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Erstes Blatt
L 5 7. Jahrgang
Freitag 11, JarrnarlOO-
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aufjn ttonnlogi.
Lern Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt de Siebener Zamilitn- bifltter viermal in der XJodje deigelegt und zweimal wöchentlich daS HitUbloll |Ur den Krell -iebeiu. Ferusprech-An- schluß I. d. ’Jtcbafuon 112 -Verlag u. Expedition 51
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefsen
<2l*nla»er Botationsbrud und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Vuch- und 51eindrudereü B. Lange. BedaMon, Expedition und Druckerei: schuijtratze 7.
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5>ie heutige Kummer umfaßt 10 Seiten.
Zur ZSaylvewcgung.
Gießen, 11. Januar 1907.
Die Erklärung des Gießener liberalen Wahlausschusses und seines Kandidaten, den Wahlkampf sachlich führen 311 wollen, ist auf allen Seiten mit Freuden begrüßt worden und findet erfreulicherweise auch auf gegnerischer Seile in unserem Kreise zumeist Nachahmung. Freilich haben, wie man uns erzählt, in manchen ländlichen Orten unseres Kreises sozialistische dumme Jungen, halbwüchsige Arbeiter, allerhand Schabernack an den Fuhrwerken liberaler Wahlredner getrieben, Schrauben gelockert und anderen Unfug verübt, was zum Glück rechtzeitig bemerkt wurde, sodaß Unfälle bisher vermieden worden sind. Immerhin hätten die Führer der Soziatdeuiokralie in unserem Kreise die Pflicht, aus daS allerslrengsle derartigen Rüpeleien vorzubcitgen. Behauptet doch gerade diese Partei besonders, die Erziehung zu Bildung uttd Gesittung fördern zu wollen. Man nimmt eben den 'Mund voll und handelt dagegen.
Immerhin ist der Ton der sozialistischen Redner und der sozialistischen Presse in ganz Hessen im allgemeinen nicht zu beanstanden. Doch man vernehnie, wie das Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei, der Vorwärts, Bildung verbreitet. Gr beginnt eine Wahlbetrachtung über den vierten Bcrllner RcichStagtzwahlkreiS wie folgt:
.Ter vierte Wahlkreis gehört zu den Trauben, die den freisinnigen Füchsen zu sauer sind. Die Frucht hängt ihnen zu hoch, weil un vierten Wahlkreis die Arbeiierbevölkerung zu stark Deuteten ist. Lo viel Einsicht haben die freisinnigen Bauch» r u t s ch e r doch noch, daß sie keinen Arbeiter für duselig genug halten, sich zu den politischen Eunuchen zu gesellen/
DaS steht ganz auf der ,BildungS*-Slufe, die die Sozialdemokratie in Frankfurt tu O, unserer gestrigen Meldung zufolge einnimmt.
Line Wahlversammlung in Klein-Linden wurde, wie man uni berichtet, von Herrn L u h eröffnet. Rechtsanwalt Kaufmann gab bann einen kurzen Bericht über die Reichstags- auflosung. ES haben, so führte er bann auö, bei der Reichstags- Nicht 1903 25 Pro-, nicht gewühlt, und das sind fast nur aut situierte Bürger. Dadurch hatte die Sozialdemokratie ihre großen (iijulge. Hatte die Partei der Nichtwahlcr abgeflimmt, so wäre it.l ridxx natu-nullibettue Abgeordnete mehr hincuigekommen. Der ssrducr erkennt das Verhalten der Freisinnigen in Gießen hoch en. Slöljlera Kandidatur hatte man ja erwartet, doch der Anti- slinitiSinus hat bei uns abgewirtschaftet, sei gespalten. Köhler tvvr Abgeordneter von 1893—1903, aber er ging nur sehr feiten rach Berlin, sodaß uni er KreiS fast nie vertreten war. Bon b:.i ca. 2uOO SiLungen dieser 10 yaljre wohnte Köhler nur 132 tiaungen bei. Von 1898—1903 war er nur fünfmal in Berni». .,Köhler ist nur eine Ziffer in der Fraktionsliste gerat'?en", sagte fti.it Parteifreund v. Liebermann. Auch in Zukunft raürve Löhter den Kreis nicht vertreten können, beim er ist Landtags- abgtutbneter und 2. Präsident der Kammer, Mitglied der Land- lvirljchajtSkammer usw., sodaß er fast immer verhindert fein wurde. Krumm sei per önlich ein sympathischer Mann, aber er würde in Bersin nur unter der Fuchtel Bebels stehen und mit ' seinen mitunter recht vernünftigen Ansicksten nie« durchkommen. Denken wir an Cramer in Darmstadt, der wegen seines Besuchs beim Großherzog sein Mandat nieberlegen mußte, gezwungen von öebcl; denken wir an die Glückivunfchadrefie bei der Geburt btd ErbgroHerzogs. Die Sozialbemolratie ist nur Neinsagerin; sie b-4 nichts jur die Arbeiter getan, lebt vom Geld der Arbeiter unb hat stets gegen bie Arbeiterfürsorgegesetze gestimmt. Die Ar- btüeriujubgeiebe bieten d-bei Äewunbernstmrtes. Täglich kommt V/z Million der Arbeiter,chast zugute, also jährlich 545 Mill., gegen den Willen der Sozialdemokratie! Die Landwirtschaft Lme unter sozialistischer Herrschaft völlig zu kurz, da ja bann alles Privateigentum aushöten würde. Der Ltberaitsmus will Die Landrairtjchasi in ihrem »tzsnanlde stärken, die Sozial- ymohahe dagegen erklärt dem Gwßbauern roie dem kleinsten Zauern den Krieg. Kommerzienrat Heyiigenstaedt bietet durch langjährige gemeinnützige Tullgleil bie Garantie, daß er auch in Julunit bie Interesien aller Wahrer unseres Wahlireises uer- Itcten würde. Was er sür seine Arbeiter getan, vieiet auch den !übe item bie sicherste Gewähr, baß er auch im Reichstag für sie in tritt Er hat große Summen für bie Arbeiter freiwillig ge- Kubet, ebenso fwr Wohltochigkettseinrichimigen u|w. und ist cts für bie Landwirt,cha,t emgetreten. (Leohafter Beifall.) — ommerzienrat Heyiigenstaedt ergriff bann das Wort unb kr,prach, bei etwaiger Wiederwahl auch im neuen Reichstag naaj jeder Beziehung feine Schuldigkeit tun zu wollen. (Bravo!) - Schnell (Soä.) wandte sich zuerst besonders gegen Köhler, aber erging sich dann auch in Ausfällen gegen bie Natwnat- Ücralen und ihren Kandidaten. Dann sprayen noch Heysigen- iubt und Stadtv. Kirch und widerlegten vcrichiedene An- giilfe. ES war bereits gegen 1 Uhr, als der Vorsitzende.Luh die Versammlung schloß.
Auch in A 11 e n d 0 r f unb Steinberg fanden gestern abend sterk besuchte Versammlungen der Liberalen statt.
Gestern abend redeten ferner namens des liberalen Wahl- euöichusscs Dr. Krausmüller und Riedel nebst zwei Licher Herren in Hattenrod, Harbach und Ettingshausen. Lc. Krausmüller sprach in einer gut besuchten, äußerst ruhigen Versammlung in Hattenrod in sachlicher, vornehmer Weise. In Harbach erläuterte Riedel die innere und äußere Politik der leiten Jahrzehnte, redete dann über bie Kvlonieen unb polemisierte klyl tcßlich gegen ben Umsturz. Seine oft von Zustimmung unler- hrochenen Ausführungen schlossen mit einem Hoch auf das Vaterland, in das begeistert eingestimmt wurde. Dr. Krausmüller ! sprach noch in Harbach vor, überbrachte den Harbachern die Grüße heyligenstaedts und ermahnte sie, dem Kaiser als schönstesi Ge- burtstagsgesck)cnk einen nationalen Abgeordneten zu bescheren. Die von allem Parteihader freie Versammlung unterschied sich ganz vesentlich von solck-en, die Genossen durch Lärmen zu stören suchen. In Ettingshausen überließen die Gießener Herren den Herren Keck und Mulch aus Lich die Leitung. In jener Äcqenb wissen die Leute, wer sie recht vertritt und wen sie zu Wien haben, auch ohne große .Agitation.
ÜJiQn schreibt und aus Hassenhaus en, Kreis 'JJlarbunj :
Sie schreiben in Nr. 6 Ihrer werten Zeitung, doß Herr Köhler in einer Versammlung in Hungen sich darüber enb rüstet habe, daß Psio.c.ioren, Richtei., Kommersienrate, studierte Leute n. a. auss ßani> kämen, um die Bauern zu belehren. Ein Parteifreund Köhlers, Oberlehrer Werner aus Gießen, hat in unserem Wahlkreis in vielen Versammlungen für Dr. Böhme gesprochen. Auch im Wahlkreis Gießen hat Werner für slöhler schon gespwchen, z. B. in Treis a. d. L. Da nun nach Meinung Köhlers die studierten Leute keine Ahnung haben von der Landwirtschaft, warum veranlaßt er denn da nicht Herrn Oberlehrer Werner, zu Hause zu bleiben? Außerdem möchte ich an Herrn Köhler die Frage richten, was die Herren Lattmann, Schaak, Naab, Dr. Böhme, Nipper usw. il-rem Berufe nach sind? Es wäre erwünscht, von Köhler eine verständige Antwort zu erhalten. Gibt er sie, bann bars er sich in Zukunft nickst mehr darüber entrüsten, roenn Gießener Professoren usw. hinausgehen, um sür ihre Partcisache zu arbeiten. Man muß diesen Herren dankbar sein, daß sie sich dazu hergeben, auf dem Lande zu arbeiten, damit ein Mann roie Köhler dem Reichstage lern bleibt.
lieber eine Wählerversammlung in Großen-Buseck wird und berichtet:
Die von der liberalen Partei einbcrufene Wählerversammlung war überaus zahlreich besucht. Ter geräumige Saal war voll besetzt; es mögen wohl über 300 Wähler der Einladung gefolgt sein. Musterhaft war die Ordnung. Während der mehr als dreistündigen Verhandlungen war nicht die geringste Storung bemerkbar. Prof. Luley ging in seinem ruhig und fachlich gehaltenen 6/< stündigen Vortrag aus von den Ursachen b.r Reichs- lagsaufiösung, besprach die Kolonien, die Alarme und deren fltotwendig leit und bie Ste.lung der verschiedenen Parteien hierzu, Handel, Industrie und Landwirtschaft. Zuletzt charalterisicrle et die drei Kandidaten Krumm, Köhler uno Heyiigenstaedt und empfahl schließlich letzteren zur Wiederwahl. Lautlos und mit größter Aufmerksamkeit lauschte die Venammlung den intc»> cssanien Ausführungen des Redners. Herr Beckmann, Agitator der sozialdemokratifchcn Partei, sprach dem Redner zu Beginn seiner Entgegnung seinen Dani.' aus für bie ruhigen und fach. sichen Ausführungen. Auch er befleißigte sich anfangs in gleicher Weise zu erwidern; doch zog er sich bad d..ra, seine Uebertreibungen unb Verallgemeinerung einzelner Fälle heftigen Widerspruch zu. Die sozialpolitischen Gesetze wurden einer herben Kritik unterzogen. Mit schon seit 20 Jahren gehörten Schlagern suchte Herr Beckmann seine und seiner Partei Mängel zu verschleiern. Doch vergebliche Muhe. Die Herren Eichenauer und Luley zogen rücksichtslos ben Schieier weg, wiesen überzeugend bie Haltlosiglest der Behauptungen und die Uebertreibungen des Gegners nach. Herr Beckmann hat bie gegen 12 Uhr gefchiossene Versammlung gerate nicht mit bem stolzen Bewußt,ein eines Siegers verlassen!
Aus Lauterbach wirb uns, eine unserer neulichen Bemerkungen bcstäligenb, mitgctei.t, daß bet nationallib. Reichstags- kandidot Dr. Wal lau täglich Versammlungen im Wahlireise abhält, bie durchweg vorzüglich besucht sind, und daß der Bevölkerung namentlich seine ruhige und sachliche Art gefällt. Dr. W. erwähnt seine Gegenkandidaten m t keinem Wort und vermeidet jeden persönlichen Angriff.
Eine in Benshemi stattgehabte Verlrauensmännerversammluiig des Bundes der Landwirte i>at mit großer Majorität als ftanbib.’.tcn des Bundes der Landwirte fi.r den Retchstagsroahl- kreis den Kammerpräsidenten Haas proklamiert.
Aus dem Wahlkreise Bingen erfährt man jetzt, daß Frhr. v. H e y l an den bisher. Reichstagsabg. Schmidt ein Telegramm richtete, das etwa lautete:
„Sorgen Sie dafür, daß Ihre Freunde in Friedberg und Worms die Nationalliberalen unlersti-tzen, so werde ich Sorge tragen, baß Sie die Stimmen der nationalliberaien Partei erhalten."
Da die bisherigen Vertreter von Friedberg und Worms aber, Graf Oriola uno Frhr. v. Heyl, betannllich vom Liberalismus nur den Namen haben, war ein Eingehen aus dieses Verlangen ausgeschlossen. Dagegen hat sich ein dort in leitenden Kreisen befindlicher hochangcsehener nationalliberaler Großindustrieller dahin ausgesprochen, daß die von dem Bund der Landwirte vorgeschlagene Äanoibatur des parteilosen Großgrundbesitzers Keller-Stein-Bockenheim nicht von allen Nationalliberalen unter st ützt wird. Denn K. steht in Dem Verdacht, daß er ein extremer Agrarier ist. Tie Mehrzahl der N a ti0 n a11 iber a 1 en des Wahlkreises Alzey-Bingen würde in Wahrung des liberalen Prinzips gegen die von der Parteileitung ausgegebene Parole sür den fr eis. A b g. Schmidt stimmen, weil das Frantsue.er Programm der Freisinnigen dem Nalionalliberalismus weit näher steht als das Su den Konservativen hinneigende Programm des Bundes der Landwirte. Im übrigen sei, so führte der nationalliberale Großindustrielle sehr richtig rociier aus, die zwischen Nationalliberalen und Freisinnigen nickst zustande gekommene Verständigung nicht sachlicher, sondern persönlicher Natur. Hätte man seitens uer nationalliberalen Parteileitung von der auch bei vielen nativnalliberalen Wählern entschieden verurteilten Aufstellung der Großgrundbesitzer Oriola und Heyl abgesehen und andere Kandidaten, einerlei welche, ausgestellt, dann wäre in ganz Hessen die Vereinigung der Liberalen zustande gekommen. Die wirklich liberalen National liberalen seien nicyt gewillt, Heyls und Oriolas wegen ihre freiheitlichen Prinzipien der Reaktion zum Opfer zu bringen.
Eine liberale Rede.
Man schreibt uns aus Tarinfiadt, 10. Januar:
Gestern abend sprach hier (wie schon kurz berichtet) auf Einladung der Jungliberalen der bekannte Führer in dieser Bewegung, Redakteur Dr. Brun Huber anS Köln, der geilem abend es als Aufgabe des Liberalisnius bezeichnete, den 'Dleiiichen von der ökononiifchen Abhängigkeit des anderen zu beiteten. Von liberalem Standpunkte aus m es doppelt erfreulich, daß die hiesigen Jungliberalen Dr. Brunhuber zu ihrem Sprecher in diesem Waylkampte erkoren hatten. In jedem Falle darf die gestrige Rede des Kölner jungliberalen Führers als ein Wegweijer angejprocheu werden, der den Nanoualltberalen und Jungliberalen in Helfen dte richtige Marjchroute angibt, auf der sie zu einer Regeneration des Stattönalliberalismus und damit zu einer tauch von ihnen ,a gewünfchlen) Einigung des Liberalismus gelangen. Hier einige markante Stellen aus dem Vortrage Brunhubers:
Der jiuigliberale Redner protestierte schatt und unter starkem Beifall der Verjammlung gegen Uebergrlffe des persönlichen Regi-
meins, aus bereit Konto namentlich die Versummung mit Englau. zu sehen sei. Und weiter gelhelt er die absolutistische Wirtschaft Hochadels in der deiltschen Diplomatie. Auch hier müßten bie stelle» nicht nach dem höchsten Adel, sondern nach dem höchsten Alaße an Intelligenz vergeben werden. In der inneren Politik war es der sehliuimile Fehler, daß man die deicksche A r b c 11 c r- schait außerhalb des deutschen B ü r g e r t u m s gestellt hat. Wie man die Regelung unserer auswärtigen Wirtschaftsbeziehungen unter dein Gesichtswinkel der Junkerpolitik betrieb, so auch die innere Politik, beispielsweise bei der Fleischteuerung. In den jetzigen Handelsverträgen trete daS agrarische Interesse zu stark hervor. ES hätte statt befielt eine inbuftrielle Handelspolitik gemacht werden müssen. Eine Einigung der liberalen Parteien iväre schon lange erzielt worden, iveim anderseits die Freisinnigen, trotz ihrer vicliad) berechtigten Kritik, nicht so ost vergessen hätten, ben gesunden Fortschritt der deutschen Arbeit und das Äufbluhen des Vaterlandes zu bet<H^. Zur 9luf- rechterhaltimg unseres Wirtschaftssystems sei eine llolonial- und Flottenpolitik notwendig. Dte Regierung hat es aber selbst verschuldet durch vieliaaie schwere Mißstände, daß statt einer Koloiiialbegeisterung oft sogar ein Kolomalhaß Platz gegriffen hat. Auch der deutsche Arbeiter muß nach unb nach erkennen, daß zu r Forts ü h r u n g der deutschen Sozialpolitik auch dre Flotten - und Kolonialpolitik gehört. Bernstein hat selbst gesagt, es kommt bei der Kolonialpolitik nicht auf daS ob an, sondern aut das iv iel Der Begriff .national" ist in letzter Zeit etwas schal, etivaS abgegriffen worden. Aber es ist doch eine Verblendung sondergleichen, wenn die Sozialdemokratie wieder bie Losung ausgibt: biesem Staate keinen 9)lann und keinen Groschen. Tie Liberalen haben dieser Partei gegenüber von An'ang an den Fehler gemacht, daß sie nicht ernsthaft die Frage erörterten, ob beim nicht ein berechtigter Kern hinter ben Vestrebuiigen ber Sozialdemokratie steckt. Man hat leider nickt hinter die robnfte Darste.ung des nackten Daseins dieser Partei zu blicken versucht. Allerdings macht jetzt tue Art, roie die Sozialdemokratie den Klasjenkanipi predigt (das Prinzip der Ar- beucrflafie muß zum herrschenden gemacht werden), eine Versöhnung mit dein Bürgertum unmöglich. Indessen die ,Rom- pottschüsjel- der sozialpolitischen Fürsorge des «taates ist teincS- wegs voll, sondern bcdari noch sehr des Aniüilens. Ter uiigesunden sozialdciiiokratiichen Beivegitug müssen die liberalen Parteien aller Schattierungen cme gesunde A r b e i t e r p 0 l i t i k gegenüber- stellen, deren oberster Grundsatz lautet: Gleichstellung der Arbeiter im B ü r g e r t u m e.
In der TiSkussion sprach u. a. der Kandidat der Freisinnigen, Pfarrer K 0 r e 11. Er konnte den Jungliberalen zuruien : habetia popam, möge sein Geist unter Euch lebendig sein l ES mußte an- gefichts der wesentlichen Ueberemstimmung KorettS mit der Rede Lr. Brunhubers interessant sein, rote der Letztere zum Schlüsse seine Antwort gestalten würde.
Tieses Schlußwort des jungliberale nR efe Renten war nicht die direkte Empsehlung der Kandidatur Osann, sondern nur eine Mahnung an b c \x‘ nationalliberalen Kanbibaten, volkstümliche liberale Politik im Reichstage zu betätigen.
Die naitonalliberalc Marburger Kandidatur in nationalhbctaler Beleuchtung.
Unter dieser Aufschrift lesen wir in der nat.-soz. Marburger ,91. Hess. Landesztg.^ folgenden Brief, den ein llltar- burger Professor erhalten hat:
„Verehrter Herr Prosessor! Sie wissen, wie sehr ich Sie. schätze und verehre. Wollen Sie mir da einen Bries in unserem groben Kasseler Wahlton gestatten, einen Bries, tx-r mögucher- roeije — ui) fenne die Marburger Paneiverhältnifse nickt —
selber trifft? Wer ist der „Politiker" gewesen. Der bie ganze aussichtslose Sonderkandidatur Siebert ausgebracht h.-.l? Urne solche Dummheit ist nur in Deutschland und aud) da nur in einer Universitätsstadt möglich. IchNali 0 - nalliber aier toünsche Ihnen, daß Sie keine 100 Stimmen auf Ihre Kandidatur Siebert befommi-n. iu Marb^rg^r mögen die Kundgebung Bülows lesen uiid b«nn bie StanbibaLtr Siebert zurückziel)en! Zum Selbstmord und zur Selbstzersleischung ist für uns Liberale die Zeit nickt ngetan! Sind Sie getroffen von dem, was ich sage, dann bitte ich, mir zu verzeihen! Sind Sie aber meiner Ansicht, d^nn roare es mir recht und erwünscht, roenn Sie bie entsprechende Stelle meines Brieses in Marburger Blättern verösfensiichcn mit folgender Unllrschrisi: Pro f e s s 0 r S u n k e l, Vorstandsmitglied des nationalliberalen Wahl- oeretns zu Kassell"
„Für den Kriegsschatz der ZentrumSpartei" erhielt die klerikale .Köln. Vollsztg." auch aus England (Insel Wight) einen n a in h a s l e n Beitrag mit dem Wunsche: „May they win tbie yreat battle as they have doue betöre!“ ('Mögen Sie bieic große Sckflacht gewinnen, rote Sie eS früher getan haben!)
Wir vermuten, daß der Spender ein deutscher Zentrnmsmann ist, der sich aus irgendwelchen Grimden jenseits des Kanals aufhält, denn es ist mit der Reichsiagsaustojung dem Zentrum doch nicht io bitter Unrecht getan worden, das das hüljsbereiie 'Mitleid eines Ausländers rege werden tonnte, zumal im protestantischen, kühl urteilenden England. Sind doch selbst nicht alle deutschen Katholiken mit dem neuesten Zentrumskurse einverstanden. Tie Wahl- hülle aus dem Ausland wird für die Parte» kaum sehr ergiebig werben, sie bedarf der Geldmittel wohl auch weniger, als andere Parteien. Tas wissen die Zentrumssreunde im Ausland so gut wie im Inland.
Das bayr. Zentrum e.uüfinbet peinlich das Vorhandensein zweier Zentrumskandidaturen im Reichstags.vahlkreise Regensburg, bie Herren 0. d. Pfetten uno ReDatteur »ab.
Tie NutlonaliiOeraien im 1. oldenburgischen Wahlkreise haben den Freiherr»» 0. Hammerstein aus Abeulheuren in Birken- C'b als Kand d ten aufgestellt.
politijd)e Gaacifcbatu
Tie Beifetzang oer König»»» Marie von Hannover wird in G m n n d e n in elioa acht Tagen- stattfinden. Die Könlgm hat große Summen für Legate und wohltätige Stifliingeu hinterlassen, die Hannover zugute kommen fallen. Unter den Kondolenz-Telegraminen an die Familie des Herzogs von Cumberland befindet sich auch eins der deutschen Kronprinzessin.
Der 89 jährigen Exkönigin war gleich der Exkaiserin Eugeiiie das tragljche Schicksal beschieden, den Zusammen- brnch ihrer Herescherherrlichleit um viele Jahre zu überieben. Erbarmungslos rollie das eherne Rad der Geschichte über


