Nr. 286
157. Jahrgang
Donnerstag, 5. Dezember 190?
Erscheint täglich mti QuenoBme be8 GonnlagS.
Dte ^«tehener ZamtlienblSNer- werden dem ,ynAetfler* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kretsblatt für den Krds Gießen" zweimal wöchentlich. Der ..hessische Landwirt*' erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
fRotattongbrud and ‘Berlag der Brü blichen llnioerfiiäld • Buch» and 6temörucfeteL fl't Lange. G'etzen.
Redaktion. (Srpebttton and Drucferet; Schul- stratze 1 «Erpebttton and Verlag fcS&J 51. Redaktion:112. Jel.-91bt« 9Inxeiqer(StefeeTu
Deutscher Reichstag.
65. Sitzung vom 4. Dezember.
SCm Tische des BundeSrats: v. Vethmann.Holllveg. v. Einem, Frhr. v. Stengel, Tr. Nieder ding, von Schoen, Dernburg, v. Loebell u. a.
Die Bänke des Sitzungssaales sind gedrängt voll.
Präsident Graf Stolberg eröffnet die Sitzung um 1 Uhr Id Minuten.
Etat und Flottengesetz.
(Sechster Tag.)
Preußischer Kriegsminister von Einem: Ich sehe mich veranlaßt, auf die gestrigen Ausführungen des Abg. Paasche zu ant- worten. Am 2. d. Mts., nach Schluß der Sitzung, habe ich hier mit dem Abg. Paasche eine, wie ich meine, vertraulich geführte Unterredung gehabt., Herr Paasche hat mir in dieser Unterredung mitgeteilt, daß er mit einigen Punkten meiner Ausführungen nicht einverstanden sei. Er hat gestern behauptet, mir Mitteilung gemacht zu haben, daß er in der nächsten Sitzung auf diesen Punkt zuruckkommen wollte., (Tr. Paasche: Sehr richtig!) Herr Paasck^ ruft: Sehr richtig! Wenn der Vizepräsident des Deutschen Reichstages behauptet, mir das gesagt zu haben, so glaube ich chm; aber ich muß auf das bestimmteste erwarten, daß er auch mir glaubt, wenn ich sage, daß ich diese Mitteilung nicht gehört habe. (Stürmisches Hört! Hört! rechts.) Meine Herren! Ich bin nach dieser Unterredung mit meinem vertrauten Freunde, dem Generalmajor von Wax, hier herausgegangen und habe ihm die Unterredung, die ich mit Herrn Paasche gehabt habe, mitgeteilt. Ich habe nichts davon gesagt, daß Herr Paasche mir gesagt hätte, daß er die Absicht habe, in der nächsten Sitzung auf diese Sachen zurückzukommen. Ich habe also, wie ich nochmals bestimmt er» Pare, nichts davon gewußt. Der Abg. Paasche hat gesagt, er müßte erwarten, daß die Chefs der Reichsämter hier bei der Debatte zugegen sein. Er hat gewiß recht. Aber auch ein Minister hat das Recht, krank zu sein. Ich bin gegen den Willen des Doktors hierher gekommen vor einigen Tagen und habe gesprochen. Ich bin gestern zuhause gewesen, einmal, weil ich glaubte, daß Herr Paasche gerade nach unserer Unterredung nichts sagen würde und weil die Geschäfte mich drängen.
Die Chefs der Reichsämter haben hier im Hause ihre Zimmer. Ich kann meine Geschäfte hier nicht sämtlich erledigen. Aus diesem Grunde hatte ich gestern einen meiner Herren beauftragt, hierher zu gehen und mich kommen zu lassen, sobald irgendwie die Notwendigkeit vorliegt. Wenn der Abg. Paasche sagt, daß ich nicht da war, obgleich er glaubte, es mir gesagt zu haben, so hätte ich wohl annehmen dürfen, daß er einem meiner Herren einen Wink gegeben hätte, mich $u rufen. (Stürmische Zustimmung rechts.) M. H., ich habe es tief bitter empfunden, daß der Abg. Paasche es nicht getan hat, und ich habe es empfunden, weil ich glaubte, zu dem Abg. Paasche in einem freundlichen Verhältnis zu stehen. Der Herr Abg. Paasche mußte wissen und mußte sich sagen, daß auf das, was er vorbringen würde, der größte Wert zu legen fei, daß ichzurStelle war und gleich antworten konnte. (Sehr richtig! rechts.) Wenn jemand die Absicht hat, diese Tinge, um die es sich hier handelt, kräftig mitzubekämpfen, dann darf er unter keinen Umständen auch nur indirekt dahin wirken, daß derjenige, der an verantwortlicher Stelle steht, vielleicht als Drückeberger in der öffentlichen Meinung erscheint. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich habe den stenographischen Bericht nicht hier; ich gehe also nach den Zeitungsberichten. Der Abg. Paasche hat bemängelt, daß so und nicht anders mit dem Grafen Lynar und dem Grafen Hohenau verfahren worden ist. Wer meine erste Rede gehört oder gelesen hat, der wird sich erinnern, daß ich gesagt habe: „Die jetzt tm Gange befindliche kriegsgerichtliche Untersuchung wird zeigen, ob in dem Fall des Grafen Lynar der 8 175 verletzt ist, und es wird dann eingeschritten werden." Ich habe also indirekt zugegeben, daß ein Fehler in der Behandlung dieser Angelegenheit vorliegt. Der Herr Abg. Paasche hat gestern nach dem, was mir zur Verfügung stand, gesagt, es hätten bei dem Grafen Lynar die Verfeblungen gegen seine Untergebenen offen klargelegen. M. H., das ist absolut nicht richtig! Es hat nur klargelegen der eine Fall mit seinem Burschen, den ich hier ausdrücklich und vollständig erzählt habe. Was nun den Grafen Hohenau anbetrifft, so muß ich bemerken, daß die preußische Armee kommandiert wird von Se. Majestät, dem König von Preußen. Se. Majestät der König hatte sich in den Bestimmungen ausdrücklich und frei Vorbehalten, selbst zu befinden, ob und wann ein Ehrengericht in diesem Verfahren gegen einen General statt- finden solle, vorzüglich aber gegen einen General ä la suite, der allein Sr. Majestät unterstellt ist.
Wenn Se. Majestät in dieser Frage befohlen hat, das ehrengerichtliche Verfahren gegen den Grafen Hohenau auszusetzen, so habe ich nicht die Macht und kein Mensch in der Welt hat die Macht, dagegen etwas zu machen. Man muß sich damit beruhigen. (Hört! Hört! Unruhe links, lebhafte Zustimmung rechts.) Nach unserer Organisation, nach bei Stellung, die Se. Majestät der König als Oberbefehlshaber an der Spitze der Armee einnimmt, ist daran nichts zu ändern. Ich habe gesagt, die ehrengerichtliche Untersuchung läuft nicht weg. Ick teile hier dem Hohen Hause mit, daß beide Angeklagte sich gestellt haben. (Lebhaftes Hört! Hört!) Beide Angeklagten sindvor dem Gericht erschienen, sie sindalso habhaft, der Prozeß wird seinen geordneten Lauf nehmen. Der Abg. Paasche hat erwähnt, ich hätte nur von Buben aus Zivilkreisen und von dem Buben Bollhardt gesprochen, das sei nicht gleiches Recht für alle, ich hätte für die Grafen Hohenau und Lynar nur Worte der Entschuldigung gehabt. M. H.! Ich habe gesprochen von den Buben ganz allgemein, die unsere Soldaten verführen. (Sehr richtig! rechts.) M. H.! (mit erhobener Stimme und erregt auf den Tisch schlagend): O b e 5 Offiziere sind, ob e s Grafen sind, ob es Prinzen sind, sie mögen dieseWorte auf s i ch beziehen. (Stürmischer Beifall rechts.) Im übrigen habe ich nicht ein einziges Mal gesagt, „der Bube Bollhardt", sondern ich habe gesagt „der Zeuge Bollhardt". (Sehr richtig!) Das war fein Name. Ich habe gesagt, der Angeklagte Graf Lynar oder Graf Hohenau. Ich habe die Namen also genannt, genau so wie bei Bollhardt. Ich lehne es ab, daß ich b l o ß E n 1 s ch u.l d i g u n g e n für d i e beiden Angeklagten gehabt hätte. Ich habe ausdrücklich gesagt, daß sie sich stellen werden, und daß sie büßen — der Kriegsminister ruft es mit lauthallender Stimme — was s i e uns Boses angetan haben (Lebh. Beifall rechts), und was sie sich selber zuzuschreiben haben. Sind das Entschuldigun- gen? Ich glaube nicht. (Sehr richtig!) Am Freitag, den 29., als ich gesprochen habe, sind mir die kriegsgerichtlichen Verhandlungen vom 28. noch nicht bekannt gewesen. (Hört! Hört! rechts: Hört! Hört! links.) Ich möchte dabei bemerken, daß das Gericht in jenem Stadium der Angelegenheit vielleicht nicht einmal befugt
ist, Mitteilungen zu machen; das Gericht hat es auf meine Bitte getan; ich habe das Gericht darum gebeten, um m der Lage zu jein, dem hohen Hause hier Mitteilungen zu machen. Wenn die Vernehmung durch den Kriegsgerichtsrat den ganzen Tag dauert, am nächsten Tag wieder, bann muß der Mann Zeit finden, Auszüge für mich zu machen; ich kann gar nicht verlangen, daß, toen.i gestern eine Verhandlung gewesen ist, ich sie am nächsten Tage schon hier habe. (Sehr richtig! rechts.) Ich habe also n .r gesprochen von den Verhandlungen, die stattgehabt haben cm 26. und am 23., und diese Verhandlungen vom 26. sind mir hier zu- gegangen kurz ehe ich sprach. Ich war vollkommen berechtigt zu sagen, nach dem, was mir vorlag, daß der Belastungszeuge allein der Zeuge Bollhardt war. Die andern Zeugen haben durchaus nichts Positives zugegeben, lediglich Gerüchte, und die meisten der Zeugen, ober mehrere — will ich lieber sagen, damit ich nicht zu wert gehe — haben sich extra auf Bollardt bezogen. Aber aus dem, was ich hier habe, kann man nicht einmal entnehmen, daß Bollhardt ihnen diejenigen Mitteilungen gemacht hat, die er Harden und die er in dem Prozeß unter Ausschluß der Öffentlichkeit gemacht hat. Ich war also berechtigt zu sagen: es ist noch nichts erwiesen, es liegen zunächst unkontrollierbare Gerüchte vor, der Belastungszeuge ist Bollhardt!
Nun noch eins — ich habe es vorhin vergessen. Es liegt der ersten Verhandlung eine Vernehmung bei von dem MutfdM des Grafen Hohenau, der auch verschiedentlich angeführt ist. daß er etwas wissen solle.
Der Mann ist 15 Jahre bei dem Grafen Hohenau gewesen, bis zu dem Jahre 1902, und dieser Kutscher hat gesagt, daß ihm nicht das geringste über diese Tinge bekannt sei und daß er niemals wahrgenommen hätte, daß sein Herr derartige Tinge triebe. Er hat außerdem, um zu illustrieren, wie Gerüchte entstehen, folgendes gesagt: Eines Tages, im Jahre 1900, glaube ich, hätte ihm jemand gesagt auf dem Exerzierplatz: „Dein Herr, den haben sie gestern ordentlich vorgehabt in Berlin." Darauf hat er gesagt: „Meine Herrenl Ich habe meinen Herrn gestern cwend mit seiner Familie von seinem Hause zu einer Gesellschaft bei der Prinzessin Alexandrine von Preußen gefahren und habe ihn von dort nach 11 Uhr abends abgeholt." Darauf hat der Betreffnde zu ihm gesagt: „Ja, ich kenne ja den Grafen Hohenau nicht, aber der Herr hat sich dafür ausgegeben, er wäre der Graf Hohenau." (Hört! Hört! rechts.) Ter Abg. Paasche hat Briese vorgezeigt, die der Graf Hohenau an den Bollhardt geschrieben hat. Ich frage nicht, w o der Abg. Paafche die Briefe herbekommen hat. (Hört! Hört! rechts.) Ich will auch nicht annehmen, daß es etwa diejenigen Briefe sind, die in der Vernehmung vom 28. d. Mts., die mir also am 29. noch nicht befannt war, der Herr Harden dem Gericht in Abschrift borgelegt bat. Herr Harden hat ein Bild des Grasen Hohenau gezeigt. (Hört! Hört! rechts.) Tie Briefe sind vom 2. 8. 06, 10. 8. 06 und vom 25. 5. 07. Es handelt sich dabei um Geld und anscheinend um Befürwortung eines Gnadengesuches. Auch ist die Abschrift eines nichtssagenden Briefes des Grafen zu Lynar vorn 12. 6. 01 überreicht worden. Meine Herren, ich kenne die Briefe.
Ich könnte Ibnen eine ganze Menge Briefe zeigen, die ich an Untergebene geschrieben und in denen ia) diesen Untergebenen auch @elb gesandt habe. Ich habe das auch als Minister getan. Der General Wax ist mein Zeuge. Es sind auch eine ganze Reihe von Untergebenen, die Bilder von mir besitzen, in der prunkend- st e n Uniform ,«in Parade-Uniform, weil es die Leute so gern haben. Ich glaube, daß das doch nicht beweist, daß man homosexuell veranlagt i st. (Große Heiterkeit.) Wenn der Abg. Paasche etwa andere Briefe hat als diejenigen, die ich hier genannt habe, dann möchte ich an ihn die höfliche, aber dringende Bitte richten, sie schleunigst dem Gericht der er st en Gardedivision einzureichen. (Sehr richtigl) Tort können sie von großem Wert sein. Ich glaube, daß sie für den Reichstag weniger Wert haben. (Stürmische Zustimmung rechts.)
Im „Berliner Tageblatt" steht, der Abg. Paasche hätte gesagt, — ich stelle das alles in Frage, ich habe den stenographischen Bericht nicht —, daß der Major von Hülsen hätte zugeben müsien, über die Verfehlungen des Grafen Hohenau und des Grafen Lynar orientiert gewesen zu fein, daß er auch von den Verfehlungen des Grafen Moltke gewußt hätte. Ich habe hier das „Berliner Tageblatt" mitgebrackst, in dem ganz genau angegeben ist, wie die Fragestellung bei Gericht gewesen ist. Die Fragen des Vorsitzenden lauteten: Herr Major, Sie sollen darüber vernommen werden, ob der Herr Privatkläger Graf Kuno Moltke wußte, daß in Ihrem bekannten Freundeskreise sich Herren befanden, die homosexuell veranlagt waren. Hat Herr Graf Moltke einmal irgend etwas mit Ihnen darüber gesprochen? — Nein, darüber ist nichts gesprochen worden, wenigstens hat in meinem Beisein. Exzellenz Moltke darüber nichts geäußert. — Haben Sie selbst vielleicht eigene Wahrnehmungen darüber gemacht? — Nein, ich habe mich nicht» darum gekümmert. — Justizrat Dr. v. Gordon: Haben Sie selbst etwas davon gewußt, daß sich Graf Lynar solche Verfehlungen hat zu schulden kommen lassen? — Nein. — Justizrat Bernstein: Meinen Sie nicht auch, Herr Major, daß der Graf Moltke etwas davon gehört haben muß, daß der Graf Hohenau ähnlicher Tinge schon lange vorher beschuldigt worden war? — Zeuge: Tas kann ich nicht sagen; mir selbst ist bezüglich des Grafen Hohenau nichts bekannt. Von diesem habe ich auch gerüchtweise nichts verlauten hören.
Meine Herren! Der Major von Hülsen ist heute morgen einigermaßen erregt bei mir gewesen, nachdem er den Bericht im „Berliner Tageblatt" gelesen hat, in dem steht: er hatte zugeben müssen, die Armee hätte davon Kenntnis gehabt. Er hat mir ausdrücklich gesagt: Ich habe nie zuvor über b e n Grafen Hohenau, niemals über den Grafen Lynar sprechen hören. (Lebhaftes Hört! Hört! rechts.) Die Gerüchte — das hat mir Herr von Hülsen gesagt — über den Grafen Moltke sind einmal an mich herangetreien, ehe das Eingreifen Seiner Majestät erfolgte.
Ich habe das auf das bestimmteste zurückgewiesen. Nachdem nun das Eingreifen erfolgt war, sind natürlich auch Gerüchte übet den Grafen Moltke zu mir gedrungen. Es ist also gerade daSGegenteilrichtigvon dem.waS in der Presse jetzt steht, daß der Major von Hülsen zugegeben hätte, die Armee hätte über diese Dinge Kenntnis gehabt. (Lebhaftes Hört! Hört! rechts.) Genau das Gegenteil ist richtig. Daß die Armee in einem großen Teile nichts davon gewußt hat, das habe ich neulich schon belegt, indem ich auf die verschiedensten Persönlichkeiten hingewiesen habe. Ich habe hier zwei Briefe bezw. Karten, ich will sie Ihnen vorlesen, von Männern, en deren Wahrheitsliebe und an deren Charakterfestigkeit auch nicht der geringste Zweifel besteht. Es schreibt mir hier der General der Artillerie von Dulitz, der etwa von 1901 bis 1902 die Adlervilla bewohnt hat: „Sie ist ein ganz solides Haus, daneben liegt diese ominöse Villa. Es war sehr hübsch von Ihnen, diese solide Adlervilla zu
erwähnen. Wenn ich an unsere damaligen Nachbarn denke und an ihr so glückliches Familienleben, das wir täglich vor Augen hatten, so kann ich mir das Vorkommnis gar nicht erklären."
Also, m. H.. ein Mann, der mehrere Jahre neben der Villa Lynar gewohnt hat, haue nicht den Eindruck von ihr, daß sie ein Freudenhaus sei. Er hat bei ihm ein glückliches Familienleben stets beobachtet. Ein anderer Mann, ein Freund von mir, mit dem ich seil meiner Jugend befreundet bin, der lange Zeit in Potsdam gestanden hat, etwa in den Jahren 1894 bis 1902, schreibt mir: „Hohenau war mir ein Freund, mit dem ich während einer gleichzeitigen Negimentsübung vielfach zusammen war. Er schien mir das Muster eines Edel mannes und Offiziers zu sein, der geliebt und hochverehrt war. Dieser Empfindung habe ick oft laut Ausdruck gegeben. Mit Lynar war ich besonders gut bekannt. Es sind auch nie bie leisesten Andeutungen zu mir gedrungen von den ihm jetzt zur Last gelegten Dingen. Wenn man solche Zeugnisse lieft, kann man nicht sagen, daß eine allgemeine Kenntnis im Heere vorhanden ist. Ter Abg. Paasche hat gesagt, hohe Offiziere hätten davon gewußt. Ich mochte den Herrn Abg. Paasche sehr dringend bitten, Namen dieser hohen Offiziere dem Gericht zuzu st eilen und zu nennen. Denn, meine Herren, wir wollen doch ausd em Schmutz heraus. (Stürmisches Bravo! und Sehr richtig! rechts.)
Wir wollen doch diese Angelegenheit a u S der niederen Atmosphäre des Klatsches erheben. (Stürmischer Beifall rechts.) Wir wollen doch endlich Schicht mit der ganzen Geschichte machen. (Stürmischer Beifall.) Der Abg. Paasche hat auch den Grafen Moltke hineingezogen. Ich muß daran festhalten nach meiner Kenntnis der Persönlichkeit, daß diese schmählichen Dinge dem Grafen Moltke nicht bekannt waren. Wenn so etwas geschieht, bann muß dabei bie Disziplin zugrunde gehen. (sehr richtig! rechts. Dr. Paasche ruft: Leider wahr! Gelächter rechts.) Ich bitte Sie, Ihre Mitteilungen dem kommandierenden General des Gardekorps geben zu wollen, damit eine Untersuchung erfolgt, damit derartige bedauerliche schändliche Mißstände abgestellt werden. (Lebhafter Beifall rechts.) Es ist verschiedentlich gesagt worden, es fei bedauerlich, daß der Kriegsmini st er von diesen Dingen keine Mitteilung gehabt habe.
Kein Mensch in der Welt kann es mehr bedauern als ich, daß ich nichts davon gewußt habe. Ter Kriegsminister schlägt erregt auf den Tisch und ruft, seine Stimme noch mehr erhebend: Tenn das versichere ich Sie, hätte ich davon gewußt, bann wären diese Lachen nicht passiert, oder ich stände nicht vor Ihnen! (Stürmischer Beifall.) Wir leben in einer Zeit des Klatsches (allseitige Zustimmung), der von Mund zu Mund getragen, leise weiter schleicht, sich um die Ehre feines Nächsten nicht viel kümmert (Sehr richtig!), aber vielfach nicht hervorzutreten wagt. (Sehr richtig!) Wenn er doch nur an die richtige Schmiede gebracht würde I Daß ich mit dem, was ich über den Klatsch gesagt habe, hier niemand in diesem Hohen Hause gemeint, das ist ganz selbstverständlich. Es ist gewiß Gold, was hier im Reichstage gesprochen wird, aber die Taten stehen höher, und ich möchte doch an jedermann die Mahnung richten, mitzuhelfen, daß wir aus dieser ekelhaften und schmählichen Affäre heraus- kommen I Hew Paasche, tun Sie es weiter! Tun Sie es nicht bloß mit Worten, hier im Reichstag! Tun Sie es durch direkte Anzeige! Ich würde Ihnen dankbar sein, die Armee würde Ihnen dankbar fem._ (Stürmischer Beifall rechts.) Ich kann nur wiederholen: wir mimen dafür sorgen, daß dieser Tratsch ein Ende nimmt, daß mit allen Mitteln Gesundheit ^geschaffen wird, daß, wo ein kranker Teil sich an einem sonst gesunden Körper befindet, er entfernt wird. Meine Herren, hel - f e n eie mit! (Stürmischer Beifall rechts, große Bewegung.)
Präsident Graf Stolberg: Tie Vertagung des Reichstages wird beantragt von den Abgg. von Nor- mann, Bassermann, Dr. Müller-Meiningen, Liebermann von Sonnenberg, Schrader, von Payer, Frhr. von Gamp. Ich bitte, daß bie Herren, welche bie Vertagung beschließen wollen, sich von Ihren Plätzen erheben.
Es erheben sich geschlossen die Parteien des Blocks.
Präsident Graf Stolberg: Das ist die große^Mehrheit. (Große Bewegung: große Unruhe bei Zentrum und Sozialdemokratie.)
Der Präsident erteilt das Wort dem Abg. Dr. Paasche zu einer persönlichen Bemerkung.
Tr. Paasche (natl.): Nur ganz wenige Worte. Ich habe gestern, wie Sie mir zugeben werden, unter vollster Anerkennung der vornehmen Gesinnung des Kriegsministers mein persönliches Bedauern darüber ausgesprochen, daß ihm biejeniaen Dinge, die ich gekannt habe, nicht bekannt gewesen seien und daß er deshalb erklärt habe, die betr. Herren sind nicht schuld. Ich habe mir, weil es nicht meine Gewohnheit ist, bei einer so ernsten Sache wie diese aus dem Stegreif zu sprechen, wörtlich aufgeschrieben, was ich gesagt habe; daraus könnte ich Ihnen noch einmal vorlefen, daß es mir nicht im entferntesten eingefallen ist, dem Kriegsminister, den auch ich zu meinen Freunden gezählt habe, irgendwie zu nahe zu treten. Ich möchte bitten, daß man meine Woret nicht falsch auslegt. Der Reichstag, das ist die Stätte, wo daS Rechtsbewu-ßtsein des Volkes zum Ausdruck gebracht w i rd. (Bewegung.)
Präsident Graf Stolberg: Das geht über den Rahmen einer persönlichen Bemerkung hinaus.
Dr. Paasche (nl.): Das gebe ich zu.
Aus dem Zentrum und au5 den Reihen der Sozialdemokraten rufen 20 Stimmen: zur Geschäftsordnung.
In dem Tumult erteilt der Präsident schließlich dem Abg. Singer das Wort zur Gefchäftsorbnung.
Abg. Singer (Soz.): Ich möchte zunächst auf Grund bet Gefchäftsorbnung konstatieren, daß der Vertagungsbefchluß um desw'llen n i d) t g ü 11 i g ist, nickst gülim fein rann, weil der Herr Präsident nicht die Frage der Unterstützung für den Vertagungsantrag gestellt hat. Ich bitte aber auch, bie Diskussion darüber zu eröffnen. Wir haben den dringenden Wunsch, uns über bie Vertagung zu äußern, damit bie Herren, bie Vertagung beantragt haben, begründen, weshalb sie eS getan haben. (Stürmische Zustimmung beim Antiblock.) Tie Geheimniskrämerei (Lärmender Chor des Antiblocks) — diese Art, wie die Geschäfte betrieben werden, — wie wir nun seit Tagen hier verhandeln — ich. glaube nicht fehlzugehen, wenn ich sage, ein Hauptgrund ist, daß allerlei Geheimnisse betrieben werden, daß hinter den Kulissen gearbeitet wird. (Lärmende Sintimmung deS Antiblocks.) Ta diese Abstimmung nach der Geschäftsordnung nicht als gültig betrachket werden kann, möchte ich den Präsidenten bitten, die Sache gestbäfisordnunasmäsng richtig zu machen, und daß er, nachdem Unterstützung erfolgt fein wird, die Herren auffordert, ihre Gründe a n z u g e b e n.


