Ausgabe 
8.6.1907 Zweites Blatt
 
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Nr. 133

Zweites Blatt

157. Jahrgang

Samstag 8. Juni 1907

Erscheint kl glich mit Ausnahme des Sonntags.

DieStetzener ZamkUendlStter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Derhessische Landwirt" erscheint monaUtch einmal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck and Verlag der Brüh lachen UnwersuälS - Buch- and Steindruckeret. R. Laag«, Lietzen.

Redaktion, Exvedition and Druckerei» Schul- stratze 7. Expedition und Verlag i 6L Redaktion:113. teL-äbtj An»«tg«rLietzeo.

Deutsche» Reich.

o, 'J; 2uni. Deute traf der Kaiser wieder auf dem

4,rumnüfruug§i>I^ .Tobend em und besichtigte zunächst das 2. Gard^Ulanen-Regnnent. Inzwischen nahm bie Garde-Kavalls- rlv-Tiviswn (auLfchlreßlrch des 1. Gardeslanen-Rcgimcnts) Aus. "bllung., ^er Kar,er exerzierte die Division; hieran schloß sich erne Gefechtsübung Um 10 Uhr begann ein zweites Gefecht, das bis gegen 12 Uhr dauerte Tie Kaiserin und die Kronprinzessin wohnten den Hebungen ber.

Justiz Minister ha't es abgelehnt, die Staats- anwaltschast zur Erhebung der öffentlichen Anklage gegen Maximilian Harden wegen der gegen den Grafen von Moltke genuteten Artikel derZukunft" anzuweisenGraf Moltke hat daraus hm gestern die Privatklage eingereicht.

^er Tagesztg." zufolge nahm Staatsminister a. D.

ö. Podbielski am (. Juni den Ehrenvorsib des Bundes der Landwirte über die Provinz Brandenburg an

~ ^e.nAcrVJ0?rn in den Gehaltsbezügeneiniger höherer Richterkla>sen werden, wie dieBoss. Ztg." Höri, erwogen. Es handelt sich, dabei um die Landgerichtspräsidenten, Ober-Staatsanwälte und Senatspräsideitten der Lber-Landesge- richte und Ober-Verwaltungsgerichte.

Das Zentrum hat im Abgeordnetenhaus,: einen Antrag eingebracht, die Staatsregierung zu ersuchen, in der nächsten Session einen Gesetzentwurf mit Abänderun gen des Ein­kommensteuergesetzes Vvrzulegen, durch welchen die Be­stimmung des 8 12 (Ermäßigung der Stenerzahl je naa) der Zahl der Familienangehörigen- erheblich weiter ausgebaut werden soll.

.Hamburg, 7 Juni. Nach dem gestrigen und heutigen Besuche des £>taat§fefretätii Dern bürg darf die Errichtung eines Hamburger Instituts kolonialakademischen Charakters als gesichert gelten. Man ist vorbehaltlich der endgültigen Entscheidung grundsätzlich einig, daß das Institut, das übrigens nicht den Namen Kvlonial-Akademie führen wird, auf rein hamburgischer Grundlage zu errichten ist unter Benutzung der vorhandenen Einrichtungen. Ter Zukunft bleibt die Ergän­zung durch etwaige Neiwründungen überlassen, ebenso Form und Umfang einer etwaigen Mitwirkung der hiesigen wissenschaftlichen Stijtungen und dir Frage des Reichszuschusses bei der weiteren Entwickelung des Unternehmens.

£ 0 t i-n & c n' 7: 2uni. Hier sand eine Versammlung aller an der Weser-Schiffahrt beteiligten Jndustrieellen und Kaufleute statt. Nach lebhafter Debatte, in der es nicht an scharfen Angriffen auf die preußische Bcrkehrspolitik fehlte, wurde einstimmig folgende Resolution gefaßt:Die versammelten Ver­treter bei Industrie und des Handels des braunschweigischen Weserkreises protestieren gegen die Einführung von Sch i f f- fahrtS ab gaben auf der Weser und ersuchen die Handels­kammer für das Herzogtum Braunschweig ihren Standpunkt beim Herzogl. Staatsministermm zu vertreten. Die Versammlung bittet das Staatsministerium, durch ihren BuudeSratsbeoollmächtcgten auf Grund deS Art. 54 der Verfassung gegen die geplante Be­lastung entschieden Einspruch zu erheben."

Dortmund, 7. Juni. Aussehen erregt die Meldung des tySürtm. Gen.-Auz.", wonach beim Besuch dLreuglischenpar- lamentarischen Studienkommission in Dortmund die gesamte westfalische Presse von der Teilnahme aus­geschlossen wurde, und bei allen unter dem Vorsitz des Re­gierungspräsidenten veranstalteten Ehrungen der englischen Gäste vor der Tür warten mußte.

Köln, 7. Juni. Die englischen Journalisten sind Heute nach herzlicher Verabschiedung von den Herren des Kölner Ortsansschuises und des Berliner Komitees über Ostende nach London abgereist.

Stuttgart, 7. Juni. Zweite Kammer In der Be­ratung der Frage der Neckar!anaNsativnundder Schisf- sahrtsabgaben stellte der Abg. Siildemann (Soz.) den An­trag, die Regierung möge im Bundesrat gegen eine iede Aenderung des Artikels 54 der Reichsverfafsung stimmen, wodurch die Ein- ftihrung von Schiffahrtsabgaben auf dem Rhein möglich werden würde. Minister o. Pischek erklärt« die Ausführung der Neckar­kanalisation technisch für möglich, aber für Württemberg allein aus finanziellen Gründen als eine unlösbare Aufgabe. Die Her­stellungskosten würden 28,13 Millionen und die Kosten der Ver­

zinsung und jährlichen Unterhaltung 1056 000 Mk. betragen. Morgen findet Fortsetzung der Beratung statt.

München, 7. Juni. Ter neugegründete Nationalver­ein für das deutsche Reich hält am 22. bis 24. Juni seine erste Tagung in H ei del berg ab. Wie bei der Gründung des Vereins hervorgehoben worden ist, soll der Verein ein Zusammen­arbeiten aller Liberalen un d Demo kr aten Deutsch­lands ermöglichen, um dadurch derkünftigenEinigung des Liberalismus vo-rzuarbeiten. Auf seinen Tagungen will der Verein die gemeinsamen Grundgedanken des modernen Liberalismus herausftrbeiten und dadurch liberale Gesinnungs- Pflege großen Stils betreiben. Für die erste Tagung sind drei große Themata in Aussicht genommen: Tie allgemeinen Grund­lagen des Liberalismus, die Erziehungsfragen und die Arbeiter­fragen. Als Redner sind bis jetzt gewonnen der bekannte Pädagog, Professor Tr. Theobald Ziegler-Straßburg, Arbeitersekretär Erke- lenz-Tüsseldvrf und Landgerichtsrat Kulemann-Bremerr. Zum Be­such dieser Tagung werden die Liberalen aller Richtungen aufge- sordert, denen der Gedanke der liberalen Einigung am Herzen liegt.

DieMünch. Post" stellt in Aussicht, daß das Mandat des liberalen Abg. Pfarrers Grandinger wegen liberaler Umtriebe kassiert werden wird.

Peinliches aus dem ungarischen Parlament.

B u d a p e st, 7. Juni.

Das Abgeordnetenhaus war der Schauplatz einer peinlichen Szene. Vor der Sitzung war der Abg. Vajda er­schienen, der vor zwei Monaten während der Sitzung ein Spottlied auf Ungarn verlesen hatte; feit dieser Zeit war er nicht im Abgeordnetenhause, sondern hatte außerhalb desselben eine heftige antimagyarische Agitation entwickelt. Als die Abgeordneten Bajdas ansichtig wurden, bedrohten ihn einige und forderten ihn auf, sich zurückzuziehen. Vasda blieb jedoch auf seinem Platze. Die Sitzung begann unter großer Erregung. Eitner (Kossuthpartei) beantragte, die Sitzung zu unterbrechen, da em &atertanb_§üer» räter im Saale sei. Einige Mitglieder wollten sich auf Vajda stürzen, würden jedoch von anderen zurückgehalten. Der Präsident mußte die Sitzung unterbrechen. Einige Abgeordnete drangen wieder auf Vasda ein; eine große Anzahl Mitglieder ermahnten die Angreifer, die Würde des Parlaments nicht zu verletzen und bildeten einen förmlichen Ring um Vajda, sodaß er ungefährdet den Sitzungssaal verlassen konnte.

Der Abg. Nagy meldete dem Präsidenten, ihm sei eine Erklärung des Abg. Vlad zur Kenntnis gelangt, wonach Abgeordnete am Montag mit Revolvern bewaff­net im Parlament erscheinen wollen. Sollte dann wiederum ein Angriff aus Vajda erfolgen, der in ihrer Mitte erscheinen wttl, so wollen sie von den Waffen Gebrauch machen. Der Präsident erklärte, wenn Abgeordnete tatsäch­

lich bewaffnet im Hause erschienen, so werden Diener ihnen den Eintritt verweigern.

Aus der französischen Kammer.

Paris, 7. Juni.

Die Teputiertenkammer beriet die Interpellation über die Krisis im Weinbau. Fernand David, radikaler Republi­kaner, führte die Krisis auf die Weinfälschungen, die Beseitigung deS Privilegs bet Hausbrenner, sowie das Sinken Sei Zuckervreises zurück. In seiner Erwiderung auf eine Anfrage stellte der Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern, Sarranl, in Abrede, daß der von der öffentlichen Wohlfahrtspflege ge­lieferte Wein gefälschter sei. Nachdem noch verschiedene Redner über die cmgelegenheit sich ausgesprochen, wird die einfache Tages­ordnung - angenommen.

Pressenss interpellierte die Regierung bezüglich der den stanz. Delegierten zur Haager Konferenz zu erteilenden Jnstrur- tionen und führte aus, i/n der Tatsache, daß Europa in Waffen dastehe, liegt kein Zweifel zu Konflikten, sodaß es ein Verbrechen sein werde, nicht auf günstige Ergebnisse der Konferenz hinzuarbeiten. Da die ftanzösische Regierung nicht die von Ruß­land aufgegebene Jnitiattve bezüglich der E i n s ch r ä n k u n g d e r Rüstungen ergriffen habe, sei die Initiative natürlich Groß- britanien zugefallen, das für die Welt ein kostbares Werkzeug des Friedens sei. Pressens^ meint, das Anwachsen der Heeresaus- gaben müsse fortdauernd zum finanziellen Bank.rott führen. Von der deutschen Presse sei gegen den englischen Vorschlag betreffend die Abrüstung Feldzug geführt worden. Die französische Demokratie sei leidenschaftlich für den Frieden und werde es der französischen Regierung nicht verzeihen, wenn sie auf der Haager Konferenz eine Tripelallianz des bewaffneten Friedens zu Wege bringen werde.

Sodann meint ber Abg. Hector Depasse, daß es Deutschland zukommen werde, die Initiative in der Abrüstungsfrage zu er­greifen.

Sodann ergreift ber Minister des Aeußeren, P i ch o n , bas Wort und weist zunächst auf das Werk der ersten Friedenskonferenz im Haag hin. Rußland habe die Idee des Präsidenten Roose­velt während des Krieges in der Mandschurei ausgenommen, die darauf hinziele, den Krieg immer schwieriger und in jedem Falle so wenig inhumanwiemöglich zu machen. Der Minister weist sodann darauf hin, daß dieses Mal 200 Mit­glieder von 47 Staaten vertreten würden, anstatt 25 auf der ersten Konferenz. Die Kommission, die von Bourgeois eingesetzt worden sei, habe geprüft, unter welchen Umständen Frankreich die Jni­tiattve werde ergreifen können zur Lösung der Frage, die Gewalt durch das Recht, den Krieg durch den Frieden und den Geist der Eroberung durch den Geist der Freiheit zu ersetzen. Er glaube, da so bie Schwierigkeiten das Schiedsgerichtsverfahren obligatorisch machen und noch größer sein werden, als dies bei ber ersten Konferenz der Fall gewesen sei. Es werde aber möglich sein, eine Art internationalen Friedens­gerichtes zu schassen, das die größten Dienste in der Richtung leisten könnte, daß mehr und mehr die Vermittelung anstelle der Gewalt trete. Frankreich habe von Anfang an erklärt, daß es, wenn die Frage der Rüstungen aufgerollt werde, bereit fei, sie p, erörtern, ohne sich indessen Illusionen über die praktischen Resultate hinzugeben. Man müßte eine konkrete Formel finden, die zu der Einigkeit der Mächte führen könnte. Frankreich werde die Rolle der Mäßigung und Vermittelung spielen.

Das Haus nimmt darauf fast einstimmig die Tagesordnung an, in der die Erklärungen der Regierung gebilligt werden.

Die Dumakrise und anderes aus Rußland.

Der PetcrZblirger Korrespondent derKöln. Zig.^ er­fährt zur gegenwärtigen politischen Lage, daß Trndowicki cnlschloffen sei, in der Agrarfrage der Negierung das Miß- trauensvotmn auszusprcchen, daß aber die Kadetten, sowie die gemäßigten Oktobristen diesen Antrag ablehnen und einen Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung stellen würden, worauf die Agrarvorlage der Kommission überwiesen und so­mit aus längere Zeit als Neibuugspunkt wegfallen dürfte. Dem Herrn Pu rischke w itfch, dec den Zaren gebeten hatte, die Duma aufzulösen, erwiderte der Kaiser, er müsse ihn ersuchen, sich nicht um diese Angelegenheit zu kümmern, die er lediglich der allerhöchsten Entschließung vorbehalte. Der Korrespondent versichert, Stolypin stehe noch heute fest und besitze da§ Vertrauen des Zaren.

In Odessa teilte im Boulevardviertel das Mitglied des Verbandes des russischen Volke?, Melnikow, schwer verwundet dem Polizeimeister mit, daß er auf einem Spaziergange in der Vorstadt Langeron von mehreren Revolutionären in eine Höhle geschleppt und dort für seine Zugehörigkeit zum Ver­bände deS russischen Volkes anfangs gefoltert, dann zum Tode verurteilt worden sei. Nur durch ein Wunder rettete er sich.

In Narwa wurde der Direktor der Flachsspinnerei, Peltzer, von Arbeitern, denen er Zulage verweigerte, miß­handelt und in den Fluß geworfen. Er wurde als Leiche geborgen.______________________________________________

Ausland.

London, 7. Juni.Westminster Gazette" veröffent­licht einen Artikel, welchem noch andere folgen werden, über den Besuch,der englischen Journalisten in Deutschland.In einer Stadt nach der anderen", so schreibt das Blatt,haben sich Gemeindebehörden, HanSels- kammern, die hervorragenden Geschäftsleute und die ange­sehensten Bürger zusammengetan, um für Festmähler und Unterhaltungen Sorge zu tragen und die Gäste sich in ihrer Mitte heimisch fühlen zu lassen. Dieses hochherzige Zusam­menwirken, welches von jedem das Beste darbot, übertraf alle Ansprüche' Die Beteiligung der offiziellen Kreise hat eine Bedeutung, die richtig verstanden werden muß. Tie offiziellen Kreise wollen tundgegeben wissen, daß sie den lebhaften Wunsch hegen, es möge die Spannung zwischen den beiden großen Völkern beseitigt und die kleinliche Reibung weggeräumt werden, welche während der letzten zwei Jahre die Beziehungen verwickelte. Jeder Teilnehmer an der Reise ist überzeugt von diesem ernsten Empfinden der verantwort­lichen Männer in Deutschland, daß gegenseitige Anstreng­ungen gemacht werden müssen, um dem Hader und den Mißverständnissen ein Ende zu bereiten. Ganz besonderen Eindruck macht die Wahrnehmung, daß alle denkenden Leute Protest erhoben haben gegen den Zwist, an dem sie keinen Teil hätten.

Paris, 7. Juni. Von dem französisch-japani­schen Uebereinkommen gibt der ^Fiaaro" folgendes

cn* Resümee: Von dem Wunsch beseelt, ihre frcunoscha,Uichen Beziehungen auszudehnen und zu befestigen, sowie ihre ost­asiatischen Interessen in Uebereinftimmung zu bringen, haben Frankreich und Japan die drei Formen geprüft, in denen ihr Einfluß im äußersten Osten ausgeübt wird: Sou­veränität, Okkupation und Protektorat. Zur ersten Kate­gorie gehört Französisch-Jndochina, zur zweiten Kuang- tschou (französisch) und Port Arthur (japanisch), zur dritten Korea (japanisch). Tiesen Status quo verbürgen einander Frankreich und Japcm und verbürgen überdies, daß die Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit des chinesischen Kaiser­reiches sowie Friede und Sicherheit im Innern dieses' Staates die besten Bürgschaften für das Gedeihen aller europäischen Interessen m Ostasien sind. Ein Jndochina betreffender Handelsvertrag ist zwischen Frankreich und Japan nicht zustande gekommen; aber die Japaner erhalten in Jndochina ebenso wie die Franzosen und deren Schutz­befohlene auf japanischem Gebiete das Meistbegünstigungs- recht. Von irgendwelcher Geheimklausel militärischen Cha­rakters weiß der Figaro nichts.

Rom, 7. Juni. Die Kammer hat unter dem Beifall des Hauses einen Gesetzentwurf genehmigt, durch den zur Erinnerung an den 100. Geburtstag Garibaldis, der in diesem Jayre gefeiert wird, ein Kredit von einer Mil­lion z u Gunsten armer Veteranen, die unter Garibaldi gedient haben, gefordert wird.

Corsu, 7. Juni. Ter Stadtrat von Corsu beschloß, dem Kaiser Wilhelm seinen Dank für den Ankauf des Achillei ans auszudrücken und die größte Straße von Cor,u nach dem Nanien Kaiser Wilhelms zu benennen.

Barzahlung au Handwerker.

Da? Ergebnis einer von oec Hamburger Gewerbekammer ueranfialteten Umfrage an bie beulicheu Handwerks- und Gewcrdekammern über zweckmäßige Maßregeln gegen das Borgunwesen im Handwerk wird unDeutschen Hand- werlLblcutt veröfsenllicht. Zweierlei muß Verwunderung hervor- rusen. Erstens, daß große Handwerkskammern, darunter leider auch die in Darmstadt, eine so wichtige Umfrage über­haupt nicht der Untersuchung für wert hielten, was aus der Richtbeanlwortuug der gestellten Fragen hervorgeht. Zweitens, daß bisher \o wenige und so wenig durchgreifende dJlittel zur An­wendung gelangt sind, mit dem Borgumvesen aufzuräumen. Dabei führt feit Jahrzehnten nahezu das gesamte Handwerk Klage, daß ihm durch überlange Kreditgewährung an das Publikum die Möglichkeit des Verdienstes auf das äußerste geschmälert werde, und daß wesentlich infolge dieses Mißstandes das Handwerk längst keinengoldenen Boden" mehr habe. Ist aber das Publikum allein schuld an dem Borgunwesen? Keineswegs. In der Regel geraten nur Leute mit chronischem Geldmangel in Aufregung, ivenii ihnen mit dem Empsang einer Ware oder nach Ausführung einer Leistung die quittierte Rechnung präsentiert wird. Zahlungs­fähige Personen sind für eine möglichst rasche Begleichung von Forderiingen. Tie Handwerker rönnen davon überzeugt sein: nicht zehn v. H. der Kiinden nimmt es übel auf, wenn der Hand­werker eine alsbaldige Regelung wünscht. Bei Licht betrachtet stellen sich die Uiiivilligen großenteils als unsichere Kantonisten heraus; solche Kundschaft eiuzubüßen, ist eher em Gewinn als ein Verlust. ES ist klar, daß Jemand unter dem frischen Eindruck einer empfangenen Leistung bereitwilliger zur Zahlung sich versteht, als ctiva nach Jahr und Tag, wo vielleicht jede Erinnerung an die Leistung entschwunden ist. Tie Handwerker klagen über das Borgunwesen das Publikum klagt, ivomöglich noch lebhafter, baiüber, daß nur zu häufig von den Handwerkern die Rechnung nicht zu befonunen ist. Entweder, der Handwerker hatkeine Zeit" das ist mehr als Bequemlichkeitsausrede oder er will ab- warten, ins em Mehreres von Aufträgen für denselben Kunden zusammengekommen ist. In beiden Fällen leistet man den» Publikum, das verdrießlich wird wegen der vergeblichen Mahnung und uu- erwartel hohe Geiamlrechnilugeu nicht liebt, einen schlechten Dienst. Das Borgunwesen wird verschwinden, roenn die Hand­werker au gute kaufmännische Gepflogenheiten sich gewöhnen. TaS Publikum wird schon da'ur Verständnis gewinnen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 8. Juni.

* * In Audienz empfangen wurde von S. K. H. dem Großherzog am Mittwoch u. a. Bauunternehmer Winn von Gießen.

** Ordensverleihungen. S. K. H. der Groß­herzog haben dem Hauplmann und Kompagniechef Kah­lenberg im Infanterie-Regiment von Grolman (1. Posen- sches) Nr. 18, seither überzähliger Hauptmann im In­fanterie-Regiment Prinz Karl (4. Großh. Hess.) Nr. 118, das Ritterkreuz 2. Klasse, dem Gerichtsvollzieher auf Probe Dicke in Hirschhorn und dem Amtsgerichtsdiener S ch l ö r b in Ulrichstein, Verde seither Vizeseldwebel im Leibgarde- Jnfanterie-Regimcnt (1. Großh. Hess.) Nr. 115, das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen ver­liehen.

Vom Südwestafrika-Basar. S. D. Fürst Karl zu SolmS-Hohensolms-Lich, der Ehrenpräsident des großen Wohltätigkeitsfestes, wird bestimint heute erscheinen. Die Eröffnung des Festes erfolgt heute nachmittag 4 Uhr durch eine Ansprache des Obersten von Lindenau. Hoffentlich tritt noch besseres Welter em, damit dec mit dec Ver­anstaltung des Festes angcftcebte Zweck auch erreicht wird.

* * Das Promenadenkonzert fällt morgen aus.

AuS der Vogelwelt. Man findet oft, daß Vögel an allen erdenklichen Stellen ihre Nester hinbauen, daß sie sich dazu aber eine Gartenpumpe aussuchen, ist wohl eine Seltenheit. In einem in der Steinstraße gelegenen Garten kann man sehen, wie ein Meisenpärchen sich in einer Pumpe eingenistet hat. Der Besitzer will sie so lange nicht benutzen, bis die Jungen ausgeflogen sind.

**Beruss-und Betriebszählung. Auf Grund des Reichsgesetzes vom 25. März 1907 findet am 12. d. M. im Deutschen Reiche eine allgemeine Berufs- und Betriebs­zählung statt. Diese Zählung hat den Zweck, die Grundlage zu einer Statistik der volkswirtschaftlichen Verhältnisse des Deutschen Reiches abzugeben. Die Angaben werden nur zu statistischen Zwecken benutzt und dürfen in steuerlicher Hinsicht nicht verbreitet werden. Tas Publikum ist zur Ausfüllung der Formulare bezw. zur richtigen Beantwor­tung der gestellten Fragen verpflichtet und Zuwiderhand­lungen werden bestraft. Mit der Austeilung der Zähl- fonnulare wird heute schon begonnen werden. Bei dieser.