahme kommt aber bie große Mehrzahl der Fälle naturgemäß gar nicht in Betracht, fonbeni eben nur die Fälle, in denen es zum Delirium tremens ober zur Entwicklung alkoho­listischer Degeneration von solcher Schwere kommt, daß bic Kranken für Geistesgestörte erachtet werden können unb wie solche be­handelt werben bürfcn. Daneben ist aber bic Zahl der einer pch- chiatrischen Anstalt nicht sofort bebürfenben Trmkcr, welche burch ihre Lebensführung sich unb die Ihrigen bem Notstand aussetzcn, eine ungeheuer große, unb es ist eine brennende Frage ber Gegenwart, wie man diesen beikommen kann. Zwar ist seit bem Jahre 1900 mit bem Erscheinen des Bürgerlichen Gesetz­buches die Möglichkeft gegeben worben, Trinker zu entmündig.m, aber ein Recht auf Antrag hat nur bie Familie, in erster Linie also bie Ehefrau, nicht wie bei Geisteskrankheit unb Geistes­schwäche auch die Staatsanwaltschaft. Und die Familie ist zuueeift nicht gewillt, den Antrag zu stellen, weil sie Kvnftiile nur rem AHoholisten fürchtet, ober sich immer wieber von ihm burch das Kerfprechttl per Besserung davon abbrtngen läßt. .So muß denn