Mittwoch, 6 März 1907
157. Jahrgang
Nr. 55
ÄtzÜrg,
Erscheint ISgNch mit Ausnahme des Sonntags.
Er hätte
»en, der zur
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Rotationsdruck und Verlag der Brükl'ichen UnwersualS - Buch- und Sremdruckereu R. Lange, Gießen.
Di« „Siebener ZamisienblStter" werden dem ain^Tflcr* viermal wöchentlich beigelegt, das .'xreisblatt für den Kreis Siehen" zweimal wöchemlich. Der „hessische Landwirt"' erscheint monatlich einmal.
und Beifall rechts.)
Abg. Erzberger (Zentr.):
Ter Abg. Tr. Paasche hat dem Zentrum heute eine Stand- redc gehalten. Ter Haupivorwurf war, daß wir die Regicrungs- dorlage nicht mit dreimaligem Hurra begrüßen. Aber die' Na- tionallibcralcu haben Anfang der neunziger Jahre die Panzer- kreuzervor'.-men auch nicht so begeistert ausgenommen. UebrigcnS
Redaktion, Exvedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expeditton und Verlag: 5L
Redaktion: e-K 113. Tell-Adru AnzeigerGreßen.
daran nicht gedacht worden ist. Wir wollen nach tote vor Weiterarbeiten auf den Gebieten der Soziale, der WirtsLaftZ-, der Kolonialpolftik; und wenn das Zentrum in nationalen Fragen seine Hilfe versagen sollte, so haben toir, die nationale Mehrheit, die doppelte Pflicht, die kleinen Gegensätze zu vergessen und gemeinsam zusammenzuhalten, damit die nationalen Aufgaben auch trotz des Zentrums durchgeführt werden tönneu. (Lebhafter Beifall.)
Der Abg. v. Hertling hat nicht mit Unrecht gesagt: Es ist gewiß nicht staatsmännisch toeitschauend, daß man den Gegensatz zwischen Evangelischen und Katholischen vertieft hat. Er hätte diesen Vorwurf der Regierung nicht machen sollen; er weiß, daß
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Deutscher Reichstag.
10. Sitzung vom 5. März. 1 Uhr.
Am Tische des Bundesrats: Frhr. v. S t e n g e l , Dern- burg, Graf Posadowsky u. a.
Tie erste Lesung des Etats und des E r g ä n z u n g s - etats wird fortgesetzt. Jrt"
Abg. Dr. Paasche (nl.):
Ich halte mich für vervflichtet und bin von meiner Frccktion beauftragt, zu der gestrigen Rede deS Abg. v. yerthng etniße Worte zu sagen. Iw bedauere, daß Herr v. Hcttltng erst alr, letzter Redner 'einer Fraktion zu Worte gekommen qt. Hatte er allem rm Namen des Zentrums gesprochen, so hatte das Zentrum m meiern Kampfe sehr viel besser crbgeschnittcn. («ehr richtigI) —enn vieles von dem, was er in seiner ruhig-vornehmen Weise hter vor- gctragen hat, könnten auch tch und meine freunde mit unterschreiben. Gleichwohl müssen wir die Prämissen.bekämpfen, von denen er in seiner Beweisführung ausgmg. — Wenn tch vorhin bedauerte, daß der Abg. v. Hertling nicht als einziger Redner seiner Fraktion aufgetreten ist, so erinnere ich daran, das; aus ihm noch die Hoffnung basierte, daß eventuell noch im Zentrum eme nationale Strömung Platz greifen könne. Seme Stimme M aber nicht gehört worden, sondern man hat mit Hilfe der «oztaldemo-- kratie Front gegen den Liberalismus gemacht. Wenn der Abg. h. Hertling dann sagte, wir Nationalliberalen hätten unter von Bennigsen ebenfalls eine Nebenregierung angestrebt, so weise ich ^loß darauf hin, daß Herr v. Bennigsen niemals danach gestrebt tat, in ein hohes Staatsamt einzutreten. (Sehr richtig! bei den Nationalliberalen.) Und wenn gar gesagt worden ist, die natto- -toHiherale Fraktion hätte beansprucht, daß ihr die Gesetzesvorlagen bereits vorher vorgelegt würden, so sind das Behauptungen, für die wohl schwerlich der Beweis erbracht werden kann. Tay ter Wunsch geäußert worden ift, gebe ich zu, aber ist das nicht bei isder Partei heute ebenso? Der Vorwurf fällt also tn sich selbst jammen. ....
Herr v. Hertling meinte, das Zentrum sei sa immer tn einer »relärcn Lage geweien, weil <*v immer eine Minderheitspartei war. ui dieser Lage habe es immer auf andere Rücksicht nehmen, habe es die mittlere Linie in der Wirtschaftspolitik halten müssen, und Zuweilen auch nur mit Hilfe der äußersten Linken fernen Willen durchsetzen können. Prekäre Lage! Das klingt so schön und unschuldig, als ob das Zentrum niemals eine Machtstellung gehabt hätte. Nun, von anderen Seiten ist oft genug das Gegenteil behauptet worden, und auch aus Ihren Reihen selber. Ich erinnere nur daran, daß Herr Dr. Bachem einmal triumphierend in Elberfeld gesagt hat:
„Wit haben ein Ansehen und eine Machtstellung, wie sie selten nher niemals eine Partei gehabt hat. Und wie wird's erst nach
nung auftrat, es könnte im Zentrum doch auch eine nationale R'ck- tung plahoreiien, da haben Sie den letzten Redner vorgeschickt, der in feiner feinen Art erklärt hat: Nein, auch daraus ist leine Hoffnung, die oppositionelle Richtung wird weiter herrschen! Nun, wir werden die Lehre auch daraus ziehen. (Zuruf im Zentrum: „Fürchten toir nicht!") Wir auch nicht. Denn der andere Teil der Wahlparole ist um so bester gelungen. Ter Kamps gegen die Sozialdemoftatte bat sich bewährt — ftotz der Dahlh'.lse des Zentrums Tie Furcht vor dem roten Gesvenst wird bei allen und verständigen und denkenden Politikern mit der Zeit ganz und gar verschwinden! (Zustimmung bei den Natl.) Nun meinte der Abg. Hertling, der Reichskanzler habe den Reichstag aufgelost, weil er gesehen habe, er brauche das Zentrum nicht mehr, nachdem die wirtschaftlichen Fraaen beigelegt seien. O, nem cs ist der Truck gewesen, den die Nebenregierung des Zentrums allmählich au-- gcübt hatte, und welcher der großen Maste bc5 deutschen Volkes immer unerträglicher geworden war. Tie Beschlüsse vom 13. Dezember sind n-cht bloß der äußere Anlaß, sondern auch der innere Grund für die Auflösung gewesen. Wenn der Abg. v. Hertling dann sich beschwert, daß über den Zentrumsanftog ja gar nicht ab- gestimmt worden sei, so ist doch jedem klar, daß dasselbe negative Resultat herausgekommen wäre. Ter Regierung ist es jedenfalls nicht genug zu danken, daß sie damals mannhaft jeden Kuhhandel abgelehnt hat. (Bravo! b. d. Natl.)
Ter Abg. von Hertling faßt auch die Frage der Nebenregie- rung sehr harmlos auf, indem er sagt: was gehen mich die beiden sichalterneii Beamten an? Ja, der Kern der Sache ist doch ein aanz anderer: die ausschlaagebende Stellung des Zentrums wurde da-u benutzt, in die adminisftative Gewalt der Regierung, in Dis- ziplmarfragen. in schwebende Gerichtsverfahren einzugreifen. (Sehr richtig! b. d. Natl.) Und wenn Herr Noeren und Herr Erzberger auf eioenc Faust gehandelt hatten, warum ist dann kein Wort der Mißbilliguna aus den Reihen des Zenftums gekommen? Im Gegenteil. Monn für Mann haben Sie diese Mitglieder gedeckt.
Natürlich bat auch Herr v. Hertling den „Kulturkampf" herangezopen. Da möchte ich meine politischen Freunde doch aufs entschiedenste dagegen verwahren, daß toir einen solchen gewollt hätten. Notizen in irgend einem Blättchen sind keine Beweise, sondern die Kundgebungen der Partei ober der Parteiführer. Tort werden Sie aber nirgends eine Spur davon finden. Der Kulturkampf wurde zuerst am 13. Dezember an die Wand gemalt von dem Abg. Ledcbour. Und dieser Partei haben Sie Wahlbilfe geleistet! Den Vorwurf weisen toir also weit von uns zurück. Am Gegenteil verlangen wir Freiheft der Relioionsübung in allen Konfessionen. Weil aber Sie selbst den Kulturkampf an die Wand malen wollten, deshalb haben Sie uns derartige Vorwürfe gemacht. /Zuruf bei den Nattonalliberalen: Das zieht!) Ja, das zieht leider bei der katholischen Bevölkerung viel zu sehr, weil Sie diese ganz anders im Zug haben durch Ihre geistliche Drga- nisatton, als das jemals bei der evangelischen Bevölkerung der Fall ist.
In Kreuznach sind die katholischen Versammlungen mft dem Ruf: „Nieder mit dem Protestantismus, nieder mit dem Liberalismus!" geschlossen worden! Wer von uns hat gerufen: „Nieder mit dem Katholizismus!" (Zuruf: Bei mir ist's geschehen; da hieß es: „Nieder mit den Schwarzen und Roten und den Christlich-Sozialen!") — Ja, „nieder mit den Schwarzen und Roten!" Tas mißbillige ich nicht. Aber nicht: „Nieder mit dem Katholizismus!" Es ist von einem Boykott in Duisburg erzählt worden. In meinem Wahlkreis haben die katholischen Pfarrer von der Kanzel erklärt: ..Kauft nicht bei evangelischen Kaufleuten, laßt nicht bei evangelischen Handwerkern arbeiten!" «'Hört, hört! bei den Nationalliberalen und Unruhe ftn Zentrum.)
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Abg. von Kröcher (kons.):
Der Abg. Tavid hat gestern mir und einigen meiner politischen Freunde die Absicht zugesprochen, daß wir das Reichstagswahlrecht abschaffen wollten. Tas ist ein Irrtum. Ich habe Zwar sehr oft das Reichstagswahlrecht scharf kritisiert, ich habe nament- ' ließ gesagt, daß ich das geheime Wahlrecht für verderblich für unser Vaterland halte (Hört, hört!) — ja, für verderblich, wenn es jeden berechtigten Einfluß lahmlegt. (Höhnische Zurufe bei den Soz.: „Berechtigte" Einflüsiel?) Na ja, nut Ausnahme der Sozialdemokraten werden Sie mir wohl zugeben, daß es berechtigte Einflüsse gibt. (Widerspruch im Zentrum und bei den Freis.) Ich will nur einen nennen: das ist der Einfluß des Vaters auf seinen 25jährigen Sohn. (Heiterkeit und Widerspruch.) Also weil es jeden berechtigten Einfluß lahmlegt, dagegen jedem unberechtigten Tür und Tor öffnet. Aber in jeder Versammlung, wo ich dies ausführte, sagte ich auch: ich stelle gleichzeitig fest, daß ich nicht ausspreche, daß ich das allgemeine, geheime und direkte Wahlrecht abschaffen will. Was ich darüber denke, ist meine Sache. (Stürm' Heiterkeit.) Ich habe ja auch im Reichstag den Sozialdemokraten gegenüber schon einmal erklärt: „Für so naiv müssen Sie mich nicht halten, daß ich Ihnen noch die Mittel angebe, mit denen ich Sie bekämpfen will." (Heiterkeit.) Was nun meine politischen Freunde anlangt, so weiß ich, daß ein konservatives Mitglied des Herrenhauses für die Abschaffung des Reichstagswahlrechts ernt ritt. Ich mißbillige das (Hort, hört!), weil ich es taktisch für falsch halte, einen Wunsch auszusprechen, der zur Zeit nicht erfüllt werden kann. (Stürmische Heiterkeit.) Aber ich muß doch auch sagen, wenn Sic uns vorwerfen, daß wir das Reichstagwahlrecht antasten, ist es nicht genau dasselbe, wenn die Herren das mecklenburgische, daS sächsische, das preußische Wahlrecht abschaffen wollen? Da gilt dock) wirklich das öfter .ingezogene Gleichnis vom Splitter und Balten, nur daß der Splitter hier ganz besonders klein und der Balken ganz besonders groß ist, weil das, was Sie uns imputieren, unt:chtig ist. Damit bin ich mit meiner kurzen Bemerkung fertig. ^Heiterkeit
wefteren 25 Jahren sein?"
Da? eine Wort genügt wohl, um Ihnen zu zeigen, datz eie Selber sich dieser Machtstellung vollauf bewußt gewescn«sind. Und "rie Tatsache, daß Sie jederzeit imstcnde waren, mit der Sozialdemokratie zusammen der Regierung oft Ihren Willen aufzudrücken, bat Ihnen ja. wie Sie wissen, diese Machtstellung gegeben.
Herr von Hertling har sich sehr darüber aufgeregt, als der Reichskanzler von dem Bündnis zwilchen Schwarzen und Roten ;eswwchen hat. Das habe ihn verletzt. Er hat mit Recht darauf ; - ’iri’fen, daß die Gegensätze zwischen Zenirum und Sozialdemokratie ja so tiefgreifend sind, daß ein wirkliches Bündnis nie« als möglich ist. Ja, das hat niemand geleugnet Aber Ihre Machtstellung beruht ja nicht auf einem ausgesprochenen Bündnis, sondern darauf, daß Sie jederzeit diese Bundesgenoffen oder Hilfsrruppen zur Verfügung hatten, wenn es galt, der Regierung Schwierigkeiten zu machen. Nun fragt Herr von Hertling: „Ja, aaS haben wir denn erreicht? Man toirft uns Kuhhandel vor. Zeigen Sie mir doch das, was toir erreicht haben!" Ich glaube, e§ ist nicht nötig, daß ich Ihnen die Kühe hier einzeln vorführeI -'Heiterkeit. Zurufe im Zenftum: Bitte!) Na, wenn Sie's Nollen, will ich Ihnen auseinandersetzen, wie cs in der Gesetz- gebungsmaschinc der letzten Jahre noch immer und immer wieder gewesen ist. Wenn irgend eine nationale Frage an das Haus tarn, bat da das Zentrum ein einziges Mal einen Redner vor- gesckicki, der gesagt hätte: Wir erkennen die Berechtigung dieser ,Forderung durchaus an?! Stets hieß es: Für diese Vorlage sind wir nicht zu haben, daS Zentrum wird niemals bereit sein, derartige neue Opfer und Lasten zu tragen! (Zurufe bei den Soz.) Genau so ist es in der Budgetkommission gegangen. Manchmal haben toir die Bemerkung gehört: Wir wollen es noch eine Weile auf die lange Bank schieben. Wie oft schloß die zweite Lesung mir einem Vacuum ab! Ju dritter Lesung wurde das Gesetz dann nach den Anträgen des Zentrums angenommen, weil Konservative und Narionalliberale sich sagen mußten: Lieber etwas, als garnichtS. (Zuruf aus der Mitte: Jetzt kommen die Kühe!) .'Heiterkeit.) Ja, meine Herren, das Bewußtsein, daß Sie die einflußreichste Partei sind, das Sie so oft ausgenutzt haben, ist für Sie ganz gewiß eine recht fette Kuh gewesen. (Lebhafter Widerspruch in der Mitte: Zuruf: Beweis!)
Ich appelliere an die Anwesenden, ob Sie von diesen Ihren Machtmitteln nicht ausreichend Gebrauch gemacht haben. Das Bei- spiel vorhin war typisch. So war es immer. Und wenn jetzt das deutsche Volk aufgeatmet hat, daß der Druck des Zentrums von uns genommen ist, glauben Sie, daß das eine künstliche Mache war? Eine wahre Begeisterung kam in den evangelischen Gemeinden uns entgegen, wenn man hörte: Endlich hat man Männer gefunden, die die Eiterbeule aufgestochen und gegen die Machtpolitik des Zentrums sich eingesetzt haben. (Beifall bei den Natl.) Was war unser Wahlschlachtruf? „Los vom Zentrum und gegen die Sozialdemoftatie!" Tas war unsere offizielle Parole, daran kann irgend ein Wurstblättchen nichts ändern. Sie lehnen ja das Bündnis ab. Herr v. Hertling sagte, cs hätte ihm wehe getan. Aber seine Stimme ist ja bei den Stichwahlen nicht gehört worden. Uns hat man den Vorwurf gemacht, daß wir in einzelnen Kreisen der Sozialdemokratie zu einem Mandat verhalfen hätten. Aber Herr Sclzaedftr sagte ja neulich: „Wir müßten gonessttäslich dumm sein, loenn wir daS Messer uns selbst an die Kehle setzeir, wenn wir Die Hilfe der Parteien nicht nehmen wollten!"
Tic Parole „Los vom Zentrum und gegen die Sozialdemokratie!" hat durchaus gesiegt. Vom Zentrum sind wir losgekommen, und ich glaube: recht gründlich. Und wenn die Kluft zwischen dem Zentrum und den MehrheilSpacteien immer vertieft worden ist, so liegt das nicht an uns, sondern an dem groben Geschütz, das erst Herr Spahn, Dann Herr Grober und dann noch eine gröbere Nummer (Heiterkeit) aufgcfahrcn haben. Und als hier die Mei
hat auch das Zenftum bei einer ganzen Reihe von Vorlagen sich sofort bereit erklärt, sich auf ihren Boden zu stellen. Herr Paaschc warf uns dann weiter vor, dStz toir unsere Machtstellung miß« brauchten. Sollen wir das Gewicht unserer 100 Stimmen etwa nicht in die Dagschale werfen? Die Nationalliberalen haben, als sie noch 150 Mandate hatten, ihren Einfluß in ganz anderer Weise ausgenutzt.
So viel über Herrn Tr. Paasche. Nun zu Herrn von Löbell. Am 4. Dezember 1906 konnte ich erklären, daß es nach den Erfahrungen des 3. Dezember unmöglich sei, vertrauliche Unterredungen als vertraulich zu behandeln, wenn darüber Aktennotizen angefertigt werden, die zu geeigneter Zeit dann publiziert werden. Solche einseitigen Notizen stellen ja die Abgeordneten schlechter als Angeklagte, die einen Einfluß auf die Abfassung solcher Protokolle haben. Aus solchen Notizen kann irgend em schlüssiger Bc. weis nicht gefolgert werden. Graf Posadowsky hat ja nicht ein. mal den Notizen resp. Denkwürdigkeiten seines früheren Chefs, des Fürsten Hohenlohe, volle Beweiskraft beigemessen. (Sehr gut. im Zenlr.) Man har mir vorgeworfcn, daß ich nicht zu den betreffenden Behörden mit meinem Material gegangen sei. Tagegen habe ich festgestellt, datz ich das getan,, aber nicht daS geringste Entgegenkommen gefunden habe. Ich soll ihm freilich eine „5u« mutung" gemacht haben. Wie kam es aber, datz Herr v. Löbell sväter, im Mai, an mich mit einem überraschenden Vorschlag rn Samen der Schaffung des Kolonialamts herantrat? (Hört, hört! im Ztr.) Das hätte ec Wohl schwerlich getan, wenn ich vorher chm irgend etwas „zugemutet" hätte. (Sehr richtig!) Ich soll Niederschlagung der Untersuchung gegen Pöplau verlangt haben, und zwar unter Drohung. Was ich getan habe, war nichts weiter, als einen Ausgleich zu schaffen, um eine Angelegenheit weiter behandeln zu können, mit der sich die Oeffentlichkeft besser niem be* schästigen sollte. Herr Pöplau selber bestätigt mir in einem Brief, datz es ihm nie eingefallen fei, ihn zu bitten, den Reichskanzler um Einstellung des Verfahrens gegen mich zu ersuchen. (RcdnV verliest den Brief.) Er hat das überhaupt gar nicht getouniait, sondern er wollte eine Untersuchung der Mißstände., Herr von Löbell hat auch nicht unsere ganze Unterredung protokolliert.
Wir haben z. B. auch über den preußischen Schulgesetzentwurf gesprochen (Hört! hört! hört! im Zentrum und große Heiterkeit), und davon steht kein Wort in den Notizen. Herr v. Löbell hat dann eine von mir beeidigte Aussage gegen mich auszuspiewn versucht. Aber darin steht fein Wort Davon, daß ich die Einstellung des Verfahrens verlangt hätte. Ick habe lediglich eine generelle Untersuchung gefordert. Also ein Mißverständnis! Es ist nur eigentümlich, daß dem früheren freisinnigen Abg. Dr. Müller-Sagan mit her Reichskanzlei ganz genau dasselbe „Mißverständnis" passiert ist! (Sehr gut! im Zentrum). Drei Jahre wußte die Regierung von den Mißständen, von den Fällen Putt« ferner, Kannenberg, von Horn, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Auf eine dieser Eingaben vom Jahre 1904 schrieb der Reichskanzler: „Applanieren!" Aber es wurde nichts applaniert, blieb alles beim alten. Der Abgeordnete Müller-Sagan nahm sich der Angelegenheften an, er verlangte, gerade tote nachher ich, eine generelle Untersuchung. Aber es geschah nichts. Nach Pöplaus Meinung liegt die Hauptschuld an hem Personalreferenten Dr. von König. Dr. Müller- Sagan verlangte auch eine Disziplinaruntersuchung gegen Herrn v. König. Sie wurde ihm auch zugesagt, aber nicht gegen den schuldigen ging man vor, sondern gegen den Anschuldiger, gegen Pöplau! Wieder so ein Beispiel eines Mißverständnisses! Dem Abg. Dr. Müller hat aber niemand den Vorwurf einer „Nebenregierung" gemacht, obgleich er genau dasselbe getan heft, rote ich! Der Reichskanzler selber hat ja meine Methode gebilligt, denn er hat ja dem Abg. Roeren Den Rat gegeben, meinem Beispiel zu folgen, und nicht dem des ALg. Ledebour. (Heitcrkeft.) Nun, wir sind belehrt. Wir werden niemals wieder versuchen, in vertraulichen Besprechungen Mißstände aus dec Welt zu schaffen. l'Beifall bei den Soz.) Ick werde alles Material fortan hier im Hause selber vortragen'. (Beifall im Zentrum und bei den Soz.)
Chef der Reichskanzlei v. Löbell:
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für GberheUn
Trotz des großen dialektischen Geschicks, das Herr (Srgberget auch heute entfaltet hat, werden die Herren, die meine gestrigen Ausführungen mit seinen heutigen vergleichen, genau wissen, auf welche Seite sie sich zu stellen haben. Aber einige Punkte muß ich doch noch erläutern. Herr Erzberger hat einen Vergleich gezogen zwischen seinem Vorgehen Und dem des Tr. Müller-Sagan und behauptet, auch diesem fei ein Mißverständnis passiert. Die Aktennotiz, die Herr Erzberger zu meiner Ueberraschung — ich weiß nicht, wie er dazu gekommen ist — hier verlesen hat, ist gans richtig, nämlich die Mitteilung des Reichskanzlers über die Unterredung mit Tr. Müller-Sagan, worin er chm das Pöplausche Material übergeben hat, und richtig ist auch die Anweisung „quam citissime" die Tisziplinaruntersuchung einzulcften und zwar, um den Sachverhalt klar zu stellen. (Hört! Hört!) Ich habe das Material sofort der Kvlonialverwaltung übergeben. Tie Reichskanzlei kann nicht alles, was dem Reichskanzler übergeben wird, fehlt bearbeiten, dazu mußte sie den zehnfachen Beamtenapparar haben; wir vermitteln nur den Verkehr mit den einzelnen Refforts. Herr Erzberger bemängelt, daß meine Regiftrattir-Zkottz nicht vol^ ständig sei. Ich gebe das vollkommen zu; ich habe mich natürlich darauf beschränkt, das Wesentliche festzulegen und nicht das, was auf die Sache keinen Bezug hatte. Es steht in der Registratur kein Wort davon, daß Herr Erzberger mft Wiffen seiner Fraktion den Vorstoß unternommen hat. Ich hatte damals die lleberzeugung und habe sie nach, daß er auf eigene Hand gehandelt hat. Tas schließt aber nicht aus, daß er mir gesagt hat, daß nach 1 einer Ansicht cs dem Zentrum unmöglich sein würde, noch für koloniale Forderungen/zu stimmen, wenn daS Pöplausche^ Material im Reichstage ztir Sprache käme. Herr Erzberger sagt, das Motiv seines Besuches in der Reichskanzlei sei nicht die Einstellung des Disziplinarverfahrens gewesen, sondern sein Wunsch, sämtliche Mißstände generell zur Untersuchung gezogen zu sehen. Es ist mir ziemlich überraschend, warum Herr Erzberger diesen für die Sacke außerordentlich bedeutungsvollen Punkt erst jetzt erwähnt. Warum hat er es mir bei der Unterhaltung im November 1906 nicht gesagt? Warum hatte er nicht in den beiden Zeitungserklörun- gen, die er der Veröffentlichung der Registratur folgen ließ, diesen Hauptpunkt gar nickt erwähnt? Tas ist also schon die dritte Version, die toir von Herrn Erzberger haben. (Hört! Hört!) Aber darauf erkläre ich, daß ich auf das allccenffchicdenste seine gestrige und heutige Dacsiellung unserer Untcrhaltniig bestreiten muß (Hört! Hört!), und ich muß da auf die eidliche Aussage des Herrn Erzberger zu- rückkommen und avch den Anfang zum Verständnis des gestern von mir verlesenen Passus erwähnen. Der Coef der Reichskanzlei verliest das Aktenstück. Es heißr darin: „Pöplau hat mich ersuch:, u Herrn von Löbell zu gehen und zu versuchen, ob seine Angelegenheit nicht auf 1 ■ ’ ■ ‘ t r : f u.erdeu könne als durch ein Trs-
ziplinarverfahren." (Stürmisches Hört! Hörri) Herr Erzberger hat also eidlich selbst erklärt, der Zweck bet Unterredung
e 'chijorderungen an ch bit Archnungkn bis cj in unstrMohmmg da wir am 13. Dläq tdafien. [U14W ■ 2u. Prof.Miijch, jjordcnmg. Slachlahlache bei aw u da. Je. dahier vei>
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