157. Jahrgang
Nr. 108 Zweites Blatt
Freitag 10. Mai 1907
Erscheint tL-üch mü DuLnohme bei Vmnllags.
Tie „fteftmer LamlllevblLtter- werden dem
-zeiget viermal wöchentlich beigelegt, dal „Krebbtatt für ben Kreis Sietzeu" zweimal wöchentlich. Ter»Hessische tonboHrT erscheint monatlich einmal.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhefien
RolattonSdruck tmb vertag der Brüh Nehm Unwerstlätl - Brech» «ll» ©tetnbtudetd.
9L Lang«. Lletzea»
Redaktion. Exvedttton and Druckerei: Schul- strahe ?. Expedition and vertag i 6L Redaktion: 112. Tel.-Adr^ Ln^gerLietz«»
Ar. A. WarLwaLd f.
Von einem Mitgliede des Kuratoriums der Provinzialsiechenanstall wird uns geschrieben: Durch das frühzeitige Hin-, scheiden des Direktors unserer Anstalt, Dr. med. Markwald- erwächst ihr ein schwerer Verlust. Siechenhäuser sind weder Krankenhäuser, nocy Anstalten zur Pflege psychiatrisch zu behandelnder Insassen, also keine reine Heilanstalten, sondern Pfleg» anstalten für gebrechliche Personen aller Art, die einer Aufsicht bedürfen, und denen man den Lebensabend behaglicher und sorgenfreier gestalten will. Wenn auch keineswegs dort nur Greise Aufnahme finden, so tragen diese Anstalten doch vorwiegend den Charakter von Altersheimen. Mit Rücksicht auf die Gebrechlichkeit der in die Sieckzenanstalten verbrachten und dort verpflegten« Personen ist jetzt überall die Forderung anerkannt, daß in erstes Linie Aerzte als Anstaltsleiter bestellt werden sollten. Die hierfür berufenen Aerzte müssen nicht nur über eine besonders vielseitige Ausbildung, eine universale Beherrschung ihres Fachs verfügen, sondern auch ausgesprochenes Verwaltungstalent aufweisen. In jeder Hinsicht erwies sich der erste Direktor der Siechenanstalv der Provinz Oberhessen als der richtige Mann am richtigen Platz. Mit großer Arbeitskraft, ernster Gewiisenhaftigkeit und mit frischem. Organisationstalent ausgestattet, hat Dr. Markwald die neue Siechenanstalt, der die Provinz eine besonders hübsche mid gesunde Lage, geschmackvolle und wohnliche Räume und eine äußerst zweckmäßige «und übersichtliche Einrichtung gesichert hat, alsbald zu einer Musteranstalt erhoben. Jeden der Hunderte von Insassen^ deren Wohl ihm anvertraut war, kannte Markwald persönlich, und so gelang es ihm, jeben Einzelnen individuell zu behandeln und auf den richtigen Platz zu stellen. Markwald war ganz durchdrungen von den hohen Aufgaben seines Standes und genoß bes- wegen auch in Kollegenkreisen das allergrößte Ansehen. Er lebte still, bescheiden, aber warmherzig ganz seinem Berufe. Es lag in seinem Wesen etwas Abgeklärtes, Sicheres und tief Humanes, was nur der zu würdigen weiß, der chn bei der Tagesarbeit beobachtet hat. Er kannte keine sozialen Vorurteile, und für ihn war der ärztliche Beruf ein hohes Amt, kein Gewerbe. Als Vorgesetzter für ein großes, zum Teil erst auszubildendes. Warte- personal war er gerecht, geduldig und doch, wo es sein mußte, kräftig durchgreifend. Da er selbst durch eine schwere Schule des Lebens gegangen war, nahm er an den Sorgen und Plagen anderer wie em mitfühlender Samariter teil. Auf diese Weise hat er viel Segen schaffen und ein schönes Angedenken, das nicht so leicht üi Vergessenheit geraten wird, hinterlassen können. Wer gestern die Trauerversammlung auf dem allen Friedhof beobachtet hat, unter der sich auch zahlreiche Pfleglinge der Siechenanstalt befanden, der wiro auf's neue erkannt haben, wieviel Liebe und Tankbarkell ein menschenfreundlicher Arzt in allen Gesellschaftsschichten erwerben kann. Nur Wenigen wird es vergönnt gewesen sein, die Weihnachtsfeiern in der Anstall, denen Markwald, unter- stützt durch die ihm beigegebenen Schwestern mll ihrem schweren selbstlosen Berufe, eine besonders liebevolle Pflege angedeihen ließ, mitzumachen. Schreiber dieses war regelmäßig zugegen und hat jedesmal tief erhebende Einorücke mitgenommen, lieber dem Regime Markwalds schwebte eben em glücklicher Stern, und so
Neues aus Rußland.
In Kowno drangen 10 bewaffnete junge Leute in die Wohnung eines Kaufmanns, nahmen diesem mit Gewalt die Schlüffel zur Kaffe ab und raubten 5 0 000 Rubel in Wertpapieren und 1800 Rubel in Bargeld. Ter Ueberfallene wurde leicht im Gesicht verletzt. 8 Personen, die der Teilnahme an der Tat verdächtig sind, wurden von der Polizei verhaftet.
In Kiew griffen in den Geschäftsräumen des hiesigen Ofsizicrvereins zwei Unbekannte den Kassierer an, betäubten ihn und raubten 12000 Rubel. Sie sind entkommen.
rrolonialpoft.
— Dm Londoner Central News wird aus Klipstadt gemeldet, daß 1100 Hereros in Deutsch-Südwefta f- rika den Hungertod starben, als sie trekllen, um den dmtschm Truppen zu entgehen. Die Leiden der Hereros, die auf diese Weise in der Wüste nmkamen, sollen unbeschreibliche gewesm sein.
Dar es <5 ata am, 9. Mai. Prinz Joachim Albrecht von Preußen traf am Sonntag von Swakopmunb in Sansibar ein und besuchte am Montag den Sultan Seyyid Ali bm Hamud.
Ausland.
Paris, 8. Mai. Der „Figaro8 teilt mit, daß der Entwurf eines Denkmals für den Fürsten von Monaco, das auf Anregung des Deutschen Kaisers und in Gemeinschaft mit ihm die anderen Souveräne Europas ihrem gelehrten Kollegen im Vorsaale des vom Fürsten Albert gestifteten Museums für Meereskunde errichten wollen, vollende worden sei. Im 9lte(iec von Tenys Puech habe gestern der deutsche Botschafter den Entwurf besichtigt. Der Fürst sei auf dec Brücke seiner Jacht „Prinzessin Alice" dargestellt, das Fernglas in der Hand, den Blick nachdenklich ms Weite gerichtet.
Abbazzia, 9. Mai. Seit einigen Tagen finden hier deutschfeindliche Demonstrationen der Kroaten statt, die begannen, als ein deutscher Sängerverein aus Klagenfurt hier eintraf, um ein Konzert für den Bau eines Krankenhauses zu geben. Die deutschen Sänger wurden von den Kroaten mit Pfeifen, Zischen und Steinwürfen begrüßt. Mehrere Sänger wurden verletzt. Die Sänger zogen ruhig in ihre Quartiere ab, während die Kroaten die ganze Nacht lärmten, ohne daß die Polizei dagegen einschritt. Die Villen und die Gasthöfe, in denen die Deutschen wohnen, wurden mit faulen Eiern und Kot besudelt. Ebenso wurde in der letzten Nacht das deutsche SchulhauS be- schmutzt. -
parlamentarisch
Berlin, 8. Mai. Die Budgetkommission deSAb- georduetenhauses besprach die Aufbesserung der Beamten besoldungen im allgemeinen. Finanzminister F-rhr. v. Rheinbabm führte aus: Jetzt seim 183 Kategorien von Besoldungen vvrhandm, die vorläufig auf drei beschränkt werden sollten. Bei den Unterbeamten sei bereits eine Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses erfolgt, bei den mittleren und höheren Beamten frage es sich, ob die Aufbesserung durch eine Erhöhung des 23ohnungsgeldzuschusses oder des Gehalts erfolgen solle, auch ob zwischen dm Verheirateten und Unverheirateten zu scheiden sei. Die Erhöhung des Höchstgehalts der Richter um 600 M k. erfordere eine höhung für die übrigm Seamten der Lokalbehörden, ob jedoch eine völlige Gleichstellung möglich sei, könne nicht gesagt werden. Der Mehrbedarf an Geld werde voraussichtlich für die unteren uiürmiiueren Beamten 36, für die oberen 4 und für die Diätare 5 Millionm betragen. Ate Erhöhung der Wo^umgsseldruschMe
Deutsche» Reich.
Berlin, 9. Mai. Tie „Nordd. Allg. Ztg." schreibt offiziös: „Einige Provinzblätter beschäftigen sich mit angeblich in parlamentarischen Kreisen umlaufenden Gerüchten, die von Differenzen zwischm dem Kaiser und dem Reichskanzler und von einer Kanzlerkrisis als derm Folge wissen wollen. Wir stellen fest, daß diese Gerüchte j eb er tatsächlichen Unterlage entbehren. Eümso unbegründet ist die Behauptung, daß Fürst Bülow unwohl sei und demnächst einen Erholungsurlaub antrete. Der Reichskanzler wird voraussichllich erst im Juli Sommeraufertthalt in Norderney nehmen.
— Zu Ehren der englischen Journalisten beab- sichttgt am 30. Mai Reichskanzler Fürst Bülow ein Garten- f e st zu veranstalten.
— Unter den wenigen Freisinnigen, welche gegen die Wortentziehung Ledebours srimmtm, befand sich auch Dr. Naumann. Jetzt bringt das offizielle Stenogramm eine Erklärung, in welcher Naumann sagt, daß .eine Abstimmung keine prinzipielle Bedeutung gegmüber der Geschäftsführung des Präsidenten Kampf habm kann, sondern nur erfolgt ist, weil er (Naumann) erst int Augenblick Der Abstimmung dm Sitzungssaal betrat und infolgedessen die Sachlage nicht hinreichend überschauen konnte.
c— Im sozialdemokratischen Wahlverein für Wilmers-
vorf, Dem Dr. Heinr. Braun, Der irmjcic neicysragsavgeoronete für Frankfurt an der Oder-Lebus angehört, war der Antrag gestellt wocdm, rhn wegm eines gegen, dm „Vorwärts" ge- ricksteten Artikels in seiner „Neuen Gefellschaft" aus dem Verein aus zuschließen. Ter Vorstand beschloß jedoch, eine Resolution vorzuschlagen, in der es heißt: „Tie Versammlung ex* wartet von dem Genossen Braun, Daß er sich in Zukunft etwas mehr Takt auferlegt und die in der Part ei üb* licye Disziplin beobachtet." In der Debatte wurde Braun vorgeworfen, daß er mit seiner kritischen Tätiglell der Partei mehr sckstide als er ihr nütze. Braun selbst erklärte, die Angriffe des vorwärts" hätten ihn zur Abwehr gezwungen. Der „Vorwärts" stehe weder geistig noch moralisch auf der Höhe seiner Aufgabe. Die Resolution wurde mit großer Mehrhell angenommen.
— Das Abgeordnetenhaus erledigte heute in zweiter Lesung v<as Wanber-Arbellsstätlen-Gcsetz und nahm eine Reihe von Amderungm vor. Tann wurde in die zwelle Beratung der Vorlage gegen die Verunstaltung von Ortschaftm und. landschaftlich hervorragmdm Gegenden eingetreten.
— Im Herrenhaus gelangte beute bei der Fortsetzung der Etat-Beratung der Justiz-Etat und der Etat des Ministeriums des Innern zur Erledigung. Bei dem erstcrm nahm Oberbürger- meister A d i ck e s - Frankfurt a. M. Veranlassung, seinen bekannten Vorschlag über Reformen in der Justiz vorzu- tragen. Redner erklärte, daß es vor allem darauf antäme, eine rationelle Arbeitsteilung vurazzuführm, damit Die Richter en Haft et werden. Justizminister Dr. Beseler sprach die Hoffnung aus, daß dem Reichstage schon in der nächsten Session ein Entwurf vorgelegt werden könne, der wenigstens einige der wichtigsten Fragen, namentlich die Frage des Amtsgerichtsverfahrens lösm wird. Auch die D u e l l f r a g e kam zur Sprache. Während von der einm Selle die Möglichkeit der Ausrottung des Duells durch harte Strafen zugegeben n>urber erklärten andere Redner, unter ihnen auch der Justizministcr, daß eine solche eingewurzelt e Sitte sich durch Strafe gesetze nicht beseitigen lasse.
Köln, 9. Mai. Die agrarische ,Lkhein. Volksstrnrme" roenbet sich in auffallmber Schärfe wegen des Ausfalles dm Reichstags-Wahlen im Kreise Schleiden-Malmedy gegen den katholischen Klerus, dem sie die Hauptschuld an Der Niederlage des Zentrums-Agrariers, des Grafen Spee, zuschreibt. Es scheint, so sagt das Blatt, als ob einzelnen Geistlichen das Verständnis dafür abginge, daß sie eine tiefe, vielleicht nie zu überbrückende Kluft inmitten des wichtigsten Standes unseres Volkes schaffen. Gerade für den Klerus Lag kein Grund vor, mit solchem Fanatismus gegen die berechtigten Wünsche der Bauern zu kämpfen. Die Herren hätten besser daran getan, Zurückhaltung zu üben, mindestens aber durch das Unterlassen der Beleidigungen und Enfftellungen im Kampf der 9)Zeinung£n zu verhüten, daß der Spruch in Erfüllung gehe: Wer Wind sät, wird Sturm ernten.
— Die Stadtverordneten genehmigten das Entlass ungsgesuch des Oberbürgermeisters Becker mll dem Ausdruck tiefsten Bedauerns, zugleich des, Dankes für seine Verdienste. Ferner wurde einfttmmig beschlossen, dem Scheidenden als Pension den Fortbezug seines bisherigen &e- halts zu gewähren.
München, 8. Mai. Pfarrer Grandinger hat dem Erzbischof Sibert auf dessen Brief geantwortet, er freue sich, daß der Erzbischof nicht gewillt sei, den Geisllichenf seiner Erzdiözese den Gebrauch der staatsbürgerlichen Rechte zu verkümmern. Er, Grandinger, stehe auf liberalem Boden, aber er sei ein Heimatkandidat seines Wahlkreises, durch ein Kompromiß aller bürgerlichen Parteien ausgestellt, und zwar zu dem Zwecke, daß der So z ia l demo j fratie nicht der Sieg in diesem Wahlkreis zufalle. AuS diesem Grunde halte er an seiner Kandidatur fesil/ — Einem Mitarbeiter der Münchener Allg. Ztg. erklärte Grandinger, er würde im Falle seiner Wahl der liberalen Partei als Hospitant beitreten und habe nach den Grundsätzen dev Liberalen freie Hand in konfessionellen Fragen.
Deutscher Neichrtag.
49. Sitzung am 8. Mai.
Auf der Tagesordnung steht zunächst der Spezialetat . des Reichs sch atz am ts. Es liegen dazu eine Reihe von Resolutionen vor.
Präsident Graf Stolberg macht Mitteilung von einem Anträge, unterzeichnet von Mitgliedern aller Patteien, sämtliche ■ R.solutionen, die zum Etat des Reichsschatzamts sowie zu dem E.at der Zölle und Verbrauchssteuern vorliegen, mll Rücksicht auf die Geschäftslage von der Tagesordnung abzusetzen. — Zur Geschäftsordnung spricht
Abg. Graf Kanitz (kons.), sein Bedauern aus, daß er und feine Freunde mit Rücksicht auf die Geschäftslage sich der Absetzung der Resolutionen über bie Mühlenums atzstener fügen müßten. Er hoffe, baß im Herbst bie Resolution sofort beraten und angenommen werbe.
Abg. Speck (Ztr.) spricht sich im gleichen Sinne aus.
Abg. Dr. Wiemer (frs. Vp.) bebauert, baß er ber Geschäftslage halber bie ben beiben Vorrebnern entgegengesetzten Anschauungen seiner Freunbe hier nicht näher begrünben könne.
Abg. Singer (Soz.) äußert sich kurz in Uebereinftinnnung mit l>em Vorrebner.
Hierauf geben Die Abgg. Nißler.Rö ficke, Graf E a r m e r ebenfalls ihrem Bedauern über die Notwendigkeit, die Resolutionen abzusetzen, Ausdruck. , ,
Zum Etat des Schatzamts betonen die Abgg. Kirsch (Ztr.) und Eickhoff (frs. Vp.) bas Erforbernis rechtzeittger Neuregelung bes WohnungsgelbzuschußwesenL.
Schatzsekretär o. Stengel erwidert, laut Beschluß des vorigen Reichstages sei die Regierung gesetzlich verpflichtet, die Frage des Wohnungsgeldzuschusses bis 1908 neu zu regeln. Die .verbündeten Regierungen würden dieser Verpflichtung rechtzeitig ;nad>fonnnen.
Beim Titil „Zuschuß zu den Verwaltungskosten der Uni» versität Straßburg" beklagt
Abg. Everling (nL) im Interesse der protcstantisch-theo- logischen Fakultät in Straßburg einen zwischen der elsaß-lothrmg. Regierung und dem Lhomasstift in Straßburg enftandeuen Zwist über die Wechselsellige Zuschußpflicht zur Deckung der Kosten jener Fakultät.
Elsaß-lochr. Geheimrat H a l l e y erwidert, ehe nicht das Maß der Zuschußpslicht des Stifts aiuf dem Prozeßwege festgestellt sei, lärmten Mittel in den Etat nicht eingestellt werden.
Nach kurzen Bemerkungen des Schatzsekretärs v. Stengel und deS Abg. Schrader (frs. Bg.) wirb ber Etat bes Schatzamts genehmigt. Es folgt ber Etat ber Zölle nnb Verbrauchssteuern. Die Etats der Zölle, der Tabaksteuer, Z i - goretenfteucr, Salzsteuer, Zuckersteuer werden debatte- los genehmigt. Beim Etat der Maischbottich st euer rügt
Abg. Südckum (Soz.), daß bie Kommission jur Vorberatung ber Maischraumsteuer-Novelle burch Verschleppung beren Zustanbekommen noch in bieser Tagung verhinbere.
Abg. Speck (Ztr.) nimmt die Kommission gegen diese Bor- üvürse in Schutz.
Bei den „Reichs stempel abgaben" bemerkt der
Referent Abg. Dr. Arendt, in der Kommission sei sest- aestellt worden, baß bie Wirkung bes Gesetzes von 1906 betr. Befreiung der Reick)s- und Staatsanleihen von dem Emissions- ftempel gleich Null gewesen sei.
Abg. Graf Kanitz (kons.) hofft, daß die Befreiung der Reichs- und Staatsanleihen vom Stempel wieder werde rückgängig gemacht werden.
Abg. Dove (frs. Vg.) bringt eine Beschwerde aus Handelspreisen zur Sprache, daß bei Sendungen, die in einheitlichem Transport, aber in gebrochenem Verkehr expediert werden, bei ben Reexpebllionen ber Frachturkunbenstempel zweimal erhoben wllb nnb bittet um Abänderung.
Schatzsekretär o. Stengel erwidert, hier handele es sich um einen Wunsch, bem man nur Rechnung tragen könne, wenn uian ben Weg bes Gesetzes betrete. Unb bas könne man jetzt noch nicht tun, wo bas Gesetz von ,1906 noch nicht einmal ein Jahr in Kraft sei.
Damit ist auch bieser Etat erledigt. — Es folgt dann der .Etat für das Südwe st afrikanische Schutzgebiet.
Abg. Graf Hompesch (Ztr.) erklärt, nachdem bie Zentrums- anträge wegen ber Truppenstärke abgelehnt worben seien, habe man keine Garantie gegen eine baucinbe Belastung ber Kolonie unb bes Reiches mll Ausgaben in einem Umfange, wie sie seinen Freunben nicht nötig erschienen. Deshalb werbe sich bas Zentrum hier ber Stimmenabgabe enthalten.
Abg. Lebebour (Soz.) geht nochmals auf bie Verhältnisse ftn der Kolonie ein.
Kolonialdirektor Dernburg bestreitet, daß, wie Herr Lede- bonr andeutet, die Kolonialverwaltung Kapitalisten in die Kolonie einführe mit der Aufforderung, sich zu bereichern. Falsch ist auch, als ob wir jedermann diskretierten, der an der Kolonial- verwaltung Krllll übt. Er bemerkt ferner, Ledebour hatte sich auch beschwert, daß der Kommandeur in Südwestaftika gegen 1700 Hottentotten nach der Haifisch-Insel hätte bringen lassen. Aber wir konnten diese Leute unmöglich im Rücken unserer Truppen in Windhuk lassen. Während noch die Verhandlungen schwebten, fei den Leuten beigebracht worben, baß sic beportiert werben sollten. Da würben sie so aussässig, baß sie schleunigst nach ber Haifisch-Insel gebracht worben wären. Nun sagt Lebebour, bie große Sterblichkeit unter ben Hottentotten auf bieser Insel sei eine Folge ihres Aufenthalts baselbst gewesen.
Ter Etat für Sübwestafrika wirb bann genehmigt. Außerbem gelangt zur Einnahme bie Resolution ber Bubaetkommission: Der Reiä>stag erwarte, baß bie vom 1. Oktober 1907 ab in Höhe von 4000 Mann in Sübwestafrika oerbleibenbe Truppe nach Maßgabe bes fortschreitenben Eisenoahnbaues unb ber zu- nehmenben Entwicklung unb Beruhigung bes Lanbes verringert werben wirb.
Llolonialbirektor Dernburg erklärt hierzu: Wir stäuben auf bem Stanbpunkt ber Resolution unb auch auf bem Standpunkt, daß eine Beunruhigung des Ovambo-Lanbes oermieben werden solle.
Freitag: Etat des Reichstages, der Reichsschuld, Ergänzungs- etals, soweit sie noch unerlebigi sind, Petitionen.
für höhere und mittlere Beamte erfordere 20, , dll A u i - beifetung der Lehrer 30 und ber Geistlichen min* bestens 5 Millionen, bie Erhöhung ber Pen sionen- unb Reliktengelber 20 Millionen; insgesamt betrage ber Mehrbedarf über 100Millionen. Zur Deckung werde eine Erhöhung der Einkommensteuer ein treten mühen.
— Die Budgetkommission des Reichstags beriet den vierten Ergänzungsetat betteffend die einmaligen Beihilfen für Beamten. Reichsfchatzsekretär Frhr. v. Stengel gab dabei die Erklärung ab, daß von der Wllkung bes Gesetzes auch die Diätare des Reichstags, die Telephonistinnen unb die Post- und Telegraphen-Gehilfinnen betroffen würden. Der Etat wird angenommen. Es folgt der fünfte Ergänzungsetat. Soweit er sich auf die Expedition nach Südwestafrika bezieht, wird er angenommen. Sodann wird die Frage der Entschädigung der Farmer beraten. Gegenüber den Vorschlägen aus der Kommission, die geforderten 7 J/2 Millionen ganz ober teilweise als fünf pro gütiges Darlehen zu bewllligen, spricht sich Kolonialbirektor Dernburg gegen biese (Srkbigung der Äitschädigungsfrage aus. Dr. Seniler stellt einen Antrag, nach dem die Hllseleistung als zinsloses Darlcl)cn gegen Eintragung einer Rente von 5 Prozent, in der der Gmmdbesitz des Darlehnsnehmers zugunsten des Reichs zwecks Amortisation des Darlehens ab 1. Januar 1913 ^erfolgen soll. Der Anttag Semmler wird mit 13 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Mll 15 Stimmen werden dann 5 Millionen bewilligt. Ferner wird der zweite Teil des Antrags Semler migenommen, nach welchem dann Hilfeleistung unter der Voraussetzung erfolgt, daß anderweitige Ansprüche auf Entschädigung gegen das Reich oder die töoftnnen nicht gestellt werden.
Der Kaiser unterwegs.
Am Mittwoch nachmittag um 3 Uhr verließ der Kaiser im Automobil Karlsruhe. Der auf dem Karlsruher Bahnhose zur Abfahrt bereltsteheube Souberzug würbe in letzter Minute abgesagt, unb luhr nur mit ber Dienerschall nach Wiesbaben. Ter Kaiser fuhr über Speier, Worms und Oppenheim nach Wiesbaben, wo er um 8|47 Uhr eintrat Er wohnte alsbald der Probe von .Gotberga8 von Lauff im tömglicheu Theater bei unb llchr am Donnerstag früh um 9 Uhr nach Homburg, wo er mittags 1 Uhr eintrat und zur Früystückstasel Den Geh. Baurat Professor Jacobi bei sich sah. Am Stachmutag machten bie Majestäten im Automobil einen Ausflug nach Der EaperSburg, welche unter ber Führung bes Proiessor Jacobi besichtigt ronrbe. Tie Abreise bes Kaisers nach Wiesbaden ettolgte am abend um 91/, Uhr.


