Donnerstag 6. Juni 1907
Nr. 130
Zweites Blatt
157. Jahrgang
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Gderhesien
»
Redaktion, Expedition und Lruckereir Schul- ftraße 7. Expedition and Verlag i 61. Redaktion: e^IlL Test-Ad roAn»»ig«« letzen.
Die „Siebener FamNienblätter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Liehen" zweimal wöchentlich. Der „hessische tanbtoirt” erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der vrühlfchen Universität! - Buch- und Vteindruckerei. 9L Bange, »tetzen.
Vorlage — ein weiteres Entgegenkommen der Regierung sei ausgeschlossen — und die Mahnung zur Ruhe und zur sofortigen Wiederaufnahme der Arbeit. Mtt Rücksicht auf die für die Seeleute so wenig günstige Lage hat sich der StrerkauSschuß, der den Namen „VerteidrgungsLmitce" führt, veranlaßt gesehen, nach allen Laien zu telegraphieren und die Ausständigen zur Wiederaufnahme Ler Arbeit aufzufmLern.
Vorläufig hat dieses Einlenken aber kleinen großen Erfolg gehabt und die Geister, die man rief, wird man nun nicht mehr tos. Aus den Laupthafenplätzen Tarn die Antwort zurück, daß' man im Ausstand verharren wolle, bis die Forderung der Seeleute erfüllt sei. Tie in Paris roeifcnbcn Delegierten der Streikenden erhielten sofort die Weisung, die Verhcmdlungen abzubrechen: die Aussichten auf eine Einigung erscheinen daher im Augenblick sehr getrübt. Dazu konrmt noch, daß der Ausstand nach Mgier übergegriffen hat. Die Reeder haben die verschärfte Situation selber veranlaßt, weil sie der Negierung beizulpringen glaubten, in Wirklichkeit aber ihr in den Arm gefallen sind. Infolgedessen begegnen die Seeleute auch in solchen Kreisen großer Sympathien, die ihnen sonst vielleicht nicht zugefallen wären. Wäre die unkluge Laltung der Reeder nicht dazwischen gekommen, die in den Seeleuten die Befürchtung bestärkt hätte, daß sie, wenn sie erst einmal der Regierung entgegengevommen wären, auch später den von der Regierung unterstützten Reedern sich fugen müßten — so wäre auf eine baldige Beilegung des Streiks zu rechnen gewesen, da ja die Regierung grundsätzlich und tatsächlich ihr Entgegenkommen betätigt hatte und der Kernpunkt der Differenzen damit beseitigt war. lieber die Löhe der Pensionen hätte sich sicher reden lassen, und es fehlt in der Teputiertenkammer nicht an einflußreichen Leuten, die es sich angelegen hätte,: sein lassen, die Interessen der Seeleute zu vertreten. Jedenfalls scheinen die Ans- ständigen aber doch diesmal der Not gehorchen und der Klugheit besseren Teil erwählen zu wollen. Trotz der anfänglichen Standhaftigkeit beginnt der Streik abzuflauen, «ehr viel trägt bei den Seeleuten auch die Erwägung bei, daß sie sich in bie äußerste Gefahr bringen, wertvolle Vorrechte für immer zu verlieren und obendrein noch die geplante Erhöhung der Pensionen in Frage zu stellen. Unter solchen Umständen wird man es Der» stündlich finden, wenn dem provokatorischen Auftreten der Streikführer die große Masse der Seeleute auf die Dauer nicht Folge leisten sollte. Die Reeder aber sowohl wie die Regierung sollten sich heute schon gesagt sein lassen, daß selbst bei einem schleunigen Erlöichen des Streiks es sich für die Seeleute nur um einen Aufschub handeln kann.
Der Einzug des neuen Regenten in Braunschweig.
Braunschweig, 6. Juni.
Der Sonderzug mit Herzog Johann Albrecht und Gemahlin traf um 2 Uhr im hiesigen Bahnhof ein. Eine Ehrenkompagnie des braunschw. Infanterie-Regiments hatte Aufstellung genommen. Unter Glockengeläut und dem Jubel der Bevölkerung erfolgte der feierliche Einzug in die Stadt. Der Wagen des Herzogspaars wurde von einer Abteilung des Husaren-Regiments Nr. 17 eskortiert. In den Straßen bildeten Vereine, Schulen und Truppen Spalier. Am Friedrich- Wilhelmsplatze hatten die Spitzen der städtischen Behörden und Ehrenjungfrauen Aufstellung genommen. Oberbürgermeister Netemeyer hielt eine Ansprache, in der er zunächst auf das Vertrauen hinwies, welches die Stadt dem Regenten entgegenbringe. In seiner Regierungsführung in Mecklenburg habe der Herzog erkennen lassen, welch hohes Pflichtgefühl ihn beseele und wie er die Aufgaben eines Herrschers darin erblickt habe, in selbstloser Hingabe, in treuer Pflichterfüllung dem Vaterlande zu dienen. Dabei habe der Herzog aber auch unzweideutig kundgetan, daß ihm auch das Wohl des Reiches am Herzen liege. Die gleichen Gefühle beseelten auch die Einwohner der Stadt, die zwar mit allen Fasern ihres Herzens an ihrer engeren Heimat und ihrer Vaterstadt hängen, darüber die Pflichten bcni Reiche gegenüber aber nicht vcrgessen. Redner schloß mit einem Hoch auf das Regentenpaar.
Der Herzog dankte für die freundlichen Begrüßungsworte und den warmen Empfang in der Residenzstadt, die ihn und seine Gemahlin aufrichtig erfreut hätten. Hierauf bewegte sich der Zug nach dem Schlosse, wo zunächst der Empfang deS gesamten aktiven Hofstaates stattfand. Sodann wurden die Mitglieder des Staatsministeriums zur Vollziehung des Patents über den Regierungsantritt empfangen. Hierauf wurden die Mitglieder des Landtags vom HerzogS- paar begrüßt.
Den Abschluß des heutigen Festtages bildete eine Vorstellung im Hoftheater. Die Stadt ist reich illuminiert.
Die amtlichen „Braunschw. Anzeigen* veröffentlichen das
Regierungsantriltspalent des Herzogs Johann 'Albrecht. Dasselbe Blatt veröffentlicht einen aus Anlaß deS heutigen Regierungsantritts deS Herzogs Johann Albrecht von letzterem bekannt gegebenen Amnestie-Erlaß. Danach wird allen denjenigen Personen, gegen welche bis zum heutigen Tage durch Urteil oder Strafbefehl eines braunschweigischen ZivilgenchtS oder durch Strafverfügung einer braunschweigischen Polizeibehörde oder gemäß § 459 der' Strafprozeßordnung durch eine Strafverfügung der braunschw. Verwaltungsbehörde wegen Uebertretungen auf Haft- oder Geldstrafen oder wegen Vergehen, auf die Freiheitsstrafen von nicht mehr als sechs Wochen ober auch Geldstrafen von nicht mehr als Mk. 150 erkannt worden ist, diese Strafen, soweit noch nicht vollstreckt, und die noch rückständigen Kosten erlaffen werden.
politische Tage-scha«.
Das Urteil im Prozeß Pöplau.
In dem Prozeß gegen den ehemaligen Koloniat- beamten Pöplau ist zum ersten Male der „Arnim-Paragraph" des Strafgesetzbuches zur Anwendung gelangt. Der Angeklagte wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Eine harte Strafe für einen gebildeten Mann, doppelt hart für einen äußerst nervösen Menschen, der sich nach und nach in den Gedanken förmlich verrannt hat, ihm sei von der vorgesetzten Behörde das bitterste Unrecht geschehen. Doch er hat immerhin noch die Hoffnung, daß das Reichsgericht dem Revisionsantrag stattgibt und die Auslegung des Ai> nim-Paragraphen seitens d^s Gerichtshofes nicht als zutreffend ancriennt Was die Handlungsweise des Angeklagten betrifft, so liegt unzweifelhaft auf seiner Seite eine schwere Verletzung des Amtsgeheimnisses vor. Ob der Inhalt der von Pöplau in die Öffentlichkeit gebrachten Urkunden erheblich oder weniger erheblich war, kann bei der Beurteilung der Handlungen nicht ins Gewicht fallen. Jedenfalls war die Veröffentlichung geeignet, besonders durch die sensationelle Weise, die der Abg. Erzberger für die Verwertung des ihm überlassenen Materials wählte,, die Kolonialabteilung und die koloniale Sache überhaupt auf das unangenehmste zu diskreditieren. Gerade die Verbindung mit dem Abg. Erzberger ist, wie aus den Ur- teilsgründen hervorgeht, dem Angeklagten zum Verhängnis geworden. Das Gericht hat angenommen, daß der Angeklagte die Abschriften aus den Akten Kiem und Kannenberg — in dxm letzteren Fall handelt es sich um eine angeblich ungesetzlich erfolgte Pensionierung — dem Abg. Erzberger zugehen ließ, „um an anderen Beamten, von denen er glaubte, daß sie ihm hinderlich wären, Rache zu nehmen". Der Angeklagte hat während des ganzen Prozesses mit größter Entschiedenheit diesen Beweggrund in Abrede gestellt; es sei ihm nur darauf angekommen, das Seinige dazu zu tun, daß im Kolonialdienst begangenes Unrecht nicht ungesühnt bleibe. Es gibt solche Fanatiker des Rechts, die ihre Ueberzeugung bis zum äußersten verfechten auch in Angelegenheiten, die sie selbst nicht angehen. Nur kommt hier in Betracht, daß Pöplau insofern kein unbefangener Freund des Rechts war, als er einen erbitterten Kampf um Ansprüche an die Behörde führte, dieselbe Behörde, die durch die Preisgabe von Urkunden von ihm bloßgestellt wurde. Es hält unter diesen Umständen schwer, den Bruch der Amtsverschwiegenheit auf nichts als ideale und reine Motive zurücrzuführen.
Deutsche» Reich.
Berlin, 5. Juni. Ter Kaiser traf heute im Automobil in Töberitz ein und besichtigte das Garde-Kürassier-Regiment und das 3. Garde-Ulanen-Regiment. An die Besichtigung schloß sich eine Gefechtsaufgabe.
— Tas Abgeordnetenhaus überwies heute den Gesetzentwurf betr. den erweiterten Grunderwerb am Rhein-Weser-Kanal der Budgetkommission und nahm den Antrag betr. Erweiterung des Kaiser-Wilhelm-Kanals in erster und zweiter Lesung an. Alsdann wurde in die Beratung eines Gesetzentwurfes wegen eines Nachtragsetats eingetreten, in welchem ca. 8 Millionen zu außerordentlichen Beihülfen für untere Beamte gefordert werden, und die erste Lesung erledigt.
Oldenburg, 5. Juni. Im 3. oldenburgischen Reichstags- Wahlkreise, in dem infolge der Ernennung seines bisherigen Vertreters B u r l a g e zum Neichsgerichtsral eine Neuwahl zu erfolgen hat, wurde von der Organisation des bürgerlichen Mittel-, standes Psarrer Wöbken als Kandidat ausgestellt.
Trier, 5. Juni. Tem katholischen Dechanten Schleier in Osann, Kreis Wittlich, der in einer Wahlrede den Oberpräsidenten
Ter Streik der Seeleute.
Von unserem Pariser Mitarbeiter.
Wie ein Blitz aus heiterem Limmel ist über die französischen Handelsherren der Streik ihrer Matrosen gekommen. Erst aus den Zeitungen erhielten sie von der Tatsache Kenntnis, und als man sich den Brand betrachtete, da erschien er bereits so groß, daß er wichtige Interessen ernstlich zu gefährden drohte. Und dabei wendete.sich der Streik zunächst garnicht gegen die Arbeitgeber, die Reeder, sondern die Regierung, was in den besonderen Verhältnissen Der französischen Seeleute begründet erscheint.
In Fransireich nämlich kann sich jeder, der das Matrosenoder Fischergewerbe treibt, in die Dienstrolle der Kriegsmarine eintragen lassen. Dadurch stellt er sich dieser vom 18. bis 50. Lebensjahre — abgesehen von der aktiven Dienstzeit — jederzeit zur Verfügung. Außerdem zahlen diese sogenannten „Jnserits maritimes" einen ziemlich beträchtlichen Jahresbeitrag — 5 Proz. ihrer Löhnung — für eine unter staatlicher Aufsicht und Verwaltung stehende Jnvalidenkasse. Für diese Leistungen genießen sie eine Reihe von Vergünstigungen: sie allein dürfen von den Reedern beschäftigt werden; die Fischer unter ihnen sind von der Gewerbesteuer befreit; gegen Krankheit und Unfälle sind sie versichert und nach 25jähr. Dienstzeit haben sie ein Anrecht auf eine Pension von 204 bis 780 Fr. Der Staat leistet seinerseits an die -HZensionskasse einen jährlichen Zuschuß.
Die Streikenden verlangen nun eine erhebliche Aufbesserung der Pensionsbeträge. Dem steht aber die Leistungsfähigkeit der Pensionskasse entgegen. Da der Jahresbeitrag der Jnserits an sich hoch genug ist, so geht die Forderung dahin, daß die Regierung ihre Subvention erheblich vermehren müsse. Dies wird damit begründet, daß die Negierung in Zeiten der Not zu verschiedenen Malen der Kasse Beträge im Gesamtbeträge von gegen 350 Millionen für allgemeine Staatszwecke entnommen habe, ohne jemals au Rückerstattung oder Verzinsung zu denken. Es läßt sich schwer feststellen, wieweft die Jnserits mit diesen Schlußfolgerungen auf rechtlichem Boden stehen. Auf alle Fälle hat der Marineminister einen Gesetzentwurf eingebracht, der eine Erhöhung der Pensionen auf 360 bis 1000 Fr. — je nach dem Dienstalter — in Vorschlag bringt. Demgegenüber hat der Abg. Siegfried eine Erhöhung von 600 bis 1800 Fr. beantragt, und diesem Anträge möchten die Streikenden durch die jetzige „action birecte" zur Annahme verhelfen.
Die Seeleute in Marseille haben die Streikparole ausgegeben, und sie ist mit überraschender Schnelligkeit und Einmütigkeit überall aufgenommen worden. Fast überall haben sich die Schiffsoffiziere ban Ausstand «amgAylofsen, und die Schifiahrtsgesell- schaften haben darauf $um Teil mit der sofortigen Entlassung geantwortet, wodurch ine Sage noch erheblich verschärft worden ist, zumal sich die Matrosen mit den Offizieren solidarisch erklärt haben.
Natürlich bat der Ausstand die gröblichsten Störungen im Gefolge. Die Schiffe können zum größten Teil nicht auslaufen, and die vinkommenden werden meist sofort von der Mannschaft verlassen. Passagier-, Güter- und Postverkehr stocken, und der Lafendienst liegt still.
In Le Havre wurden z. B. 2 Dampfer aufgehalten: 2400 Auswanderer harren hier der Abfahrt. Abgesehen von kleinen Tumulten ist aber noch nirgends die Ruhe gestört worden, sondern die Ausständigen bewahren überall eine anerkennenswerte Besonnenheit.
Dem Drängen der Reeder hat nun die Regierung nachgegeben, Matrosen der Kriegsmarine zur Verfügung gestellt und so für Aufrechterhaltung des Verkehrs nach Möglichkeit zu sorgen gesucht. Auch den Postdienst hat die Kriegsmarine in die Lände genommen ; ebenso sind Marinetransportdampfer für den Passagierverkehr mobil gemacht worden. Jedenfalls hat es augenblicklich den Anschein, als ob es an Arbeitskräften nicht mangelt — wenn man geringfügigere Verkehrsstockungen nicht berücksichtigt. Aber die Reeder haben sich der Regierung gegenüber auch dankbar gezeigt. Als sie merkten, daß sich durch das Eingreifen der Behörden die Lage stark zu Ungunsten der Streikenden verschob, nahmen sie Veranlassung, gegen die Institution der Jnserits überhaupt Sturm zu laufen, um sich von dem Zwange inbezug auf die Rekrutierung ihrer Mannschaften zu befreien. Gelänge es ihnen, in dieser Beziehung eine Bresche in die Organisation der Matrosen zu schießen, so würde^dies für jene eine wirtschaftliche Schädigung bedeuten, gegen die ein etwaiger Erfolg in der Pensionsfrage mir wenig in die Wagschale fallen könnte. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Streikenden allmählich an fang en, Einkehr zu halten.
Tie Ndarinekommission der Deputiertenkammer und der Ma- rineminifter empfingen eine Abordnung der ausständigen Seeleute, die um Abänderung und Erweiterung der Regierungsvorlage ersuchte. Beide Audienzen verliefen aber wenig glücklich für die Streikenden. Der Vorsitzende d.r MarineLommission machte der Abordnung keine Hoffnung, daß das Parlament eine Vorlage aw- nehmen würde, roelcfoe mit größeren Ausgaben als die Regierungsvorlage verbunden wäre, und erklärte rundweg, es sei Pflicht der Regierung, die Scehandelsbeziehungen und den Seeverkehr sicher zu stellen, da deren Aufhören Frankreichs Handel und Industrie der Gnade der auswärtigen Konkurrenten ausliefere. Tas Resultat der Audienz war ein gllattes „Nein" in Sachen der Pensions-
Alerne» Feuilleton.
— D i e „alte Wache" 5 u H a f i e I. Tein bevorstehenden Hoftheater-Neubau in Kassel lallt auch das Auetor mit seinen beiden 1782 errichteten Wachthäuschen zum Opfer. Mit diesen alten Gebäuden ist eine Erinnerung an Heinrich Heine verbunden. In seinem „Klagelied eines altdeutschen Jünglings", der bei Karten- und Würfelspiel um sein Geld gebracht wurde, heißt es nämlich:
Und als sie mich besoffen gemacht Und meine Kleider zerrissen, Da ward ich armer Jüngling Zur Tür hinausgeschmiffen.
Und als ich des Morgens früh erwacht, Wie mund'r ich mich über die Sache! Da saß ich armer Jüngling Zu Kassel auf der Wache.
— Wilhelm Busch und Ern st v. Possart. Ernst v. Possart, der frühere Münchener Hoftheater-Jntendant, hat jüngst zur Nachfeier des 75. Geburtssesles unseres großen Humoristen Wilhelm Busch einen Busch-Abend veranstaltet und dazu den 9)1 elfter eingeladen, der aber in einem humorvollen, liebenswürdigen Gedicht mit einem Lob auf München seiner Gesundheit halber dankend ablehnte, v. Possart, der den Ertrag des Abends für wohltätige Zwecke bestimmte, hat auch des Dichters nicht vergeffen und diesem in origineller Form seine Grüße erwidert. Er tat es, indem er ihm eine Sendung Hoibräuhaus-Bock in Flaschen in seine Heide- Einsamkeit sandte, begleitet von nachstehendem Gedicht, das auf die Zeit anspielt, da Possart in München selbst mit Busch zusammen fröhliche Stunden verbrachte. Die Verse lauten, der „Münch. Allg. Ztg." zufolge:
„Was leg' ich für Dein freundlich warmes Grüßen Dir, weiser Weltentsagender, zu Füßen?
Wär' ich ein Fürst... ? Doch Ehren, Orden, Titel Sind Dir ein überwundenes Kapitel,
Du sitzest in der traulich stillen Klausen —
„Wer einsam ist, hals gut" — froh zu Mechtshausen, Blickst in die sprossende Natur: „Ei, ei,
Der Mai ist da — der liebe, schöne Mai."
Wir feiern, teurer Meister, ihn auch hier, Und Mai-Bock fließt; ich bitte Dich, probier' I Von vielem Schönen, was die Mönchesladt An rühmenswerten Kunstprodukteii hat.
Ist dieser Labetrank für alle Seelen —
Du kennst die Bock-Kur — höchlichst zu empfehlen;
Er macht die wandermüden Füße jung, Er weckt das letzte Glück: Erinnerung!
So hol' aus Deinem Harzer Paradieschen
’n Handvoll selbstgezogener Radieschen, Und kiigeln lustig sie auf Deinem Teller, Dann denk', Du sitzest jetzt im Hofbräukeller.
Ich trink' Dir zu wie Anno daztimal
Und rufe durch den lärmerfüllten Saal:
„He, Bock-Musik, spiel' anf^ Und einen Tusch
Für unfern großen Meister Wilhelm Busch!"
— AusBriefenvonBerlioz. Man weiß, daß zwischen Hektor B e rlio z und Liszt «.ine enge Freundschaft bestand. In der „Neuen Rundschau" (Juniheft) werden nun mehrere Briefe des französischen Meisters an seinen Weimarer Kollegen ver- öfsentlicht. „Unlängst sprach ich," heißt es in einem Briefe, „mit einer für die Größen der Kunst begeisterten Dame viel von Tir. „O, Liszt.'", jagte sie, „ich liebe Liszt dermaßen, daß, wenn ich die Wahl zwischen einer guten italienischen Oper und einer musikalischen Soiree von Liszt hätte, ich mich, glaube ich, ohne Zögern für Liszt entschiede." TaS erinnert mich an eine Pariser Posse, darin Bouffe die Rolle eines zum Tode verurteilten Buckligen spielte, dem inan Der seiner Hinrichtung die Erfüllung der von ihm zu äußernden Wünsche zusagte. „Geben Sie mir eine Melone", bat Pep Leihe bucklige Mann, — „Aber, es gibt jq
im Winter feine Melonen." — „Es gibt feine Melonen? Nun gut, so bringen Sie mir Walter Scott! Ja, wirklich, reiflich erwogen ist mir Walter Scott lieber!" In einem anderen Briefe erkundigt sich Berlioz nach Liszt Töchtern. Eine ist bekanntlich an den früheren Minister Lllivier verheiratet worden, die andere ist Richard Wagners Witwe. „Ich wüßte gern," schreibt Berlioz, „ob Tu Deine Töchter bei Tir in Weimar hast. Alle beide sind nach jeder Richtung hin reich begabt. Ich kenne sie erst seit einem Jahre. Vor einigen Wochen brachte ich mit der älteren und ihrem Gatten einen Abend bei Wagner zu. Madame Ollivier spricht von ihrem Vater stets mit einer zärtlichen Bewunderung, die alle entzückt, die Zeugen dessen sind. Ihre Schwester habe ich nicht so oft gesehen; doch scheint sie mir eine Persönlichkeit von seltener Vornehmheit, und ihre Verehrung für Dich offenbart sich in jedem -ihrer Worte."
— Vier Millionen für eine Kunstsammlung. Wieder nimmt, wie der „Frs. Ztg." aus Newyork gemeldet wird, eine große europ. Kunstsammlung ihren Weg über den Ozean. Pier- pont Morgan, der schon so viele Kunstschätze nach Amerika entführte^ hat jetzt die Höntschel-Sammlung von Bildl^ruerarbeiten, Schnitzereien und Möbel, die als eine der interessantesten kunstgewerb^ lichen Sammlungen der Welt gilt, für eine Million Dollar er-, worben. Obwohl die Ausfuhr von Kunstioerken aus Frankreich nicht wie in Italien verboten ist, wurden die Verhandlungen doch völlig geheimgehalten, da man eine Intervention der französischen Regierung befürchtete; jetzt ist aber bereits die letzte Sendung der kostbaren Werke auf dem Wege nach den Vereinigten Staaten. Ncorgan will einen großen Teil dem „Metropolitan Museum of Art" überweisen, das dadurch eine außerordentliche Bereicherung erfahren wird. Tie Sammlung ist von größtem hiswrischen Werte.
Shanghai, 3. Juni. Im Beisein von den Konsulatsver- tretem, den Proiessoren Dubois, Raymond und Schindler eröffnete Sanitätsrat Plautun die Vorschule der deutsch- chinesischen M e d i z i n s ch u l e. Tie Schule zahlt swanzig chinesische Schüler.


