Ausgabe 
11.9.1907 Zweites Blatt
 
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L57. Jahrgang

M. 313

Zweites Blatt

Lrfcheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

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General-Anzeiger für Oberheffen

DieSlehener Famillenblätter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das KrcUblatt |flr den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion.^^112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießew

Mittwoch 11. September 1907

Rotationsdruck und Verlag der Br Ührchen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

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y Iie Manöver.

In Westfalen spielt sich jetzt derKrieg im Frieden" änB, in Wäldern und Feldern hallt es wieder von den Massen der Infanterie und Artillerie und die Erde er­dröhnt unter dem Gestampf der Rosse. Ein ernstes Spiel ist es, das sich dergestalt alle Jahre wiederholt, gilt es doch die Kriegsbereitschaft zu stärken, Neuerungen zu er­proben und veraltete Einrichtungen über Bord zu werfen. !( Das meiste Augenmerk widmet man allerdings den sogen. J Kaisermanövern, die sich vor den Augen des höchsten Kriegs- V Herrn abspielen, und der selber das Kommando übernimnrt, um sich zu üben und zu lernen; hier werden ungeheure Massen entfaltet, wie sie der moderne Krieg verwendet, und hier werden auch in allererster Linie die Neuerungen geprüft, )! die man auf Grund der Erfahrungen eingeführt hat oder n allgemein noch einführen will. Namentlich in einer Be- ii ziehung haben sich die Kaisermanöver gegen früher be- deutend geändert: in der Ausgestaltung des Kriegsmäßigen, A das soweit wie irgend möglich durchgeführt wird. In J früheren Jahren sah man sehr schöneBilder", alles ging wie am Schnürchen, da es vorher sorgfältig vorbereitet war, man kannte ziemlich genau den Ort, wo dieSchlacht" geschlagen wurde, man kannte auch mit ziemlicher Sicher- jj heit deren Ausgang, und Ueberraschungen waren so gut 'i wie ausgeschlossen. Auch die Dispositionen waren viel- {] fach von der Lage des Hauptquartiers und Unterbringung der hohen Gäste völlig abhängig. Das ist alles völlig anders geworden, der Kaiser selbst kennt keine Schonung und lagert, wenn es erforderlich ist, inmitten der Truppen; - die sogenannte Generalidee wird nicht mehr bis in alle !) Details genau ausgearbeitet, um als Richtschnur zu dienen, * sondern den beiderseitigen Führern wird völlig freie Hand '' gelassen, sodaß nicht nach dem Schema F. operiert werden " kann.

Eine Hauptänderung in der ganzen Taktik auch im 1 Manöver hat bekanntlich sowohl der Burenkrieg, wie ganz , besonders der russisch-japanische Krieg gebracht, deren j, Lehren man jetzt in Deutschland beherzigt. Sind doch unsere - sogenannten Exerzierreglements für alle Waffen gründlich > umgeändert worden, die Bestimmungen sind vom modernen Geiste getragen, derGamaschendienst" ist auf ein Mindest­maß beschränkt, das Hauptgewicht auf die Ausbildung für das Gefecht gelegt. Diese Reform hat sich ganz vorzüglich bewährt, so daß wir mit Ruhe ernsten Ereignissen entgegen- ; sehen können, zumal auch sonst alle Fortschritte auf dem Gebiete der Kriegstechnik ihre stüchanwendung bei uns ge­funden haben. Die verschiedenartigsten Hilfsmittel, über die man früher lächelte, werden verwandt, Telegraph und Telephon finden eine ausgiebige Verwendung für Rekognos­zierung und Befehlsübergabe; selbstverständlich fehlt auch der optische Telegraph und die Funkentelegraphie nicht. Nicht minder Beachtung hat auch die militärische Luftschiff­fahrt gefunden, auf diesem Gebiete stehen wir gegenüber Frankreich in nichts zurück. Gegenüber diesem Lande sind wir auch hinsichtlich der Artillerie, deren Umbewaffnung jetzt vollendet ist und deren neues Reglement jetzt zum erstenmal unter den Augen des Kaisers erprobt werden soll, nicht mehr zurück.

Auch aus anderem Gebiete, dem der Biwakunterbring­ung, Verproviantierung usw. sind alle Einrichtungen so getroffen, als ob es sich um einen Ernstfall handle. So trifft alles zusammen, um unseren Manövern einen hohen tnilitärischen Wert zu verleihen, da man sich nicht mehr in Äußerlichkeiten erschöpft, sondern wirklich prüfen will, ob die in auswärtigen Kriegen gemachten Erfahrungen Beherzigung gefunden und die dadurch bedingten Aende- rungen unserem Heere eine weitere Stärkung und Festigung verschasst haben. Dazu kommt der gute Geist, der unsere Soldaten, hoch und niedrig, beseelt und auf den man im Auslande, speziell in Frankreich, wo man mit der Dis­ziplin so traurige Erfahrungen machen muß, mit erklär­lichem Neide blickt.

Backfischpatriotismus.

Der Brief eines in Pommern heimischen Backfisches, der die Wonne auskosten durfte, an den Kaisertagen in M ü n st e r teilzunehmen, und den dieTägl. Rundsch." der Oeffeittlichkeit üb er­mittelte, soll in seinen wesentlichsten Stellen auch unseren Lesern nicht vorenthalten bleiben. Zuerst kommt die K l e i d e r f r a g e, wie es bei einem jungen Mädchen natürlich ist:Vier Tage miiyte man andauernd weiß mit schwarz-weist-roten Bändern u. s. iv. rumlaufen. Und ein paar schmutzige Kleider waren diese h i m m- 1 lischen Tage wohl wert. Ach, es war zu, zu schön!" Dann kommen die kaiserlichen Gäste:Der Kaiser will bald mit seiner Frau wiederkommen, hat er gesagt, und alle Prinzen waren ent- ückt. Und nun stellt euch vor, tuie entzückt wir unschuldigen Back- ische dann erst sem müssen I Aber es ist ja gar mcht annähernd u beschreiben, w i e es war, und ihr würdet es ja doch nicht' ver- tehen. Rach anderthalbstündigem Warten kamen sie. Wir zwei brüllten geradezu unserHurra". Der Kaiser und seine Söhne waren so freundlich, besonders der Kronprinz grüßte lachend und nickte allen zu, so daß für ihn alle entflammten, besonders aber alle jungen Mädchen."

Ja, der Kronprinz! Von ihm fließen Herz und Mund und ' Feder der jungen Briefschreiberin über. Man höre, wie sie weiter I schwärmt:

Und dann kam der Freitag den Tay vergesse ich sicher nie! Vorimttags standen wir Spalier. Alle grüßten freundlich, als sie von der Parade kamen; der Kronprinz war der aller­en t z ü cf e n b ft e und schürte die Flammen, die für ihn lohten, mächtig, als er nun sogar umkehrte und noch einmal an uns vorüberiuhr. Wir gingen danach zur Schule, ivo wir uns etwas auSruhten, um gleich wieder loszugehen zur Eimveihung eines Krankenhauses, das Prinzessin Schaumburg eiilweihte anstelle der Kaiserin. Das war nicht sehr interessant; doch beschlossen wir da, dem Kroiiprinzen ein Ständchen zu bringen, das Seminar und die erste und zweite Klasse. Tas iviirde leider durch einen Lehrer vereitelt, der uns wütend auseinandertrieb. Doch liefen wir weg und ich mit drei anderen Mädchen machten einen Umweg

Die Lage in Marokko.

Paris, 10. Sept. Wie AdmiralPhilibert unter dem 9. d. M. telegraphiert, ist der KreuzerGalilse" im Begriff, nach dem Süden abzugehen, während der Kreuzer Gueydon" nach Rabat in See geht. Aus Casablanca, Mcv- zagan, Rabat' und Mogador sind keinerlei Zwischenfälle gemeldet worden. In dem ganzen Küstengebiet herrscht Ruhe. Wie derTemps" aus Tanger meldet, hat der in der Nähe von Marrakesch wohnende Stamm der We- nagna den Stamm der Semene angegriffen, der Muley Hafid günstig gesinnt ist.

Zum Schutze der Deutschen in Tanger sind, wie derL.-A." von unterrichteter Seite erfährt, alle Vorkehrungen getroffen. Als Gebäude, in welchem die Deutschen Zuflucht finden könnten, sind das Haus der deutschen Legation sowie noch ein anderes bezeichnet und entsprechend instand gesetzt worden. Außerdem wird, im Einverständnis mit den Mächten in Tanger, eine marokka­nische Miliz aus Eingeborenen als provisorische Polizei gebildet.

Frankfurt a. M., 10. Sept. DieFrkf. Ztg." meldet aus Berlin: Den durch das Bombardement von Casablanca geschädigten deutschen Reichs­angehörigen wird die Reichsregierung, da die Frage der Entschädigungspflicht noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, sofort auf die ihnen zustehende Entschädi­gung einen Vorschuß von 250000 Mark aus­zahlen.

London, 10. Scpt.Daily Mail" meldet aus Tanger: Die Beziehungen zwischen der fran- zösischen und spanischen Regierung sind recht heikel. Die Spanier wünschen eine größere Truppenmacht auszusenden, als die Franzosen wollen, und das Kommando der kombinierten Armee einem spanischen General über­tragen sehen. Frankreich weigert sich absolut darauf ein­zugehen.

Casablanca, 10. Sept. Das beabsichtigte Vor­gehen der französischen Truppen gegen das Lager von Taddaert ist aufgeschoben worden. Das Be­finden des Generals Drude hat sich gebessert und die Operationen werden morgen wahrscheinlich in größerem Umfange wieder ausgenommen werden. Eine große An­zahl Araber erschienen gestern bei den spanischen Vorposten, ohne jedoch einen Angriff auf diese zu unternehmen. Der eingetrofsene Fesselballon wird heute seinen ersten Ausstieg unternehmen. Den Marokkanern flößt der Ballon große Achtung ein und fte erklärten, wie berichtet wird, daß sie wohl gegen Menschen kämpfen, aber nicht gegen den Teufel vorgehen würden._______________________________________

Die japanfeinvlichen Ruhestörungen.

London, 10. Sept. Aus Vancouver wird gemeldet, daß der w e i ß e P ö b e l gestern abend wiederum Ruhe­störungen verursachte. Zuerst begab er sich ins Chinesen­viertel, wurde aber von der Polizei mit ihren Knüppeln verstreut. 26 Rädelssührer wurden verhaftet.

N e w y o r k, 10. Äpt. Tie Chinesen in Vancou­ver beantworteten ihre Mißhandlung mit der Einstel­lung derArbeit in denjenigen Hotels und Restaurants, die auf sie angewiesen und nun lahmgelegt sind. Tie Japaner unternahmen einen Umzug und ver­sorgten sich mit Waffen. Sie drohen jetzt ihrerseits den Frieden zu stören.

Ottawa, 10. Sept. Ter japanische General­konsul machte gestern beim Kabinettschef Maura und bei dem Senatsbeamtcn Laurier Vorstellungen über die Zwischenfälle in Vancouver. Man glaubt, daß die kanadische Regierung sich bereit erklären wird, Japan Genugtuung zu geben. Inzwischen werden die Verhand­lungen betr. Einschränkung der japanischen Einwanderung fortgesetzt.

Deutsche» Reich.

Berlin, 10. Sept. TieNordd. Allg. Ztg." teilt mit: Ter japanische Botschafter Graf Inouye ist am 9. Sep- tember in Norderney eingetrofsen, um sich vor seiner Ab­reise nach Japan vom Reichskanzler Fürsten von Bülow zu verabschieden.

Wie derFrkf. Ztg." aus Berlin gemeldet wird/! weilt der Abg. Frhr. v. Gamp von der Retchspartei heute zum Besuch beim Reichskanzler Fürsten Bülow in Nor- oerney.

Wie dieNational-Zeitung" gegenüber anders lau­tenden Nachrichten von unterrichteter Seite erfährt, ist es ausgeschlossen, daß der vom Reichsamt des Innern aus­gearbeitete Gesetzentwurf über das Apotheken­wesen schon im kommenden Winter den Reichstag beschäf­tigen wird.

Rom, 10. Sept. Eine vatikanische Persönlichkeit teilt mit, daß die Nachricht desDziennik Posnanski", der Vatikan habe die Kandidatur des Militärpfarrers Pre- z i n s k i auf den Posener Erzbischofssitz a b g e l e h n t, eine tendenziöse Entstellung sei. Tie Frage steht seit mehreren Monaten auf dem euren Fleck. Ter Vatikan hat sich über die verschiedenen Kandidaturen noch nicht ge­äußert und wird sich wahrscheinlich noch aus lange Zeit hinaus darüber nicht aussprechen. Ueber die Neubesetzung der Münchener Nuntiatur hat der Vatikan ebenfalls noch keine Entscheidung getroffen.

Eine 6. Armee-Inspektion.

Berlin, 10. Sept. DasArmee-Verordnungs­blatt" veröffentlicht eine Allerhöchste Kabinettsordre, nach der ab 1. Oktober statt der bisherigen fünf Armee-Inspektionen deren sechs gebildet werden, die folgendermaßen zusammengesetzt sind: Die erste Armee-Inspektion in Berlin aus dem 2., 8. und 9. Armeekorps; die zweite in Meiningen aus dem 6., 11., 12. (1. sächsischen) und 19. (2. sächsischen); die dritte in Hannover aus dem 7., 10., 18. und 13. lwürt- tembergischen); die vierte in München aus dem o., 4. und 1., dem 2. und 3. bayerischen; die fünfte in Karlsruhe aus dem 14., 15. und 16.; die sech ste in Berlin aus dem 1., 5. und 17. Bezüglich der Ernennung des General-Inspekteurs der sechsten Armee-Inspektion wird eine besondere Verfügung erfolgen.

Allgemeiner Deutscher Bergmannstag.

Eisenach, 10. Sept. Der Allgemeine Deutsche Bergmannstag wurde unter Beteiligung von über 1000 Teilnehmern im Saale der ,,Erholung" eröffnet. Handelsmi­nister Delbrück, der weimarische Minister v. Wurmb, der Präsi­dent des Reichsversicherungsamts Geheimrat Dr. Kaufmann und Oberbürgermeister Schmieder-Eisenach begrüßten die Versamm­lung. Berghauptmann Scharf-Halle a. S. und Ministerialdirektor Dr. Nebe-Weimar, sowie Generaladministrator Rudolph wurden zu Vorsitzenden gewählt. Gegen 11 Uhr erschien der Großherzog von Sachsen-Weimar.

Der 16. Internationale Friedenskongreß.

München, 9. Sept. Der 16. Internationale Friedenskongreß wurde heute vormittag hier eröffnet. Alle bayerischen Ministerien außer dem Kriegsministerium hatten Vertreter entsandt, ebenso die preußische, öster­reichische und russische Gesandtschaft. Uuiversitätsprofessor Harburger begrüßte die erschienenen etwa 25 delegierten und betonte, der Kongreß strebe nach einem hohen Ideal. Heute könne man nicht mehr sagen, das Ziel, Streitigkeiten durch ein Schiedsgericht zu erledigen, sei unerreichbar. Staatsrat v. Boehm begrüßte die Versammlung namens der bayerischen Regierung und hob hervor, das Deutsche Reich wolle den Frieden und beweise dies auch durch seine Beteiligung an der Haager Konferenz. Bürgermeister Dr. v. Brunner, der namens der Stadt München sprach, betonte, auch diejenigen, die über die Erreichbarkeit des Zieles skeptisch dächten, verkannten den idealen Wert der Friedensbestrebungen nicht. Ter 85jährige Vorkämpfer der Friedensbewegung Frederic Passy dankte namens ber, auswärtigen Delegierten. Von den früher verspotteten Zielen sei manches jetzt schon erreicht. §eute fänden die Bestrebungen der Friedensfreunde überall Sympathie. All­gemein erkenne man an, daß der Völkerhaß eine Gefahr für alle Kulturgüter fei, und daß die Wohlfahrt der Nach­barländer eine Mitbedingung sei für die Wohlfahrt des^ eigenen Volkes. Ter Friedenskongreß sandte hierauf Tele­gramme an den Prinzregenten und den Kaiser ab und be­schloß ferner, ein Telegramm an die Regierungsvertreter bei der Haager Friedenskonferenz abzusenden, in dem dem Wunsche Ausdruck gegeben wird, daß die Beratungen der Konferenz zu einem greifbaren Erfolg führen. Außerdem wurde im Anschluß an die Mitteilung von dem Ableben des französischen Dichters P r u d h o m m e die Absendung eines Beileidtelegramms tut das französische Unterrichts- Ministerium beschlossen. Sodann erfolgte die Konstituie-

im Trab, und iclj traf gerade an einer Ecke mit dem Kronprinzen zusammen und brüllte Hurra und winkte, und er nickte mir ganz allein zu. I ch w a r s e l i g l Ich rannte hinter seinem Auto, das zum Glück langsam fuhr, her und mit in den Adelshof, wo er ausstieg. Während er sich da mit einigen Damen unterhielt, stand ich iljm direkt gegenüber und sah ihn immerzu an, etwa zehn Minuten denkt bloß, wie himmlisch! Und dann, wie die Damen weg waren, streckte ich ihm meine Hand hin, und er gab mir seine Hand und hat mich angesehen. Was ivar ich glücklich! Ich konnte mich kaum entschließen, meine Hand zu waschen, aber e§ mußte ja fein. Als er wegfuhr, bin ich ihnr noch nach gerannt; aber bald war er weg. Erst um 6 Uhr kam ich zum Mittag nach Haus."

Es ist anzunehmen, daß die Briefschreiberin, wenn sie einmnl in späteren Jahren diesen Brief wieder in die Hand bekommt, selbst über ihren jugendlichen Ueberschwang als recht kindisch einschätzen und ihn belächeln wird. Daß aber dieTägl. Rundschau" diese unsinnige Backsischiade nicht als das nimmt, ivas sie ist, sondern daß sie sogar ihre Freude hat an diesemfrischen, an­mutigen Geplauder", daß sie es als einlebendiges Bild" von der in Münster herrschendeii (Stimmung bezeichnet, das ist bei einem Blatte, von dem man sonst mit Ernst und Achtung zu sprechen gewohnt ist, unbegreiflich. Tie Liebe ^u Kaiser urid Reich, zu Fürst und Vaterland ist gewiß etwas Schönes und Edles. Die För­derung aber eines gedankenlosen, kindlich blöden Hurra-Patrio- tisinns", schweifwedelnden Byzautinertums zähleii wir zu deut Unwürdigsten, dessen sich die auf sich selber hallende bürgerliche Presse schuldig machert kann.

Wir lesen gleichzeitig in einem Amerika-Artikel eines anderen Blattes, daß die Augen der a ni e r i k a n i sch e n Backsische aus- leuchten, wenn ihnen erzählt wird, daß 15 000 Schweine täglich in den Schlachthäusern Chicagos geschlachtet werden können. Diese Riesenziffer macht das Herz amerikaiiischer Jungfräulein höher schlagen. Das ist jedenfalls ein vernünftigerer und erheblich ge­sunderer Patriotismus als jener, der eshimmlisch" findet, einen Prinzen 10 Minuten lang anstarren zu können und das durch ben

Druck einer Prinzenhandgeweihte" Pätschu-7 waschen zu wollen.

Tie 6. Hanptversammluna des Deutschen Medizi- nalbeamten-Vereins findet zurzeit in Bremen statt. Tort sprach u. a. Laqueur vom neuen Rudolf Virchow- Krankenhuus in Berlin über den Wert neuer physikalischer Behandlungsmethoden und ihre Anwendung durch nicht approbierte Personen. Er streifte dabei die besondere Stel­lung der die schwedische Heilgymnastik ausübenden Per­sonen, die zwar nicht Aerzte.sind, aber eine spezielle ärzt­lich überwachte Fachausbildung genossen haben, wobei er die ärztlichen Pro teste Aeg en dasMüllern" durch­aus unterstützte, weil dieses System von schwächlichen Per­sonen übertrieben wird. Die Sormen- und Luftbäder seien als sehr wertvolle Heilfaktoren für gewisse Fälle anzu­sehen. Tie Luftbäder besonders zu Zwecken der Abhärtung sowie zur Bekämpfung der nervösen Schlaflosigkeit. Sie erforderten aber in ihrer Anwendung eine genaue Dosie­rung und dürften nicht schematisch verordnet und gebraucht werden.

K u n st ch r o n i k. Nach einer schweren Darmoperation starb im Frankfurter Krankenhanfe der preußische Kammer­sänger Julins Ai ü l l e r, der 20 Jahre hindurch an der König!. Bühne zu Wiesbaden wirkte und sehr beliebt war. Ernst v. Wild en brach hat soeben einen neuen Roman vollendet, der unter dem TitelLukrezia" tm Herbst in Berlin erscheinen wird. Herr Wilh. Diegelmann trat am 10. d. Mts. zum ersten­mal als Just inMinna von Barnhelm" auf der Bühne des Deutschen Theaters vor das Berliner Publikum. Sein ehrliches und fein nuanciertes Spiel trug ihm warmen Beifall ein. Viel­leicht hatte er die Charakteristik etwas zu weich angelegt, doch waren ihm dafür Momerite gegeben, in denen! er ganz unmittelbare Wirkung fand.