Nr. 265
Zweites Blatt
Montag 11. November 1907
157. Jahrgang
Gietzerm MMer
Grichebn tSgllch tritt Ausnahme de- Domn^g*.
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General-Anzeiger für Gberhrsfen
Rotationsdruck und Verlag der 8rübliche» UnroerstlälS - Bilch- und Stetndruderet.
R. Lange, (Biefcen.
Die „Otehene» £<nntltcnbl6tterH werden dem »Anzeige ' orerinal wöchentlich belgelegt. das „Kretsbtott für den Kreis Sichen" zwei,nal wöchentlich. Der „heffllche Landwitt" erscheint monatlich einmal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Echul- slrahe 7. Expedition und Verlag: e=ay £>L Redaktion:^^ 112. Tel.-Adr^AnzeigerGießen.
gwu/maU jUt Aultltt-^ruge.
Wir geben heute einigen weiteren Ziischrift zur Gurlitc- Frage Raum, ohne für Inhalt und Forni auch dieser Emsen- t bungen dem Publikum gegenüber irgendwelche Verantwortung I zu übernehmen.
In Nr. 262 des Gieß. Anz. hat Herr W. Tieiensee die Gnade, sich ui einigen Zeilen nut meinem Artikel und zum Schlug in höchst geschrnack—voller Weise mit meiner Person zu belassen. Wenn man sachlich nichts zu erwidern weiß, schlägt man den dort betretenen Weg em. Tas Urteil über das Verjähren des Herrn Tieieusee überlasse ich getrost dem Publikum, das nach bem, was ich sonst erfahren habe, uiehr herausgeleseii hat, als der (^enamue, er, den offenbar rveder pädagogische noch Lebens-Eriahrung schiver belastet.
Ziir Sache möchte ich noch folgendes bemerken: Ich schrieb: „Cs soll und fann nicht geleugnet ‘ werden, daß unsere gesaniteli Unterrichtsfächer eine Verminderung des Lehr- und Lernstoffes vertragen könnten, imb wenn Herr Prof. G. sich hierüber in sachlicher Weise ausgesprochen und positive Vorschläge gemacht hätte, dami wäre er des Venalles der Fachmänner sicher getvejen."
In „Der Deutsche unb sem Vaterland" (1902) schrieb Herr . Durlitt m dem Kapitel: Positive Vorschläge: „Wir haben dank der 4 beispielloseii staatlichen Fürsorge für D'entschlanbs Schulen und dank des so hochstehenden Lehrerstalides aller Schulkategorien vielleicht nur eine Herabsetzung der Ansprüche, gleichsam nur einen geistigen Aderlag nötig, um auch im eigenen Volke wieder die all» " gemeine Hochachtung zu erringen, die uns ba§ Ausland noch entgegenbringt.*
i Seite 63 unter Kapitel Abhülfe zitiert er: „Was der Schule । von alle dem not tut, ist eine Entlastung von bem Vielerlei des j Stoffes". (Prof. Hempel.) Wie Herr Gurlitt damals van der Jugend J von heute dachte, sagt er auf S. 92: Man lieft m pädagogischen r Schrillen so häufig Klagen über den Verfall der deutjchen Jugend, 2 über ihre Blasiertheit, Interesselosigkeit, materielle Weltanschauung, I Genußsucht und bergt. Dem kann ich nur enigegenbalten, baß mir j «ach meuien Beobachtungen die Jugend von heute einen gediegeneren ] Eindruck macht, als diejenige, mit der ich groß geworben bin, baß besonders ber heutige entbeut mehr Ernst unb Streben zeigt, als 1 wir seinerzeit auhmeien.*
x Ich denke, wenn die Jugend f o ist, kann die Schule nicht so i schlecht sein, wie sie jetzt gemacht wird.
Herr GurUtt stellt auch in seinem oben erwähnten Buche die englische Erziehung als Muster hin. Er schreibt: „Ein englisches jj Schulkind beansprucht und genießt mehr Achtung vor seiner Per- J‘ sönlichkeit,^mehr Selbständigkeit im Handeln, als der deutsche J Mann.* Sehr sonderbar nur, daß die englischen Studeiiten z. B. ( in Oxford unter einem Zwang, unter einer Aufsicht leben, die q strenger ist, als die unserer Schüler. Ein Qriorber Student darf l weder tagsüber, noch wahrend ber Nacht die etabt ohne besondere 4 Erlaubnis verlassen. Von dem englischen Studenten wird m den il meisten Colleges" »enoartet*', bay sie ben Gottesdienst in der * Rapelle besiichen, in anderen wird em Zwang ausgeübt.
j Tie Studenten in den. Eolleges —^bie meisten wohnen da — ! mugen abends 9 Uhr 10 Minuten zu Hause sein. Zuwiderhand- lungen werden mit (Selb bestraft (3 a), schließlich sogar mit Ausweisung.
Tie bei Privatleuten wohnenden Studenten müssen um 10 Uhr in ihrer Wohnung fein. Tie Vermieter müssen eine Liste J führen, in bie sie regelmäßig Einträge über die abendliche Heimkehr J und Ausgänge machen. 9lachläsjigkeit hierin fann ihnen das Verbot, - Studenten zu logieren, zuziehen.
Tie Studenten müssen alle eine bestimmte Tracht j haben, bie sie behufs Kontrolle von Eintritt ber Dunkelheit an tragen 1 müssen.
Tie Studenten dürfen nicht ohne Erlaubnis bestimmter Uni- v^rsitälsbeamten In Wirtshäuser gehen. Sie dürfen sich ohne Erlaubnis fein Pferd und feinen Wagen halten.
Tas sind Beispiele für engliche Achtung ber Persönlich- t feit iür junge Leute im Alter von 18 bis etwa 22 Jayren.
Welcher deutsche Student sehnt sich nach dieser englischen Freiheit?
Herr Gnrltll mar in Oxford. Diese Tinge hat er in seiner Anglomanie übersehen.
S. 56 schrieb Herr Gurlitt 1902 : „Tie Erklärung dafür liegt • wieder in der vortrefflichen eiiglischen Erziehung, bie den Erwerb i von Kenntnissen erst als zweite Ausgabe ansieht, zu ber bas Leben immer noch Gelegenheit genug dielet, dagegen von früh auf ber Eharalterbilbuiig bient." Olur sonderbar, baß man in England dem Studenten so luenig Selbstbeherrschung, so wenig Eharakter - zutrant, daß bie angejürten Bestimmungen als notmenbig angesehen § werden.
Herr Tieieusee hat meine Citate von Miß Sadler in dem j Konserenzbcricht ivohl nicht gelesen. Eigentümlich, daß die leitenden
Lad-Nauheimer Briefe.
VIII.
Schluß.
Wo irgend möglich, müßte die Volks bildungs- - arbeit vom Wirtshaus b e f r e i t werden. Deshalb !find die Teilnehmer unserer Donnerstags-Lese- abende auch der Stadt so dankbar, daß wieder das Be- ratungszimmer des Stadthauses benutzt werden 1 darf. Denn das Lesezimmer des Bildungsvereins reicht (er- » freulicherweise!) für die Zahl der Beteiligten nicht aus. Wir lesen eben verschiedene Werte, über die Entstehung des Christentums (Pfleiderer, Pfennigsdorf, Kalthoff u. a.). Es ij ist wohl begreiflich, daß man mit solchen Fragen denkende *' Menschen fesselt. Und wohltuend ist, wie solchen Interessen gegenüber auch aller Fastengeist, alle kleinlich-äußerlichen ’[ Unterschiede zurücktreten, wie da nur „Mensch dem Menschen s, gegenübersteht". Der Handwerker, der Arbeiter, der Kaufmann, der Beamte, der Studierte, das männliche wie das weibliche Geschlecht, letzteres sogar in der Mehrzahl, ist *1 da vertreten.
Freilich ist solche Gemeinschaft auch vorerst nur im y kleineren Kreise möglich, wo eine gewisse Gleichartigkeit der geistigen Regsamkeit die Unterlage des Gedankenaustausches bildet. Im großen wird wohl die Kluft der Gesellschaftsklassen, zwischen den Vornehmen und den Gewöhn- । liehen so bald nicht verschwinden. Und so wird auch hier bei uns der feudalere und mit den größeren Mitteln arbeitende Vortragsverein noch lange neben dem volkstümlicheren Bildungsverein seine gesonderten Wege gehen. Ersterer bot uns als zweite Veranstaltung dieses Winters am Mittwoch, 6. Nov., ein wirklich herrliches Konzert, geniale Klaviervorträge des Herrn Lewis L. Richards aus Brüssel und warm ansprechende Lieder von Frau Dora Prätorrus-Rodnagel. Sck)uberts „Kreuzzug" und Litanei" stimmten geradezu seierd andächtig. Und am
Schulmänner jetzt mehr Kenntnisse von ber englischen Schul)ugenb verlangen, baß Herr Sadler bie Pflege beS Köipers durch Spiele und Hebung im Selbstbeherrschen nur als etwas Hübsches bezeichnete unb »mehr Kenntnisse" verlangte. Glicht wahr, dieser Mann kennt die Schmerzen des englischen Schulwesens nicht? Der ist auch ein „Zünniger".
Wie herrlich weit bringt es^der englische Schüler! Die Colleges schreiben vor, baß jeber ihrer Studenten einen besonderen Privatlehrer (10 Al. pro Stunde- hat, ber ihn bei seinen Studien leitet. Tie ganze Ausbildung ist m ber Hauptsache Drill, weil ber Schüler bisher auf ber Schule nur im Sportsleben Großes leistete, aber geistig noch eines Gängelbanbes bebari, gerabe wie es nach ben erwähnten Bestimnumgen jein Charakter hat. Für heute genug
I. Lute ij.
Mein letztes Wort zum Falt Gurlitt.
~ Richt zu einer Erwiderung an die Adressen von Herrn Dr. Strecker unb Herrn W. Tiefen fee, sondern nur zur völligen Darlegung oei'feu, was in. E. in ber Sache zu sagen stt, stelle id) noch sollende Punkte fest:
1. Rächen Gymnasium und Realgymnasium besteht in Hessen die Oberrealschule, deren Reifezeugius zu dem Besuch der Technischen Hochschule und mit ben durch das Fachitudrnm nötigen Bedingungen auch zu dem Besuch ber Universität berechtigt. Kein Oberpealschüter nmß Latein lernen. Allerdings hat bie Erteilung erweiterter Berechtigungen an die Oberrealichule sofort die Folge nach sich gezogen, daß auch an ihr ein wahlfreier Unterricht im Lateinischen erteilt wird. Für eine Anzahl von Univerfitätsfächcm ist bie feiuxniö des Lateinischen, unumgänglich.
2. Für Bewegungsfreiheit und Luftgenuß der Schüler geschieht so viel, als sich irgendwie mit den Interessen des Unterrichts verträgt. Nach minisrerieller Verfügung fällt in lämt- lichcn höheren Schulen des Großherzogtums seit Jahrzehnten von jeder Unterri chtsfrunde eine volle DierUl- itunbe grundsätzlich für Pausen weg. Wenn aus befondeven Rücksichten im Winter bie einzelnen Pausen kürzer sind, so wird doch bie vorgeschriebene Zeit an der gesamten Unterrichtsdiiuer abgerechnet. Beispielsweise werden gegenwärtig im Ziealgymnasium fünf Unterrichts Zünden vormittags im Zeitraum von V?9—1250 gehalten, und dabei fallen noch 40 Minuten für Pausen loeg, sodaß tatsächlich bie fünf Stunden auf eine Unterrichtszeit von 3 Stunden, 40 Minuten zusammcn- gebuängt sind. Diese fürsorgliche Atwrdnung scheint mir für bas körperliche Gebeihen unserer Schüler wichtiger als die Einrichtung ber Schulspaziergange u. cu Becani.jattangen, bie atich vorhanden sind, aber nicht so gleichmäßig wirksam werden.
3. Der Unterricht in ber Religion ist konfessionell getrennt; es besteht also für die Eitern bie Möglichkeit, ihrem Kind einen ihren Wünschen entsprechenden Religionsunterricht zuteil werden zu lassen. Der hessische Staat verlangt nur, daß während dcs ganzen Schulbesuchs die religiöse Antage des jungen Menschen nicht bruch liege, sonoem in. irgend rvelcher Weste regelmäßig gepflegt werbe. Er tut das ir.it demselben Recht, mit dem er in pslichtmüßiger Fürsorge für das geistige Wohl feiner Bürger jedes Kind vom 6.—14. Jahr dem allgemeinen Schulzwang unterwirft. Eltern, bie das (Sljrij'tentuin Tür Fa^el und Legenoe halten, fim> also keineswegs gezwungen, ihrem Kinde airift- ltchen Religionsunterricht erteilen zu lassen. J,t die Zahl dieser Eltern so groß, wie Herr Tiefensee behauptet, bann 'kann cs auch nicht schwer fallen, einen ihren Wün,a)en entsprechenden Religionsunterricht ihren Kinberti zu verschaffen.
Lscar Holtzmann.
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Sehr geehrter Herr!
Ich habe mcbtS dagegen einznwenden, daß Herr Oskar H o l tz ni a u u in 9lr. 260 Ihrer gcjchätzlen Zeitung den lateinischen Unterricht als Erziehungs^af lor hoher ein schätz!, als ich es tue, auch nichts dagegen, daß er den alttcstamentlichen Glauben und bas Kathechismns-Wlfsen auch benlschen Kindern im Umervicl)te lebendig erhalten will. Weshalb soll er nicht diese seit Iahrhnndertkn gültigen Grundsätze teilen unb verteidigen? Unrecht tut ev mir nur mit den Worten „Offenbar existiert bas Diene Testament iür Herrn Gurlitt nicht", beim ich Halle auch von bieiem imb von bem Kcnhe- chismus gejprochen, freilich nur anbeutenb, um nicht die befamuen „heiligsten Emvstnbnngen" zu verletzen. Wer den Vortrag nicht mit angehört hat, ist vor solchen Alißverstänbnisfen und 'JJliügriffcn nicht sicher. Immerhin hat Herr Holtzmann eine Sprache gewählt, bie eine Verstanbignng ermöglicht.
Anbers Herr L., ber sich in Nr. 261 über meinen Vor trag ausspricht. Er meint, in ber Erziehung zum Selbstbewiißtjein erfülle bie Schule schon ihre Pflicht. Nun, an Herrn L. hat sie jedenfalls in dieser Hinsicht feinen Erfolg gehabt, |on|t wurde dieser
-»r.fcrTr- ~TJinwirB.i . ---in' —-«r E«- na --n»,
Herr seinen Dlamcn nennen und nicht huiteiiii Zaun her gegen mich mit Bemerfungen eüern, bie mich gar nichts angehen. Seine Angriffe finb aegenstandslos, weil er mir Satz Mr Satz falsche Uvieile unter übt ebt, um sie bann siegreich bekämpfen zu können Kein Mensch bart erwarten, bau ich baiaui sachlich eingehen werde
Beide Herren glauben mich babitid) ad absurdum lüljre» zu können, baß sie mich il)ien Lesern als ben Venasser lateinischer Lehrbücher imb einer Jttgenbschrtit vorstellen, bie ben Titel \ irtus romana tragt. Ja gewiß, ich habe, solange ich Lehrer an einem Gymnasium war und jolauge ich ben lateinischen Unterricht in 'o herrschender Stellung sah, meine Kraft da Mr eingesetzt, baß habet ^ebenfalls so viel Anregung imb brauchbare Belehrung her auskomme, wie ivgcitb möglich ist. Es stand nicht in inemer Gewalt, den laieulstchen Umevridit einzuschränleu, wohl aber konnte ich ihn beleben: Und das habe ich zu tun oerjudju Liegt darin etwa irgend eine Inkonseqtienz?
Hochachtitngsvoll
Pros. L. Gurlitt.
Ans StaSt und Land.
Gießen, 11. Nov. 1907.
Wohin gehört das 4. Lehrerseminar?
Am Samstag tagte im Reuen Saalbau eine aus allen Teilen der Provinz starr besuchte Lehrerversammlung, um — wie dies in den airderen Provinzen schon geschehen ist — zu der Frage Stellung zu nehmen: Wohin gehört das 4. Seminar für Volks schullehrer? Der Vorsitzende des Gießener Lchrervereins, Lehrer V. Müller, begrüßte die Erschienenen und bedauerte lebhaft das Nichterscheinen des Landtagsabgeordneten Kohler- Langsdorf, der sein Fernbleiben brieflich entschuldigt habe. Es handle sich, so führte Lehrer Müller aus, nicht um eine P rote st Versammlung, sondern um eine sachliche Erörterung der für Schule und Lehrerstand so wichtigen Angelegenheit- Sodann überbrachte Lehrer Wagner- Großen-Bujeck bie Grüße des Vorstandes des Lalides-Lehrer- vereins und wies daraus hin, daß die Ortssrage des 4. Seminars schon vor Jahren aus einer Lehrerverjammlung zu Langen Gegenstand der Beratung gewesen sei und man damals schon einstimmig die Errichtung des Seminars in einer der größeren hessischen Städte gewünscht habe. Eine neuerdings vom Vorstande an bedeutenoe Hochschullehrer und Schulmänner gerichtete Anfrage sei u. a. von den Professoren Kinkel-Gießen, Dtatorp-DRarburg, Rein-Jena und den Leyrem Tews-Berlin und Bey Hl-Würzburg in dem Sinne beantwortet worden, daß Lehrerseminare mistreitig am besten in größeren Städten zu errichten seien. Dieser DRitteilung folgte ein mit anhaltendem, stürmischem Beifall aufgenommenes Referat des Oberlehrers Tr. St r e ct e r - Bao-Diau- heim. Ausgehend von der im „G. T." vom Landtagsabgeord- neten Köhler angeführten Roujseauschen Ansicht: „In der Stadt lernt man die DRenfchen nur verachten" zeigte der Redner, daß diese Worte wohl einen Kern Wahrheit enthalten, wenn man sie dem Rahmen ihrer Entsteyungszeit anpaßt. Sie spiegeln den Widerwillen einer enttaujcycen, verbitterten Menjchenseele gegenüber ihren Zeitgenozsen. Aber aus unser heuriges Botrsreben paßt diese Anschauung absolut nicht. Welche Erfahrungen sollen eigentlich bestätigen, daß nur auf dem Lande die Unschuld wohnt, während man in ber Stadt nur in Schlamm und Unrat watet? — Wenn auch nicht zu verkennen ist, daß auf dem Stadt- leben mancher Schalten ruht, so ist doch demgegenüber anzu- sühren, daß die Städte — auch scyon die des Mittelalters — von jeher Ausgangspunkte auer geistigen und sozialen Er- ruiigenichasten des modernen Staates waren. „Sa)ultehrer, sei froh, oatz du dem Volic noch so nahe stehst, datz' du tiichr allzuge,cheit bist", schreibt die „Voliswacht". Der darin enthaltene Vorwurf, höhere Bildung stehe dem Volksleben fremd gegenüber, birgt auch ein Fünkchen Wahrheit, aber er trifft vor allem auch die höheren Schulen bis zur Hochschule hinauf. Unsere Bildung muß überhaupt voltsrüm- licher und nationaler werden. (Vgl. Gurlitt!) Nachdem Dr. Strecker so die Gegengründe Kohlers und der ihm nahestehenden Presse in streng sachlicher Weise beleuchtet hatte, führten ihn die Ergebniffe immer wieder zu der Tatsache: Wenn die Hess. Regierung aus dem Wege der
Schlüsse das Klavierstück von Liszt: „Franziskus aus den Wellen wandelnd"! Wem siele nicht GoetheS Aussprua) ein über die ähnliche von Jesus erzählte Legende, daß der Glaube an ein großes Ziel den Menschen stark mache über die Wogen alles Widerstandes zuversichtlich vorwärts zu schreiten'.
Ist der Gegensatz zwischen Vortrags- und Bildungsverein zwar nicht eben natürlich aber doch historisch begründet und praktisch in mancher Beziehung unter heutigen und hiesigen Verhältnissen kaum vermeidlich, so dürsten dagegen manche andere Vereine ihre Kräfte zusammentun, um Ersprießliches in größerem Maßstabe zu leisten. Interessen, die sich auf Stadtverkehr, Verschönerung und ähnliches beziehen, könnten in Ausschüssen des „Bürgervereins" schließlich ebensogut und besjer erledigt werden, als in selbständigen Vereinen. Einmal hätten solche Ideen damit sogleich eine breitere Resonanz in dem allumfassenden Verein, sodann wäre es gewiß vielen für die Stadt- angelegenheiten bereitwillig tiidgen Herren höchst erwünscht, wenn sie statt drei ober vier Vorstandssitzungen und Generalversammlungen pro Woche mit ein oder zwei auskämen, selbst wenn deren Tagesordnung dann etwas reichhaltiger wäre. So ist es gewiß mit Freude zu begrüßen, daß sich zwischen Stadtverkehrs -und Bürgerverein eine Annäherung anbahnt.
Im Gegensatz dazu ist auf politischem Gebiet mit fortschreitender Emwicklung der Stadt eine reinliche Scheidung nur natürlich. .Vom „bürgerlichen Wahlverein", der sich in ko n s er v a t iv-n a t i o n a l liberaler Richtung betätigt, hat sich der f r e i s i n n i g e geschieden, der eine energischere Vertretung fortschrittlicher Forderungen für nötig halt. Natürlich keine Scheidung aus Feindschaft, sondern aus sehr notwenoiger Rücksicht aus die Art der politischen Arbeit. Man würde schwerlich Redner finden, die es beiden Teilen gleichzeitig recht machen könnten. Die Bevölkerung mag bei beiden in die Lehre
gehen. Es wird ihr Schade nicht sein. So sind wir am ftchersten vor dem politischen Schlaf und vor der inhalr- tosen Phrase. Bis jetzt ist fteilich nur ein Vortrag vom freisinnigen Verein geboten worden. Herr Möglich, Re- dakteur der Deutschen Städrezeitung (Wiesbaden), sprach am 3. Nov. in großzügiger Weise und mit dem sicheren Urteil des Fachmannes, der sich auf ein reiches allseitig zusammengetragenes Erfahrnngsmaterial stützt, über „moderne Kommunalpolitik". Schade, daß das schöne Wetter am Sonntag nachmüiag von dem Vortrag abgehalten hatte. Seine reiche Anregung wird aber auch so nicht verloren sein. Eine Hauptrolle spielte die Widerlegung der Vorurteile, welche gegen die Wertzuwachssteuer erhoben zu werden pflegen. Sodann trat in der Diskussion eine andere interessante Frage hervor: Ob nämlich der Staat, der von feinen Betrieben hier (Elektrizitätswerk, Wäscherei) großes Einkommen bezieht, nicht auch dafür zur Kv m m u n a l st e u e r könnte h e r a n g e z o - gen werden. Es wäre das eine große Erleichterung unserer schwerbelasteten Bürgerschaft und umso logischer, als ein Betrieb wie z. B. die Wäscherei das Einkommen manches Privatbetriebes und damit also auch dessen 1 Steuer kraft notwendig reduziert. Ferner kam zur Sprache, wie das Selbstverwaliungsrecht der Städte zu wahren sei. Dazu gab folgender Fall Veranlassung: Der Stadtrat hatte neulich Gesuche, Villen in der Terrassenstraße mit einem vierten Stockwerk zu versehen, abgelehnt. Und mit Recht! Einmal aus ästhetischen Gründen! Sodann spricht aber auch entschieden die damit notwendig erzeugte Steigerung der Bodenpreise dagegen. Das Kreis amt verfügte aber nun über die wohlerwogene Anschauung derStadträtehinweg, trotzdemdie G e ne h m i g u n g der besagten B a u g e s u ch e. Es ist kein Zweifel, daß damit der ästhetischen und der sozialen Entwicklung unserer Stadt ein bedenklicher Schade zugefügt ist. Im Sinne des Freiherrn vom Stein und


