Ausgabe 
14.1.1907 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Montag 14. Januar 1907

157. Jahrgang

Erstes Blatt

Wt. 11

Srschetut täglich außer Sonruagt.

Tem siebener Anzeiger itcrbcn im Wechsel mit öem hessischen Landwirt Ute Siebener tfamllitn« blätter viermal in der V.od)t bcigelcflt und zioeimal wöchentlich daS Hielsblott für den Uretr Sieben. <ZernIprech-An- idilußl. d.Redalliou 112 Uerlag u. lLxpedttwn bl Adresse iür Depeschen: «uzctger Gieße».

Mehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Uotalionrdruck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Vuch- und Ztelndruckerel. H Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstraße 7.

vezagsprets: monculick 75 Pf., viettel« jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 60 Ps.; durch die Post Alk. 2. uicrtrf- jährl. ausfchü Bestellg. Annahme von Anzeigen sür die TageSnuuimer bis DorminaqS 10 Uhr. Zeilenprers: lokal IbPs^ auswärts 20 Pfennig. Verantwortlich für den polit. und öligem. Teil: P. Will ko; sur r Stabt und iianb* und _®crtd)t5)cal': Ernst Heß. sur den An­zeigenteil: Hans Beck.

tpolitijdje Wodicttfd?au.

Die Eröffnung deS preußischen Landtages hot selbst in Preußen wenig Jntereffe hcrvorgeruscn, zuinal dir Thronrede an Jnhalltosigtclt und Schwunglosigkeit kaum zu übertreffen ut. Bon den neuen Gesetzentwürfen, die sie an- kündigte, war man bcieüS früher unterrichte!, und die kühle Glätte des kurzen Elaborats vermochte niemanden zu er- roänncn. Inzwischen hat sich nach Erledigung deS ElalS tn erster Lesung daS preuß. Abgeordnetenhaus bis nach den Reichstags-Stichwahlen, zum 7. Febr., vertagt.

Selbstoerstündlich bleibt nach wie vor alle Aufmerksamkeit auf die Reich StagS-Wahlbewegung konzentriert, tue täglich stärker anschwillt. Leider treten aber dabei vielerorl niancherlet unerfreuliche Ecichrinungen zu Tage, wie Manger an Einigkeit bei den liberalen Parteien, auch tn einer ganzen Anzahl benachbarter Kreise, wie in Alsfeld, Darmstadt, Mamz, (J:arbutQ rc., und anderwärts, nach verschiedenen Preß. melbungen namentlich auS dem Reiche, öfteres brutales Vor­gehen von Sozialdemokraten, die verschiedene bürgerliche Versammlungen gesprengt hoben. Wer den Wahlkampf durch Giwolt der rZäuste auSlragen will, der bietet nalürlich der reaktionärenPreffe erwünschten Vorwund, von der polit. Unreif gewisser VolkSklassen zu reden. 5)1 an sollte auch meinen,

daß, wenn die Sozialdemokraten von der Unfehlbarkeit ihres politischen Glaubensbekenntnisses wirklich felsenfest überzeugt wären, ste nicht nölig hatten, Gegner an der Abhaltung von Versammlungen zu hindern. In unserer Gegend sind ja derartige häßliche Dinge nicht passiert, man hat sich auf sozialdemokr. Seite blSher mit Beschimpfungen und Verübung k.cmlichen UnsugcS begnügt. Hoffentlich kommt eS nicht noch $4 ärgeren Geschehnissen.

Bedeutsam war daS Eingreifen der Intellektuellen und der HandelSgrößen Berlins tn den Wahlkampf durch 93ci- vnuallung zweier großer Versammlungen, in denen Kolonial- tiredoc De rnbu rg übte das koloniale AuSgabenwesen und dir kolonialen Aussichten sprach. Hoffentlich hat der bei dieser lZklegenheit erlassene Appell an die Partei der Richtwähllr den Erfolg, daß sich Künstler, Gelehrte, Private und ©e» schaftsteute, die sich sonst vielleicht von der Wahlurne zurück- zehalten haben, diesmal auf ihre Bedeutung besinnen. 9lic- nianb darf am 25. Januar fehlen. Uebrigens feiern Eng- hnbs uniomstische Blatter Dernburg als den deutschen Josef Chamberlain.

Das Ableben der 89 jährigen Königin Maria von Hannover erinnerte an die Werdezelt des neuen deutschen Reiches. Mit der alten Dame, die in Gmunden die Augen für immer schloß, sank em Stück Vergangenheit ins Grab, die als Gespenst noch immer herumspukt, Mil der letzten Königin Hannovers kann leider nicht auch die

Gießener Stadttheater.

Der Wiocrspäustige» Zähmung.

Lustspiel von Shakespeare.

Für diese Spielzeit wurden uns von Shakespeares Lustspielen hie Lustigen Weiber, Viel Lärm um Nichts und WaS ihr wollt angelundigt. Wir haben zwar von diesen dreien noch keines ge­lt!) en, wohl aber wurde uns gestern die bezähmte Widerspänstige geboten. Vielleicht folgen ihr letzt die drei anderen. Jedenfalls wäre es ein dankenswertes, löbliches Unternehmen, Shakespeare- idjen Humor neu zu beleben, der nie veralten wird. Seine derbe Gesundheit macht nicht etwa nur auf Shakespeare-Kenner Ein- druck. Im Parkett saßen am Sonntag viele junge Damen, die »4hl ebenso wenig Shakespeares Komödie, trotz Philipp Reclam jun., kannten, als zu ihren Ohren besonders viel und Eindrück- -Itches von der heutigen Bewegung der Frauenemanzipation und der GIrichberechüguug der Geschlechter gedrungen sein dürfte. Ta Kar es interessant zu beobachten, daß das ganze Haus in lustiger Stimmung war und der grotesken Symbolik des Stückes in seiner eusbackenen Moral lebhafte Zustimmung gab. Man sieht auch ors diesem Erfolge, daß Shakespeare den Deutschen von heute viel wrroanbter ist als seinen englischen Landsleuten. In London wird Shakespeare meist nur aus geschichtlicher Pietät aufgeführt; hier «freuen sich die Leute mit guter deutscher Durchschnittsbildung n icmer Kunst, als hätte sie den Stempel: Made in Gennaijy. io.-i Stück hat im Original eine Einleitung: ein spaßhafter Lord lißr es vor einem betrunkenen Kesselflicker, den er nach Art i 5verwunschenen Prinzen" an seine Stelle versetzt, von wan- tanben Komödianten aufführen, um zu zeigen, daß alles, was mi to...men soll, weiter nichts ist als ein grobes Gleichnis, ein hijer Scherz, die Sklavenmoral Petruchios gegenüber dem konen Geschlecht in so rücksichtsloser Weise zu predigen. Doch Le Komödie wird am besten und ward auch am Sonntag ohne dieses lorspiel gegeben, denn da das Nachspiel fehlt, so bleibt die Ein- kitung ohne Pointe und wirkungslos, obwohl sie die weiche, aäumerifche Poesie einer Heide desrnerry old England vor- iULbert

Tas Stück selbst, das uns in die italienische Renaissance, in eine durch die stilvolle Architektur Palladios und den färben*

1 reichen Pinsel Paolo Veroneses geschmückte Umgebung versetzen btll, wurde am Sonntag leider in einer älteren Bühnenbearbei- trnig, der I. L. Teinhardsteins, des einstigen Vizedirektors des Wiener Hofburgtheaters, gegeben. Bulthaupt sagt ganz richtig ton. dieser Bearbeitung:Wer sich wie Deinhardstein den Hoch- «itszug des Petrucksio im 3. Akte entgehen lassen kann, der hat für Heft Karrikatur der Komödie keinen Sinn gehabt." Im 31. Jahrgang desJahrbuchs der deutschen Shakespeare-Gesellschaft" tciösienlüchte Dr. Eugen Kilian feine sehr beachtenswerte Ab- laiüilung über dieses Lustspiel. Er beLeuu-tete u. a. die Charaktere ^Deutlich der beiden Hauptpersonen in interessanter und durch-

zutreffender Weise., Unseren Darstellern sei die Lektüre dieses

welfische Agitation begraben werden, die immer und immer wieder baS Alte auf rührt. Wir sehen dies bei der Thron­folgefrage in Braunschweig. Der Herzog von Eiimberland hält noch immer feine Ansprüche auf Gebiets­teile deS Bundesstaates Preußen aufrecht. Als in Betracht zu ziehender erbberechtigter Thronfolger im Herzogtum Braunschweig erscheint jetzt aber nicht mehr der Herzog, son- dem unter der Voraussetzung der Verzichte des Herzogs und seines ältesten Sohnes auf die Thronfolge in Braunschweig der jüngste Sohn deS Herzogs, Prinz Ernst August. Wäre daS Herzogtum, so heißt eS in einer neuen Braunschweiger offiziösen Darstellung, allein auf sieh angewiesen, so würde der Uebemahme der Regierung seilens des Prinzen Ernst August nicht« im Wege flehen. Das Herzogtum vermag aber die 'chwebende Frage nicht von dem einseitigen braunschweigischen Standpunkt auS zu lösen, und es bleibt der braunschweigischen Regierung nur der Weg übrig, durch 9(nrufen des Bundes­rates einen Beschluß desselben herbeizuführen, welcher dem Staate Braunschweig in der Gestaltung der Regierungsver- hältniffe zur Richtschnur dienen werde. Der Regentschastö- rat hat darum an den Bundesrat den Antrag gerichtet: der BundeSrat wolle darüber beschließen, ob bei einem Verzicht deS Herzogs von Cumberland und dessen ältesten Sohnes auf den braunschweigischen Thron die Regierung deS Prinzen Ernst August, sofern derselbe für sich und seine Deszenbeu; auf Hannover verzichte, mit den Grundprinzipien der Bünd­nisverträge und der ReichSoertassung vereinbar sei.

Wenig erbaut tiirh bet preutz. cv^ngeL Oberkirchenrat von bet Eingabe der 147 im Amte stehen den Pfarrer sein, die zum Fall Cesar die Erklärung c-bgaben, daß sie sich mit dem kirchlichen Standpunkt CesarS identifizieren. Die>e mann hafte Lat ist mit großer Freude im Interesse der religiösen Aufrichtigkeit in unserem kirchlichen Leben zu be­grüßen. Pfarrer Traub in Dortmund teilte übrigens mit, daß ihm weder von der Einleitung, noch von bet Einstellung eines Disziplinarverfahrens etwas bekannt ist.

Mit der Idee eines deutsch-amerikanischen Bündnisses alS Gegengewicht gegen das englisch- japanische Bündnis ist die bedeutende amerikanische Zeitung Sun" auf dem Plane erschiene l. Man muß abwarten, welche Aufnahme dieser Gedanke aus beiden Seiten des Ozeans finden. Wir versprechen uns nicht viel davon, zumal viele amerlkan. Senatoren, besonders der sehr einflußreiche Senator Adrich, gegen den Plan besonderer Handels-Zuge- ständnisse an Deutsch-.and opponieren, welche die Zollkom- mission empfehlen wird.

Der Besuch des EmirS von Afghanistan in Dri- tisch-Jndien hat mit großen Feierlichkeiten in Agra seinen Anfang genommen. Der Emir von Afghanistan wohnte u. a. einem Bankett bei, welches der englische Vizekönig Earl of Minto ihm zu Ehren veranstaltet hatte; dabei toastete der V^könig auf den Emir als ihm befreundeten

AuffatzeS, und unserer Direktion Dr. Kilians bereits vor einem Jahrzehnt erschienene Bearbeitung des Stückes nach Baudissins Uebersetzung (Verlag der Schulzesctzen Hofbuchhandlung in Olden­burg) anempfohlen. Dr. Kilian hat durchaus recht mit der Be­hauptung, daß für die richtige Wirkung der Zähmungskur der überlegene Humor Petruchios erste und unentbehrliche Vorbedin­gung ist, intb daß sein Gebaren nirgends den Eindruck roher Brutalität hervorbringen darf.

Herr Kost gebärdete sich freilich, der seit Jahrzehnten leider vielfach, aber doch keineswegs überall, wie z. B. nicht in München, üblichen Tradition folgend, saft wie ein Tierbändiger und operierte mit allen Gewaltmitteln eines solchen, schrie und riß und knuffte und stieß alles um sich herum. Mitunter war er durch febm manuelle Aktion so erschöpft, daß ihm fast der Atem ausging. Das ist aber dem Sinne und den Worten Shake­speares zuwider. Der Kampf der beiden eigenartigen Naturen ist durchaus kein physischer. Wenn man jedoch den Standpunkt gelten lassen will, daß Shakespeares Lustspiel eine Burleske sei, wie das die Regie des Herrn Reimer ganz besonders in den Nebenrollen betonen ließ, bann ist anzuerkennen, daß Herr Kost als Zahmer des unbändigen Käthens dräuend im Wetter einher­zufahren wußte. Und wenn es ihm auch an Shakespeareschem Humor fehlte, wemi er mit kleinen gemütlichen Zügen, die uns diese dichterische Figur so sehr sympathisch machen können, auch gar so sparsam war, so besaß sein Petruchio doch das Leuchtende echter Männlichkeit, wobei ihm sein gewinnendes, stattliches Aeußere sehr zu statten kam. Der gestrige Abend bewies jedenfalls, daß Herr Kost trotz seiner starken Neigung zur Pose ganz Erfreu­liches vor sich zu bringen vermöchte, wenn er sprachtechnisch nicht gar so sehr versagte. Hier hat er vor allem einzusetzen, wenn er vorwärts kommen will.

Die Hauptaufmerksamkeit des gestrigen Abends aber konzen- trierte sich auf Frl. Cardung, die Darstellerin des Käthchcns, die in Aussicht genommen worden ist, Frau Bayrhammer von der nächsten Spielzeit ab zu ersetzen. Katharinas Wildheit entspringt wohl im Grunde, ähnlich wie die Petruchios, ungezügelter Lebens­lust, übermütigem und übertriebenem, roeig ungebändigtem Humor. Frl. Cardung dagegen erinnerte mehr an eine böse Wild­katze.Als Petruchio", sagt Dr. Kilian,gewissermaßen zur Probe ihrer Unterwerfung, das Verlangen stellt, sie solle die Sonne für den Mond erklären, da geht sie mit Humor, mit einer gewissen komischen Resignation, aus das Ansinnen des Gallen ein, das sich schon durch den Ton, in dem Petruchio spricht, als ein übermütiger Scherz verraten muß. Während sie seinem Verlangen wiltsahrt, muß liebenswürdige, einsuMeichelnde Sck)air- hastigkeit sich auf ihrem Antlitz spiegeln, man muß ihr anmerken, daß sie Petruchio durchschaut, baß sie als kluge Gattin bereits gelernt har, mitunter auf seine tollen Launen einzugehen. In diesem Sinne gespiell, lann diese Szene entzückend wirten." Bei Fräulein Cardung war der lieber gang in das sanftere Fahr­wasser ziemlich Plötzlich, geschah das Unterliögeu der .Emansipiirions-

Nachbar. Der Emir erwiderte, indem er seinem lebhaften Vergnügen Ausdruck gab, Indien besucht zu haben, es sei eine sichere Verstärkung ber freundschaftlichen Gesinnungen beider Länder. Er nannte den V.z^llmig Minto seines Lan­des ersten Freund.

Mit der Erstürmung der Bergfeste Zinat und der Flucht R a i s u l i s zu befreundeten Kabylcnstämmen ist die Entwicklung der £aye in Marokko einstweilen auf einem toten Punkte angeiommen. Denn da cs dem Kriegsministcr Gebdas gelang, die Europäer in Tanger hinreichend zu schützen, können Frankreich und Spanien nicht durch Trup­penlandungen eingreifen, ohne in den Verdacht zu geraten, sich über b.e Vereinbarungen von Algeciras hinivegzusetzcn. Sie müssen also warten, ob e5 die marokkanischen Truppen fertig bringen, Raisuli, der sich offenbar zu weiterem Wider­stände rüstet, gänzlich unschädlich zu machen. Solange der besiegte Häuptling sich nicht in den Händen der marolla- nijchen Behörden befindet, bleibt die Situation nach wie vor gespannt. Nicht zuletzt durch die Schuld der Franzosen, öic mit Argusaugen darüber wachen, daß die anderen Signa* tarmächte, vor allem Deutschland, sich keinerlei Vorteile ui Marollo erringen. So zeigen sich französische wie eng­lische Blätter empört über die Entsendung des Oberleutnants Wolf nach Marollo, obgleich der Offizier lediglich als In­genieur in den Dienst des Sultans tritt Es ist nun sehr bedeutsam, daß un3 Italien diesmal verteidigend beispringt DasGiornale d Italia" erkcäri, aus Umfragen in amt­lichen und zuständigen Kreisen gehe hervor, daß die Mel­dungen rber angebliche deutsche Ränke in Marokko reine Phantasiegebilde feien. In amtlichen Kreisen Roms habe man die Ueoerzeugung, daß weder Frankreich noch Deutjchland die Absicht haben, Verwickelungen hervor-- zurufen. Man verstehe nicht, in welcher Weise die angeb­lichen Machenschaften Deutschlands daraus hinzielen könnten, die französischen Interessen zu schädigen. Ueber die naive Ente eines engl-schen Blattes, Deutschland plane ganz ülorbafrifa zur Erhebung gegen die Europäer zu reizen, lache man in Roms amtlichen Kreisen.

In Rußland forderte der TerroriSmuS weitere Opfer. Die Sozialrevolutionäre überfielen u. a. in feiner Wohnung auf dem NewSki-Profpekt zu Petersburg den 80 jährigen General Schcpkin. Generalleutnant Pawlow, ber Ober* militärprofureur von Petersburg, wurde im Hofe der Militär­akademie erschossen, und der Gendarmeriechef Schadiko-Andre- jero von einer Schar von zehn Revolutionären auf der Straße in Petersburg umgebracht. In Petrowsk ^Gebiet Daghesian, wurde ber Polizeimeister BrshesniowSki er­mordet, und während einer in Petersburg vorgenommemm Haussuchung wurde von drei Arbeitern auf die Polizei geschossen. Es wurden zwei Revieraufieher und zwei Schutzleute getötet, zwei Geheimpolizisten und ein Haus­knecht schwer verwundet Tie Aufregung und Empörimg über alle diese blutigen Vorgänge ist groß. Von vcrtrauens-

.w»»mI MIWII ITMB

gelüste nicht allmählich. Sie meinte es zunächst recht ernst mit ihrer Wildheit. Es gehört zu dem bösen wie dem guten Käthchen doch mehr die Kunst schelmischen Sichnaivgebens, als sie Frl. L offenbar besitzt. Neckischer Humor aber ist gewiß nicht eine der Charaktereigensck)«sten des Frl. C., ebensowenig wohl sprü­hende, fiberfdjäumenbe Lebensfreude, wie sie das urgesunde, nur durch das Uebermaß von Jugendlrast und Jugendlust zu tausend Teufeleien neigende Käthchen Shakespeares besitzt. Frl. C. war also durck>aus nicht die Widerspänstige, die mir vorschwebt, so viel sie auch von Temperament daran aufgewendet hat und so fleißig ihr Studium der Rolle auch gewesen ist. Mir wlll aber scheinen, daß sie trotzdem vielleicht eine nicht üble Acquisition für unsere Bühne wäre, freilich mehr in Rollen von ber Art ber Elisabeth inMaria Stuart". Sie ist eine angenehme Bühnenerscheinung, hat ein volltönenbes, wenn auch etwas hartes Organ unb respektable Gewanbtheit. Dem stehen zwar bas nahezu Starre ber Miene unb eine gewisse herbe Kühle ihres ganzen Wesens gegenüber, Eigenschaften, die viele Rollen ihr von vornherein verschließen würden. Es wäre vielleicht angebracht, einen dritten Gastspiel-^ abend ihr noch zu gewähren.

Frl. Schellenberg stellte die zahme Bianca in hübschen Kontrast zu ihrer leibenschastlichen Schwester, wenn auch ein wenig matter als sonst, sobaß z. B. die sonst so überaus wirksame Unterrichtsszcne sich gar blaß gestern ausnahm. Die Hauptschuld baran trug allerbings Herr Kober, ber ben Lucentio sarö- loser als nötig barstellte. Die sichere unb angenehme Att bes Herrn Goll ist bekannt. Im Stile ber Burleske war Herr B a k o s ein recht guter Baptista, unb nicht über Herr G r e e f f als Gremio, freilich nicht alt genug für diesen. Etwas mehr Sicherheit in ber Beherrschung des Textes und mehr .Humor würde bei ber Darstellung bes alten Ebelmannes Vincentio burch Herrn Lippert angebracht gewesen fein unb vom italienischenNobile hatte er aber auch gar nichts an sich. Guten Humor zeigte Herr N i e S als Petrucknos Diener Grumio, unb bas possenhafte Element brachte auch Herr K ä s m a n n als Schneider zur Wirkung.

Eine ber wichtigsten Personen des Stückes ist Tranio, jener Diener, ber die Rolle seines Herrn Lucentio übernimmt. Herr Reimer war ja wieder sehr agil unb spaßig. Aber für die lange Feder und ihr unqualifizierbares Benehmen gegenüber der Nase eines vornehmen alten Herrn wäre die Bezeichnungkomisch" zu hoch gegriffen. Er führte, wie gesagt, auch die Regie, und er hatte sich, wohl mit Rücksicht auf den Sonntag, verführen lassen, das ganze Stück auf einen groben, nach fogenannten Wir­kungen begierigen Geschmack hinauszuspielen. Man unterstrich, reo nichts zu unterstreichen war, man unterstrich doppelt, wo l'djon ber Dichter das Seinige getan hat. Es gibt aber boch zwischen Scherz und Ernst noch einen Zwischenzustanb, in bem sich beibes in leidlicher «tbgewogeuheit befindet. Aus bas un;id)t* bare Publikum des Lorsviels vonTaming of the shrew" schien die Dartzellusg berechnet,' das sichtbare Publikum, das bas.Theate^