Ausgabe 
11.6.1907 Zweites Blatt
 
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gehabt Hal, und wenn nun die Festhalle auch doch nach dem Entwürfe von Thiersch in Angriff genommen wird, so darf man doch mit Sicherheit annehmen, daß seine auf­klärende Tätigkeit in der Bürgerschaft Erfolg haben wird, und daß vor allem, wenn wieder solche Attentate gegen das künstlerische Bild der Altstadt geplant werden sollten, wie es vor einigen Jahren durch das leider zur Ausführung gelangte Projekt des Altstadtdurchbruchs und der Be­bauung der neuen Braubachstraße im historischen Stile ge- scheben ist, daß sagen totr dann Die Bürgerschaft den Städtebausragen mehr Interesse als damals und daher auch mehr Verständnis entgegenbringen wird.

Die Pläne zur Erbauung eines dritten Theaters in Frankfurt, die schon so oft aufgetaucht sind und auch schon ein paarmal sich zu praktischen Versuchen verdichtet haben, sind jetzt um einen neuen vermehrt worden, der Aussicht auf Verwirklichung zu haben scheint. Seit Sams­tag ist in einer Kunsthandlung ein Bild dieses neuen Theaters ausgestellt, das den Bau zeigt, wie ihn die Phan­tasie der Architekten sich vorstellt. Gedacht ist das neue Haus auf dem noch immer brach liegenden Gelände des abgebrochenen alten Theaters am Theatervlatz. Du aber dieses Gelände sehr teuer ist, so sind die Väter des (an­scheinend durchaus nicht aussichtslosen) Projekts auf die Idee gekommen, durch Einbeziehung von Läden und einem Eafä das Haus lukrativ zu machen, und der ausgestellte Entwurf zeigt also im Erdgeschoß große Schaufenster. Der Gedanke ist gar nicht übel, denn schließlich ist doch gerade im Interesse Der Kunst die Hauptsache, daß das Unternehmen prosperiert, und so mögen sich immerhin die Musen mit Merkur, dem Gotte des Erwerbs, verbinden. Dagegen weckt die Architektur des Gebäudes, das abgedroschene Feld-, Wald- und Wiesen-Barock, der übliche Zuckerguß- Stil, Widerspruch. Die Notwendigkeit eines dritten Theaters, schon um dem Schauspielhaus Konkurrenz zu bieten, dann aber auch, um dessen vielfach beschränkten Spielplan zu ergänzen, tann nicht mehr ernstlich bestritten werden. Es ist zu begrüßen, daß die Frage nunmehr ernst­lich in Bearbeitung genommen zu w.erden scheint.

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Von württemvergismer Kun st. Die Zeitschrift! Deutsche Kunst und Dekoration' (Verlagsanstalt Alexander Kochi in Darmstadt) bringt ihr Juni-Heft als Spezialnummer für bass Württembergs che Kunstleben heraus, das in einem eingehend in­struierenden Feuilleton von Professor Tr. Max Ticz, Stuttgart­betiteltNeuzeitliche Kunstbeftrebungen in Württemberg", beleuchtet wird. In diesem Aussatz gibt der Verfasser zunächst einen Ueber-t blick über die Genesis der Stuttgarter Künstlergruppe, die roml Stuttgarter Künstlerbund und den Anregungen Grethes herrührL und mit der Gründung der Lehr- und Versuchswerkstätlen und des Vereins Württembergischer Kunstfreunde festere Gestalt ge^ Wonnen hat. Ter Entwickelung dieser Werkstätten und diesesj Vereins wie ihren hervorragenden Lehrern und Leitern Pankow v. Heider, Rochga und Haustein und dem bisherigen Leiter bei} Mitteilungen des Württeml. Kunstgewerbevereins, Tr. Frank, Oberaspach, ist eine eingehende Darstellung gewidmet, die bis vielbesprochenen Verhältnisse durchaus sachlich unb klar behandelt. Ter Aufsatz geht dann des näheren auf die einzelnen Erschei­nungen innerhalb des Verbandes der Werkstätten ein und schildert die einzelnen Künstler und ihre Werke in ihrer Bedeutung für die Gesamtheit; er kommt schließlich zu dem Resumä: Es gehe auch in Stuttgart vorwärts uno manche hoffnungsreiche Keime eines neuen Aufschwungs erfreuten den Kunstfreund. Indes bleibe noch vieles zu tun. Und der Verfasser gibt dann der Hoffnungt Ausdruck, daß das einmütige Zusammenwirken des Herrschers, der Regierung und der Künstlcrschast das Land zu energischen} Anstrengungen fortreißen werde, sich ebenbürtig neben den anderen Stämmen "Deutschlands zu behaupten. Dem eingehenden und. klaren Artikel ist eine Reihe trefflich gelungener Reproduktionen von Gemälden und kunstgewerblichen arbeiten der württembergischenr Künstler beigegeben, die einen vortrefflichen Einblick in deren Ge-, samtkunstschafsen übermitteln. Tas Heft enthält auch Abbildungen: der besten Rhein-Plakat-Entwürfe, die auf das Preisausschreiben der am Rheinwege beteiligten preußischen und süddeutschen Eisen­bahngesellschaften eingegangen waren. Auch diese Veröffentlichung verdient allgemeine Beachtung.

ZweiDichterföhne alsSchriftsteller. Nahezu gleichzeitig treten zwei Schriftsteller an die Lefsentlichkeit, deren Väter in der literarischen Welt einen sicheren und bedeuteriden Platz besitzen. Der Sohn Karl des unvergeßlichen österreichischen Drama-, tikers Ludwig Anzengruber hat sich mit einer Gesangsposse, die den TitelFesche Wiener" trägt, auf der Bühne eingeführt; von Hans Ludwig, beim Sohn Peter Roseggers, wird dem-, nächst ein EinakterChrysanthemen" im Wiener Bürgerthecueq gespielt werden. Beide SchriMMw fmbi fiudfc auf novelliMcherrl

Mehrfach bervor^etreteq

lauter Philosophie, vor staatsmännischer, juristischer unb schrift­stellerischer Tätigkeit nie dazu gekommen ist, selbst seinen Kohl zu bauen. Cicero schrieb, als Cäsar ihn politisch kaltgestellt hatte, sich zum Trost, den heutigen Primanern vielfach zum Aerger, eine Reihe seichter philosophischer Schriften, deren letzte, die von den Pflichten, er erst nach^rS Tod, Ende 44 v. Chr., fertigstellte. Er spricht darin (De ofticiis I, 126 ff.) auch von der äußern Würde und erklärt (150), daß nach römischen Her­kommen von den Erwerbszweigen (quaestue) einige für einen Gebildeten anständig (liberales), andere unanständig (sordidi) wären. Unanständig sind ihm die Gewerbe der Zöllner, die ja auch in der Bibel unmittelbar neben die Sünder gestellt werden, der Tagelöhner, wozu auch die Kriegsknechte gehören, weil sie ihre Haut im Tage- lohn für einen andern zu Markte tragen, der Handwerker, Klein­krämer, Poffenreißer (Schauspieler, Musiker), Bäcker, Metzger, kilrz aller, die für unsere leiblichen und geistigen Genüsse sorgen und sich dafür schnöde bezahlen lassen. Tie mehr wissenschaftlichen Bernie der Aerzte, Baumeister und Hähern Lehrern sind in ihren Gesellschaftskreisen anständig, d. h. bei Angehörigen des Bürger- standeS, nicht aber bei Rittern oder gar bei Senatoren. Die Großkausmannschast kommt bester weg, sintemal ja Ritter und Senatoren das ihnen eigentlich oerbotene, aber doch so einträgliche Handwerk trieben. Nach all diesen Ausführungen heißt es: Omnium andern rerum, ex quibas aliquid adquiritur, nihil est agri cultura melius, nihil uberius, nihil dulcins, nihil homine, nihil libero dignns. Bon allen Erwerbszweigen ist keiner besser, einträglicher (durch Sklavenarbeit), angenehmer und dem Menschen, auch dem freigeborenen (und gebildeten) angemessener als die Landwirtschaft. Zur Begründung seines Satzes verweist Cicero auf seine Schrift über den oben genannten älteren Cato.

Eine rohe Tat vor dem Schwurgericht,

th. Gießen, 10. Juni.

Heute vormittag eröffnete Lanbgerichtsrat Wiener die dies­malige Tagung des Schwurgerichts mit der Verhand­lung gegen den Former Ludwig Zecher, 21 Jahre alt, wegen Körperverletzung mit einer Geldstrafe von 10 Mk. vorbestraft, gegen den Maurer Friedrich Grölz, 21 Jahre alt, unb gegen den Schuhmachergesellen Ludwig Stephan, 21 Jahre alt, sämtlich von Staufenberg, wegen gemeinschaftlich unb mit gefähr­lichem Werkzeug begangener Körperverletzung, infolge deren der Tod des Verletzten erfolgt ist. Zecher wurde von Rechtsanwalt Klarenaar, Grölz von Justizrat Katz und Stephan von Rechtsanwalt Leun vertreten. Als Vertreter der Anklage fungierte Staatsanwalt Reuß. Außer 25 Zeugen waren als Sach­verständige der prakt. Arzt Dr. Wiegand-Fronhausen und Kreis­arzt Medizinalrat Dr. Haberkorn-Gießen zu hören. Es war eine beispiellos rohe Gewalttätigkeit, die die Angeklagten nach ihrem teilweisen Geständnis und nach der Beweisaufnahme am Abend des 7. April d. I.« in Staufenberg auf der Straße an dem 24 Jahre alten Landwirt Louis Klinkel von Ruttershausen aus- geübt haben, an deren Folgen der letztere leider verstorben ist.

L. Klinkel hatte i$n Februar gelegentlich einer Kindtaule die 18 Jahre alte K. V. von (Staufenberg kennen gelernt und war darauf regelmäßig Sonntags von Ruttershausen nach Staufen­berg gekommen, um mit dem Mädchen zusammenzutreffen. Am Abend des 7. April, gleich nach 9 Uhr, kam Klinkel wieder nach Staufenberg und traf dort in einer Wirtschaft mit der V. zu­sammen; man setzte sich mit noch anderen Bekannten an einem Tisch und unterhielt sich durchaus anständig und friedfertig. In der Wirtschaft waren auch die drei Angeklagten anwesend. Sie waren alle drei dem Klinkel vollständig fremd und standen auch in gar keiner Beziehung zu der V. Trotzdem ärgerte besonders Zecher und Grölz das Kommen des Klinkel und sie beschlossen, was sie wie sie selber zugestehen früher schon geplant hatten: den jungen Ruttershäuser gehörig zu verhauen, um ihm seine Besuche in Staufenberg zu verleiben. Gegen 11 Uhr verließ Klinkel die Wirtschaft und begleitete das Mädchen bis in die elter­liche Hofreite. Tie Angeklagten hatten kurz vorher ebenfalls das Lokal verlassen, sich mit kräftigen Prügeln, Grölz sogar mit einem Scheit Buchenholz bewaffnet und einzeln in der Nähe des V.'scheu Hauses Posto gefaßt. Klinkel, der weder mit einem Wort noch mit einem Blick den Angeklagten zu nahe getreten war, betrat ahnungslos die Straße, als erst einer der drei, bann die anderen auf ihn, der vollständig wehrlos war, einschlugen. Er suchte durch Bitten die rohen Gesellen zu bewegen, ihn doch seines Weges gehen zu laßen, aber dies war vergeblich, bis an das Ende Staufenbergs verfolgt, suchte der schwer getroffene Klinkel zu entkommen. Die Angeklagten gestehen zu, an der Affäre beteiligt gewesen zu sein, die Hauptschuld schiebt einer auf den andern. Nur Stephan erklärt, er habe Zecher und Grölz anfänglich zugeredet, doch Klinkel zu­frieden zu lassen, er will zwar mit einem Knüppel ausgerüstet in der Nähe gestanden haben, als die beiden andern Genossen

den Ruttershäuser Burschenlausen lic Ben", iui£ man diese Art der gastfreundlichen Behandlung Fremder in Staufenberg nennt, bestreitet jedoch ganz entschieden, dem Klinkel auch nur einen Schlag versetzt zu haben. Die Angeklagten find nicht in der Lage, einen Grund anzugeben, weshalb sie den Menschen in später Stunde überfallen haben; sie gestehen aber zu, baß Zecher ihnen die Absicht, den Klinkel zu verhauen, schon vor Ostern mit- gcteilt hat und baß am 7. April der Plan in der Wirtschaft zwischen ihnen verabredet worden ist.

Klinkel schleppte sich trotz seiner Schmerzen bis nach Rutters­hausen. Der Arzt Dr. Wiegand veranlaßte, nachdem er beit Schwerverletzten einige Tage behandelt hatte, wegen Vornahme einer Operation dessen Aufnahme in die Klinik zu Gießen. In der Nacht Dom 12. bis 13. April verstarb Klinkel daselbst.

Tie Beweisaufnahme ergab, daß es 3 Personen ge­wesen sind, die am 7. April auf Klinkel eingeschlagen haben. Der als Zeuge vernommene Landwirt Heibertshausen von Staufenberg, der einige Meter entfernt war, als die Angeklagten an ihrem Opfer waren, hat deutlich wahrgenommen, daß drei Personen darauf los schlugen, erst eine, bann bie anbem beibeit Leute. Der junge Klinkel hat dies auch seinen Eltern gegenüber mehrfach ausgesagt unb schließlich auch noch in einem gerichtlich aufgenommenen Protokoll auf bas allcrbeftimmteftc bestätigt. Es wird festgestellt, baß Klinkel ein überaus friedliebender, anständiger junger Mann war, der nie Konflikte gehabt hat; er war Soldat und hat sich als solcher gut geführt. Er war bie Stütze seines alten Vaters in dessen landwirtschaftlichem Beruf, da ein anderer Sohn kränklich ist. Die Ehefrau Klinkel ist durch den plötzlichen Tod ihres ältesten Sohnes gemütskrank geworden. Durch eine Reihe von Zeugen wird bekundet, daß der Angeklagte Stephan ein ordentlicher Mensch ist, der nicht trinkt, sparsam lebt und nicht etwa streitsüchtig iift. Ebenso kann man dem Grölz nicht nach­sägen, daß er Streit sucht oder ein Trinker sei. Allerdings ver­kehre er viel mit Zecher, dessen Leumund nicht der beste ist.

Tic medizinischen Sachoerständigen erklären, daß der Tod des Klinkel infolge eines RisseS in der Blase eingetreten sei, die wohl durch einen wuchtigen Schlag über den Bauch sehr ver-i letzt wurde. Den Geschworenen wird die Frage wegen Kvrperveri letzung mit tödlichem Erfolg vorgelegt und daran anschließend für jeden der Angeklagten die Frage nach mildernden Umständen.

Staatsanwalt Reuß erklärt, cs handele sich hn vorliegenden Fall um eine äußerst brutale Tat, wie sie beklagenswerter und' trauriger wohl selten zur Aburteilung komme. Ein junger Mann von 24 Jahren, ein Mensch von seltener Friedfertigkeit habe jäh fein Leben verloren, durch die Schuld der Angeklagten, durch ein von diesen begangene» Verbrechen, das durch nichts! entschuldigt werden könne, durch eine beispiellos rohe vewalb- täligfeit haben die Angeklagten alten Eltern die Stütze ihres! Erwerbes geraubt. Tie drei Angeklagten haben einen Menschen, der sich nicht einmal zur Wehr setzte, trotzdem er sie bat, ihn doch gehen zu lassen, in der Dunkelheit aufgelauert und überi fallen, dabei waren die drei 'rauflustigen Angreifer nicht etwa angetrunken, sondern nachdem sie gemeinschaftlich den Plan ver­abredet, sind sie über den Klinkel her gefallen, und haben mit schweren Knüppeln blind losgeschlagen. Nicht etwa Eifersucht; kann das Motiv zur Tat gewesen sein, denn dazu lag feine Ver­anlassung vor. Der Staatsanwalt kommt bann auf die vor­geführten Beweise zu sprechen. Es sei bargetan, daß eine gc=t meinschaftliche Verabredung der drei Angeklagten zu der Tat ge­führt Hal. Ebenso sei erwiesen, paß alle drei darauf los gw Magen. Wer den schweren Streich, der zum Tode Künkels geführt hat, ausgeteilt habe, bleibe gleichgültig, jedenfalls habe Grölz mit dem Scheit-Buchenholz, dem geeignetsten Werkzeug dazu, den Schlag auf den Unterleib versetzt, ebenso wie es wohl, feststehe, daß Zecher der eigentliche Urheber des Ueberfalles sei. Der Antrag des Staatsanwalts geht dahin, gegen alle Angeklagte ein Schuldig im Sinne der Anklage zu sprechen, dem Zecher unbi Grölz aber feine mildernden Umjtänbe zuzuerlennen. Es sei irt der Verhandlung hierfür auch nicht ein einziges Moment her-, vorgetreten. Ter Angeklagte Stephan sei der Verführte gewesen, deshalb sollten ihm bie Geschworenen mildernbe Umftänbe zu­erkennen. i

Tie Verteidiger des Zecher und Grölz, Rechtsanwalt: Klarenaar unb Justizrat K a tz, erkennen an, daß ihre Klienten schuldig sind, plaidieren aber bei der Jugend derselben und nach Abwägung aller Momente der Tat selbit für mildernde Umstände. Rechtsanwalt Leun ist der Ansicht, es sei ein zweifelsfreier» Beweis, daß der Angeklagte Stephan mitgeschlagen habe, nicht erbracht, dieser befreite dies und der eine Zeuge,- der es be­kundet habe. Müsse sich ivohl geirrt haben. Tic Angaben des? Verletzten selbst aber seien erst recht nicht zur Belastung feinest Klienten zu verwerten. Er bittet die Geschworenen, die Schuldfragei genau zu prüfen, dann würde man zu einem Frei sprach roegenj

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157. Jahrgang

Nr. 134 Zweites Blatt

Dienstag 11. Juni 1907

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener ZamUienblStter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. Der.Hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Siehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesien

Rotationsdruck und Verlag der vrüHUschen Untoerfitfitfl - Brich- und Steindruck er ei. 9L Lauge, Ließen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag l e<9 6L Redaktion: 112. TeU-Adru An-etgerGießen.

politische Lagesscha«.

Nicht im öffentlichen Jttteresse.

Jetzt beginnt sich ein Teil der Presse mit der juristischen Seite der Angriffe auf den Grasen Kuno v. Moltke und den Fürsten Philipp Eulenburg zu beschäftigen. Fürst Eulenburg hat bekanntlich wegen der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen ein staatsanwaltliches ErmittelungSoerfahren gegen sich selbst beantragt. Wie aber wird dem Grafen Kuno v. Moltke die rasche Möglichkeit gewährt, sich von den- selben Beschuldigungen frei zu machen. Graf Moltke ist bis an den preußischen Justizminister gegangen, um die Staats- onwaltschast zur Erhebung der Anklage gegen den Heraus- geber der .Zukunft" zu veranlaffen. Vergeblich. Tie An» klage, lautet der übereinstimmende Bescheid, liege .nicht im öffentlichen Interesse". Die .Voss. Ztg." begründet dem- gegenüber die Auffassung, daß eine gegen einen hochgestellten Offizier gerichtete Bezichtigung doch wohl da8 öffentliche In­teresse beansprucht. Wenn Graf Moltke, so bemerkt die .Voss. Ztg.", selbst den Beweis anbiete, daß die Beschuldigungen unbegründet sind, so sollte eS billig erscheinen, diesen Beweis im öffentlichen Interesse' zuzulassen, wie ja auch bei einer gleichen Beschuldigung, die gegen einen hohen Hosbeamten erging, die Staatsanwaltschaft die öffentliche Klage er­hoben hat.

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Für die Einführung einergerechten Wehrsteuer" hat sich soeben der 37. pfälzische Kriegertag einstimmig ausgesprochen. Der Kundgebung dürften andere gleichen JnhaÜS folgen. Dadurch wird die Aufgabe der Reichs- regierung erleichtert, denn die Wehrsteuer wird man tatsächlich zu den kommenden Steuerprojekten rechnen können, mit denen daö Reichsschatzamt im Sommer bei den Bundesregierungen, im Herbst vor dem Reichstage auf dem Plane erscheint. Die Steuer muß, um gerecht zu wirken, sehr sorgfältig abgestuft sein. Einkommens- und VermögenSoerhältnisse sind zu berück- stchtigen. Eine gleichmäßige Kopfsteuer würde dem Grundsatz der Gerechtigkeit nicht entsprechen. ES ist mit anderem Maße zu messen, ob ber Sohn eines vermögenden Mannes oder eines wenig Besitzenden den körperlichen Anforderungen für den Dienst bei der Fahne nicht entspricht. Erträge, die zu Buch schlagen, wird die Wehrsteuer nur bei einer Abstufung erzielen, die mit sehr geringen Sätzen beginnen, aber mit ziemlich hohen Sätzen auslaufen kann._______________________

Nichts Besseres als die Landwirtschaft".

Bei der Eröffnung der Düsseldorfer Landwirt­schaftlichen Ausstellung erinnerte Prinz August Wilhelm als Vertreter seines kaiserlichen Vaters, des Protektors ber Deutschen LandwirtschaftSgesellschaft, an den Spruch auf dem Häuschen der Plönsee-Jnfel, wo der Kaiser seinen Söhnen einen kleinen land­wirtschaftlichen Betrieb eingerichtet hat: Nihil melius, nihil homine libero dignins quam agricultura. Nichts Besseres gibt es, nichts, was des freien Mannes würdiger wäre als die Landmirtfchaft. Mit demselben Spruch hat der Reichskanzler am 14. März im Deutschen Landwirtschastsrat .Stürmisches Bravo* erzielt. Ob aber, so sagt die .Köln. Ztg/, alle die Landwirte, die den Satz durch ihre Zustimmung für richtig erklärt haben, wissen, von wem und auS welchem Zusammenhang er herrührt? Daß er altromisch ist, ist zu vermuten. Bei den Römern galt ja, wie bei den Griechen, alle Handarbeit für banausisch, d. h. eines Gebildeten unwürdig. Nur der Ackerbau machte eine Ausnahme. Cincinnatus wurde 468 v. Chr. vom Pfluge geholt, um als Diktator seine Vaterstadt von den Aequcrn zu befreien. Nach getaner Diktatorarbeit kehrte er 16 Tage später zu seinem Pfluge zurück. Der Erfinder des Ceterum censeo, der ältere Cato, ber in Wort und Tat für alte Römertugend eiferte und daher auch als Zensor so scharf durch­griff, daß er davon Censorius genannt wurde, Cato suchte seine durch das überwuchernde Griechentum verderbten Zeitgenossen zum altrömischen Ackerbau mit seiner Sitteneinfalt zuruckzufuhren. Er schrieb daher eine Schrift über die Landwirtschaft, die beweist, daß er sie auch selbst ausznüben verstand. Der Plöner Spruch rührt aber nicht von ihm her, sondern von einem Nachfahren, ber vor

kleines Feuilleton.

Aus Frankfurt wird untS geschrieben: Unter den Kunstauktionen der letzten Zeit nimmt die in diesen Tagen erfolgte Versteigerung des künstlerischen Nachlasses von Meister Anton Burger die erste Stelle ein. Der Künstler, der in Frankfurt so beliebt war, ) ihm seine zahlreichen Freunde jedes seiner Bilder ofortfür einen Spottpreis abnahmen, hat natürlich rotz seines immensen Fleißes keine Schätze hinterlassen. Das ist der Laus der West. Aber der Lauf der Welt ist es auch glücklicherweise, daß wenn auch spät ein solches Unrecht wieder gut zu machen gesucht wird, und daß wenig­stens die Erben die Früchte jener Saat ernten, die der Säe- mann selbst leider nicht mehr hat sehen dürfen: Frankfurt drängte sich förmlich zu dieser Versteigerung, und dre Gebote standen jetzt oft ebensoweit über dem Werte der Kunstwerke, wie sie zu Lebzeiten des Meisters darunter ge- standen hatten (das gilt freilich nur von den Preisen, die dem Künstler bei direkten Verkäufen gezahlt wurden, der Kunsthandel hat den Namen Burger schon seit etwa einem Dutzend Jahren fruktifiziert). Ohne auf Einzelheiten ein­zugehen, wollen wir zum Beweise nur das Gesamtergebnis mitteilen, das die Summe von 46 000 Mk. erreichte, eine Summe, deren Höhe man würdigen wird, wenn man in Betracht zieht, daß unter den rund 300 dkummern an Oelbildern viele aus höchst unvollkommenen Studien aus der frühesten Zeit und an Arbeiten von Bedeutung nur Zeichnungen vorhanden waren. Besonderes Interesse er­regten natürlich die zahlreichen Porträtstudien nach be­kannten Frankfurter Persönlichkeiten.

Am Freitag ward die sehr erfolgreiche erste Frank­furter Architektur- und Bau-Ausstellung mit einem ungemein angeregten Fest in allen Räumen des Bundespalais geschlossen. Die Teilnahme war sehr stark, ein Beweis, daß die Bestrebungen dieses auf den Fortschritt gerichteten Vereins starken Rückhalt in der Be­völkerung haben. Wenn auch die von dem Verein ein­geleitete große Aktion gegen die überstürzte Beschlußfassung in SMeü Lex FrMkfurter FestMle keifren tzosiMezr Erfolg