Ausgabe 
11.7.1907 Zweites Blatt
 
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Nr. 160

Zweites Blatt

157.3

General-Anzeiger für Oberhefien

:s

Politische Lagesscha«.

Ter Herausgeber der Hohenlohe-Memoiren.

Man erinnert sich, daß Dr. Curt ins, der Präsident Direktoriums der Kirche Augsburgischer Konfession, Leim

Ter Fall Schaufele.

Der sozialdemokratische Eisenbahnarbeiter

Redaktion. Expedition und Drucke«« r Schul- fkraße 7, Expedition und ©erüxg i 61»

Redaktion: S-W112. Tell-Adr.-

Angebliche Steuerpläne.

DieGermania" brachte jüngst eine Betrachtung über die bevorstehende zweite Reichsfinanzreform, und wies dabei darauf hin, daß bei den Nationalliberalen wenig Widerspruch gegen eine Banderolensteuer auf Zigarren zu erwarten sei. Von parlamentarischer Seite wird derNationallib. Korc." mitgeteilt, daß die Vermutung, die dieGermania" aus- pricht, der Begründung entbehrt. Die jetzige nationalliberale Reichstagsfraktion sei noch weniger geneigt, einer Besteuerung der Zigarrenfabrikation und des Zigacrenkonsums bei­zustimmen, als die Reichstagsfraktion der verflossenen Legis­

Erscheinl täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Zamilienblatter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Der ..kjesfifche Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Aus S»aSt uno t-uno.

Gießen, 11. Juli 1907.

** Der Minister des Innern Braun, der nach überstandenem Unwohlsein zu seiner weiteren Erholung einige Wochen in Urlaub war, ist jetzt wieder zurückgekehrr und hat seine Dienstgeschäfte wieder übernommen.

** Gesahr unreifen Obstes! Kaum, daß oie Aepsel und Birnen die Große einer Walnuß erreicht haben, ieht man Kinder mit großer Begierde diese vollständig unreifen Früchte von den Bäumen schlagen und abwerfen. Trotz beim Genüsse dieser überaus saueren Obstsorten der Mund zusammengezogen und der Speichelfluß der Mund- peicheldrüsen reichlich ist, lassen sich so viele Kinder weder, mrch Warnung noch Bestrafung von dem gefährlichen Tun abtzalten. Die in den unreifen Aepseln, Birnen, Zwe

Sozialdemokratische Kampfeswerse.

Der Verfasser der nationalliberalen Abwehr in der) Samstagsnummer schreibt uns:

In dem hiesigen sozialdemokrat. Blatte hat zwar nicht! die Schriftleitung selbst, wohl aber ein ihr offenbar nahe­stehender Herr er schreibt nämlichunser Blatt",unsere Inserenten" etwas abdrucken lassen, das eine Entgegnung auf meine Ausführungen imGießener Anzeiger", über­schrieben:Eine nationalliberale Abwehr" sein soll. Er wirft allerlei Dinge hinein, die mit jenem Artikel gar nichts zu tun haben. In dem einen die Sache selbst be­treffenden Satz begeht er wieder den von mir gerügten Fehler: Er zitiert ungenau und zwar so, daß meiner Anklage der Kern entzogen ist. In der Aufforderung der Oberhess. Volksztg." (Nummer vom 1. Juli) heißt es: Kauft nur in solchen Geschäften, die in unserem Organ inserieren usw." Dieses nur läßt der liebe Herr weg. Durch dieses Wörtchen wird die Aufforderung zu einem Boykott aller Geschäfte, die nicht in dem genannten Blatt inserieren. Ohne dieses nur" wäre sie von mir nicht gerügt worden. Mit diesem nur" ist sie eine wirtschaftliche Tyrannei. .Das wird jeder ruhig denkende Mann gefunden haben.

Wenn der Herr nun schreibt,solche Aufsorderungen würden jährlich so einige hunderttausendmal von Zeitungen aller Richtungen gebraucht", so wird er jetzt wohl nicht mehr bei dieser Behauptung bleiben. Ich fordere ihn hiermit auf, in derOberhess. Volksztg." liberale Zeitungen auszuzählen, in denen aufgefor- ) er t wird,nur" in den Geschäften zu Laufen,' diebei ihnen inserieren. Die anzüglichen persön­lichen Bemerkungen verzeihe ich dem Einsender gern. Möge er seinen Witz nur so weiter üben. Ich werde auf solche Dinge nicht eingehen. ,

besaßt. Nur kameralistisches

Versammlung in Mannheim beschäftigte sich am Sonntag mit dem Vorgehen der Gcneraldirektion der badischen Eisenbahnen gegen den Former Schäufele. Angenommen wurde eine Resolution, in der gegen das Vorgehen der Regierung protestiert wird. Die Versammlung erblickt darin einen un­rechtmäßigen Eingriff in die verfassungsmäßig garantierte persönliche staatsbürgerliche Freiheit. Sie verlangt nachdrück­lich, daß jedem Arbeiter, sobald er durch das Vertrauen des Volkes zur Ausübung eines Mandates, sei es im Reichs-, Landes- oder Kommunalparlament, berufen ist, freigestellt werden müsse, welcher politischen Partei er sich anschließen wolle. Für Montag abend hatte die sozialdemokratische Partei von Karlsruhe eine Volksversammlung einberufen, die sich mit dem Fall Schäufele beschäftigte. Wie derVocro." mitteilt, ver­bot die Karlsruher Polizeidirektion den Anschlag der 23er* sammlungöplakate, weil in der Einladung das Vorgehen der! Regierung mit einem scharfen Worte bezeichnet war. Eine polizeiliche Ueberwachung von Versammlungen kennt man in Baden nicht. Es wurde aber den Veranstaltern der Ver­sammlung angekündigt, daß sich die Versammlung großer Aufmerksaiiikeit der amtlichen Organe zu erfreuen habe und eventuell der Staatsanwalt gegen den Redner emschreiten werde.

Tas besondere kameralistische Studium, das bisher noch in Baden bestand und nach Ablegung eines Staatsexamens zur Bekleidung dec höheren Aemter bei der Zoll-, Steuer- und Domänenoerwaltung befähigte, ist vom Ministerium jetzt als nicht mehr zeitgemäß aufgehoben worden. Die Anwärter für die kameralistische Laufbahn haben sich künftig dem ersten juristischen Staatsexamen zu unterziehen und nach einer zweijährigen Vorbereitungszeit bei den Finanzbehörden eine zweite Prüfung zu bestehen, die sich mehr mit den volkswirtschaftlichen Fächern Württemberg hat jetzt noch ein besonderes Studium.

Donnerstag 11. Juli 1907

Rotationsdruck und Verlag der Drühlfchen Univerfitäts - Buch» und Steindrucke«!, R. Sange, Dießen.

Schäufele, der vor kurzem in den Bürgerausschuß von Karlsruhe gewählt wurde, hat dem Stadtrat erklärt, daß er das Mandat nicht annehme, um seine Stellung in der Eisenbahnwerkstätte nicht zu verlieren. Er hat bekanntlich auch seiner vorgesetzten Be­hörde auf deren Vorstellung erklärt, daß er au§ der sozial, demokratischen Partei ausgetreten sei. Der Bürgerausschuß wird nun zu entscheiden haben, ob für Schäufele hinreichend Gründe zur Ablehnung des Mandates vorliegen, oder ob auf eine Geldstrafe zu erkennen ist. Eine öffentliche Eisenbahner-

laturperiode es war. Eme derartige Vorlage der verbündeten Regierungen wäre ebenso aussichtslos, wie eine Jnjeraten- unb Reklamesteuer, falls eine solche in dem Kopfe irgend eines Fmanzmimsters spuken sollte. Im übrigen werde es richtiger sein, die Frage einer zweiten Finanzreform in der kommenden Reichstagstagung überhaupt nicht zu behandeln, sondern zunächst eine weitere Klärung über die Ergebnisse der ersten Reichssinanzreform abzuwarten. Mittlerweile hätten die Parteien Veranlassung und Zeit, sich ihrerseits damit zu be­fassen, wie der Finanznot des Reiches abzuhelfen sei.

letzten Aufenthalt des Kaisers in den Reichslanden nicht zur Hoftafel geladen war, weil der Kaiser in ihm den Heraus­geber der vielbesprochenen Memoiren strafen wollte. Man legte Eurtius daraufhin den Abschied nahe, den er aber da­mals zurückwies. Jetzt scheint er indes doch weichen zu müssen. Ueber die Art und Meise, rote man ihn drängt, wird denBerliner Neuesten Nachrichten" geschrieben: Ec wurde seitdem von allen höheren Beamten in Straß- bürg bei jeder nur möglichen Gelegenheit im persönlichen Verkehr ignoriert, oder wie man zu sagen pflegt,ge­schnitten". Dadurch ließ er sich jedoch nicht im geringsten beirren. Schließlich ging man gegnerischerseits zu einer andern Taktik über und fing an, ihn auch im amtlichen Ver­kehr zu ignorieren, d. h. alle von ihm persönlich bearbeiteten kirchlichen Angelegenheiten blieben im Ministerium bezw. im Statthalterpalais solange als irgend möglich unerledigt. Es ist deshalb schon seit Monaten -eine gewiße Stockung in dem gangen Geschäftsgänge der kirchlichen Oberbehörden eingetreten, die unmöglich länger andattern kann. Nachdem nun vor einigen Wochen auch die Großherzogin von Baden, an deren Hof Präsident Curttus ein gern gesehener Gast ist, vergebens bei dem Statthalter Fürsten zu Hohenlohe wie ich aus sicherer Quelle erfahre zu seinen Gunsten interveniert hat, haben mehrere hervorragende protestantische Geistliche in den letzten Tagen ihren Präsidenten mit schwerem Herzen dazu vermocht, im Interesse der Kirche Augsburgischer Konfession jetzt dennoch nachzugeben und seinen Dienstaustritt zum 1. Oktober in Aussicht zu nehmen. Als Nachfolger gilt in geistlichen Kreisen Frhr. v. d. Golz, jetzt Erstes vom Kaiser ernanntes Mitglied des Direktoriums dec Kirche Augsburgischer Konfession.

Eine Rede des Ministers von Moltke-

Die AlbertuS-Universität in Königsberg hat ihrem scheidenden Kurator, dem Staatsminister von Moltke, ein Abschiedsessen gegeben, bei dem der Rector magnificns, Professor Dr. Volkmann, dem Scheidenden in warmen Worten den Dank dec Königsberger Hochschule aussprach. Herr von Moltke antwortete und sprach auf das Wohl und Gedeihen der Albertina. In seiner Rede sagte er unter anderem:

Es ist mit der Ueberfchätzung ein schlimmes Dina. Wer sich selbst überschätzt, ist entweder gerotffenloS oder ein Tor. Aber immerhin, wenn er Glück hat, kann er durch seine Fehler anderen noch einmal nützen. Dagegen ist Ueberschätzung von feiten anderer geeignet, verhängnisvoll zu werden. Sie fordert zumal in unserer Zeit herber Kritik zu Gegenwehr und zu Gegenäußerungen heraus unb kann zum Fallstrick werden. Ich, meine Herren, habe es bisher in meinem Herzen, ohne darum zaghaft und mutlos zu sein, für richtig gehalten, Goethes Wort aus demTaffo" mir vor Augen zu hallen:

Wenn ich bedenke, wie man wenig ist,

Und was man ist, das blieb man andern schuldig/

Seme Magnifizenz erinnerten mich soeben, wie ich damals, als ich fremd und zagend in Ihre Mitte trat, ein Wort Kants gebrauchte:es sei überall nichts in der Welt zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille". Meinen guten Willen habe ich Ihnen damals gelobt, und meinen guten Willen glaube ich gehalten zu haben.

Sie haben ebenso freundlich gestattet, daß ich mich auch über die Grenzen meiner Tätigkeit hinaus mit Ihnen unterhalten durfte über Wege und Ziele der Wissenschaft, über die Jugenderziehung. Sie gaben mir manchen Einblick in den wachsenden Ausbau Ihrer Wissenschaft, der nicht vergleichbar ist dem Aufbau der Letter, denn es fehlt nach oben an dem sicheren und gewissen Stützpunkt; auch ist sie dem Riesenbau der von Würfel auf Würfel gefügten Pyramide nicht vergleichbar, denn es fehlt an dem berechenbaren Schlußstein sie ist ein Turmbau unbekannter Höhe, eine Lage auf der anderen gebaut. Mag er in schwindelnde Höhe geführt iverben zu dem erweiterten Ausblick auf Vollkommenheit, der Aus­sicht auf göttliche Wahrheit entgegen, von der uns Hoffnung winkt; damit er fein Turmbau von Babel wird, ist es Pflicht des Bau­herrn, darauf zu achten, daß um dir gewonnene Hohe der Grund­stein gefestigt werde, daß der Zusammenhang mit der konkreten Wirkltchkeit nicht verloren gehe. Als diesen festen Grundstein haben Sie mir immer gestattet, den Boden gerichtlicher Ent­wickelung zu bezeichnen, der unserer nationalen deutschen Wissen­schaft eigen ist, und in dem unser Vertrauen auf die Zukunft beruht. Ihren besonderen Aufgaben, meine Herren, eingeschlossen ist es, Jugendbildner zu sein, das Bild ist der Werkstatt des bildenden Künstlers entnommen. Jedes künstlerische Gebilde bedarf der feften Grundlage und des haltbaren inneren Gerüstes.Sie" btlben den menschlichen Geist. Dazu gehört wahrlich eine Künstler- hand. Was bebeutet der spröde Marmor, was der weichende Ton des Künstlers gegenüber dieser Materie? Was wäre schwerer zu behandeln, als der unbändige menschliche Geist in seiner Beweg­lichkeit, in seinem Zweifel, in seinem selbständigen Streben nach oben ?

In unseren Zeilen muß es auch dem Staatsbeamten, der außerhalb des Gebietes der Wissenschaft steht, am Herzen liegen, daß hier eine nicht lastende Hand walte, daß eine unermüdliche Schaffenskraft sich mit weisein Zielbewußtsein in der Richtung vaterländischer Bildung zusammenfinde. Wer sich heute auf den Boden der Staatsordnung stellt und die erforderlichen Kenntnisse besitzt, ist berufen und verpflichtet, mitzuhelfen an der Gesamtheit des Staates. Sie alle sind an solchem Kunstwerk tätig, mögen Sie praktische ober theoretische Wissenschaft treiben. Mein Schwanengefang sei die Bitte, daß Sie die Verantwortung für diese Aufgabe nicht zu leicht nehmen wollen. Wir gehen vielleicht chweren Zeiten entgegen, mögen aus Ihrer Hand sich Diänner finden, welche würdig unserer Vorfahren als gute Preußen und Deutsche ihr Wißen und Walten und, wenn es fern muß, ihr Herzblut herzugeben bereit sind für die Größe und für den Ruhm des Vaterlandes/

DecTempS* schließt sich diesen Anschauungen des Matin* nicht an und meint, daß Rußland auch heute noch ebenso der französischen Allianz bedürfe, roie Frankreich der russischen. DecTemps" schreibt u. a.:

Daß Fehler, Fehler des Taktes, der Haltung auf französischer Teile begangen wurden, haben wir erklärt, und wir sind bereit, tiefes Bekenntnis zu wiederholen. Zurzeit, als die Schwäche Rußlands, sich zuerst deutlich zeigte, war Frankreich von einer Partei beherrscht, deren Moral sich nicht durch allzugroße Eleganz ,auszeichnete". Die Haltung des Herrn Comdes und seiner Freunde gegenüber dem unglücklichen Rußland war ganz und gar nicht ranzöstsch, und obwohl dieses Reich von uns gar nichts verlangte, rahm man Anlaß, vor aller Welt zu erklären, daß es vott uns nchis zu erwarten habe. Dieses Verfahren zeitigte bald feine )rächte. Herr Witte nahm, als er aus Portsmouth zurückkehrte, Anlaß, feine Gefühle über dieses Verhalten der französischen Re­gierung auszudrückeu, er hat auch imTernps" mitgeteilt, was er unb feine patriotischen Freunde empfänden. Seit jene; Zeil hat man eine weitere Reihe ebenso großer Ungeschicklichkeiten be­dangen. Man ließ zum Beispiel Herrn Iswolski durch Herrn Uomparb Ratschläge über bie innere Politik Rußlanbs erteilen, die >er russische Staatsmann ja niemals befolgen konnte und durste. Lin andermal unternahm es der französische Botschafter, die Emanzen der Russen auf eine Weise zu kontrollieren, die für jene benjo beschämend als für uns überflüssig waren. Dann hat man vieber dadurch, daß man die Erledigung gewisser in St. Petersburg. lusgedrücktec Wünsche auf unbestimmte Zeit verschob, daß man p eit er den zwischen Alliierten notwendigen milttärischenKorefpondenz- ienft auf ein Minimum reduzierte, Rußland fühlen zu lassen, daß non es vernachlässige. Mag auch dies alles in Rußland nur unklar Us Impression empfunden worben, kränken muß es die Verbündeten >och. Es wäre nun allerdings Sache Rußlands gewesen, dem Doppelspiel ein Ende zu machen und seine Wünsche klar aus- ubrüden. Statt dessen büllten sich seine Staatsmänner in undurch- -ringliche Reserve. Als Herr Iswolski im vorigen Jahre es iuß zugegeben werden, daß der Zeitpunkt in Ansehung der ninifteriellen Krise, in der wir uns befanben, übel gewählt war mch Paris kam, vermieb er es mit einer seltsamen, gewollten ober egiuimgenen Hartnäckigkeit, die Personen aufzufuchen, die ihm ützlich fein konnten. Gleichwohl hätte man bie Intimität, die in Petersburg erloschen war, von Paris aus wieder Herstellen sollen, oubet hatte feiner Zeit auch Deutschland tat Aehnliches ic gute Idee, einen französischen Offizier dem Zar zu attachleren, während ein russischer ins Militärkabinett des Präsidenten der iepublik entsandt wurde. Fallieres folgte diesem Beispiel nicht, tatürlich zog der russische Hof aus diesem Verhalten seine Lehre, nb die Zahl derjenigen, die auf feiten Deutschlands stehen, >uchs. Rußland hoffte nun in allerjüngster Zeit die Sache einiger- raße zu arrangieren, indem es Herrn Fallieres das Andreas- reuz saiidle. Eine offene, treffende Antwort wäre aber besser eroefen, als alle Orden der Welt. Das Gefühl des Mißver- and n iss es, der diplomatischen geue läßt sich durch Auszeichnungen rcht beseitigen.

DecTernps" faßt seine Betrachtungen folgendermaßen itfammen:

Um einen friedlichen Wert zu haben, müssen die Bändiiisse neu militärischen Wert haben. Ein Blick auf die Karte Europas enügt, um zu erkennen, daß in einem Kontinentalkriege Rußland iistande wäre, einen Teil der Streitkräfte unserer Gegner zu im­mobilisieren uiid umgekehrt. Die französisch-russische Allianz :gibt sich nach dem Worte Bismarcks aus der Natur der Tinge. iZenn sie schlecht funftioniert, liegt es nicht an den Dingen, sondern n den Menschen. Durch die Schuld der Meiischen hat sie nicht nmer das in der Vergangenheit ergeben, was man erwartete, so amentlid) im Herbst 1'jO3, als wir nicht verstanden, unsere Ver- ilnbeteii auf der abschüssigen Bahn des Krieges aufzuhalten. Durch e Schuld der Menschen ist sie gegemvärtig ungerechten Kritiken nb einer scheinbaren Erkaltung ausgesetzt. Diese Gefahr wird auf eiben Seiten leicht zu beschworen sein."

Irauzöstsch-russtsche Abkühlung.

Die heiße Freundschaft, die ehedem Frankreich und Ruß­land verband, hat allmählig eine beträchtliche Abkühlung er­fahren. DieNorooje Wreinja", das Organ dec russischen Neaktionäre, hat sogar die interessante Frage aufgeroorfen: Ist Rußlands Alliierter wirklich noch stark ge­nug?" Das Blatt verneint diese Frage. Es nennt all die Vorteile, die sich für Frankreich aus der Allianz ergeben, all die Sünden, die von Frankreich gegen Rußland begangen worden, und es schließt:Man muß sich fragen, ob die französisch-russische Allianz noch einen Sinn hat."

In Frankreich haben die Auslassungen des russischen Blattes natürlich sehc verschnupft und Harduin antwortet jetz imMatin" nicht ohne Ironie, roie folgt:

Marc Twain, der amerikanische Humorist, ist gewiß sehr lustig; es gibt aber in Rußland ein Blatt, das noch viel luftiger ist, als er: dieRowoje Wremja". Dieses Blatt erachtet, daß die nnlttärische Organisierung Frankreichs Rußland nicht hinreichende Bürgschaften biete. Findet dieRowoje Wremja" vielleicht, daß die Organisierung der r-ufsischen Armee Frankreich zu befriedigen vermag ? Wenn dem so ist, dann kann man das nur komisch finden. Die Gedanken streifen nach den mandschurischen Ebenen, nach den Meeren in Ostasien, und in Erinnerung an so viele Dinge muß man sich fragen, wo wohl die Bürgschaften einer wirksamen Hülfe verborgen fein müssen, die bie russische Militär-Organisierung bieten könnte. Der drolligste Teil des Artikels derRowoje Wremja" ist aber der, in dem erklärt wird, Rußland habe da­durch, daß es sich Geld von Frankreich lieh, biefem einen Dienst erwiesen. Diese Flötentone hatten wir schon von Herrn Witte gehört. Das russische Blatt fügt hinzu, daß Frankreich, wenn Ruß- hnib ihm feine Milliarben plötzlich zurückgäbe, in große Verlegen­heit kommen würbe. Rußland fönnte das doch einmal versuchen, Spasses halber, und um sich an unserer Verlegenheit zu weiden. Aber es liebt uns im Grunde seines Herzens zu sehr, um uns einen solchen bösen Streich zu spielen. Ernsthaft gesprochen, ist bie Wahrheit vielmehr folgende: Frankreich hat, indem es Rußland all das Geld lieh, das dieses von ihm ©erlangte, dem Zarenreiche einen sehr schlechten Dienst erwiesen. Die Rlilliarden wurden Re­gierenden anoertraut, die, anstatt sie für die Ausbeutung der großen )leichtümer des Laiides zu verwerten unb dadurch dem russischen ^'olke etwas Wohlstand zu schaffen, sie verschwendet unb sie beson­ders in einem jämmerlichen Abenteuer zum Nutzen von Schurken, die unbestraft geblieben sind, vergeudet haben. Dieses Abenteuer hat in der bekannten verhängnisvollen Art geendet. Aber es folgt - araus nicht, daß wir, wenn Rußland uns unser Geld wiedergeben will, es unter dem Vorwande ablehnen werden, wir wüßten nichts mit ihm aiizufaiigen. Darum braucht es gar keine Sorge zu haben. Tie Kasse ist geöffnet und wir warten auf die freundliche Hand- beroegung."

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