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Nr. 54
Sftcheinl tvgNch mÜ Äuenafrnt he8 SonntagL.
Die „Sletzever FamillnldlLUer" werden dem Anzeiger^ viermal wöchenlllch beigelegt, das ^Kretsblatt für den Kreta Stehen" zweimal wöchcuMch. Der „tzelflfche Landwirt" er^chemt monatlich einmal.
157. Jahrgang
DienStag, 6. März FJO7
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General-Anzeiger für Cberheffen
Rotationsdruck und Verlag der vrübNchm UnwerstiätS - Buch- und Kkeindruckeret.
ÖL Lange, Dieben.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^g*? 6L Redaltiome^llü. Tel.-Ädr^ Anzeig erDießen,
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht geftatteL
Deutscher Reichstag.
9. Sitznngvom 4. März. 2 Uhr.
Sm Tische dcS DundeSratS: v. Löbell, Graf Posada w S ly , Frhr. v. Stengel, Är aetke, De rnburg u. a.
Direktor der Reichskanzlei v. Löbell:
ES ist eine persönliche Angelegenheit, die mich veranlaßt hat, deute daS Wort zu einer Richtigstellung zu erbitten. Der „Bayrische fluriet" vom 3. d. M. schreibt unter der Spitzmarke -Eine prächtige Antwort-: .Eine prächtig« Antwort hat der Zentrums! uh re r Spahn einem hohen Herrn aus Regierungskrisen gegeben. Uns wird nämlich von einem Abgeordneten folgendes mitgeteilt: .Eine hohe Persönlichkeit aus der Umgebung vom Fürsten Bulow (Herr v Löbell'N trat vor der Präsidentenwahl an den Abgeordneten Spahn heran, in der Absicht, ihn zu sprechen. Herr Spahn be- deutete dem Herrn, er sei in Rufunft für ihn nur noch vor Zeugen zu sprechen. Daraufhin entfernte sich dieser Herr. So ist tS recht, und so muß e- bleiben/
Ich künstatiere, daß diese Darstellung, soweit sie meine Person anbetrifft,
mm A bi» Z erfunden ist (Hört! Hört!), und überlasse Herrn Spahn die Richtigstellung, die er für angemessen erachtet, muh aber doch erklären, daß es eine eigentümliche KampfeSweise des .Bayrischen Kuriers- ist, anscheinend auf eine unverbürgt« Erzählung hin den Namen eines Beamten auf die Weise blohzustellcn und zwar, toie ich oachgewresen habe, durchaus falscherrnahcn.
Der Abgeordnete Erzberger hat in meiner Abwesenheit in einer persönlichen Bemerkung folgende» erklärt: .Herr Goth«in hat mir den Vorwurf gemacht, ich Haide eine Ncbenregierung begründet, ich hätte einen Druck auf die Regierung außgeübt. DaS bal er näher bargelegt. Ich nehme xn seiner Entschuldigung an, daß er sich auf öle Notiz der .Norddeutschen Allgemeinen Kettung- und auf die darin wicdergegebene durchaus unwahre Aktennotiz des Chefs der Reichskanzlei stützt. ES sind dieser Quell« schon vielfach Unrichtigkeiten nnchgelvicsen worden. Die Niederschrift entspricht nicht der Wahrheit: e5 handelt sich habet auch nicht um offizielles Aktenmaterial, sondern um eine einseitige Niederschrift, um eine einseitige Notiz deS Chefs der Reichskanzlei.-
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß Herr Erzberger <nrf die Verhandlungen mit mir hier zurückkommen würde. Für die Form, in der er eS getan hat, überlaste ich chm die Verantwortung und dem Reichstage daS Urteil, nachdem er meine heutigen Ausführungen gehört haben wird, Ich bin leider trotz der Geschäftslage Oes HauscS genötigt, auf die Angelegenheit in einer Art einzugehen, die über den Nahmen einer persönlichen Bemerkung hinauSgeh^
Wenn Herr Erzberger die Richtigkeit meiner Registraturnotiz «mzuzweiseln glaubt, so stützt er sich anscheinend auf das neulich hier gefallene Wort: Propria scripta non docent Ich habe Herrn Erzberger, der mir damals persönlich noch kaum bekannt war, in meiner amtlichen Eigenschaft empfangen. Er hat mir amtlich eine Angelegenheit mitgetcilt und mein« amtliche Mitwirkung in her Sache nachgesucht. Ich war also nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, den Inhalt der Unterredung niederzuschreiben und ihn zur Kenntnis derjenigen Deamlen zu bringen, die in erster Linie an der Sache beteiligt waren. Ich mußte dies um so mehr tun, als der Vorschlag, der mir durch Herrn Erzberger gemacht wurde, ein ganz ungewöhnlicher und für mich überraschender war. Er hat mir, um dies von vornherein hier feftzustellen, mit* «teilt, Herr Pöplau habe noch aktenmäßiges Material hinter sich, besten Bekanntgabe die Kolonialverwaltung aufs schwerste körn- Promittieren müßte; er sei bereit, diese» Aktenmaterial heraus^u- geben, wenn diejenige schwebende TiSziplinaruntersuchung, bei der tn den nächsten Tagen der Schlußtermin anstände, aufgehoben würde. (Hört! Hörti) Ich habe dieses Ansuchen sofort mit Entschiedenheit zurückgewiesen, und Herr Erzberger hat mir darauf selbst erklärt, daß er diese Zurückweisung von mir erwartet hätte. Sie werden mit zugeben, daß eine solche ungewöhnliche Unterhaltung von mir auch aktenmäßig festgelegt werden mußte. Ich Hobe unmittelbar nach der Unterhaltung ihren Inhalt, wie er mir im Gedächtnis war, niedergeschrieben; ich habe eine Abschrift dieser Niederschrift machen lasten, und diese Abschrift dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, dem damaligen Kolonialdirektor, und dem Legationsrat Prof. Helfferich mitgeteilt Herr Helfferich, der vor 14 Tagen hier in Berlin war, hat eS mir bestätigt, daß ich ihm Iehr bald nach der Unterredung diese Abschrift gezeigt habe und ihm •en Gang der Unterredung so dargestellt habe, wie er aktenmäßig webergelegt ist. Nachdem ich den beteiligten Herren diese Mit- teilung gemacht hatte, habe ich am 28. September 1905 diese Registratur zur Dstervation genommen, um den vertraulichen Charakter zu Ivahren, und aus Rücksicht auf Herrn Erzberger sie noch unter besonderen Verschluß genommen. Aus diesem besonderen Verschluß ist sie erst nach Jahresfrist herauSgekommen, nachdem die Angelegenheit wider Erwarten in der Zeitung zur Sprache gebracht war. Ich habe die Art meines Verfahrens gegenüber Herrn Erz- berger für richtig gehalten, weil er persönlich zu mir gekommen ist, schließlich auch in vertraulicher Form nur seine Mitteilungen gemacht hat und ich endlich ja gar keine Veranlassung hatte, Herrn Eiberger durch die Bekanntgabe dieser Unterredung irgend welche Schwierigkeiten zu Bereiten. Ich würde auch jetzt die Angelegenheit nicht zur Sprache gebracht haben, und der vertrauliche Charakter der Untcrrehung wurde überhaupt gewahrt geblieben fein, wenn ich wajt zu meiner Uebcrrafdjung im .Lokal-Anzeiger- vom 14. November 1906 jene Notiz gelesen hätte, worin £>crr Erzberger gegen m ef) den Vorwurf erhebt, er habe vergebens mit dem Chef bet Reichskanzlei verhandelt, um di« in der Kolonialverwaltung bestehenden Mißstände auf andere Weise zu beseitigen. Da ich mit Herrn Erzbergcr nur die eine Unterhaltung in Betreff des Pöplau gehabt habe, so mußte mich diese Notiz sehr überraschen und befremden. Ich habe es mir überlegt, ob ich vielleicht damals schon verpflichtet war, eine öffentliche Richtigstellung zu wählen. Ich habe sie nicht gewählt, sondern habe Herrn Erzberger gebeten, zu mir zu kommen. Er ist bei mir gewesen, und ich habe ihn gefragt, wie er den Vorwurf, er habe mit mir vergebens über die Beseiti- ßung kolonialer Mißstände verhandelt, aufrechterhalten könnt«. Herr Erzberger hat mir dann bestätigt, daß er nur einmal in Sachen des Pöplau mit mir gesprochen habe, daß ich den Vorschlag zurückgewiesen, und daß er selbst diese Zurückweisung als berechtigt anerkannt habe. Er sagte, daß ein Vorwurf gegen mich nicht gerechtfertigt sei und versprach, dte Partie im Reichstage klarzustellen.
Ich habe mich damit beruhigt und habe den Fall für erledigt angesehen. Sie werden mit zugeben, daß das äußerst entgegen» tauunenb und loyal gewesen ist. (Sehr richtig!) Nachdem ich
öffentlich angegriffen war, habe ich nicht ein« öffentliche Rechtfertigung vorgenommen, sondern habe mich begnügt, den De- teifigten zu mir zu bitten und mir von ihm die Richtigkeit meiner Auffassung bestätigen zu lasten. Nach diesem Vorgang konnte ich nicht erwarten und mußte allerdings im höchsten Grade über» rascht fein, als ich bei Gelegenheit der Verhandlung beS ©traf» Prozesses Pöplau die Aussage des Herrn Abg. Erzberger vor Gericht laS. (Herr v. Löbell verliest die bekannte Aussage Erzbergers unter verschiedenen Hört! Hört laufen.) Sie werden mir zu- geben, meine Herren, daß eine derartige Darstellung, die mit der meinigen so in Widerspruch stand, mir die Pflicht auferlegte, nun» mehr zur Wahrung meiner angegriffenen Ehre mit dem einzigen Mittel herauSzurücken, daS ich hatte, mit der Veröffentlichung jener damaligen Aktennottz,, die die Verhandlung darstellte. (Lebhaftes Sehr richtig!) I ch h a l i e d i es e A ft en n ot ,z im boll ft en Umfangt aufredjt. (Erzberger ruft: Und ich bestreite siel Große Unruhe, Gelächter.) Ich halte diese Akten» notiz im vollstem Umfange aufrecht und weise den unerhörten Vorwurf, den Sie, (zu Erzberger) hier am Sonnabend gemacht haben und den Sie, wie ich sehe, heute wiederholen, mit der allergrößten Entschiedenheit zurück. (Lebhafter Beifall.)
Der Abg. Erzberger hat in der Berichtigung, dte er auf die Publikation folgen ließ, nur Kvei Punkte, die die Glaubwürdigkeit dieser Registraturnotiz anzweifeln sollen, besttitten. Er sagt: .Es ist unrichtig, daß ich in der Unterredung vom 26. September 1005 — nicht 1906, wie Sie schreiben — gesagt habe, daß das Zentrum überhaupt nicht mehr geneigt fei, fiolonialforberungen zu bewilligen. DaS habe ich nicht gesagt und konnte ich nicht sagen, da ich zu keinem ZentrumSabgeordneten über diese Angelegenheit zuvor gesprochen habe. .Der Herr Abg. Erzberger hat mir damals gesagt: „DaS Aktemnaterial ist so kompromittierend, daß, wenn eS veröfftntlicht wird, die ZentrumSsraktton nickt in der Lage sein kann. Kolonialforderungen zu bewilligen.- (Lebhaftes Hört! Hott!) Er bat mir daS selbstverständlich nicht als einen Beschluß feiner Fraktion mitgeteilt — so habe ich eS auch nie aufgefaßt — er hat eS mit als feine Auftastung mitgeteilt. Diese Erklärung der Registratur halte ich vollkommen aufrecht. Dann sagt der Abg. Erzberger: „ES ist falsch, daß ich gesagt habe Pöplau wolle sein Material veröftentlichen. Ich erkläre vielmehr, daß dieses Material im Reichstag veröffentlicht wird, wenn nicht fofott eine Untersuchung der Mißstände eintritt. Selbst wenn diese Auffastung deS Herrn Erzberger richtig wäre, so würde damit die Unrichtigkeit der Registraturnotiz meines Erachtens in feiner Weise nachgewiesen sein. Selbstverständlich lag auch eine Veröffentlichung deS Materials ebenso darin, wenn Sie das Material hier öffentlich im Reichstage zur Sprache brachten. (Lebhaftes Sehr richtig!) Ob die Veröffentlichung in der Preste oder in irgend einer Versammlung oder im Reichstag geschieht, spielt dabei keine Rolle. Im übrigen aber — und daS ist der springende Punkt — hat der Abg. Erzberger in . keiner seiner ZeitungSerklärungen, die er jener Veröffentlichung in der „Nordd. Allg. Zeitung- folgen ließ, die Richtigkeit der allein entscheiden- ben Tatsache bestritten, die in der Registtatur enthalten war, daß et mir mitgeteilt habe, Pöplau sri bereit, das Material, daS er hinter sich habe, herauSzugeben, wenn die Untersuchung gegen ihn eingestellt würde. (Hort! Hott! E r z b « r g e r ruft: -Nein, zur Untersuchung!) DaS ist der springe ndePunkt. Und aus diesem seinem Vorschläge glaubt er, die Berechtigung zu haben, mir den Vorwurf machen zu können, ich hätte es abgelehnt, an der Beseitigung kolonialer Mißstände mitzuwirken. (Lebhafter Hott! Hört!) Meine Herten, er bat daS getan, trotz der Aussprache, die wir am 29. November 1906 gehabt haben, er hat seine Behauptung wiederholt. (Erzberger ruft: .Ich tue eS noch einmal!*) Ich nehme nicht an, daß Sie noch bereit sind, Herr Erzberger, zu befreiten, daß unsere Unterredung so gewesen ist, wie ich es eben bargelegt habe. (Erzberger ruft: .DaS be» frreite ick jetzt noch!* Große Unruhe, Rufe: Unerhött! Unverschämt!)
Sie bei freiten daS auch fetzt noch? Darm will ich Ihnen einen Zeugen nennen, den auch Sie vielle'ckt anerkennen werden, daS ist nämlich der Herr Abg. Erzberger selbst. Herr Erzberger hat am 10. Juli 1906 vorgelesen, genehmigt, unterschrieben und vereidigt: .Tie Hauptsache bei dem ersten Besuch deS Pövlau war, daß et mich bat, zum Thef der Reichskanzlei, Herrn v. Löbell, zu gehen, um zu versuchen, ob nicht die betreffende Angelegenheit auf andere Weise als durch ein Disziplinarverfahren beendet werden könne. (Hört! Hört!) Ich bin bei Herrn v. Löbell gewesen, obwohl ich mir, wie auch Herr v. Löbell sagte, der AnS« stchtslosigkeit dieses Schrittes bewußt war. (Erneutes Hörtl Hott!) Dementsprechend ist bann auch bie Sach« berlaufen.* (Bewegung.) Tas habe ich hier in meinen Akten. DaS ftimmt sachlich vollständig mit meiner Darstellung überein. (Lebhaftes Seht richtig!) Ich finde allerdings keine Ucbereinffimmung dieser Aussage mit Ihrer Aussage vom 15. Februar 1907, bie ich vorhin verlesen habe.
Ich kann jetzt, meine Herren, Ihnen ruhig daS Urteil über» lassen. ES wird nur darauf ankommen, wem Sie in der Sache mehr Glauben schenken wollen. Die aktenmäßige Notiz vom 26. September 1905 und dem
beeidigten Herrn Erzberger
vom 10. Juli 1906 ober dem unvereidigten Herrn Erz» berget pom 15. Februar 1907. Der Chef der Reichskanzlei bekräftigt iebe dieser Gegenüberstellungen mit einem Schlag auf5 Pult. (Stürmischer Deifäll; große Bewegung auch im Zentrum. Der Zentrumsabgeorbnete Kohl tritt zu Erzberger und wechfett mit ihm einige heftige Worte.)
Abg. vehrenS (christl.-sozial):
Wenn die Niederlage der Sozialdemokratie bei diesen Wahlen zvr Folg« haben soll, daß die Arbeiterschaft größeres Vertrauen zur Regieruna faßt, so ist vor allem eine größere Sicherung der Koalitionsfreiheit notroenbig. Der Terrorismus bet Sozialdemokratie muß natürlich verurteilt werden. Aber eS darf nicht verschwiegen werden, daß auch andere Kreise Terrorismus treiben, daß manche nicht sozial denkende Arbeitgeber ihren organisierten Arbeitnehmern gegenüber eine wahre Gewaltherrschaft ausüben. DaS vor allem nottut, ist ein Ausbau des Systems der Tarifverträge. Ferner mühten die christlichen Arbeiter-Organisationen mehr Bewegungsfreiheit bekommen. Wenn dies geschieht, können sie auch den Sozialdemokraten bester gegenübertreten. Nicht zu leugnen ist eS, daß bei diesen Wahlen eine nicht zu billigende konfeffionclle Verhetzung getrieben ist. Diese Verhetzung richtet sich sogar gegen die Thristlichsozialen; man versuchte, einen Keil in die christlichen Arbeiter-Vereine zu treiben. Natürlich würde dies nut den Sozialdemokraten zugute kommen. Diese Verhetzung ist wiederholt in Flugblättern von nationaliibcraler Sette erfolgt, bie Nationallibe«
talen haben also keine Ursache, sich über konfesiionelle Verhetzung seitens der Ultramontancn zu beklagen. Herr Bastermann bat in feiner Etatrebe die christlichsoziale Arbetterbewegung gelobt. Das hätte et nur vor den Wahlen tun sollen. Aber da tat er es nicht» auf unsere Anfrage, doch auch einige Arbeiter aufzustellen, bekamen wir nicht mal eine Antwort. Die NationaUiberalen können na nächsten Jahre dieses wieder gut machen und einige Arbetter in Den preußischen Landtag senden.
Abg. Graf MiclzynSki (Pole) polemisiett gegen den Abg. Winkler. Herr Winkler hat den Ton, den der Reichskanzler gegen unS eingeschlagen hat, noch verwarft. Er hat gegen uns die ollen Kamellen vorgebracht, als ob wir wahrenv der russischen Revolution die Anarchie gepredigt und gesordett hätten. Hierdurch hgt er nur seine grenzenlose Unwissenheit doku- mentierf. Umgekehrt: gerade bie Polen haben erst Ordnung in die russische Wirtschaft gebracht. Daß der Abg. Wmkler ^mpatbtc für die russische Bureaukratie hat, wundert mich nicht: da- macht die Affinität der Seelen, die jahrhundcrtalte Affinität der Gefühle. Wenn der Abg. Wintter solche Ausführungen gegen die Polen macht, so könnte man im Auslände fast annchmen, bu preußisck)« Regierung wünsche die Revolution in Rußland, um m Prcuhisch-Polen nach Herzenslust auftreten zu können. . . (Glocke deS Vizepräsidenten.)
Vizepräsident Dt. Paasch«:
Herr Abgeordneter, Sie dürfen auch nicht bedingungsweise sagen, daß die preußische Regierung die Revolution in einem Lachbarreiche wünsche.
Graf MielzynSkl (fortfahrend):
Das habe ich auch nicht getan. Graf PosadowSkh hat versucht, hier die Polenpolitik der preußischen Regierung zu verteidigen Ich glaube, er hat sich selber geschämt, daß er daS tun mufete. (Wu fall bei den Polen.) Dir oerlangen jedenfalls, daß die Polenangelegenheiten hier zur Sprache gebracht werden. Was drei Millionen Reichsangehörige angeht, daS geht auch den Reichvlag an. ES geht den Reichstag an, daß die preußische Regierung durch ihr famoses Ansiedelungsgesetz Verfastungsbruch treibt . , » (Glock« des Vizepräsidenten.)
Vizepräsident Dr. P-afche:
Sie dürfen der Regierung be$ größten deutschen Bundesstaat» nicht Verfastungsbruch vorwerfen. Ich rufe Sie z u r O r d n u: v g,
Graf MielzhnSki (fortfahrend):
Und jetzt kommt noch ein Expropriationsgesstzk ES ist jo zweifellos, daß es im preußischen Abgeordnetenhause, dem gegen die Polen jedes Mittel recht ist, angenommen wird. DaS Recht des persönlichen Eigentums findet so in Preußen leine Statte mehr. Ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung. Wte steht es da bei unS? Sehen Sie sich nur unsere Polizei, sehen Sie sich nur unsere Gerichte an! Die Versammlungen werden aufgelöst, die Redakteure werden eingesperrt 1 Unsere Kinder werden geschlagen, mißhandelt, bis aufs Blut gepeinigt, AIS der Abg. Kor- fanch solche Fälle, wo Kinder in brutalster Weise geprügelt, ihr« Schädel mit Fäusten bearbeitet wurden, im preußischen Abgeordnetenhause vorbrachte, da riefen konservative und nationalliberale Abgeordnete ,Bravol" (Pfui! bei den Polen.) Der Abg. Liebermann hat uns vorgeworfen, waS wir alles bet deutschen Kultur zu verdanken hätten. Wir Polen wisten das, wir achten und schätzen die deutsche Kultur, wir studieren liebevoll bie deutschen Klassiker und Philosophen. Nur die preußische „Shiltur*, die sckätzen. wir allerdings nicht. Fragen Sie aber bei den geistigen Führern der deutschen Nation an, tote bie über Preußen und wie die über Polen backten! Lessing sprach von dem ftischen Hauch, der aus der Republik Polen nach Preußen heruberwehte. (Lacken bei de» Soz.) Jetzt soll fa eine neue liberale Aera in Deutsckland an* brechen. Wenn ich von der ^konservativ-liberalen Paarung- höre, muß ich immer an ein Theaterstück denken, da? jetzt in Berlin Furore macht; e? heißt „Haben Sie nichts zu verzollen?- Ta kommt ein junges Ehepaar drin vor, das in einem Coupe auf der Hoch< zcitsreise gerade zärtlich werden will, al3 die Coupetür sick öffnet und ein Zollbeamter hineinschreit: „Haben Sie nichts zu vev- zollen?- Ter so au8 seinen süßen Gefühlen aufgescheuckte Ehemann bekommt einen Nervenchoc, immer wenn er einmal feinen ehelichen Pflichten nachkommen will, hört et das fatale „Haben Sie nichts zu verzollen?- Und so dürste eS auch der konservativ« liberalen Paarung gehen. Auch in diese Ehe dringt der Zollbeamte, bringt die Zollpolitik als Störensried ein. Und wenn die Liberalen einmal etwas zärtlich mit den Konservativen werde« wollen, werden sie Wohl auch stets Horen: „Haben Sie nichts zu verzollen?- (Heiterkeit.) Und an diesem Zollhindernrs durfte die ganze ersehnte liberal« Epoche scheitern. Wir Polen können kein Vertrauen zu einer Regierung haben, die un5 am liebsten herauswerfen möchte. Vom Reichstag aber erwarten toit, daß er tn feiner großen Mehrheit Verständnis für, unsere nationalen Gefühle haben und unsere Rechte wahren wirb. (Beifall bei ben Polen.)
Staatssekretär Graf v. Posadowßky:
Anknupfend an eine Bemerkung aus der Etatsberatung gestatte ich mir, auf einige sehr nüchterne, für unser wlttscharruckeS Leben aber sehr wichtige Fragen zurückzulommen, bie der Gegenstand ernster Erörterung in der Presie und in öffenthaien Versammlungen gewesen sind. Es ist die Frage angeregt worden, welche Maßregeln von der Reichsregierung gegenüber der Hohe d e S Diskontsatzes zu treffen sind, der schwer auf unserem wnst. schaftlicken Leben lastet. Ti« Angriff«, bie man in biefer Beziehung gegen bie Reicksbankleitung gerichtet hat, scheinen mir von bet irrtümlichen Auftastung auszuaehen, baß bie große Reichsbank tn bet Lage wäre, den Zinsfuß, wte er sich im wirtschaftlichen Leben aus ganz anderen Faktoren entwickelt, ibrerseils günstig zu bcemsiusten. Tie Erhöhung beS Zinsfußes ist bie Folge einer Entwicklung der verschiedensten wirtsckaftlichen Verhältniste. Wollt« die Reichsbank den Zinsfuß heraufsetzen, wenn er in freiem Verkehr niedrig ist, so werden wahrscheinlich die Geschäfte der Reichsbank aufhoren, und jeder Kreditsuchcnde wird sich dem freien Verkehr zuwcnden. Wollte die Reicksbank den Zinsfuß in ihrem Diskont niedrig halten, obgleich er tm freien Verkehr höher ist, dann würbe die einfache Konsequenz sein, daß jeder seinen Bedarf bei der ReichSbank decken würde, daß ein ungeheurer Bettag ungedeckter Noten entstehen und daß hierdurch bie Grundlagen der Reichsbank und unserer totttschaftlickjen Verhältnisse erschüttert würden.


