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08/01/1907 Erstes Blatt
 
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-rr. 6 Erstes Blatt

137. Jahrgang

Dienstag 8. Januar 1907

8r | Atinl täglich außer EonntagS.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Sietzener Samilltn« blätter viennal in der Woche beigelegt und zweimal wöchentlich dn4 Kreitblati für den Krrl* Siehrn, Fenllprech-'illn- schlußs.d.Redakiion 112 Verlag u. Expedition 61

General-Anzeiger für Obechessen

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BezngSvreiS: monatlich 75 Pt., viertel- jährlich Dtk. 2.20; durch vlbhcle- iu Zweigsiellen monatlich 65 'Bf.; durch diePostMk.?.vier -1- jährl. and chl. Be'kellg. Annahme non Anzeigen für die Tageinummer bis vormittags. 10 Uhr. Zeilenoreis: lokal IbÄf, auswärts 20 Pfennig. Verantwortlich für den polik. und allqern. Teil: P. Witt ko: für .Stadt und Land- und .Gerichtssaal": Ernst

Adresse für Depeschen: voiatronrdruck und Verlag der vrühl'schen Unlv.'vuch- und Stelndruckerel. R. Lange. Redaktlon, Expedition und Druckerei: Zchuistra^e 7. Anzeiger Gieße«. _____ ___

Heß; mr den 0(n- xcinenlcil: Hans Deck

Die Kentige Kummer nmfaßf 10 Seifen.

Äreiflnn und Yiichsregierung.

MansckreibtunS:

Da- LiebeSwerben der Reichsregierung tm die Gunst des Freisinns in seinen beiden Schattierungen hat gerade in den Reihen de- Freisinn- Verwunderung, ja Mißtrauen wachgerufen. Man hat es natürlich ni(f)t vergessen, daß Fürst Pülow bi- vor sehr kurzer Zeit dem Freisinn sehr wenig geneigt war. Ist jetzt plötzlich der Freisinn regierungsfähig, oder die RcichSregierung freisinnig geworden?

Wer de- Fürsten Dülow mitunter nicht ganz offenen Spuren gefolgt ist, der weiß zur Genüge, daß bei dem vierten deutschen Kanzler von Liberalismus nicht die Spur vor- Händen ist. Mag der Fürst sich noch so llberal, noch so freidenkend gerieren, er ist und bleibt konservativ bi - in die Knocken. Seine Politik desgleichen. Freilich ist sein Kabinett nickst au« lauter Neakttonären gebildet, und Graf Posa- dowSky, unser wackerer Sozialpolitiker mit dem warmen Herzen für die arbeitenden Klassen, ist einer der Fremdkörper in diesen, Kabinett. Er ist mit der Vertretung des Reichskanzlers betraut in allen Fragen, die aus die innere Politik bezug haben, aber assimiliert hat er sich dem Fürsten keineswegs^ Auch andere Herren wären noch zu nennen, die nicht so konservativ denken, wie der Kanzler mit seinen angeblichen zwei Seelen, die aber beide Zwillingsgeschwister sein müssen. E- ist jedoch nur ein scheinbar liberaler Einschlag, den die anderen Herrsckmften in das Gewebe der Reick-Spolitik bringen; der Untergrund ist agrar-konservativ seit der Kanzlerschaft de- Fürsten.

Die Zollpolitik des Fürsten Vülow hat auch den ein- grfteisckstcsten Optimismus mit eminenter Deutlichkeit gezeigt, daß am Kanzler nicht« liberale- und am allerwenig­sten etwa - Freisinnige« ist. Zwischen Bülow und Barth welch ein Unterschied! Nun hat der Fürst aber gerade in seinem vielbesprochenen Schreiben an den Generalleutnant v. Liebert ganz besonders betont, daß von einer Aenderung im Lzollpolit. und wirtschaftspolit. KurS überhaupt nicht die Rede sein kann, solange er am Ruder ist. Also die Politik, die unS eine so respektable Teuerung gebracht hat, wird beibehalten, und der Liberalis­mus soll den Kanzler brav darin unterstützen ist da- für da- entgegengcbrachte Wohlwollen nicht ein wenig viel verlangt?

Der Liberalismus, und oor allem die beiden freisinnigen Fraktionen, haben beim Kanzler einen Stein im Brett dadurch, daß sie in der letzten Abstimmung des verstossenen Reick>Stags für die Regierungsvorlage waren, und die freisinnige DolkS- partei hat sogar einen Vermittelungsantrag eingebracht, dessen Annahme der Regierung akzeptabel erschienen war. Das hat den Kanzler von der Partei, deren einstiger Führer auch sein sck»ärfster Gegner in Sack>en der Kolonialpolitik war, am meisten gefteut, und darum sagt er dem Freisinn Komplimente und einige Schmeicheleien. Ernst aber sind diese schönen Worte nicht zu nehmen, denn Versprechungen stecken ganz gewiß Nicht dahinter.

Nun hat die Wiener Preste, die ja zum großen Teil freisinnig ist, wenn auch im österreichischen und nicht im reichs- deutschen Sinn, den Worten des Kanzlers eine ganz merkwürdige Deutung gegeben. M an glaubt in der Kaiserstadt an der Donau nämlich, der deutsche Reichskanzler sei auch in Sachen der inneren Politik ein ausgesucht feiner Diplomat, und imputiert ihm, er wolle durch sein Verhalten gegenüber dem Freisinn diesen nur von einer eventuellen Verbindung mit der Sozialdemokratie zurück­halten und ins Schlepptau der agrarisch reaktionären Parteien bringen. Wenn unser Vertrauen in die Politik des Fürsten Bülow schon nicht besonders groß ist, soweit es sich um die Be» friedigung der Interessen der Nicht-Grundbesitzer handelt, so halten vir Bülow doch für keinen politischen Intriganten dieser Art. Wir trauen ihm ein esolche Diplomatie wider Treu und Glauben picht zu. Und außerdem ist doch bei uns keine Gefahr vor­handen, daß der deutsche Liberalismus mit der Sozialdemokratie ginge. Dr. Barth und die Seinen vielleicht in gewissen Dingen, aber sonst doch wohl niemand.

Nein, so schlimm ist unser Kanzler nicht! Was er wollte, das war vielleicht: den linken Liberalismus durch schmeichelhafte Worte sich ein wenig verbinden, damit fie wacker bei der kommenden Wahl die nationalen Kandidaten unterstützen, auch wenn diese nicht sehr liberal sein sollten. Daß der Kanzler mit dem Freisinn wirklich einmal regieren wollig, das glaubt bei uns kein Mensch; daß er die Freisinnigen an die Junker verkuppeln will, das bringt er nicht fertig, weil der Freisinn sich nicht um der schönen Augen de« Fürsten Bülow willen würde verkuppeln lasten. Da liegt also keine Gefahr.

Immerhin aber muß, wenn der Reichstag wieder zusammen- getreten ist, einige Vorsicht seitens der Liberalen der Regierung gegenüber geübt werden, besonders wenn es sich um Fragen der inneren Politik handelt. Wer weiß, welche Ab­sichten bei der reaktionären Rechten bestehen?

SüdwcstafrikanischeS.

General von Trotha, der frühere Oberkommandiercnde kn Südwestasrika, hat sich in seiner gestern bereits kurz erwähnten Bonner Rede auch mit der Frage der Kolonial» arrnee beschäftigt und als Gegner des Wißrnann'schen Gedan­kens der Errichtung einer kolonialen Landwehr bekannt, lieber das in Sübwestafrika militärisch Gebotene mag General von Trotha allerdings zutreffender urteilen als Herr von Wißmann, aber man gewinnt aus den Darlegungen deS Generals, soweit Berichte vorliegen, nicht den Eindruck, daß die Regierung schon eine Entscheidung getroffen habe über die Organisation der Kolonialtruppe. In Südwestafrika wird dauernd eine die gewöhnliche Schutztruppenstärke übersteigende militärische Besatzung belasten werden müssen, von der das Zentrum bekanntlich wünscht, daß sie auf höchstens 2500 Mann begrenzt werde. Doch diese Formation ist nicht etwa

gleichbedeutend mit der eigentlichen Kolonialtruppe. Unter der letzteren versteht man in militärischen Kreisen einen besonderen, in der Heimat zu stationierenden militärischen Verband, der, auS Freiwilligen zusammengesetzt, eine im Notfall über See eingreifende Kolonialreseroe darstellen soll. Diese Austastung hat wenigstens den Abhandlungen höherer Offiziere in Fachzeitschriften zu gründe gelegen und es ist, um Mißverständnisse zu verineiden, für die Kolonialtrupve die Bezeichnung .AuSlandStruppe" in Vorschlag gebracht worden. Wie daS Zentrum über solche Neusormation urteilt, daS war in der .Germania" zu lesen. Man ist auf jener Seite nicht grundsätzlich Gegner einer .Auslands- truppe", wünscht sie aber im Rahmen der Präsenzstärke derart, daß zwei Reiterregimenter von der Armee abgezweigt und für den Kolonialdienst auSgebildet werden sollen. Einer .Schwächung" der' Armee in diesem Sinne dürste die Re­gierung umsoweniger geneigt sein, als von allen Militär­forderungen die für die Kavallerie in der Regel am wenigsten Gnade finden vor den Augen des Zentrums. ES ist also wohl nach alledem anzunehmen, daß die Regierung mit ihrer Entscheidung über die Organisation der Kolonial- ober Aus­landstruppe zurückhalten wird, bis die Stellung der Mehrheit deS neuen Reichstags zu den Kolonialforderungen ersichtlich ist. Beim gegenwärtigen Wahlkampf erscheint eS angezeigt, über daS Wesen der Kolonialtruppenfrage Klarheit zu schaffen, wenn auch die Erwartung ausgesprochen werden darf, daß daS Streben der Regierung nach Sparsamkeit in der Kolonial­wirtschaft die Entschließung in der Kolonialtruppenfrage be­einflussen wird.

Die .Nordd. Allg. Zig." schreibt:

Ter .Vorwärts" bringt in seiner Nummer vom 6. Januar au« bet .KönigSb. VolkSztg." die angeblich einem Briete eines Beamten in Sübroeftafrifa entnommene tolgenbe Nachricht:Am 2. Dezember wurde in Windhuk bekannt, daß sich 120 Hottentotten ergeben haben. Oberst Deimling hält damit den Feldzug im wesent­lichen für erledigt, denn er bestellte bereits für ben 4. Dezember sein Automobil nach KeetmanShoop, nm ben Kriegsschauplatz zu verlassen. Am 1. Jan. 1907 soll der Krieg alS deftniliv beenbigl erklärt werden." Demgegenüber wird hiermit festgestellt, daß die von dem Oberst Deimling an den Generalstab gerichtete Meldung über die Unterwerfung Jo harnEb^stianS mit berr Stamm der BonbelzwartS, darunter 120 Manner mit 105 Kleinkalibergewehren, am 24. Dezember 4 Ohr nachmittags von KeetmanShoop abging, In Berlin am 25. Dezember um 12V. Uhr vormittags ehitraf und alSbald durch daS Wolfibureau veröffentlicht wurde.

Die .Nordd. Allg. Ztg." schreibt ferner unter dem Titel .Die kolonialen Möglichkeiten":

Alle?, was über die künftige Entwicklung Südwestakrikas Hoffnungsvolles gesagt wird, läßt das Zentnim jetzt in der Ko- lomalbroichure ErzbergerS mit dem Worte: Möglichkeiten abtun. Als die Hollander die Kapkolonie gründeten, handelte eS sich auch nur um eine Möglichkeit: aus dieser Möglichkeit ist aber, nachdem die Engländer sich ihrer angenommen hatten, mit der Zeit ein Besitz geworden. Der Außenhandel pro Jahr mit 700 Millionen Mark verbucht. 220 Millionen Ausgaben und 280 Millionen Ein­nahmen, ungerechnet die Verzinsung und Erhaltung von 4000 Kilo­meter Eisenbahnen. Tie eigentliche Kapkolonie ist genau halb so grob wie Sudwestafrika und beherbergte im Jahre 1904 ca. 400 000 Weiße. In unseren Kolonien sollen nach Erzberqer nur 100 000 Weiße Platz haben; er teilt daS ganze Land einfach in 10 000 Drob- farmen auf und multipliziert mit 10. Dabei wird vergeßen, daß eS doch noch eine erhebliche städtische Bevölkerung geben kann und gibt, daß die Tlinen eine große Anzahl von Menschen be­schästigen, und daß auf einer Kleinsiedelung von 10 Hektaren gerade fo viel weiße Menschen leben, wie auf einer großen Farm von 7000 Hektaren. Das sind Dlöglichkeiten der Entwicklung, aber für die .kolonialen Möglichkeiten" gibt Erzberger nichts mehr. Blicken wir einmal auf die heimischen Verhältnisse: Ter preuß. Staat besitzt für 40 Millionen Mark Mutungen im Rheinlande und bat weitere 60 bis 70 Millionen hineinzustecken, biS die betreffenden Kohlenlager aufgeschloffen sind. WaS steht denn diesen 110 Millionen heute gegenüber noch nach seinen Grundsätzen? Und doch hat der preußische Staat eine sehr nützliche Anlage gemacht, die ihm eine gewisse Unabhängigkeit sichert. Von der Privatwirtschaft ist bei der Kohlenerzeugung in Zukunft gerade so wie in den Kolonien für die Zukunft eine gewisse Unabhängigkeit der deutschen Arbeit und deS deutschen Hanbels vor ben Kombinationen auf bem Weltmärkte zu sichern. Hier wie bort werden Anlagen auf Möglichkeiten hin gemacht: In Preußen auf die durch Untersuchungen gewonnene KenniiuS der Lagerungen und auf die Kenntnis der bei anliegenden privaten Feldern aufgewendeten Kosten; in den Kolonien au PrienS Erfahrungen, die sich aus unserer bisherigen Tätigkeit und auS den Erfolgen anderer Kolonialmächte ergeben. Wenn aber Erzberger nichts von Möglichkeiten wiffen will, so sollte er doch wenigstens Tatfachen nicht verschweigen. ?lber zum Beispiel von dem Farmer Schlettwein, der in kurzer Zeit in der Kolonie durch Viehzucht zu einem wohlhabenden Manne geworden ist, weiß des Sängers Höflichkeit nichts äu vermelden, trotzdem Erzberger in der Budgetkommtssion seinen Ausführungen mit Spannung gelauscht und trotzdem ein Fraktionsgenoffe, Spahn, damals erklärte, die via vox habe heute wiederum einmal ihren Wert bewiesen; bis jetzt habe jede zuverlässige Darlegung über die wirtschaftliche Be­deutung der Kolonien gefehlt. Die heutige Sitzung habe aber dahin klärend gewirkt, daß tatsächlich ein höherer wittschastlicher Wen konstatiert worden sei."

Ein Telegramm auS Windhuk meldet: Reiter Anton A sierta g aus Patrouille bei Tassiefontein gefallen. Gestorben: Gefreiter Gustav Voigt an TyphuS, Reiter Paul Manke an TyphuS und Skorbut. Seit dem 25. Dezember bei Otjea- monciombe vermißt: Gefreiter Roben Trichterborn.______

Apolitische Tagesschau.

Tie Wah avSfichtcn, wie sie sich nach statistischen Berechnungen etwa stellen werden, faßt das für jeden Wähler höchst schätzbare Buch: Hillgers Wegweiser für die ReichstagSwahl wie folgt zu­sammen:

Für die Beurteilung der Wahlaussichten ist von Be-

deutung die Feststellung bc8 sicheren B.sitzstandeS der Parteien. Bei jedem einzelnen Wahlkreis ist darum angegeben, feit wann ihn die letzte Besitzerin innegehabt hat.

Eine Zusammensaffung ergibt folgendes:

ES besitzen Wahlkreise

überhaupt

erstmals

bei

feit 1R71

seit 1890

erobert

SesiionS-

und früher und früher 190208

fchlnß

Zentrum

56

89

8

100

Polen

12

13

9

16

Ellässer

3

8

7

Wellen

2

8

6

Dänen

1

1

1

Sozialdemokraten

-

23

15

79

Nalionalliberate

7

16

1

öl

Freisinn

2

17

4

86

Unabh. Lothringer

2

4

Resorinp. iu Wirtfch. Vgg.

1

11

23

Teulswe Reichspartei

5

8

22

Deutfch-Konferoative

R

28

2

53

Summe

«6

200

48

897

Von den sogenannten sicheren Wahlkreisen, in denen 1903 kein Gegenkandidat deS Gewählten 1000 Stimmen bezw. alle Gegenkandidaten zusammen keine 1000 Stimmen erhielten, besitzt daS Zentrum 17, die Deutsch-Konservativen 2, Unabh. Lothringer 1. 60 Proz. und mehr der 1903 im

ersten Wahlgange abgegebenen Stimmen erhielt das Zentrum in 65 Wahlkreisen, die Polen in 12, Elsässer in 4, Lothringer m 1, Dänen in 1, Konservative in 15, Reichspartei, Deutsch- Soziale, Nationalliberale in je 1, Sozialdemokraten in 15 Wahlkreisen, zusammen 116 Wahlkreise.

Die Nachwahlen 190306 geben naturgemäß keinen Maßstab für die Beurteilung der Wahlaussichten 1907, da Nachwahlen unter ganz anderen Bedingungen ftattfinben, als Hauptwahlen. Die Parteiverschiebung durch die 45 Nach­wahlen ist außerordentlich gering. Die Antisemiten gewannen 3 Sitze (Deutschsoziale 2, Neformpartei 1), die Sozialdemo­kraten verloren 2, die Freisinnige VolkSpartei 1. Immerhin haben 16 von 45 Wahlkreisen ihre Parteivertretung gewechselt, nur hob sich bei den meisten Parteien Gewinn und Verlust auf, denn es gewannen und verloren Nationalliberale 5, Konservative 2, Zentrum, Welfen und Polen je 1 Sitz, die Sozialdemokraten und Freisinnige Volkspartei verloren je 3,

erstere gewannen 1, letztere 2, die Antisemiten Gewinn. Etwas anderes ist das Ergebnis

hatten nur nach dec

Stimmenzahl:

eS gewannen verloren

also

in Tausenden

Konservative

18,1

26,1

13

Anlifemiten und Agrarier

29,8

12,5

4- 17,3

Nationalliberale

49,4

48,4

4- 1

Freisinnige

31,8

20,4

+ 11,4

Zentrum

8,2

47,6

44,4

Polen

83,9

2,2

+ 31,7

Wellen

4

0,6

+ 3,5

Sozialdemokraten

15,6

40,1

24,5

Bürgerliche Parteien

165,2

157,7

+ 7,5

Tie Frage der Erhebung von Schiffahrtsabgaben ist durch die Auflösung des Reichstags in ein ncues Stadium gerückt. Allmählich schien dem nachhaltigen Drängen der vreuß. Regierung alles zu erliegen, Einzelstaaten und Interessenten. Durch den Appell des Fürsten Vülow an das deutsche Volk ist nun mit einem Schlage die Situation verändert. Man kann sich im Reiche nicht vorstellen, daß derselbe Reichskanzler, welcher alle nationalen Kräfte zum Kampfe für Deutschlands weltherrschafrliche Stellung aufruft, der preußischen Regierung gestattet, seine besten Hülfstruppen aus Handel, Industrie und Schiffahrt durch die be­ständige Bedrohung mit Schiffahrtsabgaben u erbittern! Man kann sich auch nicht vorstellen, daß ein Reichstag unter der jetzigen Wahlparole gewählt, die preußische Verwaltung zu ihrer rücksckwittlichen Auffassung vom Verkehrswesen ungestört ließe. Namentlich kommt alles jetzt auf die Wähler an: Regierung und Reichstag müssen erkennen, daß die freien deutschen Ströme keine Abgaben tragen wollen. Es ist sicher jetzt der letzte Augenblick, um von den Schiffahrtsabgaben loszukommen. Das Bewußtsein von dem Emst der Lage unter den Schiffahrtsinteressenten ;u wecken, ist der Zweck einer kleinen BroschürePreußischer Parttkularis- mus" (Ed. Lintz, Düsseldorf, Preis 30 Pfg.), welche derVerein zur Wahrung der Rheinschiffahrtsinteressen" herauSge?eben hat, enthaltend zwei Referate des badischen Landteg?abg. Tr. Binz und deS Vereinsgeschäftsführers Tr. Bartsch. Beide Redner be­handeln von verschiedenen Gesichtspunkten aus die Schiffahrts­abgaben als eine Folge des preußischen Parti kularismuö, der sich entgegen der Haltung bedeutender Bundesstaaten nicht scheut, die Reichsverfassung in einer ihm passenden Weise auszulegen. Preußen, im 19. Jahrhundert der fortgeschrittenste Staat auf wirtschaftlichem Gebiet, benutzt jetzt seine Macht, um den Bundes­staaten seine rückschrittliche Verkehrspolitik aufzuzwingen. In der Tat liegt hierin, in dem Hinwegsetzen über die Reick^verfassimg und in dem Truck auf die Bundesstaaten der Kernpunkt der Schiss- fahrtsabgabenfrage. Und von hier aus muß sie daS Interesse aller derer erwecken, welche die Aufrechterhaltung der Reichs- versassung und die Bekämpfung des preußischen Part-ckularismus für ihre Pflicht halten. An alle diese Leute wendet sich bi«* Bro­schüre, und es sind treffliche und ernste Mahnworte, die sie an die Wähler richtet, die Zeit der Wahl nicht ungenützt vor- übergehen zu lasten, damit möglichst viele Abgeordnete als Gegner der Schiffahrtsabgaben in den Reichstag einziehen, und so das Schlimmste abgewendet wird.__________________________________

Attrche rind Schule.

Zeugnisse für die ForibtldungSschüler. In mehreren Kreisen Hessens ist die Anordnung getroffen worden, daß die ForibtldungSschüler nach Beendtauna ihrer,